"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 16. Februar 2022

Strandgut

Mittwoch, 9. Februar 2022

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E10: "Ultraworld"

 
Das Interessanteste an Ultraworld dürfte der Verfasser des Drehbuchs sein. Autor Trevor Hoyle hatte nie zuvor für Film oder Fernsehen gearbeitet und würde das auch danach nie wieder tun. Was er jedoch getan hatte, war die ersten beiden Blake's 7 - Romane Terry Nation's Blake's 7 (1977) und Project Avalon (1979) zu schreiben. Für ihn war das einfach ein Job gewesen: 
When I did the Blake's 7 novels, the motive was the money. I don't do anything else - I write full-time. So I did them quickly and I did them to a high professional standard: when you've been a copywriter for over ten years, you learn to turn your literary hand to pretty well any job that comes along. You have to be very professional, versatile and fast - the deadline for that sort of job is always pretty rapid. You get a brief and if you want to keep the job you write to the brief and you do it on time. You can't say, "I don't feel like writing today." You have to feel like it.
Wie es dazu kam, dass er schließlich auch ein Script für die Serie schrieb, weiß ich nicht. 
Hoyle hatte seine Karriere als professioneller Schriftsteller Mitte der 70er Jahre begonnen. Er betätigte sich in allen möglichen Genres, war aber schon seit seiner Kindheit ein großer Science Fiction - Fan. Seine zu dieser Zeit bekanntesten SciFi-Werke waren die drei Bände der Q - Serie: Seeking the Mythical Future, Through the Eye of Time und The Gods Look Down. Voller Zeitreise- und Alternate Universe - Shenanigans drehten sie sich thematisch offenbar um Autoritarismus, Faschismus und Religion. Sein am interessantesten klingendes Werk sollte er allerdings erst in den späten 80ern schreiben: Eine brutale und zugleich satirische Abrechnung mit den Folgen von Thatchers sozialer Konterrevolution unter dem Titel Vail. Andrew Hedgecock hat es einmal so beschrieben:
A blend of science fiction, surrealist vision and classical picaresque, Vail is a grim, and occasionally hilarious, journey into the psyche of a nation seriously at odds with itself. It follows the fortunes of Jack Vail through a totalitarian England, from the wrong (northern) side of "the wire", a dumping ground for toxic waste and people who have lasted beyond their economic sell-by date patrolled by helicopter gunships, to a celebrity obsessed London drenched in pornography and conspicuous wealth. Vail is a howl of pain and a volley of mocking laughter: relentlessly angry but coolly analytical, it's a deeply disturbing portrait of the dispossessed and their tormentors that resists the urge to preach. 
Man sollte meinen, Hoyles offensichtliche thematische Interessen hätten ihn dazu prädestinieren müssen, für Blake's 7 zu schreiben. Doch erstaunlicherweise findet sich nichts davon in Ultraworld. Die Episode ist vielmehr eines jener bizarren Abenteuer, die die Liberator - Crew immer mal wieder fernab der politischen Kämpfe mit der totalitären Föderation erlebt. 
Für sich genommen muss das natürlich nichts schlechtes sein. Ich mag ja Episoden wie Tanith Lees Sarcophagus, James Folletts Dawn of the Gods oder Chris Bouchers City at the Edge of the World. Aber leider zeigt Hoyle in Ultraworld kaum Einsicht in die charakterlichen Eigenheiten unser Held*innen (von einer signifikanten Ausnahme abgesehen), und so bleibt am Ende bloß die (zugegeben hübsch bizarre) zentrale Idee. Was für mich nicht ausreicht, um die Folge über das unterhaltsame Mittelmaß zu heben.
 
Schon die Eröffnungsszene enthält einige charakterliche Ungereimtheiten. Die Liberator stößt in einem verlassenen Sektor des Weltalls auf einen künstlichen Planeten. Lebenszeichen sind keine zu erkennen. Falls es tatsächlich Aktivitäten unter der Oberfläche geben sollte, werden diese vor den Sensoren des Schiffes abgeschirmt. Den meisten an Bord ist das mysteriöse Ding unheimlich. Nur Avon besteht darauf, dass man es etwas näher untersuchen sollte:
Avon: Don't you find it interesting?
Dayna: You'll be telling us next, we can learn a lot from whoever built it.
Avon: Well, we certainly have nothing to teach them, unless it's how to remain ignorant. What do you think, Cally? Shall we stay and observe or shall we scuttle off with our closed minds intact?
Cally: It would be dangerous to go too near. 
Intellektuelle oder wissenschaftliche Neugier gehörte eigentlich nie zu Avons Charakterzügen. Es sei denn, das betreffende Objekt ließe sich irgendwie dazu nutzen, Geld, Macht oder einen anderen Vorteil zu gewinnen. 
Was dann kommt ist die x-te Variante des inzwischen arg ausgelutschten Klischees, dass Cally aufgrund ihrer telepathischen Fähigkeiten zum Opfer mentaler Beeinflussung wird. Denn während der Rest der Crew sich erst mal schlafen legt, teleportiert sie einem entsprechenden Ruf folgend zu dem künstlichen Planeten hinunter. Was dann zum Anlass dafür wird, dass ihr die übrigen (mit Ausnahme Vilas) folgen. Überhaupt hatte ich bei Ultraworld zum ersten Mal sehr deutlich das Gefühl, verstehen zu können, warum Jan Chappell die Serie nach der dritten Staffel verlassen hat. Ihre Figur ist hier vollständig zu einem Plot Device reduziert worden. Den Rest der Episode verbringt Cally bewusstlos auf irgendeiner Liege, während die anderen ihr Abenteuer erleben.
Auf dem künstlichen Planeten angekommen, glaubt Avon in diesem einen einzigen riesigen Computer erkennen zu können. Womit er aber nur teilweise richtig liegt, wie die bald schon auftauchenden blauhäutigen Bewohner erklären: "You were not strictly correct in calling Ultraworld a computer. Ultraworld is much more than that. It possesses consciousness, self-awareness." Die eigentliche Aufgabe des riesigen Konstruktes bestehe darin, so viel Wissen über das Universum zu sammeln, wie möglich.
Das klingt ja erstmal recht harmlos. Und die "Ultras" geben sich auch sehr freundlich und umgänglich. Doch es dauert nicht lange und es stellt sich heraus, dass ihre Methode der Wissensanhäufung gar nicht nett ist. Erinnerungen und Persönlichkeit der Leute, die ihnen in die Hände fallen, werden in der gewaltigen Datenbank von Ultraworld abgespeichert, während die zurückbleibenden Körper entweder als Zombiediener benutzt oder an den geheimnisvollen "Core" verfüttert werden, der sich schließlich als wunderbar groteskes Riesengehirn entpuppt.
Für den Rest der Episode rennen Tarrant und Dayna durch irgendwelche Gänge, während Avon für die Verfütterung vorbereitet wird. Auf so hochwertiges Hirnmaterial hat der "Core" natürlich besonders großen Appetit. Nett allerdings, dass Dayna endlich mal wieder ihre waffentechnischen Spielzeuge auspacken und ihre mobilen Miniminen zum Einsatz bringen darf.
 
Der größte Pluspunkt von Ultraworld ist die finale Wendung, in der ausgerechnet Vila die Rettung bringt. Und das ganz ohne es zu wissen.
Wie gesagt zeigt Trevor Hoyle im allgemeinen kein besonders großes Verständnis für die Eigenheiten der Figuren. Avon, Tarrant und Dayna erscheinen während ihrer Abenteuer auf dem künstlichen Planeten mehr oder weniger austauschbar. Die große Ausnahme bilden Vila und Orac.
Von der ersten Szene an versucht der Dieb dem Supercomputer Witze und Wortspiele beizubringen. Anfangs hält der eingebildete Orac solch frivolen Nonsense für eine Verschwendung seiner wertvollen Zeit. Doch dann beginnen ihn diese auf einer semantischen Ebene zu faszinieren: "The idiosyncratic syntax of riddles interests me. They seem to depend for their effect on solecisms and grammatical discrepancies." (Keine Ahnung, warum das Drehbuch von "Rätseln" spricht, obwohl es sich doch ganz offensichtlich um Scherzfragen handelt.) Vila versteht natürlich kein Wort von diesem philologischen Gebrabbel, und als der Supercomputer auch noch anfängt, seine flachen Witze auf pedantische Art auseinanderzunehmen und zu analysieren, ist er eher irritiert denn erfreut. Doch am Ende sind es eine Reihe seiner Limericks, die den "Core" von Ultraworld zur Implosion bringen, als dieser versucht die Liberator zu übernehmen.
Das ist nicht nur recht amüsant, sondern trifft auch sehr gut die Charaktere von Vila und Orac. Außerdem ist damit der Anlass für folgenden netten Schlussdialog gegeben:
Avon: Tell me, Orac, how precisely did Vila confuse and distract Ultraworld? 
Orac: Quite simple. With a series of random and illogical brain impulses. The planet was programmed to assimilate orderly coherent thought patterns. Anything else confused it.
Vila: Eh?
Avon: You mean Vila spouted nonsense.
Vila: I resent that.
Avon: Oh, I wouldn't if I were you. Orac is saying that a logical rational intelligence is no match for yours.        
 
 

Mittwoch, 2. Februar 2022

Feuer, Blut & Fell-Bikinis

Ich habe es ja nicht so mit Jahresrückblicken oder entsprechenden Listicles. Und Anfang Februar ist für solche Unternehmungen wohl eh nicht mehr ganz die richtige Zeit. Aber im Grunde hat dieser Beitrag ohnehin bloß zufällig eine Gestalt erhalten, die dem etwas ähnlich kommt. Angeteasert hatte ich ihn bereits im letzten Oktober in einer Fußnote zu meinem Blogpost Alles Conan, oder was? – Nope! Dass ich ihn dann auch tatsächlich geschrieben habe, verdankt sich vor allem dem Umstand, dass die gute Alessandra von FragmentAnsichten mir wiederholt zu verstehen gab, dass sie den "Fell-Bikini-Beitrag" (wie er schon bald zwischen uns genannt wurde) wirklich gerne zu lesen bekommen würde. Da konnte ich schwerlich einen Rückzieher machen. ;-) Gedauert hat's dann allerdings trotzdem ziemlich lange. Als ich mich endlich ernsthaft daran setzte, den Post zu schreiben, war die Jahreswende herangerückt und es schien mir deshalb plötzlich eine gute Idee, den Inhalt auf sämtliche Sword & Sorcery - Comics - Heldinnen auszudehnen, deren Abenteuer ich 2021 gelesen hatte. Mit Ausnahme von Amazonia, denn der hatte ich ja schon vor einem Jahr einen eigenen Beitrag gewidmet. Kein Wunder, dass sich die Arbeit an dem Artikel damit noch etwas mehr in die Länge zog. Doch nun ist er ja doch noch fertig geworden ...


Mark Russell, Bob Q & Alessandro Miracolo: Red Sonja (2020/21)
 
Beginnen wir mit der zweiten Hälfte von Mark Russells Red Sonja - Serie, die im November 2019 mit #1 The Coronation begann und im Februar 2021 mit #24 Endgame zum Abschluss gekommen ist. Über die erste Hälfte habe ich mich weiland schon einmal etwas ausführlicher ausgelassen. Die damals versprochene Besprechung der zweiten habe ich auch deshalb nie nachgeliefert, weil ich nicht viel über sie zu sagen habe. Insbesondere der letzte große Handlungsbogen (#19 - #24) hat mich ziemlich enttäuscht.
 
