"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Donnerstag, 8. Dezember 2016

Back in the U.S.S.R. (V)

You, octagonal yurt,
Again sweetly tune my gaze!
It seems I bid farewell to you
And I left for the city's bright sights.

I bid farewell to you, my sickly one,
A young man in his prime ...
The cloud of smoke above you
Has thinned to a charred shock of hair.

Though it was so painful for me
To leave you, my ailing one,
I could not toss off like old boots
My thirst for knowledge, for light!

I left with the secret desire
To learn, to experience and to suffer
And, before life soured
My youthful years, to see life.

I left without telling anyone
That I would return to my birthright, to you
But I would return with a truth that triumphed,
Tempered in red-hot battle.

It was hard then for me to wander
Through strange and unknown places,
I remember those days – I wept from mockery.
All around both merriment and uproar.

Though I tried to be bold and proud,
My heart sometimes cringed at the phrase,
"Hey, Buryat! You, slant-eyes!"
With which they regaled me, the wanderer, more than once.

I would have pierced my heart with steel,
Would have put a bullet through my temple,
If the winds from the distant forest
Had not stirred up the sand near the yurt.

I am now ringed by the radiance
Of the resounding triumph of labor.
Be gone, oh former suffering,
Forever, forever, forever!

Pjotr Dambinow, The Octagonal Yurt (1)  


Wie ich in Blogposts über den Maler Nikolai Roerich sowie die symbolistische Literatur (hier * hier * hier) in der Vergangenheit schon mehrmals geschildert habe, hatte sich um die Jahrhundertwende in bedeutenden Teilen der russischen Intelligenzija eine starke Faszination für allerlei mystische Heilslehren ausgebreitet, wobei neben dem von Dimitri Mereschkowski gepredigten, christlichen "neuen religiösen Bewusstsein" die von der russischen Generalstochter Helena Blavatsky gegründete Theosophie eine wichtige Rolle spielte. 
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass so manche der bürgerlichen Intellektuellen, für die die Oktoberrevolution einem Weltuntergang gleichkam, die Hoffnung hegten, die asiatischen Völkerschaften des ehemaligen Zarenreiches würden sich als das Bollwerk erweisen, an dem die revolutionäre Flutwelle schließlich zerbrechen werde. – Asien ist uralt, weise und unveränderlich, der Bolschewismus nur ein vorübergehender Fieberwahn. (2)
So glaubte z.B. die Dichterin Marina Zwetajewa während einer Reise auf die Krim einer Welt zu begegnen, an deren patriarchalisch-schwermütiger Würde die Sturmflut der Revolution wirkungslos abprallen werde:
Ein Kaffeehaus in Otusi. An den Wänden bolschewistische Aufrufe. An den Tischen langbärtige Tataren. Wie langsam sie trinken, wie sparsam sie reden, wie gewichtig sie sich bewegen. Für sie ist die Zeit stehengeblieben. Das 17. Jahrhundert gleicht dem 20. Jahrhundert. Auch die Tässchen sind die gleichen, blaue, mit kabbalistischen Zeichen, ohne Henkel ... Bolschewismus? Marxismus? Plakate, schreit euch die Kehle heiser! Was gehen uns eure Maschinen, Lenins und Trotzkis an, was eure neugeborenen Proletariate, eure sich zersetzenden Borgeoisien ... Wir haben den Ramadan, den Mullah, den Wein und die dunkle Erinnerung an eine große Herrscherin ... Hier dieses siedene Pech auf dem Grund vergoldeter Tässchen ... Wir stehen außerhalb, wir stehen darüber, wir sind seit ewigen Zeiten. Ihr müsst erst werden, wir sind schon vergangen. Wir sind ein für allemal. Uns gibt es gar nicht. (3)
Seien wir ehrlich: Ist diese vermeintliche "Ehrfurcht" vor dem "unveränderlichen Asien" bei Lichte betrachtet nicht selbst ein Ausdruck westlich-europäischer Arroganz?  – Wir haben die Elektrizität, das Auto und die moderne Medizin, bleibt ihr mal schön bei euren Mullahs und eurem Tässchen Mokka.

Doch schon bald sollte sich herausstellen, dass auch für Asiens Völker die Zeit keineswegs stehengeblieben war.

Es gibt kaum ein dümmeres Vorurteil als den Glauben an die Unveränderlichkeit des "Nationalcharakters". Die Mentalität eines Volkes ist weiter nichts als die aufgespeicherte Masse seiner historischen Erfahrungen. Sie wird geformt von sozialen, kulturellen und politischen Kräften und verändert sich zusammen mit ihnen. Zwar ist die Tradition ein psychologischer Faktor von beträchtlicher konservativer Widerstandskraft, doch letztlich erweist sich die Macht der Geschichte jeder noch so fest verwurzelten "nationalen Eigenart" als überlegen.
Der Kapitalismus hatte bereits in den Jahrzehnten vor der Revolution begonnen, das wirtschaftliche und soziale Fundament zu zersetzen, auf dem die traditionelle Lebensweise der "kleinen Völker" des Russischen Reiches beruhte. Die Revolution und die bewusste Politik der Bolschewiki beschleunigten diesen Prozess und hoben ihn auf ein neues Niveau. 
Zwar geriet die wirtschaftliche Integration der Peripherie infolge der durch Welt- und Bürgerkrieg hervorgerufenen Krise erst einmal ins Stocken, dafür riss allein schon die Heftigkeit der sozialen Kämpfe die "kleinen Völker" aufs unbarmherzigste aus ihrem mittelalterlichen Schlummer. 
Zugleich begann sich eine kulturelle Umwälzung von nie dagewesenem Umfang Bahn zu brechen. Die Sowjetregierung erklärte dem Analphabetentum den Krieg, gründete unzählige neue Schulen, Bibliotheken und Kultureinrichtungen, mobilisierte die Jugend gegen die patriarchalen und feudalen Vorurteile ihrer Eltern. Große Bedeutung kam dabei u.a. dem Ringen um die Befreiung der Frau zu. Die bolschewistische Frauenorganisation Schenotdel führte in den asiatischen Sowjetrepubliken einen unermüdlichen Kampf gegen die traditionelle Despotengewalt von Vater und Ehemann, gegen jahrhundertealte religiöse und kulturelle Vorurteile und die faktische Haussklaverei der Frau. Eine ganze Reihe ihrer Vertreterinnen fielen dabei Mordanschlägen religiöser Fanatiker zum Opfer. Aus gutem Grund bekommen wir in Dsiga Wertows großartigem Film Schestaja Tschast' Mira / Ein Sechstel der Erde (1926) eine Szene zu sehen, in der eine Muslimin öffentlich den Schleier ablegt. (4) Organisationen wie der 1923 in Tiflis gegründete Mohammedanische Frauenklub waren bemüht, auch die am stärksten den alten Traditionen verhaftet gebliebenen Teile der weiblichen Bevölkerung zu erreichen. In seinen Räumen wurde nicht nur politische Propaganda betrieben, hier fanden auch Lese- und Schreibkurse, populärwissenschaftliche Vortragsabende und kulturelle Veranstaltungen statt, außerdem wurde den Frauen juristische Beratung angeboten.
Zwar sahen sich die Kommunisten hin und wieder dazu gezwungen, Kompromisse mit konservativeren Kräften unter den nationalen Minderheiten einzugehen, doch im Großen und Ganzen war die Entwicklung nicht aufzuhalten. Man vergleiche Zwetajewas wehmütige Szenerie – ihre langbärtigen Tartaren, die über Tässchen mit "kabbalistischen Zeichen" sitzen – mit der Beschreibung der jungen Studenten und Studentinnen, denen der britische Journalist Henry N. Brailsford wenige Jahre später an der Tartarischen RABFAK [Arbeiterfakultät] in Kasan begegnete: 
They are a stimulating sight when the students are Russians, but a view of the faces of these Tartar and Bashkir students made me long for a knowledge of their speech, that I might explore their minds. The heads and faces were remarkable enough as one saw them massed in the class room. The straight black hair, the high cheek-bones, the closely set eyes and the wide nostrils proclaimed their Mongolian descent. But through what mental adventures must they be passing! Conceive the bewilderment of these girls in their early twenties, if anyone had told them, ten years ago, that their destiny is not the veil and subjection in a Tartar laborer's hut, but a share in the learned work of the new rulers of Russia. That dark-skinned, comely girl with the great shock of black hair grew up in a Nomad's tent, the inheritor of a mental world which had neither changed nor expanded for ten centuries. today she sits gazing at charts and pictures which illustrate the Darwinian theory, and dreams of her coming work as a doctor. The lad beside her, who may have hoped to herd horses on the steppe, may take his degree in economics, and live to administer the industries of the Republic. (5)
Mir geht es nicht darum, die frühsowjetische Nationalitätenpolitik kritiklos zu verherrlichen. Die Bolschewiki selbst taten dies ja auch nicht. Vielmehr erklärten sie immer wieder, dass sie im Interesse der Revolution bereit seien, sich jederzeit über die formalen Grundsätze der Demokratie hinwegzusetzen. Und das Recht auf nationale Selbstbestimmung bildete da keine Ausnahme. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Georgien und der Zerschlagung der menschewistischen Republik im Feburar 1921 erklärte Trotzki ohne Umschweife: 
We do not only recognize, but we also give full support to the principle of self-determination, wherever it is directed against feudal, capitalist and imperialist states. But wherever the fiction of self-determination, in the hands of the bourgeoisie, becomes a weapon directed against the proletarian revolution, we have no occasion to treat this fiction differently from the other ‘principles’ of democracy perverted by capitalism. (6)
Auch war nicht zufällig die Nationalitätenpolitik einer der Punkte, an denen sich Lenins "letzter Kampf" gegen Stalin und die erstarkende Bürokratie entzündenn würde. Doch dazu später mehr.
Jedenfalls kann ein objektiver Betrachter der Sowjetgeschichte kaum leugnen, dass der Sieg der Bolschewiki den Weg ebnete für eine nie dagewesene kulturelle Blüte unter den nationalen Minderheiten des Russischen Reiches. Völker, die seit Jahrhunderten unter der Knute des Zarismus und den Russifizierungsbestrebungen seiner Beamten gelitten hatten, deren Kinder in der Schule nicht einmal ihre eigene Muttersprache hatten benutzen, geschweige denn die Kultur und Geschichte ihrer Heimat hatten kennenlernen dürfen, erwachten zu einem neuen und selbstbewussten Leben. 
Zu ihnen gehörte auch das Volk der Burjaten oder Burjat-Mongolen.

