"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 13. Dezember 2015

Amoklauf der Hirne

Leigh Brackett, deren hundertsten Geburtstag wir letzten Montag feiern konnten, dürfte neben C.L. Moore die bekannteste SFF-Autorin des Goldenen Zeitalters der Pulps sein. Doch die beiden waren keineswegs die einzigen Frauen, die während der 30er und 40er Jahre auf den Seiten von Weird Tales oder Astounding Stories in phantastische Gefilde oder interplanetarische Weiten vorstießen. Eine weitere Pionierin jener Ära war z.B. die heute weitgehend in Vergessenheit geratene Amelia Reynolds Long (1904-1978). 
Von 1928 bis 1940 erschienen gut zwanzig SciFi-Stories aus ihrer Feder in einer Reihe von Pulp-Magazinen,* bevor sie sich schließlich ganz der Detektiv-Geschichte zuwandte, in der sie gegen den Trend zur "hard-boiled detective story" à la Dashiell Hammett oder Raymond Chandlerdie Traditionen Agatha Christies und des klassischen "Whodunit" am Leben zu erhalten versuchte.

Lange nachdem sie selbst der Science Fiction den Rücken zugekehrt hatte, fand eine ihrer Geschichten sogar den Weg auf die Kinoleinwand. Verantwortlich dafür war niemand anderes als der legendäre Forrest J. Ackerman. Als Ms. Longs Literaturagent vermittelte Onkel Forry in der zweiten Hälfte der 50er Jahre den Verkauf der Verfilmungsrechte für ihre Story The Thought Monster an B-Movie - Produzenten Richard Gordon. Heraus kam dabei am Ende Fiend Without a Face (1958). Wie sie zwei Jahrzehnte später Chet Williamson erzählt hat,  war die Autorin, die sich den Flick im heimatlichen Harrisburg angeschaut hatte, offenbar nicht wirklich überwältigt: 
It was on a double bill they had here mine and a Boris Karloff movie, the title of which I can't remember, but it wasn't one of his best. But then if it had been one of his best, mine would have looked so much worse!
Ist der Film tatsächlich so mies? Schau'n wir mal.



Beim SciFi - B-Movie der 50er Jahre denken wir zuallererst natürlich an US-Produktionen. Doch die amerikanischen Filmemacher besaßen nicht das Monopol auf außerirdische Invasoren oder die Menschheit terrorisierende Ungeheuer. Vergleichbare Streifen wurden in jenem Jahrzehnt auch im Vereinigten Königreich gedreht. Selbst Hammer's erster Abstecher in phantastische Gefilde war ein SciFi-Flick mit dem Titel Four Sided Triangle (1953). Der vielleicht bekannteste britische Science Fiction - Film jener Ära dürfte Wolf Rillas Wyndham - Adaption Village of the Damned (1960) sein. Im TV-Bereich stellen Nigel Kneales Quatermass - Serien den wohl bedeutendsten Beitrag Großbritanniens zur filmischen SciFi der 50er Jahre dar.** Doch während die Werke von Rilla und Kneale einen sehr distinktiven, wenn man so will "britischen", Charakter besitzen, versuchten andere englische Produktionen der Zeit ganz bewusst, ihre Herkunft zu verschleiern und das Modell des amerikanischen B-Movies möglichst genau nachzuahmen, um so ihre Chancen auf dem US-Markt zu verbessern. Zu letzterer Kategorie gehört ganz sicher auch der im Auftrag der ziemlich kurzlebigen Filmfirma Amalgamated Productions gedrehte Fiend Without a Face. Was jedoch nicht notwendigerweise gegen ihn spricht.

Irgendwo in den Wäldern der kanadischen Provinz Manitoba hat die US-Luftwaffe eine Basis eingerichtet, um ihr neues Super-Radarsystem für die Raktenabwehr zu testen. Die einheimische Bevölkerung steht den Yankees skeptisch bis offen feindselig gegenüber. Viele fürchten, deren Atomreaktor sei keineswegs so sicher wie behauptet und verstrahle Vieh und Menschen der Umgebung. Als Farmer Griselle ganz in der Nähe der militärischen Einrichtung auf mysteriöse Weise zu Tode kommt, verschlechtert das die ohnehin angespannte Atmosphäre ganz erheblich. Major Cummings (Marshall Thompson) erhält daraufhin den Auftrag, als offizieller Repräsentant der Basis für eine Verbesserung der Beziehungen zu sorgen. Eine Mission, die er nur gar zu gerne ausführt, nachdem er Griselles hübsche Schwester Barbara (Kim Parker) kennengelernt hat. All zu viel Zeit zum Flirten bleibt unserem Helden freilich nicht, denn bald schon beginnen sich die Todesfälle in dem kanadischen Dorf zu häufen. Eine Autopsie ergibt, dass sämtlichen Opfern das Hirn und Rückenmark entfernt wurde. Ob der einsiedlerische Professor Walgate (Kynaston Reeves), bei dem Barbara als Sekretärin arbeitet und der sich mit PSI-Phänomen beschäftigt, etwas Licht in die Sache bringen kann? Vielleicht, doch zeigt sich der exzentrische Wissenschaftler nicht unbedingt kooperativ. Sollte er am Ende selbst hinter den unheimlichen Geschehnissen stecken?

