"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 29. Juni 2020

Der große Magier

Long after we are all gone, his shadow-shows will live 
through a thousand years in this world.

Ray Bradbury in seiner Einleitung zu Ray Harryhausens Film Fantasy Scrapbook 


Kaum ein anderer Name ist in meinen Gedanken so fest mit dem verbunden, was ich echte "Movie Magic" nennen würde, als der des wundervollen Ray Harryhausen, dessen einhundertsten Geburtstag wir heute feiern können. Neben seinem Mentor Willis O'Brien (The Lost World, King Kong) war er ohne Zweifel der größte Stop-Motion-Künstler der westlichen Filmwelt. Der Kampf mit den Skeletten aus Jason and the Argonauts (1963) ist für mich bis heute eine der großartigsten und beeindruckendsten Trickszenen in der gesamten Geschichte des Kinos. Aber es ist nicht allein die ungeheure Detailfreude und Lebendigkeit seiner phantastischen Kreaturen, die ihm für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen sichert. Harryhausen verkörpert in meinen Augen zugleich eine Form des phantastischen Films, die leider weitgehend untergegangen zu sein scheint: Jene farbenprächtig-fantasievolle Welt voller Abenteuer, die manch einer heute vielleicht als naiv {oder schlimmeres} bezeichnen würde, die für mich aber wie kaum eine andere Spielart des phantastischen Kinos den echten "Sense of Wonder" verkörpert. Und daneben einfach ungeheuer viel Spaß macht. Nicht zufällig waren es gerade die Sinbad - Filme, bei denen Harryhausen auch am Drehbuch mitwirkte.

Ich glaube, dass der Enthusiasmus und die tiefe Liebe zum Phantastischen, die in Harryhausens Werk zum Ausdruck kommen, ihre Wurzeln im Milieu und der Atmosphäre seiner Jugend besitzen, als der künftige SFX-Magier nicht bloß in der elterlichen Garage erste Dino-Kämpfe inszenierte, sondern zugleich im SciFi-Fandom von Los Angeles einen Kreis gleichgesinnter Freunde & Freundinnen fand, mit denen er seine Träume und Leidenschaften teilen konnte.

Ray erblickte am 29. Juni 1920 als Sohn von Frederick und Martha Harryhausen in LA das Licht der Welt. Sein handwerkliches Geschick erbte er möglicherweise von seinem Vater, der Mechaniker war, doch seine Mutter war es, die ihm schon früh ein Fenster in die wunderbare Welt der Fantasie e5öffnete. Wie er 1998 in einem Gespräch mit David A. Kyle erzählte:
When I was young my mother bought for me a series of books called Wonder Books. They had wonderful illustrations and photographs of strange things such as Egyptian temples, and charts on how long it would take to go to the Moon and to Mars and all the different planets. That started to stimulate my interest in science fiction.   
Eine von Harryhausens Tanten arbeitete als Pflegerin für die Mutter von Sid Grauman, wodurch die Familie kostenlosen Einlass in das berühmte Chinese Theatre am Hollywood Boulevard erhielt. Und so lernte der kleine Ray schon bald solche frühen Klassiker des phantastischen Films kennen wie Paul Wegeners Der Golem (1920), Fritz Langs Metropolis (1927) oder das bizarre SciFi-Musical Just Imagine (1930). Gut möglich, dass bereits The Lost World (1925) seine Liebe zu Dinosauriern geweckt hatte, doch es war vor allem King Kong (1933), der einen alles entscheidenden Einfluss auf seinen weiteren Lebensweg hatte. "I owe a big debt to this gorilla". Es dauerte nicht lange, und Ray besorgte sich eine 16mm - Kamera und begann seine ersten eigenen Experimente mit Stop Motion. Eines Tages sah er eine Mitschülerin das Original-Script von King Kong lesen. Wie es sich herausstellte, war sie die Nichte von Willis O'Brien! Und sie schlug ihm vor, einfach mal bei ihrem Onkel in den MGM-Studios vorbeizuschauen. Also packte er einige seiner Dinos in einen Koffer und machte sich auf den Weg. O'Brien begegnete dem jungen Enthusiasten sehr freundlich und hilfsbereit, sparte aber auch nicht mit Kritik. Als ihm Harryhausen seinen Stegosaurus zeigte, auf den er besonders stolz war, kommentierte dieser: "Those legs look like sausages. You must learn to develop muscles. Every animal and every person has muscles to make the shape of the leg". Er riet ihm, sich unbedingt eingehender mit Anatomie zu beschäftigen und einen Zeichenkurs zu belegen, was Ray denn auch umgehend tat. Zu einem seiner großen Vorbilder wurde dabei Gustave Doré.
Doch damit war die Rolle von King Kong im Leben des jungen Harryhausen noch nicht ausgespielt. 1938 besuchte er eine Wiederaufführung des Streifens in einem der Vortorte von LA. In der Lobby des Kinos wurden eine Reihe von Standfotos ausgestellt. Er erkundigte sich nach dem Besitzer der Bilder, da er sie sich unbedingt einmal ausleihen und in Ruhe studieren wollte. Und so kam es zur ersten Begegnung zwischen Ray Harryhausen und Forrest J. Ackerman. Die beiden spürten sofort, dass sie ein gemeinsamer Enthusiasmus für das Phantastische verband. Und natürlich dauerte es nicht lange, bis "Forry" seinen neuen Freund mit in das berühmte "braune Zimmer" in Clifton's Cafeteria schleppte, wo sich jeden Donnerstag die Mitglieder der Science Fiction League von Los Angeles trafen. Ray Harryhausen hatte Einlass gefunden in die wunderbare Welt des Fandoms.

