"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 23. Oktober 2019

Strandgut

Freitag, 18. Oktober 2019

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure (7)

Das phantastische Oeuvre des Nictzin Dyalhis

Wenn ein Pulpautor unter einem so extravaganten Namen wie Nictzin Dyalhis geschrieben hat, ist das eigentlich bereits Grund genug, einmal einen Blick in sein Werk zu werfen, oder? 
Und da eine seiner Stories, die in der Februarausgabe 1934 von Weird Tales erschienene Geschichte The Sapphire Goddess, ohne gar zu viele geistige Verrenkungen der Sword & Sorcery zugerechnet werden kann, dachte ich mir, es sei legitim, sein Oeuvre im Rahmen unserer alten Blogpost-Reihe über die frühen Tage des Genres zu behandeln. 
Dyalhis genoss seinerzeit große Popularität bei der Leserschaft von Weird Tales. Fünf seiner gerade einmal acht Beiträge zum "Unique Magazine" konnten bei ihrer Erstveröffentlichung den begehrten Posten der Coverstory ergattern.* Doch heutigentags dürfte er weitgehend in Vergessenheit geraten sein, auch wenn 2018 eine Sammlung seiner phantastischen Geschichten bei DMR Books erschienen ist. Soweit ich weiß, ist keine seiner Stories je ins Deutsche übersetzt worden. Allerdings muss ich zugeben, nachdem ich eine Woche mit den Ausgeburten seines schriftstellerischen Gehirns verbracht habe, bin ich geneigt zu behaupten, dass dieses Schicksal vielleicht nicht so ganz unverdient ist. Aber bevor wir irgendwelche allgemeinen Urteile über die Qualität seines Werkes fällen, wollen wir uns selbiges erst einmal in aller Ruhe anschauen, und natürlich auch die Frage zu beantworten versuchen, wer sich hinter dem eigentümlichen Namen eigentlich verbarg.

Letzteres ist gar keine so leichte Aufgabe, denn es gibt kaum gesicherte Informationen über Nictzin Dyalhis und sein Leben. Das beginnt bereits beim Namen.  
Weird Tales - Herausgeber Farnsworth Wright bestätigte Donald Wandrei, dass alle Schecks, die er dem Schriftsteller ausgestellt hatte, "were made out to that name".** Pseudonyme zu benutzen war im Pulp-Geschäft zwar keine Seltenheit, aber "Nictzin Dyalhis" gehörte offenbar nicht in diese Kategorie. Es gibt ausreichend Belege dafür, dass der Autor dies als seinen regulären Namen verwendete. Aktenkundig wurde er als solcher erstmals im September 1918 im Zusammenhang mit seiner Einberufung in die Armee. Später taucht der Name u.a. in mehreren Volkszählungen auf. Als Geburtsort und -datum gab er 1918 Massachusetts und den 4. Juni 1873 an, allerdings gibt es genug Beweise dafür, dass er mit solchen "Fakten" recht leichtfertig umsprang. Seine Registrierungskarte aus dem 2. Weltkrieg z.B. führt Pima (Arizona) und den 4. Juni 1880 an. Vorsicht ist also geboten. Als Beruf finden wir in offiziellen Akten zwischen 1918 und 1930 "box nailer", "chemist" und "machinist (machine tool manufacturing)". Erst in der Volkszählung von 1940 bezeichnete er sich selbst als "writer for magazines".***
Einer der ganz wenigen aus der SFF-Gemeinde der Zeit, der Nictzin Dyalhis "im Fleische" begegnete, war Willis Connor. Besser bekannt für sein späteres Engagement in der amerikanischen Jazz-Szene und als Hirn und Stimme der Jazz Hour von Voice of America war Connor in jungen Jahren Herausgeber der Fanzine Science Fantasy Correspondent und stand in Briefkontakt mit H.P. Lovecraft. Wie genau er die Bekanntschaft von Dyalhis machte, ist mir unbekannt, doch verbrachte er eigenen Angaben zufolge in den frühen 40ern mehrere Wochenenden bei ihm in Salisbury (Maryland), "forgoing sleep for days and nights, talking, or, more often listening fascinated to the story of his life." Und was er dabei zu hören bekam, war in der Tat abenteuerlich, wie man seinem in der in der Septemberausgabe 1942 von Weird Tales abgedruckten Nachruf auf den Autor entnehmen kann:       
He had known wealth and poverty. He had lived much in the Orient, and had known intimately its splendor and squalor. A tiny blue dragon, tatooed on a vein on his wrist, proclaimed him a member of a Chinese occult society. He was one of the few white men to enter Tibet and leave with its secrets. Once he had stained his body and bluffed his way into a genuine voodoo ceremony in Haiti. For many years Rudyard Kipling was a close friend.****
Zwar ist es theoretisch denkbar, dass Nictzin Dyalhis tatsächlich einmal ein ferne Länder bereisender Abenteurer gewesen war. Schließlich wissen wir abolut nichts über die ersten gut fünfunddreißig Jahre seines Lebens. Aber die Wahrscheinlichkeit ist doch sehr viel größer, dass es sich bei ihm um einen eifrigen Schüler des guten Baron Münchhausen handelte.
Bezüglich des Namen schreibt Willis Connor:
Many must have thought (as I did at first) that he was using a pen-name. But Nictzin Dyalhis was his real name. Nic I'm not sure of, but Tzin means something wonderful to the Mexican Indians to whom he was related. And the name Dyalhis goes, back thousands of years, through his Scotch-English ancestry, to the Roman god Flamen Dialis -- from which were also derived the names Dallas and Douglas.
Anderen gegenüber behauptete der Schriftsteller scheinbar, sein Vater sei nicht schottischer, sondern walisischer Herkunft gewesen. Was nicht wirklich einen Unterschied macht, ist "Dyalhis" als Name doch weder in Schottland noch in Wales bekannt. Und die "indianische" Abstammung dürfte ebenso frei erfunden sein wie seine Behauptung, "Nictzin" stamme aus dem Aztekischen (Nahuatl), selbst wenn seine Mutter tatsächlich aus Guatemala gekommen sein sollte, wie er 1918 angegeben hatte. Seine Neigung, sich selbst und sein Leben mit einer exotischen Aura zu umgeben, hatte ihn schließlich sogar dazu gebracht, in offiziellen Dokumenten den Vornamen seiner zweiten Ehefrau Mary in "Netulyani" zu verwandeln! Die verschiedentlich aufgestellte These, "Nictzin Dyalhis" sei in Wirklichkeit die romantische Verballhornung eines geläufigen Namens wie Nicholas Douglas oder Dallas gewesen, klingt zwar recht überzeugend, ist aber durch nichts zu beweisen. Und so können wir letztenendes bloß festhalten, dass der Schriftsteller mit ziemlicher Sicherheit nicht mit seinem ungewöhnlichen Namen geboren worden war und es ganz allgemein mit der Wahrheit nicht sonderlich genau nahm.

Demtentsprechend unwahrscheinlich ist es natürlich auch, dass Dyalhis tatsächlich Mitglied einer "okkulten chinesischen Geheimgesellschaft" war, wo auch immer er das Drachen-Tatoo in Wirklichkeit hergehabt haben mochte. Allerdings legen seine phantastischen Kurzgeschichten nahe, dass er in der Tat ein reges Interesse an esoterischen Lehren besaß, wenn auch wohl eher an den modischen amerikanischen seiner Zeit und nicht an den asiatischen "Originalen". Vor allem in einigen seiner frühen Stories wie The Eternal Conflict (1925) und The Dark Lore (1927) finden sich Ideen über die Natur des Kosmos und der menschlichen Seele, die mit ziemlicher Sicherheit nicht Dyalhis' eigener Imagination, sondern irgendwelchen esoterischen Schriften entstammten. Auch zieht sich durch sein gesamtes Oeuvre das Motiv der Reinkarnation und der Erinnerung an vergangene Existenzen. Wie ernst es ihm mit all dem war, lässt sich freilich nicht sagen. Auffällig ist allerdings, dass die okkulten Motive weniger ein indisch-theosophisches als vielmehr ein deutlich christlich beeinflusstes Flair besitzen. Der Antagonist in The Eternal Conflict ist niemand anderer als Luzifer persönlich und The Dark Lore spielt größtenteils in der Hölle. Andererseits liegt den Geschichten ganz offensichtlich kein traditionelles, orthodox-christliches Weltbild zugrunde. Könnte es sich um rosenkreuzerische Einflüsse handeln? Mein Wissen ist da zu beschränkt, aber ein etwas wahlloses Herumblättern in Max Heindels 1909 veröffentlichtem Schmöker The Rosicrucian Cosmo-Conception or Mystic Christianity hat mir zumindest das vage Gefühl vermittelt, dass es da gewisse Ähnlichkeiten gibt. Putzigerweise finden sich in alten Weird Tales - Ausgaben Werbeanzeigen für den AMORC (Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis) mit der Catch-Line "Can We Recollect Our Past Lives?"

Nictzin Dyalhis begann seine Pulp-Karriere 1922 mit zwei Kurzgeschichten (Who Keep The Desert Law & For Wounding - Retaliation), die in Adventure erschienen und scheinbar "stories of Amerindian life" waren. Der Phantastik wandte er sich erst drei Jahre später zu, als er mit When the Green Star Waned seinen Einstand bei Weird Tales feiern konnte. 

