"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 15. März 2020

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

Tanith Lees "Weggefährten" / "Companions on the Road"

Als ich vor zweieinhalb Wochen ein bisschen im Heyne Science Fiction Jahresband 1980, dem ersten Teil dieser weiland von Wolfgang Jeschke herausgegebenen Anthologienreihe, herumblätterte, stieß ich dabei im einleitenden Vorwort zu Tanith Lees Novelle Weggefährten auf folgende bemerkenswerte Passage:
Tanith Lees Stärke ist die Fantasy, das Randgebiet der Science Fiction, in dem das Science durch Sorcery (Zauberei) ersetzt ist und die Welt der Schwertkämpfer seit Robert E. Howards "Conan" fröhliche (und blutige) Urstände feiert. Auch dieses Subgenre der SF hat seine Reize und immer mehr Liebhaber, die sich von dem technischen (und oft pseudotechnischen) Brimborium der "Hardware"-Science Fiction eher abgestoßen fühlen.
Das zeigt wieder einmal, wie historisch bedingt und veränderlich Genregrenzen, und wie unsinnig deshalb alle fundamentalistischen Defintionen von "echter SF" und ähnlichem sind.
Um etwas geschichtlichen Kontext für die obige Passage zu liefern: Terry Brooks' Das Schwert von Shannara, mit dem der High Fantasy - Boom der 80er begann, war 1978 noch in Goldmanns Science Fiction - Reihe erschienen. Die wohl nicht nur für Vertreter*innen meiner Generation "klassische" schwarze Fantasy - Reihe des Verlags, in der dann auch die Sequeltrilogie Die Elfensteine von Shannara erscheinen sollte, startete erst 1981.
Im angloamerikanischen Raum war der Begriff "Fantasy" als Marketing Label wohl bereits in den 70ern verbreitet, doch scheint es einige Zeit gedauert zu haben, bis er sich auch bei uns etablierte.
Und dass Jeschke die "Fantasy" mit der Sword & Sorcery nicht etwa Tolkien  identifiziert, ist wenig verwunderlich, wenn man sich klarmacht, dass die 70er Jahre, zumindest in der englischsprachigen Sphäre, die Blütezeit dieser Spielart des Phantastischen {und das Tummelfeld aller möglichen Conan-Klone} gewesen waren.

Tanith Lees eigenes Oeuvre gibt ein gutes Beispiel dafür ab, wie sinnlos gar zu scharf abgegrenzte Genredefinitionen sind.  Wie die britische Autorin 2011 in einem Interview mit dem StarShipSofa - Podcast erklärte: "I hate the idea of genres [...] I greatly believe in crossing genres." Viele ihrer Romane und Geschichten vermischen denn auch Elemente aus Fantasy, SciFi, (alternativer) Historie und Horror. T. J. McIntyre bezeichnete sie in einem Artikel für das Fantasy Magazine einmal als "the definition of a true 'cross genre' author".
Dieser Mischcharakter ihrer Erzählungen war aber vermutlich auch einer der Gründe, warum es ihr in den 90er Jahren immer schwerer fiel, diese bei den großen Verlagen unterzubringen. Sie selbst machte jedenfalls die zunehmende "Genre-Ghettoisierung" für diese Entwicklung verantwortlich. 1998 erklärte sie in einem Interview mit dem Locus Magazine:
If anyone ever wonders why there's nothing coming from me, it's not my fault. I'm doing the work. No, I haven't deteriorated or gone insane. Suddenly, I just can't get anything into print. And apparently I'm not alone in this. There are people of very high standing, authors who are having problems. So I have been told. In my own case, the more disturbing element is the editor-in-chief who said to me, "I think this book is terrific. It ought to be in print. I can't publish it – I've been told I mustn't." The indication is that I'm not writing what people want to read, but I never did.
In einem Gespräch mit Darrell Schweitzer konkretisierte sie das Problem:
Where any slight interest in my turning in a book exists, I find I must work inside certain defined formulae. And to me that’s one of the arch inspiration-stranglers.
Ich könnte mir allerdings auch vorstellen, dass Tanith Lees sehr poetischer Sprachstil bei den Verlagen nicht länger willkommen war. Der Wandel der Moden. Was gestern noch als "lush, sensual, rich, elegant" gefeiert wurde, gilt plötzlich als kitschig und überladen, derweil das Adjektiv zu einer geächteten Wortart erklärt wird.  

Doch eine eingehendere Beschäftigung mit Leben und Werk der Autorin soll auf ein andermal verschoben werden, wenn wir dann hoffentlich einen etwas längeren Blick in die Birthgrave - Trilogie werfen werden, ihren wohl bedeutendsten Beitrag zur Sword & Sorcery der 70er Jahre. Für heute wollen wir uns ganz auf Companions on the Road in der eleganten Übersetzung von Birgit Reß-Bohusch beschränken.