Die russische Expansion nach Sibirien setzte im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts ein, als der Kosakenataman Jermak Timofejewitsch und seine Mannen im Auftrag der Nowgoroder Kaufmannsfamilie Stroganow und mit dem Segen von Zar Iwan IV. "Grozny" ("dem Schrecklichen") erstmals in die finsteren Wälder jenseits des Urals vorstießen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts brachte das Zarenreich schließlich auch die fernöstliche Region um den Baikalsee unter seine Kontrolle und unterwarf sich das dort lebende Volk der Burjaten – Nachkommen mongolischer Stämme, die gut vier Jahrhunderte zuvor vom Süden kommend in den Landstrich eingewandert waren und sich mit den dort lebenden Tungusen und anderen sibirischen Völkerschaften vermischt hatten.
Befestigte Kosakensiedlungen (ostrogi) bildeten die Vorposten des Reiches in den neu eroberten Gebieten. Die Hauptgefahr ging allerdings nicht in erster Linie von den einheimischen Stämmen aus – auch wenn es 1695/96 zu Aufständen der Burjaten kam –, als vielmehr vom China der Qing-Dynastie, das Russlands neugewonnene Vormachtstellung im Fernen Osten mit großem Argwohn registrierte. Die Russen schickten daraufhin mehrere Emissäre an den Hof des Kaisers K’ang-hsi, und schließlich trafen sich im Jahre 1689 zwei Gesandtschaften in der russischen Siedlung Nertschinsk und handelten einen Vertrag aus, der den Flusslauf des Amur und das Hsingan-Gebirge als Grenze zwischen den beiden Reichen festschrieb. Dennoch blieb die Lage in den nächsten Jahrzehnten ziemlich gespannt.
In eben diese Zeit fallen auch die ersten Anfänge buddhistischer Missionstätigkeit in Burjatien. Im Jahr 1712 erreichte eine Gruppe von einhundertfünfzig Gelug-pa - Mönchen (7) aus Tibet und der Mongolei die Ufer des Baikalsees und begann unter den burjatischen Stämmen "das Rad des Dharma zu drehen". Die russischen Behörden verfolgten das eifrige Wirken der Lamas mit zunehmendem Unbehagen. Die Mönche stammten aus Gebieten, die dem Einfluß der Qing unterstanden, und die Statthalter des Zaren sahen in der rasch wachsenden buddhistischen Gemeinde deshalb wohl nicht ganz zu Unrecht eine Art "fünfte Kolonne" Pekings. An diesen Befürchtungen änderte auch der russisch-chinesische Vertrag von Kjachta wenig, in dem 1727 der Grenverlauf entlang von Amur und Argun erneut fixiert wurde.
Doch schließlich entwickelte Savva Ragusinski, der russische Botschafter in Peking, eine ebenso einfache wie geniale Strategie zur Lösung des Problems. Statt den Buddhismus zu bekämpfen, solle die Regierung vielmehr alles daran setzen, eine starke und unabhängige buddhistische Hierarchie in Burjatien aufzubauen, die keinerlei Verbindungen zu den chinesisch kontrollierten "Heimatgebieten" mehr haben dürfe. So könne man nicht nur der Gefahr einer Einflussnahme durch China begegnen, sondern würde zugleich eine loyale burjatische Elite heranbilden, die im Zaren ihren Schutzherrn sehen werde. Diesen Plan legte Ragusinski 1728 in einer Art Memorandum mit dem nichtssagenden Titel Instruktionen für das Wachpersonal an unseren Grenzen nieder. Er forderte darin, die russisch-chinesische Grenze für alle ausländischen Lamas zu schließen und gleichzeitig aus jedem burjatischen Klan zwei Jungen auszuwählen, die in Zukunft hohe Posten in der buddhistischen Hierarchie einnehmen sollten. Die bereits vorhandenen religiösen Institutionen müsse man nicht nur anerkennen, sondern sogar nach Kräften unterstützen. Gleichzeitig sei jedoch Sorge dafür zu tragen, dass alle Verbindungen der Großlamas nach Tibet, der Mongolei, Urga (Yihe Huree) und der Mandschurai gekappt würden. (8)
Die russische Herrschaft in Sibirien basierte zu einem Gutteil auf der Zusammenarbeit mit den einheimischen Eliten. Lokale Kleinfürsten und Stammesoberhäupter wurden in das imperiale System integriert, solange sie dem Zaren Tribut entrichteten. Sogenannte "Diensttataren" bildeten einen wichtigen Bestandteil der russischen Truppen. Raguzinskis Vorschlag entsprach vollkommen dieser politischen Strategie und stieß in Petersburg auf offene Ohren. 1741 wurde der Buddhismus in einem Dekret der Zarin Jelisaweta Petrowna offiziell als eine der Religionen des Reiches anerkannt.
Bis 1777 wurden insgesamt zwölf buddhistische Klöster in Transbaikalien gegründet. 1764 schuf man den Rang des Pandito Chambo Lama, der als oberster weltlicher und geistlicher Würdenträger der burjatischen Buddhisten stets aus den Reihen der einheimischen Großlamas und tulkus (9) stammte. Sitz des Hierarchen war anfangs das 1730 gegründete Kloster (datsan) von Shiretui tsongol'skii, doch kam es schon bald zu heftigen Rivalitäten zwischen der Führung des Heiligtums und den mächtigen Lamas des Gänsesee-Klosters (Gusino Ozero). 1808 setzte sich das Gänsesee-Kloster endgültig gegen seinen Rivalen durch, und der Sitz des Pandito Chambo Lama wurde in das südlich von Verchne-Udinsk (heute Ulan-Ude) gelegene Heiligtum verlegt, das bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts das unbestrittene Zentrum des Buddhismus in Burjatien blieb. Nach der Gründung des Gouvernements Irkutsk im Jahr 1801 trieb die russische Verwaltung den Aufbau einer starken einheimischen Hierarchie mit Unterstützung des burjatischen Adels weiter voran, wobei sich die zaristischen Behörden allerdings das Recht vorbehielten, bei der Besetzung von wichtigen religiösen Posten ein entscheidenes Wörtchen mitzureden. Anders als die Kalmüken, die gleichfalls der Lehre des Buddha folgten, blieben die Burjaten deshalb weitgehend verschont von den aggressiven Missionsbemühungen der orthodoxen Kirche. 
Der Versuch der russischen Behörden, den burjatischen Sangha (10) vollständig von der Mongolei und Tibet zu isolieren, war allerdings nur zum Teil erfolgreich. Als Angehörige der "gelben Kirche" sahen die burjatischen Buddhisten im Dalai Lama immer noch ihr religiöses Oberhaupt, und manch ein Lama machte sich trotz aller Verbote auf die lange und beschwerliche Reise in das ferne Schneeland, um in den großen Klöstern der Gelug-pa religiöse Unterweisung zu suchen.
Die Zentren des burjatischen Buddhismus lagen südlich und östlich des Baikalsees, wo die Burjaten auch weiterhin an der nomadischen Lebensweie ihrer mongolischen Vorfahren festhielten. Inmitten von Tundra und Bergland erhoben sich hier die großen buddhistischen Klöster, deren Äbte als Feudalherren über das Umland und seine Bewohner herrschten. Weiter im Westen wandten sich die Burjaten verstärkt dem Ackerbau zu und eigenartigerweise erwies sich der vorbuddhistische schamanistische Glaube gerade in diesen bäuerlich geprägten Regionen als besonders zäh.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einschneidenden Veränderungen in den sozialen und kulturellen Verhältnissen der Region, als die kapitalistische Entwicklung, die seit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 ganz Russland erfasst hatte, auch den Fernen Osten erreichte. Zentrum der Entwicklung wurde die Stadt Irkutsk, ein wichtiger Warenumschlagsplatz im russisch-chinesischen Handel. Symbol und Motor des wirtschaftlichen Fortschritts war die Transsibirische Eisenbahn, deren Bau im Frühjahr 1891 in Wladiwostok und zugleich in Tscheljabinsk am Ural begonnen worden war. Am 16. August 1898 rollte der erste Zug aus Moskau im Bahnhof von Irkutsk ein. Mit der Transsib begann zunehmend russisches und ausländisches Kapital in die bisher weitgehend unzugänglichen Regionen zu strömen. Existierten 1894 in ganz Sibirien nur fünf Banken, so waren es ihrer 1911 bereits knapp siebzig, zehn davon in Wladiwostok. Der Bau der Eisenbahnstrecke selbst war zu einem Gutteil mittels französischer und belgischer Anleihen finanziert worden, nun floss ausländisches Geld auch in Fabriken, Bergwerke und Handelsunternehmen.
Das Aufblühen der Gouvernementshauptstadt Irkutsk begann auch die in ihrer Umgebung am Westufer des Baikalsees lebenden Burjaten zu beeinflussen. Burjatische Kaufleute wurden als Zwischen- und Kleinhändler zu einem wichtigen Bestandteil der lokalen sibirischen Wirtschaft. Hinzu kamen erste moderne Schulen, die zum Teil von nach Sibirien verbannten Russen gegründet worden waren, und in denen die Schüler anders als in den buddhistischen Klöstern mit modernen wissenschaftlichen Ideen bekannt gemacht wurden. Auf dieser materiellen und kulturellen Grundlage entwickelte sich vor allem im Westteil Burjatiens eine moderne nationale Intelligenzija. Es ist kein Zufall, dass so hervorragende Vertreter der burjatischen Nationalbewegung wie der Politiker Michail Bogdanow oder der Dichter und Dramatiker Pjotr Dambinow ausgerechnet aus der kleinen, nahe bei Irkutsk gelegenen Siedlung Bokhan stammten.

Die Metropole Ostsibiriens trug die Züge einer typischen russischen Kolonialsiedlung Ihr Stadtbild wurde geprägt von den Türmen unzähliger orthodoxer Kirchen und Klöster. Als Symbol imperialer Herrlichkeit erhob sich im Zentrum der mächtige Triumphbogen zu Ehren des Fürsten Murawjew, der einst den Fluss Amur erkundet und dem Zarenreich so einen Zugang zum Pazifischen Ozean eröffnet hatte. Wie überall in Sibirien bestanden die meisten Häuser aus Holz – 1879 hatte eine fürchterliche Feuersbrunst große Teile der Stadt hinweggerafft –, die Straßen waren schlammig und ungepflastert, und im Hotel Metropol, dem besten Haus am Ort, kostete eine Übernachtung oder ein Mittagsmahl mehr als im sprichwörtlich teuren St. Petersburg. Insgesamt haftete der Stadt trotz ihres raschen Wachstums und ihrer bereits beeindruckenden Größe immer noch etwas Provisorisches und Hinterwäldlerisches an. Die örtliche Elite bestand wie vor hundert Jahren aus dem Gouverneur und seiner Familie, den zaristischen Verwaltungsbeamten und Offizieren sowie einer Handvoll reicher Kaufleute – allesamt Russen. Dennoch galt Irkutsk nicht ganz zu unrecht als das "Paris Sibiriens", immerhin gab es hier mehrere Theater, eine öffentliche Bibliothek und seit 1901 sogar elektrisches Licht. Den meisten Burjaten jedoch erschien die Stadt nach wie vor als eine fremde und bedrohliche Welt, wie es Pjotr Dambinow später in einem seiner Gedichte beschrieben hat:
 
For me, a Buryat, it's so unexpected - and new
Are the peals and whistles…
The sighs, shouts, the uproar, the pipescreams,
The many-colored lights…

The churches, temples rising to the depths of the heavens,
The towers and palaces…
The waltzes, the dancing, the sounds - songs,
The endlessly festive balls…

And the ladies' attire? - so slim in the middle…
How could this not be a miracle!
Could I have imagined this in my native lands,
Living off the free steppe?

It's so new for me to see the hungry here,
Dying in the dust!
Next to them, I see the well-fed and carefree,
Drowning drunkenly in intoxication!

I cannot comprehend the house of ill repute,
With the red lamp, the flame…
Where the desired city, in naked passion,
Lusts time away both night and day!...

Oh, you city, city! Illuminated brightly
With electric light! -
You are alien, strange to me, and tiresome…
Tiresome, tiresome in every way!