Die SciFi-Geschichte fand eine euphorische Aufnahme bei der Leserschaft des "Unique Magazine". "Readers voted [it] the most popular story in the issue in which in appeared, the most popular story of 1925, and the fifth most popular of all stories printed between November 1924 and January 1940."***** Sie bildete bis zum Ende die Basis seiner Reputation. In der Januarausgabe 1929 wurde sie erneut abgedruckt, und noch The Sea-Witch (Dezember 1937) wurde im Magazin als eine neue Geschichte "written by the author of 'When the Green Star Waned'" angepriesen.  
Everett Bleiler bezeichnet die Story in Science Fiction: The Early Years als "one of the earliest space operas". Eine Charakterisierung, der ich mich nicht so ganz anzuschließen vermag. Dass sie "a seminal work in the history of pulp s-f" darstellt, bezweifle ich freilich nicht. "[I]t was read by most of the early writers and offered both conceptual and literary patterns". Allein schon die Tatsache, dass es sich bei ihr vermutlich um die Geburtsstunde des "Blasters" handelt {der hier allerdings noch "blastor" geschrieben wird}, macht sie zumindest zu einer interessanten Fußnote in der Geschichte des Genres. Auch geht es Bleiler keineswegs darum, ihre Bedeutung als literarisches Werk schönzureden, beschreibt er sie doch selbst als "distasteful and negligible".

So richtig unappetitlich wird es meiner Ansicht nach zwar erst im Sequel The Oath of Hul Jok (September 1928),  aber zweifelsohne finden sich recht deutliche Ansätze für diese Entwicklung auch schon in Dyalhis' Weird Tales - Debüt. Wenn sie mir nicht gar zu übel aufgestoßen sind, ich der Story sogar einen gewissen Charme nicht absprechen würde, ist dafür ausschließlich der eigentümliche Stil verantwortlich, in dem sie geschrieben wurde. Mir ist ehrlich gesagt nicht wirklich klar, wie When the Green Star Waned eigentlich gelesen werden sollte. Soweit ich sehen kann, wurde sie stets als eine ernsthafte Science Fiction - Geschichte aufgenommen. Aber ich kann mir nicht helfen, der zugleich plauderhafte und gestelzte Tonfall,  in dem sie durch den Mund des venusischen Chefchronisten Hak Iri erzählt wird, der schiere Irrsinn der holprigen Handlung, die verballhornten Planetennamen wie "Venhez", "Aerth", "Markhur" und "Ooranos" -- all das  und mehr verleihen der Geschichte in meinen Augen einen leicht parodistischen Zug, weshalb mich z.B. die beiläufig geschilderte Grausamkeit des Erzählten, die auch hier schon ins Auge sticht, noch nicht ganz so unangenehm berührt hat wie in der Fortsetzung.
Als Ron Ti, der genialste Wissenschaftler der Venus, die beunruhigende Entdeckung macht, dass "Aerth" keine der eigentlich zu erwartenden Lebenszeichen mehr von sich gibt, macht sich eine Clique von sieben befreundeten "Venhezians", allesamt Koryphäen auf ihrem Gebiet, mit einem "Aethir-Torp" (Äther/Raumschiff) auf, um auf dem "Grünen Stern" nach dem Rechten zu sehen. Sie finden eine postapokalyptische Landschaft vor. Wie sich nach einigem Rumgesuche heraustellt, ist die Erde von monströsen Mondbewohnern (den "Lunarions") erobert worden, die die überlebenden Reste der Menschheit telepathisch versklavt haben. {Wenn wir schließlich erfahren, wie es zu dieser Invasion gekommen ist, bekommen wir eine abstruse Mixtur aus pazifistischer Botschaft und "Yellow Peril" - Warnung vorgesetzt.} Da die "Lunarions" abgrundtief böse, ja geradezu blasphemische Geschöpfe sind {sie besitzen nicht einmal eine Seele!}, sehen unsere Helden es als ihre heilige Pflicht an, das Universum von diesen Ungeheuern zu befreien. Unglücklicherweise erweisen sie sich gegenüber den "Blastors" unserer Helden als immun {anders als die willenlosen Menschensklaven, die gleich Dutzendweise niedergemacht werden}, und so nimmt man schließlich einen "Lunarion" gefangen, damit Ron Ti in seinem Labor dessen Schwachstellen ausfindig machen kann. {An diesem Punkt kamen mir unangenehme Assoziationen zum Schicksal des "Brain Bug" am Ende von Paul Verhoevens Starship Troopers}. Die Story endet mit der völligen Vernichtung der "Lunarions".  

The Oath of Hul Jok  liest sich anfangs noch ähnlich amüsant wie When the Green Star Waned, vorausgesetzt man bringt es fertig, über einige krass sexistische Passagen hinwegzuschauen. Doch der im Laufe der Erzählung immer ungezügelter zutagetretende Sadismus erreicht schließlich Ausmaße, die bei mir eine beinah körperliche Übelkeit hervorgerufen haben.  
Dem letzten überlebenden "Lunarion" gelingt die Flucht von der Venus, nachdem er die sieben "love-girls" unserer Helden seiner telepathischen Kontrolle unterworfen hat. Sein Ziel ist offenbar die Erde, doch die wutentbrannten Venusianer kommen ihm zuvor. Anders als erwartet, hat die Menschheit in der Zwischenzeit nicht begonnen, ihre alte Zivilisation wieder aufzubauen. Des Rätsels Lösung ist schnell gefunden: Während der Zeit ihrer Herrschaft hatten sich die Mondwesen mit menschlichen Frauen gepaart, und die aus dieser Verbindung hervorgegangene Hypbridrasse hat in der Folge ihre eigene Diktatur über die Menschen errichtet. Warum diese neuen Bösewichter eine halbtierische Gestalt haben, ist freilich nicht so ganz klar. Jedenfalls sind es ebenso verworfene Geschöpfe wie ihre Erzeuger, die sich scheinbar die meiste Zeit mit gar grausigen und perversen Orgien vergnügen. 
Was folgt ist eine sich ständig steigernde Abfolge von Gewalttaten. Zuerst bekommen wir zu sehen, wie Hul Jok, der bärenstarke "Kriegsherr" der "Venhezians", die Schlangenprinzessin Idarbal würgt und gleich mehrmals ohnmächtig prügelt. Dann wird munter Völkermord geplant
Remember, this hell-brood you are wasting pity upon are but intelligent animals -- or reptiles rather -- they are un-naturalisms; depraved; given to loathly debaucheries; unfit to survive; for whom is no place in a decent universe! 
Der Höhepunkt aber ist die Folterszene, in der der venusische Chefmediziner Vir Dax vergnügt lächelnd Vivisektionen an einigen Vertretern der Hybridrasse vornimmt. Da kam's mir dann wirklich beinahe hoch. Und diese Typen sind unsere Helden!
Der widerliche Charakter der Geschichte erhält noch eine zusätzliche Dimension durch den kolonialistischen Subtext. Die sieben "Venhezians" spielen zwar die Rolle der "Befreier" für die erneut versklavten Erdenmenschen, das heißt aber noch lange nicht, dass sie diese als ebenbürtige Partner im Kampf gegen die teuflischen Hybridwesen betrachten würden. Vielmehr halten sie es für selbstverständlich und sogar notwendig, dass diese sie als halbgöttliche Gestalten ansehen sollen. Auch werden sie nicht erneut den Fehler machen, die Erde nach dem Sieg und der Ausrottung der widernatürlichen Unholde einfach sich selbst zu überlassen. Vielmehr wird man ein venusisches Kolonialregime errichten, das solange das Sagen haben wird, bis die Menschen "reif" genug geworden sind, um sich selbst zu regieren.
Es war schon immer eine Spezialität des US-Imperialismus seine kolonialen Eroberungen als wohlmeinende "Befreiungsaktionen" darzustellen. Wie Leo Trotzki es einmal so schön ausgedrückt hat: "Amerika befreit immer jemand, das ist gewissermaßen der „Beruf“ dieses Landes." Bei der Lektüre von The Oath of Hul Jok musste ich da vor allem an die Annexion der Philippinen im Anschluss an den Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 denken. Die anderen Großmächte brauchten etwas Zeit, um diesen Trick zu lernen, doch heute ist er natürlich als "Humanitäre Intervention" der allgemein verbreitete modus operandi imperialistischer Weltpolitik

The Eternal Conflict (Oktober 1925) erzählt von den Abenteuern eines Astralreisenden, der sich im Auftrag seiner "göttlichen" Schutzpatronin als Spion an Luzifers Hof einschleicht, um schließlich in einen offenen Krieg zwischen den Mächten des Guten und des Bösen, einer Art zweiten Engelsrebellion, verstrickt zu werden.
Einen Astralleib auf interstellarer Reise zu begleiten, ist nicht ohne Reiz, und verleiht der Story stellenweise einen beinahe schon psychedelischen Touch. Dabei fällt allerdings nicht zum ersten Mal auf, dass der gute Dyalhis recht merkwürdige Vorstellungen von Physik und Astronomie gehabt haben muss. Zugleich scheint mir diese Erzählung am deutlichsten von "authentischen" esoterischen Lehren beeinflusst zu sein. Ein nettes Detail dabei ist, dass der Protagonist, hochrangiges Mitglied eines in New York ansässigen "Okkulten Ordens", im "Privatleben" ein wohlhabender Geschäftsmann ist und als Metapher für das Zusammenspiel der überirdischen Mächte und Entitäten die hierarchische Arbeitsteilung in einem modernen Großkonzern verwendet:
This universe is a “going concern”, as we would say of a huge industrial plant. Such a plant has its general manager; assistant managers; super-intendents; foremen, etc. Why not the universe, which is the greatest plant of all?
Ungewollt sagt Dyalhis damit eine Menge über den sozialen Charakter moderner "esoterischer" Logen und Bruderschaften aus.