Die Novelle erschien erstmals 1975 bei Macmillan, dem britischen Verlag, der zuvor bereits Lees Kinderfantasybücher The Dragon Hoard (1971) und Princess Hynchatti & Some Other Surprises (1972) veröffentlicht hatte. Im selben Jahr brachte Don Wollheim bei D.A.W. Books in Amerika Birthgrave heraus, nachdem die Autorin vergeblich versucht hatte, einen englischen Verlag für den Roman zu finden.
Angesichts dieser Hintergrundsinformationen wird es nicht verwundern, zu erfahren, dass Companions on the Road weitgehend frei von den Motiven ist, die viele Verleger bei Birthgrave abgeschreckt haben dürften vor allem Sex und die etwas explizitere Darstellung von Gewalt. Die Erzählung hat eher den Charakter eines düsteren, leicht surrealen Märchens, ist dabei aber zugleich fest verankert in einer realistisch anmutenden und sehr harschen sozialen Wirklichkeit.

Der achtzehnjährige Havor dient seit drei Jahren in der Armee eines namenlos bleibenden Königs. Drei Jahre permanenter Eroberungsfeldzüge, in deren Verlauf der junge Mann eine ordentliche, wenn auch nicht spektakuläre Karriere gemacht hat und in den Rang eines Offiziers und Rottenführers aufgestiegen ist. Doch ist er dabei zugleich desillusioniert und kriegsmüde geworden. Nun lagert das Heer vor den Mauern der Stadt Avillis, dessen Herrscher im Ruf steht, mit den finsteren Mächten im Bunde zu sein. In der Nacht vor der Erstürmung der Stadt bittet der junge Soldat Lukon – "ein halbes Kind noch" Havor darum, seiner Familie seinen aufgesparten Sold zukommen zu lassen, falls er in der Schlacht fallen sollte.
Obwohl die Stadt durch Verrat eingenommen wird, gibt der König sie zur Plünderung frei. Die Orgie von Gewalt und Zerstörung, die folgt, ist der letzte Anstoß, den Havor braucht, um diesem Leben den Rücken zu kehren, auch wenn er nicht weiß, wohin er sich nun wenden soll. Die Nachricht von Lukons Tod gibt ihm zumindest ein vages, vorläufiges Ziel. Doch bevor er die brennende Stadt verlassen kann, kommt es zu einer schicksalshaften Begegnung erst mit seinem hochmütigen Ex-Stellvertreter Feluce, dann mit dem Dieb Kachil. Um sein Leben zu retten, führt letzterer die beiden Soldaten zu einer geheimen Kammer unter dem Palast des Magus, wo sie einen goldenen, mit Edelsteinen verzierten Kelch finden. Obwohl zwischen ihnen alles andere als kameradschaftliche Gefühle herrschen, schließen die drei einen Pakt und schwören, zusammenzubleiben, bis sie ihre Beute in Venca, "der Stadt der Goldschmiede und Edelsteinhändler", verkauft und den Erlös unter sich aufgeteilt haben. Havor gedenkt, seinen Anteil der Familie Lukons zukommen zu lassen.
Während die drei durch die öde Winterlandschaft nach Westen ziehen, überkommt sie schon bald das Gefühl, verfolgt zu werden. Und tatsächlich entdecken sie hinter sich in der Ferne drei berittene Gestalten, die jedoch stets den gleichen Abstand zu halten scheinen.
Bei Anbruch der Nacht erreichen sie ein kleines Dorf. Als die Gäste in der örtlichen Schenke einen Blick auf den Kelch erhaschen, reagieren sie, als ob ein Fluch auf dem Trio liegen würde und es von einer Art Pesthauch umgeben sei. Noch in derselben Nacht stirbt Kachil im Fieberwahn.
Bald kann kein Zweifel mehr bestehen. Der Kelch ist ein dämonisches Artefakt und bei den drei Verfolgern handelt es sich um die untote Tochter des Magus, ihren Vater und ihren Bruder. Die rachsüchtigen Wiedergänger töten ihre Opfer in ihren Träumen. Nicht lange und auch der eitle Feluce findet ein unschönes Ende.
Gegen immer größere Erschöpfung und Müdigkeit ankämpfend irrt der zunehmend verzweifelte und orientierungslose Havor weiter durch die winterliche Wildnis. Er kann den fluchbeladenen Kelch nicht einfach fortwerfen, da dadurch uralte finstere Mächte geweckt werden würden, die unter der Oberfläche des Landes schlummern. Wie also soll er dem Rachedurst der drei Untoten entkommen?