Am Ende des ersten Teils war der Krieg gegen das Imperium von Zamora gewonnen und der größenwahnsinnige Tyrann Dragan hatte sein Leben auf Red Sonjas Klinge ausgeröchelt. Doch Hyrkanias Bevölkerung ist dezimiert und den Überlebenden droht eine furchtbare Hungersnot -- nicht zuletzt dank Sonjas Taktik der Verbrannten Erde. Während des Krieges konnten die Felder nicht bestellt werden. Die einzige Möglichkeit, die Katastrophe abzuwenden, bestände in Getreidelieferungen aus einem der umliegenden Länder. Und das einzige Land, das realistischerweise dafür in Frage kommt, ist Khitai -- jenes Reich, aus dem Sonja vor Jahren flüchten musste, nachdem ihr Lehrmeister Domo vom jetzigen König während eines Staatsstreichs ermordet wurde. Sie übergibt die Regentschaft an die alte Isolde und macht sich zusammen mit Hannah und Scorpio auf den Weg. Ihr Plan besteht darin, ihr eigenes Leben im Austausch für das Getreide anzubieten. Doch König Jo'Qhan hat eine andere Idee. Da er im Zuge seiner Machtergreifung den gesamten Generalstab seiner Armee umbringen ließ, braucht er dringend einen neuen fähigen Heerführer. Und wer wäre besser für diese Rolle geeignet als der legendäre She-Devil? Zumal der junge Herrscher die mit Zamoras Niederlage entstandene Situation dazu nutzen will, seine eigenen imperialen Ambitionen in die Tat umzusetzen.
Die Khitai-Erzählung (#13-#18) hält weitgehend das hohe Niveau der ersten Hälfte, bietet thematisch aber nur wenig neues. Wieder geht es um imperialen Größenwahn und den Preis, den das einfache Volk für die Machtgier seiner Herrscher zahlen muss. Jo'Qhan ist im Grunde bloß ein zweiter Dragan, doch ohne die großartige Theatralik, die den Imperator von Zamora zu einer so amüsanten Figur gemacht hatte. Der interessanteste neue Charakter ist der machiavellistische Eunuch Tortoise ('Schildkröte'), der das eigentliche Hirn hinter dem Coup d'état war und nun miterleben muss, wie sein ehemaliger Schützling -- in dem er den Sohn sieht, den er nie haben konnte -- zu einem irren Möchtegern-Welteroberer wird.
Sonjas Entwicklung ist gleichfalls eine Fortsetzung (oder Wiederholung?) des im ersten Teil gesehenen. Die einstige Einzelgängerin findet sich in einer Position wieder, in der sie für das Leben anderer verantwortlich ist -- in diesem Fall für das der unerfahrenen Rekruten, mit denen die neue Heerführerin die Eroberungspläne des Königs in die Tat umsetzen soll. Dass es schließlich auch noch zu einer romantischen Beziehung zwischen ihr und dem Soldaten Zo'ran kommt -- einem alten Bekannten aus ihrer ersten Zeit in Khitai -- ist im Grunde nur eine weitere Steigerung dieses Motivs.
Mark Russells Neigung zu sarkastischem Humor und einer bitter-zynischen Sicht auf die Welt wird in diesem Teil noch einmal durch genügend Humanität ausbalanciert. Und Bob Q überzeugt erneut mit einem sehr ansprechenden Zeichenstil und dem Kunststück, Red Sonja nie sexualisiert darzustellen, selbst wenn sie in ihrem Chainmail-Bikini durch die Gegend läuft (was sie ohnehin nur noch selten tut, da sie als Heerführerin in eine dem Posten angemessene Rüstung schlüpft). Sogar die "Sexzene" mit Zo'ran (nicht wirklich, wir sehen nur den "Morgen danach") wirkt erstaunlich "unaufreizend" und mehr matter-of-fact. Was sehr gut zum Charakter dieser Beziehung passt: Keine wilde Leidenschaft, sondern zwei Kamerad'innen, die einander angesichts einer aussichtslos erscheinenden Situation und umgeben von Massentod und sinnlosem Leid etwas Trost und menschliche Wärme schenken.
Leider ändert sich all das ab #19 Inside the Fish rapide. Die Rückkehr des Chainmail-Bikinis führt unter Alessandro Miracolos Zeichenstift unglücklicherweise zu den erwartbaren Resultaten. Doch das ist nur ein kleineres Ärgernis. Das Hauptproblem besteht in der Wendung, die die Geschichte von nun an nimmt. Man hat beinahe das Gefühl, Mark Russell wolle ganz bewusst all das einreißen, was er über achtzehn Hefte aufgebaut hatte.  
Nach Hyrkania zurückgekehrt sieht sich Sonja einem neuen Problem gegenüber, das in der Zwischenzeit in der Spin-Off-Miniserie Killing Red Sonja aufgebaut worden war. In dieser hatte sich Dragans Erbe (wenn auch nicht biologischer Sohn) Cyril aufgemacht, seinen "Vater" zu rächen, und war dabei von den Zauberern von Wigur-Nomadene in der "Kunst" der Grausamkeit unterrichtet worden. Der Trope des "evil child" ist zwar alles andere als neu, kann aber unter Umständen immer noch sehr effektvoll sein. Und es ist schon etwas verstörend mitanzusehen, wie der kleine Junge nach seiner magischen "Ausbildung" eine sehr "erwachsene" Form von Grausamkeit und Sadismus an den Tag legt, wenn er seine eigene Mutter einkerkern lässt, den Thron von Zamora besteigt und seinen wohlüberlegten Racheplan in Gang setzt. Aber erzählerisch dient das Ganze eigentlich nur dazu, Sonja in ihre Anfangsposition als verbitterte Einzelgängerin zurückzuwerfen, die alle ihr nahestehenden Menschen durch Gewalt verliert. Eines der zentralen Motive der ersten zwölf Hefte war ja gerade das Aufbrechen von Sonjas Isolation gewesen. Sie hatte in Hyrkania erneut eine "Heimat" und in Leuten wie Isolde, Hannah, Cerkus und Scorpio eine Art "Wahlfamilie" gefunden. All dies wird nun zunichte gemacht. Das ist nicht nur recht langweilig, sondern irgendwie selbst etwas grausam. Russells Zynismus scheint endgültig die Oberhand gewonnen zu haben.
Dass Sonjas Familie ermordet wurde, ist der traditionelle Background der Figur, der sich wohl nie ändern wird. Russell fügte diesem ursprünglichen Trauma im Halloween-Special 2020 von Savage Tales noch ein zweites hinzu, wenn die junge Sonja gezwungen ist, ihren ersten Geliebten zu töten, um ihm vor einen noch schrecklicheren Schicksal zu bewahren. Schon das halte ich für eine fragwürdige erzählerische Entscheidung. Dass er sie im letzten Viertel seiner Geschichte dann noch einmal durch Ströme von Blut waten lässt, nur um an Ende davon überzeugt zu sein, allen Menschen, die ihr etwas bedeuten, Tod und Verderben zu bringen, hat mich dann endgültig etwas abgestoßen. Die Erzählung endet zwar auf einer gar nicht einmal unsympathischen Note: " 
Perhaps the biggest obstacle to creating a new world is our inability to accept how good it could be. Our need to ruin it just to prove we were here.
We just don't build monuments to basic decency. 
Doch das reicht für mich nicht aus, um die völlige Negierung der Entwicklung, die Sonja in den ersten drei Vierteln der Serie durchgemacht hatte, aufzuwiegen. 
Und so sehr ich mitunter auch eigenartige Stil-Mixe zu schätzen weiß, bin ich mir nicht sicher, ob das hier so richtig funktioniert, wenn von Killing Red Sonja her plötzlich cartoonhafte Elemente wie ein sprechender Eber und ein groteskes Riesenpaar Eingang in die eher finster-blutige Geschichte finden.
 
    
Luke Lieberman & Sergio Davila: Red Sonja: Birth of the She-Devil
 
Lieberman hat seit dem 2005er Relaunch von Red Sonja bei Dynamite als Executive Producer die oberste Leitung über das Franchise inne. Mit den meisten seiner eigenen Beiträge wie Wrath of the Gods (2010), Revenge of the Gods (2011) und Atlantis Rises (2012) bin ich nicht vertraut. Aber da er die leitende Hand hinter der ursprünglichen, sehr durchwachsenen Dynamite - Serie war, die sich von 2005 bis 2013 erstreckte, erwartete ich von seiner Rückkehr als Autor nicht unbedingt einen innovativen Zugriff auf die Figur. Genaugenommen liefert er den auch nicht, dennoch haben mir seine zwei Miniserien Birth of the She-Devil (2019) und vor allem The Price of Blood (2020) von allen neueren Red Sonja - Sachen, die ich dieses Jahr gelesen habe, mit am besten gefallen.
 
Der Titel könnte einen befürchten lassen, zum x-ten Mal eine Variante von Sonjas Origin Story vorgesetzt zu bekommen. Doch das ist nicht wirklich der Fall. Auf den ersten paar Seiten erleben wir zwar eine Art Wiederholung der Ereignisse des allerersten Soloabenteuers aus #1 von Savage Sword of Conan (1974), wenn Sonja einen lüsternen Sultan erschlägt. Doch die Miniserie konzentriert sich hauptsächlich auf die Beziehung zwischen der Abenteurerin und ihrem "Ersatzvater" Ozzyus, einer Figur, die Lieberman selbst 2005 in Red Sonja vs Thulsa Doom eingeführt hatte. (1)
 