Irgendwann möchte ich mich unbedingt einmal eingehender mit der kalifornischen SciFi-Szene der 30er und frühen 40er Jahre beschäftigen. Das wenige, was ich von ihr weiß, wirkt jedenfalls ziemlich faszinierend.
Der Fanclub von Los Angeles war die vierte Sektion, die sich 1934 der von Hugo Gernsback ins Leben gerufenen SFL anschloss. Doch so richtig Schwung kam wohl erst 1936 in die Sache, als der enthusiastische und immer aktionsfreudige Ackerman aus San Francisco zurückkehrte. Er war neben vielem anderen die treibende Kraft hinter dem Fanzine Imagination, zu dem Harryhausen im September 1938 eine Cover-Illustration beitrug.
Man sollte meines Erachtens nie aus dem Auge verlieren, dass sich das junge Science Fiction - Fandom vor dem Hintergrund der Großen Depression herausbildete. Allerdings wäre es falsch, in dieser bloß eine Zeit großen Elends und allgemeiner Verunsicherung zu sehen, die deshalb einen guten Nährboden für jede Form von Eskapismus abgegeben hätte. Die 30er Jahre waren zugleich eine Zeit heftigster Klassenkämpfe in den USA, die der Roosevelt-Administration die bedeutendsten Zugeständnisse des New Deals abrangen und aus denen die großen Industriegewerkschaften der CIO hervorgingen. Wenige Monate bevor neun SF-Fans in LA ihre Sektion der SFL gründeten, war San Francisco der Schauplatz eines Generalstreiks und blutiger Auseinandersetzungen zwischen Streikenden, Polizei und Nationalgarde gewesen.
Nicht dass alle Mitglieder des kalifornischen Fandoms ihre Begeisterung für Science Fiction mit irgendwelchen politischen Ideen verbunden hätten {und für Harryhausen im Besonderen gilt das ganz sicher nicht}, auch wenn es unter ihnen genug kommunistische Sympathisanten gab, um später das Einschleusen eines FBI-Spitzels (Samuel D. Russell) zu "rechtfertigen". Doch glaube ich, dass dieser historische Kontext viel dazu beiträgt, den quasi-utopischen Geist verständlich zu machen, der unter diesen jungendlichen Enthusiasten herrschte. Wie Jason V. Brok 2013 in seinem Nachruf auf Ray Harryhausen geschrieben hat:
Clifton’s Cafeteria was a safe haven for individuals with like minds who believed fervently in the dawning scientifically oriented future, and who maintained a devout sense of awe about the expansion of human knowledge and the coming futuristic age, as represented by rockets, Mars, utopias, and the prospect of peace in the world. [...] even when issuing warnings about fading morality and technology run amok, there was still a basic optimism in the work and conversation of the LASFS, an abiding sense that tomorrow would bring more than fear, pain, and misery; indeed, tomorrow promised hope, opportunity, and change for the betterment of humanity.          
Der Treffpunkt des Fanclubs darf beinah als eine Art Verkörperung des Janusantlitzes der 30er Jahre gelten. Zum einem konnte man in Clifton's Cafeteria für wenig Geld {im Ernstfall sogar umsonst!} Essen und Trinken erhalten, zum anderen pflegte man dort eine außergewöhnlich weltoffene und tolerante Atmosphäre.       
In the thick of the Depression, Clifford Clinton built his restaurant as a place of refuge for those unable to afford a hot meal (one of the neon signs out front read "PAY WHAT YOU WISH"). Soon after the first Clifton’s opened, customers began referring to it as the ‘Cafeteria of the Golden Rule.
Long before the Civil Rights movement allowed black Americans to freely patronize white-run establishments, Clifton’s restaurants were integrated. In response to a complaint about his progressive policy, Clinton wrote in his weekly newsletter, "If colored skin is a passport to death for our liberties, then it is a passport to Clifton’s." Regardless of income or skin color, Clinton wanted everyone who ate at his restaurants to be completely satisfied, so the phrase "Dine free unless delighted" was printed on every check. Though many patrons ate for free, enough customers gave significantly more than they were asked to keep the business afloat. 
Natürlich wäre es verfehlt, ein gar zu idealisiertes Bild des Fandoms der 30er und 40er zu zeichnen, aber für die Verhältnisse der Zeit handelte es sich doch um eine außergewöhnlich offene und liberale kleine Welt. So gehörten zu den prominentesten Persönlichkeiten der Fangemeinde von Los Angeles Myrtle R. Jones Douglas ("Morojo") und Mary ("Pogo") Gray. Letztere startete 1940 mit STF-ETTE das vermutlich erste Fanzine, in dem ausschließlich Beiträge von Frauen abgedruckt wurden. Ein Jahr später stieß Edythe Eyde ("Tigrina") zu der Gruppe, die sich inzwischen den neuen Namen Los Angeles Science Fantasy Society (LASFS) gegeben hatte. Die selbsterklärte "Satanistin" würde 1947 unter dem Pseudonym "Lisa Ben" mit Vice Verca das vermutlich erste lesbische Magazin der USA herausgeben, wobei ihr Stil und Machart der Fanzines ihres guten Freundes "Forry" Ackerman als Vorbild dienten.