Wir erfahren nur wenig konkretes über die Welt, in der Companions on the Road spielt. Neben einigen vereinzelten Ortsnamen wie Avillis und Venca stehen generische Bezeichnungen wie "Nordlande", "Südlande", "Der Große Fluss", "der König", "der Magus". Die herrschende Religion ist ein nur dürftig verhülltes Analog zur christlichen, insbesondere katholischen Kirche. Wir hören von "Feldpredigern", die den Soldaten "die Beichte abnehmen"; der "Heilige Kreis" ist ein offensichtliches Stand-in für Kruzifix und Bekreuzigen; das Innere einer Kirche wird beschrieben als "ein Langschiff; widerhallende Steinfliesen zwischen schlanken Säulen, die sich wie Geisterfinger in die Höhe streckten"; vor dem Altar brennt sogar eine Art Ewiges Licht, wenn auch in einer "grünen Ampel".   
In einem anderen Kontext käme mir so eine Herangehensweise vielleicht etwas krude vor, doch hier funktioniert sie eigentlich ziemlich gut. Zumindest wenn wir eine Leserschaft voraussetzen, die selbst aus einem mehr oder minder christlich geprägten Kulturkreis stammt. Da die Parallelen so deutlich sind, werden unmittelbare Assoziationen geweckt. Wenn wir z.B. von Havors Kindheit in einem von Priestern geführten Waisenhaus hören, haben wir sofort ein relativ klares Bild vor Augen, und es wundert uns nicht, von der dort herrschenden Gewalttätigkeit zu erfahren, durch die unserem Helden schon früh jeder Glaube an einen guten Gott aus dem Leib geprügelt wurde.        
Wäre der Weltenbau detaillierter, würde er letztlich bloß vom zentralen Anliegen der Novelle ablenken.  Er dient in erster Linie der Verstärkung der allgemeinen Atmosphäre. So stoßen Havor und die anderen auf ihrer nur wenige Tage andauernden Reise auffällig oft auf Ruinen, verfallene Überreste von Wachtürmen und Herrenhäusern. Und ein ärmlicher Priester, den unser Held ohne viel Hoffnung um Rat angeht, sagt über die "alten Straßen", die das Land durchziehen: "Fremde Männer eines finsteren Zeitalters haben sie errichtet."  Angesichts der deutlichen Parallelen zum christlichen Mittelalter könnte man geneigt sein, da an Römerstraßen und andere Relikte des antiken Imperiums zu denken. Und vor allem das verfallene Herrenhaus, in dem Feluce den Tod findet, wirkt in der Tat ein bisschen wie eine römische Villa. Zugleich erhält Companions on the Road damit aber auch den leichten Anklang einer Dying Earth - Geschichte.

Und es ist diese Atmosphäre, die eine der größten Stärken von Tanith Lees Novelle ausmacht.

Der Landschaft, durch die sich Havor und die anderen bewegen, haftet von Beginn an etwas leicht unwirkliches an. Nicht dass den dreien dabei irgendetwas offen Übernatürliches begegnen würde {abgesehen von ihren untoten Verfolgern natürlich}. Das alte Weib, das Feluces Tod prophezeit, kommt dem noch am nächsten. Dennoch wirkt diese menschenleere Welt mit ihren schneeverwehten Feldern und kahlen, skelettartigen Bäumen  immer ein wenig wie die Szenerie eines Traumes. Dabei werden die Übergänge zur tatsächlichen Traumwelt, in der die Wiedergänger ihre Rache vollziehen, im Laufe der Erzählung immer fließender. Und alles atmet ein Gefühl tiefster Verlorenheit.
Um diesen Eindruck beim Lesenden zu erwecken, bedient sich Tanith Lee einer extrem lyrischen Sprache. Man nehme z.B. diese Beschreibung eines Sonnenaufgangs:
Der Morgen hatte die Finsternis zu einem stumpfen Knochenweiß gebleicht, und die Sonne stieg auf wie ein billiger Glasstein ohne jedes Feuer.
Oder diesen etwas längeren Absatz:
Die Nacht begann die Farben der Welt zu verändern. Lavendeldämmer und Schneeflocken, die an fahlblaue Vogelfedern erinnerten. Feluce galoppierte immer noch an der Spitze. Havor meinte den Gefährten gestochen scharf zu sehen, in jeder Einzelheit: eine winzige Spielzeugfigur, eine Soldatenpuppe im Kettenhemd, das Haar vom Abendlicht violett gefärbt; sie jagte dahin auf einem reglosen Marionettenpferd mit glattem, hartem Körper, die Augen funkelrote Sterne, die durch die wirbelnden Flocken in der Dämmerung brannten.
In ihrer Ödnis und Verlorenheit ist diese traumartig anmutende Szenerie zugleich Spiegel von Havors Innenleben. Companions on the Road ist nicht bloß die Geschichte eines Mannes, der der Rache einer untoten Hexe zu entkommen versucht, sondern zugleich die eines Menschen, der sich mit der scheinbaren Sinn- und Hoffnungslosigkeit seines eigenen Lebens konfrontiert sieht.