Die zaghaft einsetzende Modernisierung änderte nichts an der ungeheuren Armut, unter der die meisten Burjaten litten. Viele Familien hatten ständig mit dem Hunger zu kämpfen. Der amerikanische Historiker und Ethnologe Jeremiah Curtin, der im Jahr 1900 die Region bereiste, um burjatische Mythen und Legenden zu sammeln, zeichnet ein eindringliches Bild von der traurigen Trostlosigkeit der kleinen Dörfer im Hinterland:
The earth was covered with dust which in the middle of the space occupied reached to the ankles as one walked through it. This stratum, thicker in some places, covered everything to the rim of the village, reaching to the outer houses and beyond them, growing thinner toward the open country till at last one could note it no longer. The dust is the dried and pulverised droppings of animals, such as sheep, horses, and horned cattle. In time of thaw and rain the droppings become a soft mud, in dry, warm weather they are turned into dust. When the days are calm the dust keeps its place and people wade through it; when the wind blows, it fills the air in all directions and is carried into each chink, cranny, and little crevice, into the smallest places. People breathe it, swallow it, drink it, eat it, live, move and have their being in it. (11)
Von ganz ähnlichen Eindrücken wusste auch der russische Forscher B.E. Petri in einem Brief ins heimatliche Petersburg zu berichten, als er sich auf einer Reise zur heiligen Insel Olkhon im Baikalsee befand: „I have to admit, however, that I truly long to return to St. Petersburg. I am sick of smoke inside the yurts, the dirt all around, all over the body and in the food…the journeys on bumpy wagons, the rain…“ (12)
Curtins Buch A Journey in Southern Siberia, das ethnologische Beobachtungen und mythologische Erzählungen mit einem sehr lebendigen Reisebericht verbindet, konfrontiert den Leser mehr als einmal mit den traurigen Zuständen, die Anfang des 20. Jahrhunderts an den Ufern des Baikalsees herrschten: Eine rückständige Landwirtschaft und damit verbunden eine äußerst einseitige Ernährung der Bevölkerung; der Mangel an den elementarsten Formen der Hygiene; die tiefe Kulturlosigkeit und maßlose Habgier der großbäuerlichen Kreise; vor allem aber der allgegenwärtige Alkoholismus. Kein Wort taucht so häufig in Curtins Bericht auf wie tarasun, der Name eines aus fermentierter Milch gewonnen Schnapses. Und mehr als einmal hat der Forscher mit der Trunksucht seiner burjatischen Kutscher, Helfer und Informanten zu kämpfen. Über den burjatischen Kulaken Arkokoff – einen besonders unappetitlichen, aber wohl auch typischen Vertreter seiner Klasse, bei dem Curtin mehrere Tage wohnt – schreibt der Forscher: „Arkokoff professes to be greatly devoted to the old religion; perhaps he is. One thing is certain, he is tremendously devoted to making and hoarding money and drinking tarasun.“ (13)

Das materielle und kulturelle Elend; der Chauvinismus der großrussischen Siedler und Beamten; die zahllosen Beleidigungen und Erniedrigungen, denen die Angehörigen eines unterdrückten Volkes tagtäglich ausgesetzt sind – Gegen all dies versuchten die jungen burjatischen Intellektuellen anzukämpfen. Der sich entfaltende Kapitalismus hatte die unterdrückten Nationen des Riesenreiches aus ihrem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf geweckt. Ein neues Nationalbewusstsein entwickelte sich. Die sprichwörtlichen "Hundert Völker" Russlands rieben sich die Augen und rüttelten, vorerst noch zaghaft, an den Gitterstäben des zaristischen Völkergefängnisses.
Die burjatischen Nationalisten waren in gewissem Sinne die jüngeren Geschwister jener russischen Intellektuellen, die in den 1850er und 60er Jahren den Kampf gegen den Zarismus und die alte Feudalgesellschaft aufgenommen hatten. Sie teilten viele Eigenschaften mit jener außergewöhnlichen Generationen, die den Begriff der "Intelligenzija" geprägt hatte und mit Namen wie Herzen, Belinski, Dobroljubow und Tschernyschewski verbunden ist. Wie diese empfanden auch sie den Dienst am Volk als eine geradezu heilige Pflicht und unterwarfen sich einem strengen demokratischen Ethos. Ihr Nationalbewusstsein war im allgemeinen weltoffen, auch wenn viele von ihnen panmongolischen Überzeugungen huldigten: Da gab es z.B. Bazar Baraadin, der an der Petersburger Universität bei den berühmten Orientalisten Stcherbatski und Oldenburg studiert hatte, nun selbst ein bedeutender Buddhologe war und eine neue mongolische Schrift entwickelte, die sich an der modernen Aussprache orientierte und so die Kommunikation zwischen den verschiedenen Völkern mongolischer Abstammung erleichtern sollte. Doch die Liebe zur eigenen Kultur und Tradition verbanden die jungen Idealisten mit Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen und den Errungenschaften der Wissenschaft. Sie betrachteten es als ihre höchste Aufgabe, das Wissen, das sie in Schulen und Universitäten erworben hatten, in den Dienst des einfachen Volkes ihrer Heimat zu stellen, das Licht der Kultur in jede Hütte und Jurte zu tragen und ihre ganze Energie darauf zu verwenden, die Burjaten von Unterdrückung und Unwissenheit zu befreien. Dieses tiefe Pflichtbewusstsein gegenüber dem Volk findet beredten Ausdruck in einem Brief des jungen Wassili Michailow, den dieser als Student aus St. Petersburg an seinen Vater Andrei schrieb:
The most important things for me are the Mongolian and Kalmyk languages and those disciplines that will in some way help me to study Siberia in general and to understand as much as possible the moral and intellectual level of our people who are suffering in ignorance, who are oppressed and forgotten. My moral obligation, the obligation of a person who loves his people, his fellow tribesmen, is to return to my own, to Siberia, and dedicate all my strength to serving my homeland in general and my tribesmen in particular. Let my road be filled with obstacles, let these obstacles rise up before me and crush me like cliffs, let those I long to help react to me coldly. I will not be moved because I will do my duty.
In mancherlei Hinsicht unterschieden sich die burjatischen Intellektuellen allerdings auch sehr deutlich von ihren russischen Vettern und Cousinen der 60er Jahre. So waren nur die wenigsten von ihnen materialistische "Nihilisten" vom Typus des Jewgeni Basarow aus Turgenjews berühmtem Roman Väter und Söhne. Der Ferne Osten Sibiriens lag in sozialer wie kultureller Hinsicht noch immer weit hinter dem europäischen Teil Russlands zurück, und die jahrhundertealten religiösen Traditionen lasteten schwer auf den Schultern der jungen Männer und Frauen und beeinflussten ihr Denken und Fühlen, auch wenn sie Darwins Ursprung der Arten studiert hatten. Sie waren die Vertreter einer Übergangszeit, einen Fuß bereits in der modernen Welt, den anderen noch auf dem religiös durchtränkten Boden der Vergangenheit. So schreibt Jeremiah Curtin über Wassili Michailow:
This young Buriat proved to be a very interesting person. He was at that time a student at the Irkutsk gymnasium. He had passed six years there, and intended to work still another year. Besides studying he had read a good deal, and knew something of great problems in science and also in history. He could talk about Darwin, and the descent of man, and had some knowledge of chemistry. Above all, and for me that was the main point, he knew considerable about his own people, the Buriats. I congratulated him very heartily on being one of a people who had preserved their primeval religion, and who still held to the customs and beliefs of their remote ancestors. I told him that the Buriats were the only Eastern Mongols who had done this, an act which might be considered an exploit and a service to science.
Sein Vater Andrei bekundete voller Stoz: „Bishops and priests [...] have asked me to be baptized, but I would not. I will stay with the beliefs into which I was born." (14) Beide nahmen jedes Jahr an buddhistischen Zeremonien in den Klöstern Transbaikaliens teil.
Von Tsyben Jamtsarano, einem der bedeutendsten Vertreter des bürgerlichen Nationalismus Burjatiens, berichtete ein Bekannter:
He was a well-educated person, but nonetheless very superstitious. He believed in the most impossible things, such as amazons, devils, cannibals, dragons living in wells, cattle living in lakes and only coming out occasionally ... He believed in shamans, and when he was ill, he summoned shamans, healers, lamas, and Russian doctors, taking all their medications simultaneously and agreeing with their magical effects ...
Sowohl Andrei Michailow als auch Jamtsarano glaubten, dass der Buddhismus eine fortschrittliche Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung Burjatiens spielen könne und sahen in ihm vor allem eine Waffe gegen den Alkoholismus. 
Doch keineswegs alle Intellektuellen teilten ihre Überzeugungen. Die burjatische Nationalbewegung umfasste vielmehr eine Vielzahl politischer und weltanschaulicher Strömungen.

Auf ihrem äußersten rechten Flügel standen radikale Verfechter panmongolischer und panbuddhistischer Ideen wie der Großlama Agvan Dorschiew oder der in Petersburg lebende Arzt Pjotr Badmajew, die bei der Verwirklichung ihrer bizarren Träume auf die Unterstützung des russischen Imperialismus setzten.
Der in der Mitte des 19. Jahrhunderts geborene Dorschiew zählt sicher zu den faszinierendsten Gestalten des russischen Buddhismus und spielte eine wichtige Rolle sowohl in der Geschichte Tibets als auch in der seiner burjatischen Heimat. Zu Beginn der 70er Jahre hatte er sich in das ferne Schneeland begeben, um im Kloster Drepung – einem der drei riesigen Hauptköster der Gelug-pa in der Nähe Lhasas – seine religiöse und philosophische Ausbildung zu vervollkommnen. Er erwarb sich den Titel eines Tsanid-Hambo ("Meisters der buddhistischen Philosophie") und wurde zu einem der Lehrmeister des XIII. Dalai Lama Tubten Gyatso. Mit der Zeit entwickelte sich ein enges und vertrauensvolles Verhältnis zwischen dem Burjaten und seinem Schüler, der zu einem intelligenten, selbstbewussten und äußerst ehrgeizigen jungen Mann heranwuchs.  In der Folge spielte Dorschiew eine wichtige Rolle in den politischen Manövern, in deren Verlauf sich Tibet immer weiter in das Netz des "Great Game" verhedderte, jenes großen Ringens zwischen Russland und Großbritannien um die Vorherrschaft über Zentralasien. Auf sein Anraten hin versuchte Tubten Gyatso sich die Unterstützung des Zaren zu sichern, was in einer Katastrophe enden sollte. Im Januar 1904 rückten britische Truppen unter dem Kommando von Sir Francis Younghusband im Schneeland ein. Der Kundun musste in die Äußere Mongolei flüchten, und Dorschiew kehrte in seine russische Heimat zurück.
Seiner Stellung innerhalb der burjatischen Nationalbewegung tat dies jedoch keinen Abbruch. Dorschiew war nicht der einzige Lama unter den nationalistischen Wortführern, doch was seinen kulturellen Horizont und seine Welterfahrung anging, übertraf er die übrigen buddhistischen Hierarchen um ein vielfaches. Das Kloster Drepung und der Hof des Dalai Lama mit ihrem Ränke- und Intrigenspiel waren seine politische Schule gewesen. In Paris hatte er 1898 die europäische Kultur in einer ihrer führenden Zentren kennenlernen können. Seit 1902 hatte er nicht nur Beziehungen zum Zarenhof und hohen zaristischen Beamten wie Fürst Uchtomskij, sondern auch zu einflussreichen Teilen der Petersburger Intelligenz – Künstlern, Gelehrten und Journalisten – geknüpft. Sein Ausflug in die Welt der internationalen Politik endete zwar mit einem Fiasko, dennoch hatte er dabei zweifelsohne wichtige Erfahrungen gesammelt und manch interessante Einsichten gewonnen. Außerdem dürfte die Position, die er als Berater des Dalai Lama an der Spitze des tibetischen Staates eingenommen hatte, sein Selbstbewusstsein beträchtlich gestärkt haben. Unter den burjatischen Lamas musste sich Dorschiew in der Tat vorkommen wie der Hecht im Karpfenteich. Und so griff er immer wieder mit Veröffentlichungen in der sibirischen Presse in die politischen Debatten ein, wobei er sich mit großer Entschiedenheit gegen den säkularen Nationalismus der fortschrittlicheren Intellektuellen wandte und trotz der Katastrophe von 1904 weiterhin an seiner Vision eines buddhistischen Großreichs unter der Schutzherrschaft des Zaren festhielt.
Freilich wurden die überspannten Hoffnungen des Großlamas und seiner Gesinnungsgenossen selbst von ausgesprochen konservativen Nationalisten wie Tsyben Jamtsarano nicht geteilt. Auch standen diese der russischen Herrschaft über ihr Volk im allgemeinen sehr viel kritischer gegenüber als die Panbuddhisten. Einig waren sie sich mit Dorschiew allerdings in der Unterstützung der buddhistischen Religion, in der Ablehnung des politischen Radikalismus und im Kampf gegen das "Assimilantentum". Für Jamatsarano war der Buddhismus der „Fluchtpunkt des nationalen Geistes... der nationalen Individualität und Solidarität“ und ein unverzichtbarer Schutzwall gegen den Einfluss der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR), deren Politik letzlich auf die Auflösung der traditionellen Kultur und Gesellschaftsordnung Burjatiens hinauslaufe, weswegen er die Marxisten im Revolutionsjahr 1905 als die „Partei der Kapitalisierung und Proletarisierung“ beschimpfte. (15) Diese feindselige Haltung gegenüber der SDAPR war übrigens unter den Führern der verschiedenen Nationalbewegungen im Zarenreich keine Seltenheit. So schrieb Mahmud Behbudi, einer der Gründer des nationalistischen Dschaddidismus in Turkestan, 1906 über die Sozialdemokraten: „Our present epoch is not propitious for carrying out their program. . .. Their wishes appear fantastic and joining this party is extremely dangerous for us Muslims." (16)
Etwas anders verhielt es sich natürlich mit dem selbst sozialdemokratisch beeinflussten Michail Bogdanow und anderen Vertretern des linken Flügels. Bogdanow betrachtete den Buddhismus ganz sicher nicht als eine Kraft, die zur Verbreitung von Bildung und Kultur unter den Burjaten beitragen könnte. Außerdem wandte er sich gegen den kulturellen Seperatismus vieler Intellektueller und äußerste ernste Zweifel an der Lebensfähigkeit der traditionellen burjatischen Kultur: 
Will not the omnipotent god of Western European culture, capital, succeed in crushing us? Capital, which has brought new ways of life to Russia and is striding powerfully forward? We must recall that we do not live in the Middle Ages when every little ethnic group could live inside its own little world completely isolated from the outside. We live in the twentieth century when the process of capitalist development is destroying almost all ethnic differences, no matter what Great Walls of China have been thrown up around them. Our salvation lies not in trembling beneath our invented national traits, but in the possibly modest and firm mastery of civilized ways. (17)
Doch welchem Flügel der Bewegung sie auch angehören mochten, die allermeisten Nationalisten der ersten Generation waren keineswegs Revolutionäre und nicht einmal Demokraten im politischen Sinn des Wortes. Sie riefen nicht zum Kampf gegen die Zarenherrschaft auf, sondern sahen ihre Hauptaufgabe in geduldiger, friedlicher Kulturarbeit. Einen recht guten Eindruck von der Aktivität dieser burjatischen "Kulturträger" vermittelt uns ein Brief des Dorfschullehrers Archip Alachanow aus dem Jahre 1913 an Wassil Michailow in Petersburg. Der Lehrer berichtet darin von einem Neujahrsabend, den man im abgelegenen Kharazargai organisiert habe. Zu den Festlichkeiten gehörten die Inszenierung eines burjatisches Theaterstücks mit dem Titel Ukhyl (Der Tod), eine burjatische Tanzvorführung und der Vortrag eines russischen Gedichtes. Im Anschluss sang der örtliche Chor unter Begleitung von Balalaikas und Gitarren burjatische Volksweisen und schließlich klang der Abend mit Tanz und dem Spielen von "Stille Post" aus. Wie Alachanow mit einer Mischung aus Stolz und Ironie bemerkt, waren sämtliche "Großkopferten" der benachbarten Gebiete zugegen. Die Veranstaltung wirkt in ihrer Harmlosigkeit beinahe ein wenig lächerlich. Nichts deutet auf ein subversives Element in den Festlichkeiten hin. Und doch waren Abende wie dieser Bestandteil des mühseligen Ringens, ein wenig Kultur und Aufklärung in Regionen zu tragen, in denen die Menschen noch immer nach den Sitten und Gebräuchen einer vorfeudalen Zeit lebten.