The Dark Lore (Oktober 1927) besteht größtenteils aus dem Erlebnisbericht einer archetypischen "verworfenen Frau", die erst ihre engelsgleich-unschuldig-blonde Schwester ermordet, dann mit einem Dämon anbandelt, um schließlich gar grausige Höllenstrafen zu erleiden. Die Höllenszenen sind dank ihrer phantasmagorischen Qualität zwar recht unterhaltsam, scheinen mir aber erneut einen unangenehmen Hang zum Sadismus zu verraten. So wird Dyalhis in seiner Schilderung zwar nicht explizit, macht aber doch ziemlich deutlich, dass seine Protagonistin u.a. von einer ganzen Horde von Dämonen vergewaltigt wird. Und dann gibt's da auch noch leicht lesbisch angehauchte Furien. Natürlich fällt es nicht leicht, zu bestimmen, wie ernst es dem Autor mit seiner Geschichte war. Sein Hauptinteresse lag sicher in der Schilderung der Höllenwelt. Dennoch ist die Story ihrer Form nach eine klassische Warnung an die "Sünderinnen & Sünder" mit der drohenden Strafe im Jenseits als metaphysischem Knüppel. Allerdings ist Dyalhis' Hölle kein Ort ewiger Verdammnis wie in der traditionellen christlichen Vorstellung, sondern ein temporäres Purgatorium, aus dem die meisten {oder vielleicht auch alle} Seelen am Ende gereinigt und der göttlichen Vergebung würdig hervorgehen.

Mit The Red Witch (April 1932) erleben wir den Übergang von Nictzin Dyalhis' früher "esoterischer" Phase zur heroischen Fantasy von The Sapphire Goddess, die hier allerdings noch im pseudo-steinzeitlichen Gewand auftritt. Aber so hatte ja selbst Robert E. Howards Karriere in Weird Tales begonnen (Spear and Fang, Juli 1925). Als Aufhänger dient dabei erstmals die Erinnerung an eine vergangene Existenz, ein in der phantastischen Literatur jener Zeit recht beliebtes Motiv -- man denke z.B. an Jack Londons The Star Rover (1915) oder Howards The Valley of the Worm (1934) und The Garden of Fear (1934) --, das bei Dyalhis aber zugleich als Überbleibsel seiner alten Faszination für das Okkulte erscheint. Beinah so, als bräuchte er eine Brücke, um sich in diese doch recht anders gearteten Gefilde der Phantastik vorzuwagen. Für sich genommen ist The Red Witch allerdings nicht sonderlich interessant, auch wenn mir die Figur des alten, verkrüppelten Juhor "the Snake" gefallen hat, der auf geschickte Weise Kriegshäuptling Athak solange manipuliert, bis dieser bereit ist, einen Rachefeldzug gegen den Kannibalenstamm zu organisieren, der Juhor die Liebe seines Lebens und seine körperliche Unversehrtheit genommen hat.

Womit wir zu der Story gekommen wären, die Nictzin Dyalhis' Aufnahme in unsere Blogpost-Reihe am ehesten rechtfertigt. Allerdings beginnt auch The Sapphire Goddess (Februar 1932) auf einer etwas ungewöhnlichen Note für eine Sword & Sorcery - Geschichte:
Suicide as a means of escaping trouble never appealed to me. I had studied the occult, and knew what consequences that course involved, afterward. But I was fed up on life. I was destitute, and had no friends who might help, even were I to appeal to them. At forty-eight, one does not easily regain solvency. And, gradually, I’d lost all ambition. Not even hope remained. If only there were some other road out – a door, forexample, into the hypothetical region of four dimensions … it certainly couldn’t be worse there than what I’d borne in the last three years ...
Und tatsächlich findet sich der Ich-Erzähler wenig später in einer phantastischen Welt wieder. Und nicht bloß das -- er wird auch augenblicklich in einen wilden Schwertkampf mit einigen fiesen Zwergen verwickelt. Und unerklärlicherweise weiß er plötzlich auch verdammt geschickt mit der Klinge umzugehen. Na, wenn das keine abenteuerliche Abwechselung ist! Wie ihm Krieger Zarf nach dem Scharmützel berichtet, ist er in Wirklichkeit König Karan von Octolan, dem von dem bösen Zauberer Djl Grm nicht bloß der Thron, sondern auch Gattin und Gedächtnis gestohlen wurden, woraufhin der fiese Geselle ihn auf eine andere Existenzebene {sprich: unsere Erde} verbannt habe. Die einzige Chance, die Erinnerung an sein wirkliches Leben zurückzuerhalten, besteht darin, die Hilfe eines anderen Magiers, des mächtigen Agnor Halit, zu gewinnen, der zwar nicht weniger teuflisch als Djl Grm, aber seit jeher mit diesem verfeindet sei. Den beiden schließt sich schon bald der kleine Koto an, Halbblut-Sohn eines mächtigen Elementargeistes, selbst aber eine eher jämmerliche Kreatur. So scheint es zumindest:
With a snivelling howl the poor wretch of a Hybrid blundered in awkwardly and flopped asprawl before me. He grasped his head in both ape-like paws, looked at Zarf out of terror-filled eyes, opened his ugly gash of a mouth, and emitted a raucous howl.
Gemeinsam macht sich das Trio auf durch die "Red Wilderness" zur "Sea of the Dead" und den "Mountains of Horror". Originelle Namen waren nicht unbedingt die Stärke von Dyahlis. Auf dem Weg begegnen sie Kotos Vater, der ihnen einige Hilfestellungen und Ratschläge zukommen lässt.
In den Ruinen einer uralten Metropole trifft Karan dann erstmals die geisterhaft-vampirische "Princess of Hell". Mit der eigentlichen Story hat die zwar nicht wirklich viel zu tun, aber Dyalhis liebte ganz offenbar die Figur des "dämonischen Weibes", das sich aus unerfindlichen Gründen in den Helden seiner Geschichten verguckt. In The Oath of Hul Jok war das Prinzessin Idarbal, in The Red Witch die eponymische Hexe {eine zugegeben sehr viel freundlichere Version des Topos, aber immer noch als solche erkennbar} und nun halt diese "Höllenprinzessin". Na ja ...
Schließlich taucht Agnor Halit auf und man schließt einen Deal. Der Zauberer ist bereit, unserem Helden seine Erinnerungen zurückzugeben, wenn dieser zuvor die Statue der "Sapphire Goddess" aus einer unterirdischen Katakombe entwendet und dem Magier übergeben hat.
In beinahe allen phantastischen Erzählungen von Nictzin Dyalhis schwingt -- mal stärker, mal schwächer -- ein unangenehmer Vibe mit, der ihre Lektüre nicht unbedingt zu einem Spaß macht. Im Falle von The Sapphire Goddess ist das natürlich der ganze Subplot um die "Princess of Hell". Aber davon einmal abgesehen, ist das eine wirklich vergnüglich zu lesende kleine Sword & Sorcery - Geschichte. Wie Fletcher Vredenburgh es so hübsch ausgedrückt hat, ist dies die "most brilliantly pulpy" seiner phantastischen Stories. Schon allein die Idee, dass unser Held die Hilfe eines explizit bösen Magiers benötigt, um zu triumphieren, ist recht reizvoll. Zumal sich Agnor Halit keineswegs als "missverstanden" oder "im Herzen eigentlich doch ganz okay" erweist. Der Typ ist tatsächlich ein fieser Bastard, aber er rettet dem amnesischen König Karan dennoch mehrfach das Leben. Die sympathischste Überraschung aber ist der kleine Koto. Wirklich alles andere als eine heroische Gestalt entpuppt er sich am Ende nicht nur als mindestens ebenso mutig wie seine Gefährten, sondern auch als deutlich schlauer denn Krieger Zarf oder der Ex-König und Ich-Erzähler selbst. Ihm allein ist es zu verdanken, dass die Geschichte ein Happy End besitzt. Und diese Wendung hätte ich Nictzin Dyalhis ganz ehrlich nicht zugetraut.