Die Vorgeschichte der beiden wird uns in mehreren Rückblenden erzählt. Der Gauner findet die dem Massaker an ihrer Familie entkommene Sonja in der schneeverwehten Einöde des Gebirges und rettet sie vor dem sicheren Tod. Er nimmt sich ihrer als einer Art Adoptivtochter an, ist aber sicher nicht gerade eine ideale Vaterfigur für das junge Mädchen. Sie wirft ihm später vor: "All you taught me was how to steal and drink and fight. How to sleep with one eye open. Mostly though you taught me how to lie, especially to those closest to you." Letzteres bezieht sich auf die Umstände des Bruchs zwischen den beiden. Ozzyus verdingt sich zusammen mit ein paar anderen als Begleitschutz für eine Karawane. Während der Vorbereitung des Treks freundet sich Sonja mit Shashana, der ungefähr gleichaltrigen Tochter eines der Händler, an. Doch Ozzyus hat vor, die Karawane auf dem Weg auszuplündern. Und unglücklicherweise hat er sich dabei auch noch mit dem psychopathischen Raka eingelassen. Gegen seinen Willen kommt es zu Blutvergießen und Raka erklärt Shashana zum Teil der Beute. Als sich die immer schon impulsive Sonja auf den Widerling stürzen will, wird sie von Ozzyus niedergeschlagen. Dem ging es natürlich nur darum, das Leben seiner Adoptivtochter (und wohl auch sein eigenes) vor dem sadistischen Schlächter zu retten. Doch für Sonja ist es ein unverzeihlicher Verrat. Zumal sie in Shashana das "unschuldige" Mädchen sieht, das sie hätte werden können, wenn Ozzyus nicht gewesen wäre. Was vielleicht nicht unbedingt eine faire, aber doch nachvollziehbare Einschätzung ist.
Die folgenden Jahre verbringt Sonja mit der erfolglosen Jagd auf Raka, wobei sie zugleich ein leicht selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag legt, das ihrem erklärten Ziel mitunter in die Quere kommt: Despoten killen, Kaschemmen auseinandernehmen und Saufen bis zum Umfallen. Ozzyus halt wohl nicht ganz Unrecht, wenn er darin einen Anflug von Todessehnsucht und einen Ausdruck von "survivor's guilt" sieht -- nicht nur in Bezug auf Shashana, sondern auch auf ihre eigene Familie.
Als die beiden sich wiederbegegnen, befindet sich Sonja in einem ziemlich desolaten Zustand. Ozzyus derweil hat zum Glauben an Mitra gefunden, das Saufen aufgegeben und will um jeden Preis seine vergangenen Fehler wieder gutmachen. Was natürlich nicht ausreicht, um die Wut, die seine Adoptivtochter nach wie vor auf ihn hegt, zu stillen. Für Religion hat Sonja eh nichts übrig ("If the gods are so marvelous and powerful why create such a shit world"), und seine Reueschwüre machen gleichfalls wenig Eindruck auf sie, zumal die doch immer wieder von den gewohnten Rechtfertigungsversuchen begleitet werden. Aber Ozzyus hat Raka aufgespürt, und das allein ist Grund genug, sich wieder zusammenzutun.
Der Psychopath hat sich in der Zwischenzeit zu einem wahrhaftigen Propheten des Chaos entwickelt, der seinen Anhängern eine Art perversen Anarchismus predigt:
You have all been deceived,told that the gods command thou shalt not murder and thou shalt not plunder. Lies! The lies of men, of kings who want to control you with their laws. If the gods don't want you to butcher the weak, then why did they make you strong? [...] The gods made you perfect just as you are, to deny them is blasphemy! We wil lshatter the will of kings and their sacrilegious "laws"
Mit Hilfe einer Droge entfesselt er das "wahre Selbst" der Menschen und verwandelt sie in blutrünstige, zombiehafte Bestien. Auf seinem Kreuzzug zur Verbreitung seiner "frohen Botschaft" erobert er Kaldor, die Hauptstadt des Königreiches Khawaris, und macht sie zu seiner Operationsbasis.
Nach einer weiteren Kneipenschlägerei, dem Sprung von einer Steilklippe und einer wenig erbaulichen Meeresüberfahrt nebst Kampf mit einem Riesenkraken erreichen Sonja und Ozzyus gleichfalls Khawaris. Auf dem Weg dorthin sammeln sie auch noch die junge Elli ein, eine Abenteurerin aus Nemedia (?), die in dieser Geschichte allerdings eine Randfigur bleibt. Als sie auf König Andol und die kümmerlichen Überreste seiner Gefolgschaft stoßen, befindet sich in deren Gewahrsam überraschenderweise eine mit Drogen vollgepumpte, zombifizierte Shashana. Der Comic verzichtet angenehmerweise darauf, uns drastisch vor Augen zu führen, was die junge Frau in den Händen von Raka und seinen Anhängern durchlebt haben muss. Aber dass Sonjas Wut und Hass durch diese Wiederbegegnung noch einmal zusätzlich befeuert werden, ist klar.
 
Wie gesagt ist die Geschichte nicht eben originell. Luke Lieberman scheint eine Vorliebe für finstere Kultführer als Red Sonjas Gegenspieler zu haben. Wenn Raka dennoch ein klein wenig interessanter als andere Vertreter seiner Profession ist, dann weil seine "frohe Botschaft" offenbar als eine Art Metakommentar gelesen werden soll. Seine Tiraden über die heuchlerische Moral der Herrschenden und die "wahre Natur" des Menschen als wilder Bestie ließen sich einerseits als Kritik an der ganzen "Barbarentum vs. Zivilsation" - Idee begreifen, die seit Howards Tagen in einem Gutteil Sword & Sorcery mitschwingt. Mehr noch aber darf man in ihnen wohl einen Kommentar auf die zynische Misanthropie des Grim & Gritty erkennen, die ja nicht ganz zu Unrecht oft als ein moderner Abkömmling der S&S bezeichnet wird. Passenderweise wird dem als Figur wenigerSonja als vielmehr Ozzyus entgegengestellt. Der alternde Gauner weiß, dass er viele Fehler in seinem Leben begangen hat: "Yeah, I failed at a lot of things,and found myself staring at the bottom of a bottle most nights. I failed Red most of all. She deserved a real mentor, instead she was stuck with this loser." Und er weiß auch, zu was Menschen fähig sind: "I have seen some sick things in my day". Und doch ist er es, der Rakas Philosophie die simplen, aber deshalb nicht weniger wahren Worte entgegenhält:  
We are better than this!
Die Geschichte ist generisch genug, um Ozzyus den Opfertod sterben zu lassen (mehr oder weniger). Aber interessanterweise ist es nicht Sonja, die Raka schlussendlich ins Jenseits befördert, sondern die dank Ellis Kenntnis von Drogen weitgehend wiederhergestellte Shashana.
 
Am Ende von Birth of the She-Devil dürfte Sonja endlich begonnen haben, ihre eigenen Schuldgefühle etwas aufzuarbeiten und die Beziehung zu ihrem "Ersatzvater" in etwas versöhnlicherem Licht zu sehen. Mit Elli hat sie außerdem eine neue Freundin gewonnen, mit der zusammen sie zu neuen Abenteuern aufbrechen kann ...                  
 
 
Luke Lieberman & Walter Geovani: Red Sonja: The Price of Blood

... Und die erweisen sich als recht unterhaltsam. Zumal ich bei dieser zweiten Miniserie das Gefühl hatte, als habe sich Lieberman stark von Gail Simones Version der Figur inspirieren lassen. 

Ein Großteil der Geschichte wird im Rückblick von einer im Kerker auf ihre Hinrichtung wartenden Sonja erzählt. Aber die eigentliche Eröffnungssequenz, die unmittelbar an die Ereignisse von Birth of the She-Devil anschließt, repräsentiert eine recht deutliche tonale Verschiebung gegenüber der Vorgängerserie. Sonja und Elli sind nach Aquilonia gekommen, um an dem legendären "Fire Festival" teilzunehmen, von dem man sich selbst in Hyrkania erzählt, es sei besonders "wild and lavish and depraved" -- genau die Art von Spaß, die die beiden jungen Frauen nach den blutigen Erlebnissen der jüngeren Vergangenheit gebrauchen können. In Birth of the She-Devil erschien Sonjas Hang zum Alkohol als Teil eines selbstzerstörerischen Verhaltens, das auf ihre unbewältigten Schuldgefühle zurückgeht. Hier nun wird ihr Hedonismus zu einem Ausdruck von Lebensfreude. Das "Fire Festival" ist mehr als bloß eine wilde Nacht voll Tanzen, Trinken und Sex (wobei Sonja seit längerem einmal wieder als bi- oder pansexuell dargestellt wird). Für Sonja stellt das orgiastische Treiben die befreiende Erfahrung dar, dass die Welt und das Leben der Menschen nicht nur aus Gewalt, Grausamkeit und Unterdrückung bestehen muss:
This place is food for the soul. I have seen so much thievery and murder, it is strange to see good will between people. Something as simple as sharing wine and cheer. It's like jumping from the heat of battle into clear waters.
Der Mönch Sylvan, den die beiden an diesem Abend kennenlernen, erklärt ihnen, dass die wahre Bedeutung des Festes nicht nur in einem Feiern des Lebens besteht ("Someday we will all be dust. But first we dance and shine. It is the fleeting nature of life that makes it beautiful."), sondern zudem in der wenn auch nur flüchtigen Realisierung von Mitras Geboten der Mitmenschlichkeit auf dieser Erde.
Natürlich kann das Erlebnis einer fröhlichen Nacht nicht Sonjas ganze Sicht auf die Welt umkrempeln. Es eröffnet ihr zwar eine andere Perspektive, doch ihr zynischer Pessimismus behält nach wie vor die Oberhand:
I am sorry, this is all ... beautiful. But most of the world is a pile of shit. Evil men doing evil deeds and the gods don't care.
Und tatsächlich endet die fröhlich-dionysische Orgie in einer blutigen Tragödie. Denn kaum ist die Sonne aufgegangen, da tauchen auch schon die schwer gepanzerten Krieger des "Heiligen Ordens" auf, um ein wüstes Massaker unter diesen "Häretikern" anzurichten, die es wagen zu behaupten, der Gott begrüße solch fleischlich-sündiges Treiben. 
Wie nicht anders zu erwarten, stürzt sich Sonja natürlich sofort mit gezücktem Schwert auf die "heiligen" Schlächter. Doch bevor sie gar zu viel weiteres Blutvergießen anrichten kann, wird sie von einem Betäubungspfeil außer Gefecht gesetzt. Verantwortlich dafür ist die mysteriöse Yfat, die unserer Heldin folgenden Deal anbietet: Sie soll die vier mächtigsten Männer des herrschenden Regimes ermorden, die für das Massaker verantwortlich sind. Auf diese Weise könne sie nicht nur Rache üben, sondern nebenbei auch noch ein hübsches Sümmchen Geld verdienen. Sonja zögert nicht lange und schlägt ein.
In Aquilonia hat eine fundamentalistische Kirche die Macht an sich gerissen, die die Mitra-Religion auf zynische Weise benutzt, um die Volksmassen zu kontrollieren und einen Eroberungsfeldzug gegen die Nachbarländer vorzubereiten. 
Die vier Männer an der Spitze, die Sonja nach und nach ins Jenseits befördern soll, verkörpern unterschiedliche, aber durch die Bank verabscheuungswürdige soziale Typen: Der nach außen hin puritanisch-fromme Großinquistor, der in seinen Privatgemächern gerne junge Frauen sexuell missbraucht und sich seinen sadistischen Gelüsten hingibt. Der Hauptmann der Garde, der mit Law & Order die arbeitende Bevölkerung unterdrückt, um sich als heimlicher Chef des örtlichen Drogenkartells an deren Elend zu bereichern. Der skrupellose Politiker (Gouverneur), der nur den Mund aufzumachen braucht, um zu lügen. Der imperialistische General, der es nicht abwarten kann, ein weiteres Volk zu unterwerfen. Alle vier sind eifrig dabei, die Bevölkerung von Aquilonia gegen die Shemiten aufzuhetzen, die sie für sämtliche Übel verantwortlich machen (und die sie außerdem als nächstes Ziel für ihre Eroberungspläne auserkoren haben):
Our land is being overrun, infested by filthy criminals from foreign lands. They are polluting our great nation! Unbelievers and thieves! They bring with them disease, both of the flesh and of the soul. The worst come to us from Shem. They are clever, but trust not their lies. They mean to destroy Aquilonia from the inside. They must be purged!
Als The Price of Blood geschrieben wurde, war Donald Trump noch Präsident der Vereinigten Staaten, und es fällt nicht schwer, in dieser Hasspredigt deutliche Anklänge an die rassistische Hetze gegen Immigranten zu erkennen, derer sich Amerikas Möchtegern-Duce und seine Anhänger*innen so gerne bedienen. Und dass ausgerechnet die Shemiten Opfer dieser Demagogie sind, ist beinahe schon etwas zu eindeutig. Walter Geovani verleiht ihnen zwar glücklicherweise kein "jüdisches" Aussehen, aber die Parallelen zwischen dem obigen Text und "klassischem" Antisemitismus sind mehr als offensichtlich. Es kommt im Laufe der Geschichte sogar zu einem regelrechten Pogrom. Und da Robert E. Howards "Shemites" ja eine Art Analaog zu allen in den 30er Jahren als "semitisch" bezeichneten Völkern waren, einschließlich der Araber, könnte man daneben auch Verbindungen zur aktuell grassierenden Islamophobie sehen.
Nun waren die Trump-Jahre eine Zeit, in der selbst milde Mainstream-Liberale sich als heroische "Widerstandskämpfer" fühlten und sich dabei mitunter zu überraschend "radikal" klingenden Äußerungen hinreißen ließen. Ob Lieberman The Price of Blood heute noch so schreiben und dabei Shem angemessenerweise durch Khitai ersetzen würde (richtet sich die xenophobe Rhetorik der Biden-Adminstration doch in erster Linie gegen China), darf bezweifelt werden. Aber das wäre vielleicht auch etwas zu viel verlangt.
Nichtsdestoweniger macht es natürlich Spaß dabei zuzusehen, wie Red Sonja mit der bigotten Bande aufräumt. Auch wenn wir ähnliches schon einmal in The Falcon Throne von Marguerite Bennett & Aneke miterleben durften. Hier allerdings kommt es nicht zu einem vergleichbar ungetrübten Happy End, denn im Zuge von Sonjas Rachefeldzug kommen Elli und Sylvan ums Leben. Darin sollen wir den titelgebenden "Price of Blood" sehen. Ob man das als eine allgemeine Aussage über die "Sinnlosigkeit von Gewalt" interpretieren soll, sei jedem selbst überlassen.   
    
