"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Dienstag, 19. April 2022

Strandgut

Montag, 18. April 2022

A Trip Down Memory Lane

Meine allerersten Begegnungen mit der phantastischen Literatur liegen irgendwo verborgen im Dunkel kindlicher Vergangenheit. Mit ziemlicher Sicherheit wird es sich dabei um irgendwelche Bücher gehandelt haben, die mir von meinem Vater vorgelesen wurden. Aber außer ganz vagen Erinnerungen an eine SciFi-Geschichte über Kinder auf einem Generationenschiff (?), hat sich da nichts erhalten. Irgendwo in dieser Dunkelzone dürften sich auch Otfried Preußler Kinderbuch-Klassiker Die kleine Hexe, Das kleine Gespenst und Der kleine Wassermann herumtreiben. Astrid Lindgrens Brüder Löwenherz und Ronja Räubertochter waren zwar sehr wichtig für meine künftige Fantasy-Fan-Karriere, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den beiden zuerst in Gestalt ihrer filmischen Adaptionen begegnet bin.
 
Den wirklichen Startpunkt bildeten auf jedenfall Michael Endes Die Unendliche Geschichte und Momo. Doch es dauerte nicht lange, und mir fiel Der Herr der Ringe in die Hände. Und obwohl ich zu diesem Zeitpunkt erst 11/12 Jahre alt gewesen sein kann, verschlang ich schon bald auch Das Silmarillion, Nachrichten aus Mittelerde und alles, was ich sonst noch so vom alten Tolkien in die Finger bekam. Erst beim Buch der Verschollenen Geschichten mit seinen seitenlangen editorischen Anmerkungen von Christopher Tolkien war ich dann doch etwas überfordert (und gelangweilt). Die weitere Chronologie meiner phantastischen Lektüre kann ich nicht mehr im Detail nachvollziehen. Einen zeitlich klar verortbaren Einschnitt bilden erst wieder die ersten zwei Dragonlance - Trilogien (Chronicles und Legends), da es sich bei denen um die ersten englischsprachigen Bücher handelte, die ich abseits des Schulunterrichts gelesen habe. Aber das war natürlich einige Jahre später.
Auffällig ist allerdings, dass sich unter den Büchern meiner Post-Ende-Zeit kaum welche befanden, die ausdrücklich für Kinder oder Jugendliche geschrieben worden wären. (Den Hobbit mal beiseite gelassen.) Sicher, einen Harry Potter hatten wir in den 80ern nicht, aber ein paar Titel hätten sich ja schon angeboten. Für einen guten Freund von mir waren z.B. LLoyd Alexanders Taran und der Zauberkessel und Otfried Preußlers Krabat wichtige Meilensteine gewesen. Doch beide würde ich selbst erst sehr viel später lesen. Übersetzungen von Susan Coopers The Dark Is Rising (Wintersonnenwende) und Alan Garners The Moon of Gomrath (Der Mond von Gomrath) wären theoretisch zwar zugänglich gewesen, sind mir aber nie unter die Augen gekommen. Den ersten Narnia-Band (also die deutsche Version von The Lion, the Witch and the Wardrobe) hab ich tatsächlich irgendwann von Verwandten geschenkt bekommen, doch offenbar war C.S. Lewis schon damals nicht nach meinem Geschmack. 
Ursula K. Le Guins Earthsea - Romane waren in Amerika zwar ausdrücklich als Jugendbücher vermarktet worden und auch auf dem Cover meiner Heyne-Ausgabe der Trilogie prangte ein Blurb folgenden Inhalts: "Ausgezeichnet mit dem Globe Hornbook Award als bestes Jugenbuch des Jahres". Dennoch fällt es mir etwas schwer, sie unter dieser Kategorie zu fassen.
Die einzigen Fantasybücher, die sich ganz ohne Frage an ein jugendliches Publikum richteten, und die dennoch einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen haben, waren zwei Bände von Graham Dunstan Martin, die hierzulande unter den ultragenerischen Titeln Das magische Schwert und Die magische Krone 1984 als Schneiderbücher erschienen sind.* Was sie ja bereits eindeutig zuordnet und mit ein Grund dafür gewesen sein dürfte, warum sie nie zu größerer Bekanntheit gelangten. So zumindest mein Eindruck. Allerdings scheinen auch die englischen Originale Giftwish und Catchfire nach den 80er Jahren nie wieder neu aufgelegt worden zu sein.
 
Schon vor ein paar Jahren hatte ich den ersten Band wieder einmal gelesen und dabei erneut viel Spaß gehabt. Als vor einiger Zeit ein Gespräch auf das Thema Jugendfantasy der eigenen Kindheit kam, dachte ich mir deshalb, es könnte eigentlich ganz nett sein, beide Bücher noch einmal einem Reread zu unterziehen (sie sind ja nicht lang) und anschließend hier darüber zu berichten.
 
Ich habe nur wenig Informationen über den britischen Autor Graham Dunstan Martin finden können, der am 27. März des letzten Jahres im Alter von 88 verstorben ist. Nach seinem YA-Debüt erschienen zwischen 1984 und '88 noch vier weitere phantastische Werke aus seiner Feder: The Soul Master, Time-Slip, The Dream Wall und Half a Glass of Moonshine. Das bisschen, was ich über sein Oeuvre in Erfahrung bringen konnte, legt nahe, dass er politisch und weltanschaulich ein strammer Konservativer und wütender Antikommunist gewesen sein muss. Im postapokalyptischen Szenario von Time-Slip wurde der 3. Weltkrieg durch "the disarmament of Western Europe in 1998" ausgelöst und The Dream Wall schildert ein sowjetisiertes Zukunftsbritannien mit "renamed towns (Leninpool, Engelsburgh, Marxeter), labour and death camps, secret police called "People's Friends' forever bursting through doors at 3am to meet their growing arrest quota, etc.".** Eine besonders leidenschaftliche Feindschaft scheint er für den philosophischen Materialismus gehegt zu haben, dessen "Widerlegung" er in späteren Jahren mindestens zwei ganze Bücher widmete: Does It Matter?: The Unsustainable World of the Materialists (2005) und Living On Purpose: Meaning, Intention and Value (2008).

Außer einem leicht "(sprach)philosophisch" angehauchten Kapitel in Giftwish enthalten seine beiden Fantasyerzählungen allerdings nichts, was auf diesen weltanschaulichen Hintergrund hindeuten würde. In motivischer Hinsicht wirken sie nicht sonderlich "konservativ". Manch Element weist sogar in eine ganz andere Richtung. Und so belegen die beiden Bände einmal mehr, dass man ein Buch nicht nach den politischen Überzeugungen seines Verfassers beurteilen sollte.
 