Schon irgendwie schade, dass es bei diesem einen Abstecher in die Sword & Sorcery geblieben ist. Aber scheinbar war Dyalhis' alte Faszination für das Esoterisch-Okkulte {die er ja auch in The Sapphire Goddess nicht ganz hatte  abschütteln können} einfach stärker.
Das soll jedoch nicht als eine Art Vorverurteilung seiner nächsten Geschichte, The Sea-Witch (Dezember 1937) missverstanden werden. Handelt es sich bei dieser doch um seine wohl gelungenste Variante auf die Themen vergangene Existenz und Reinkarnation.
Der knapp sechzigjährige John Craig, emeritierter Professor für Anthropologie,  Ethonologie und Ärchaologie, begegnet auf einem abendlichen Spaziergang am Strand der jungen Heldra Helstrom, die gerade auf unerklärliche Weise den Wogen des Meeres entstiegen zu sein scheint. Er nimmt die Frau, bei der es sich ganz offensichtlich nicht um eine normale Sterbliche handelt, bei sich auf. Gegenüber den Nachbarn gibt er sie als seine Nichte aus. Heldra scheint der alten Wikingerzeit entsprungen und belegt Craig mit dem Namen "Jarl Wulf", den sie in ihm wiedergeboren glaubt. Doch auch wenn ihm die junge Frau und ihr exzentrisches Verhalten schon bald ans Herz wachsen, beunruhigt ihn zunehmend, dass Heldra sich scheinbar mit den Schwarzen Künsten abgibt. Als mit Anbruch der sommerlichen Touristensaison auch der Playboy Michael Commnenus in dem Bardeort auftaucht, wenden sich die Dinge rasch zum Finsteren, denn Heldra ist auf der Suche nach Rache für ein lang zurückliegendes Verbrechen.
Zuerst einmal möchte ich keinen Zweifel daran lassen, dass die Beziehung zwischen dem alten Akademiker und der jungen "Seehexe" oft ziemlich creepy wirkt. Ich-Erzähler Craig ergeht sich ununterbrochen in Beschreibungen der sinnlich-verfühererischen Schönheit von Heldras körperlicher Erscheinung. {Dyalhis scheint eine Vorliebe für die Formulierung "shapely arms" gehabt zu haben}. Freilich gibt diese ihm dafür auch mehr als genug Anlässe, wenn sie immer wieder in höchst luftigen Gewändern durch die Gegend streift.
Und doch ist Heldra die mit Abstand interessanteste  Vertreterin von Dyalhis' "dämonischen" Frauengestalten. Anders als Idarbal oder die "Princess of Hell" ist sie kein Monster und keine teuflische Sadistin. Selbst wenn sie Craig auf magische Weise dazu zwingt, Teil ihrer Rachepläne an Michael Commnenus zu werden, ändert  das nichts  an  der ehrlichen Zuneigung, die sie für den alten Professor, ihren "Uncle John", empfindet. Doch die von Commnenus in einer vergangenen Existenz begangenen Verbrechen waren zu monströs, als dass sie nicht jedes sich ihr bietende Mittel einsetzen würde, um ihre Rache an ihm zu vollstrecken.
{Bemerkung am Rande: Nictzin Dyalis hielt Ragnar offenbar für einen Frauennamen und die altnordische Meeresgöttin Rán für eine männliche Gottheit!}

Die in der Septemberausgabe 1940 von Weird Tales erschienene Geschichte Heart of Atlantan bildet nicht unbedingt einen glücklichen Abschluss für sein phantatsisches Oeuvre. Erneut treten die Versatzstücke einer gar zu banal anmutenden "Esoterik" in den Vordergrund: Eine Séance; ein weibliches Medium; "automatisches Schreiben" und die Faszination für die "uralte Weisheit" des versunkenen Atlantis ... All das wirkt gar zu abgeschmackt. Einzig der in Gestalt einer titanischen Frauenstatue errichtete Tempel, in den sich die Protgaonistin flüchtet und in deren linker Brust sie das eponymische "Herz" findet, dessen Zerstörung den Untergang des Inselreiches einleitet, weiß zu beeindrucken.

Ist Nictzin Dyalhis' phantastisches Oeuvre eine vergessene Schatztruhe der Pulp-Phantastik?
Das  sicher nicht. Auch wenn zu erkennen ist, wie der Autor im Laufe der Jahre seinen Stil zu verfeinern gelernt hat, versteht er doch nie wirklich zu glänzen. Seine gar zu große Anhänglichkeit für die Abgeschmacktheiten der modernen Esoterik wirkt irgendwann ermüdend. Und gar zu oft stoßen wir auf  unappetitliche Elemente oder verstörende Vibes.
Dennoch möchte ich sein Werk nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Für alle Freundinnen und Freunde heroischer Pulp-Fantasy dürfte The Sapphire Goddess eine vergnügliche Lektüre abgeben, und auch einige seiner anderen Stories besitzen durchaus ihren Reiz. Nur um The Oath of Hul Jok sollte man einen möglichst weiten Bogen machen, es sei denn man hat Lust, einmal etwas wirklich widerliches zu lesen.
 
   
    

* April 1925 - Oktober 1927 - April 1932 - Februar 1934 - Dezember 1937
** Vgl.: Fletcher Vredenburgh: Rescued from the Vaults of Time: The Sapphire Goddess – The Fantasies of Nictzin Dyalhis. 
*** Vgl.: Bear Alley Books: Nictzin Dyalhis.
**** Weird Tales, September 1942, S. 122.
***** Tellers of Weird Tales: Nictzin Dyalhis (1873?-1942)

Samstag, 5. Oktober 2019

Strandgut

Montag, 23. September 2019

Altmodischer Charme und verdrängte Schuld

Das letzte Drittel des Jahres ist angebrochen, und wir alle wissen, was das bedeutet. Richtig! Es gibt endlich wieder Lebkuchen und Spekulatius! Und auch wenn es mir noch etwas zu warm für ein nettes Glas Glühwein dünkt, dachte ich mir, dass sei eigentlich Grund genug, sich mal wieder eine der Ghost Stories for Christmas der BBC anzuschauen.

Nun habe ich beinahe alle von denen in der Vergangenheit bereits einmal auf meinem Blog besprochen. Das gilt sowohl für die acht klassischen Kurzfilme aus den 70er Jahren {hier * hier * hier * hier}, als auch für den wenig erfolgreichen Wiederbelebungsversuch von 2004 {A View from a Hill} / 2005 {Number 13}. Und auch zu Mark Gatiss' M.R. James - Adaption The Tractate Middoth von 2013 habe ich bereits meinen Kommentar abgegeben. 
Vor der erstmals 2010 ausgestrahlten Version von Whistle And I'll Come To You, die der Serie manchmal  zugerechnet wird, schrecke ich nach wie vor etwas zurück, da sie offenbar sehr stark von ihrer literarischen Vorlage abweicht und dabei zugleich beinah automatisch Vergleiche mit Jonathan Millers phänomenaler Fassung von 1968 provozieren  muss. Irgendwann freilich werde ich mir den Streifen schon mal anschauen müssen, allein schon wegen John Hurt in der Hauptrolle. Doch nicht heute ...
So blieb eigentlich nur noch ein Film übrig, wenn ein Rewatch ausgeschlossen bleiben sollte: Der erneut von Mark Gatiss geschriebene und unter seiner Regie gedrehte The Dead Room, der an Heiligabend 2018 auf BBC4 ausgestrahlt wurde.

Seit den späten 70er Jahren ist der Schauspieler Aubrey Judd (Simon Callow) die Stimme der Horror-Radio-Show The Dead Room. Nach vielen Jahren ist die Produktion in das alte Studio zurückverlegt worden, in dem einst alles begann. Doch der ergraute Mime ist alles andere als glücklich über die "modernen" Gruselgeschichten, die er seiner Hörerschaft inzwischen vortragen muss. Ein verfluchtes Computerspiel? Das erscheint ihm nicht weniger lächerlich und stillos als der ganze Social Media - Unsinn, dem die heutige Generation so viel Bedeutung beimisst. 
Mit einer von Arroganz nicht ganz freien Attitüde preist er seiner jungen Produzentin Tara (Anjli Mohindra) die Tugenden der klassischen Spukgeschichte an. Dabei hagelt es nur so Anspielungen auf die Traditionen des literarischen Horrors. Es fallen die Titel von Charlotte Perkins Gilmans The Yellow Wallpaper, F. Marion Crawfords The Upper Berth, E.F. Bensons Mrs. Amworth, Sheridan Le Fanus Green Tea und Algernon Blackwoods The Wendigo. Vor allem aber wird der Geist von M.R. James beschworen. So wenn Judd eine Lesung in Kerzenschein erwähnt, die sein Vorgänger Seymour in  King's College Cambridge veranstaltet habe {wo Monty Provost war und viele seiner Geschichten im Chit Chat Club vortrug}. Als Tara andeutet, Judd könnte mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass Seymour damals abgesetzt wurde, reagiert er entrüstet und spielt dabei auf The Stalls of Barchester Cathedral an. Vor allem jedoch zitiert er beinahe wörtlich Passagen aus M.R. James' Bemerkungen über den idealen Aufbau einer Gespenstergeschichte, wobei diese als seine eigenen Ansichten erscheinen: 
Let us, then, be introduced to the actors in a placid way; let us see them going about their ordinary business, undisturbed by forebodings, pleased with their surroundings; and into this calm environment let the ominous thing put out its head, unobtrusively at first, and then more insistently, until it holds the stage. [...] 

