"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 6. April 2018

Mexikanischer Monsterspaß

Ich muss zugeben, dass die wunderlichen Gefilde des mexikanischen Genrefilms für mich noch weitgehend Terra Incognita darstellen. Ich bin mit den Aztec Mummy - Streifen vertraut und habe mich vor einigen Jahren auch einmal an der großartigen Bizzarrerie von Santa Claus vs The Devil (1959) erfreut. Doch sehr viel weiter reicht meine persönliche Bekanntschaft mit dieser Provinz des phantastischen B-Movies nicht.
Nun habe ich als kleines Ostergeschenk an mich selbst letzten Sonntag einen weiteren zaghaften Schritt getan, um diesen betrüblichen Zustand aufzubessern, und mir mit La Nave De Los Monstruos / The Ship of Monsters (1960) von Rogelio A. González einen Flick zu Gemüte geführt, der im Rufe steht, ein echter Schlock-Klassiker zu sein. Ich sollte nicht enttäuscht werden.



Ein recht beliebtes Subgenre des angloamerikanischen SciFi-B-Movies der 50er Jahre war der "Frauen aus dem Weltall" - Film, zu dem u.a. Cat-Women of the Moon (1953), Devil Girl from Mars (1954) und Fire Maidens from Outer Space (1956) gehörten. Zwar geht es nur in Devil Girl from Mars tatsächlich um eine Außerirdische, die sich zwecks Männerjagd auf die Erde begibt, doch ist es diese Variante, die auch in späteren Jahren immer mal wieder gerne aufgegriffen wurde. Wenn auch meistens ein wenig "tongue in cheek". Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, gibt es neben La Nave De Los Monstruos mindestens noch einen weiteren mexikanischen SciFi-Flick, der sich dieses Motivs bedient.
Allerdings verleihen José María Fernández Unsáin und Alfredo Varela, Jr. ihrer Story den einen oder anderen originellen Dreh, so dass das filmische Endprodukt zu einer völlig verrückten und ziemlich sympathischen Genre-Melange wird.

Dabei beginnt das Ganze recht traditionell. Die Herrscherin des Venus (Consuelo Frank) schickt Gamma (Ana Bertha Lepe) und Beta (Lorena Velázquez) auf eine interplanetarische Mission, um die vorzüglichsten männlichen Exemplare der Bewohnerschaft des Sonnensystems zu entführen und zwecks Fortpflanzung auf ihre ausschließlich von Frauen bevölkerte Heimatwelt zu bringen. Dass man in der Kostümabteilung Bade- und Raumanzüge durcheinander gebracht hat, ist gleichfalls noch nicht so erstaunlich. 
Interessanter wird es da schon, wenn unsere männerraubenden Raumfahrerinnen nicht etwa straks zur Erde fliegen, sondern erst einmal eine bizarre Kollektion monströser außerirdischer Männchen einsammeln und in Eisblöcken einfrieren, sowie den Roboter Torr aufgabeln, der zugleich eine wandelnde Enyklopädie ist, bevor sie durch einen Triebwerksschaden gezwungen werden, auf einem unbedeutenden "Planetoiden" notzulanden, der sich natürlich als die gute alte Terra entpuppt.
Es folgt die Einführung unseres männlichen Protagonisten Lauriano Gómez (Eulalio "Piporo" González). Der erweist sich nicht als der "manly man", den man vielleicht erwarten würde, sondern als singender Vaquero, liebenswerter Schwätzer und schamloser Lügenbold, der bei seinen Kumpels in der örtlichen Kneipe regelmäßig mit wüsten Geschichten über seine angeblichen Kämpfe gegen Banditen und Dinosaurier {!!} Eindruck zu schinden versucht.
Als er den beiden Alien-Ladies über den Weg läuft, sind diese sofort davon überzeugt, das hervorragendste männliche Exemplar der Erdbevölkerung gefunden zu haben. {Eine Einschätzung, die wir als Publikum nicht unbedingt teilen werden.} Und anders als die anderen Mitglieder der monströsen Menagerie, die die beiden bisher zusammengesammelt haben, scheint der Bursche sogar der selben Spezies anzugehören wie unsere Raumfahrerinnen. Lauriano seinerseits ist selbstverständlich nur zu gerne bereit, die beiden hübschen, aber {aus seiner Sicht unerklärlich} naiven Frauen in die Mysterien der Liebe einzuführen. Dabei hat es ihm Gamma besonders angetan.
Erwartungsgemäß enthält dieser Part des Filmes einige etwas peinliche Momente. Und selbstverständlich kann man von einem B-Movie der 50er Jahre nicht erwarten, frei von Sexismus zu sein -- erst recht nicht, wenn er diesem Subgenre angehört. Doch es hätte deutlich schlimmer kommen können. Alles in allem bewahrt sich La Nave De Los Monstruos bei aller sexuellen Augenzwinkerei eine merkwürdig sympathische Unschuld und Naivität.