Giftwish (Das magische Schwert) wirkt auf den ersten Blick wie eine archetypische Questen-Fantasy-Geschichte: Jugendlicher Held begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, um einen Dunklen Herrscher zu bezwingen und ein verlorengegangenes magisches Artefakt zurückzugewinnen. Dabei scheint Protagonist Ewan ganz dem Klischee des "auserwählten Bauernjungen" zu entsprechen. Doch von Anfang an gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass Martin diesem klassischen Erzählmodell zumindest einige etwas ungewöhnlichere Akzente verleihen wird.
Das beginnt bereits damit, dass die prophezeiten "Zeichen", mit deren Hilfe Ewan als der vorhergesagte "Meister" identifiziert wird, ganz offensichtlich von den Autoritäten manipuliert wurden. Und von Stadtgardist bis Bürgermeister wirken diese eher bedrohlich, denn vertrauenserweckend. Dennoch erhält der königliche Zauberer Listhelm erst einmal Gelegenheit, in einer Art Gandalf-Monolog die (vermeintliche) Hintergrundsgeschichte darzulegen:
Vor einhundert Jahren kam es zum Krieg zwischen Dammark und dem Verbotenen Reich. Dabei wurde das Heer der Invasoren vom Beschwörer der Geister und der Toten angeführt und bestand zum Teil aus monströsen "Geschöpfen aus den Bergen -- Kobolde, geflügelte Kämpfer, Werwölfe, Drachen, eidechsenartige Basilisken". Nach anfänglichen Niederlagen gelang es Listhelms Großvater Trixfix schließlich, die schwarze Magie des Geisterbeschwörers zu brechen und das Schlachtenglück zu wenden. Das feindliche Heer wurde völlig aufgerieben, sein teuflischer Anführer erschlagen. Um Dammark auf ewig vor dieser Bedrohung zu schützen, versiegelte der Zauberer die Grenzen mit einem gewaltigen Bann gegen die finsteren Mächte aus dem Nachbarland. Doch nun mehren sich die Anzeichen dafür, dass dieser Zauber seine Kraft verliert. Dürre und drohende Hungersnot in Dammark sind ohne Zweifel Folgen schwarzer Magie und im Grenzland berichtet man erneut von Ungeheuern, die aus den Verbotenen Bergen herabgestiegen seien und das Volk tyrannisierten. Der Erbe des Geisterbeschwörers rührt sich und bedroht den Frieden des Reiches. Der Bann muss erneuert werden. Und dies kann nur der prophezeite "Meister" -- Ewan.
Auf den ersten Blick haben wir es also mit einer Gondor-Mordor-Situation zu tun. Das Reich des Guten gegen das Reich des Bösen. Die zu Ruinen verfallene Grenzfestung Mitterach, auf einer Insel im (nun beinah ausgetrockneten) Fluss Elze gelegen, erinnert vielleicht nicht zufällig ein bisschen an Tolkiens Osgiliath. Hier befindet sich auch das Grab des Geisterbeschwörers, in dessen unterirdischen Gewölben Ewan die Zeremonie der Erneuerung durchführen soll. Aber kaum ist er dort angekommen, nehmen die Ereignisse eine üble Wendung. Das Ritual muss mit Blut besiegelt werden -- seinem Blut! Zwar gelingt es ihm, dem gleichaltrigen Finte, der das Opfer durchführen sollte, zu entkommen, wobei ihm auch noch ein geheimnisvolles altes Schwert in die Hände fällt, doch wohin soll er sich nun wenden? Seine Flucht führt ihn unwissentlich über die Grenze in das kleine, unabhängige Reich Felsgau. Als seine Verfolger ihn einholen, wird er von den Soldaten des dortigen Herrschers gerettet und nach Burg Wendesinn geleitet. Hier residiert der exzentrische Magier Lautermund, der sich als die eigentliche "weise Mentorfigur" der Geschichte entpuppt, auch wenn er anders als der würdevolle Listhelm anfangs nicht unbedingt diesen Eindruck macht: "ein kleines rundliches Männlein in Schlafmütze und Morgenrock, mit listigen Knopfaugen und einem Paar riesiger Pantoffeln".
In guter Märchenmanier muss Ewan drei Aufgaben für Lautermund bewältigen, wobei er einen (vorerst unscheinbaren) Ring gewinnt. Außerdem erfährt er, dass die Lage deutlich anders aussieht, als ihm zuvor erzählt wurde. Der Geisterbeschwörer war und ist eine Macht des Bösen, kein Zweifel, aber der Krieg vor hundert Jahren besaß seine eigentlichen Wurzeln in der Unterdrückung von Finsterreich durch Dammark.*** Und Trixfix' großer Bann war zwar ein beachtliches Zauberkunststück, aber im Kern fehlgeleitet. Indem er alles, was aus dem zum "Verbotenen Reich" erklärten Nachbarland stammt, als "böse" ausschloss, schnitt er Dammark auf lange Sicht von seinen eigenen Lebensadern ab. Der Bann ist nicht schwächer geworden, wie Listhelm glaubt, sondern das Gegenteil: Er schließt inzwischen nicht nur die Magie von Finsterreich aus, sondern auch das Wasser der Flüsse, die in den Bergen entspringen, die Regenwolken, die von dorther über die Ebenen getrieben werden usw. 
Doch den Bann einfach aufzuheben, wäre keine Lösung, denn der Geisterbeschwörer stellt eine sehr reale Bedrohung dar. Der einzige Weg, diese zu neutralisieren, bestände darin, die lang verlorene magische "Krone der Einheit" zurückzugewinnen. Unglücklicherweise dürfte diese in unmittelbarer Nachbarschaft zur Burg des Dunklen Herrschers begraben liegen. Um sie zu heben, bräuchte es einen Helden ... Ewan sträubt sich zuerst dagegen, diese Rolle anzunehmen. Schließlich war sein angeblicher Auserwähltenstatus ein offenbarer Betrug, von Listhelm eingefädelt. Aber Lautermund erklärt ihm, dass es letztenendes völlig egal ist, ob er vom Schicksal auserkoren wurde oder nicht. Wichtig ist bloß, dass er sich bemüht, das richtige zu tun. Und so beginnt Ewans eigentliche Queste.
 