For the ghost story a slight haze of distance is desirable. "Thirty years ago", "Not long before the war", are very proper openings.
In Reaktion darauf stellt Tara die Frage in den Raum, ob "vor vierzig Jahren" {d.h. als Judd The Dead Room übernahm} wohl auch in Ordnung sei. "Would a ghost from the seventies work?" Damit wird die Bühne für die übernatürlichen Geschehnisse bereitet, die sich schon bald in dem kleinen Studio entfalten werden, auch wenn diese nichts mit Judds Übernahme der Show zu tun haben. Es ist ein anderes finsteres Ereignis aus seiner Vergangenheit, das im Begriff ist, den Schauspeiler einzuholen.

Mark Gatiss ist ein großer Verehrer der klassischen Gespenstergeschichte und vor allem der Werke Montys, wie u.a. seine Dokumentation M.R. James: Ghost Writer von 2013 zeigt. The Dead Room ist eine liebevolle Hommage auf diese "altmodische" Form des Horrors. Der Kurzfilm folgt ziemlich genau den  james'schen "Regeln", die durch Judds Mund dargelegt wurden.

Im ersten Drittel werden das Setting und die Charaktere etabliert, ohne dass es dabei zu mehr als subtilen Vorausdeutungen auf die kommenden unheimlichen Ereignisse  kommt.
Vor dem ersten Einbruch des Übernatürlichen wird dann sogar die vage Möglichkeit einer mundanen Erklärung eröffnet. Als Aubrey und Tara die Aufnahme der "läppischen" Horrorstory Ready Player Death fortsetzen, kommt es nämlich zu einer heftigen Rückkoppelung. Dass der Schauspieler unmittelbar danach glaubt, eine körperlose Stimme seinen  Namen flüstern zu hören, ließe sich durchaus als eine Fehlinterpretation der durch den schmerzhaften Lärm hervorgerufenen Ohrgeräusche erklären. Immer dann, wenn in der Folge "das ominöse Ding seinen Kopf hervorreckt", wird die Szene zudem mit einem anschwellenden, vibrierenden, tinnitusartigen Ton unterlegt. 
Dass sich wenig später der Text verändert zu haben scheint, den Aubrey vorträgt, lässt sich freilich nicht mehr so einfach erklären. Auf einmal ist darin von einem heißen Sommertag, dem Ufer eines Stausees und einem blonden jungen Mann die Rede ...
Im Zentrum des sich von nun an steigernden Grauens steht zwar eine verdrängte Schuld, dennoch sollen wir  die Ereignisse wohl kaum als simple Halluzinationen interpretieren. 

Die Story bietet keine wirklich überraschenden Wendungen, aber da sie ganz offensichtlich dem Vorbild einer klassischen Spukgeschichte nachgebildet wurde, ist das auch kaum zu erwarten. Mark Gattis geht es in erster Linie um Atmosphäre, und in dieser Hinsicht weiß The Dead Room voll und ganz zu  überzeugen.
Hinzu kommt die äußerst beeindruckende Darbietung von Simon Callow. Ohne ihn wäre der Kurzfilm nicht viel mehr als eine geschickt gemachte stilistische Hommage auf den klassischen Horror eines M.R. James. Er jedocht verleiht ihm zusätzlich eine zutiefst menschliche Dimension.
Obwohl Callow in einer ganzen Reihe von Kinofilmen und TV-Produktionen mitgewirkt hat, erbrachte er seine größten Leistungen wohl als Theaterschauspieler und -regisseur. Was der ihm gewidmete Wikipedia-Artikel darüber zu berichten hat, liest sich ziemlich beeindruckend. Dort erfährt man auch von einem Aspekt seines privaten Lebens, das nicht ohne Relevanz für sein Porträt des alten Audrey Judd ist. Simon Callow war nämlich einer der ersten bekannten britischen Schauspieler, der sich 1984 in seinem Buch Being An Actor öffentlich als homosexuell outete, was  er später so kommentiert hat:
I'm not really an activist, although I am aware that there are some political acts one can do that actually make a difference and I think my coming out as a gay man was probably one of the most valuable things I've done in my life. I don't think any actor had done so voluntarily and I think it helped to change the culture.     
In der bleiernen Atmosphäre der Thatcher-Ära mit ihrer staatlich geförderten Bigotterie war Callows Coming-Out in der Tat ein äußerst mutiger Schritt.
In einem Interview mit dem Independent erzählt er über die erste Zeit am Londoner Drama Center, wo er seine Schauspielausbildung erhielt: "The first 18 months were very tough because I was so resistant to revealing myself. I saw acting as a mask that you put on, this brilliant exterior."
Das einnert ein wenig an die Figur des Aubrey Judd, der seine wahren Gefühle, Verletzlichkeiten und dunklen Geheimnisse gleichfalls hinter dem grandiosen Gestus des "großen Schauspielers" versteckt, bis ihn die Erinnerung an jene lang zurückliegende Affäre mit dem jungen Paul und ihr tragisches Ende, in dessen Verlauf er eine tiefe Schuld auf sich geladen hat, einholt.

Alles in allem ist The Dead Room meiner Ansicht nach eine der besten Ghost Stories for Christmas, die nach dem Ende der klassischen Lawrence Gordon Clark - Ära gedreht wurden. Und so blicke ich mit gesteigerter  Neugier dem diesjährigen Beitrag entgegen, in dem sich Mark Gatiss mit einer Adaption von Martin's Close erneut ganz direkt dem Werk von M.R. James widmen wird.

Samstag, 21. September 2019

Strandgut

Donnerstag, 12. September 2019

Der Lockruf der Singenden Flamme

Take one step across the threshold of his stories
and you plunge into color, sound, taste, smell, 
and texture – into language.

Kurzgeschichten und Phantastik – zwischen den beiden besteht eine altehrwürdige Verbindung. Und dabei denke ich jetzt gar nicht einmal in erster Linie an die Pulp-Magazine der 30er/40er Jahre, die für die Entwicklung von Science Fiction, Fantasy und Horror eine so wichtige Rolle gespielt haben. Zumal in denen ja durchaus auch längere Texte in serialisierter Form erschienen – in Anknüpfung an eine Tradition, die u.a. auf die britischen "Penny Dreadfuls" des 19. Jahrhunderts zurückgeht. (1)  Die Verbindung reicht meiner Ansicht nach sehr viel weiter zurück. Oder ist es bloß ein Zufall, dass mit Edgar Allan Poe und E.T.A. Hoffmann zwei der größten Ahnherren der "Weird Fiction" zugleich Meister der Kurzgeschichte waren?

Als mich die gute Meara Finnegan vor einiger Zeit einlud, mich mit einem Artikel an ihrem "Kurzgeschichten-Festival" (#KGFestival) zu beteiligen, war mir sofort klar, dass ich diese Gelegenheit nutzen sollte, einmal wieder einen Künstler zu feiern, dessen Werk ich zutiefst liebe und bewundere, auf den ich hier aber vielleicht gerade deshalb viel zu selten zu sprechen komme – den wunderbar eigenwilligen Clark Ashton Smith.
Weniger sicher war ich mir, welche seiner Kurzgeschichten ich vorstellen sollte. Nach einigem hin und her habe ich mich für die erstmals 1931 in Wonder Stories veröffentlichte City of the Singing Flame entschieden. Nicht nur wegen ihrer atemberaubenden sprachlichen Schönheit, sondern auch, weil sie zu Klarkash-Tons berühmtesten Werken gehört, und darum vielleicht ein ganz gutes Lockmittel sein könnte, um Leserinnen und Leser dieses Beitrags, die den Barden von Auburn noch nicht kennen, dazu zu verführen, einmal eine seiner Geschichten zur Hand zu nehmen.

Zu den zahlreichen Verehrern von The City of the Singing Flame gehörten so bekannte phantastische Schriftsteller wie Ray Bradbury, Harlan Ellison und Fritz Leiber. Bradbury hat einmal erklärt, diese Story und Master of the Asteroid "were important to my being stimulated into becoming a writer". Und sie dürfte es vor allem gewesen sein, an die er dachte, wenn er von Smith sagte: "[He] filled my mind with incredible worlds, impossibly beautiful cities, and still more fantastic creatures on those worlds and in those cities." Harlan Ellison ging noch weiter. Seine erste Begegnung mit The City of the Singing Flame in dem von August Derleth herausgegebenen Band The Other Side of the Moon im März 1949 sei das Erlebnis gewesen, das ihn zu einem SF-Autor machte: "Almost immediately, I began writing fantasy and science fiction. Within a year or two I was deeply enmeshed in the writing in the field [...] I owe the greatest of debts to Clark Ashton Smith, for he truly opened up the universe for me." Fritz Leiber wiederum, der Smith als "sui generis, one of the most uninfluenced and original writers I know of" feierte, liebte diese spezielle Geschichte vor allem deswegen so sehr, weil sie "shows a passionate concern for life battling doom which is absent from most of the tales, where Smith is simply the devoted chronicler of death".

Das sind doch recht überzeugende Empfehlungen, oder? Doch bevor wir uns der Story selbst zuwenden, wollen wir noch rasch einen kurzen Blick  auf ihre Vorgeschichte werfen.