Ich nehme an, dass sich, von der Grundidee einmal abgesehen, nur wenig aus Amelia Reynolds Longs Story in Fiend Without a Face erhalten hat. Gar zu deutlich bedient sich der Film bei den üblichen Kalte Kriegs - Motiven des SciFi-Kinos seiner Zeit einschließlich der stets gern benutzten Stock-Footage-Einspielungen herumfliegender Kampfjets. 
Ironischerweise ist das Bild, das der Streifen von unseren Air Force - Helden zeichnet, zu Beginn dennoch etwas zwiespältig. Ihr Verhalten gegenüber den kanadischen "Hinterwäldlern" ist nicht frei von einer quasi-kolonialistischen Arroganz, und als bei einem Testflug die Energie für das neue Radarsystem nicht ausreicht, befiehlt der Kommandant ohne groß zu zögern, die Auslastung des Atomreaktors zu erhöhen, obwohl der verantwortliche Techniker zu bedenken gibt, dies könne zu einer Kernschmelze führen. Das Misstrauen der Einheimischen scheint so gesehen mehr als berechtigt. Doch natürlich verfolgt der Film diese Motive, die wohl eher unbeabsichtigt in Herbert J. Leders Drehbuch gelangt sind, nicht weiter, und am Ende kämpfen Air Force - Offiziere und Dorfbewohner Seite an Seite gegen die wirkliche Bedrohung.

Neben Kalter Kriegs - Paranoia war das Misstrauen gegenüber moderner Wissenschaft und Technik ein weit verbreitetes Motiv im SciFi-Film der 50er Jahre. Seine Helden waren zwar nicht selten selbst Professoren oder Lehrer, dennoch lässt sich in einer ganzen Reihe von Streifen der Zeit eine Art populistischer Antiintellektualismus ausmachen. Nach dem Motto: Wer weiß, was uns das, was sich diese Eierköpfe da oben so ausdenken, eines Tages noch einbrocken wird? In Filmen wie Howard Hawks' & Christian Nybys The Thing From Another World (1951) oder Jack Arnolds Tarantula (1955) drohten überehrgeizige oder eiskalt-arrogante Wisenschaftler Tod und Vernichtung über ihre Mitmenschen zu bringen. Und gar zu oft musste die Atomenergie als die Quelle aller übernatürlichen Übel herhalten. Letzteres war natürlich auch eine Reaktion auf die apokalyptische Zerstörungskraft, die diese neue Technik 1945 in Hiroshima und Nagasaki entfesselt hatte. Wohl am deutlichsten zeigt sich das in Ishiro Hondas Gojira (1954). Doch da viele Leute dazu neigten, die Hauptverantwortung für das Grauen der Atombombe eher bei den Physikern als bei den Politikern {oder gar dem Gesellschaftssystem, das diese vertraten und verteidigten} zu suchen, vermischte sich dieses Motiv sehr oft mit einem allgemeineren Antiintellektualismus.

Fiend Without a Face lässt sich als ein besonders grotesker Ausdruck dieser Strömung interpretieren. Zumindest wenn man geneigt ist, ihn in seiner symbolischen Dimension erstzunehmen. Es wird wohl niemanden überraschen, dass in der Tat der eigenbrötlerische Prof. Walgate für die mörderischen Ereignisse in Manitoba verantwortlich ist. Doch das ist nur der Anfang. Was den besonderen Charakter des Filmes ausmacht ist die Natur des Grauens, das der verblendete Wissenschaftler unbeabsichtigterweise entfesselt hat. In seinem Bemühen, telekinetische Kräfte zu entfalten, ist es ihm unter Zurhilfenahme des benachbarten Atomreaktors, dem er auf irgendeine unerklärliche Weise Energie abgezapft hat, gelungen,  der Kraft seiner Gedanken eine von ihm selbst losgelöste, physische Realität zu verleihen. Doch unglücklicherweise haben diese Avatare seines Hirns ein höchst bösartiges Eigenleben entwickelt, machen Jagd auf Menschen, um deren Gehirne zu verspeisen, und vermehren sich zu allem Überfluss auch noch wie die Karnickel.
Für einen kurzen Moment könnte man vielleicht glauben, Prof. Walgates fataler Fehler gleiche dem von Dr. Morbius aus Forbidden Planet (1956). Doch dem ist nicht so. Die mörderischen Kreaturen in Fiend Without a Face sind keine Verkörperungen des Unterbewussten ihres Schöpfers, sie sind einfach bloß Monster. Für den Großteil des Films treiben sie unsichtbar ihr Unwesen, doch wenn sie uns zum großen Finale endlich ihre wahre Gestalt enthüllen, präsentieren sie sich uns als Gehirne mit tentakelhaften Auswüchsen oder Gliedmaßen. Der antiintellektualistische Symbolgehalt des Ganzen ist ziemlich eindeutig: Hier laufen im wahrsten Sinne des Wortes Hirne Amok!