Der leicht subversive Touch, dass Finsterreich eben kein Mordor, sondern einfach ein recht wilder Landstrich mit ganz gewöhnlichen -- und einigen weniger gewöhnlichen -- Bewohnhern ist, dürfte mir vor 35 Jahren entgangen sein. Nichtsdestoweniger war es wohl vor allem die Schilderung des fremden Landes, in das Ewan zusammen mit einer kleinen Gruppe von Gefährten**** aufbricht, die einen so bleibenden Eindruck bei mir hinterließ. Einer der Gründe dafür war sicher, dass der Szenerie völlig die Grandiosität abgeht, die man sonst so häufig in der High Fantasy findet. Der Maßstab ist sehr viel bescheidener, die Atmosphäre "erdiger". Finsterreich ist ein Land der Berge und Wälder. Da und dort schmiegen sich kleine Weiler oder winzige Burgen in die Täler. Nach mächtigen Zitadellen oder titanischen Befestigunganlagen à la Minas Morgul oder Morannon hält man hier vergeblich Ausschau. Für den aus der Tiefebene von Dammark stammenden Ewan ist allerdings schon allein diese Landschaft fremdartig und "abenteuerlich". Dem wirklich Phantastischen begegnet er anfangs aber nur in Form von Sagen und Geschichten. Da gibt es z.B. die ganz aus Baumhäusern bestehende Siedlung Krähbaum, deren Bewohner erzählen, dass ihre Vorfahren einst Flügel besessen hätten, die ihnen irgendwann vom Geisterbeschwörer gestohlen worden seien. Oder die Drachenanbeter von Höhlenschild, von denen er erfährt, dass weibliche Drachen keine Flügel besitzen, sondern durch Erde und Fels "schwimmen" können als wären sie Wasser.  
Erst als er in einem nebelverhangenen Tannenforst von seinen Gefährten getrennt wird, macht er zum ersten Mal ganz unmittelbar die Erfahrung, dass der Ruf, den Finsterreich in Dammark genießt, nicht gänzlich unberechtigt ist. Die Begegnungen mit dem Magischen sind zwar eher flüchtig, aber zu ihnen gehören u.a. eine zottelige, bärenartige Kreatur (die, wie wir später erfahren, den putzigen Namen "Polsterfuß" trägt), ein scheuer Jüngling mit dem Kopf eines Wolfes und die Wilde Jagd, die in dieser Welt offenbar zwischen den Zeiten hin und her reist.
 
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Graham Dunstan Martins Schilderung dieser Begegnungen zwar durchaus stimmungsvoll ist, der Grund, warum sie sich so tief in mein Bewusstsein eingebrannt haben, aber nur teilweise etwas mit dem Text zu tun hat. 
Die erneute Lektüre des Buches hat mir stärker als je zuvor die Bedeutung und die Funktionsweise der inneren Visualisierung von Gelesenem vor Augen geführt. Zuerst ist mir das im Zusammenhang mit Mitterach aufgefallen. In meiner Erinnerung hatte ich ein sehr deutliches Bild der verfallenen Festung als eines aus rötlichem Sandstein gehauenen Bauwerks vor mir. Im Buch jedoch findet sich auch nicht der kleinste Ansatz dafür. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eines der (unbewussten?) Vorbilder für diese Visualisierung die Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz gewesen ist. In meiner Kindheit habe ich den Sommerurlaub häufiger zusammen mit meiner Familie im Hunsrück verbracht und dabei nicht nur unzählige Burgen an Rhein und Mosel, sondern eben auch diese Festung besucht. Damit verbundene Eindrücke haben sich in meinem Hirn wohl unauflöslich mit Martins Schilderung von Mitterach verschmolzen. Für die Waldszenerie von Finsterreich gibt es zwar keine so konkreten Vorlagen, an die ich mich erinnern könnte, aber auch hier hatte ich mir im Geiste offenbar sehr viel lebendigere Bilder geschaffen, als sie der Text in Wirklichkeit zeichnet. Der Wald als Landschaft und Umgebung war von früh an fester und wichtiger Bestandteil meiner Lebenswelt gewesen und hatte meine Fantasie immer schon zu allerlei Geschichten und Imginationen angereizt. Kein Wunder also, dass ich Martins Erzählung an diesem Punkt sozusagen persönlich "aufgeladen" habe. 
Das bedeutet aber natürlich auch, dass ein unbedarfter Leser vermutlich nicht dasselbe Vergnügen aus dem Text beziehen wird wie ich damals.
 
Wie dem auch sei, Ewans Waldabenteuer führen ihn jedenfalls am Ende nach Holterthal und zur Burg Eschgeier, dem Sitz der mächtigen Hexe Magifitz, vor der er bereits mehrfach gewarnt wurde, die überraschenderweise aber einen ausgesprochen gastfreundlichen und hilfsbereiten Eindruck auf ihn macht. Hier lernen wir auch endlich die zweite Hauptfigur der beiden Bücher kennen: Die junge Hexe Funkelfang. Magifitz' Adoptivtochter ist zugleich die "Stern-Zwillingsschwester" der dammark'schen Prinzessin Sternfall und trägt seit einer magischen Operation ihrer Lehrmeisterin die Seelen beider Mädchen in sich, während die Prinzessin im fernen Dammark in eine Art Koma gefallen ist.
Dass Funkelfang am Anfang ihrer Beziehung Ewan das Leben rettet (und nicht etwa umgekehrt), ist durchaus bezeichnend. Klug, kompetent und selbstbewusst ist sie seine ebenbürtige Gefährtin. Was in einem Jugend-Fantasy-Buch der frühen 80er glaub ich noch nicht selbstverständlich war. 
"Natürlich" enden die beiden als ein Paar. Das gehört wohl einfach zu den Konventionen einer solchen Geschichte. Aber immerhin verschont uns Martin fast völlig mit all dem emotionalen Hickhack, den man bei der Schilderung einer "ersten großen Liebe" vielleicht erwarten würde. Das sähe in heutiger YA-Fantasy vermutlich anders aus (oder sind das bloß meine Vorurteile?). 
Allerdings fällt es mir ohnehin schwer, Giftwish unter dieses Label zu fassen. Das Buch trägt zwar sicher gewisse Züge einer Coming-of-Age-Story (der Aufbruch ins Unbekannte als Metapher für das Erwachsenwerden), aber spätestens ab dem Beginn der eigentlichen Queste hat man kaum mehr das Gefühl, es mit einem sechzehnjährigen Protagonisten zu tun zu haben. Ähnliches gilt für die gleichaltrige Funkelfang. Ich bin mir aber nicht sicher, ob man das als eine erzählerische Schwäche auffassen sollte. Ewan ähnelt in vielem dem jungen Burschen aus dem Märchen. Und von dem erwartet man ja auch nicht, irgendwelche Teenager-Probleme zu haben.
 