Aber ebenso wie die burjatische Intelligenz ihr Entstehen gesamtrussischen Entwicklungen verdankte, war auch ihr weiteres Schicksal unauflöslich mit demjenigen Russlands verknüpft.
Ein Großteil der intellektuellen Elite des russischen Sibirien bestand aus ehemaligen politischen Verbannten, auch wenn das revolutionäre Feuer bei den meisten von ihnen mit den Jahren zu einem liberalen Glimmen heruntergebrannt war. Das Gouvernement Irkutsk war Verbannungsort für unzählige Revolutionäre aus dem europäischen Teil des Zarenreiches. Bereits die Dekabristen – diese aristokratischen Urväter der revolutionären Bewegung Russlands, die inspiriert von den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution 1826 einen Putschversuch gegen Zar Nikolaus I. unternommen hatten – waren hierher deportiert worden. Einige ihrer bedeutendsten Vertreter, wie Fürst Sergej Trubezkoi und seine Frau Ekaterina Iwanowna sowie Fürst Serge Wolkonski und seine Frau Maria Nikolajewna, hatten sich damals in Irkutsk niedergelassen. Der Einfluss der idealistischen Adeligen auf die Kultur der Stadt war noch Jahrzehnte später zu spüren. Von 1859 bis 1861 lebte der nach Sibirien verbannte Michail Bakunin in Irkutsk, bevor er über den Fluss Amur aus Russland floh. Nach der Niederschlagung des polnischen Aufstands von 1863 wurden über 10.000 Männer und Frauen nach Ostsibirien deportiert. 1864 gelangte der zu Zwangsarbeit verurteilte Publizist Nikolai Tschernyschewski – einer der glänzendsten Vertreter der russischen Aufklärung und das geistige Haupt der demokratischen Bewegung der 60er Jahre – nach Irkutsk. Im Zuge der Zerschlagung der revolutionären Partei Narodnaja Wolja in den 80er Jahren und mit dem Beginn der sozialistischen Arbeiterbewegung in den 90er Jahren stieg die Zahl der Deportierten, die man über die Flüsse Sibiriens in die Tiefen der Taiga verschickte, um sie dort lebendig zu begraben, dann immer weiter an.
Eine Reihe bedeutender Vertreter des russischen Sozialismus gelangte auf diesem Weg in das Gouvernement Irkutsk. 1897 traf Nikolai E. Fedosejew als Verbannter in Ostsibirien ein, einer der ersten russischen Marxisten, zu dessen Kasaner Studentenzirkel 1889 auch der junge Lenin gehört hatte. Drei Jahre später, als Jeremiah Curtin die burjatischen Dörfer auf der Suche nach Mythen und Märchen durchstreifte, wurde etwas weiter im Norden ein junger Revolutionär die Lena stromaufwärts nach Ust-Kut gebracht. Schon bald erschienen Artikel aus seiner Feder in der Irkutsker Zeitung Östliche Rundschau, in denen sich der Autor u.a. mit dem sibirischen Bauerntum und den russischen Klassikern, mit Ibsen und Gerhart Hauptmann, Nietzsche und Maupassant, Leonid Andrejew und Maxim Gorki auseinandersetzte. Siebzehn Jahre später sollte der brillante marxistische Schriftsteller, der seine Beiträge mit dem Pseudonym "Antid Oto" unterzeichnete, gemeinsam mit Lenin an der Spitze der Oktoberrevolution stehen – Leo Trotzki. Während seiner Verbannung beteiligte er sich am Aufbau der ersten sozialdemokratischen Organisation in Ostsibirien. 1901 wurde ein Komitee der SDAPR in Irkutsk gegründet. In seinem Umfeld war auch der polnische Verbannte Felix Dserschinski tätig, der spätere Leiter der Tscheka. 1904 schließlich traf ein weiterer Deportierter im Gouvernement ein, der wie Trotzki einen gewaltigen Einfluss auf die künftigen Geschicke des Landes ausüben sollte, wenn auch in völlig anderer Richtung. Der junge Georgier, der im übrigen nur einen Monat in Sibirien blieb und dann ins heimatliche Tiflis floh, nannte sich Koba – den Namen Stalin würde er erst in späteren Jahren benutzen.

Vor allem jene Burjaten, die an den Ufern des Flusses Angara lebten, kamen häufiger in Kontakt mit den deportierten Revolutionären und erhielten so aus erster Hand Informationen über die großen politischen und sozialen Kämpfe, die in Russland wüteten. Auf manch einen von ihnen sprang dabei der revolutionäre Funke über. Die Grundfesten des Zarenreiches begannen allmählich zu zerbröckeln und dieser Prozess machte auch vor dem fernen Burjatien nicht halt. Am Horizont zogen bereits die Sturmwolken der ersten Revolution herauf.

Fortsetzung folgt ...




(1) Viele der Zitate in dem folgenden mehrteiligen Text wurden der Artikelserie Voices of Buryat History entnommen, die leider nicht mehr im Netz abrufbar ist. Oft war es mir deshalb nicht möglich, Quellenangaben zu liefern.
(2) Freilich konnten Elemente dieses alten Mystizismus auch mit der revolutionären Begeisterung der ersten Jahre des Sowjetregimes verschmelzen. So brachte z.B. der Stanislawski-Schüler Walentin Smyschliajew zur Eröffnung des Moskauer Proletkult-Theaters im November 1918 eine Dramatisierung von Émile Verhaerens Gedicht La Révolte auf die Bühne, welche sehr deutlich in der Tradition der symbolistischen Mysterienspiele stand. Das Stück begann mit einer "Schöpfungsszene", die auf Motive aus der Genesis und dem Prolog des Johannesevangeliums zurückgriff: "The entire auditorium is sunk in darkness, from which the formless, fleeting sounds of music are born, which slowly grow into an ecstatic hymn. The curtain slowly parts, and the spectator cannot make out anything onstage. Streams of golden sparks shatter the darkness and merge with the stars. The howl of a formless, perturbed crowd, the trampling of running feet. Slowly the red reflections of fires disperse the dark. The spectator begins to make out some lines reminiscent of the angles of houses, a window, a door; but these are not sharp lines, rather quivering, smashed, rebelling. He sees a seething, stirred-up crowd. Out of this chaos rise the words." (V. Smyshliaev: Opyt instsenirovki stikhotvoreniia Verkharna 'Vosstaniia’. In: Gorn (Die Esse) [Zeitschrift des Moskauer Proletkult], Nr.. 2-3 (1919), S. 82. Zit. nach: James von Geldern: Bolshevik Festivals, 1917-1920. S. 56/57.)