Im Juli 1927 organisierte Genevieve K. Sully für ihren guten Freund Clark Ashton Smith einen gemeinsamen Campingtrip in die Region von Donner Peak und Summit. Dabei unternahmen sie auch einen Tagesausflug auf die Anhöhe von Crater Ridge. Es war Smiths erster Besuch dieser Gegend und die Landschaft machte ganz offensichtlich einen tiefen Eindruck auf ihn. Wie es Genevieve K. Sully später einmal geschildert hat: 
After a few days of short walk, we proposed a longer walk - to Crater Ridge - where we had gone many times in the past, but now we were going with a companion who came under a spell of strange thought, transforming the scene in to a foreboding and grotesque landscape, [...] Clark wondered about amongst the boulders, studying the rocks and general terrain. We could all see that he was deeply effected by the place.
Dichter und CAS-Experte Donald Sidney-Fryer schreibt, Smith habe an diesem Tag auf dem Crater Ridge "a profound imaginative experience" gehabt, Jonathan Vos Post spricht gar von einem "mystical, transcendental experience". Gut möglich, dass dieses Erlebnis der Same war, aus dem später The City of the Singing Flame erwachsen sollte.

Auf demselben Ausflug unterbreitete Genevieve K. Sully ihrem Freund die Idee, dass er doch einmal versuchen könnte, einige seiner phantastischen Geschichten an die Pulpmagazine zu verkaufen. Bislang beruhte sein literarischer Ruhm ausschließlich auf seinem dichterischen Werk. Zwar war im April des Vorjahres mit The Abominations of Yondo eine Story von ihm im Overland Monthly abgedruckt worden, aber wie sich sehr schnell gezeigt hatte, war die Leserschaft des altehrwürdigen kalifornischen Literaturmagazins kaum das richtige Publikum für Smiths Art von phantastischer Literatur. Wie es sein alter Mentor, der seinerzeit sehr berühmte Décadence-Dichter George Sterling, ausgedrückt hatte: "Your 'Yondo' awoke many protests from the mentally infirm." (2) Publikationen wie Weird Tales wären da möglicherweise eine geeignetere Heimat. Vor allem jedoch könnte Smith auf diese Weise vielleicht zu etwas dringend benötigtem Geld gelangen, ohne sich weiter in irgendwelchen Gelegenheitsjobs aufreiben zu müssen. (3)
Er nahm sich den Ratschlag seiner Freundin zu Herzen, und im September 1928 erschien mit The Ninth Skeleton seine erste Kurzgeschichte im "Unique Magazine". Mit dem Anbruch der Großen Depression wurde es noch wichtiger, eine  einigermaßen regelmäßige Einnahmequelle zu finden, zumal Smith nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine invaliden Eltern aufkommen musste. Er begann, in erstaunlicher Geschwindigkeit eine Geschichte nach der anderen zu Papier zu bringen, ohne dabei je irgendwelche qualitativen Zugeständnisse zu machen. Weird Tales sollte sein wichtigster Abnehmer bleiben, aber 1930 gelang es ihm mit Marooned in Andromeda dann auch auf die Seiten von Hugo Gernsbacks Wonder Stories vorzustoßen und sich einen zweiten Markt zu erschließen.

Smith kehrte über die Jahre immer mal wieder auf den Crater Ridge zurück, u.a. um dort besonders bizarr geformte Steine zu sammeln. Einen von diesen schickte er im Herbst 1930 an H.P. Lovecraft, mit dem er seit 1922 eine umfangreiche Korrespondenz unterhielt.
Before long you will receive the primordial stone statuette of an unknown deity which I found  while  in the mountains,  on what is known as Crater Ridge, a long, barren, rock-strewn hill with a little lake of unfathomable depth lying almost in its crest. Geologists say that the lake is not an extinct volcano, nor the ridge of volcanic origin; but the whole locality is so scoriac in its appearance that I don't believe them. Many of the smaller stones are extremely fantastic in form. Mrs. Sully found one that was reminiscent of a small Aztec idol! She calls it Tsathoggua, and refuses to give it up! (4)
Der alte Gentleman von Providence war von diesem Geschenk so angetan, dass ein gemeinsamer Besuch der Anhöhe – "[to walk] amongst the prehuman reliquiae" (5) – für ihn ganz oben auf der Wunschliste stand, falls es ihm je gelingen sollte, seinen Freund in Kalifornien zu besuchen {was ihm leider nicht vergönnt war}. 
Dennis Rickard stellt außerdem die These auf, diese Steine könnten die erste Inspiration für Smiths späteres bildhauerisches Schaffen gewesen sein.

Dass Crater Ridge eine besondere Bedeutung für Clark Ashton Smith hatte, steht also außer Zweifel. Und so überrascht es nicht, dass er die Erhebung in The City of the Singing Flame mit jener großen Sehnsucht verknüpfte, die er in einem Brief an Lovecraft einmal so beschrieben hatte:
[A] wild aspiration toward the unknown, the uncharted, the exotic, the utterly strange und ultra-terrestrial. And this aspiration, as I know with a fatal foreknowledge, could never be satisfied by anything on earth or in actual life, but only through dream-ventures such as those in my poems, paintings and stories. (6)
Die Erzählung beginnt mit einem kurzen Vorwort aus der Feder eines gewissen Philip Hastane, in dem dieser vom mysteriösen Verschwinden seines Freundes, des Schriftstellers Giles Angarth, und des Malers Felix Ebbonly berichtet. Die beiden scheinen seit eines gemeinsamen Aufenthaltes  in den Sierras wie vom Erdboden verschluckt. In der Hütte, die Angarth gemietet hatte, wurde zwar ein an Hastane addressiertes Päckchen gefunden, doch die darin befindlichen Aufzeichnungen des Schriftstellers lesen sich zu fantastisch, um Ernst genommen zu werden. Oder vielleicht doch nicht?
Angarth berichtet von einem Besuch des Crater Ridge. Die Schilderung lässt deutlich die besondere Liebe spüren, die Smith für diese menschenleere und bizarre Landschaft empfand:
I had gone for a walk on Crater Ridge, which lies a mile or less to the north of my cabin near Summit. Though differing markedly in its character from the usual landscapes round about, it is one of my favorite places. It is exceptionally bare and desolate, with little more in the way of vegetation than mountain sunflowers, wild currant bushes, and a few sturdy, wind-warped pines and supple tamaracks.
Geologists deny it a volcanic origin; yet its outcroppings of rough, nodular stone and enormous rubble-heaps have all the air of scoriac remains  – at least, to my non-scientific eye. They look like the slag and refuse of Cyclopean furnaces, poured out in pre-human years, to cool and harden into shapes of limitless grotesquerie.
Among them are stones that suggest the fragments of primordial bas-reliefs, or small prehistoric idols and figurines; and others that seem to have been graven with lost letters of an indecipherable script. Unexpectedly, there is a little tarn lying on one end of the long, dry Ridge  – a tarn that has never been fathomed. The hill is an odd interlude among the granite sheets and crags, and the fir-clothed ravines and valleys of this region.
It was a clear, windless morning, and I paused often to view the magnificent perspectives of varied scenery that were visible on every hand  – the titan battlements of Castle Peak; the rude masses of Donner Peak, with its dividing pass of hemlocks; the remote, luminous blue of the Nevada Mountains, and the soft green of willows in the valley at my feet. It was an aloof, silent world, and I heard no sound other than the dry, crackling noise of cicadas among the currant-bushes.
Bei seinem Umherwandern entdeckt Angarth zwei merkwürdige Felsbrocken, die ihn an die Fundamente uralter, längst zerfallener Säulen erinnern. Als er in den Raum zwischen ihnen tritt, stürzt er in eine Art interdimensionalen Vortex und findet sich in einer fremdartigen Parallelwelt wieder. In einigen Meilen Entfernung erblickt er die Silhouette einer titanischen Stadt:
Wall on beetling wall, spire on giant spire, it soared to confront the heavens, maintaining everywhere the severe and solemn lines of a rectilinear architecture. It seemed to overwhelm and crush down the beholder with its stern and crag-like imminence.
Angarth durchlebt eine wilde Mixtur von Emotionen: Verwirrung, Verlorenheit, Angst. Doch zugleich übt der Anblick der Stadt eine seltsame, ihm selbst unverständliche Anziehungskraft – "an obscure but profound allurement" – auf ihn aus. Aber der stärkste Impuls bleibt vorerst, einen Weg zurück in die eigene Welt zu finden. Was sich als nicht besonders schwierig erweist, wird das unsichtbare Tor zwischen den Dimensionen auf dieser Seite doch von zwei mächtigen Säulen flankiert. Allerdings wird das Verlangen, die fremde Welt erneut zu besuchen, in den folgenden Tagen immer heftiger. Schließlich gibt Angarth dem nach und macht sich diesmal in Richtung der gigantischen Stadt auf. In einem fremdartigen Wald stößt er auf eine aus riesigen Steinplatten gebildete Straße und beobachtet eine Gruppe bizarrer Wesen, deren Ziel offensichtlich gleichfalls die geheimnisvolle Metropole ist. Noch  ist er zu ängstlich, um sich ihnen zu zeigen. Wenig später glaubt er erstmals eine eigenartige Musik zu vernehmen, die aus der Ferne an sein Ohr dringt:
It was faint and far-off, and seemed to emanate from the very heart of the Titan city. The melody was piercingly sweet, and resembled at times the singing of some voluptuous feminine voice. However, no human voice could have possessed that unearthly pitch, the shrill, perpetually sustained notes that somehow suggested the light of remote worlds and stars translated into sound.
Ordinarily, I am not very sensitive to music; I have even been reproached for not reacting more strongly to it. But I had not gone much farther when I realized the peculiar mental and emotional spell which the far-off sound was beginning to exert upon me. There was a siren-like allurement which drew me on, forgetful of the strangeness and potential perils of my situation; and I felt a slow, drug-like intoxication of brain and senses.
In some insidious manner, I know not how nor why, the music conveyed the ideas of vast but attainable space and altitude, of superhuman freedom and exultation; and it seemed to promise all the impossible splendors of which my imagination has vaguely dreamt....
Angarth gelangt bis in Sichtweite der Stadtmauern, doch die unirdische Musik, deren Wirkung um so stärker wird, je näher er ihrer Quelle kommt, erscheint ihm ebenso bedrohlich wie verführerisch. Und so reißt er sich unter Aufbietung seiner ganzen Willenskraft los und flieht zurück in unsere Realität.
Aber offensichtlich ist er nicht in der Lage, den Zauber dieses Sirenengesangs vollständig abzuschütteln. Erneut macht er sich zu der Stadt auf, wenn auch bewaffnet mit "some cotton-wadding with which to stuff my ears if it should affect me too strongly." Diesmal durchschreitet er ihre Tore, wandert durch ihre Straßen. Natürlich kann er sich nun nicht länger vor den Bewohnern der  fremden Dimension verborgen halten, doch ignorieren ihn diese weitgehend. Schnell registriert er, das es zwei Gruppen von ihnen gibt. Die eine besteht aus Besuchern oder Pilgern, die andere aus den eigentlichen Bewohnern der Stadt. Die letzteren scheinen nicht von der Musik beeinflusst zu werden {möglicherweise besitzen sie überhaupt keinen Gehörsinn}, die ersteren folgen, wie Angarth selbst, den lockenden Klängen zielstrebig ins Zentrum der Metropole. Dort erwartet sie ein gewaltiger Tempel und in ihm die Quelle der überirdischen Musik: Eine gewaltige, grün flackernde Flammenfontäne. Inzwischen hat Angarth seine Ohrstöpsel zum Einsatz gebracht, dennoch ist der Lockruf der Singenden Flamme schier übermächtig:
There are no words to convey the incomprehensible wonder of it all. And the music? I have utterly failed to describe that, also. It was as if some marvelous elixir had been turned into sound-waves – an elixir conferring the gift of superhuman life, and the high, magnificent dreams which are dreamt by the Immortals. [...]
The music mounted with the flame; and I understood, now, its recurrent ebb and flow. As I looked and listened, a mad thought was born in my mind – the thought of how marvelous and ecstatical it would be to run forward and leap headlong into the singing fire. The music seemed to tell me that I should find in that moment of flaring dissolution all the delight and triumph, all the splendor and exaltation it had promised from afar. It besought me; it pleaded with tones of supernal melody, and despite the wadding in my ears, the seduction was well-nigh irresistible.  
Und tatsächlich werfen sich viele der in Ekstase geratenen Pilger in die Flammende Fontäne. Angarth widersteht dem schier übermächtigen Drang und flieht erneut. Doch wie schon beim ersten Mal ist das Verlangen auch diesmal zu groß, als dass er ihm lange widerstehen könnte. Allerdings beschließt er, einen Begleiter und Zeugen mitzunehmen, den Maler Felix Ebbonly. Als die beiden den Schrein der Singenden Flamme erreichen, erliegt Ebbonly ihrem Zauber und springt:
It was too late for me to even think of stopping him, when he ran forward in a series of leaps that were both solemn and frenzied, like the beginnings of some sacerdotal dance, and hurled himself headlong into the flame. The fire enveloped him; it flared up for an instant with a more dazzling greenness, and that was all.
Der geschockte Angarth schleppt sich zwar zurück zum Dimensionentor, doch der letzte Absatz seiner Aufzeichnungen lässt keinen Zweifel über sein letztendliches Schicksal:
I have no longer any will to fight the ever-insistent music which I hear in memory. And there seems to be no reason at all why I should fight it.... Tomorrow, I shall return to the city.
Damit endet die ursprüngliche Geschichte, wie sie in der Juliausgabe 1931 von Wonder Stories zu lesen war.  Vier Monate später erschien in demselben Magazin die Fortsetzung Beyond the Singing Flame. Als Tales of Wonder, Großbritanniens "first-ever proper grown-up Science Fiction magazine", The City of the Singing Flame im März 1940 erneut abdruckte, wurden die beiden Geschichten miteinander verschmolzen, und es ist diese längere Fassung, die man auch auf der exzellenten  Website The Eldritch Dark findet.
Es macht durchaus Sinn, die ursprünglich getrennten Geschichten als eine Einheit zu betrachten, vor allem, da die eigentliche Bedeutung der Singenden Flamme erst in der Fortsetzung klar wird. Dennoch möchte ich schon jetzt ein paar meiner Gedanken darlegen, bevor wir dann abschließend einen kurzen Blick in Beyond the Singing Flame werfen.
 
