"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 7. Februar 2015

Strandgut der Woche

Freitag, 6. Februar 2015

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (X): "Barbarian Queen II"

Wie ich letzte Woche bereits erwähnt habe, fand der Sword & Sorcery - Film der 80er Jahre seinen Ausklang in einer Reihe von Pseudo-Sequels zu Roger Cormans *ähem* "Klassikern" aus der Blütezeit des Genres. Teil dieser beinahe ausschließlich auf den Videobereich beschränkten Nachwehen der Barbarenmode war die 1990 mit dem grandiosen Untertiel The Empress Strikes Back auf den Markt geworfene "Fortsetzung" zu Barbarian Queen, die zugleich den Endpunkt von Lana Clarkson kurzer Karriere als Genre-Ikone des Fantasy - B-Movies darstellte. Ein äußerst verwirrender, aber gerade deshalb auch auf perverse Weise faszinierender Streifen.

    

Was vielleicht überrascht: Der Film bedient sich nicht ein einziges Mal bei James Horners Titelmelodie für Battle Beyond the Stars, der wir in beinah allen von Corman produzierten Fantasyflicks der 80er begegnen. Stattdessen plündert er den Soundtrack seines Vorgängers, der von Christopher Young komponiert wurde. {Etwas altmodischen Genrefans wie mir vielleicht am ehesten als Schöpfer der Musik zu Hellraiser bekannt, auch wenn ich mir ja immer noch wünschen würde, Clive Barkers Klassiker sei mit den klanglichen Kreationen von Coil unterlegt worden.}
Was ganz und gar nicht überrascht: Der Flick sieht aus, als habe sein Budget aus dem Inhalt der Kaffekasse von Roger Cormans Büro in L.A. bestanden. Um einen ungefähren Eindruck davon zu vermitteln, wie billig Barbarian Queen II wirkt, sei bloß erwähnt, dass die furchteinflößende Streitmacht, die der böse Tyrann Ankaris ausschickt, um die Rebellion mit Stumpf und Stiel auszurotten, aus sage und schreibe sechs Mann zu Pferd und acht Fußsoldaten besteht!

Inhaltlich betrachtet hat Barbarian Queen II nichts mit dem ersten Teil zu tun. Vielmehr präsentiert uns der Film eine weitere Variante des Themas, das wir bereits aus The Sword and the Sorcerer und Wizards of the Lost Kingdom kennen:
Als das Gerücht laut wird, der gute König "Namenlos" sei auf dem Schlachtfeld gefallen, zögert sein missratener Sohn Ankaris "der Bart" (Alejandro Bracho) keinen Moment und erklärt sich zum neuen Herrscher. Doch seine stolze, schöne und unbändige Schwester Athalia (Lana Clarkson) weigert sich, ihm die Kontrolle über das magische Szepter, Symbol der legitimen Macht der Könige, zu übergeben. {Offenbar ist Magie in dieser Welt die ausschließliche Domäne der Frauen.} Als es weder Ankaris' brutalem Handlanger Hofrax (Roger Cudney), noch seiner verzogenen und sadistischen Tochter Tamis (Cecilia Tijerina) gelingt, ihren Widerstand zu brechen oder sie auszutricksen, befiehlt der Usurpator die Hinrichtung seiner Schwester. Doch selbstverständlich gelingt ihr die Flucht in die Wälder, wo sie sich einer Gruppe von Rebellen anschließt. Es dauert nicht lange, und sie hat die Führung der mehrheitlich weiblichen Vogelfreien übernommen und kann den Kampf gegen Ankaris und Hofrax aufnehmen.

Das Drehbuch wurde von unserem alten Freund Howard R. Cohen zusammen mit Lance Smith, der auch schon bei Wizards of the Lost Kingdom II mitgewirkt hatte, geschrieben. Und es ist eine verwirrend wilde Mixtur. Nicht dass der Film sich durch ähnlich bizarre Brüche zwischen den einzelnen Szenen auszeichnen würde, wie Wizards of the Lost Kingdom, auch wenn es da schon einige sehr abrupte und eigenartige Schnitte gibt. Vielmehr entsteht recht schnell der Eindruck, der Streifen wisse nicht so recht, was er eigentlich sein will.