(3) Marina Zwetajewa: Auf eigenen Wegen. S. 15/16.
(4) Wertow würde dieses Thema acht Jahre später zum Leitmotiv für den ersten Teil seiner Drei Lieder über Lenin (1934) machen. Ein Film, der leider bereits sehr stark vom stalinistischen Geist – dem offiziellen Leninkult und der Verherrlichung von Zwangskollektivierung & Fünfjahresplan – erfüllt ist.
Wenn Dave Crouch in seinem 2006 erschienenen Artikel The Bolsheviks and Islam die Entschleierungskampagne (Hudschum) als einen stalinistischen Irrweg bezeichnet und sich ganz allgemein bemüht, die antireligiöse Politik der Bolschewiki kleinzureden, so spiegeln sich darin parteipolitische Interessen wider. Crouch ist (oder war?) Mitglied der britischen Socialist Workers Party (SWP), die zu dieser Zeit im Rahmen der "Antikriegskoalition" Respect ein prinzipienloses Bündnis mit der fundamentalistischen Muslim Association of Britain (MAB) eingegangen war. Vgl.: Chris Marsden / Julie Hyland: Respect-Unity coalition in Britain: a marriage of Labourism and Islamism. Part 1 * Part 2.
(5) Henry Noel Brailsford: How The Soviets Work. Kap. 7.
(6) Leo Trotzki: Between Red and White. Kap.9. Eigentlich stand Trotzki dieser überhasteten militärischen Aktion äußerst kritisch gegenüber. Die Intervention in Georgien scheint hinter dem Rücken der Parteiführung vom Kommando der 11. Armee eingeleitet worden zu sein. "Am 17. Februar 1921 benachrichtigte S.S. Kamenew, der Oberbefehlshaber der Roten Armee, Skljaniski, dass der Angriff der 11. Armee die Führer vor 'die vollendete Tatsache' des Einmarsches in Georgien gestellt habe. [...] Lenin und Trotzki, ersterer zurückhaltend, letzterer feindlich, beugten sich schweigend vor den vollendeten Tatsachen. Trotzki sollte sogar ein wenig später öffentlich polemisieren, um dieses Eingreifen und die Invasion Georgiens zu verteidigen, Mit seiner Partei solidarisch, selbst im Irrturm, akzeptierte er so, vor der internationalen Arbeiterbewegung für das Eingreifen in Georgien die Verantwortung zu tragen." (Pierre Broué: Trotzki. Eine politische Biographie. Bd. 1. S. 334.)
(7) Die Gelug-pa, auch "Gelbmützen" genannt, bilden eine der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus. Ihr Oberhaupt ist der Dalai Lama. Der Orden wurde um das Jahr 1400 von dem Gelehrten Tsong-kha-pa als eine Art Reformbewegung gegründet. Nach blutigen Bürgerkriegen mit den anderen Schulen und Teilen der weltlichen Aristokratie eroberten die Gelug-pa in der Mitte des 17. Jahrhunderts unter Führung des V. Dalai Lama Lobsang Gyatso und mit Unterstützung des Mongolenfürsten Guschri Khan die Herrschaft über Tibet. 
(8) Zur Frühgeschichte des burjatischen Buddhismus und seiner Beziehung zu den zaristischen Behörden vgl. Victor M. Fics Besprechung von Lukos Belkas Tibetsky buddhismus v Burjatsku in Vol. 4 des Journal of Global Buddhism. Yihe Huree ist der alte Name des heutigen Ulaanbaatar. 
(9)  Die tulkus sind die berühmten "reinkarnierten Lamas" des tibetischen Buddhismus; Würdenträger, von denen es heißt, dass sie nach ihrem Tode wiedergeboren werden, um ihre eigene Nachfolge anzutreten. Diese einmalige Form der Erbfolge entstand ursprünglich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Tibet und diente dort der Festigung der zuvor äußerst instabilen Ordensinstitutionen. Das tibetische Wort tulku ist eine Übersetzung des Sanskritbegriffes nirmanakaya, der eigentlich den irdischen Leib eines Buddha bezeichnet. Es ist hier nicht der passende Ort, um auf die buddhistische "Drei-Leiber-Lehre" einzugehen, jedenfalls ist die im Westen weitverbreitete Übersetzung "lebender Buddha" etwas unglücklich gewählt. Im tibetischen Kontext bedeutet der Begriff tulku zweierlei: 1) Der betreffende Lama gilt als die irdische Manifestation eines bestimmten Buddhas oder Bodhisattvas. 2) Da er ein vollkommen Erleuchteter ist, kann er seine eigene Wiedergeburt nach Belieben steuern und inkarniert sich "aus Mitgefühl mit den leidenden Wesen" immer wieder als Nachfolger seiner selbst.
(10) Sangha (skt.) = Mönchsgemeinschaft; buddhistische Gemeinde; "Kirche".
(11) Jeremiah Curtin: A Journey in Southern Siberia. S. 36. 
(12) A.A. Sirina: Zabytye stranitsy sibirskoi ethnografii: B.E. Petri. In: Repressirovannye etnografy. Bd. 1. S. 63.
(13) Jeremiah Curtin: A Journey in Southern Siberia. S. 83.
(14) Ebd. S. 31/38.
(15) Zit. nach: K. M. Gerasimova: Obnovlenèeskoe dvišenije lamaistskovo duchovenstva. S. 17. Vgl.: Boris Krumnow: Die Buddhistische Erneuerungsbewegung im Sowjetrussland der 20er Jahre.
(16) Zit. nach: Abeed Khalid: The Politics of Muslim Cultural Reform. Jadidism in Central Asia. S. 220.
(17) Mikhail Bogdanov: Buriatskoe ‘vozrozhdenie'. In: Sibirskie voprosy, Nr. 3 (1907), S. 47.

Mittwoch, 26. September 2012

Pastiche und Propaganda (II)

Jamyang Norbu hat wie gesagt nichts übrig für die im Westen verbreitete Tendenz, in Tibet eine Art mystisches Wunderland zu sehen:
There's a kind of New Age perception of Tibet, which is fed to some extent quite deliberately by propagandists for Tibet, many New Age type Buddhists, Tibetan Buddhists. And, also subscribed gradually by Tibetans, including the Dalai Lama and a lot of prominent Lamas. The idea that this even materialist west will be saved by the spiritualism of the Tibetan Buddhists. It's total nonsense.
Man kann sich darum vielleicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als ich feststellen musste, dass Norbu mit der zweiten Hälfte von Das Mandala des Dalai Lama genau diese Heilssehnsucht zu bedienen versucht.
Es zeigt sich nämlich sehr schnell, dass das vermeintliche Mordkomplott, zu dessen Verhinderung Sherlock Holmes nach Tibet gerufen wurde, gar nicht die eigentliche Bedrohung darstellt, gegen die unsere Helden vorgehen müssen. Damit verliert die Geschichte augenblicklich ihren holmes'schen Charakter und begibt sich straks in die Untiefen von Pulp-Phantastik, Mystizismus und esoterischem Quark. Statt sich der gängigen Methoden von etwas Gift im Mittagsmahl oder einem Messer in der Nacht zu bedienen, haben die Chinesen nämlich einen abtrünnigen Tantra-Magier nach Lhasa geschickt, der für das frühzeitige Ableben des XIII. Dalai Lama sorgen soll. Dieser nur als "der Finstere" bekannte Schurke, dessen Spezialität darin zu bestehen scheint, qua Telekinese Schwerter durch die Luft sausen zu lassen, ist jedoch offenbar sehr viel mehr an der alten Darstellung eines Kalacakra-Mandalas interessiert, das der I. Dalai Lama angeblich von einem geheimnisvollen Abgesandten aus dem Wunderreich Shambala erhalten haben soll.

An dieser Stelle des Buches angekommen konnte ich einen Seufzer der Verzweifelung nicht unterdrücken. Shambala? Bitte nicht Shambala! Norbu lässt seinen Erzähler Hurree erklären:
Das 'Shambala des Nordens' ist, der lamaistischen Weltanschauung zufolge, ein Wunderland, vergleichbar mit Thomas Moores Utopia, Francis Bacons Neuem Atlantis oder Campanelas Sonnenstaat, wo Tugend und Weisheit eine ideale Gesellschaft haben entstehen lassen. Dieses Fabelreich gilt als Ursprung aller hohen okkulten Wissenschaften, das der Wissenschaft und Technik unserer Welt weit überlegen ist. Laut einer Prophezeiung in den heiligen Schriften Tibets werden die Herren von Shambala, wenn die Menschheit am Ende den Mächten des Bösen unterliegt, im Jahr des Wasser-Schafes des 24. Zyklus (das heißt im Jahre 2425) ihre große Armee entsenden und jene dunklen Mächte vernichten. Danach wird der Buddhismus erneut erblühen, und ein Zeitalter der Vollkommenheit wird anbrechen. (1)
Kein anderes Element der tibetisch-buddhistischen Mythologie ist wohl so oft von irgendwelchen westlichen Möchtegernmystikern missbraucht worden wie das Verborgenen Reich der Kulika-Könige. Außer vielleicht das berühmte Mantra Om mani padme hum.

Das echte Kalacakra Tantra, dem der Mythos von Shambala seine Entstehung verdankt, wurde in der Mitte des 10. Jahrhunderts vermutlich im heutigen Afghanistan verfasst und gelangte tibetischen Quellen zufolge im Jahre 966 von dort aus nach Indien. Es ist ein Produkt der kosmopolitischen Kultur der Handelsstädte entlang der Seidenstraße, in denen Vertreter der unterschiedlichsten asiatischen Völker friedlich zusammenlebten, und Güter wie Ideen aus aller Herren Länder ausgetauscht wurden. Hier waren die Buddhisten u.a. mit Zoroastriern, Manichäern, nestorianischen Christen und Juden zusammengetroffen. Die daraus resultierende gegenseitige gedankliche Befruchtung hatte nicht unwesentlich zur Entstehung einer blühenden buddhistischen Hochkultur in Zentralsien und Turkestan beigetragen. Das Kalacakra Tantra war eine ihrer letzten bedeutenden Früchte und zugleich eine Reaktion auf die Entwicklung, die zu ihrem Untergang führen sollte: Das machtvolle Vordringen des Islam. (2)
Im 10. Jahrhundert herrschten die Emire der Samaniden-Dynastie als nominelle Vertreter der abbasidischen Kalifen über die Region. Es war das Goldene Zeitalter des islamischen Zentralasien: Handel und Gewerbe blühten auf, in den Städten entstanden prachtvolle Moscheen, Schulen, Badehäuser und Karawansereien, während am Hof des Emirs in Buchara die Grundlagen für die Entwicklung der neupersischen Literatur gelegt wurden. An der kosmopolitischen Atmosphäre der großen Handelsstädte hatte sich auch unter islamischer Herrschaft nichts geändert, das friedvolle Gemisch der Kulturen und Religionen verstärkte sich eher noch. Doch auch wenn die Buddhisten vorerst keiner organisierten Verfolgung ausgesetzt waren, hatten die Mönche das Gefühl, in einem zunehmend düsteren Zeitalter zu leben. Dies war die historische Situation, in der das Kalacakra Tantra entstand.
Der heilige Text  erzählt von dem paradiesischen Reich Shambala, das umgeben von unüberwindlichen Gebirgszügen und bewacht von überirdischen Mächten dem allgemeinen Niedergang der Welt trotzt. Hier bewahren die Heiligen unter der Herrschaft der Kulika-Könige die reine Lehre, während eine Zeit der Finsternis über die Erde hereinbricht. Doch schließlich werde die Kunde von dem verborgenen Reich an das Ohr des bösen Welteroberers dringen und dieser werde sich mit einem gewaltigen Heer aufmachen, um die letzte Bastion des Lichtes seiner Herrschaft zu unterwerfen. Daraufhin werde der fünfundzwanzigste Kulika-König Rudracakrin ("Der Zornige mit dem Rad") an der Spitze seiner Armeen das geheime Königreich verlassen und sich den Angreifern zum Kampf entgegenstellen. In einer apokalyptischen Endschlacht werden die Mächte der Finsternis vernichtet werden und Rudracakrin wird vom heiligen Berg Kailash aus über ein buddhistisches Weltreich des Friedens und der Gerechtigkeit herrschen, das 19.800 Jahre lang Bestand haben wird.
Das Tantra identifiziert den bösen Welteroberer mit der islamischen Messiasgestalt des Mahdi und erwähnt im Zusammenhang mit ihm die Städte Bagdad und Mekka, sowie Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und den mysteriösen 'Weißgekleideten' (shvestavastri) als seine Vorgänger. (3) 
Der ausgeprägte Dualismus zwischen Gut und Böse sowie das Motiv einer apokalyptischen Endschlacht unterscheiden das Kalacakra Tantra sehr deutlich von älteren buddhistisch-messianischen Texten, in deren Zentrum für gewöhnlich der Buddha der Zukunft Maitreya gestanden hatte. Als Vorbilder mochten dabei so unterschiedliche Quellen wie die jüdische und christliche Tradition, die zoroastrische Figur des Letzten Weltenheilands Saoshyant oder die unter den Anhängern Vishnus verbreitete Vorstellung von Kalki als dem Zehnten Avatar ihres Gottes gedient haben. Auch manichäisches Gedankengut hat offenbar seinen Weg in den heiligen Text gefunden. Am stärksten dürfte jedoch ironischerweise der islamische Einfluss gewesen sein. Zumal die Region, in der das Tantra entstand, seit geraumer Zeit der Tummelplatz aller möglichen muslimischen Sekten war, in deren Gedankenwelt die Gestalt des Mahdi stets eine zentrale Rolle spielte. Die Buddhisten eigneten sich die eschatologischen Ideen ihrer muslimischen Rivalen an, integrierten sie in ihre eigene Gedankenwelt und wandten sie dann gegen den Islam. So dürfte z.B. das direkte Vorbild für den bösen Mahdi des Kalacakra Tantra im 'Lügenden Messias'  al-Masihu’d Dadschal zu suchen sein, dem dämonischen Widersacher des endzeitlichen Heilsbringers im Islam.
Als das Tantra im Jahr 1026 ins Tibetische übertragen wurde, gelangte es damit in einen buddhistischen Kulturraum, der sich keiner islamischen Herausforderung gegenübersah. Dadurch verloren seine Prophezeiungen ihren Bezugspunkt in der Wirklichkeit und wurden offen für Neuinterpretationen. Die antimuslimische Stoßrichtung spielte von nun an keine entscheidende Rolle mehr in der Rezepetion des Textes. Was blieb war die Prophezeiung von einem gewaltigen Krieg zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis und die Hoffnung auf ein zukünftiges Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, in dem Armut und Elend unbekannt sein würden. Vor allem jedoch die Vision von einem verborgenen Reich, einem Irdischen Paradies inmitten dieser grausamen und leiderfüllten Welt: Shambala. Mit diesem Namen waren von nun an die Träume und Sehnsüchte der Buddhisten Tibets und Zentralasiens verbunden. Jamyang Norbus Vergleich mit den Gesellschaftsutopien von Morus, Bacon und Campanella ist allerdings etwas irreführend. Eher sollte man dabei an die Sehnsucht des christlichen Mittelalters nach dem Garten Eden denken.  Über die genaue geographische Lage Shambalas waren sich die gelehrten Mönche Tibets nie ganz einig. Die älteste uns heute noch zugängliche Version des heiligen Textes, das Laghu Kalacakra Tantra, lokalisiert das Reich der Kulika-Könige irgendwo südlich des Berges Kailash, doch konnte sich diese Tradition offenbar nicht auf Dauer durchsetzen. Der Grund hierfür ist leicht einzusehen. Die Region um den Kailash ist zwar wild und unwegsam, war den Tibetern aber nicht völlig unbekannt. Sie wussten, dass sich dort weder eine glanzvolle Stadt noch ein idyllischer Paradiesesgarten befanden. Das hinderte die eifrigen Lamas freilich nicht daran, sich auch weiterhin den Kopf über die Lage Shambalas zu zerbrechen. Wie auch hätte man die Suche nach diesem heiligen Ort des Friedens und der Erleuchtung aufgeben sollen? Im Vimalaprabha heißt es, das geheimnisvolle Land befände sich nördlich des Flusses Sita, während arya-visaya ("das Land der Arier" = Indien) südlich des Stromes zwischen dem Himalaya und Lanka liege. Doch auch diese Angaben brachten die sehnsuchtsvoll Suchenden nicht wirklich weiter. Der Fluss Sita ist zwar in der buddhistischen Kosmologie und dem heiligen Schrifttum Indiens wohlbekannt, in der realen Welt jedoch leider nur sehr schwer zu lokalisieren. Möglicherweise verbirgt sich hinter dem mythischen Gewässer der Tarim in Ostturkestan. Auf jedenfall suchte man Shambala von nun an nördlich von Tibet. (4)