Hinter Holterthal mehren sich die phantastischen Begegnungen, wenn Ewan, Funkelfang und ihr kleiner Trupp in die menschenleere Gebirgslandschaft von Düsteralb hinaufziehen: Menschenfressende Eichenmonster (eine kuriose Mischung aus Tolkiens Ents und den Riesen aus Jack and the Beanstalk), die Erddrachin Morguna (eitel, hochmütig, aber eigentlich auch recht sympathisch) und Mäng, die grotesk-monströse "Hand" des Geisterbeschwörers.  Schließlich ist die Anhöhe über dem Bergsee Himmelsteuf erreicht und die Bühne für die finale Konfrontation mit dem Dunklen Herrscher bereitet.

Auch bei dieser fällt der im Vergleich zur gängigen High Fantasy bescheidene Maßstab auf. Unser Dark Lord residiert nicht in einer titanischen Festung à la Barad-dûr, sondern zusammen mit einer kleinen Schar Bewaffneter in einer winzigen Burg. Zwar setzt er sich selbst als eine Herrschergestalt von mythischer Größe in Szene:
[I]ch sitze auf Burg Mitternacht, im Zentrum meines Spinnennetzes, und spinne. Du weißt, wie sie mich in der Alten Sprache nennen: den Spinner der Schwarzen Fäden. Nicht ein Finger rührt sich in ganz Finsterreich, ohne daß ich es weiß. Kein Mann schwingt seinen Speer, keine Frau wiegt ihr Kind, ohne daß ich es sehe und einverstanden bin. Ich sitze im Zentrum der Welt, hier auf Mitternacht. Ich spinne die Fäden. Ich lege den Menschen die Worte in den Mund. Und ich lasse euch tanzen an meinen Fäden.
Doch es ist ziemlich klar, dass Schattenspinn in Wirklichkeit nicht über diese gottgleiche Macht verfügt, sondern einfach ein ältlicher Zauberer ist.
Trotzdem braucht es einige überraschende Wendungen, eine mutige Rettungsaktion Funkelfangs und den Besuch einer "Welt-hinter-der-Welt", bis die "Krone der Einheit" gewonnen, der Geisterbeschwörer bezwungen und die Geschichte (vorerst) zu einem glücklichen Abschluss gebracht ist. Dem märchenhaften Charakter gemäß werden Held & Heldin am Ende selbstverständlich König & Königin von Finsterreich.
 
Über Graham Dunstan Martins Stil hab' ich kaum etwas zu sagen. Hie und da weist er ganz leichte Anklänge an jenen "onkelhaften" Tonfall auf, der Tolkien im nachhinhein an seinem eigenen Hobbit so sehr missfiel. Doch fand ich das nur selten wirklich störend. Unbedingt erwähnt werden muss allerdings die Schlusspartie des Buches, denn ich kann mich nicht erinnern, dass mir ein vergleichbares Zoom Out irgendwoanders noch einmal begegnet wäre:
Ein dunkelhaariges Mädchen steht am Kopfende einer lärmenden Festtafel und lächelt wie ein Baum im Sommer, aber das Blau ihrer Augen ist dunkler geworden in Erinnerung an das vergangene Böse; ein blonder Junge, der aus Gewohnheit die Brauen runzelt und dem Hartnäckigkeit um die Mundwinkel geschrieben steht; ein rundlicher, lächelnder Magier; Männer im Lederwams, die Helme neben sich; graue, wallende Bärte, rubinfarbener Wein im Gegenlicht; ein langer schwarzer Eichentisch; eine grün-weiß-rpte Fahne, die langsam verblaßt; ein Flackern der Fackeln; ein erleuchteter Raum voller Bewegung ... Sie alle schrumpfen und weichen zurück, mit immer größerer Geschwindigkeit, verglühen in der Ferne, werden immer winziger, fallen in die Dunkelheit von Zeit und Raum, verschwinden in einem fernen Pünktchen. Wenn unser Planet jemals dort war, dann ist dieser Ort jetzt unvorstellbar fern, am anderen Ende der Galaxis. Wir sagen ihnen allen Lebewohl.
Ich bin mir gar nicht einmal sicher, ob mir das Ergebnis gefällt, aber ich finde diesen Versuch, einen filmischen Effekt erzählerisch nachzuahmen, auf jedenfall interessant.
 
Catchfire (Die magische Krone) hat in meiner Kindheit/Jugend keinen ähnlich tiefen Eindruck auf mich gemacht wie der erste Band. Und meine erneute Lektüre hat mir glaube ich recht deutlich vor Augen geführt, warum das so gewesen ist. 
Das erste, was einem beim Aufschlagen des Buches ins Auge sticht, ist jene typische Landkarte, die schon damals zur Standardausrüstung jedes "generischen" Fantasyromanes gehörte. Die hatte es in Giftwish nicht gegeben, und ich kann mich noch gut erinnern, wie enttäuscht ich bei ihrem Anblick war. Nicht nur weil die dargestellte Geographie von Finsterreich nicht dem Bild entsprach, das ich mir zuvor selbst von dem wilden Land gemacht hatte. Irgendwie verloren Orte wie Eschgeier und Echswil, das Schuppengebirge und der Kaptalwald außerdem etwas von ihrem Zauber, sobald man sie derart konkret in einer fiktiven Landschaft festnagelte. Und tatsächlich fand ich in der Erzählung selbst kaum etwas von der magischen Atmosphäre wieder, die mich zuvor in ihren Bann geschlagen hatte. 
Setting und Struktur des Romans trugen dazu einiges bei. Zuerst einmal spielt ein Gutteil der Handlung nicht in Finsterreich, sondern in Dammark. Und das Land ist per Defintion banaler und langweiliger. Es ist ja das Reich, aus dem alles wirklich Magische ausgeschlossen wurde. Die Kunst, die Leute wie Listhelm pflegen, besteht aus peniblem Ritualismus, der -- wie wir in diesem Buch erfahren -- kaum wirkliche Ergebnisse mehr zeitigt. Auch folgt die Handlung nicht länger dem Questenmodell. Was für sich genommen natürlich nichts negatives ist, aber doch bedeutet, dass wir nicht noch einmal jenen abenteuerlichen Aufbruch ins Unbekannte miterleben dürfen.
 