Für einen Großteil der Zeit versucht er sich als ein phantastischer Abenteuerspaß mit starken Robin Hood - Anklängen zu präsentieren. Ankaris ist Prinz John, Hofrax ist Guy of Gisbourne, Athalia und ihre Rebellen sind Robin Hood und seine Merry Men. In spaßiger Umkehrung der ursprünglichen Geschlechter würde in diesem Szenario Athalias Geliebter Aurion (Greg Wrangler), der anfangs auf Ankaris Seite steht, den Part von Maid Marion spielen. Besonders deutlich werden diese Parallelen im Überfall auf Hofrax und seine Soldaten, in der Szene, die im Lager der Vogelfreien spielt, und vor allem während der Befreiung der zum Tode verurteilten Bauern. Allesamt rufen sie Reminiszenzen an diverse Robin Hood - Filme wach – von Michael Curtiz' Errol Flynn - Klassiker aus dem Jahre 1938 bis zu dem eher weniger "klassischen" Kevin Costner - Vehikel aus dem Jahre 1991. Dazu passen auch die immer mal wieder eingestreuten und stets auf beinah bemitleidenswerte Weise scheiternden Versuche in Humor.
Um dieses "Kernmotiv", wenn wir es einmal so nennen wollen, gruppieren sich dann allerdings eine Reihe völlig anderer Motive.
Die ursprüngliche Barbarian Queen von 1985 war eine ziemlich wüste Mischung aus Sexploitation und Barbarenflick. Und auch wenn Nummer Zwei zu keinem Zeitpunkt so weit geht, wie ihre Vorgängerin, finden sich doch immer noch genug Überbleibsel dieser "Tradition". Am offensichtlichsten natürlich in den Folterszenen, aber auch in solch kuriosen Details, wie dem Kampf zwischen Athalia und einer Rebellin, der schon nach wenigen Sekunden in eine kleine "mud wrestling" - Einlage übergeht. Klar, das Publikum, das man mit dem Titel "Barbarian Queen" zu ködern versuchte, wäre arg enttäuscht gewesen, hätte es im Verlauf des Streifens nicht ein paar Mal die Gelegenheit erhalten, Lara Clarksons Brüste zu sehen.
Um so bizarrer wirken da die ab und an aufblitzenden Momente, die uns offenbar glauben machen sollen, diesem Film liege so was wie ein "Female Empowerment" - Subtext zu Grunde: Athalia wird als eine Art "tomboy" eingeführt, die keine Kleider tragen will; ausschließlich Frauen scheinen Kontrolle über Magie zu haben; wenn in Aktion dann ähneln die Rebellen einer Amazonenschar {nur sehr selten bekommen wir auch einmal einen männlichen Rebellen im Kampf zu sehen}; und der wohl deutlichste Hint: Hofrax wird ausdrücklich als Verächter von Frauen bezeichnet, obwohl das weder für die Handlung noch für seinen Charakter {er ist einfach der brutale Handlanger} irgendwie von Bedeutung wäre.
Und dann ist da natürlich auch noch Tamis. Die zum Zeitpunkt des Drehs gerade einmal vierzehn Jahre alte Cecilia Tijerina liefert die mit Abstand beste schauspielerische Leistung in diesem Film ab. Die von ihr verkörperte Tochter des Tyrannen hinterlässt einen verstörenden, aber zugleich auch irgendwie mitleiderregenden Eindruck. Sie ist ein erschreckend grausames Kind, aber eben doch ein Kind. Und Tijerina glingt es, beide Seiten ihrer Persönlichkeit auf glaubhafte Weise darzustellen.
Mir scheint es darum auch kaum ein Zufall zu sein, dass die cinematographisch interessanteste Sequenz des ganzen Filmes {vielleicht die einzig wirklich interessante} mit ihrem Charakter zu tun hat: Die von Tamis unter Zuhilfenahme einer hübsch pelzigen Vogelspinne vergiftete Athalia liegt in ihrem Zelt im Koma; wir sehen ihr schweißglänzendes Gesicht im Profil; die Kamera fährt zurück, "verlässt" das Zelt, und wir erblicken die Silhouette ihres Kopfes auf der Zeltbahn; die Kamera fährt noch weiter zurück und wir erblicken Tamis' schattenhafte Gestalt neben dem Zelt. Diese nur wenige Sekunden andauernde Szene lässt es mich beinah bedauern, dass Joe Finley nie wieder die Regie in einem Film übernehmen sollte. Er war nicht völlig ohne Talent.

Doch am Ende bleibt natürlich die Frage: Würde ich irgendjemandem aus meiner erlauchten Leserschaft empfehlen, sich diesen Streifen einmal selbst anzuschauen? Schwer zu sagen. Barbarian Queen II sieht nicht nur ultrabillig aus, sondern wirkt über weite Strecken auch schrecklich inkompetent gemacht. Ich bin mir nicht sicher, ob die gute Lana Clarkson ihren Kultstatus irgendetwas anderem verdankte als ihrer Oberweite, doch hier zumindest liefert sie eine wirklich gruselig miese Leistung ab. Ich denke da vor allem an ihre "anfeuernden Reden" im Rebellenlager. Andererseits ist der Streifen nicht auf so unterhaltsam-charmante Weise schlecht wie etwa Wizards of the Lost Kingdom oder Barbarians. Sein Reiz liegt eher in der grotesken motivischen Mixtur, die ich zu beschreiben versucht habe. Aber das ist zugegebenermaßen ein Reiz, für den man einen ganz speziellen Geschmack besitzen muss. So bleibt mir eigentlich nichts anderes zu sagen, als: Wer sich nach Lektüre dieses Posts Barbarian Queen II anschaut, tut dies auf eigene Gefahr.

Samstag, 31. Januar 2015

Strandgut der Woche

Mittwoch, 28. Januar 2015

Ghostbusters 3 - Ich kapier's einfach nicht

Eigentlich hatte ich ja immer gehofft, es werde nie zu einem weiteren Ghostbusters - Film kommen, auch wenn man seit einer halben Ewigkeit immer mal wieder entsprechende Gerüchte hören konnte. Zwar gehöre ich nicht zu denen, die Ivan Reitmans Original aus dem Jahre 1984 für ein unübertreffliches Meisterwerk der Komödie halten, aber es ist ohne Zweifel ein äußerst unterhaltsamer Film, mit dem ich zudem sehr intensive Kindheitserinnerungen verbinde. Und seine Klasse verdankt der Streifen beinahe ausschließlich dem großartigen Zusammenspiel von Bill Murray, Dan Aykroyd, Harold Ramis und Ernie Hudson. Nicht nur waren sie alle vier in absoluter Topform, zwischen ihnen herrschte auch genau die richtige Chemie. Ein magischer Moment, der sich nicht so ohne weiteres wiederholen lässt, wie das unsägliche Sequel aus dem Jahr 1989 denke ich zur Genüge bewiesen hat. Und wenn es schon kaum möglich erschien, den Charme des Originals mit der gleichen Combo wiederzubeleben, warum sollte man dann den Versuch starten, eine neue Gruppe von Geisterjägern das Erbe von Peter Venkman, Ray Stantz, Egon Spengler und Winston Zeddemore antreten zu lassen?

Im August des letzten Jahres verdichteten sich die Dämpfe, die unablässig aus Hollywoods Gerüchteküche aufsteigen, schließlich zu der bald schon als gesichert geltenden Nachricht, dass tatsächlich ein dritter Ghostbusters - Film produziert werden würde. Und Regisseur Paul Feig ließ verlauten, dass er plane, das Geisterjägerteam in einer vollständig weiblichen Formation auf die Leinwand zurückkkehren zu lassen. 
Nicht mehr als eine zynische Werbestrategie von Sony Pictures? Um ehrlich zu sein, ich halte das für ziemlich wahrscheinlich, aber letztenendes auch für ziemlich unwichtig. Es mag schon sein, dass sich die Studiobosse gedacht haben, auf diese Weise ließe sich Interesse an der Wiederbelebung eines Franchises wecken, dessen Auferstehung von kaum jemandem herbeigesehnt worden war. Doch was soll's? Genre-Blockbuster mit mehr als einer weiblichen Hauptrolle sind nachwievor eine so große Seltenheit, dass es mir im Grunde egal ist, ob wir die Entstehung eines solchen Films in letzter Konsequenz marktstrategischen Überlegungen oder irgendetwas anderem verdanken. Zumal die Profitinteressen der Studios und ihrer Geldgeber doch bei allen Blockbustern ein gehöriges Wort mitzureden haben -- gelinde ausgedrückt.