Von allen Leuten, die Ray Harryhausen im "Braunen Zimmer" des Clifton's kennenlernte, war Ray Bradbury ganz ohne Frage der wichtigste. Sehr schnell bildete sich eine tiefe Freundschaft zwischen den "beiden Rays", die ein Leben lang Bestand haben sollte. Und auch dabei spielte die gemeinsame Liebe zu King Kong anfangs eine große Rolle. Wie Bradbury später einmal erzählt hat:
My happiest memories are of Ray calling me during the years just out of high school and telling me that King Kong was playing somewhere, in some obscure theater in L.A., so we had to rush over and buy 15-cent seats to watch that glorious animal perform again… 
Bald schon wurde es zu einem Running Theme in den Fanzines, mitzuzählen, zum wievielten Mal Harryhausen den Riesengorilla nun schon auf der Leinwand gesehen hatte. Auch wurden die "beiden Rays" rasch für ihre gemeinsame Liebe zu Spaß und Schabernack bekannt. So kreierte Harryhausen für sie beide und "Forry" Ackerman Monstermasken aus Latex, in denen sie 1939 an Halloween während einer Aufführung von The Cat and the Canary im Paramount Theatre Angst und Schrecken verbreiteten.  
Vor allem jedoch teilten die "beiden Rays" ihre Träume und Leidenschaften miteinander. Um noch einmal Bradbury zu zitieren:
You see, Harryhausen and I, at 17, were like most teenagers. But unlike many we had large dreams that we intended to fulfill. We used to telephone each other nights and tell the dreams back and forth by the hour, adding, substracting, shaping and reshaping. His dream was to become the greatest new stop-motion animator in the world, by God. Mine, by the time I was 19, was to work someday with Orson Welles ...    
1938 begann Harryhausen mit der Arbeit an dem äußerst ehrgeizigen Projekt Evolution. Heraus kamen dabei am Ende zwar nur einige wenige Minuten Filmmaterial, die jedoch für das Werk eines gerade einmal achtzehn Jahre alten Amateurs verdammt eindrucksvoll sind und ihm etwas später den Weg zur Mitarbeit an George Pals Puppetoons ebneten.
Nach dem Kriegseintritt der USA trat Harryhausen der Army Motion Picture Unit unter Frank Capra bei. Dort arbeitete er u.a. mit Dr. Seuss (Ted Geisel) zusammen. Zurück im Zivilleben drehte er unter Mithilfe seiner Eltern, die seine Ambitionen stets unterstützt hatten, eine Reihe kurzer Märchenfilme, die vor allem in Schulen aufgeführt wurden. Schließlich eröffnete sich ihm die Möglichkeit, gemeinsam mit Willis O'Brien die Stop Motion - Animationen für Mighty Joe Young (1949) zu kreieren. Am Ende war er selbst für 80-90% der Trickszenen verantwortlich. Ungefähr zur selben Zeit begann der erste große Science Fiction - Boom im amerikanischen Kino. Die Tore öffneten sich für Ray Harryhausens Aufstieg zu einem der größten SFX-Magier der Filmgeschichte. 1953 kam mit The Beast from 20.000 Fathoms der erste Film in die Kinos, bei dem er selbst die tricktechnische Leitung innehatte. 1955 begann mit It Came from Beneath the Sea die lange und fruchtbare Zusammenarbeit mit Produzent Charles H. Schneer.

Ray Bradbury hat später immer wieder gerne erzählt, dass er, Harryhausen und "Forry" Ackerman in den 30er Jahren "made a pact promising to grow old, but never to grow up". Ich denke hierin liegt einer der entscheidenden Gründe für den bleibenden Zauber von Ray Harryhausens Kunst. Und so wollen wir diesen Geburtstagspost mit ein paar Clips von einigen seiner phantastischen Kreaturen abschließen, die für immer unsere Imagination bevölkern werden.

RELEASE THE KRAKEN!


       







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