Den Inhalt möchte ich gar nicht im Detail nachzeichnen. Ewan und Funkelfang verschlägt es gegen ihren Willen auf magische Weise nach Dammark. Da der Große Zauberbann immer noch in Kraft ist, verliert die junge Hexe damit für den Augenblick ihre magischen Fähigkeiten. Nach einigem hin und her fallen die beiden Listhelm und Finte in die Hände -- dem Kerl also, der Ewan in Mitterarch opfern sollte und der sich nun als arroganter und mächtiger Aristokrat entpuppt. Funkelfang nutzt den Umstand, dass sie Prinzessin Sternfall aufs Haar gleicht, um sich einen (wenn auch sehr knapp bemessenen) Freiraum zu sichern. Ewan derweil gelingt die Flucht und er begibt sich auf eine sechs Kapitel umfassende Mini-Queste, um einen Weg zu finden, den Zauberbann zu brechen. Was gar nicht so einfach ist, da das Grab des Geisterbeschwörers mittlerweile von einem mysteriösen maulwurfartigen Monster bewacht wird und nicht mehr zugänglich ist. Dabei lernt er Morgunas Gemahl, den Himmelsdrachen Ramur kennen, und macht schließlich sogar einen Abstecher ins Totenreich.
 
Inhaltlich betrachtet ist Catchfire nicht ohne Reiz. In thematischer Hinsicht vielleicht sogar ein interessanteres und reiferes Buch als sein Vorgänger.
Schon in Giftwish hatte es erste Ansätze dazu gegeben, Listhelm und den Geisterbeschwörer als Pendants darzustellen. Nun wird der königliche Zauberer zum Hauptgegenspieler. In einer Art Prolog erfahren wir, wie er seinen Schatten "verloren" hat. Seitdem hält er sich für eine Inkarnation von Reinheit und Unfehlbarkeit. "Sein weißes Gewand leuchtete wie eine Laterne. Er strahlte wie ein aus Licht gearbeiteter Scherenschnitt. Er warf keinen Schatten." Man könnte beinahe meinen, dies sei als ein kritischer Kommentar auf Tolkiens Gandalf den Weißen gemeint. Jedenfalls ist Listhelm eine recht eindrucksvolle Verkörperung verblendeter Selbstgerechtigkeit.
Im Vergleich zum eher märchenhaften Tonfall von Giftwish spielen in Catchfire "realistisch-"-politische Fragen eine größere Rolle. So stellt Ewan an einem Punkt die interessante Beobachtung an, dass es dem König von Dammark vermutlich ganz recht war, dass Schattenspinn über Finsterreich herrschte:
Weil er, solange Finsterreich wirklich zu fürchten war, seine Leute leicht regieren konnte. Er brauchte nur zu sagen: "Denkt an die Bosheit in Finsterreich! Haltet zusammen, wehret dem Übel, tut, was ich euch sage!" Ein Land läßt sich wunderbar beherrschen, [...] wenn man behaupten kann, daß es von außen bedroht wird. 
Gut möglich, dass das als ein Kommentar auf den Kalten Krieg der 80er Jahre gedacht war, von dem wir aktuell ja eine Art gruselige Wiederauferstehung erleben. Auf jedenfall rückt es das Gut vs. Böse - Schema der klassischen High Fantasy in ein ungewohnt kritisches Licht.
In einer Nebenhandlung erfahren wir außerdem, dass die Bevölkerung des Grenzlandes zu Finsterreich unter nationaler Unterdrückung zu leiden hat. Das Volk darf nicht länger die Alte Sprache verwenden und wird von den Dammarkern voller Verachtung als rückständige Barbaren behandelt. (In diesem Zusammenhang kommt es auch zu einer Variation of die Schibboleth-Szene aus dem biblischen Buch der Richter).
Und schließlich darf Finte als vollendeter Repräsentant einer hochmütigen und grausamen Aristokratie gelten.
Natürlich darf man all das nicht überbewerten. Keines dieser Themen wird wirklich tiefer angegangen. Die Geschichte mit den Grenzländern z.B. verliert sich sehr schnell im Nichts und wird dann nicht noch einmal aufgegriffen. Auch endet das Buch mit der Restituierung des gerechten Königtums, das somit als Lösung für alle Probleme erscheint. Zwar gibt es noch eine neckische Wendung, wenn wir ganz am Ende erfahren, dass die magische "Krone der Einheit" überhaupt nicht verloren gegangen, sondern von den Königen in der Vergangenheit bewusst beiseite geschafft und verscharrt worden war, da sie die unangenehme Eigenschaft besitzt, dass man nur als gerechter Herrscher unter ihr regieren kann. Aber die Erzählung lässt keinen Zweifel daran, dass Ewan und Funkelfang genau dies in Zukunft tun werden.
 
Stärker noch als in Giftwish hat man in Catchfire kaum je das Gefühl, es mit einem sechzehnjärigen Protagonistenpaar zu tun zu haben. Niemand behandelt sie wie Jugendliche und mit Finte ist einer ihrer größten Antagonisten zwar nicht älter als sie, führt sich aber als mächtiger Vasall auf, der sogar dem König drohen kann. Erfreulicherweise erweist sich Funkelfang während ihres Soloabenteuers am Hof von Mitterweiß als ebenso klug wie tatkräftig. Nachdem es zur Wiedervereinigung mit ihrem Stern-Zwilling Sternfall gekommen ist, wobei die beiden endgültig zu einer Person verschmelzen, nimmt sie sehr schnell das Heft in die Hand. Was ihr willensschwacher und wankelmütiger Vater, König Dermot, trotz halbherziger Proteste widerstandslos geschehen lässt, da er schnell einsehen muss, dass sie das Regieren sehr viel besser versteht als er. So gesehen ist es vielleicht schon gerechtfertigt, dass ihr Name der Titel des Romanes ist. Auch wenn Ewan die mehr traditionell "heroischen" Taten vollbringen darf.
 
Die größte Schwäche des Romans ist sicher, dass er zuviele Themen und Handlungsstränge enthält, um ihnen allen ausreichend Raum zur Entfaltung geben zu können. Zumal Martin offenbar das Gefühl hatte, dieser zweite Teil verlange nach epischeren Dimensionen. Weshalb er neben allem anderen auch noch die Bedrohung durch ein bis dahin nie genanntes drittes Reich einführt, dessen Armeen in das von Hunger und Seuchen geschwächte Dammark einfallen. Hätte er sich doch besser ganz auf den Zauberbann, Listhelm und Funkelfangs Abenteuer im Königspalast konzentriert. Aber anscheinend wollte er diesmal die Handlung unbedingt in einer richtigen Schlacht gipfeln lassen.
 
Alles in allem hatte ich dennoch viel Spaß bei diesem kleinen Ausflug in die Fantasy meiner Kindheit und Jugend. Ich weiß zwar nicht, ob ich Leuten, die die beiden Bücher nicht selbst schon einmal gelesen haben, empfehlen würde, sich nun auf die antiquarische Jagd nach ihnen zu begeben. Trotz aller Eigenheiten würden sie auf ein heutiges Lesepublikum wahrscheinlich schon etwas altbacken und bieder wirken. Gänzlich im Orkus des Vergessens zu verschwinden, haben sie meiner Ansicht nach aber auch nicht verdient.

