"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 2. Juni 2014

Vampire in Amerika (VIII): "Deathmaster"

Wenigstens einmal möchte ich eine Serie zu ihrem angekündigten Abschluss bringen, und so liefere ich jetzt meinen achten und letzten Blogeintrag zum amerikanischen Vampirfilm der 70er Jahre nach.


Gerüchte über einen dritten Count Yorga - Film wollten nie ganz verstummen, und Robert Quarry wäre vermutlich nur zu gerne bereit gewesen, noch einmal in die Rolle des sarkastischen Vampirfürsten zu schlüpfen. In späteren Jahren entwickelte er sogar ein eigenes Storykonzept für den dritten Auftritt des bulgarischen Blutsaugers. Leider wurde nie etwas aus diesem Projekt. Nach dem Tod von Autor-Regisseur Bob Kelljan im Jahre 1982 gingen die Rechte an der Figur auf Michael Macready über, und der ehemalige Produzent der alten Yorga - Flicks wollte bei einem möglichen dritten Teil unbedingt selbst die Regie übernehmen. Das wiederum kam für Quarry nicht in Frage, und so kam es denn nie zu einer erneuten Auferstehung des untoten Grafen.

Manche freilich sehen in dem 1972 in die Kinos gelangten Deathmaster eine Art inoffiziellen dritten Teil der Vampirsaga. Ein Eindruck, der seinerzeit noch dadurch verstärkt wurde, dass AIP The Return of Count Yorga mit dem verwirrenden Slogan beworben hatte: "The Death Master Is Back From Beyond the Grave!" Tatsächlich allerdings hat der Film nichts mit dem guten Grafen zu tun, auch wenn Robert Quarry hier zum dritten und letzten Mal einen untoten Blutsauger verkörperte.
Die Idee zu dem Streifen, der unter der Regie des bis dahin nur als Schauspieler aktiven Ray Danton gedreht wurde, stammte von Quarry selbst
I had an idea – this was before I was under contract with AIP. This was at the time of the Manson murders, so I thought, just make Charles Manson a vampire – that’s logical. I went away for a weekend, and a friend of mine came in as co-producer on the film. He hired a friend of his to write the movie. Apparently, he gave him just enough drinking money to keep him blotto the entire time he wrote the script. So when I came back, here I was stuck with this terrible script. Then AIP bought that too, but they [Yorga and the Deathmaster] were really two different kinds of people.
Quarry mag von einem "fürchterlichen Script" sprechen, doch in meinen Augen ist dieser eigentümliche Count Yorga - Charles Manson - Mix allemal einen Besuch wert.



Als einen ernstzunehmenden Kommentar zur blutigen Geschichte der Manson-Family kann man Deathmaster natürlich nicht bezeichnen. Ebensowenig als eine intelligente Auseinandersetzung mit der Sackgasse, in der die Hippie-Bewegung tragischerweise enden sollte. Aber das wäre von einem hastig produzierten Horror-B-Movie wohl auch etwas zuviel verlangt. Deathmaster ist nicht Alice's Restaurant oder Fear and Loathing in Las Vegas. Er ist einfach ein recht unterhaltsamer Vampirflick in neckischem Sixties-Ambiente. Und auch wenn vieles davon etwas lächerlich wirkt, und abgesehen von Robert Quarry die schauspielerischen Leistungen eher mittelmäßig {aber nicht fürchterlich} zu nennen sind, hat der Streifen doch seine Momente und enthält meiner Meinung nach sogar das eine oder andere gar nicht unintelligente Element.

Über den Plot braucht man nicht viele Worte zu verlieren: Der untote Khorda (Robert Quarry) taucht in einer Hippie-Kommune auf, etabliert sich dort blitzschnell als Guru und hat ebenso flott fast die ganze Gemeinschaft junger Leute vampirifiziert. Einzig der Biker Monk (William Jordan), der nur zufällig als Gast bei den Blumenkindern weilt und nichts von deren esoterischem Getue hält, und der Hippie Pico (Bill Ewing) widerstehen dem dämonischen Charisma des untoten Robenträgers. Ersterer wird von Khorda schon bald ins Jenseits befördert, doch letzterem gelingt die Flucht. Gemeinsam mit Pop (John Fiedler), einem älteren Freund der jugendlichen Aussteiger, macht er sich auf, den bösen Vampir zu vernichten und seine Freundin Rona (Brenda Dickson) vor dem Fluch des Vampirismus zu bewahren.