In letzter Zeit scheint man bei Dynamite in Sachen Red Sonja stilistisch etwas experimentierfreudiger zu werden. Wobei die Resultate meiner Meinung nach durchwachsen sind. Neben den Arbeiten von Mirko Colak und Bob Q. für Mark Russells Serie gefällt mir z.B. der cartoonhafte Stil von Moritat in The Invincible Red Sonja recht gut. (2) Dagegen kann ich mit Guiseppe Cafaros Zeichnungen für die allerneueste Serie von Mirka Andolfo nicht so viel anfangen.
Im Vergleich dazu orientieren sich Birth of the She-Devil und The Price of Blood sehr stark an der "klassischen" Ästhetik der Dynamite - Sonja. Was natürlich kein Wunder ist. Sergio Davila hat im ursprünglichen Run (2005-13) zwar nur die abschließende Mini-Serie The Crimson Well gezeichnet -- ein bizarres Crossover mit Dracula, in der unsere Heldin zur Vampirin mutiert ist (don't ask) --, doch Walter Geovani war mit über dreißig Nummern sicher einer der prägenden Künstler dieser Ära. Dementsprechend trägt Sonja hier nicht nur durchgehend ihren Chainmail Bikini, sondern entspricht in ihrer Erscheinung ganz allgemein dem Typus der "sexy Amazone".
Doch mit dem ganzen Thema werden wir uns später noch etwas eingehender beschäftigten. Für den Moment verlassen wir erst mal die Gefilde des Hyborian Age und wechseln in andere Fantasywelten.
 
 
Christophe Arleston,  Melanÿn & Dany: Die Kriegerinnen von Troy
 
Es war mein guter Freund Molo, der mich während eines meiner Besuche in seiner Heimstatt mit der Fantasysaga Lanfeust von Troy von Christophe Arleston & Didier Tarquin bekannt machte. Ob ich mir dieses Epos je in seiner Gänze einverleiben werde, ist eher fraglich, aber als ich unter den zahlreichen Spin-Off-Serien einen Zweiteiler über die Abenteuer von drei Sword & Sorcery - Heldinnen entdeckte, war klar, dass alsbald eine Bestellung beim Splitter - Verlag eintrudeln würde.
 
Nun ist zwar das ganze Lanfeust - Universum in einem eher cartoonhaften Stil gehalten, doch vielleicht sollte man dennoch vorausschicken, dass Zeichner Dany (Daniel Henrotin) seinen vielleicht größten Erfolg in den 90er Jahren mit der humoristischen Erotik-Comics-Reihe Ça vous intéresse? feiern konnte. Und das merkt man den Kriegerinnen von Troy mitunter auch an. Aber von einigen für meinen Geschmack dann doch etwas zu pubertären Sex-Jokes am Rande abgesehen, hat mich das nicht weiter gestört, da Story und Figuren alles in allem grundsympathisch sind. 
 
Das zeigt sich schon im Eröffnungsszenario: Im Archipel der Inseln der Üppigkeit vor der Küste von Questien geraten ein Handelsschiff und eine kleine Piratenflotille aneinander. Der Händler Komptan hat die Söldnerin Lynche als Begleitschutz dabei, während die Freibeuter ihre Kollegin Raya als Unterstützung engagiert haben. Die beiden sind alte Bekannte und als sie sich im Kampfgetümmel plötzlich gegenüberstehen und die Klingen kreuzen., kommt es zu einem freundschaftlichen Wortwechsel. "Zahlen sie gut?" -- "Nicht besonders." Diesmal unterliegen die Piraten, und als sich die beiden Kriegerinnen am selben Abend in einer Taverne in Purpurhafen erneut begegnen, ist Raya dementsprechend abgebrannt. Zudem sie sich mit ihrem allerletzten Geld unbedingt diese verführerische neue Armbrust kaufen musste. Lynche hingegen konnte sogar eine Extra-Prämie einstreichen. Einem gemeinsamen feucht-fröhlichen Abend steht also nichts im Weg. Doch während Lynche sich hauptsächlich für den hübschen Schankburschen interessiert, verfällt Raya in eine etwas trübsinnige Stimmung und grübelt über ihr Dasein als Söldnerin nach. Sie will endlich einmal etwas "sinnvolles" in ihrem Leben machen. Da kommen Yquem und seine "humanitäre" Karawane gerade recht. Die wollen angeblich dringend benötigte Nahrungsmittel in das von einer Hungersnot verheerte Delpont bringen. (Nehmen aber auch sehr gerne Spenden in Gold und Schmuck an). Genau auf so eine Mission hat Raya gewartet! Und Yquem ist wirklich sehr beredt (In der Welt von Troy besitzt jeder Mensch ein magisches Talent, und seins ist offenbar eine äußerst überzeugende Stimme). Lynche findet die sentimentalen Anwandlungen ihrer Freundin zwar ganz schön naiv, entscheidet sich am Ende aber doch dafür, sie und die Karawane zu begleiten. Gerade weil Yquem ihr alles andere als vertrauenswürdig erscheint. Und so macht man sich gemeinsam auf den Marsch durch die Wüste.
  
Lynches Misstrauen erweist sich als nur zu berechtigt. Nicht bloß wird relativ schnell klar, dass der schleimige Yquem ein ziemlich widerlicher Kerl ist. Nach ersten Abenteuern mit Drachen und monströsen Heuschreckenschwärmen lässt er endgültig die Maske fallen, als er ein Massaker an den ausgehungerten Bewohnern eines kleinen Dorfes befiehlt. Wie aus dem Nichts taucht dabei auch eine weitere alte Bekannte unserer Heldinnen auf. Die Söldnerin Issan, die Yquems bewaffnete Handlanger befehligt. Und so finden sich Raya und Lynche am Ende des ersten Bandes nicht auf einer humanitären Mission, sondern in der Folterkammer des falschen Philanthropen wieder. Dessen Meister, der gestaltswandlerische Monsterwurm Mürgl, will unbedingt seinen Schatz zurück haben, den Lynches Vater vor Jahren geraubt hatte. Unerwartete Hilfe kommt von Issan, die (scheinbar?) die Fronten wechselt. Und so machen sich die drei Kriegerinnen im zweiten Band auf, um ihrerseits den Schatz zu heben. Doch der Ärger mit Mürgl und Yquem ist noch nicht zu Ende ...
  
Trotz Massaker, Folter und anderer unschöner Angelegenheiten ist Die Kriegerinnen von Troy in einem sehr lockeren Tonfall gehalten. Zusammen mit Danys cartoonhaftem Zeichenstil verleiht das dem Ganzen einen merklich parodistischen Charakter. Was nicht heißen soll, dass die Story eine simple Verulkung von Sword & Sorcery - Klischees wäre. Sie liest sich durchaus als neckisches Abenteuergarn mit drei sympathischen Protagonistinnen. Aber sie kommt auf jedenfall mit einem ironischen Augenzwinkern daher. Dass Lynche und Raya äußerst knappe Ausgaben des traditionellen Blech-Bikinis tragen (Issan hat's mehr mit Leder), versteht sich dabei eigentlich von selbst. Jede andere Kostümierung wäre hier fehl am Platze gewesen. Bei der rothaarigen und kurvenreichen Raya dürfte sogar mit ziemlicher Sicherheit Red Sonja persönlich Pate gestanden haben.       
 
Das nächste Beispiel wird uns dann allerdings zeigen, dass es Fälle gibt, in denen selbst ich Probleme mit diesem alten Klischee bekomme. 
 
 
Arahom Radjah & Yannis Roumboulias: Arhian
 
Wie man diesem auf Comixology erschienen Post entnehmen kann, sieht Arahom Radjah die Mission des von ihm gegründeten Verlags ARH ComiX in einer Wiederbelebung des in seinen Augen verloren gegangenen Geistes der "klassischen" phantastischen Abenteuercomics: 
I entered this industry because I want to feel like that child again when I read a comic book. I want to bite my lips in anticipation for what’s coming on the next page, and I want to read a story that can actually make me believe, even for a few seconds, that a wonderful world of fantasy still exists out there. 
Die von ihm geschriebenen und herausgegebenen Miniserien Queen of Vampires, Astria und Arhian sind nun allerdings weniger farbenfroh-altmodische Adventure-Geschichten als vielmehr recht ungenierte Throwbacks in fröhliche Exploitation-Tage. Der Gute muss eine recht eigenartige Kindheitslektüre gehabt haben ... 
 
