"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 12. Dezember 2014

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (IV): "The Sword and the Sorcerer"


The good thing about Pyun's movies is 
that the guy has an eye for directing. 
He creates cool shots.

                          Licanor Noreti

John Milius' Conan the Barbarian spielt ohne Zweifel eine wichtige Rolle in der kurzen Geschichte des Sword & Sorcery - Films der 80er Jahre, aber er steht nicht an ihrem Anfang. Er selbst war Teil eines Trends, dessen weiteren Verlauf er dann natürlich entscheidend mitbeeinflusst hat. Mit Sorceress haben wir bereits einen S&S - Flick kennengelernt, der vor Conan in den USA anlief. Dasselbe gilt auch für Albert Pyuns Kinodebüt The Sword and the Sorcerer.

Pyun wurde in der Folge zu einem äußerst produktiven Low - Budget - Regisseur, bekannt vor allem für seine Cyborg - Filme und postapokalyptischen Streifen (u.a. Cyborg [1989], Nemesis [1992], Omega Doom [1997]). Interessanter noch als seine spätere Karriere ist jedoch seine Lehrzeit. Geboren und aufgewachsen in Haiti begann Pyun schon in der High School erste Kurzfilme zu drehen. Durch einen dieser Filme wurde der große japanische Schauspieler Toshiro Mifune auf ihn aufmerksam. Mifune "knew it was difficult for an Asian in Hollywood at that time" und lud den Achtzehnjährigen deshalb nach Japan ein. In einem Interview mit Licanor Noreti erzählt Pyun über seine Zeit dort:
At the time, Mifune was working with Kurosawa on the prep for what became Dersu Uzala. My experience was limited to a few weeks of that prep. Instead, Mifune opted not to do the film and instead continued on a TV series his company was producing. I became part of Takao Saito's camera crew. Saito was Kurosawa's DP having shot Red Beard, etc. The strongest influences on me came from Saito and his professional approach and artistic sensitivity. Saito taught me to SEE.
Wenn Pyun hin und wieder als "Kurosawa-Schüler" bezeichnet wird, stimmt das also nicht so ganz. Dennoch hatte seine Lehrzeit in Japan zweifelsohne einen großen Einfluss auf seine spätere Arbeit. 

Natürlich wäre es lächerlich, wollte man einen Flick wie The Sword and the Sorcerer mit den Werken japanischer Meister wie Kurosawa, Kenji Mizoguchi, Masaki Kobayashi oder auch nur Kenji Misumi vergleichen. Aber bei aufmerksamer Betrachtung wird man doch eine ganze Reihe von Szenen und Einstellungen in diesem Film entdecken können, die echtes ästhetisches Gespür, ein Verständnis für Komposition und Atmosphäre verraten. Die durch das niedrige Budget ($4 Mio.) auferlegten Beschränkungen sind unschwer zu erkennen, dennoch sieht der Film erstaunlich gut aus.

The Sword and the Sorcerer war Albert Pyuns ganz persönliches Projekt, an dem er bereits mehrere Jahre gearbeitet hatte, bevor es ihm gelang, Brandon Chase (vielleicht am bekannesten für die Alligator - Filme) als Produzenten zu gewinnen. Die Tatsache, dass John Milius ungefähr zur selben Zeit an Conan arbeitete, spielte bei dieser Entscheidung keine Rolle. Wenn, dann hätte man den Arnold Schwarzenegger - Streifen ohnehin eher als bedrohliche Konkurrenz und damit als Argument gegen die Produktion des Filmes betrachten müssen. Doch wie Pyun einmal gesagt hat
Communication about who was making what and how was slim in those days, compared to now. I knew the Conan film was in the works and held admiration for Milius. I [...] did not realize Sword & Sorcerer was in competition until later.
Tatsächlich wirkt The Sword and the Sorcerer weniger wie ein vorweggenommenes Conan - Cash-in als vielmehr wie eine merkwürdige Hybridform aus älteren Traditionen (Robin Hood -, Piraten - oder Mantel & Degen - Film) sowie den sich gerade erst entwickelnden Gepflogenheiten des Sword & Sorcery - oder Barbarenflicks, angereichert mit einer ordentlichen Portion Blut, Gewalt, nackten Brüsten und 80er Jahre - Sexismus.