Vor einigen Tagen nun hat Paul Feig die Besetzung für die vier Hauptrollen bekanntgegeben: Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Leslie Jones and Kate McKinnon. 
{Auf Filmdivider kann man auch schon etwas über die angebliche Story des Films lesen, aber wie stets, sollte man derartige "Insiderinformationen" mit gehöriger Skepsis angehen. Oft genug erweisen sie sich als ausgemachter Bullshit.}

Wie dem auch sei: Wie schon im letzten August bekam man auch jetzt wieder in den Kommentarspalten der einschlägigen Websites unangenehm viel sexistischen Müll zu lesen. Frauen als Ghostbusters? --  Für Teile der männlichen Geek-Gemeinde scheint das an Blasphemie zu grenzen. Und wie stets in solchen Fällen kapier ich es einfach nicht. Natürlich bin ich mir bewusst, wieviel dumpfer Chauvinismus in der Welt existiert, aber kommen sich diese Typen nicht selbst etwas lächerlich vor, wenn sie ihre frauenfeindlichen Überzeugungen anlässlich der Besetzungsliste für eine Horror-Phantastik-Komödie in den Internet-Äther brüllen? Was ist ihr Problem? Niemand zwingt sie dazu, den Film anzuschauen, wenn er schließlich in die Kinos kommen wird. Wenn ihnen danach ist, können sie sich ohne Probleme das Original in Endlosschleife angucken. Vermutlich hat man diese unappetitlichen Tiraden als Ausgeburt einer unglücklichen Liaison zwischen Sexismus und Geektum zu verstehen. Mit anderen Worten: Diese Typen halten amüsante Unterhaltungsfilme wie Ghostbusters für so was wie den Heiligen Gral, und wenn auf einmal Frauen sich erdreisten, dieses magische Artefakt in die Hand zu nehmen, kommt das in ihren Augen einem Sakrileg und einer Entweihung gleich.

Ich selbst stehe dem ganzen Projekt aus oben genannten Gründen nachwievor eher skeptisch gegenüber. Aber wenn es einen Grund gibt, warum ich mir Ghostbusters 3 vielleicht tatsächlich anschauen werde, dann ist es die weibliche Besetzung. Das könnte dem ganzen wenigstens einen neuen Dreh verleihen und verhindern, dass wir es mit einer simplen Wiederaufwärmung des Originals zu tun bekommen, in der der Charme des Alten dann vermutlich durch irgendwelche CGI-Feuerwerke ersetzt worden wäre.

Montag, 26. Januar 2015

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (IX): "Amazons"

Dem 1946 in Pennsylvania geborenen und seit 1969 in Kanada lebenden afroamerikanischen Schriftsteller Charles R. Saunders gebührt ein ganz besonderer Platz in der Geschichte der literarischen Sword & Sorcery. 
Wie er selbst in seinem erstmals 1975 veröffentlichten Essay Die, Black Dog! beschrieben hat, enthielt das Subgenre seit seiner Entstehung in den 30er Jahren zahlreiche rassistische Elemente, woran sich auch in der Ära von Lin Carter und L. Sprague de Camp wenig geändert hatte. Doch Saunders polemisierte nicht nur gegen diesen Misstand, mit den Geschichten über den "schwarzen Conan" Imaro und die Kriegerin Dossouye und ihre Abenteuer in dem phantastisch verfremdeten Afrika Nyumbani schuf er auch einen äußerst spannenden Gegenentwurf zur gar zu "weißen" Welt der klassischen Fantasy. Leider jedoch betrat er die Bühne zu einem Zeitpunkt, als sich gerade der große Umschwung von der Sword & Sorcery der 70er zur tolkienesken High Fantasy der 80er Jahre vollzog, was sehr stark dazu beigetragen haben dürfte, dass seinem Werk nie der Erfolg beschieden war, den es eigentlich verdient hätte. Wie Gerd Rottenecker in einem Beitrag auf dem Blog der Bibliotheka Phantastika schreibt, stellte DAW Books die Imaro - Reihe nach dem Erscheinen des dritten Bandes Trail of Bohu (1985) "aufgrund schlechter Verkaufszahlen ein", und "als sich die Pläne für einen Sammelband mit den Dossouye-Abenteuern zerschlugen, wandte sich Saunders endgültig von der Fantasy ab und arbeitete jahrelang als Drehbuchautor und Journalist".
Der Schriftsteller hatte eine denkbar niedrige Meinung vom Sword & Sorcery - Film der 80er. Statt die Chance für eine Neubelebung des Subgenres zu eröffen, glichen sie seiner Meinung nach eher einer "lethal injection" für selbiges, insbesondere da sie mit Conan "one of the most dynamic and compelling characters ever created" in "a muscle-bound doofus" verwandelt hätten. Dennoch erklärte er sich bereit, ein auf seiner Kurzgeschichte Agbewe's Sword basierendes Drehbuch zu verfassen, als Roger Cormans New Horizons 1985 bei ihm vorstellig wurde. Wie er in einem Interview mit dem Cimmerian erzählt hat:
New Horizons had recently finished shooting Deathstalker in Argentina, and wanted to use the sets for another S&S movie. The director, an Argentine named Alex Sessa, wanted the movie to be about Amazons. He was scouring a a used bookstore in Los Angeles, and came across [Jessica Salmonson's anthology] Amazons! He liked my story best, so New Horizons tracked me down in Halifax, Nova Scotia, where I just had moved after spending many years in Ottawa, Ontario. Next thing I knew, I was headed for Hollywood!
During this time I learned a lot about how the film industry works. Argentina has a minuscle black population, so I had to make a lot of changes in the African-based story. I ended up keeping just the basics of "Agbewe's Sword." Of course, a lot of cooks had ladles in that stew. So out came a direct-to-video movie called Amazons.
Die Geschichte mit den wiederverwendeten Deathstalker - Sets habe ich auch schon mal über The Warrior and the Sorceress gehört. Ich bin mir deshalb nicht so sicher, ob Saunders hier bloß etwas wiederholt, was er in der großen Gerüchteküche Hollywood aufgeschnappt hat, oder Informationen aus erster Hand weitergibt. Andererseits, es würde zu Corman passen, dasselbe Set gleich dreimal zu benutzen.