Zu Beginn wirkte Sword & Sorcery - Comic Arhian auf mich vor allem etwas einfallslos. Coole Kopfgeldjägerin reitet durch Grimdark - Fantasyland und haut bösen Buben aufs Maul. Und obwohl der Zynismus der Grim & Gritty sich ja gerne als "Realismus" auszugeben versucht, trägt sie dabei selbstverständlich den klassischen Leder-Bikini. Damit gar nicht erst der Verdacht von Originalität aufkommen kann, lässt Arahom Radjah seine Heldin außerdem schon nach einem knappen Dutzend Seiten ein Bad unter einem Wasserfall nehmen. 
Unangenehm fand ich das erst einmal nicht. Bloß etwas ermüdend. Ein uninspiriertes Wiederaufwärmen alter Klischees. Zumal das Ganze so ohne jede Selbstironie daherkommt. Grenzwertig wurde es für mich erst, nachdem die eigentliche Haupthandlung einsetzt. Arhian soll die entführte Tochter irgendeines Herrschers zurückbringen, doch leider ist diese in die Hände der Dämonenanbeter von Thaldoom gefallen, die dringend mal wieder ein paar Jungfrauen zum Opfern brauchen. Also macht sich unsere Heldin zusammen mit dem Vizekönig und seinen Kriegern zu der finsteren Festung auf. Von nun an wird es deutlich brutaler und blutiger. Und "natürlich" werden dabei auch Elemente von (angedrohter) sexueller Gewalt mit eingemischt. Es dauert nicht lange und Arhian findet sich auf ein Kreuz gespannt in der lokalen Folterkammer wieder. Selbstredend büßt sie dabei auch Teile ihrer ohnehin eher spärlichen Bekleidung ein. In Die Kriegrinnen von Troy gibt es eine ganz ähnliche Szene. Aber der cartoonhafte Zeichenstil und der ironische Unterton der Geschichte verleihen ihr dort einen deutlich anderen Vibe, "entschärfen" sie in gewisser Weise. Kontext ist bei so Sachen für mich von ausschlaggebender Bedeutung. Arhian macht auf Grim & Gritty, setzt den (halb)nackten Körper der Heldin aber zugleich aufreizend in Szene. Es ist diese Kombination, die bei mir einen unguten Beigeschmack hinterlässt. Und die Folterkammer ist ja bloß der Anfang. Kaum aus ihr entkommen, läuft unsere Heldin auch schon dem Herrscher von Thaldoom -- einem Muskelberg in Heavy Metal - Rüstung -- in die Arme, wird k.o. geschlagen und trägt, als sie wieder zu sich kommt, plötzlich eine Art durchscheinendes "Bauchtänzerinnen" - Kostüm. (Sorry, aber mir fällt keine bessere Beschreibung dafür ein). Das bleibt für den Rest von Band 3 ihre Bekleidung. Die Story indessen nimmt eine weitere zynische Wendung, wenn sich nach Arhians Befreiung der jungen Gina und ihrer gemeinsamen Flucht aus Thaldoom herausstellt, dass das Mädchen gar nicht die Tochter von Vizekönig Antonius ist, der fiese Herrscher sie vielmehr nur wegen ihrer magischen Talente in die Finger kriegen will. Wenn's nach ihm gegangen wäre, hätte die Kopfgeldjägerin die Aktion gar nicht überlebt. Ein paar blutige Kämpfe und einen toten Vizekönig später, setzen Arhian und Gina ihre Flucht vor den Horden von Thaldoom an Bord eines Freibeuterschiffes fort, das vom Ex-Lover unserer Heldin kommandiert wird. Grund genug für diese, nun in ein sexy Piratenkostüm zu schlüpfen ... 
Über den Rest des Comics will ich keine großen Worte mehr verlieren. Erwähnt sei bloß noch, dass die Geschichte im fünften Band, nach der Ankunft auf Arhians heimatlicher Amazoneninsel, plötzlich einige "ernsthaftere" Themen über Verantwortung, Familie und Elternschaft anzusprechen versucht. Mit eher mäßigem Erfolg.
 
Dem Comic seinen Throwback-Charakter vorzuwerfen, wäre sicher nicht ganz fair. Schließlich will Arhian genau das sein. Aber was seine exploitationhaften Elemente angeht, habe ich das Gefühl, dass Arahom Radjah damit entweder zu weit oder nicht weit genug gegangen ist. Der Comic ist nicht krass und konsequent genug, um ehrlicher Exploitation-Schund zu sein. Wäre er das, würde ich ihn aus einem anderen Blickwinkel betrachten und beurteilen. Doch letztenendes handelt es sich eben bloß um eine ziemlich generische Sword & Sorcery - Story mit deutlichem Grimdark-Einschlag. Und in diesem Kontext wirkt die aufdringliche Sexualisierung der Heldin dann doch etwas unangenehm auf mich.           

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An dieser Stelle könnte sich die Frage aufdrängen, warum ich so große Probelme mit der "Kopie" (Arhian), aber scheinbar keine mit dem "Original" (Red Sonja) habe? Ist Sonja denn nicht, um Wikipedia zu zitieren, der "archetype of the chainmail-bikini clad female warrior"?
Das nehme ich doch glatt zum Anlass für einen kleinen Exkurs (Ha!). 
 
Red Sonja mag vielen heute als "Archetyp" erscheinen, aber selbstverständlich war sie alles andere als die erste Fantasyheldin, die ein vergleichbares Kostüm getragen hätte. Sie steht damit vielmehr in einer langen Pulp- und Comics-Tradition.  
Schon die allererste Heldin der Sword & Sorcery -- C.L. Moores Jirel of Joiry -- konnte diesem Schicksal nicht entgehen. Man betrachte sich z.B. Margaret Brundages Cover für die Oktoberausgabe 1934 von Weird Tales, die ihr erstes Abenteuer The Black God's Kiss enthielt, oder Virgil Finlays Illustration für das Jirel - "North West" Smith - Crossover The Quest of the Starstone. Ein Chainmail - Bikini ist das vielleicht nicht, was die Gute da trägt, aber sicher auch keine praktikable Rüstung. (3) Ganz allgemein gilt, dass wenn auf den Covern der SF&F-Pulps irgendwelche amazonischen Frauengestalten auftauchten, diese zwar nicht immer, aber doch sehr häufig zumindest einen Blech-BH trugen. Man betrachte sich z.B. Robert Gibson Jones' Warrior Queen of Mars, When The World Tottered und The Ice Queen oder Albert Drakes' Golden Amazons of Venus. Vor allem Raymon Naylors Queen of the Panther World ist schon ziemlich nah dran an der Red Sonja - Ästhetik.        
Gleichfalls "stilbildend" dürfte das wohl besonders in den 40ern und 50ern recht populäre "Jungle Princess" - Genre gewesen sein. Ob Sheena, "Queen of the Jungle", Princess Pantha, "Jungle Goddess" Rulah, Taanda oder "Jungle Empress" Tegra -- sie alle trugen auf ihren Abenteuern die eine oder andere Variante des guten alten Fell-Bikinis. Interessanterweise besaß Marvel bereits einige Jahre vor Red Sonjas Debüt einen "She-Devil" in Gestalt von "Jungle Queen" Shanna. Und selbstredend schwang sich die rothaarige (!) Schönheit in ganz ähnlicher Kostümierung an Lianen durch den Urwald. (4)
Und wenn es um Sword & Sorcery - Kunst der 70er Jahre geht, darf natürlich auch der Name Frank Frazetta nicht fehlen, der schon Ende der 60er Gemälde wie The Sun Goddess (als Cover für Vampirella #7) schuf.   
 
Nur weil etwas eine lange Tradition hat, heißt das natürlich keineswegs, dass man es nicht kritisieren dürfte. Und Kritik gab es bereits in frühen Tagen. Die Kontroverse um Margaret Brundages Cover, die über einen langen Zeitraum hinweg in der Leserbriefsparte von Weird Tales tobte, wurde zwar in erster Linie von den prüde-puritanischen Moralvorstellungen eines Teils der Leserschaft gespeist. Doch bald schon erhoben sich auch andere Stimmen. Zumindest im Science Fiction - Fandom. Anders als manche immer noch zu glauben scheinen, war selbiges nämlich nie ein reiner Boys' Club gewesen. Und weibliche Fans nahmen auch in den 40ern und 50ern kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, Sexismus in der SF-Kultur zu kritisieren. Wovon auch die Pulp-Cover nicht ausgeschlossen blieben. So erschien z.B. im September 1951 in Amazing Stories ein Leserbrief von Ethel M. David (aus Schenectady, NY) folgenden Inhalts: 
Why clad the males from head to foot in space suits and helmets, and have the women practically naked? Is it because the women are superior in resisting the elements, space, or the atmosphere of a planet than the males -- or is it because you think so little of your magazine? If you have to have sex on the covers, why not also include naked men, as well? (5)
Dass Red Sonja -- insbesondere in der Gestalt, die ihr Frank Thorne zwischen 1975 und '77 verlieh -- nicht nur Teil dieser Tradition, sondern auch einflussreich in der weiteren Entwicklung des Typus der "sexy Amazone" war, steht außer Frage. Esteban Maroto, der ihr als erster den Chainmail Bikini verpasste, hat einmal erzählt, es sei eine ausdrückliche Order von Stan Lee gewesen. der Figur den größtmöglichen "Sex-Appeal" zu verleihen: "In his own words: 'Show as much skin as possible'" (6) Und nachdem Marvel die Solo-Serie 1977 eingestellt und Thorne seinen Abschied von der "Mainstream"-Comics-Industrie genommen hatte, schuf der Zeichner nicht zufällig mit Ghita of Alizarr seine eigene Sword & Sorcery - Heldin, deren Abenteuer dann einen unverblümt erotischen Charakter besaßen. (7) 
 
Dennoch hielte ich es für einseitig, wollte man Red Sonja auf diesem Aspekt reduzieren. Was heute oft "übersehen" wird: Die fünfzehn Nummern der Solo-Serie wurden in Gemeinschaftsarbeit von Roy Thomas und Clair (Clara) Noto geschrieben. Die Storyideen stammten größtenteils von ihr. Thomas hat dazu später einmal gesagt:
Clair and I were walking a tightrope in those days, trying to make Red Sonja appeal to the same fans who by now had made Conan the Barbarian one of Marvel's top-selling comics ... while at the same time striving to give her a flavor all her own. Clair contributed enormously to that -- not least of which by giving the mag a woman's perspective, something that neither Robert E. Howard nor I would ever quite have been able to manage. (8)
Wie ich vor längerer Zeit hier schon einmal kurz ausgeführt habe, enthält diese erste Red Sonja - Serie zwar auch ein paar Elemente, die mir nicht so gemundet haben, aber alles in allem ist sie doch ein hübsch durchgeknallter Fantasy-Abenteuer-Spaß. (9)
Selbstverständlich spielten Frank Thornes Zeichnungen eine nicht unwichtige Rolle für die Popluarität der Figur. Aber Sonja war eben nicht nur sexy, sondern auch verdammt cool. Clair Noto war nicht allein mit ihrer Begeisterung für den She-.Devil.. Offenbar sahen eine ganze Reiher weiblicher Comics- und Genre-Fans in ihr eine inspirierende Figur. Chainmail-Bikini hin oder her. Zu diesen gehörte auch die künftige Elfquest - Schöpferin Wendy Pini. In Nr. 23 von Savage Sword of Conan (Oktober 1977) wurde nicht nur eine Sonja - Zeichnung von ihr abgedruckt, sondern auch ein neckisches kleines Gedicht, dessen letzte Strophen recht deutlich zum Ausdruck bringen, worin wohl nicht nur für sie die Anziehungskraft der Figur bestand:
I can out-fight, out-drink
And out-swear any man --
Including that arrogant ass
CONAN!