Der machthungrige Eroberer Titus Cromwell (Richard Lynch) erweckt den finsteren Magier Xusia (Richard Moll) von den Toten, um mit seiner Hilfe das Reich des guten König Richard zu erobern. Nach Erreichen seines Ziels, versucht er, sich des gefährlichen Verbündeten zu entledigen, erreicht jedoch lediglich, dass der monströse Hexer die nächsten Jahre auf das Regenerieren seiner Kräfte verwenden muss, bevor er sich aufmachen kann, um furchtbare Rache an dem Verräter zu nehmen. Und noch in anderer Hinsicht ist Cromwells Erfolg nicht ohne Makel. Richards junger Sohn Talon kann dem Massaker an der königlichen Familie entkommen.
Der Prinz wächst zu einem pelzetragenden Abenteurer im besten Sword & Sorcery - Stil (Lee Horsley) heran. Als er Jahre später an der Spitze eines Söldnertrupps in seine Heimat zurückkehrt, planen dort gerade Prinz Mikah (Simon MacCorkindale) und seine Schwester Alana (Kathleen Beller) einen Aufstand. Und auch der üble Xusia ist wieder aktiv geworden. Damit ist die Bühne bereitet für blutige Schwertgefechte, wilde Verfolgungsjagden und den einen oder anderen Abstecher in Cromwells Folterkammer. 

Der Film startet gleich mit einem echten Höhepunkt: Der ziemlich originell und atmosphärisch dicht in Szene gesetzten Wiedererweckung Xusias. Mit einem entsprechend guten Gefühl schaut man dem entgegen, was einen in den nächsten anderthalb Stunden erwartet. Leider erhält dieser verhaltene Enthusiasmus nach etwa dreißig Minuten einen empfindlichen Dämpfer, wenn man zu jener wirklich unangenehmen Szene gelangt, in der Alana gezwungen ist, die Hilfe Talons mit dem Versprechen einer gemeinsamen Nacht zu erkaufen. Natürlich darf man in Sachen Sexismus nicht gar zu empfindlich sein, wenn man Filme dieser Ära und dieses Genres genießen will, aber die nonchalante Art, in der hier dargestellt wird, wie eine Frau ihren Körper als Zahlungsmittel benutzen muss, wirkte auf mich doch ziemlich abstoßend. Allerdings wäre es in meinen Augen ein Fehler, würde man an dieser Stelle auf den Stopp-Knopf drücken. Denn alles in allem entpuppt sich Sword and Sorcerer letztenendes als ein kompetent gemachter, blutig-unterhaltsamer Fantasyspaß.