 

 

* Leider auch ohne die großartige Cover-Illustration von Kristina Rodanas.

** Dave Langford: The Complete Critical Assembly. The Collected White Dwarf (and GM, and GMI) SF Review Columns. S. 177.

*** Wenn man unbedingt will, könnte man hierin einen leichten Anklang an Martins antikommunistische Überzeugungen sehen: Die Rebellion ist zwar gerechtfertigt, aber an ihrer Spitze steht eine böse Macht. Und wie die Geschichte noch zeigen wird, liegt die Lösung des Problems nicht im Umsturz, sondern in der Restituierung eines "guten" Königtums.

**** Es handelt sich dabei allerdings nicht um eine traditionelle "Heldengruppe", sondern um einen kleinen Trupp Bewaffneter, die Lautermund als Begleitschutz mitschickt, und von denen wir nicht einmal die Namen erfahren, abgesehen von Hauptmann Hagun. Einige von ihnen ereilt dann auch das traditionelle Red Shirt - Schicksal. 

Samstag, 2. April 2022

Klassiker-Reread: Esther Rochons "Der Träumer in der Zitadelle" (2/3)

Inzwischen ist es zu einer kleinen Tradition geworden, dass sich Alessandra Reß und ich alle Jahre wieder zum gemeinsamen Reread eines klassischen Werks der phantastischen Literatur zusammentun, um uns anschließend auf unseren Blogs über das Gelesene auszutauschen. Angefangen hat alles mit einem zweiteiligen Gespräch über Joy Chants Wenn Voiha erwacht. Es folgte eine sechsteilige Miniserie über Patricia A. McKillips Erdzauber – Trilogie (1 * 2 * 3 * 4 * 5 * 6). Dieses Mal stand der Kurzroman Der Träumer in der Zitadelle der frankokanadischen Schriftstellerin Esther Rochon auf dem Programm. Als Special Guest haben wir dazu außerdem Sören Heim eingeladen, der anders als wir auch mit dem Rest des Cycle de Vrénalik vertraut ist. 

Den ersten Teil unseres Palavers hat Alessandra vorgestern auf ihrem Blog FragmentAnsichten veröffentlicht. Den dritten wird Sören Heim die Tage auf dem seinen hochladen.  

 

Teil 2: Figuren, Macht und Machtlosigkeit

Alessandra: Es gibt im „Träumer“ im Prinzip drei Hauptfiguren: Skern, Shaskath und Inalga. Auch sie führen die allgemeine Ambivalenz des Buches fort: Ich kann keinen von ihnen als eindeutig sympathisch oder unsympathisch beschreiben. In traditionellen Mustern gesprochen, kommt Skern aber klar die Rolle des Antagonisten zu. Er besitzt ein abgeklärtes, rationales Charisma, und vor allem gegen Ende zeigt sich, dass er durchaus das Wohl seines Volkes im Blick hat. Das Individuum ist ihm dabei gleichwohl egal bzw. er ist schnell bereit, es zu opfern. "Der Mord ist mir zuwider, aber die Eleganz dieser Lösung gefällt mir", kommentiert er beispielsweise den Plan seines Polizeichefs, der Einfachheit halber Shaskaths Frau umzubringen. Emotional erleben wir ihn eigentlich nur ein einziges Mal: Als Inalga flüchtet und Shaskath bei dem anschließenden Versuch, Inalga zurückzubringen, Skerns Befehl verweigert.

Inalga wiederum ist über große Teile des Buches hinweg eine passive Figur, die sich von den Ereignissen treiben lässt. Sie heiratet aus diplomatischen Gründen und jugendlicher Verliebtheit heraus den viel älteren Skern, der bald das Interesse an ihr verliert. Inalga verfällt in der für sie fremden Umgebung in Depressionen, verhält sich zeitweise sehr apathisch. Erst als sie zufällig auf Shaskath trifft, der seine Visionen - und nicht zuletzt seine Drogen - mit ihr teilt, wird sie lebendiger. Eine richtige Entscheidung erleben wir von ihr aber das erste Mal, als sie sich entschließt, Vrénalik zu verlassen und nach Ourgane zu reisen.

Und Shaskath ist sogar noch passiver – zwangsläufig, da er den Großteil der Handlung über träumt und kaum in der Lage ist, mit anderen zu kommunizieren. Durch die Treffen mit Inalga taut er etwas auf, außerdem gibt es ein interessantes Gespräch zwischen ihm und Joril, in dem sich Shaskath von den Wegen der Paradrouim abwendet. Aber auch er wird eigentlich nur ein einziges Mal richtig aktiv: Als er beschließt, Inalga die Flucht zu ermöglichen und im Moment seines Todes eine Sturmflut heraufbeschwört, die Vrénalik vernichtet. 

Entschuldigt, das ist jetzt etwas ausufernder als geplant geworden. Aber was ich sagen will: Alle drei schippern so vor sich hin, werden aber im selben Moment aktiv. Das hat einen leichten Deux-Ex-Machina-Charakter, der mir zwar nicht negativ aufgefallen ist. Aber er lässt für mich die deterministische Lesart, dass Shaskath und Inalga quasi Rachemedien für den Gott Haztlén sind, in den Vordergrund rücken. Auch wenn ich das etwas schade finde – nicht in Bezug auf meine Bewertung des Buches, aber für Inalga uns Shaskath. Die beiden sind mir schon ans Herz gewachsen. :-) 

Sören: Da muss man eigentlich wenig hinzufügen. Ich glaube, es sind überhaupt kaum "Figuren", wie man sie aus der meisten modernen Literatur gewohnt ist, der Begriff Figur trifft viel unmittelbarer zu, wie Figuren in einem Spiel. Meines Erachtens ist dann auch Skern nicht deutlich aktiver als die anderen beiden, sondern vielleicht eher auf andere Art unfrei, ganz der Herrscher, der keine Probleme hat, auch seine moralisch abscheulichsten Taten mit der höheren Notwendigkeit seiner Rolle zu rechtfertigen (das ähnelt der Weise, wie der Protagonist in Gene Wolfes “Sun”-Reihe sich schließlich sieht, da er das höchste Amt im Staat erreicht). Die gesamte Konstellation und Entwicklung erinnert mich eher an einen antiken Text, in dem die Rolle und das Schicksal zentrale Rollen spielen. So gesehen ist “Der Träumer in der Zitadelle” sogar klassisch tragisch, denn wir wissen ja eigentlich von Anfang an, dass die Insel dem Schicksal nicht entgehen wird. Allerdings stellt Rochon die zusätzliche Frage, ob und inweit dieses Schicksal nicht aus individuellen und kollektiven Haltungen und Handlungen selbstgemacht ist. 