So step up, bold warriors,
When Red Sonja calls --
And match steel against steel,
If you've got the -------! 
Auch war Clair Noto nicht die einzige Autorin, die in der frühen Geschichte der Heldin eine wichtige Rolle spielte. So war Christie Marx die Plotlieferantin für die gerade einmal zwei Hefte umfassende sog. "zweite Serie" von 1983. Und die dritte Serie (1983/84) wurde ab #8 ganz von Louise Simmons übernommen.
Der Wikipedia-Artikel zu Red Sonja bezeichnet "her bikini armor" als Sonjas "signature clothing". Doch wenn man etwas genauer nachforscht, wird man überraschenderweise feststellen, dass sie in ihren Marvel - Tagen (70er-90er Jahre) alles in allem häufiger andere Kostümierungen als den Chainmail Bikini getragen hat. In den beiden Solo-Serien von 1983 hat sie ihn gegen eine blaue Tunika (oder eine Art Mieder) eingetauscht. Und wenn man ein wenig in alten Ausgaben von The Savage Sword of Conan blättert, zeigt sich, dass sie ihn auch dort ziemlich selten und nur während einiger ihrer frühesten Soloauftritte trägt. Ähnliches gilt für Conan the Barbarian. Selbstredend sollte sie stets sexy aussehen, doch die Bandbreite der Bekleidung reicht vom (ursprünglichen) Kettenhemd über Tunika/Mieder bis zum Lederharnisch, mit dem sie E.R. Cruz während ihrer letzten Savage Sword - Abenteuer ausstattete.
Dass die Bezeichnung "signature clothing" dennoch nicht ganz falsch ist, belegt ein Kuriosum aus dem Jahre 1986. Nach dem großen Erfolg von John Milius' Conan the Barbarian (1982) dachte sich offenbar irgendwer in der Chefetage von TSR, dass man das ausnutzen könnte. Und so erschienen 1984 zwei Conan - Module für AD&D mit Arnie auf dem Cover. Dem folgte zwei Jahre später (inwischen war der entsprechende Film mit Brigitte Nielsen in die Kinos gelangt) Red Sonja Unconquered. In dem Rollenspiel-Szenario ist Sonja natürlich Teil einer Heldengruppe und deren Mitglieder entsprechen ihren Gefährten aus der dritten Solo-Serie. In dieser hatte der She-Devil wie erwähnt eine Art blaues Mieder getragen. Cover und Illustrationen von Clyde Caldwell zeigen sie trotzdem im Chainmail-Bikini. (10)
Frank Thornes Version des She-Devil prägte halt sehr stark das Bild, das viele sich von ihr machten. Endgültig "kanonisiert" wurde dies aber vielleicht erst mit dem Dynamite - Reboot von 2005. In den folgenden Jahren würde man Sonja so gut wie gar nicht mehr in einer anderen Kostümierung zu sehen bekommen. Selbst wenn es sie auf ihren Abenteuern in schneeeverwehte Tundren oder eisige Hochgebirgslandschaften verschlug. Erst mit der dreiteiligen Serie von Gail Simone & Walter Geovani (Queen of the Plagues; Art of Blood and Fire; The Forgiving of Monsters) änderte sich dies wieder. Und in der unmittelbar daran anschließenden Mini-Serie The Falcon Throne (2016) trug sie den Chainmail Bikini überhaupt nicht mehr, der in der Geschichte nur noch als Kommentar auf die sexuelle Fetischisierung der Figur auftaucht. Das erwies sich dann aber wohl doch als ein zu kühner Schritt. Ich kann mich noch erinnern, wie der darauf folgende Run von Amy Chu & Carlos Gomez (2016-18) im Vorfeld ganz ausdrücklich damit beworben wurde, dass die Heldin erneut ihre "klassischen Kostümierung" tragen werde. Und seitdem hat sich daran nicht mehr viel geändert.
 
Was ich schon etwas bedauerlich finde. Dabei habe ich gar nicht einmal grundsätzlich etwas gegen den Chainmail Bikini. Das Argument, niemand würde im wirklichen Leben eine derartige "Rüstung" tragen, ist mir nie sonderlich stichhaltig erschienen. Fantasy-Comics dieser Couleur streben ja ganz allgemein nicht unbedingt nach "Realismus". Auch die Kostüme und Rüstungen haben vor allem cool auszusehen. Ob sie praktikabel sind, ist dabei nicht wirklich von Bedeutung. Und da die erotische Komponente für mich durchaus zu Red Sonja gehört, störe ich mich nicht groß daran, wenn sie eine entsprechende Kostümierung trägt. Allerdings habe ich in den letzten zwei-drei Jahren so viele Comics über den She-Devil gelesen, dass ich des immer gleichen Outfits doch langsam etwas müde geworden bin. Auch in dieser Hinsicht ist der Dreiteiler von Gail Simone & Walter Geovani weiterhin mein absoluter Favorit. Der Chainmail Bikini wird nicht einfach über Bord geworfen, sondern als traditioneller Bestandteil der Figur angenommen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Um meine alte Besprechung zu zitieren:
Gail Simone hat offenbar kein Problem mit der erotischen Komponente der Figur, was sehr gut zu dem  unverkrampftem Umgang mit Sexualität passt, der ihre Geschichten auszeichnet. Andererseits ist der Bikini bei ihr nicht Sonjas einzige Form von Rüstung oder Bekleidung. Die Abenteurerin schlüpft von Heft zu Heft in recht unterschiedliche Kostüme. Damit wird die Identifikation der Figur mit der ebenso spärlichen wie ikonischen Rüstung aufgebrochen, sie wird nicht länger so stark über das definiert, was sie trägt.
Leider hat dieser Umgang mit dem "klassischen Kostüm" nicht wirklich Schule gemacht. 

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Um zu Arhian zurückzukommen: Wäre der Comic einfach eine Art nostalgische Wiederbelebung alter pulpiger Traditionen, würde mich der Leder-Bikini nicht weiter stören. (Und genaugenommen wirkt die Heldin in allen anderen Kostümen sogar noch stärker sexualisiert.) Aber leider ist die Story zu uninspiriert, um einen entsprechenden Charme entfalten zu können. Stattdessen führen die Grimdark- und Exploitation-Elemente zu der oben beschriebenen, eher unangenehmen Melange. 
Und ganz allgemein gesprochen: Nur weil ich keine prinzipiellen Probleme mit Red Sonja und ihrem Chainmail Bikini habe, bedeutet das natürlich noch lange nicht, dass ich der Meinung wäre, so habe das Standardkostüm aller Sword & Sorcery - Heldinnen auszusehen. Mit ausreichend Humor angereichert, wie in den Kriegerinnen von Troy, kann ich die alten Traditionen zwar immer noch goutieren, doch an sich ziehe auch ich es vor, meine Comics-Amazonen in etwas praktikablerer Kleidung präsentiert zu bekommen. Und so wollen wir uns nun ein paar Beispielen zuwenden, in denen genau das der Fall ist. 
 
 
Sylvain Cordurié & Leo Pilipovic: Ravermoon
 
Es muss ungefähr vor einem Jahr gewesen sein. Unser Gespräch war aus irgendeinem Grund auf Sword & Sorcery - Amazonen gekommen, als Alessandra mir diese Trilogie von Sylvain Cordurié ans Herz legte. Weder der Titel noch der Name des Autors sagten mir etwas. Meine Comics-Kenntnisse sind eh sehr beschränkt und bei zeitgenössischer französischer Fantasy muss ich ganz passen. Aber natürlich beeilte ich mich, ihrer Empfehlung nachzukommen und diese Bildungslücke zumindest ein ganz klein wenig zu schließen.
 
Zwei Jahrhunderte nach einem fürchterlichen Krieg gegen das Nachbarreich der Frangellianer, der beinah im magischen Äquivalent eines Atombombenabwurfs kulminiert wäre, ist die Metropole Ylgaard zum Zentrum der magischen Künste geworden. Unterschiedliche Kasten wie die Waffenbeschwörer, die Elementalisten und die Zeitenformer wetteifern miteinander in der Entwicklung immer neuer Techniken. Als es letzteren zum ersten Mal gelingt, den Ablauf der Zeit in bestimmten, abgegrenzten Räumen beliebig zu manipulieren, wird diese Entdeckung zum Anstoß für eine Kette verheerender Ereignisse. In der Nacht nach der ersten öffentlichen Demonstration der neuen Technik kommt es zu Terroranschlägen auf die Zeitenformer. Einziger Überlebender ist der junge und brillante Magier Gillian. Der Verdacht fällt zuerst auf die Kirche der Wunder, deren antimagische Lehre ursprünglich aus dem Land der Frangellianer stammte und die in den Augen der herrschenden Kreise eine subversive Macht darstellt. Doch Rhomdal, der absolute Herrscher von Ylgaard, ist auf die Hilfe des Oberhaupts der Kirche angewiesen. Zwar ist er schon vor langer Zeit zu einem quasiunsterblichen Übermenschen geworden, in dem dämonische Mächte schlummern, aber dennoch steht er dem Dahinsiechen seiner geliebten Gattin hilflos gegenüber. Seine einzige Hoffnung ist Wunderheiler Agmon. Derweil erhält Ritter Ornelas, der Hauptmann der "Eisenschwinger" genannten Stadtgarde, unerwartete Unterstützung von Gillians Schwester Ravermoon. Dank ihrer besonderen Talente und ihrer alten Kontakte zur Unterwelt von Ylgaard stehen der Kriegerin andere Wege offen als ihm, um sich auf die Suche nach den Schuldigen zu machen. Die Spur führt schon bald zu einer Gruppe mysteriöser Pflanzenmonster und zurück in die Zeiten des Großen Krieges.
 
Was mir sehr gut gefallen hat ist, dass die Story einem das Gefühl vermittelt, in eine relativ komplexe und ausgeformte Welt hineinzutreten, die einem aber nie bis ins letzte Detail erklärt oder gezeigt wird. Vieles bleibt vage oder wird nur kurz angerissen, ohne dass dabei der Eindruck entstehten würde der Autor selbst kenne die Antworten nicht. Das gilt sowohl für den größeren Weltenbau als auch für die einzelnen Figuren und ihre individuellen Geschichten. 
Wir erfahren z.B. nie, wie es zu dem Großen Krieg kam. Zwar bekommen wir immer wieder Szenen aus der Vergangenheit gezeigt, in denen es um eine Gruppe von Kriegshelden geht, zu denen der Meistermagier Pellear und der junge (und damals noch völlig menschliche) Rhomdal gehören. Doch die größeren Zusammenhänge bleiben schattenhaft. Dasselbe gilt für die Kirche der Wunder, ihre Ziele und die Motivationen ihres Oberhauptes Agmon. 
Aber auch von der Vergangenheit unserer Heldin Ravermoon erfahren wir nur in bruchstückhaften Andeutungen. Sie gehörte offenbar einmal zur Unterwelt von Ylgaard und verügt bei den Gaunern immer noch über einen respekteinflößenden Ruf, musste die Stadt aber verlassen, nachdem sie sich mit dem mächtigen Verbrecherboss Lughan überworfen hatte. Zugleich jedoch verbindet sie ein geradezu familiäres Band mit Ritter Ornelas. Der alte Hauptmann der "Eisenschwinger" ist beinahe so etwas wie ein Ersatzvater für sie. Wie es dazu gekommen ist, wird uns nicht erzählt. Einzig über Ravermoons Beziehung zu ihrem Bruder erhalten wir etwas konkretere Details.
In gewisser Hinsicht ist das natürlich ein erzählerischer Trick. Denn in Wirklichkeit können wir uns ja gar nicht sicher sein, dass sich Cordurié tatsächlich eine ausgefeilte und in sich stimmige Hintergrundsgeschichte für seine Welt und seine Figuren zurechtgelegt hat. Aber das ist auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist nur, dass für uns Lesende dadurch der Eindruck von Tiefe und Lebendigkeit entsteht. Ravermoon besitzt eine Vergangenheit, die ihren Charakter und ihre Beziehung zu anderen Menschen geformt hat. Wie genau diese Vergangenheit ausgesehen hat, brauchen wir dafür gar nicht zu wissen. Wir müssen nur das Gefühl haben, das sie existiert.