Darüberhinaus sehe ich in dem Streifen ein ebenso kurioses wie faszinierendes Werk des Übergangs von einer Ära des Abenteuerfilms zu einer anderen. Das zeigt sich bereits an der merkwürdig eklektisch anmutenden Namensliste: Talon, Alana, Mikah, Xusia – das sind "Fantasy"namen, wie wir sie im S&S - Film der 80er häufig zu hören bekommen. Die gekrönten Häupter in Pyuns Welt hingegen tragen Namen wie Richard, Ludwig, Charles und Sancho. Und zu allem Überfluss wird dem bösen Usurpator und Königsmörder dann auch noch der Name von Englands Revolutionsführer und Lord Protector verpasst.
Eine vergleichbare Mixtur findet sich auf allen Ebenen des Films.
Held Talon scheint es bestimmt zu sein, die Rolle des "verlorenen Prinzen" zu spielen, der zurückkehrt, um den bösen Thronräuber zu stürzen und sein Erbe anzutreten. Ungefähr so wie z.B. Ahmad in The Thief of Bagdad (1940). {Okay, der war bereits Kalif und nicht bloß Prinz, aber das Schema ist mehr oder weniger dasselbe}. Doch erstaunlicherweise nimmt seine Entwicklung eine ganz andere Richtung. Während seines Exils verwandelt er sich eine Kopie von Robert E. Howards Conan – Abenteurer, Freibeuter, Söldner. Und es ist dieser Heldentypus, der sein weiteres Verhalten in erster Linie bestimmt. Mit der Kreuzigung von Talon zitiert der Film sogar ganz direkt ein Motiv aus Howards Conan-Story A Witch Shall Be Born.
Doch anders als "Two Gun" Bobs berühmter Barbar, dem wir in den meisten Fällen als Einzelkämpfer begegnen, ist Talon zugleich Anführer einer Schar ihm loyal ergebener Kameraden und Gefolgsleute. Was dann wieder eher an alte Piratenfilme, mehr noch vielleicht an Robin Hood und seine Merry Men erinnert. Und ist Titus Cromwell nicht in der Tat eine Art Prinz John? {Dass der gute König Richard hieß, mag gleichfalls mehr als ein Zufall sein.} In diesen Rahmen würde sich auch ganz ausgezeichnet das Motiv der Rebellion gegen eine tyrannische Herrschaft einfügen.
Und es geht noch weiter: Die von David Whitaker komponierte Musik weist einen merkwürdigen Bruch auf, sobald es zu den großen Massenkampfszenen in Cromwells Palast kommt. Urplötzlich fühlte ich mich an Richard Lesters Musketier - Filme erinnert. Um so erstaunter war ich, als ich später in einem Interview mit Albert Pyun zu lesen bekam, dass The Three Musketeers von 1973 tatsächlich einer seiner wichtigsten Inspirationsquellen für The Sword and the Sorcerer gewesen sei.
Selbst jetzt ist noch nicht Schluss: Talons großartiges Schwert mit den drei Klingen, von denen zwei als tödliche Projektile verschossen werden können, weckt Assoziationen zu den mitunter wunderbar verrückten Gimmicks aus Honkongs Wuxia-Streifen, von denen Pyun in seiner Jugend ohne Zweifel eine Menge gesehen hatte.

Okay, ich möchte die Erwartungen meiner Leserinnen & Leser nicht gar zu hoch schrauben. Auch wenn man über die sexistischen Elemente hinwegsieht, besitzt The Sword and the Sorcerer deutliche Schwächen. Von Richard Lynchs Cromwell einmal abgesehen, der sich als eine für einen Fantasyfilm-Bösewicht erstaunlich nuancenreiche Figur herausstellt, bleiben sämtliche Charaktere eindimensional und ziemlich uninteressant. Auch wirkt der Plot mitunter etwas wirr, was sich jedoch vielleicht dadurch erklären lässt, dass die veröffentlichte Version angeblich um eine volle Stunde gekürzt wurde. Andererseits – ein Film dieser Art lebt nicht von der Logik oder Komplexität seiner Story. Er will mit Action und Abenteuer unterhalten, und in dieser Hinsicht hält der Flick, was er verspricht. Langeweile kommt hier ganz sicher nicht auf. Weniger leicht lässt sich verschmerzen, dass Xusia nur einige wenige Auftritte hat und im Grunde ein unnötiges Anhängsel der eigentlichen Geschichte darstellt. Denn immer dann, wenn wir es mit ihm zu tun bekommen, beweist Pyun sein Talent in der Erschaffung atmosphärisch dichter und leicht verstörend wirkender Szenen. Gut möglich, dass Make-up und Spezialeffekte bei dem relativ kleinen Budget ein häufigeres Auftreten des monströsen Magiers unmöglich machten.

Der Nachspann von The Sword and the Sorcerer verspricht übrigens eine baldige Rückkehr von Talon auf die Kinoleinwand. Ein Versprechen, das Pyun seinerzeit nicht erfüllen konnte {wenn es denn überhaupt ernst gemeint und nicht bloß als eine Anspielung auf die Gepflogenheiten der alten Pulps und Serials gedacht gewesen war}. Inzwischen jedoch gibt es dieses Sequel tatsächlich in der Gestalt von Tales of an Ancient Empire (2010).