Peter: Dass die Erzählung gewisse Züge einer klassischen Tragödie besitzt, sehe ich ähnlich. Allerdings bin ich mir nicht sicher, inwieweit ich die Ereignisse tatsächlich als vom Schicksal determiniert auffassen würde. Ich denke, man kann die Geschichte so lesen, und Alessandras dahingehende Interpretation des "Höhepunktes" finde ich durchaus nachvollziehbar. Doch meiner Ansicht nach könnte man das auch ganz anders betrachten.

Im Grunde wissen wir ja nicht, ob es den Gott Haztlén überhaupt wirklich gibt, noch viel weniger, ob die Leute, die sich für seine Werkzeuge halten, tatsächlich Vollstrecker seines Willens sind. Das beginnt bereits mit dem namenlosen Mann aus dem Prolog, der 200 Jahre vor der Ära Skern Strénids den Haztlén-Tempel zugemauert hat. Er glaubte zwar, in göttlichem Auftrag zu handeln, aber handfeste Belege gibt uns der Text dafür nicht. Ebenso gut könnte man sich vorstellen, dass der ehemalige Tempeldiener nach dem Tod der letzten Priester und dem beinah völligen Versiegen der Pilgerströme in der Einsamkeit der Insel Vrend schlicht den Verstand verloren hat.

Natürlich gilt auch hier wieder der Vorbehalt, dass ich den Rest des Zyklus nicht kenne. Und in dem spielt der Fluch ja wohl eine zentrale Rolle. Dennoch habe ich die "metaphysischen" Elemente der Erzählung eher als eine Art Muster aufgefasst, durch das die Bewohner von Vrénalik ihre eigene Geschichte interpretieren.

Die Passivität der Figuren liegt für mich deshalb auch weniger in irgendwelchen "göttlich-schicksalshaften" als vielmehr in gesellschaftlichen Zwängen begründet. Welche Handlungsmöglichkeiten stehen jemandem wie Inalaga schon offen? Sie wünscht sich ein aktiveres Leben, aber die Rolle, die sie als Skerns Ehefrau zu spielen hat, macht das unmöglich. Also verfällt sie in Depressionen. Die Begegnung mit Shaskath scheint ihr einen (temporären) Ausweg aus dieser Lage zu eröffnen. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, wie wir das Gefühl der Freiheit zu bewerten haben, das ihr durch den Konsum der Droge beschert wird. (Da mag allerdings meine persönliche Skepsis gegenüber allen Arten von "transzendenter Erleuchtung" mit reinspielen). Unter dem Einfluss von Farn beginnt sie, ihr Leben und die Welt von einer distanzierten Position des "Absoluten" aus zu betrachten. Vieles scheint dadurch an Bedeutung zu verlieren. Aber an den realen Umständen ihres Daseins ändert sich natürlich nichts. Dafür hat diese Sichtweise etwas potenziell sehr Unmenschliches an sich. Inalga glaubt, dabei einen Pakt mit den "Mächten des Todes" geschlossen zu haben. Am Ende sieht sie sich (und den Träumer) tatsächlich als Werkzeug höherer Gewalten. Erneut finde ich, dass wir nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob es sich wirklich so verhält. Auf jeden Fall rechtfertigt sie damit den Beitrag, den sie zur Zerstörung von Vrénalik geleistet hat. Und das dadurch verursachte Massenleid betrachtet sie ausdrücklich als "schön". Was ich schon ziemlich gruselig fand.

Sören: Als "vom Schicksal determiniert" wollte ich das auch nicht aufgefasst wissen. Aber die Geschichte ist als eine über Zusammenhänge innerhalb eines solchen Weltverständnisses gebaut, die Figuren entsprechend nicht in erster Linie psychologisch, sondern Rollen in einem Gefüge, in dem "Rolle" weit enger gefasst ist als in unserem. Das ist stark gestaltet, weil Rochon hier keinen Stand-In für moderne Gefühle einbaut, sondern Lesende das tatsächlich in seiner Fremdheit erfahren lässt. Und trotzdem eben durch die Spielräume, die bleiben, und die Unklarheiten bis hin zur Frage nach der Existenz des Gottes, den Blick auf die Möglichkeit lenkt, dass es eben Einzelne und Gesellschaften sind, die sich ihr "Schicksal" formen. Meines Erachtens ist der Roman da wirklich ein Meisterwerk des wenig Sagens, um viele Gedanken anzustoßen ...

Was du, Peter, zu Hatzlén, zum Einmauern, Flucht usw. ausführst, trifft meines Erachtens dann auch relativ genau die Stoßrichtung der weiteren Serie (zumindest bis Buch 3). Die Bücher 2 und 3 spielen dann ja weit in der Zukunft. 

Peter: Um so ärgerlicher, dass meine äußerst bescheidenen Französichkenntnisse bei weitem nicht ausreichen, um mir den Rest des Zyklus einmal vorzunehmen. Und die Chancen dafür, dass wir irgendwann noch einmal weitere Übersetzungen von Esther Rochons Werk erhalten werden, dürften wohl leider verschwindend gering sein.

Die sympathischste Figur war für mich Joril. Auch er ist weitgehend passiv. Darin folgt er ganz der Philosophie der Paradrouim, die sich selbst ja als Beobachter, "Zeugen", sehen. Er spürt zwar, dass das repressive Regime von Skern Strénid nicht auf Dauer Bestand haben kann, rebelliert aber nicht offen dagegen. Stattdessen entzieht er sich ihm, indem er mit seiner Familie auf eine einsame Insel übersiedelt. Doch anders als die meisten anderen Figuren des Romans, macht er sich zumindest Gedanken darüber, welche Folgen sein Handeln für andere Menschen hat. Er weiß, dass seine Entscheidung das Leben seiner Kinder stark – und nicht unbedingt positiv – beeinflussen wird. Sie werden keine reguläre Schulbildung erhalten und ihre Berufschancen werden dementsprechend begrenzt sein. Das ändert zwar nichts an seiner Entscheidung, scheint ihm aber doch leichte Gewissensbisse zu verursachen. Anders als Skern (oder auch der Träumer) ist er bereit, sich selbst und seine Überzeugungen zu hinterfragen 

Alessandra: Interessant. Tut er das, hinterfragt er seine Überzeugungen, oder nicht nur sein Handeln? Ich verbinde Joril in erster Linie mit dem Gespräch zwischen ihm Shaskath, in dessen Verlauf er seinen ehemaligen Freund davon zu überzeugen versucht, den Mantel der Paradrouim abzulegen, um zu zeigen, dass diese Skern nicht unterstützen. Das hatte etwas sehr Ideologisches, und Jorils letzte Worte an Skaskath – "Ich will so bleiben, wie ich bin. Ich lehne es ab, deinen Gedanken zu folgen. Dieser Weg ist mir zu gefährlich" – schließen daran an. Klingt mir wie die Vrénalik-Entsprechung des Blockens auf Twitter. Mir ist Jorils Handeln nachvollziehbar, und am Ende ist er es, der das Schicksal Vrénaliks reflektiert. Man kann es auch als symbolträchtig auffassen, dass ihm der Mantel der Paradrouim gestohlen wird. Aber eine Reflexion seiner eigenen Werte habe ich bei ihm nicht gesehen oder sie vielleicht überlesen.