Wie dem auch sei. Schaun wir mal, was Produzent Alejandro "Alex" Sessa in seinem Debüt als Regisseur aus Saunders' Script so gemacht hat.



Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: Amazons ist kein guter Film. Und Charles R. Saunders wäre vermutlich der Letzte, der das behaupten würde.

Die Story ist in ihren Grundzügen denkbar generisch: Der böse Hexenmeister Kalungo (Joseph Whipp) will im Bündnis mit irgendwelchen Dämonen das Reich der "Emerald Queen" {und danach am besten gleich die ganze Welt} erobern. Die einzige Waffe, die seinem üblen Treiben Einhalt gebieten könnte, ist das legendäre Schwert von Azundati. Als die junge Amazone Dyala (Ty Randolph) die magische Klinge in einer Vision erblickt, begibt sie sich gemeinsam mit ihrer Kameradin Tashi (Penelope Reed) auf eine lange und gefahrvolle Queste, um das seit Jahrhunderten als verschwunden geltende Artefakt zurückzubringen. Unglücklicherweise jedoch ist Tashi von ihrer Mutter, der Generalin Tashinge (Danitza Kingsley), aufgrund einer alten Familienfehde befohlen worden, Dyala am Ende der Reise zu töten. Und als wäre dies nicht schon unangenehm genug, hat Kalungo auch noch seine mörderische Löwinnen-Vertraute auf die Fährte der beiden Kriegerinnen angesetzt.

In den Namen der Charaktere scheint etwas von Saunders' phantastischem Afrika mitzuschwingen, doch davon {und einigen Kostümen} einmal abgesehen, präsentiert sich uns der gerade einmal 75 Minuten lange Streifen zumindest in der ersten halben Stunde als ein typischer ultrabilliger 80er Jahre - Fantasyflick.
  • Die Kulissen sind ebenso primtiv wie die Spezialeffekte. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich Kalungos Blitzstrahlen irgendwie charmant gefunden habe. Sie sind so unglaublich Eighties ... 
  • Sämtliche Masszenszenen wirken ungeheuer undramatisch und amateurhaft.
  • Bei der überwiegenden Mehrheit der Schauspielerinnen und Schauspieler weiß man nicht, was man schlimmer finden soll: Ihr hölzernes Auftreten oder die erbärmlich miese Nachsynchronisation. Ty Randolph allerdings, die bis dahin nur in irgendwelchen Nebenrollen in Westworld, Body Double und V - The Visitors hatte "glänzen" können, verfügt in der Tat über ein gewisses Charisma: Eine recht gute Wahl für die Hauptrolle.
  • Die Schnitte sind mitunter äußerst ungeschickt, wenn nicht nachgerade bizarr. Mein persönliches Highlight: Nach einem Kampf mit irgendwelchen Wegelagerern sehen wir Dyala und Tashi erst mit nackten Brüsten, nur um in der nächsten Einstellung miterleben zu können, dass ihre Leder-BHs sich auf magisch anmutende Weise urplötzlich wieder geschlossen haben.  
  • Apropos Brüste: Da wir es mit einem von Roger Corman produzierten Film über Amazonen zu tun haben, sollte es niemanden wundern, dass wir inflationär viele halbentblößte Frauen zu sehen bekommen. Und nicht nur das: Der Flick "beglückt" uns sogar mit einer kleinen Sexszene im klassischen Softporno-Stil der 80er Jahre.            
Ich weiß, das klingt jetzt nicht gerade besonders verführerisch, aber vor allem, wenn man sie im Kontext des S&S - Films der Eighties betrachtet, erweisen sich Amazons letztenendes als ein durchaus sehenswerter kleiner Flick, denn ungefähr ab der 30 - Minuten - Marke kommt es zu einer merklichen Wendung.

Nicht, dass der Film plötzlich kompetenter gemacht wirken würde, aber zumindest bekommen wir einige etwas interessantere Sequenzen zu sehen. Alles beginnt mit der Szene, in der Tashi gemeinsam mit einer Gruppe bedrogter Frauen einem geheimnisvollen Baummonster geopfert werden soll. Dem Ganzen ist nicht nur ein leicht verstörender Vibe eigen, hier eröffnet sich darüberhinaus auch endlich eine Gelegenheit für Dyala, sich als coole und kompetente Kriegerin zu präsentieren. Es folgen eine ganze Reihe von Sequenzen, in denen man deutlicher als je zuvor Anklänge an Saunders' mythisch-phantastisches Afrika spüren kann. Ich denke da vor allem an die Begegnung unserer Heldinnen mit der {unsterblichen?} Azundati imitten einer sonnendurchfluteten Ebene, die ohne Zweifel ursprünglich eine Savanne sein sollte.

Es dürfte kaum ein Zufall sein, dass die zweite Hälfte von Amazons keinerlei Sexploitation-Elemente mehr enthält. Hier treten offensichtlich Saunders' ursprüngliche Ideen in den Vordergrund, auch wenn sie immer wieder von Szenen unterbrochen werden, die in Atmosphäre und Qualität der typischen B-Movie - Fantasy der Zeit entsprechen. Das wirkt zwar etwas irritierend, kann aber nicht verhindern, dass der Film Ansätze zu einem individuellen Charakter entwickelt. All dies gipfelt in einem ziemlich überraschenden Finale nach dem genretypischen Finale.

