"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 14. April 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E08: "Duel"

Wie ich in meinem letzten Bericht aus der wundervollen Welt von Blake's 7 schon angedeutet hatte, kann man Duel als eine Variation auf die legendäre Star Trek - Episode Arena {die mit dem Gorn!} interpretieren.
Hier wie dort werden zwei verfeindete Raumschiffcaptains, die gerade dabei sind, sich gegenseitig aus dem Weltall zu pusten, von einer mysteriösen, gottgleichen Entität dazu gezwungen, ihren Konflikt im Rahmen eines Zweikampfs Mann gegen Mann {oder Gorn} auszufechten, derweil die zurückgebliebenen Mannschaften die Geschehnisse unerklärlicherweise auf ihren schiffseigenen Teleschirmen mitverfolgen können. Und in beiden Fällen endet das Duell mit dem Triumph unseres Helden, der allerdings darauf verzichtet, seinem Kontrahenten den Todesstoß zu versetzen.
Und doch ist Duel keine bloße Kopie des berühmten Vorbilds. Zum einen endet die Story – ganz im Geiste der Serie – nicht mit der simplistischen – wenn auch sympathischen  – Roddenberry-Botschaft, dass der ganze Konflikt auf Missverständnissen beruht und Gewalt nie eine Lösung ist. Zum anderen zeichnet sie sich durch eine leicht psychedelisch anmutende Qualität aus. Wahrscheinlich mag ich Duel u.a. deshalb so sehr, weil Blake's 7 hier jene grandiose "Weirdness" aufgreift, die für einen Gutteil der britischen TV-Phantastik der 70er Jahre typisch war.

In Seek-Locate-Destroy hatten wir erfahren, dass Commander Travis von Servalan drei der modernsten und schnellsten Raumjäger der Föderation, bemannt mit willenlosen "Mutoids", zur Verfügung gestellt wurden, um die Liberator zu jagen. Und zu Beginn der Folge scheint der einäugige Offizier sein Ziel tatsächlich erreicht zu haben. Die Liberator ist in den Orbit um einen erdähnlichen Planeten eingeschwenkt, da die Energiereserven des Schiffs beinah aufgebraucht sind und es 48 Stunden braucht, sie zu regenerieren, als plötzlich Travis' Geschwader auftaucht. Flucht ist unmöglich und auch für eine ernsthafte Gegenwehr fehlt es an Energie, also befiehlt Blake schließlich, Travis' Schiff frontal zu rammen in der vagen Hoffnung, dass die geschwächten Schilde der Liberator einen derartigen Aufprall aushalten könnten. Doch kurz bevor es zu dem Zusammenstoß kommt, wird die Bewegung der beiden Raumschiffe auf mysteriöse Weise gestoppt, und Blake und Travis finden sich auf der Planetenoberfläche wieder, wo sie von zwei Frauen eine jung, eine alt erwartet werden. Sinofar (Isla Blair) und Giroc (Patsy Smart) sind die Avatare einer ausgestorbenen Rasse, die sich in einem planetenweiten Atomkrieg selbst vernichtet hat. Zu einer quasi-unsterblichen Existenz verdammt, ist es ihre Aufgabe, gewaltbereiten Fremden, die es in die Nähe ihrer Welt verschlägt, eine Lektion über Töten und Getötetwerden zu erteilen, indem sie sie dazu zwingen, in einem Duell gegeneinander anzutreten. Dabei wird jedem der Kontrahenten ein Gefährte an die Seite gestellt. In diesem Fall trifft es Jenna und Travis' Mutoid-Pilotin (Carol Royle). Nach einem kurzen Zwischenspiel, in dem die sadistische Greisin Giroc den Kampf noch vor dem offiziellen Beginn zugunsten von Travis zu manipulieren versucht, werden die vier in einen Wald versetzt, wo sie einander mit Macheten, selbstgemachten Spießen und improvisierten Fallen den Garaus zu machen versuchen.