Im Gegensatz zu den anderen, zumindest zu Shaskath und Inalga, nimmt Joril sein Schicksal aber immerhin zeitnah selbst in die Hand (wenn auch auf, wie Peter schreibt, passive Art). Der Beobachter als (zumindest streckenweise) selbstbestimmteste Figur in einem Roman, wow. Sagt auch irgendwie viel über das Machtkonzept im Roman aus. Oder die Machtkonzepte? Wir haben das Thema jetzt ja schon mehrfach anklingen lassen. Figuren wie Joril oder auch Ftar haben nur eingeschränkte Möglichkeiten, zu handeln, aber sie nutzen sie – Joril dabei noch mehr in Einklang mit seinen eigenen Werten als Ftar, der eigentlich angewidert ist von dem, was er tut (=Skaskaths Ausbildung), aber sich der politischen Macht beugt. Diese politische Macht steht in der Handlung mehreren anderen Machtvarianten gegenüber:

  • der metaphysischen eines Gottes, die vielleicht besteht, vielleicht auch nur Lore ist,
  • der "magischen" Shaskaths, die Skern vergeblich zu kontrollieren versucht,
  • und der "persönlichen" Inalgas, die sich letztlich zum Vorteil macht, dass kaum jemand sie beachtet.

In Bezug auf Inalga fand ich übrigens die Stelle am spannendsten, in der sie einen von Skaskaths Söhnen aufsucht, der als Kind entführt und im Sinne Skerns aufgezogen wurde. Inalga berichtet ihm vom Schicksal seiner Eltern. Dass er ihr offenbar sofort glaubt, ist etwas, was man in aktuellen Romanen auch nicht finden würde, aber das war nur am Rande ... Jedenfalls, sie rät dem Sohn, zu warten: "Der Tag der Rache kommt noch früh genug." Wir erfahren zumindest innerhalb des ersten Bandes nicht, ob dieser Tag der Rache für den Sohn kommt. Vermutlich nicht; vielleicht stirbt er sogar durch die radikal objektive "Rache" seines Vaters, also die Sturmflut und die anschließenden Verwüstungen. Aber für Inalga ist eigentlich genau das der Moment der Rache. Ansonsten geht es ihr ja nie darum, Skern oder gar Vrénalik direkt zu schaden.

Peter: Was die Grenzen von Jorils Bereitschaft zur Selbstreflexion angeht, hast du vermutlich recht, und meine Formulierung war etwas schlampig. Sein Wertesystem stellt er wohl in der Tat nie ernsthaft in Frage. Ob ich seine Haltung in dem Gespräch mit Shaskath als "ideologisch" bezeichnen würde, weiß ich allerdings nicht so recht. Man könnte es auch prinzipientreu nennen, oder? Schließlich hat der Träumer mit seiner (zeitweiligen) Unterordnung unter den Staat tatsächlich einen der Grundwerte der Paradrouim "verraten". Und Shaskaths etwas herablassende Haltung gegenüber der Solidarität der Verfolgten wirkt auf mich nicht unbedingt sympathisch. Natürlich ist es trotzdem etwas heftig, von jemandem zu verlangen, er solle aus Prinzipientreue quasi Selbstmord begehen. Und ob die Überzeugungen der Paradrouim überhaupt in allen Punkten so bewunderungswürdig sind, wäre auch noch so eine Frage ... 

Jorils Schlussbemerkung, dass ihm der von Shaskath gewählte Weg als "zu gefährlich" erscheint, kann ich aber schon nachvollziehen. Der Träumer rechtfertigt seine Zusammenarbeit mit Skern Strénid damit, dass ihm dadurch die Möglichkeit eröffnet worden sei, seine Talente zum Nutzen der Menschen zu entfalten. Was er der kontemplativen Passivität der Paradrouim entgegenstellt. Doch fügt er hinzu, die Droge erlaube es ihm außerdem, "jedes Ereignis nach seiner Bedeutung abzuwägen". Niemand könne "objektiver" sein als er. Als er sich Jahre später mit Inalga unterhält, erklärt er dann, die Nützlichkeit seines Handelns interessiere ihn nicht länger. "Was mich nun antreibt ist die Wirkung der Droge und nicht die Arbeit." Doch diese vermeintliche "Objektivität" besteht vor allem aus einer extremen Distanzierung vom menschlichen Leben. Nimmt man dazu die "magische" Macht, die der Träumer über das Wetter besitzt, ist das in der Tat eine sehr gefährliche Kombination. Gegenüber Joril bezeichnet Shaskath sich als "Zeuge ersten Grades". Aber was passiert, wenn er sich nicht länger auf diese Beobachterrolle beschränkt? Was wenn er, gelenkt von seiner überlegenen "Objektivität", aktiv eingreift? Das Volk von Vrénalik bekommt es auf recht grausige Art zu spüren. Aus der Sicht des Träumers scheint die Flutkatastrophe ja eine "Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichts der Dinge" zu sein. Für die Bewohner des Inselreiches bedeutet sie jedoch bloß Tod und Elend.

Das ist der "Tag der Rache", aber halt nicht im Sinne einer Abrechnung mit Skern Strénid und seinem autokratischen Regime, sondern eher im Stile einer biblischen Sintflut. Nicht dass Inalga bewusst auf die Auslösung einer solchen Katastrophe hingearbeitet hätte. Es spricht in der Tat nichts dafür, dass sie Skern oder Vrénalik aktiv hätte schaden wollen. Sie wollte bloß ihr Leben leben dürfen. Erst im Nachhinhein interpretiert sie ihre Rolle als die eines "göttlichen" Werkzeugs.

 

Fortsetzung folgt ... [und ist hier nun verlinkt]