Fazit: Ich kann nur wiederholen, Amazons ist kein guter Film. Aber er enthält einige interessante und eigenwillige Elemente, die sämtlichst mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf Charles R.Saunders zurückgehen.

Samstag, 24. Januar 2015

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (VIII): "Deathstalker & The Warriors From Hell"

Ungefähr seit Weihnachten habe ich stärker als seit langem mit dem alten Dämon Depression zu kämpfen, was u.a. zu einer Unterbrechung unserer Expedition in die barbarischen Lande des Sword & Sorcery - Films der 80er Jahre geführt hat. Und obwohl sich auch jetzt noch Tag für Tag das Heulen des schwarzen Hundes aus den Hügeln der Umgebung erhebt, habe ich versucht, mich aufzuraffen und unsere heroische Queste durch die mitunter gleichfalls nicht besonders einladenden Gefilde des Barbarenkinos fortzusetzen. 
Auf irgendeine chronologische oder inhaltliche Logik Rücksicht zu nehmen, hatte ich dabei freilich keine Lust. Und so werden wir heute einen Flick besuchen, der eigentlich eher gegen Ende unserer Wanderung hätte plaziert werden müssen: Deathstalker and the Warriors from Hell aka Deathstalker 3 aus dem Jahre 1988.



Am Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre ließ Roger Corman eine Reihe von "Sequels" zu seinen wenige Jahre zuvor auf dem Höhepunkt der S&S - Welle produzierten Streifen auf das Publikum los. Mit Ausnahme von Wizards of the Lost Kingdom II (1989) gelangten diese Filme sämtlichst ohne Umschweife auf den Videomarkt, der schon seit einiger Zeit zum wichtigsten Standbein für Cormans Unternehmen geworden war.  Allein schon die Tatsache, dass dem großen Schlockmeister nichts besseres mehr einfiel, um ein paar Dollars zu verdienen, als an den fragwürdigen "Ruhm" solcher Streifen wie Deathstalker, Barbarian Queen oder Wizards of the Lost Kingdom anzuknüpfen, war ein deutliches Zeichen dafür, dass der Fantasyboom unaufhaltsam seinem Ende entgegenging. Und was für ein unwürdiges Ende sollte es werden!


Drehbuchautor Howard R. Cohen war ein bewährter Corman-Hack, der u.a. die Scripts für Space Raiders (1983), den ersten Deathstalker-Flick (1983) und Barbarian Queen (1985) geschrieben hatte. Danach war er amüsanterweise eine Zeit lang bei den Glücksbärchis (The Care Bears) und Regina Regenbogen (Rainbow Brite) untergekommen, hatte nebenbei aber auch das Drehbuch für einen der unzähligen Emmanuelle-Filme verfasst. Der zweite Deathstalker - Streifen von 1987 ging übrigens nicht auf seine Kappe. Für ihn hatte der uns bereits aus Sorceress bekannte Jim Wynorski verantwortlich gezeichnet. 

Als Cohen zu dem von ihm ins Leben gerufenen Mini-Franchise zurückkehrte, war der Sword & Sorcery - Film bereits längst drauf und dran, an seinen eigenen Klischees zu ersticken.
Das vielleicht Frustrierendste an dem unter der Regie von Alfonso "Poncho" Corona in Mexiko gedrehten Deathstalker 3 ist, dass die erste viertel Stunde des Films den Eindruck erweckt, dass sich Cohen dessen vollauf bewusst war und er seiner Story deshalb einen wissend-ironischen Unterton zu verleihen versuchte. Nicht nur tritt der genretypische "weise Magier" und Initiator der Queste anfangs als wahrsagender Scharlatan auf einer Art Mittelaltermarkt auf. Wenn unser Held erfahren muss, dass die von ihm gerettete Schöne eine Prinzessin ist, stößt er müde und verzweifelt hervor: "Nicht schon wieder ...". 
Dieser Film weiß, wie ausgelutscht die Konventionen und Versatzstücke des Genres inzwischen wirken mussten, und er macht sich darüber lustig. Dazu passt auch ganz ausgezeichnet, dass der Anführer der bösen Reiterschar, die den Jahrmarkt überfällt und die arme Carissa zu töten versucht, einen Flügelhelm von geradezu grotesken Ausmaßen trägt -- eine Mode unter Fantasybösewichtern, die wohl auf die 20er Jahre und den guten Hagen von Tronje aus Fritz Langs Die Nibelungen zurückgeht. Soweit ist das alles recht amüsant. Und wenn dann auch noch nach gerade einmal fünfzehn Minuten die eben erst scheinbar gerettete "Damsel in Distress" umgebracht wird, wirkt das erst recht wie ein provokanter Verstoß gegen die Regeln des Genres. Hätte das Mädel nicht zu 'Deathstalkers' "love interest" werden müssen? So zynisch das klingen mag, aber ihr Tod war für mich eine äußerst angenehme Überraschung. Wenn da nicht, ja wenn da nicht von der sterbenden Prinzessin eine verwöhnte Zwillingsschwester erwähnt worden wäre, was augenblicklich höchst ungute Vorahnungen in mir weckte. "Taming of the Shrew" und so ...

Und tatsächlich, dieser Film sollte sich als eine der bisher qualvollsten Etappen unserer abenteuerlichen Reise entpuppen.