An westliche Ohren drang der Name des Verborgenen Königreiches erstmals im 17. Jahrhundert, als einige Jesuiten das Schneeland besuchten. Einen tieferen Eindruck scheint der Mythos jedoch nicht bei ihnen hinterlassen zu haben. Erst als im 19. Jahrhundert Helena Blavatsky (1831-91), die Gründerin der Theosophie, Shambala in ihren Schriften erwähnte, legte sie damit den Samen für die rasch wachsende Beliebtheit des geheimnisvollen Landes unter westlichen Okkultisten, Esoterikern und phantastischen Schriftstellern. Dabei wurden die aufgeschnappten Bruchstücke des alten buddhistischen Mythos oft mit der von Alexandre Saint-Yves d’Alveydre (1842-1909) in die Welt gesetzten Idee eines unterirdischen Wunderreiches namens Agharta vermischt. Besondere Popularität erlangte diese Mixtur in den 1920er Jahren durch Ferdynand Ossendowskis Schmöker Tiere, Menschen und Götter. Ebenfalls sehr gerne verknüpften westliche Autoren das Verborgene Königreich mit der auf Blavatskys "weiße Loge" der Mahatmas zurückgehende Idee einer geheimen Bruderschaft von weisen 'Hütern der Welt', die dort residieren soll. Ein besonders prominenter Vertreter dieser ganzen buntscheckigen Sippschaft war der russische Maler und Gründer des Agni Yoga Nikolai Roerich (1874-1947), der sogar ein Buch mit dem Titel Shambala verfasste. Dass er namentliche Erwähnung in Das Mandala des Dalai Lama findet, ist kein Zufall, wie wir gleich sehen werden.

Zuerst einmal wollen wir jedoch zu Sherlock Holmes und dem wackeren Hurree zurückkehren. Denn kaum hat Norbu das Kalacakra - Mandala und den "Finsteren" ins Spiel gebracht, da scheint er auch schon jeden Rest an schriftstellerischem Gespür verloren zu haben. Von einem leidlich charmanten Conan Doyle - Pastiche verwandelt sich der Roman in einen sich immer höher auftürmenden Berg an Abstrusitäten. Aus dem Lachen und Stöhnen kommt man von nun an nur noch selten heraus.
Holmes und Hurree dringen in die chinesische Gesandtschaft ein, um das aus dem Norbulingka entwendete Thangka (Rollbild) des Mandalas zurückzuholen. Was sie dort erwartet, ist die erste der bizarren 'Enthüllungen', aus denen der Rest des Romans besteht. Der "Finstere" entpuppt sich als ... Professor Moriarty! Ja, der "Napoleon des Verbrechens" ist in Wirklichkeit ein böser tibetischer Tantrameister, der den Sturz in die Reichenbachfälle dank seiner Zauberkräfte überlebt hat! Und ganz, wie man es von Norbu inzwischen erwartet, schafft es dieser tatsächlich, auch noch für die kriminelle Karriere des guten Professors in England die Chinesen verantwortlich zu machen. Jene halfen ihm "in Europa Fuß zu fassen, weil sie sich an jenen Nationen rächen wollten, die China so gedemütigt hatten". (5) Moriarty als eine Art verfrühter Fu Manchu! Dass sein Äußeres weder bei Conan Doyle noch in seinem eigenen Buch irgendwelche Anzeichen einer asiatischen Herkunft aufweist, scheint Norbu nicht weiter zu stören.
Aber das ist erst der Anfang. Das Mandala erweist sich als Schlüssel zu einem fantastischen unterirdischen Palast, dessen zentrales Gewölbe Hurree wie folgt beschreibt:
Nun befanden wir uns in einer gewaltigen, runden, hallenartigen Anlage, die gut ein paar Tausend Meter Durchmesser hatte und von einer riesigen Eiskuppel überwölbt wurde, die in ihrem Zentrum mindestens 800m hoch war. Um die ganze kolossale Rundhalle standen große Statuen, zwanzig an der Zahl. Es waren grimmig aussehende Krieger in fremdartiger Rüstung. Die Ausmaße der Statuen waren riesig, vergleichbar mit den großen Buddha-Statuen, die ich im Bamiyan-Tal in Afghanistan gesehen hatte.
Die völlig übertriebenen Dimensionen machen deutlich, dass wir das reale Tibet verlassen und die Fantasiegefilde von Shangri-la betreten haben, eben jene Gefilde also, die Norbu in den Erzeugnissen westlicher Tibetromantiker so unbarmherzig kritisiert.Dieses Gewölbe ist der Aufbewahrungsort des "Norbu Rinpoche", des "großen Juwels der Macht von Shambala." Die Lama Yönten in den Mund gelegte Beschreibung des magischen Edelsteins zeigt erst recht, dass sich der Autor spätestens an diesem Punkt in seiner Erzählung von den authentischen Traditionen des Buddhismus ab- und den  esoterischen Fantastereien von Blavatsky, Roerich & Co. zugewandt hat:
Es steht geschrieben, dass der Sendbote Shambalas zwei solcher Steine an jedem der beiden spirituellen Pole unseres Planeten anbrachte. Der erste ging verloren, als Ata-Ling, der heilige Kontinent, von der großen Flut verschlungen wurde. Der zweite wurde hierher nach Tibet gebracht. (6)
Mit dem Wunscherfüllenden Juwel Cintamani der indischen und tibetischen Überlieferung hat dieser Stein nichts mehr zu tun. Die peinlich offensichtliche Anspielung auf den Atlantismythos lässt einen vielmehr augenblicklich an die theosophische Obsession mit untergegangenen 'Rassen'
und Kontinenten denken. (7) Kein Wunder, dass Norbu an dieser Stelle ausdrücklich auf Nikolai Roerich und dessen Beschreibung des Norbu-rin-poche/Chintamani verweist:
Es heißt, Tamerlane und Akbar hätten Bruchstücke eines solchen Steines besessen und der Stein im magischen Ring des Suleimans (Solomon) wäre ein Teil des Chintamani gewesen. Nicholas Roerich, der berühmte weißrussische Mystiker, Künstler und Reisende, war überzeugt davon, dass der Chintamani der Lapis Exilis sei, der Wanderstein der alten Meistersänger. (8) 
Doch auch damit noch nicht genug. Es erwartet uns noch ein wahrhaft 'fantastisches' Finale. Wie man sich denken kann, will Moriarty den Stein in seine Hände bekommen, um damit in der Manier jedes echten Superschurken 'die Welt zu beherrschen'. Doch als bereits alles verloren scheint, erwartet uns eine erneute 'Enthüllung'. Der Professor ist gerade dabei, unsere Helden mit seinen durch den Stein verstärkten magischen Kräften auszulöschen, da schreit Lama Yönten:
Mr Holmes, Mr Holmes. Hören Sie mir genau zu. Sie sind nicht Sherlock Holmes! Sie sind der berühmte Gangsar-trulku, der ehemalige Abt des Klosters des Weißen Garuda, einer der größten Meister der okkulten Wissenschaften. Der Finstre hat Euch vor achtzehn Jahren ermordet, doch kurz bevor Euch Eure Lebensgeister verlassen haben, ist es uns mithilfe des Pho-wa-Yoga gelungen, diese in einen anderen, weit entfernten Körper zu transferieren. (9)
Und tatsächlich entdeckt Holmes die in ihm verborgen liegenden tantrischen Kräfte und beginnt ein munteres Magierduell mit dem bösen Moriarty.
An dieser Stelle bin ich dann wirklich wütend geworden. Sherlock Holmes ist die vielleicht berühmteste literarische Verkörperung des rationalen, analytischen Denkens. Arthur Conan Doyle selbst glaubte zwar an allen möglichen Unsinn wie die berüchtigten Feenfotografien von Cottingley oder spiritistische Séancen, sein Meisterdetektiv aber erklärte bestimmt: "This agency stands flat-footed upon the ground, and there it must remain. The world is big enough for us. No ghosts need apply." (10) Ihn in einen wiedergeborenen Tantrameister und Magier zu verwandeln, ist für mich ungefähr dasselbe wie die Darstellung von Merlin als billigem Scharlatan in Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur's Court – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Twains Buch eine Satire ist.
Im letzten Kapitel seines Romans deutet Jamyang Norbu schließlich zu allem Überfluss auch noch an, dass Holmes zu jener aus theosophischen Schriften so bekannten 'geheimen Bruderschaft der Weisen' gehört, die im Auftrag der Herren von Shambala als verborgene Hüter unserer Welt fungieren. Shambala aber könnte vielleicht ein anderer Planet sein. Neben Theosophie und Agni Yoga also auch noch ein bisschen UFO- und Alienquatsch!