Das klingt jetzt sicher wie Horrordutzendware, und was den bloßen Plot angeht, wäre dieses Urteil auch völlig zutreffend. Was den Film dennoch ganz interessant macht, ist die Art, in der Khorda die Sehnsüchte der Hippies ausnutzt, um aus ihnen seine kleine Gemeinschaft der Untoten zu machen.
Die jungen Leute fühlen sich verloren und orientierungslos. Ihre Existenz erscheint ihnen sinnentlert – "a limbo", "a treadmill". Khordas Versprechen, ihnen den Weg zum "wahren" und "ewigen" Leben zu eröffnen, wirkt deshalb sehr verführerisch auf sie. Und wenn der untote Guru die Welt "im Tageslicht", der sie als Vampire den Rücken zukehren werden, als abgestumpft und grausam verdammt, spricht er ihnen damit vermutlich gleichfalls aus der Seele. Sie sind ohnehin bereits Außenseiter, warum also sollten sie nicht ihre Seelen "dem Bösen", d.h. dem absoluten Gegensatz zu allen Werten der von ihnen verachteten Gesellschaft, verschreiben?
Das ist natürlich ziemlich ziemlich oberflächlich, ganz falsch ist es dehalb aber nicht. Zumal Deathmaster nicht den Eindruck erweckt, dass er die Hippies für ihre Empfindungen und ihre Sicht auf die Gesellschaft verurteilen wollte. Die Helden des Films – Pico und Pops – gehören selbst dem Flowerpower-Milieu an, und die Polizei ist ihnen keine Hilfe im Kampf gegen Khorda. Ich halte es deshalb nicht für gänzlich verfehlt, in dem Streifen zumindest den Ansatz für eine ganz richtige Erkenntnis entdecken zu wollen:
Die Sehnsucht der Hippies nach einem erfüllteren und menschlicheren Leben und ihre Rebellion gegen die Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft waren nur zu verständlich und völlig gerechtfertigt. Leider jedoch waren ihre Vorstellungen darüber, wie sie ihre Ziele erreichen könnten, bestenfalls wirr und schlimmstenfalls gänzlich verfehlt. Die Folge davon musste ein immer stärkeres Gefühl der Verlorenheit und Sinnlosigkeit sein, was sie zu idealen Opfern für irgendwelche esoterischen Rattenfänger machte, und im Extremfall zu Ausbrüchen übelsten antisozialen Verhaltens {bis hin zu den Mordtaten der Manson-Family} führen konnte.
Das klingt jetzt sicher übertrieben ernsthaft. Ich will darum noch einmal betonen, dass Deathmaster diese Themen höchstens kurz antippt. Wirklich durchdacht und durchgearbeitet sind sie ganz sicher nicht.

Was gäbe es sonst noch zu sagen?
  • Zuerst einmal, dass Robert Quarry hier genauso charismatisch wirkt wie in den Yorga-Flicks, auch wenn Khorda sicher keine so faszinierende Gestalt ist wie der sarkastische Graf.
  • Etwas schade fand ich, dass Rocker Monk relativ früh abtritt. Ich hätte mir gewünscht, dass er einer der Helden der Geschichte wird. Ich fand seine abfälligen Bemerkungen über das esoterische Treiben der Kommunemitglieder und "allwissende" Guru-Gestalten à la Khorda ziemlich erfrischend. Zumal er nicht weniger als die Hippies ein gesellschaftlicher Außenseiter ist, also nicht als Stimme der "guten Gesellschaft" auftritt.
  • Dass Khordas "Renfield" Barbado (LaSesne Hilton) das einzige männliche schwarze Mitglied der Kommune ist, mag problematisch wirken. Ich denke nicht, dass man da zuviel hineindeuten sollte, ein leichtes Unbehagen hat sich allerdings auch bei mir eingestellt. Andererseits hinterlässt der völlig emotionslose Riese ohne Zweifel einen ziemlich starken Eindruck.
  • Der Soundtrack ist streckenweise recht interessant. So wird z.B. jeder Auftritt Barbados von Schellengeklapper begleitet, was auf mich recht effektvoll gewirkt hat. Mindestens zweimal geht der Verwandlung von Khorda in ein blutrünstiges Ungeheuer außerdem ein immer stärker anschwellendes Konzert von Fröschen und Zikaden voraus, was eine deutliche Anspielung auf Count Yorga, Vampire darstellt. {Auch das Ende des Films knüpft an die Konventionen der Yorga-Flicks an.}
  • Die Musik von Bill Marx mag nicht wirklich überwältigend sein, passt jedoch sehr schön zum dargestellten Hippie-Milieu. Wirklich cool hingegen ist in diesem Zusammenhang das Mitwirken von Bobby "Boris" Pickett, der nicht nur einen der Hippies (Kirkwood) spielt, sondern auch einen eigenen Song (A Man without a Vision) beisteuert. Das Großartige daran ist weniger das Lied selbst, als vielmehr der Umstand, dass Picketts größter Hit Monster Mash von 1962 gewesen ist.     



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