"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 8. November 2014

Endlich

Vor über zwei Jahren habe ich auf diesem Blog schon einmal einen längeren Beitrag über Requires Hate (RH) alias Winterfox alias Pyrofennec alias Valse de la Lune alias alias alias ... gepostet. Wer nicht weiß, von wem die Rede ist, sollte vielleicht erst einmal dort kurz reinlesen. Doch er oder sie sei gewarnt: Es handelt sich um eine wirklich unappetitliche Geschichte.
Nachdem ich den Artikel geschrieben hatte, gab es für mich keinen weiteren Anlass mehr, mich noch einmal mit dieser äußerst unangenehmen Person auseinanderzusetzen. Zwar stieß ich ab und an in den Weiten des Internets auf Berichte über ihre neuesten Hasstiraden, doch ich hatte kein Interesse, mich noch einmal genauer mit ihr und ihrem Treiben zu beschäftigen. Sicher, als ich erfahren musste, dass Djibril al-Ayad -- Herausgeber des Magazins The Future Fire -- und einige andere den Versuch gestartet hatten, eine Hugo - Nominierung für RH zu erreichen, weckte das in mir erneut die alte Mischung aus Ekel und Melancholie, aber das war's dann auch.

Doch angesichts der Ereignisse der letzten Wochen und vor allem aufgrund des von Laura J. Mixon verfassten Report on Damage Done by One Individual Under Several Names fühle ich mich irgendwie verpflichtet, noch einmal einen kurzen Post zu dem Thema zu schreiben. 

Ich habe nicht die Zeit und nicht die Kraft, das Geschehen im Detail nachzuzeichnen. Eine Zusammenfassung findet sich hier. Jedenfalls outete Nick Mamatas RH als Benjanun Sriduangkaew. Seine Gründe hierfür bleiben schleierhaft, ist er doch einer von RH's begeisterten und besonders aggressiven Anhängern. Aber nach dem, was ich in den letzten Wochen so gesehen habe, scheint Mamatas es zu genießen, Kontroversen jeder Art auszulösen, einfach nur, weil er damit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermag. Wie dem auch sei, das Thema RH erhielt damit eine ganze neue Dimension.  
Benjanun Sriduangkaew ist eine junge (?) Autorin (?), deren seit 2012 u.a. in Clarkesworld und dem Apex Magazine erschienene Kurzgeschichten in Teilen der englischsprachigen SFF-Gemeinde offenbar für einiges Furore gesorgt und zu ihrer Nominierung für den diesjährigen John W. Campbell Award geführt haben. Die Nachricht, dass es sich bei ihr zugleich um die "Rage Bloggerin" Requires Hate und die berüchtigte Trollin Winterfox handelte, musste für viele wie ein Schock kommen. Denn zur Förderung ihrer beginnenden Schriftstellerkarriere hatte sich RH nicht nur eine neue "Maske" {allem Anschein nach ist auch Sriduangkaew bloß ein weiteres Pseudonym}, sondern auch eine neue "Persönlichkeit" zugelegt. In der Gestalt von "Bee" präsentierte sie sich als überaus netter, charmant-naiver Neuling in der Welt von Fantasy und SF.
Damit das klar ist: Ganz gleich was RH in ihren öffentlichen "Entschuldigungen" {hier und hier} behauptet hat, an ihrem Verhalten hat sich in den letzten zwei Jahren nichts grundsätzliches verändert. Nach wie vor vergnügte sie sich damit, andere Menschen zu terrorisieren. Eines ihrer Opfer war Chelsea Gaither, deren qualvollen Bericht über das von ihr Durchgestandene man hier lesen kann. 
In anderer Hinsicht allerdings war es tatsächlich zu einer Art von Wandlung gekommen. RH wurde zu mehr als einer besonders bösartigen Trollin und Cyber-Stalkerin. Zielstrebig baute sie sich eine blind ergebene Anhängerschaft auf, deren wohl bekanntestes Mitglied Alex Dally MacFarlane sein dürfte, Verfasserin der Tor-Kolumne Post-Binary Gender in SF. Die Methoden, derer sie sich dabei bediente, gleichen auf geradezu unheimliche Weise denen einer Sektenführerin. Laura Mixon schreibt in ihrem Bericht über RHs "inneren Zirkel"
These people actively work in coordination with her to identify and launch attacks against targets. They appear to be mostly progressive women, and many are women of color. I know this because a number of them have reached out privately to me. They feel trapped and want out. They have provided me with details.
BS/RH draws them into her circle with flattery and friendliness, cultivating a mentor-like relationship with them. She provides a supposed safe, private space online for them to vent their frustrations and fears. Gradually BS/RH pulls them in a tight orbit, a world filled with negativity and paranoia where no one is to be trusted but her. She eggs them on in email exchanges or live chats to say intemperate things about their SFF colleagues. In other words, she incites them to help pick targets.
Members of the inner circle receive (initially gentle) correctives if they push back against BS/RH’s directives. If they continue to resist, they become targets, themselves—with the added unspoken threat that she can publish their ill-considered emails at any time. They have been her loyal soldiers, and have spoken ill of and acted badly toward other people at her behest.
However, though they are culpable, it is important to remember that someone they thought they could trust is in essence holding them hostage. In a very real sense, they are BS/RH’s victims, too.
Einen genaueren Einblick in diese Mechanik eröffnen die bei Fail.Fandom.Anon zu lesenden Aussagen eines ehemaligen Mitglieds dieses Zirkels.
Ihren gesteigerten Einfluss nutzte RH auf perfide Weise aus, um ihr missliebige Personen mundtot zu machen, zu isolieren und zu verleumden. Dies gilt insbesondere für Rochita Loenen-Ruiz und Athena Andreadis.