Natürlich kommt es augenblicklich zu Eifersüchteleien unter den Ladies, was mich schlimmes befürchten ließ. Zwei Frauen, die um die Gunst eines Mannes buhlen? Auf so eine Story hatte ich nun wirklich keine Lust. Doch es dauerte nicht lang, bis diese Befürchtungen durch eine Szene beseitigt wurden, die mich in lautes und begeistertes Gelächter ausbrechen ließ. Denn kaum ist das erste große Geflirte zwischen Lauriano und den beiden über die Bühne, da entdeckt die herzensgute Gamma auch schon, dass ihre Kollegin in Wirklichkeit eine Vampirin ist! Kein Witz. Die Gute schlüpft in ein schwarzes Cape, saugt Menschen das Blut aus und macht sich flugs daran, zusammen mit den Monstermännern aus dem Raumschiff das Projekt "Eroberung der Weltherrschaft" anzugehen!
Und wie großartig-liebenswert-primitiv realisiert sind diese Puppen- und Stop Motion {?}- Monster: Der Zyklop Uk, das Spinnenungeheuer Utirr, der skelettöse Zok und der marsianische Prinz Tagual mit dem Riesenhirn, der Betas Skrupellosigkeit und Grausamkeit so bezaubernd findet, dass er ihr quasi einen Heiratsantrag stellt. Ich hätte es mir so gewünscht, dass die beiden am Ende gemeinsam auf den Mars fliegen, um dort in Liebe vereint in ihrer gemeinsamen Bösartigkeit schwelgen zu können!
Doch ein Happy End für Marsianer und Vampirladies wäre wohl selbst bei diesem verrückten Streifen zu viel verlangt gewesen. Und alles in allem sind Gamma, Lauriano, dessen kleiner Bruder Chuy (Heberto Dávila, Jr.) und Roboter Torr ja auch kein unsympathisches Team. Darum wollen wir ihnen ihren letztendlichen Sieg über Beta und ihre Monsterkumpanen ruhig gönnen. {Allerdings hatte ich das Gefühl, dass der Regisseur im Eifer des Drehs irgendwann den guten Zok vergessen haben muss. Jedenfalls kann ich mich nicht an das Ableben des putzigen Skelett-Ungeheuers erinnern}. Die Szene, in der Lauriano die böse Beta zu umgarnen versucht, um an den lebenswichtigen "Kontrollgürtel" zu gelangen, hätte noch einmal für Bauchgrimmen sorgen können, wenn González sie nicht für eine charmante kleine Gesangs- und Tanzeinlage genutzt hätte.
Und ja, in La Nave De Los Monstruos wird eine Menge gesungen {einmal geht der Film sogar so weit, im Hintergrund einen Gitarrenspieler auftreten zu lassen}, und so wundert es nicht, dass auch die Schlussszene eine kleine Musiknummer ist. Und was für eine! Gamma bleibt natürlich auf der Erde bei ihrem Lauriano. Roboter Torr startet das Raumschiff, um zur Venus zurückzufliegen. Doch er ist nicht allein. Auch er hat auf der Erde die wahre Liebe gefunden: Laurianos Jukebox! Und während die beiden in den Weltraum düsen, stimmen sie gemeinsam ein Liebesduett an!

Niemand wird behaupten wollen, La Nave De Los Monstruos sei ein guter Film. Die Story ist hanebüchen, die Trickeffekte äußerst primtiv, und auch der {bewusste} Humor ist höchstens für das eine oder andere Grinsen gut. Doch alle Freundinnen und Freunde bizarren Trashs werden ihren Heidenspaß mit diesem Flick haben. Mir jedenfalls hat er einen äußerst unterhaltsamen Ostersonntag beschert.

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