Doch auch wenn das als "Botschaft" natürlich nicht wirklich sympathisch wirkt, ist Fiend Without a Face ein durchaus sehenswerter kleiner Film. Regisseur Arthur Crabtree, der einen SciFi-Flick offenbar für unter seiner Würde hielt, soll oft tagelang nicht auf dem Set erschienen sein, so dass Hauptdarsteller Marshall Thompson seine Aufgaben übernehmen musste. Ich bin mir deshalb nicht sicher, wem hier die Lorbeeren gebühren, doch entfaltet der Streifen über weite Strecken auf recht gelungene Weise eine unheimliche Atmosphäre. Die Attacken der unsichtbaren Monster sind stets effektvoll in Szene gesetzt, und der Auftritt eines wahnsinnig gewordenen Dorfbewohners macht im Rahmen der Story zwar überhaupt keinen Sinn, wirkt jedoch selbst heute noch leicht schockierend. In den Rang eines kleinen Klassikers steigt der Streifen allerdings erst im großen Finale auf. 
Die Enthüllung des Monsters wirkt aufgrund der beschränkten tricktechnischen Möglichkeiten in vielen phantastischen Filmen der Zeit wie ein kleiner Dämpfer. Bei Fiend Without a Face ist genau das Gegenteil der Fall. Überraschenderweise hatte man sich bei Amalgamated Productions dazu entschieden, den Monstern eine zeitaufwendige und teure Stop-Motion-Behandlung angedeihen zu lassen. Dazu beauftragt wurden der deutsche SFX-Künstler Karl-Ludwig Ruppel und der österreichische Surrealist Florenz von Nordhoff. Das erhöhte die Kosten um einige zehntaused Pfund und verzögerte die Fertigstellung des Films nicht unbeträchtlich, wie sich Produzent Gordon in einem Interview mit Tom Weaver Jahre später erinnerte:
When Ruppel and Nordhoff came into it we had a finished screenplay and they pretty much had to stick to it. They were working on their effects continuously while we were shooting, and then most of the special effects scenes were finished after the principal shoot was over. It did take rather longer than we expected, and the picture went way over schedule in the post-production because of the special effects.
Doch der Aufwand machte sich bezahlt. Auf jedenfall sicherte er Fiend Without a Face einen ehrenwerten Platz in den Annalen des phantastischen Films. Nigel Honeybone schreibt über das große Finale:
There can be no purer surrealism in cinema than the sight of these twitching brain-things besieging a house full of people, leaping and plopping like possessed frogs. The entire climax has the bizarreness of some mad medieval allegory, like a triptych by Hieronymus Bosch.
Der Vergleich mit den phantasmagorischen Visionen des spätmittelalterlichen Malergenies mag etwas hoch gegriffen sein, doch sind es in der Tat vor allem die letzten zehn Minuten, die Fiend Without a Face aus der Masse seiner Artverwandten hervorheben.
Auch ist die Darstellung des Endkampfs erstaunlich drastisch ausgefallen. Immer wieder bekommen wir zu sehen, wie die Hirnkreaturen von Pistolenkugeln getroffen aufplatzen und sich ihre "Innereien" unter widerlich schmatzenden Geräuschen auf den Boden oder irgendwelche Möbel ergießen. Aus heutiger Sicht natürlich nicht sonderlich aufsehenerregend, trieben diese Szenen die britischen Zensoren seinerzeit doch zur Weißglut. Selbst nach diversen Eingriffen mit der Schere durfte der Streifen nur mit dem Kainsmal "X" gebrandmarkt in den Kinos des Königreiches gezeigt werden. Und selbst in dieser verwässerten Form rief er bei den selbsternannten Sittenwächtern in der englischen Presse immer noch reichlich Empörung hervor: "What is the British film industry thinking by trying to beat Hollywood at its own game of overdosing on blood and gore". Angeblich löste er sogar eine kleine Parlamentsdebatte aus.
Na wenn das keine Empfehlung ist ... 

* Zumindest eine von ihnen kann man sich hier durchlesen. 
** Wer sich für meine Besprechungen von The Quatermass Experiment (1953), Quatermass 2 (1955) und Quatermass and the Pit (1958/59) interessiert,  findet diese hier, hier & hier.

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