Was mich an all dem besonders verärgert hat, ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob Norbu all die esoterischen Elemente nicht bloß deshalb in seine Erzählung eingebaut hat, um den Geschmack eines westlichen Lesepublikums zu bedienen. Bisher hatte ich in dem Schriftsteller eher einen Rationalisten gesehen. Die zweite Hälfte seines Buches hat für mich deshalb den Geschmack eines bewussten Betrugs. Während mir die eng an Conan Doyle orientierten Passagen Ausdruck einer vielleicht naiven und unkritischen, aber dafür ehrlichen Begeisterung für den viktorianischen Schriftsteller zu sein scheinen, werde ich bei den phantastischen Kapiteln den Verdacht nicht los, dass Norbu sich hier derselben Methode bedient, die er bei anderen kritisiert. Um seine nationalistische Botschaft unter die Leute zu bringen, ködert er diese mit dem alten exotistischen Klischee von Tibet als einem Land der Wunder.


(1) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 216.
(2) Vgl.: B. Gosh: Emergence of Kalacakratantra. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 21. Nr. 2 (1985). S. 19ff.
(3) Vgl.: Alexander Berzin: The Kalachakra Presentation of the Prophets of the Non-Indic Invaders.
(4) Vgl.: Ronald M. Davidson: Hidden Realms and Pure Abodes: Central Asian Buddhism as Frontier Religion in the Literature of India, Nepal, and Tibet. Biswanath Banerjee: Development of the Kalacakra System in Later Buddhism. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 24. Nr. 2. (1988). S. 9ff.
(5) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 238f.
(6) Ebd. S. 276ff..
(7) Helena Blavatsky selbst hatte behauptet, "dass, als Lemuria sank, ein Teil seines Volkes in Atlantis überlebte, während ein Teil seiner Auserwählten auf die heilige Insel von 'Shambhala' in der Wüste Gobi auswanderte. Allerdings enthalten weder die Kalachakra-Literatur noch das 'Vishnu Purana' irgend eine Erwähnung von Atlantis, Lemuria, Maitreya, oder Sosiosch. Ihre Verbindung mit Shambhala wurde allerdings unter Blavatskys Anhängern fortgeführt." (Alexander Berzin: Falsche Mythen, die in anderen Ländern über Shambala Verbreitung fanden)
(8) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 277. Norbu bezieht sich hier auf eine Passage aus Roerichs Shambala  (S. 96f.). Meines Wissens nach kannten die Meistersinger keinen 'lapis exilis'. Vermutlich meinte Roerich damit den Gral, der im Parzival Wolframs von Eschenbach mit diesem Namen bezeichnet wird. Wie er auf die Idee gekommen ist, dass der heilige Stein wandere, entzieht sich meiner Kenntnis.
(9) Ebd.: S. 287.
(10) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Sussex Vampire. In: Ders.: The Casebook of Sherlock Holmes.

Sonntag, 23. September 2012

Pastiche und Propaganda (I)

Ich habe Jamyang Norbus Roman Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama mit gemischten Gefühlen zur Hand genommen. Vor etlichen Jahren beschäftigte ich mich eine Zeit lang recht intensiv mit Tibet und seiner Geschichte. Dabei war mir der Name des exiltibetischen Schriftstellers und Aktivisten mehr als einmal untergekommen.

1949 in Darjeeling/Indien geboren, schloss Norbu sich in seiner Jugend der Guerillabewegung Chushi Gangdruk an. Diese Organisation war 1958 in den osttibetischen Regionen von Amdo und Kham in Reaktion auf die radikale Landreform gegründet worden, die Maos stalinistisches Regime  dort durchgeführt hatte. Nach dem missglückten Aufstandsversuch von Lhasa und Kham 1959, der u.a. zur Flucht des XIV. Dalai Lama Tenzin Gyatso und Zehntausender Tibeter nach Indien geführt hatte, operierte die Gruppe, die die Unterstützung der CIA genoss, vom nepalesischen Mustang aus. Als die USA nach ihrer Annäherung an die VR China 1974 ihre finanzielle Hilfe einstellten, mussten die Guerillas bald darauf ihren bewaffneten Kampf beenden, zumal nun auch die nepalesische Regierung gegen sie vorging. (1) 
Nachdem er das Gewehr abgelegt hatte, stellte Norbu seine Talente in der Folgezeit in den Dienst der  sog. Tibetischen Exilregierung in Dharamsala, betätigte sich daneben aber auch als Publizist und Schriftsteller. So verfasste er u.a. fünf Theaterstücke und das Libretto für eine traditionelle Tibetische Oper. Seine kritische Haltung gegenüber der alten Religion und der esoterisch angehauchten Tibetromantik westlicher Unterstützerkreise führte allerdings immer wieder zu Konflikten mit der Führungsclique um den Dalai Lama, die sich noch weiter verschärften, als Tenzin Gyatso das Ziel der nationalen Unabhängigkeit aufgab und stattdessen den "Mittleren Weg" in Richtung größerer Autonomie einschlug. Für Norbu eine Art Verrat an der Sache des Vaterlandes. Das von ihm gegründete Amnye Machen Institute gilt als das akademische Zentrum des radikalen Flügels des tibetischen Nationalismus, dessen einflussreichste Organisation der Tibetan Youth Congress sein dürfte. Der Schriftsteller ist außerdem Mitglied der Rangzen Alliance, deren Charta er verfasst hat. Ihr Ziel ist die Errichtung eines unabhängigen, auf ethnischer und kultureller Homogenität basierenden tibetischen Nationalstaates.
Ohne ins Detail gehen zu wollen, stehe ich den von Jamyang Norbu vertretenen politischen Positionen ausgesprochen ablehnend gegenüber. Die Perspektive eines unabhängigen Tibet eröffnet der Masse der tibetischen Bevölkerung keinen Weg aus ihrer aktuellen, von politischer Unterdrückung und wirtschaftlichem Elend gekennzeichneten Lage. Sie ist vielmehr Ausdruck der Interessen der inner- wie exiltibetischen bürgerlichen Elite, die ihre Landsleute in einem "freien" Tibet nicht weniger rücksichtlos ausbeuten würde, als dies heute die mit dem stalinistischen Staatsapparat verbundenen chinesischen Kapitalisten tun. Man muss nur einmal nach Südafrika schauen, um zu wissen, wie eine solche "nationale Befreiung" aussehen würde.
Seiner politischen Überzeugung entsprechend verbreitet Norbu in seinen Schriften einen aggressiven völkischen Patriotismus, wobei viel von der glorreichen Vergangenheit der "tibetischen Rasse" und von der unbeschreiblichen Bösartigkeit des ewigen Erbfeindes China die Rede ist. Im Unterschied zu den pazifistischen Fantasien westlicher Tibetromantiker legt er dabei besonderen Wert auf die kriegerischen Traditionen seines Volkes. (2)

Dass sein 1999 erstmals in Indien veröffentlichtes Sherlock Holmes - Pastiche denselben Geist atmen würde, stand zu befürchten. Andererseits fand ich, dass die Geschichte durchaus interessantes Potential besitzen könnte. Sie ist angesiedelt in den 'verlorenen Jahren' zwischen Holmes' fingiertem Tod an den Reichenbachfällen und seiner Rückkehr nach London, über die Arthur Conan Doyle selbst seinen Meisterdetektiv hatte erzählen lassen:
I travelled for two years in Tibet [...] and amused myself by visiting Lhassa, and spending some days with the head lama. You may have read of the remarkable explorations of a Norwegian named Sigerson, but I am sure that it never occurred to you that you were receiving news of your friend. (3)
Als Erzähler und Watsonersatz fungiert der aus Rudyard Kiplings Kim stammende bengalische Gelehrte und britische Geheimagent Hurree Chunder Mookerjee.
Nun bin ich sicher kein ausgewachsener Sherlockianer, aber ich habe doch eine Menge für den Meister des deduktiven Denkens übrig, vorzugsweise, wenn mir Arthur Conan Doyle von seinen Abenteuern erzählt oder Jeremy Brett ihn verkörpert. Neubearbeitungen der Figur interessieren mich für gewöhnlich wenig. Von den literarischen hatte ich mir bisher keine einzige zu Gemüte geführt, und von den filmischen gehört wohl nicht zufällig meine besondere Liebe Thorn Eberhardts ironischem Spaß Without a Clue (Genie und Schnauze) mit Ben Kingsley und Michael Caine. Die Aussicht, zu sehen, was ein tibetischer Autor mit Sherlock Holmes anstellen würde, erschien mir jedoch recht spannend. Schließlich spiegeln Conan Doyles Erzählungen immer wieder sehr deutlich die Mentalität der bürgerlichen Schichten des imperialen Großbritannien wider. Orientalistische Klischees finden sich in einer ganzen Reihe von Holmes-Geschichten. Und da ich wusste, dass Norbu mehrfach ebenso treffende wie beißende Kommentare zum von den westlichen Medien verbreiteten exotistischen Tibetbild abgegeben hat, hoffte ich, dass sein Roman in dieser Hinsicht einige interessante Wendungen enthalten würde. Auch die Aufnahme von Hurree Chunder Mookerjee in die Erzählung ließ mich aufhorchen. Hatte Kipling diese Figur doch nach dem realen Vorbild von Sarat Chandras Das gezeichnet, der als Spion des Empire in der Verkleidung eines buddhistischen Pilgers 1882 bis nach Lhasa gelangt war. Bestand da nicht die Möglichkeit, dass Norbu im Rahmen seines Pastiches eine etwas realistischere Darstellung von Kiplings "Großem Spiel" präsentieren würde, d.h. vom Kampf zwischen Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft über Zentralasien, die das Schicksal Tibets in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz entscheidend mitbestimmt hat?