Vielleicht sollte ich erst einmal ganz knapp den Plot von Deatstalker and the Warriors from Hell zusammenfassen:

Auch wenn man bei seinem Namen vielleicht eher geneigt wäre, an einen professionellen Meuchelmörder oder an eine tragische Heldenfigur à la Elric zu denken, soll der gute 'Deathstalker' (John Allen Nelson) offenbar ein Glücksritter des Fritz Leiber'schen Typs sein -- wenn auch ganz ohne den Charme von Fafhrd und dem Grey Mouser. Zu Beginn des Films amüsiert er sich mit spielerischen Duellen und exzessivem Geflirte auf erwähnten Jahrmarkt, als Prinzessin Carissa (Carla Herd) auftaucht und dem Magier Nicias (Aarón Hernán) -- einem alten Kumpel unseres Helden -- einen magischen Stein bringt, in der Hoffnung, dass der Graubart das entsprechende Gegenstück dazu besitzt. Vereingt nämlich würden die beiden den Weg zu der sagenumwobenen Wunderstadt Arandor eröffnen. Dummerweise jedoch befindet sich der zweite Stein nicht in Nicias Besitz, sondern in dem des bösen Zauberers Troxartes (Thom Christopher). Und wie könnte es anders sein, wenige Minuten später fallen bereits die Handlanger des Hexers unter der Führung des finsteren Makut (Agustín Salvat) über den Jahrmarkt her. Der alte Nicias bringt sich via Teleportation in Sicherheit und überlässt es dem armen 'Deathstalker', Carissas Flucht sicherzustellen. Was diesem -- wie bereits gesagt -- nicht wirklich gelingt.
In der Folge macht sich unser Held mit dem magischen Stein in die "Südlande" auf, begegnet dort Carissas Schwester Elizena, die aus Gründen, die ich inzwischen schon wieder vergessen habe, den miesen Troxartes heiraten soll; wird von Makut und Konsorten durch die Wälder gehetzt; legt irgendeine naive Jungfrau flach; schlägt sich mit untoten Kriegern herum, die ganz und gar nicht "untot" aussehen; wird in einer aus Roger Cormans Klassiker The Raven (1963) entwendeten Burg gefangen genommen, nur um schon sehr bald zu entkommen und dem ganzen Blödsinn gemeinsam mit den gar nicht so üblen Untoten auf typisch heroische Weise ein Ende zu bereiten. Nicht dass ich den Inhalt der letzten halben Stunde wirklich kapiert hätte, aber am Schluss ist Troxartes tot; das Tor zu Arandor wurde geöffnet; Friede und Gerechtigkeit herrschen im Land; und 'Deathstalker' reitet in die aufgehende Sonne. 

Ich kann einem trashigen B-Movie viel verzeihen: Eine abstruse Story, ultrabillige "production values", ja selbst hölzern agierende Schauspieler & Schauspielerinnen. Aber wenn der vermeintliche Held der Geschichte ein derart unsympathischer Sack ist, dass man irgendwann anfängt, für die Bösewichter Partei zu ergreifen, läuft irgendetwas falsch.
 
John Allen Nelson spielt auch in den im selben Jahr in die Kinos gelangten, grandios absurden Killer Klowns from Outer Space der Chiodo-Brüder mit -- einem Film, dem ein ganz besonderer Platz in meinem Herzen gehört. Darum fällt es mir etwas schwer, ihn zum Hauptverantwortlichen für das Desaster von Deathstalker 3 zu erklären. Und in der Tat waren es ja in erster Linie Drehbuchautor und Regisseur, die 'Deathstalker' zu einem selbstverliebten, eingebildeten Arschloch gemacht hatten. Nelson setzte lediglich ihre Vorgaben um. Wie dem auch sei, jedenfalls ist es beinah ausschließlich der unausstehliche Charakter unseres angeblichen Helden, der Deathstalker 3 aus einem potentiell unterhaltsamen Fantasyflick in eine echte Foltertour verwandelt. Gegen ihn hat selbst der an sich ganz neckische ironische Humor irgendwann keine Chance mehr. Sprüche wie "I'm just a simple hero, trying to eat my dinner" könnten spaßig sein, wenn wir nicht zugleich das heftige Verlangen verspüren würden, diesem "Helden" mit aller Wucht eins in die Schnauze zu hauen, bloß um sein eingebildetes Grinsen nicht länger ertragen zu müssen.  
Im Verlaufe meiner kleinen Expedition war ich ja schon mehrfach gezwungen, das Thema Sexismus anzusprechen, aber die Figur des "Magic Macho" 'Deathstalker', dem nicht nur alle Frauen hilflos in die Arme sinken, sondern der dabei auch noch grinsend von seiner eigenen "Unwiderstehlichkeit" schwafelt, toppt selbst solche Monstrositäten wie The Sorceress.
Es ist wirklich ärgerlich. Eigentlich enthält Deathstalker 3 alles, was ein guter schlechter Sword & Sorcery - Film braucht: Eine Story, die irgendwann so abstrus wird, das überhaupt nichts mehr Sinn macht; einen herrlich überzogen gespielten Bösewicht; einige auf geradezu anrührende Weise hilflos und inkompetent agierende Nebendarsteller; ultrabillige Spezialeffekte von entwaffnendem Charme {die z.T. auch noch aus Wizards of the Lost Kingdom geklaut wurden}; lächerliche Fechtszenen usw.. Aber was hilft all das, wenn im Zentrum des Ganzen jemand steht, dem man nichts sehnlicher wünscht, als dass irgendjemand die aufgeblasene Arroganz aus ihm herausprügeln würde? Troxartes' Geliebte Camisarde (Terri Treas, am ehesten bekannt aus Alien Nation) gibt zwar eine wenig überzeugende Dominatrix ab, aber wie großartig wäre es gewesen, wenn sie unseren "Helden" tatsächlich in die Unterwerfung gefoltert hätte! Stattdessen wird sie von ihm überwältigt, gedemütigt, gefesselt und zuguterletzt auch noch ein Bisschen betatscht. Vermutlich sollen wir das Ganze witzig finden, schließlich kann sich ja auch 'Deathstalker' ein bisschen höhnisches Gekicher nicht verkneifen ... Uugh ... Da hilft es auch nicht mehr viel, dass die letzten zwanzig Minuten des Films so wirr und durchgedreht sind, dass daneben selbst Deodatos Barbarians wie eine gut durchdachte Story wirken ...

Ich bin ganz sicher nicht überempfindlich, wenn es um die irritierenden oder wirklich unangenehmen Seiten des Exploitationfilms geht. Wenn dem so wäre, hätte ich unsere kleine Queste schon viel früher abgebrochen. Aber Deathstalker 3 war eine echte Herausforderung. Selten hat sich mein {völlig unschuldiger} Bildschirm so oft von mir anbrüllen lassen müssen, wie bei diesem Flick.