Andrew Darlington beschreibt die Geschichte als eine "romantically decadent addiction metaphor", und tatsächlich finden sich im Text eine Reihe von Bezügen zu Drogenkonsum. Die Wirkung der Musik wird ausdrücklich als eine "drug-like intoxication of brain and senses" beschrieben, an anderer Stelle ist von "opiate music" die Rede, und Angarth vergleicht sein eigenes Verhalten mit dem eines Mannes "in opium-trance". Dennoch halte ich es für falsch, die Story als "Sucht-Metapher" zu interpretieren. Anders rum wird ein Schuh draus. Die Droge dient als Metapher für eine andere Art von Ekstase. Jene, die Clark Ashton Smith in den Gefilden des gänzlich Fremdartigen, Unirdischen zu finden hoffte, die die phantastische Kunst eröffnet.

Wie er in einem Leserbrief an Amazing Stories schrieb, der im Oktober 1932 veröffentlicht wurde und heute unter dem Titel Fantasy and Human Experience bekannt ist:
Literature can be, and does, many things; and one of its most glorious prerogatives is the exercise of imagination on things that lie beyond human experience – the adventuring of fantasy into the awful, sublime and infinite cosmos outside the human aquarium.
Schon Jahre zuvor hatte er gegenüber George Sterling erklärt: "[M]y fondest dream is to find a Hyperborea beyond Hyperborea, in the realm of imaginative poetry." (7) Dem Vorwurf des Eskapismus, den ein solches Verlangen vielerorts hervorrufen könnte, begegnete er u.a. mit folgendem Argument:
I've no quarrel with the slogan "art for life's sake", but I think the current definition or delimitation of what constitutes life is worse than ridiculous. Anything that the human imagination can conceive of becomes thereby a part of life, and poetry such as mine, properly considered, is not an "escape", but an extension. (8)
In seiner vollen Radikalität ist das in  diesen Aussagen skizzierte literarische Programm natürlich undurchführbar. Kein Künstler und keine Künstlerin ist in der Lage, etwas zu schaffen, was völlig unabhängig von der menschlichen Erfahrungswirklichkeit ist. Noch die wildesten Phantasmagorien besitzen ihre Basis letztenendes in der materiellen Welt und noch mehr in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der ihre Schöpferin oder ihr Schöpfer lebt und die sie oder ihn geformt hat.
Dennoch glaube ich, dass in dieser Gegenüberstellung von "escape" und "extension" eine tiefe Wahrheit liegt. Indem sie uns mit dem Unirdischen, Bizarren, Grotesken, Fremdartigen konfrontiert, ist die Phantastik in der Lage, unseren Horizont zu erweitern, unsere üblichen Denkmuster, Vorurteile und Sehgewohnheiten zu erschüttern. Sie vermittelt uns ein Gefühl für die unermessliche Vielgestaltigkeit der Welt und des menschlichen Wesens. Ihr wohnt damit etwas Befreiendes und im Besten Sinne Utopisches inne.

H.P. Lovecrafts Mammut-Essay Supernatural Horror in Literature beginnt mit dem berühmten Satz: "The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the unknown." In der Schilderung von Angarths erstem Besuch in der fremden Welt findet sich eine Bemerkung, die eine vergleichbare Sichtweise zum Ausdruck bringt: "I shrank back with man's instinctive recoil before the unknown." Doch der Erzähler von The City of the Singing Flame überwindet diese instinktive Reaktion, die schon bald von einer immer größeren Faszination für das Unbekannte abgelöst wird. Vieles von dem, was Angarth in der fremden Welt sieht, wirkt auf den ersten Blick unheimlich oder verstörend, doch zugleich übt es eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus. So erinnert die Stadt in ihren titanischen Dimensionen zwar durchaus an lovecraftsche Schauplätze wie R'lyeh oder die "Mountains of Madness", wirkt nach anfänglicher Verstörtheit auf Angarth aber keineswegs furchteinflößend. Seine Beschreibung ihrer Bewohner enthält außerdem folgende, bedeutungsvolle Passage:
I fear to describe them minutely, for human words would give the idea of something monstrous and uncouth, and these beings are not monstrous, but they have merely developed in obedience to the laws of another evolution than ours; the environmental forces and conditions of a different world. 
Die "Anderen" sind nicht monströs, sie sind bloß "anders". Ein Motiv, das seinen vielleicht humansten Ausdruck in Clark Ashton Smiths Geschichte The Monster of the Prophecy gefunden hat, die ich vor Jahren hier schon einmal besprochen habe.