Alle drei "Weggefährten" sind das Produkt einer harten und unmenschlichen Welt. Aber in der Art, wie sie mit ihr umgehen, unterscheiden sie sich sehr stark voneinander.

Kachils ganze Existenz bewegte sich in einem nicht endenden Kreislauf von kleinen Verbrechen und grausamen Bestrafungen. Im Innersten zerbrochen wird er nurmehr von Angst und Verzweifelung beherrscht, und darum folgerichtig das erste Opfer der Untoten.

Feluce, der vielleicht nicht zufällig aus einem bürgerlichen Milieu stammt er ist "Sohn eines Tuchverkäufers", hält sich selbst für "etwas Besonderes" und verachtet seine Mitmenschen, weil er glaubt, zu den "Siegern" in dem grausamen Spiel dieser Welt zu gehören. Aber es wird ziemlich deutlich, dass dies bloß ein Selbstbetrug ist. In seiner blinden Arroganz schaut er der Begegnung mit der Tochter des Magus mit einer perversen Vorfreude entgegen, weil er glaubt, auch in dieser Situation zu triumphieren. Was sich selbstverständlich als eine fatale Fehleinschätzung erweist.

Havor schließlich ist zwar kaum weniger verzweifelt als Kachil, aber im Unterschied zu diesem hat die Welt ihn noch nicht gänzlich zerbrochen. Vor allem hat er sich eine elementare Menschlichkeit bewahrt. Und sie ist es, die ihn am Ende rettet. Auch sein Leben war von Elend und Gewalt geprägt, aber anders als seine "Weggefährten" hat ihn die Erfahrung eigenen Leides empathisch für das Leid anderer gemacht. Seine Irrfahrt durch die winterliche Traumlandschaft endet in der Konfrontation mit einem kranken oder verletzten Wolf, der ihn verfolgt und auf seinen Tod wartet, weil er zu schwach ist, um gesunde Beute zu jagen:
"Es dauert nicht mehr lange", sagte er zu dem Wolf.
Er spürte nichts. Er hatte keine Angst. Er würde stürzen, aber er hatte sein Messer, das Messer und der Wolf sollten ihn töten, und alles würde so rasch gehen, dass die anderen [die Untoten] nicht dazwischentreten konnten. Er würde sich nicht im Schlaf von ihnen fesseln lassen; er zog das lange Dunkel vor, das seiner Ansicht nach dem Leben folgte, und er hoffte, darin allein zu sein.
Der Wind verwandelte sich in die Riemenpeitschen der Priester. Er fluchte und stöhnte unter den sausenden Hieben, und dann kam der Boden auf ihn zu, und er rollte herum, starrte hinauf in den Sturmhimmel und die dahinjagenden Wolken, Reitertruppen eines Geisterheeres.
Dann sah er den Wolf zu seinen Füßen stehen. [...]
"Warte Bruder", sagte er. "Noch einen kleinen Augenblick!"
Noch im Moment seiner tiefsten Verzweifelung schöpft er ein klein wenig Trost daraus, dass sein Tod einem anderen leidenden Geschöpf von Nutzen sein könnte.
Diese Szene bildet den eigentlichen Wendepunkt der Erzählung und leitet über in das Finale, aus dem Havor schließlich von dem Fluch befreit und in die Gesellschaft anderer Menschen zurückgeführt hervorgeht. Wie genau dies geschieht, möchte ich hier aber nicht verraten.

Manch einem mag dieses Ende zu traditionalistisch, "märchenhaft" oder auch "moralistisch" anmuten: Der Held entkommt dem Verderben, weil seine Motive selbstlos waren. Doch auch wenn ich eine solche Einschätzung ansatzweise nachvollziehen könnte, finde ich es durchaus erfreulich, dass Tanith Lee auf einen gar zu nihilistischen Ausgang ihrer Geschichte verzichtet hat, und Companions on the Road bei aller Düsternis doch die Hoffnung aufrecht erhält, dass selbst in einer noch so grausamen und kalten Welt Mitgefühl und simple Menschlichkeit einen kleinen Unterschied zum Besseren machen können.

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