In meinem alten Blogpost über RH ging es mir in erster Linie um die politische Dimension des Ganzen.
Nachwievor bin ich davon überzeugt, dass ihr Treiben in hohem Maße von der Art begünstigt wurde, in der Diskussionen in einem Umfeld geführt werden, das von den Ideen der Identitätspolitik und den mit ihr verbundenen Theorien ("Privilege Theory", "Critical Race Theory", "Intersectionality" etc.) geprägt ist. Auch jetzt noch bedienen sich ihre Verteidiger & Verteidigerinnen wie Djibril al-Ayad, K. Tempest Bradford, Alex Dally MacFarlane, Tori Truslow oder Bloggerin Tessa Argumenten, die sie dem Arsenal dieser äußerst ungesunden Ideologie entnommen haben. {Und natürlich versucht RH selbst, sich als bemitleidenswertes Opfer darzustellen; vgl. dazu James Worrads Post}. Doch erfreulicherweise haben in den letzten Tagen und Wochen eine ganze Reihe von Personen, deren Denken sicher gleichfalls nicht unbeeinflusst von den Ideen der Identitätspolitik ist, bewiesen, dass Mitgefühl und simple Menschlichkeit für sie wichtiger sind, als irgendwelche ideologischen Dogmen. Auch Rochita Loenen-Ruiz und Athena Andreadis standen RH ursprünglich keineswegs grundsätzlich ablehnend gegenüber. Erst nach einiger Zeit realisierten sie, dass sie es bei ihr nicht mit einer vielleicht etwas übereifrigen Kämpferin, sondern mit einer zutiefst bösartigen und manipulativen Sadistin zu tun hatten. Und anders als etwa Kameron Hurley entschieden sie sich dazu, ganz klar Stellung zu beziehen. Inzwischen haben sich auch Personen, die nicht unmittelbar betroffen waren, wie z.B. Elizabeth Bear, Farah Mendlesohn und Nalo Hopkinson sehr deutlich zu RH geäußert.