Smith stand in der Tradition der literarischen Décadence, was auch in The City of the Singing Flame deutlich zu erkennen ist. Die Singende Flamme verkörpert eine Schönheit jenseits der uns bekannten Wirklichkeit, im Vergleich zu der alle menschlichen Kunstwerke bloß wie ein blasser Widerschein wirken, wie in der Geschichte immer wieder betont wird. Dennoch versucht der Text selbst auf den Leser oder die Leserin eine ähnlich rauschhafte Wirkung zu erzielen wie die unirdische Musik der Flamme. Und hierin liegt einer der wichtigsten Gründe, warum ich Clark Ashton Smith so sehr liebe. Auch wenn er phantastische Kurzgeschichten für Pulp-Magazine schrieb, blieb er doch immer in erster Linie Poet. Viele seiner Stories wirken wie überlange Prosagedichte. Manche von ihnen nahmen ihren Ursprung auch tatsächlich als solche. In einem Brief an Lovecraft beschrieb er seine Herangehensweise einmal wie folgt:
My own conscious ideal has been to delude the reader in accepting an impossibility, or series of impossibilities, by means of a sort of verbal black magic, in the achievement of which I make use of prose-rhythm, metaphor, simile, tone-color, counter-point, and other stylistic resources, like a sort of incantation. (9)
Es scheint mir unmöglich, die besondere Schönheit von Smiths kunstvoll gearbeitetem, barock-überbordenen Stil auf adäquate Weise zu beschreiben. Man muss ihn lesen. Am besten laut.  Denn er verfügte über eine ungeheure Sensibilität für die musikalischen Qualitäten der englischen Sprache. 

Dass in The City of the Singing Flame die Sehnsucht nach der wahren Schönheit motivisch mit dem Verlangen nach dem Tod verknüpft wird, geht natürlich gleichfalls auf alte romantische Traditionen zurück. Man lese etwa John Keats wunderbare Ode to a Nightingale. Doch in Beyond the Singing  Flame erhält dieses Motiv eine deutliche Umwandlung. Wenn Philip Hastane schließlich seinem verschwundenen Freund in das Paralleluniversum folgt, zeigt sich nämlich,  dass der Sprung in die Flammenfontäne keineswegs zur eigenen Vernichtung führt, sondern den Übergang in eine noch fremdartigere, quasi-paradiesische Dimension bedeutet, die ihrerseits bloß das "Vorzimmer" noch wundervollerer Sphären darstellt.
Damit erhält die Transzendenz der in der Singenden Flamme verkörperten Schönheit einen noch schärfer akzentuierten Charakter. Man kann dies natürlich auf eine mystisch-religiöse Weise interpretieren, und tatsächlich war Smith, anders als sein Freund Lovecraft, solchen Vorstellungen gegenüber durchaus aufgeschlossen, verglich sein hilfloses Bemühen, die Wunder der durch die Flamme betretenen "Inner Sphere" zu beschreiben, sogar einmal mit Dantes Versuch, in der Divina Comedia das Himmelreich darzustellen. Doch denke ich, dass man nicht gezwungen ist, die Geschichte auf diese Weise zu lesen, ganz gleich, was die bewussten Intentionen des Autors auch gewesen sein mögen. Für mich verdeutlicht die Existenz der "Inneren Sphäre" bloß, dass die ersehnte Schönheit als ein radikaler Gegensatz zur existierenden Wirklichkeit begriffen werden muss. Ihre Transzendenz erhält damit erst recht einen utopischen Charakter. Wobei ich "utopisch" nicht als Synonym für "unerreichbar" verstanden wissen will. Zugleich wird noch einmal die Gemeinsamkeit all jener hervorgehoben, denen es nach der "immense joy and liberation" verlangt, die hier herrschen. So beschreibt Hastane die Wesen, die mit ihm diese neue Welt betreten haben folgendermaßen: 
These beings were strange and outré beyond belief, in their corporeal forms and attributes; and yet I took no thought of their strangeness, but felt toward them the same conviction of fraternity that I felt toward Angarth and Ebbonly.
Clark Ashton Smiths tiefe Sehnsucht nach dem Unirdischen entsprang einem ebenso tiefen Abscheu vor der bürgerlichen Gesellschaft Amerikas, ihrer selbstgefälligen Oberflächlichkeit und ihrem Konformismus. Er sah sich selbst als Pariah in einer Welt, bevölkert von puritanischen Heuchlern, cleveren Geschäftemachern und engstirnigen Spießern. Im Mai 1937 schrieb er in einem Brief an den jungen R.H. Barlow, der zu dieser Zeit mit der Kommunistischen Partei sympathisierte: "My own nature is that of the rebel; if it weren't, I would hardly write, paint and sculpt in the manners I have chosen". (10) Und in  seinem Black Book findet sich  die Notiz: "It is still possible for the free spirit to survive in America, if he can avoid starving to death, and does not mind isolation and obloquy too much. Just how long it will be possible for him to survive is a moot question".
Und so erleben wir in Beyond the Singing Flame wie Ydmos, die Stadt der Singenden Flamme, von jenen Mächten angegriffen und zerstört wird, die die Innere Sphäre hassen "as a thing that lures idle dreamers away from worldly reality. It is regarded as a lethal and pernicious chimera, as a mere poetic dream, or a sort of opium paradise." Als Hastane die fremde Welt betritt, bietet sich ihm der unheimliche und bedrückende Anblick einer zweiten Stadt, die über die Ebene auf die Mauern von Ydmos zuzumarschieren scheint:
I saw in the far distance the shining towers of what seemed to be another city – a city of which Angarth had not written. The towers rose in serried lines, reaching for many miles in a curious arclike formation, and were sharply defined against a blackish mass of cloud that had reared behind them and was spreading out on the luminous, amber sky in sullen webs and sinister, crawling filaments.
Subtle disquietude and repulsion seemed to emanate from the far-off, glittering spires, even as attraction emanated from those of the nearer city. I saw them quiver and pulse with an evil light, like living and moving things, through what I assumed to be some refractive trick of the atmosphere. Then, for an instant, the black cloud behind them glowed with dull, angry crimson throughout its whole mass, and even its questing webs and tendrils were turned into lurid threads of fire.
The crimson faded, leaving the cloud inert and lumpish as before; but from many of the vanward towers, lines of red and violet flame had leaped, like out-thrust lances, at the bosom of the plain beneath them. They were held thus for at least a minute, moving slowly across a wide area, before they vanished. In the spaces between the towers, I now perceived a multitude of gleaming, restless particles, like armies of militant atoms, and wondered if perchance they were living things. If the idea had not appeared so fantastical, I could have sworn, even then, that the far city had already changed its position and was advancing toward the other on the plain.
Und so endet die Geschichte in einer völligen Umkehrung des anfänglichen Eindrucks: Die wahre Bedrohung liegt nicht in der verführerischen Macht der Singenden Flamme, sondern in jenen finsteren Mächten, die sie auslöschen wollen.




PS: Deutsche Übersetzungen von The City of the Singing Flame finden sich in dem Suhrkamp - Band Saat aus dem Grabe (1982; Friedrich Polakovics) und im ersten Teil der im Festa-Verlag erschienen Gesammelten Erzählungen (2011; Malte S. Sembten u.a.). Über ihre Qualität kann ich leider nichts aussagen. Die Zitate in diesem Aufsatz wurden sämtlich der auf The Eldritch Dark veröffentlichen Fassung entnommen.  

(1) Der Unterschied ist freilich, dass deren serialisierte "Romane" parallel zu ihrer stückweisen Veröffentlichung geschrieben wurden. Man denke z.B. an solch wild wuchernde Mammutwerke wie Varney the Vampire.     

(2) Brief von George Sterling an Clark Ashton Smith [18. April 1926]. In: The Shadow of the Unattained. The Letters of George Sterling and Clark Ashton Smith. S. 271.

(3) Smith hatte in der  Vergangenheit auf Vermittlung Sterlings ab und an finanzielle Unterstützung von irgendwelchen reichen San Franciscoer Kunstmäzenen erhalten, aber diese Quelle war wohl schon seit längerem versiegt. Sterling selbst hatte im November 1926 Selbstmord begangen.

(4) Brief von Clark Ashton Smith an H.P. Lovecraft [Mitte September 1930]. In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 120.

(5) Zit. nach: Dennis Rickard: The Carvings of Clark Ashton Smith.

(6)  Brief von Clark Ashton Smith an H.P. Lovecraft [24.  Oktober 1930]. In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 127.

(7) Brief von Clark Ashton Smith an George Sterling [4. November 1926]. In: The Shadow of the Unattained. S. 284.

(8) Brief von Clark Ashton Smith an George Sterling [27. Oktober 1926]. In: The Shadow of the Unattained. S. 282f.

(9) Brief von Clark Ashton Smith an H.P. Lovecraft [c. 24.Oktober 1930]. In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 126.

(10) Brief von Clark Ashton Smith an R.H.Barlow [16.Mai 1937]. In: Selected Letters of Clark Ashton Smith.S. 301.