"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Donnerstag, 20. November 2014

Statt eines Nachrufs

Gestern verstarb im Alter von dreiundachtzig Jahren Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Mike Nichols. Ein Künster von seinem Format hätte einen ausführlichen Nachruf verdient, der sich auf faire, aber kritische Weise mit seinem fünf Jahrzehnte umspannenden Oeuvre auseinandersetzen würde. Ich bin nicht die Person, die einen solchen Nachruf verfassen könnte. Dennoch fühle ich mich dazu getrieben, ein zwei Gedanken niederzuschreiben, die mir bei der Nachricht von Nichols' Tod gekommen sind. 

In Anbetracht des tragischen Anlasses mag das schlechter Stil sein, aber was mir als erstes durch den Kopf schoss, als ich mir den Werdegang des Regisseurs noch einmal vergegenwärtigte, war folgendes: Schaut man auf den Anfang und das Ende seiner Filmkarriere, dann bekommt man auf krasse Weise vor Augen geführt, was über die Jahrzehnte aus Amerikas liberaler Intelligenzija geworden ist. Und es ist kein schöner Anblick.

Der große Filmkritiker Andrew Sarris schrieb 1969 über Nichols, der drei Jahre zuvor mit Who's Afraid of Virginia Woolf? sein triumphales Kinodebüt gefeiert hatte:
The suspicion persisted in shamefully skeptical circles that Nichols was more a tactician than a strategist and that he won every battle and lost every war because he was incapable of the divine folly of a personal statement. No American director since Orson Welles had started off with such a bang, but Welles had followed his own road, and that made all the difference. Nichols seems too shrewd ever to get off the man highway. His is the cinema and theatre of complicity. And the customer is always right except in the long view of eternity.*
Ich weiß nicht, wie Sarris die spätere Entwickung des Regisseurs beurteilt hat, aber diese frühe Einschätzung scheint mir eine tiefe Wahrheit zu enthalten. Mike Nichols war ohne Zweifel ein talentierter und in bestimmten Grenzen sehr sensibler Filmemacher, doch von Anfang an schreckte er davor zurück, Positionen zu beziehen, die ihn in Gegensatz zu dem liberalen Milieu gebracht hätten, dem er selbst entstammte und das sein Publikum bildete. Wohl gemerkt, ich will Nichols nicht der Feigheit oder des bewussten Opportunismus bezichtigen. Am ehesten ließe sich das, was ich meine, vielleicht als intelektuelle Passivität beschreiben. 
In vielen seiner Filme erweist er sich deshalb als eine Art Sprachrohr der intelektuellen Mittelklasse, deren Gedanken und Befindlichkeiten er künstlerisch umsetzt, ohne sie je kritisch zu analysieren oder zu hinterfragen, weshalb diese Werke oft einen etwas oberflächlichen Eindruck hinterlassen. Blickt man auf sein Oeuvre, so blickt man zugleich auf die Entwicklungsgeschichte eines ganzen sozialen Milieus. Aus diesem Grund erscheint es mir ungemein symptomatisch, auf welcher Note dieses Oeuvre ausklingt.

Mike Nichols' dritter Kinofilm nach Virginia Woolf (1966) und The Graduate (1967) war die Adaption von Catch-22 -- Joseph Hellers genialer, ungemein witziger, böser und intelligenter Satire auf Militarismus und Kapitalismus. 
Sein letzter Kinofilm war Charlie Wilson's War -- ein ignorantes Stück Geschlichtsklitterung, das auf die Verherrlichung der CIA-Operationen zur Unterstützung, Bewaffnung, Ausbildung und Finanzierung der afghanischen Mudschaheddin in den 80er Jahren hinausläuft. Filmkritikerin Joanne Laurier schrieb seinerzeit völlig zurecht über diesen Streifen:
[Nichols'] latest film, saturated with ferocious anti-communism, is a defense of neo-colonialism and the right of American “democracy” to intervene wherever it likes around the globe. Its relatively minor amusements are like chocolate icing on a poisoned cake.
Die Tatsache, dass Charlie Wilson's War bei den allermeisten Kritikern eine begeisterte Aufnahme fand, deutet darauf hin, dass Nichols auch in seinem letzten Werk sehr genau die vorherrschende Stimmung in Amerikas intelektueller Mittelklasse zum Ausdruck brachte. Und damit sprach er ohne es zu wollen ein vernichtendes Urteil über selbige aus.
  

* Andrew Sarris: The American Cinema. Directors and Directions 1929-1968. S. 218.

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