Solange der Fokus der Geschichte auf Ravermoon liegt, hat mir das Ganze sehr gut gefallen. Sie ist eine einnehmende Heldin und es macht Spaß, sie auf dem Gehöft von Ornelas mit der Familie ihres Bruders interagieren zu sehen oder sie auf ihren Streifzügen über das Dächermeer von Ylgaard zu begleiten, wobei sie einerseits ihre weiche und menschliche, andererseits ihre coole und kompetente Seite zeigen kann.
Doch leider rückt in der zweiten Hälfte Rhomdal mehr und mehr ins Zentrum. In der Logik der Erzählung macht das durchaus Sinn, denn es sind Mächte aus seiner Vergangenheit, die hinter den Ereignissen stecken, und er ist das eigentliche Ziel ihrer Machenschaften. Unglücklicherweise kommt es im Zuge dessen aber nicht zu einer Dekonstruktion des selbstherrlichen Übermenschen, wie ich zwischenzeitlich zu hoffen wagte. Die Art, in der Ravermoon schließlich in die Geschehnisse des apokalyptischen Höhepunktes eingebunden wird, wirkt etwas unbeholfen und führt zu einer finalen Wendung, die mich bitter enttäuscht zurückgelassen hat. 
 
Trotz dieses (für mich) missglückten Abschlusses, ist Ravermoon ein sehr lesenswerter Sword & Sorcery - Comic und eine willkommene Abwechselung von den eher pulpigen Welten einer Red Sonja. Einen wichtigen Beitrag leisten dabei die zum Teil wirklich atemberaubend schönen Zeichnungen von Leo Pilipovic. Insbesondere die Darstellung von Landschaft und Architektur (Innen wie Außen) ist geradezu meisterlich -- ganz gleich, ob es sich dabei um Rhomdals Palast, die Kathedrale der Kirche der Wunder, die Arkenade (Magierschule), das Gehöft des Ritters Ornelas, die verwinkelten Gassen Ylgaards oder das heruntergekommene Hafenviertel handelt. Pilipovic orientiert sich dabei zum Teil sehr deutlich an Vorbildern der Romanik. Und dass nicht nur in der architektonischen Formensprache, sondern z.B. auch bei einem Fresko, das die Geschichte Ylgaards erzählt. Ohne dass die Welt deshalb zu einem bloßen Pseudo-Mittelalter werden würde. Sie besitzt ihren eigenen Charakter, der jedoch sehr viel weniger grotesk-fremdartig wirkt als man es etwa aus solchen französischen Fantasyklassikern wie Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit von Serge Le Tendre & Régis Loisel gewohnt ist.      
 
 
Blas Gallego / Alec Worley & DaNi: Black Beth
 
Der erste Band von Ravermoon erschien 2010. Dass man zu dieser Zeit (zumindest außerhalb des Red Sonja  - Franchises) dazu übergegangen war, Fantasyheldinnen nicht länger in Leder - Bikinis durch die Gegend laufen zu lassen, ist vielleicht nicht wirklich überraschend. Aber es gibt mindestens ein Beispiel., wo das bereits im vermeintlich "Goldenen Zeitalter" der Sword & Sorcery der Fall war: Die britische Comics-Heldin Black Beth. 
Auf sie aufmerksam geworden bin ich ich durch eine Episode von Mr. Jim Moons exzellentem Hypnogoria - Podcast, der ich auch alle Details über die Entwicklungsgeschichte der Figur entnommen habe.
 
In den 70er Jahren begann sich die britische Comics-Landschaft merklich zu wandeln. Dazu gehörte es auch, dass einige Herausgeber nach langer Zeit erstmals wieder versuchten, Horror-Titel zu etablieren. Seit der Moral Panic der unmittelbaren Nachkriegszeit und dem Erlass des Children and Young Persons (Harmful Publications) Act von 1955 war das Genre weitgehend tabu gewesen. Eines der ersten erfolgreichen Versuche, dies zu ändern, war das ab Oktober 1976 erscheinende House of Hammer - Magazin. In Reaktion darauf plante man auch bei IPC die Veröffentlichung eines Horror-Comics mit dem Titel Scream! Dazu kam es letztlich zwar nicht, aber eine der wenigen Stories, die man bereits in Auftrag gegeben hatte, war Black Beth. Aufgrund dieser eigenartigen Entstehungsgeschichte scheint nicht länger bekannt zu sein, wer das Script für das erste Abenteuer der Sword & Sorcery - Heldin geschrieben hat. Die Zeichnungen jedoch stammten von dem spanischen Künstler Blas Gallego, der u.a. die Comic-Adaption von Twins of Evil für House of Hammer kreiert hatte, Ein knappes Jahrzehnt später (1984) erschienen dann tatsächlich fünfzehn Nummern von Scream! -- vorerst ohne Beth. Doch obwohl das Magazin sich nicht zu etablieren vermochte, gab IPC von 1985 bis 1989 einmal im Jahr ein Scream! Holiday Special heraus. Und in einem solchen erblickte die Heldin 1987 schließlich doch noch das Licht der Welt.
 
Die Story ist relativ generische Sword & Sorcery. In einer phantastisch verbrämten Mittelalter-Welt wird dem tyrannischen Grafen Wolfgang Rassau von einer Hexe prophezeit, dass einst eine berittene Rächerin namens Beth erscheinen werde, um ihn für seine zahllosen Untaten zu bestrafen. Und dieses Schicksal ist auf irgendeine Weise mit dem Dorf Holsteg verknüpft. Als er mit seinen Mannen dort eintrifft, finden gerade die Vorbereitungen für eine Hochzeitsfeier statt. Und die Braut trägt doch tatsächlich den unheilsschwangeren Namen. In guter Genretradition kommt es zu einem gewaltigen Massaker, das einzig unsere Heldin dank der Hilfe des blinden Quido überlebet. Nachdem sie wieder zu Kräften gekommen ist, lernt sie unter seiner Anleitung das Schwert zu führen und verwandelt sich schließlich in die geharnischte Rächerin Black Beth: "They shall know me by the name that I now adopt! By which I swear to combat Evil in all its vile forms! A name born of the black rage that fills my heart!" Graf Rassau wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen ...
 
Blas Gallego hat in seiner langen Karriere so manche Amazone im Chainmail Bikini gemalt. Um so erstaunlicher ist es, dass Black Beth so gar nicht diesem Stereotyp entspricht. Natürlich ist auch sie eine "Schönheit mit rabenschwarzem Haar", aber vom Moment ihrer Verwandlung in die zornige Kämpferin wider das Böse tritt sie der Welt von Kopf bis Fuß in schwarzes Eisen gehüllt entgegen. Aufgrund der etwas komplizierten Entstehungsgeschichte der Story wissen wir leider nicht, wer für diesen doch recht bemerkenswerten Bruch mit den Gepflogenheiten der 70er Jahre - Sword & Sorcery verantwortlich war. Gallego jedenfalls schuf mit Black Beth nicht nur eine beeindruckende S&S-Heldin, sondern auch eine hübsch düster-atmosphärische Welt, in der sie ihre Abenteuer erlebt.
 
Dennoch sollten über drei Jahrzehnte vergehen, bevor sie ihr Comeback feiern konnte. Erst als Rebellion 2017 auf die Idee kam, alljährlich zu Halloween zwei alte Klassiker des britischen Horrorcomics in Gestalt eines Scream! & Misty - Specials wiederauferstehen zu lassen, eröffnete dies Autor Alec Worley die Möglichkeit, eine seit langem gehegte Idee in die Tat umzusetzen und auch die schwertschwingende Rächerin wieder ins Leben zurückzurufen. Zeichnerin DaNi wurde seine eifrige Mitstreiterin bei diesem Unternehmen. Im Halloween-Special von 2018 erschien das erste neue Black Beth - Abenteuer, dem 2020 ein weiteres mit dem Titel Witch Tree folgte. Im letzten Jahr dann durften die Kriegerin und ihr blinder Gefährte erstmals in (recht eigenwilliger) Farbe in dem One-Shot-Special Black Beth and the Devils of Al-Kadesh auftreten.
 
DaNis Zeichenstil unterscheidet sich merklich von dem Gallegos, ist aber nicht weniger geeignet, die Atmosphäre einer recht finsteren Fantasywelt heraufzubeschwören. Was Veränderungen im Ton angeht, so ist vor allem die Heldin eine deutlich ambivalentere Figur geworden. Immer noch beherrscht von "schwarzer Wut" ist sie gar zu schnell bereit, Blut fließen zu lassen. Quido, der ihr zwar immer noch in Treue verbunden, aber nicht länger unterwürfig ergeben ist, spielt so etwas wie die Stimme der Vernunft, doch Beths gewalttätige Impulsivität gewinnt meist die Oberhand. Schon in der allerersten Story trifft es dabei einen Unschuldigen, und am Ende erblickt die Hexe Moldred in einer Vision das künftige Schicksal unserer Heldin:
I see not a girl, not a woman .... but a thing. A thing of utter darkness! A demon of vengeance, born of the black rage that fills its heart ... a creature sworn to combat evil in all its vile forms ... yet a creature consumed  by evil itself. A thing bewitched.
Diese Umdeutung von Beths ursprünglichem Schwur könnte einen befürchten lassen, dass Alec Worley vorhabe, sie in eine Antiheldin nach Grimdarkmuster zu verwandeln. Und eine solche Tendenz ist in den neuen Geschichten auch in der Tat spürbar. Doch vor allem The Devils of Al-Kadesh zeigt, dass es dabei glücklicherweise nicht zu einem allgemeinen Triumph des billigen Zynismus kommt. Auch in dieser Geschichte richtet sich Beths Zorn anfangs zwar gegen die Falsche, aber der Heldin gelingt es noch rechtzeitig, ihren Fehler zu korrigieren, und am Ende befreit sie die unglückliche Hafenstadt in der Tat von ihrem Fluch.
 
Im Juni wird mit Black Beth: Vengeance Be Thy Name  ein Sammelband erscheinen, der alle bisher veröffentlichten Stories enthalten soll. Hoffentlich ein Zeichen dafür, dass wir in Zukunft noch mehr Abenteuer dieser formidablen Sword & Sorcery - Heldin zu lesen bekommen werden.

 
Mark Andreyko & Robert Atkins / Paul Tobin, Francesco Francavilla & Aaron McConnell / Becky Tloonan & Luca Pizzari: Dark Agnes 
 
Obwohl ihr erster Auftritt in #24 von Conan the Barbarian eine Adaption von Shadow of the Vulture war, hat Red Sonja bekanntlich nur wenig mit Robert E. Howards gleichnamiger Figur zu tun. Aber die wilde Sonya von Rogatino ist ja nicht die einzige schwertschwingende Heldin, die "Two Gun" Bob geschaffen hat. (11)
 
Es hat erstaunlich lange gedauert, bis auch Dark Agnes ihren Weg auf die Seiten eines Comic-Magazins fand. Und leider ist es ihr bis heute nicht gelungen, sich dort etwas dauerhafter zu etablieren. 
 