Der Plot an sich ist weder besonders originell noch tiefgründig. Interessant ist höchstens, dass die beiden allmächtigen Aliens keine wohlmeinenden, durch den Untergang ihrer Rasse weise gewordenen Lehrmeisterinnen sind, was man vielleicht erwarten würde. Sinofar enstpricht am ehesten diesem Stereotyp, doch Giroc ist eine durch und durch bösartige und in ihrer leidenschaftlichen Faszination für Gewalt recht gruselige Gestalt. Die beiden wirken wie von den Göttern Verfluchte, die ihrer Unsterblichkeit längst müde geworden auf Erlösung hoffen, wobei es etwas unklar bleibt, wie genau sie diese erlangen könnten.

Anders als wir es von SciFi - Serien wie Star Trek gewohnt sind, bemüht sich die Episode nicht, irgendwelche pseudowissenschaftlichen Erklärungen für das Geschehen zu liefern. Wir befinden uns in offen übernatürlichen Gefilden. Dem entsprechen Stil und Atmosphäre. 
Der Ort, an dem die beiden Frauen auf die Kontrahenten warten – eine Art Mahnmal umgeben von schroffen Felsblöcken, die hier und da den Blick auf ein gewaltiges Gräberfeld freigeben –, ist ein äußerst stimmungsvolles Set. Der Wald, in dem der Kampf schließlich stattfindet, könnte ordinär erscheinen {einmal mehr werden wir an das winzige Budget erinnert}, doch einige simple Trickeffekte und vor allem der Soundtrack schaffen eine leicht unwirkliche, gespenstische Atmosphäre. Interessanterweise ist Duel eine der beiden Episoden von Blake's 7, für die die Musik nicht von Dudley Simpson komponiert wurde. Vielmehr griff Regisseur Douglas Camfield Wikipedia zufolge auf Musik aus den Archiven der BBC zurück.

Doch so nett das alles auch ist, was mir an Duel besonders gut gefallen hat, sind drei kleine Dialoge.

Der Zweikampf zieht sich über viele Stunden hin, zumal sich die Gegner und Verbündeten überhaupt erst einmal finden müssen. Als die Nacht hereinbricht, bevor es zu einer offenen Konfrontation gekommen ist, ziehen sich die beiden Paare in die Baumkronen zurück, da die allgemeine Geräuschkulisse vermuten lässt, dass der Wald die Heimstatt einiger eher unfreundlicher Tiere ist. Bevor sie sich schlafen legen, kommt es zu einer kurzen Unterhaltung sowohl zwischen Blake & Jenna als auch zwischen Travis & der Mutoid-Pilotin.
Jenna:  Do you believe what they [Sinofar & Giroc] told us? About themselves, I mean.
Blake: With that much power why bother to lie?
Jenna: That's one way to become a hunted man: trust the powerful.
Blake: True. What's your excuse?
Jenna: Oh, I wasn't clever enough, none of us were. The Federation has beaten us all at least once. [...]  If we get out of this, it still won't be any better.
Erneut wird uns verdeutlicht, dass Blakes fanatischer Glaube an den unausweichlichen Sturz des Regimes keineswegs von allen seinen Gefährten geteilt wird. Leute wie Jenna oder Vila folgen ihm hauptsächlich deswegen, weil das Leben auf der Liberator für sie die beste Alternative darstellt, nicht weil sie überzeugte Revolutionäre wären. Und bei aller Sympathie, die sie für Blake empfinden, sind sie doch nicht von der beinah blinden Loyalität erfüllt, die Gan auszeichnet. {Freilich wissen wir seit Time Squad, das auch dessen Motive nicht so simpel sind}.