Doch keine Angst, ich werde unsere Expedition dennoch nicht vorzeitig abbrechen. Nächster Anlaufpunkt soll Amazons aus dem Jahre 1986 sein. Und das Drehbuch für diesen Flick hat immerhin niemand anders verfasst als der große Charles R. Saunders ...



Strandgut der Woche

Sonntag, 18. Januar 2015

Hypnotische Kunst oder Hippie-Kitsch?

Ich habe mir vor ein paar Tagen zum ersten Mal Kenneth Angers legendären Kurzfilm Lucifer Rising angeschaut, und um ehrlich zu sein, ich bin mir nicht sicher, was ich von ihm halten soll. 
Übergehen wir die ebenso faszinierende wie langwierige Entstehungsgeschichte des Films, die sich von 1966 bis 72 hinzog. Lassen wir vor allem die Rolle, die dabei Bobby Beausoleil – der Musiker,  Manson-Jünger und Mörder von Gary Hinman – spielte, beiseite. Betrachten wir uns ausschließlich das Werk selbst, wie es erstmals 1980 einem größeren Publikum zugänglich gemacht wurde.
Ohne Dialoge oder eine Handlung im strikten Sinn will Lucifer Rising auf symbolische Weise den Anbruch des von Aleister Crowley prophezeiten Äons des Horus darstellen, wobei Anger den Sohn von Isis und Osiris mit dem "Lichtbringer" Luzifer gleichsetzt. Eine der Inspirationsquellen des Filmemachers soll dabei Crowleys Hymn to Lucifer gewesen sein.
Ware, nor of good nor ill, what aim hath act?
Without its climax, death, what savour hath
Life? an impeccable machine, exact
He paces an inane and pointless path
To glut brute appetites, his sole content
How tedious were he fit to comprehend
Himself! More, this our noble element
Of fire in nature, love in spirit, unkenned
Life hath no spring, no axle, and no end.

His body a bloody-ruby radiant
With noble passion, sun-souled Lucifer
Swept through the dawn colossal, swift aslant
On Eden's imbecile perimeter.
He blessed nonentity with every curse
And spiced with sorrow the dull soul of sense,
Breathed life into the sterile universe,
With Love and Knowledge drove out innocence
The Key of Joy is disobedience. 
Crowley sah in Horus den "Kindgott", dessen Äon ein Zeitalter der Selbstverwirklichung des Menschen sein würde, und identifizierte ihn symbolisch mit der Sonne. Wie er in The Heart of the Master geschrieben hat:
Horus, the crowned and conquering child, who dieth not, nor is reborn, but goeth radiant ever upon His Way. Even so goeth the Sun: for as it is now known that night is but the shadow of the Earth, so Death is but the shadow of the Body, that veileth his Light from its bearer.
Dementsprechend spielen die Motive von Nacht und Sonnenaufgang eine große Rolle in Lucifer Rising. Dass daneben immer wieder auch Bilder vom Ausbruch elemtarer Naturgewalten stehen, bringt Adam Scovell in einem kurzen Essay über den Film mit der Figur des Osiris in Zusammenhang:
Osiris’ power lay, amongst other things, in the semblance of keeping natural, elemental order.  The presence of a variety of imagery, from the torn up landscape to volcanic eruptions, suggests that his power is waning and that Lucifer Rising is set after Osiris’ first death at the hands of his brother Set, and that Donald Cammell is playing his reincarnation (brought back to life by Isis, again explaining Anger’s use of several visual moments of [Myriam] Gibril performing some form of ritual herself).
Dem mag so sein, doch ehrlich gesagt, weiß ich viel zu wenig über Crowleys "Philosophie", um die symbolische Ebene des Films im Detail nachvollziehen und aufschlüsseln zu können. Meine Herangehensweise war deshalb in erster Linie eine filmästhetische, und von dieser Warte aus betrachtet  ist Lucifer Rising ohne Zweifel ein nicht nur sehr schönes, sondern geradezu hypnotisches Werk.
Kenneth Anger versteht es, seine mystizistischen Visionen in äußerst evokative Bilder zu kleiden, deren Wirkung durch Bobby Beausoleils wenn schon nicht geniale, so doch auf jedenfall angemessene Musik noch verstärkt wird. Insbesondere die Eröffnungssequenz mit dem Vulkan, den Krokodilen und dem ersten Auftritt von Isis und Osiris hat einen ziemlich starken Eindruck auf mich gemacht. 
Allerdings kommt irgendwann ein Punkt, an dem das Ganze ins unfreiwillig Komische umzukippen droht. Dies ist spätestens dann der Fall, wenn wir Anger selbst als "Magus" in seinem magischen Kreis herumrennen sehen. Zwar gelingt es dem Film in den Lilith-Szenen mit Marianne Faithfull wieder etwas von seiner ursprünglichen Faszinationskraft zurückzugewinnen, doch der Bruch ist vollzogen und lässt sich nicht mehr vollständig kitten. Erst recht nicht, wenn im Finale eine leuchtend rote Fliegende Untertasse über einem ägyptischen Tempel auftaucht.
Dieses Abrutschen in die Gefilde bizarren Hippie-Kitsches ist zwar sehr bedauerlich, liegt in gewisser Weise aber in der Logik von Lucifer Rising. Die Weltanschauung, die Kenneth Anger in eine cineastische Form zu gießen versuchte, ist selbst etwas lächerlich, was sich letztenendes in der Ästhetik des Films widerspiegeln musste. Selbige lässt sich als eine Mischung aus Counterculture-Psychedelik und einem spezifisch "crowleyanischen" Stil beschreiben. Was ich mit Letzterem meine, lässt sich vielleicht am Besten mit diesen beiden Fotos des "wickedest man of the world" illustrieren.
Scovell schreibt in seinem Essay:
The ancient worlds bleed through into a time when the mind’s of a generation were being expanded by drugs as to incorporate entire new belief systems and imagery.  The perspective of the counter-culture was backwards looking, to see the old ways and gods connecting with their own modern-day interests.
Das Problem ist, dass es in Wirklichkeit nicht die "ancient worlds" sind, die da in die Gegenwart eindringen, sondern Zerrbilder derselbigen, die von modernen Mystikern wie Eliphas Levi oder Aleister Crowley geschaffen wurden. Wir erleben hier nicht die geistige Wiederauferstehung des Alten Ägypten mit, sondern bekommen gezeigt, wie das Alte Ägypten als Maske verwendet wird. Und solch einem symbolischen Mummenschanz haftet immer etwas leicht lächerliches an.
Nichtsdestoweniger bleibt Lucifer Rising ein faszinierendes Stück Filmkunst. Es ist ein Beleg für Kenneth Angers enormes Talent, dass er auf einer so wackeligen Grundlage, wie sie Crowleys Mystizismus zu bieten hatte, ein über weite Strecken derartig beeindruckendes ästhetisches Gebilde zu errichten vermochte.