Ihr erster Auftritt fand 2010 im Rahmen der von Dark Horse herausgegebenen Anthologien-Reihe Robert E. Howard's Savage Sword statt. Die ersten beiden Nummern enthalten die von Mark Andreyko geschriebene, von Robert Atkins gezeichnete Geschichte Storytelling: Frankreich im 16. Jahrhundert. Ein bulliger hessischer Söldner (12) taucht in irgendeiner Taverne auf und verlangt in rüdem Tonfall Auskunft darüber, "where I can find that demon-harlot called Dark Agnes?!" Einer der Gäste ist bereit, sein Wissen mit dem unhöflichen Gesellen zu teilen, und beginnt eine (nicht ganz korrekte) Version der Hintergrundsgeschichte unserer Heldin zu erzählen. Wie wissende Leser'innen sicher schon geahnt haben, entpuppt sich der Erzähler als Agnes' Kumpel Etienne. Und als die Gute schließlich selbst auftaucht -- dicht gefolgt von ein paar weiteren ungemütlichen "Hessen" -- kommt es selbstverständlich zum standesgemäßen Klingenkreuzen. Ebenso selbstverständlich ist, dass die Söldner auch nicht die geringste Chance gegen unsere Heldin haben.
Hätte diese Story am Anfang einer ganzen Reihe von Dark Agnes - Abenteuern gestanden, wäre sie als Einführung der Figur sicher gar nicht so übel. Tatsächlich hat man beinah das Gefühl, sie sei als solche konzipiert gewesen. Doch als Standalone wirkt sie ein bisschen substanzlos. Agnes kommt cool rüber und ihre Beziehung zu Etienne ist gut getroffen, aber viel mehr hat die Geschichte halt nicht zu bieten. Auch bin ich nicht ganz glücklich mit den Veränderungen, die an ihrer Backstory vorgenommen wurden. Warum muss der Möchtegern-Ehemann, den sie vor dem Altar erschlagen hat, unbedingt von "royal blood" sein? Das passt nicht recht zu dem Bauernmädchen, das in ihrer Rebellion gegen die Männerwelt zur tödlichen Abenteurerin wird.
 
Drei Ausgaben später wurde dies in gewisser Weise korrigiert, denn Nr: 5 - 7 der Anthologienreihe enthalten eine erstaunlich getreue Adaption von Robert E. Howards Sword Woman. Nur gegen Ende mussten (aus nachvollziehbaren Gründen) ein paar Szenen zusammengestrichen werden. Den Inhalt werde ich hier nicht noch einmal referieren, sondern verweise dafür auf diesen alten Beitrag. Insbesondere Francesco Francavillas Zeichnungen für den ersten Teil haben es mir sehr angetan. Und rein optisch dürfte dies auch als Ganzes mein bevorzugter Dark Agnes - Comic sein.

2018 kaufte Marvel die Lizenz für Conan the Barbarian von Dark Horse zurück und im Januar 2019 begann man mit der Veröffentlichung einer neuen Reihe um den Cimmerier. Dies führte schließlich auch zum Erscheinen der Miniserie The Serpent War (2019/20), einer Crossover-Geschichte, in der Conan zusammen mit Dark Agnes, Solomon Kane, James Ellison (aus Howards The Valley of the Worm & The Garden of Fear) und Marvels eigenem Moon Knight / Marc Spector die Machenschaften des Schlangengotts Set durchkreuzen muss. Solche Helden-Mashups sind nicht mein Ding, weshalb ich Agnes' Marvel-Debüt auch nicht aus eigener Anschauung kenne. Doch in der Folge wurde im Februar 2020 eine Soloserie gestartet -- geschrieben von Becky Tloonan, gezeichnet von Luca Pizzari. Allerdings wurde diese unglücklicherweise bereits nach zwei Ausgaben wieder eingestellt.
 
Der Comic ist recht charmant und unterhaltsam. Vor allem aber erzählt er eine Geschichte, die Dark Agnes angemessen ist. Keine "kosmischen" Kämpfe gegen stygische Gottheiten, sondern ein Mantel & Degen - Abenteuer mit waghalsigen Befreiungsaktionen, wilden Kutschjagden, höfischen Intrigen und prächtigen Maskenbällen.
Die Story beginnt damit, dass Agnes ihren alten Freund Etienne, der selbst mit dem Kopf auf dem Richtblock nicht aufhören kann, spöttische Kommentare von sich zu geben, vor der Hinrichtung rettet. Wobei der Henker und ein paar Schergen des Duc D'Alencon das Leben lassen müssen. Einige nebenbei hingeworfene Bemerkungen unserer Heldin machen deutlich, dass die Geschichte nach den Ereignissen von Blades for France und Mistress of Death spielt. Aber Agnes ist immer noch von dem wütenden Verlangen erfüllt, den Tod ihres Mentors Guiscard zu rächen, der von Renault de Valance, dem Handlanger D'Alencons, ermordet wurde. Ein Grund mehr, das Angebot anzunehmen, sich als Begleitschutz für die Nonne Marie und ihren Schützling Helen de la Mère zu verdingen. Ist das Ziel der beiden doch Fontainebleau, das Schloss des Herzogs. Etienne ist davon anfangs zwar alles andere als begeistert -- schließlich wollte der ihn gerade erst hinrichten lassen --, aber die Gelegenheit, ausgiebigst mit der hübschen Helen flirten zu können, versöhnt ihn schon bald. Auf Fontainebleau angekommen begegnen Agnes und Etienne ihrer alten Freundin Francoise de Foix (aus Blades for France). Doch bevor unsere Heldin ihre Rachepläne in die Tat umsetzen kann, kommt es während eines Maskenballs zu unerwarteten Komplikationen, als zuerst ein Geist aus ihrer Vergangenheit aufzutauchen scheint und wenig später Helens Schwester Isabel ermordet aufgefunden wird. An dieser Stelle bricht die Erzählung ab ...
Was mir an der Story besonders gut gefallen hat, ist die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren. Ich mag Geschichten, in denen eine Frau und ein Mann eine enge Freundschaft haben können, ohne dass es dabei irgendwelche sexuellen Spannungen oder Untertöne gibt. Etienne ist ein Genussmensch und Frauenheld, aber es ist klar, dass er kein derartiges Verlangen nach Agnes verspürt. Die beiden sind in vielem sehr unterschiedliche Charaktere und lieben es offenbar, einenander gegenseitig zu necken, aber zugleich sorgen sie sich ehrlich um das Wohlergehen des/der anderen. Das zeigen sie auf ihre je eigene Art: Agnes indem sie Etienne (nicht zum ersten Mal) das Leben rettet. Er indem er schlicht für sie da ist und sich bemüht, sie aufzumuntern, wenn sie wiedet einmal in eine ihrer düsteren Gemütsstimmungen verfällt. Die Szene, in der er der stockbesoffenen Freundin aus dem Schankraum die Treppe hinauf in ihre Schlafkammer hilft, ist von berührender Zärtlichkeit. (Dem Einwand, dies entspreche kaum dem Bild, das wir in Sword Woman von Etienne erhalten, würde ich entgegenhalten, dass die erste Begegnung der beiden ja schon geraume Zeit zurückliegt und sich inzwischen sehr wohl eine solche Freundschaft entwickelt haben kann). Ein weiterer Pluspunkt ist die hübsch phantasmagorische Traumsequenz, in der Menschen sich in Tiere verwandeln, und die uns einen kurzen Abriss von Agnes' Origin Story und zugleich einen Einblick in die gequälten Teile ihrer Psyche vermittelt.
 
Es ist wirklich sehr bedauerlich, dass die Serie schon so früh abgebrochen wurde. Der Plot (soweit in dieser verstümmelten Form erkennbar) hat mich zwar nicht unbedingt vom Hocker gerissen, aber ich hätte Agnes und Etienne liebend gern noch weiter auf ihren Abenteuern begleitet. Und das unrühmliche Ende der Reihe dürfte wohl auch dazu führen, dass wir in näherer Zukunft kaum weitere Dark Agnes - Geschichten zu lesen bekommen werden. Dabei hätte sie das Potential dazu, eine der ganz großen Heldinnen des Sword & Sorcery - Comics zu werden.
 
Und so endet dieser Beitrag auf einer etwas traurigen Note.  
          
 
 
 
    

(1) Eine eher kuriose, denn wirklich lesenswerte Miniserie, sind die Bezüge zu John Milius' Conan the Barbarian (1982) doch ziemlich eindeutig: Schlangen, "The Riddle of Steel", und der Bösewicht sieht manchmal sogar ein bisschen so aus wie James Earl Jones ... Keine Ahnung, wie die das mit dem Copyright damals hinbekommen haben ...

(2) Die Serie ist (so weit ich weiß) noch nicht abgeschlossen, weshalb ich sie hier auch nicht im Detail bespreche. Vor allem die ersten drei-vier Nummern fand ich aber ganz neckisch. Ob die Story als ganzes für mich funktioniert, wird sich zeigen. Aber es gibt da z.B. einen Typen mit Flügeln, der mich ein bisschen an Barbarella erinnert hat, und einen von Sonja entmannten Conan - Stand-In ...

(3) Erstaunlicherweise gibt es keine Darstellung der "echten" Red Sonya aus Pulp-Tagen. Die Erstveröffentlichung von Robert E. Howards Shadow of the Vulture in der Januarausgabe 1934 von The Magic Carpet zeigt vielmehr Gottfried von Kalmbach und die arme Ivga. Da hatte man schon einmal Gelegenheit, eine coole Action-Heldin zu zeichnen, und entscheidet sich dann doch lieber für eine sterbende Damsel! 

(4) Der gute Pulp Librarian hat da mal vor Zeiten diesen netten Twitter-Thread erstellt. Auch die Cover von Jungle Stories, auf deren Seiten Tarzan-Klon Ki-Gor seine Abenteuer erlebte, zeigten nicht selten (weiße) Dschungelschönheiten im Fell-Bikini.

(5) Zit. nach: Eric Leif Davin: Partners in Wonder. Women and the Birth of Science Fiction 1926-1965. S. 80.

(6) In: Red Sonja: The Ballad of the Red Goddess. S. 10.

(7) Ich bin kein großer Ghita - Fan. Der Comic wirkt auf mich zu sehr wie ein direkter Einblick in Frank Thornes persönliche erotische Fantasien. Was selbstverständlich völlig okay ist, mich aber nicht sonderlich anspricht. Dennoch gilt für mich auch hier: Der Kontext ist ausschlaggebend. Ghita of Alizzar war offen als Erotika konzipiert und so darf es nicht verwundern, dass die Heldin für einen Gutteil der Handlung halbnackt durch die Gegend läuft (und auch mal mit ihrem magischen Schwert masturbiert).

(8) In: The Adventures of Red Sonja. Volume II. S. 135.

(9) Betonen möchte ich an dieser Stelle aber doch, dass Clair Noto nichts mit Sonjas  ursprünglicher Hintergrundsgeschichte und ihren höchst fragwürdigen Zutaten (Vergewaltigung -- Göttererscheinung -- "Keuschheitsschwur") zu tun hatte. Die war ganz allein auf Roy Thomas' Mist gewachsen.

(10) Die mitgelieferten Stats geben eine Lederrüstung an. Was schon aus spieltechnischen Gründen vernünftig erscheint. Denn welche Armor Class hätte wohl der Bikini?

(11) Für Details siehe meinen alten Beitrag über Robert E. Howards "Sword Women"

(12) Dank Washington Irvings Legend of Sleepy Hollow ist "Hessian" für viele Amerikaner anscheinend ein Synonym für "Söldner" geworden, auch wenn das in einer im 16. Jahrhudnert angesiedelten Story wenig Sinn macht