Noch sehr viel interessanter ist der kurze Wortwechsel zwischen Travis und seiner Begleiterin. Wenn ich micht recht erinnere, geht Blake's 7 nie genauer darauf ein, was die "Mutoids" eigentlich sind. Scheinbar handelt es sich bei ihnen um Menschen, die genetisch {und vielleicht kybernetisch} verändert wurden, um sie zu blind gehorsamen Soldaten mit einer übermenschlichen Physis zu machen, wobei ihnen ihre Individualität und jede Erinnerung an ihre frühere Existenz geraubt wurden. Dass sie in regelmäßigen Abständen frisches Blutplasma benötigen und von den "Normalen" deshalb halb spöttisch, halb furchtsam "Vampire" genannt werden, fügt dem ein weiteres makabres Detail hinzu.
Travis: Tell me something, do you remember who you were?
Mutoid: I don't understand the question, Commander.  
Travis: Yes you do - in your previous life before you were modified. Do you know who you were? 
Mutoid: Of course not. 
Travis: Aren't you curious about it? 
Mutoid: No. 
Travis: I find that hard to believe. 
Mutoid: Memory is an encumbrance. All trace of it is removed and with it all trace of identity. 
Travis: And it doesn't concern you? 
Mutoid: Why should it? That identity doesn't exist, even in the central computers. 
Travis: Yes it does. I know who you were. Your name was Keyeira, Keyeira. 
Mutoid: Keyeira. 
Travis: You were very beautiful, very much admired. Shall I go on? 
Mutoid: As you wish.
Travis: This doesn't interest you at all, does it?
Mutoid: How could it?
Travis: Keep watch.
Mutoid: Yes Commander.
Es fällt äußerst schwer, genau zu bestimmen, was hier in Travis vorgeht. Ist er ernsthaft neugierig? Will er sie mit seinen Fragen quälen und demütigen? Oder versucht er auf eigenartige Weise so etwas wie eine menschliche Beziehung zu seiner Begleiterin aufzubauen, in der er bisher nicht mehr als einen biologischen Roboter gesehen hatte? Wir wissen es nicht, aber genau diese Ambivalenz macht die Szene so faszinierend. Jedenfalls ist Travis sichtlich enttäuscht, als seine Pilotin keine emotionalen Reaktionen zeigt. Einmal mehr verleiht Stephen Greif dem Space Commander Andeutungen einer menschlichen Komplexität, die wir von so einem Charakter eigentlich nicht erwarten würden. Es ist jammerschade, dass die Mutoid-Pilotin nicht noch einmal in der Serie auftaucht.

Während Blake und Jenna ein wenig Schlaf zu finden versuchen, werden sie weiterhin von ihren Gefährten auf der Liberator beobachtet. Als sich Avon schließlich anschickt, die Brücke zu verlassen, kommt es zu folgendem Wortwechsel.
Vila: Have you thought of another plan?
Avon: Yes. I'm going to get some sleep.
Vila: How can you sleep with all this happening? 
Avon: With all what happening? Blake is sitting up in a tree, Travis is sitting up in another tree. Unless they're planning to throw nuts at one another, I don't see much of a fight developing before it gets light.
Gan: You're never involved, are you Avon? You ever cared for anyone?
Vila: Except youself?
Avon: I have never understood why it should be necessary to become irrational in order to prove that you care, or, indeed, why it should be necessary to prove it at all. [Exits]
Vila: Was that an insult or did I miss something?
Cally: You missed something.
Und wieder ist es die Ambivalenz, die diesen Dialog so großartig macht. Vila und Gan sehen in Avon einen gefühlskalten Egoisten, und auf den ersten Blick scheint ja auch alles dafür zu sprechen, dass sie mit dieser Einschätzung richtig liegen. Doch Avons Erwiderung ist alles andere als eindeutig. Will er zum Ausdruck bringen, dass er es prinzipiell für unvernünftig hält, an andere zu denken? Oder dass seine Gefährten eigentlich wissen sollten, dass er etwas für sie empfindet, ohne deshalb offen emotional werden zu müssen?
Callys lächelnd vorgetragener Kommentar, der die Szene abschließt, scheint mir dafür zu sprechen, dass sie von allen Crewmitgliedern der Liberator Avon am besten versteht.

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