Es ist diese menschliche Dimension, die mir im Moment besonders wichtig ist. In der ersten großen Diskussion nach dem Outing von RH wurden ihre Opfer von Nick Mamatas und anderen RH-Fans noch einmal mit den inzwischen sattsam bekannten, widerlichen Methoden niedergeknüppelt. Doch spätestens mit Laura Mixons Bericht hat sich vieles geändert. Zum ersten Mal ist dort einer größeren Öffentlichkeit innerhalb der SFF-Gemeinde der ganze Umfang von RHs Treiben bekannt gemacht worden. Gleichzeitig hat Mixon einen Raum geschaffen, in dem die Opfer endlich über ihre Erlebnisse berichten können, ohne befürchten zu müssen, dass RHs Knüppelgarde über sie herfällt. 
Was man dort zu lesen bekommt, ist zum Teil wirklich erschütternd. Wieviel Leid eine einzelne Person anrichten kann, wenn sie nur geschickt, grausam und "fleißig" genug ist! {Und wie u.a. Rachel Manija Brown aus eigener Erfahrung berichtet, hat RH ihre Opfer zum Teil jahrelang verfolgt und gequält.} 
Es ist sehr erfreulich, dass all dies nun endlich ans Tageslicht gelangt. Hoffentlich können die Opfer aus der Aufmerksamkeit und dem Mitgefühl, die ihnen nun zuteil werden, neue Kraft schöpfen. Ungeschehen können die Wunden nicht gemacht werden. Aber vielleicht wird es zumindest bei einigen Leuten in der SFF-Gemeinde zu einem Umdenken kommen. Vielleicht werden sie in Zukunft weniger schnell bereit sein, unmenschliches Verhalten gut zu heißen, nur weil es unter dem Deckmantel einer "progressiven" Agenda einherkommt. Dieser Post eines ehemaligen RH-Anhängers gibt zumindest Anlass zur Hoffnung.    


PS: Hier findet sich eine recht umfassende Linkliste zu der Kontroverse.      

Kommentare:

  1. Gottseidank ist dieser spezielle Alptraum zueende. Ich bin auf RH zuerst durch das Scott Bakker Debakel auf Peter Watts Blog gestossen (und dann über Umwegen auf deinen Blogartikel der mir, wie auch dieser, aus der Seele spricht) und war schon damals erschüttert, nicht nur über RH, sondern noch mehr darüber, welche Leute, einige die ich vorher sehr geschätzt habe, ihr zur Seite gestanden haben. Das und was später passiert ist, hat mich tief enttäuscht über den inneren Zustand des Genres zurückgelassen. Ich sah eine Ideologie sich ausbreiten, die RH überhaupt erst möglich gemacht hat diesen Schaden anzurichten. Man kann nun ein wenig wieder hoffen, aber besorgt bleibe ich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. »Ich sah eine Ideologie sich ausbreiten, die RH überhaupt erst möglich gemacht hat diesen Schaden anzurichten.«

      Ich kann nachvollziehen, wie man zu dieser Einschätzung kommt, aber ich glaube trotzdem nicht so recht daran. RH trollt und stalkt seit Jahren, und anscheinend hat sie sich dabei die wenigste Zeit auf Social-Justice-Ideologeme berufen.

      Ich vermute eher, dass die Ideologie auch hier ein Produkt der Verhältnisse ist, und nicht andersherum. Es gibt im Moment in der anglophonen SFF eine Menge junge, aufstrebene Autor_innen. Das Selbstbild der SFF-Gemeinde, eine große subkulturelle Familie zu sein, verdeckt nur ungenügend die Tatsache, dass da (wie überall) ein harter Konkurrenzkampf herrscht. Anders als in Deutschland fangen in der anglophonen SFF die meisten Karrieren mit Veröffentlichungen in Anthologien und Magazinen an, und um solche Veröffentlichungen platzieren zu können, braucht man Verbündete. Sich auf Identitätspolitik* zu berufen, ist eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und sich gegen andere durchzusetzen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich in meinen Augen, warum es für manche attraktiv ist, sich mit jemandem wie RH zusammenzuschließen, die einfach alle fertigmacht, die ihr aus irgendwelchen Gründen im Weg stehen. Aus Laura J. Mixons Post geht ja überdeutlich hervor, dass die meisten von RHs Opfern potentielle Konkurrent_innen waren.

      Mobbing findet in den allermeisten Fällen in der Schule und am Arbeitsplatz statt. Das sind kaum zufällig die Orte, wo die Menschen auf ihren späteren Platz im allgemeinen Konkurrenzkampf vorbereitet werden bzw. wo sie in am stärksten am eigenen Leib spüren. Das Problem ist systemisch, nicht ideologisch in dem Sinne, dass die Ideologie die treibende Kraft hinter allem wäre.