Doch nein, Das Mandala des Dalai Lama erfüllt keine einzige dieser Hoffnungen. Das beste, was sich darüber sagen lässt, ist, dass es den Stil von Conan Doyles Erzählungen recht geschickt nachahmt. Auch ist Hurree – zugleich Hindu und westlich gebildeter Wissenschaftler – ein durchgehend sympathischer Erzähler. Darüber hinaus jedoch erweist es sich als ein schlecht konstruiertes und in vielerlei Hinsicht unerträgliches Buch.
Das erste Drittel handelt davon, wie Holmes mit Mookerjee an seiner Seite einer Reihe von Mordanschlägen Colonel Morans entkommt, der rechten Hand Professor Moriartys. Das ist soweit alles ganz nett, wenn es nur nicht für die folgende Haupthandlung praktisch ohne Bedeutung wäre. So aber wirkt es wie ein überlanges Vorspiel, dessen einzige Funktion es ist, eine Begründung für die Reise der beiden nach Tibet zu liefern. Was im Grunde überhaupt nicht nötig wäre, da Holmes zusätzlich auch noch eine Einladung von Lama Yönten erhält, dem Großsekretär des Dalai Lama. Es vergeht mehr als die Hälfte des Romans bis unsere Helden endlich im Norbulingka, dem großen Sommerpalast des Kundun in Lhasa, stehen, und Holmes den Auftrag erhält, den fünfzehnjährigen Dalai Lama Tubten Gyatso vor einem drohenden Attentat zu bewahren.
Spätestens an diesem Punkt macht sich dann auch Jamyang Norbus ideologische Ausrichtung unangenehm bemerkbar. Die Handlung des Romans ist um ein Bild der tibetischen Geschichte herum konstruiert, wie es in den nationalistischen Kreisen allgemein verbreitet ist, das jedoch mit der historischen Realität nur wenig zu tun hat. Norbu lässt seinen Lama Yönten eine entsprechende Exposition vortragen:
Tibet ist ein kleines und freidliches Land. Das Einzige, wonach seine Bewohner streben, ist ein Leben in Ruhe und Stille und die Befolgung der erhabenen Lehren unseres Herrn Buddha. Doch überall um uns herum lauern kriegerische Nationen, mächtig und ruhelos wie Titane. Im Süden ist es das Empire der englischen Sahibs, die nun die Heimat Shakyamunis [Buddhas] beherrschen. Im Norden ist es der Kesar von Oros, der Zar von Russland, obwohl dieser glücklicherweise weit weg ist. Im Osten allerdings lauert die größte Gefahr und unser größter Fluch: Schwarzchina – verschlagen, nach noch mehr Land gierend. Und selbst in seiner Gier ist dieser Feind noch gerissen. [...] Was der Kaiser auf direktem Weg nicht zu erreichen vermag, das versucht er mit Intrigen. Im Laufe der Jahre ist es ihm über seine Vertreter hier in Lhasa, die kaiserlichen Hochkommissare, mit Hilfe von Bestechung, Erpressung und Mord nach und nach gelungen, seinem Ziel immer näher zu kommen. [...] So ist es ihm gelungen, dem gegenwärtigen Regenten von Tibet, dem Fleisch gewordenen Lama des großen Tengyeling-Klosters, frevlerische und verräterische Ideen in den Kopf zu setzen. [...] Die letzten drei Inkarnationen des Dalai Lama [...] starben, bevor sie erwachsen wurden – und alle unter sehr suspekten Umständen. Von zumindest einem der Morde wissen wir mit Sicherheit, dass er von den Chinesen angestiftet wurde; aber wie gewöhnlich gab es keinen echten Beweis für ihre direkte Mittäterschaft. Wie auch immer, die politischen Wirrnisse und die Instabilität, die diese traurigen Ereignisse hervorriefen, kamen den Chinesen sehr gelegen, die nach und nach ihren Einfluss und ihre Macht in Tibet vergrößerten. Inzwischen sind sie so stark, dass wir fürchten, sie könnten auch den letzten Schritt wagen und versuchen, die volle Kontrolle über das Land zu erlangen und die glorreiche Inkarnationslinie der Dalai Lamas für immer zu beenden. (4)
In Wirklichkeit erlebte das 19. Jahrhundert kein Anwachsen des chinesischen Einflusses in Tibet, sondern vielmehr dessen dramatische Abnahme. Wie der bekannte Historiker Melvyn Goldstein schreibt:
[A]s the nineteenth century unfolded, the Qing dynasty experienced pressing threats to its position as a result of internal disturbances such as the Taiping Rebellion (1848–1865) and external incursions by Western countries such as the Opium War of 1839–1842. Not surprisingly, the power of the ambans[Norbus 'Hochkommissare'] in Tibet waned, as did the involvement of the Qing emperors. Consequently, Tibet was able to conduct a war with the Sikhs and Ladakh in 1841–1842 and another war with the Nepalese in 1855–1856 with no involvement from China, although in the latter conflict Tibet was forced to pay Nepal an annual tribute and accept a Nepalese resident in Lhasa and extraterritoriality for Nepalese traders. Similarly, the thirteenth Dalai Lama was chosen in 1877 without recourse to the "golden urn" lottery that the Qing emperor, Qian Long, had ordered in 1792. And in 1897, two years after the thirteenth Dalai assumed political control, he stopped consulting the amban in the selection of top officials (in accordance with the 1792 regulations) and began appointing them directly. As Phuntso Tashi, the fourteenth Dalai Lama's brother-in-law (and a former Tibetan government official) explains, "For over 100 years Tibet's holders of political power had not been able to do that. The Manchu government was displeased with this but . . . they were unable to do anything about it." By the turn of the twentieth century, therefore, the Qing hegemony over Tibet was more symbolic than real, and the Tibet Question was, in a sense, latent - Tibet did not explicitly try to sever its ties to Beijing: it offered nominal respect to the emperor but did not defer to the emperor's amban in Lhasa. (5)
Bei den verdächtig frühen Toden der drei Vorgänger von Tubten Gyatso dürfte es sich wohl tatsächlich um Morde gehandelt haben, doch gibt es keine Belege dafür, dass China hinter ihnen gesteckt hätte. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass die jungen Dalai Lamas den zahllosen Intrigen und Rivalitäten zum Opfer fielen, die das Bild der tibetischen Elite jener Zeit prägten. Der Grund für diese permanenten Machtkämpfe zwischen den Mönchs- und Adelscliquen des Schneelandes ist nicht in chinesischen Machinationen zu suchen, wie Norbu uns weismachen will, sondern vielmehr in der eigentümlichen Struktur des tibetischen Feudalstaates mit seiner auf dem Reinkarnationsglauben beruhenden Erbfolgeregelung. (6) Der geplante Mordanschlag auf Tubten Gyatso, der den historischen Hintergrund für den Roman abgibt, wurde von Demo Rinpoche, dem Regenten Tibets und Herrn des Klosters Tengyeling eingefädelt, der dabei nicht etwa als Marionette der bösen Chinesen agierte, sondern vielmehr seine eigenen und die Machtinteressen seines Klosters verfolgte.
Doch wie so oft passt die historische Realität in ihrer Komplexität nicht in das Weltbild des Nationalisten. Obwohl Jamyang Norbu dem alten Feudalsystem keineswegs völlig unkritisch gegenübersteht (wovon man im Mandala freilich nichts merkt), hat er sich ein Bild der tibetischen Geschichte zusammengebaut, in dem sich alles um den ewigen Konflikt zwischen dem unschuldigen, unterdrückten Schneeland und dem bösen, unterdrückerischen China dreht. Für alles negative müssen die verruchten Intrigen des Erbfeindes oder die Umtriebe bestochener Vaterlandsverräter verantwortlich gemacht werden. Diesen Geschichtsmythos versucht er den Leserinnen und Lesern seines Romans unterzujubeln, wobei dessen Verknüpfung mit den Figuren von Sherlock Holmes und Hurree Chunder Mookerjee zu besonders absurden Resultaten führt.

Die Hauptgefahr für die relative Selbstständigkeit Tibets ging im 19. Jahrhundert nicht vom geschwächten China, sondern vom machtvoll wachsenden Britischen Kolonialreich aus. Schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts hatte die Ostindische Kompanie erstmals eine Expedition ins Schneeland entsandt. Ziel war es Tibet und darüberhinaus die Märkte Zentralasiens für britische Waren zu erschließen. Bis zum Opiumkrieg hatte man darin vor allem eine Möglichkeit gesehen, das sich abschottende China quasi durch die Hintertür zu erreichen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts richteten sich die britischen Ambitionen vor allem gegen Russland, das seinerseits bemüht war, Zentralasien seiner Vorherrschaft zu unterwerfen. In den 1860er Jahren begannen die Briten deshalb eine potentielle Handelsroute von Darjeeling über das Chumbi-Tal nach Gyangze und Lhasa zu erschließen. In einem Brief an die Kolonialverwaltung in Bengalen fasste Ashley Eden die britischen Erwartungen so zusammen: "A considerable trade will spring up between Lassa and Darjeeling. The Tibetans will only be too glad to exchange gold dust, musk, borax, wool and salt for English cloth, tobacco etc.; and the people of Sikkim will gain as carriers of this trade, and their government will raise a considerable revenue from the transit duties." (7) Diesem Projekt standen jedoch sowohl die chinesische als auch die tibetische Regierung ablehnend gegenüber. Schon seit längerem verfolgten die Herren im Potala eine extrem isolationistische Politik. Die Versuche der Briten, ihr Reich für den Handel zu erschließen, nahmen sie als Bedrohung war. Als Großbritannien dem von Opiumkriegen und Taiping-Aufstand geschwächten China 1876 im Vertrag von Chefu die Erlaubnis abpressten, eine Expedition nach Tibet zu entsenden, erwartete die ein Jahrzehnt später abmarschierte Macaulay-Gesandtschaft deshalb eine böse Überraschung, als sie die Grenze des Schneelandes erreichte. Nicht nur wurde ihr die Weiterreise verweigert, Tibets Herrscher schickten sogar Truppen in ein umstrittenes Grenzgebiet zwischen Sikkim und dem Schneeland. Wie der britische Resident in Nepal E. R. Girdlestone bereits 1879 in weiser Voraussicht erklärt hatte: "I know no reason why, unless Sir Jung Bahadoor’s extreme remedy for breaking down their exclusiveness by force of arms be adopted, free trade should be established in Thibet ". (8) Zu derart brachialen Methoden wollten die Briten allerdings noch nicht greifen. Sie beschränkten sich vorerst darauf, eine Reihe von Spionen ins Schneeland zu schicken, um sich genauere Informationen über das Verbotene Königreich auf dem Dach der Welt zu besorgen.

Einer dieser Spione war Hurrees reales Vorbild Sarat Chandras Das. In Das Mandala des Dalai Lama wird es jedoch so dargestellt, als seien alle Widerstände, auf die Mookerjee bei seiner ersten Expedition nach Tibet gestoßen ist, auf die Umtriebe des chinesischen Ambans zurückzuführen. Keiner der tibetischen Würdenträger scheint etwas dagegen zu haben, dass er während seines zweiten Aufenthaltes offizielle Berichte an seine Vorgesetzten in Indien schreibt. Diese Darstellung ist nicht nur historisch absurd, sie vermittelt auch ein erstaunlich positives Bild des britischen Empire. Anders als die ewig eroberungslüsternen Chinesen wirken die Engländer wie eine potentiell wohlwollende neutrale Macht. Tatsächlich sollte zwölf Jahre nach den fiktiven Ereignissen des Romanes 1904 ein dreitausend Mann starkes britisches Expeditionskorps unter Führung von Sir Francis Younghusband in Tibet einmarschieren, Aberhunderte Tibeter abschlachten und den XIII. Dalai Lama zur Flucht in die Mongolei zwingen. Doch Jamyang Norbus nationalistischer Idee ist nicht damit gedient, das Schneeland historisch korrekt als das Opfer imperialistischer Machtkämpfe darzustellen. Hass gegen China, nicht gegen die westlichen Kolonialmächte, zu schüren, ist sein Ziel. Und so wundert es auch nicht, dass sein Buch keinerlei kritische Haltung gegenüber seinen literarischen Vorbildern Conan Doyle und Kipling verrät, wie ich es eigentlich gehofft hatte.

All dies hätte ich bei meinem Wissen um Jamyang Norbus politische Positionen vielleicht erwarten müssen. Doch der vernichtendste Schlag erfolgte aus einer gänzlich überraschenden Richtung.

Fortsetzung folgt ...

(1) Vgl.: Kenneth Conboy & James Morrison: The CIA's Secret War in Tibet. John Kenneth Knaus: Official Policies and Covert Programs: The U.S. State Department, the CIA, and the Tibetan Resistance. Norbu hat den Khampa-Partisanen mit seinem Buch Warriors of Tibet ein patriotisches Denkmal zu setzen versucht.
(2) Mit dem Epos von Ge-sar haben die Tibeter immerhin die wahrscheinlich umfangreichste heroische Dichtung der Welt geschaffen, Ausdruck des Lebensgefühls einer stolzen Kriegeraristokratie. In der mir vorliegenden Übersetzung von Matthias Hermanns zählt sie gut 480 Seiten fortlaufenden Text. Man stelle sich das erst einmal in Versen vor!
(3) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Empty House. In: Ders.: The Return of Sherlock Holmes.
(4) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama. S. 191ff.
(5) Melvyn Goldstein: The Snow Lion and the Dragon. China, Tibet, and the Dalai Lama. S. 21f.
(6) Vgl.: Melvyn Goldstein: The Circulation of Estates in Tibet: Reincarnation, Land and Politics.
(7) Zit. nach: Jahar Sen: Sikkim and Himalayan Trade. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 17. Nr. 3. (1981). S. 11.
(8) Zit. nach: Jahar Sen: India’s Trade with Central Asia via Nepal. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 8. Nr. 2. (1971). S. 27.