Samstag, 17. Januar 2015

Ein weiterer Punkt für die Anklageschrift

Ich war nicht tot und war auch nicht lebendig;
   Denk nun bei dir, wenn dir Verstand gegeben,
   Wie ich geworden, weder dies noch jenes.
Der Herrscher über jenes Reich der Schmerzen
   Hob sich mit halber Brust dort aus dem Eise.
   Ich mag wohl eher einem Riesen gleichen,
Als Riesen selbst an seinem Arm gemessen.
   Stell dir nun vor, wie seine ganze Größe
   Sein mag, die solchem Teile wird entsprechen.
Wenn er so schön war wie er jetzo häßlich,
   Und gegen seinen Schöpfer aufgestanden,
   So muß von ihm wohl alle Trauer kommen.

Divina Commedia, Inferno XXXIV, 25-36


So schildert Dante den Moment, in dem er im tiefsten Abgrund des Neunten Höllenkreises Luzifer erblickt, der seit seinem Sturz aus dem Himmel im Zentrum der Erde in dem riesigen Eissee Kozytus eingefroren und gefangen ist. 

So absurd dies auch klingen mag, aber diese Szene kam mir kürzlich wieder ins Gedächtnis, während ich mir die Episoden von Mission Log und Trekabout anhörte, die sich mit dem legendär miesen fünften Star Trek - Film The Final Frontier beschäftigen. Warum ich das getan habe, weiß ich eigentlich selbst nicht so recht, aber auf jedenfall hat es dazu geführt, dass ich nunmehr in der Lage bin, der langen Liste von Anklagepunkten, die man gegen William Shatners abstrusen Eintrag in die Annalen des Trek - Universums vorbringen kann, einen weiteren hinzuzufügen.

In The Final Frontier wird die Enterprise bekanntlich von Spocks durchgeknalltem Guru-Halbbruder Sybok gekapert, der mit ihr ins Zentrum der Galaxis fliegen will, wo sich seiner Meinung nach der mythische Planet Sha Ka-Ree befinden muss, das vulkanische Äquivalent zum Garten Eden, wo er Gott persönlich zu begegnen hofft. 
Übergehen wir den etwas peinlichen Umstand, dass die Crew der Enterprise schon einmal in den Mittelpunkt der Milchstraße vorgestoßen war -- in S01E08 The Magicks of Megas-tu der Animated Series um genau zu sein. Jedenfalls ist das Wesen, dem sie schließlich auf Sha Ka-Ree begegnen, ganz sicher nicht Gott, sondern irgendeine äußerst mächtige, aber zutiefst bösartige Kreatur, die dort offensichtlich von irgendjemandem oder irgendetwas gefangen gesetzt wurde und die Enterprise als Fluchtmittel zu benutzen gedenkt.

In Shatners ursprünglichem Script sollte es sich bei diesem ominösen Wesen allen Ernstes um Satan handeln. Ich zitiere aus dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag:
When Kirk confronts "God", the image of the being transforms into that of Satan, and Kirk, Spock, and McCoy split up in their escape. Kirk eludes capture but goes back to save his friends from being carried away to Hell.
Über die Absurdität dieser Szene braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Doch wenn man sich klar macht, dass die "Gott"-Kreatur in Final Frontier ursprünglich Luzifer sein sollte, erhält der Umstand, dass sich der Ort ihrer Gefangenschaft im Zentrum der Galaxis befindet, mit einemmal eine neue, nämlich "danteske" Note. Was zuvor wie eine willkürliche Entscheidung Shatners erscheinen musste, ließe sich plötzlich als eine bewusste Anspielung auf die Göttliche Komödie begreifen. Erst recht, wenn man dann noch erfährt, dass Sha Ka-Ree zu Beginn im Zentrum des Universums liegen sollte. {Glücklicherweise klärte Isaac Asimov die Jungs bei Paramount rechtzeitig darüber auf, dass das Universum kein Zentrum besitzt.*} Im Verständis von Dantes Zeit war das Zentrum der Erde das Zentrum der Welt. Ganz offensichtlich sollte sich Sha Ka-Ree in einer vergleichbaren Position befinden.

Ich muss zugeben, dass ich The Final Frontier weit weniger hasse als die meisten TNG-Kinofilme. Doch der Grund hierfür liegt vermutlich in erster Linie an persönlichen Erinnerungen an eine lang zurückliegende Star Trek - Nacht. {Ja, damals war es noch möglich, sich sämtliche Trek - Filme in einer Nacht anzuschauen.} Dennoch bin ich mir natürlich bewusst, dass es sich bei dem Flick um eine fürchterliche filmische Monstrosität handelt. Und die Erkenntnis, dass hier nicht nur Star Trek, sondern auch die Divina Commedia missbraucht wurde, macht das Verbrechen noch um einen winzigen Grad unverzeihlicher.


* Gene Roddenberry, dem Shatners Original-Script ganz und gar nicht gefallen hatte, schickte selbiges an Isaac Asimov und Arthur C. Clarke, in der Hoffnung, mit ihrer Hilfe das Projekt stoppen oder doch wenigstens massiv korrigieren zu können. 

Strandgut der Woche