      Übrigens ist es auch nicht so, dass im Genre vor dem Auftreten früher alles rosig gewesen wäre; im Gegenteil. Der für mich erschreckendste Beleg dafür stammt aus den 80ern, als Orscon Scott Card ein aufsteigender Star war: Elaine Radford wagte es damals, faschistische Untertöne in Cards Romanen auszumachen (vielleicht hat sie dabei ein wenig zu dick aufgetragen, aber so what). Das Ergebnis war, dass sie gemeinsam mit einem Freund zu einer Con gelockt wurde, wo ebendieser Freund als Warnung an Radford vor aller Augen zusammengeschlagen werden sollte (was Radford in letzter Sekunde verhinderte). Rädelsführer war damals der Autor Rodert Adams. Radfords Freund hat über diese abstoßende Episode <a href="http://www.kuro5hin.org/story/2005/5/28/22428/7034>berichtet</a>.

      * Ich bin normalerweise vorsichtig mit dem Wort Identitätspolitik, weil es in meinen Augen zu oft und zu leichtfertig gebraucht wird, wenn es um Antirassismus, Feminismus etc. geht (und halte es z.B. auch für falsch, sämtliche Intersektionalitätstheorien als identitätspolitisch abzutun), aber auf RH trifft es nur allzugut zu.

      Löschen
    2. Das ist ein ziemlich komplexes Thema und würde eine ausführlichere Behandlung erfordern, wozu mir im Moment die nötige Kraft & Konzentration fehlen. Darum bloß eine kleine Anmerkung:

      Die weite Verbreitung der Identitätspolitik {ein schwammiger Begriff, gebe ich zu} in der anglophonen SFF auf die von hartem Wettbewerb geprägten Verhältnissen innerhalb des Literaturbetriebs zurückzuführen, finde ich zwar eine interessante Idee, dennoch überzeugt sie mich nicht so ganz. Diese Ideologie ist ja nicht innerhalb der SFF entstanden. Da ganz allgemein ein Großteil der "linken" Intelligenzija momentan unter ihrem Einfluss steht, finde ich es erst einmal auch nicht verwunderlich, dass sich das in der kleineren Welt der SFF widerspiegelt.
      Auch halte ich es für etwas gefährlich, gar zu direkte Verbindungen zwischen "materiellen Interessen" und ideologischen Überzeugungen herzustellen. Ich denke, die allermeisten Vertreter & Vertreterinnen der Identitätspolitik verfolgen damit keine unmittelbar egoistischen Ziele.

      Sorry, es fällt mir momentan sehr schwer, meine Gedanken in Worte zu fassen, darum lasse ich das jetzt lieber ...

      Löschen
  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  3. Was mich nur traurig macht, ist das viele der hier Beteiligten kein Problem hatten solange RH nur auf die qua Ideologie vorgegeben "richtigen" Leute einschlug. Man könnte es ironisch finden wenn es nicht so deprimierend wäre, das einige ihrer Opfer einst treue Verbündete waren.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da empfinde ich ganz ähnlich. Winterfox/RH selbst war sicher kein Produkt einer bestimmten Ideologie. Lange bevor sie zur "Social Justice" - Kämpferin mutierte, war sie bereits eine berüchtigte Trollin. Doch ihr Aufstieg zu einer Art Semiberühmtheit innerhalb der anglophonen SFF-Gemeinde hatte sehr viel mit Ideologie zu tun. Ihre Hasstiraden wurden nicht nur entschuldigt, sondern zum Teil bewundert und bejubelt. Und alles im Namen des Kampfes gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

      Löschen
  4. Wenn ich die Kommentare der Autorin der Linkliste unter "PS" lese verlässt mich meine Hoffnung schon gleich wieder. ..

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich weiß * Seufz *
      Nicht ohne Grund habe ich geschrieben, dass ich hoffe, es werde zumindest bei >>einigen<< Leuten zu einem Umdenken kommen. Und diese Hoffnung möchte ich nicht so schnell aufgeben.

      Löschen
  5. Hallo,

    zu schreiben auf deutsch ist mir viel schwerer auf zu lesen...would you mind a translation of your work? imperfect, but available to the English-speaking public? als hier:

    http://blog.logophilos.net/index.php/2014/11/requireshatewinterfoxbenjanun-sriduangkaew-linkspam/#comment-1468

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hello there!

      Don't bother with writing in German. It's totally okay for me to communicate in English. But I appreciate the gesture.

      I've added a GoogleTranslator tool in the sidebar. The quality of the translation seems pretty awful, but I'm afraid, there is nothing more I can do, having neither the time nor the necessary skills to translate the texts myself.

      Bye!

      Löschen