Dienstag, 9. Dezember 2014

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (III): "The Barbarians"

Fällt der Name Ruggero Deodato, so wird man vermutlich zuallererst an Cannibal Holocaust denken. Der extrem brutale und äußerst verstörende Film aus dem Jahr 1980 ist das mit Abstand bekannteste Werk des italienischen Regisseurs und vermutlich einer der berüchtigsten Horrorstreifen aller Zeiten. 
Erfährt man dann, dass der gute Mann auch einen Beitrag zum Barbaren-Zyklus der 80er Jahre geliefert hat, so wird man deshalb vielleicht erwarten, es mit einer blutigen Orgie voller abgeschlagener Köpfe und vergewaltigter Jungfrauen zu tun zu bekommen. Doch dem ist nicht so. Deodatos von Menahem Golans & Yoram Globus' legendärer amerikanischer B-Movie-Schmiede Cannon Films produzierter und 1987 in die Kinos gelangter Flick The Barbarians ist ... hmmm ... wie soll ich mich ausdrücken? ... *anders*:



In einem Interview mit Arte hat Deodato einmal erklärt.der Flick gehöre zu seinen Lieblingswerken, "weil es der Film ist, bei dessen Entstehung ich am meisten Spaß hatte". Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Sollte irgendeiner der Beteiligten die Arbeit an diesem Film wirklich ernstgenommen haben, wäre das auch ziemlich gruselig. Glücklicherweise spricht nichts für eine solch verwegene Annahme.

In einer rauen und phantastischen Vorzeit, als kriegerische Horden die Welt beherrschten, existierte ein Clan, der anders war als die wilden Stämme: Die Ragnicks, umherziehende Schausteller, von den Göttern beschenkt mit den Gaben von Musik und Poesie. Als deren Treck eines Tages von dem üblen Warlord Kadar (Richard Lynch) und seinen Kriegern überfallen wird, gelingt es Königin Canary (Virginia Bryant) zwar, ihren magischen Rubin – Unterpfand ihrer Herrschaft – vor dem Zugriff Kadars und der bösen Zauberin China (Sheeba Alahani) in Sicherheit zu bringen, sie selbst jedoch wird gefangen genommen. Um das Leben der Zwillingsbrüder Kutchek und Gore zu retten – zwei Waisenkinder, die zusammen mit dem Mädchen Kara von den Ragnicks in ihren Stamm aufgenommen wurden –, erklärt sie sich bereit, zu einer von Kadars Konkubinen zu werden. Jahre vergehen und Kutchek (Peter Paul) und Gore (David Paul) wachsen zu zwei mächtig muskelbepackten Männern heran. Als Gladiatoren ausgebildet sollen sie schließlich zum Kampf gegeneinander antreten, um sich dabei gegenseitig zu töten. Ein perfider Plan, der selbstverständlich nach hinten losgeht und stattdessen zur Flucht der beiden Brüder führt. Gemeinsam mit Kara (Eva LaRue), die inzwischen zu einer Art Glücksritterin herangewachsen ist, machen sich die barbarischen Zwillinge auf, den magischen Rubin der Ragnicks zu finden, Canary zu befreien und Kadar seiner gerechten Strafe zuzuführen. {Nebenbei bemerkt scheint außer unseren drei Protagonisten niemand sonst auch nur um einen Tag gealtert zu sein.}

Das Drehbuch zu diesem kuriosen Fantasy-Trash stammte aus der Feder von James R. Silke, der faszinierenderweise wenig später damit beginnen sollte, eine von Frank Frazettas berühmtem Gemälde Death Dealer inspirierte Reihe von Fantasyromanen zu schreiben. Sicher wäre es unfair, aus diesem Umstand irgendwelche Schlüsse hinsichtlich der literarischen Qualität besagter Bücher zu ziehen, aber man gerät doch ins Grübeln. Für die fürchterlichen Dialoge kann man ihn zwar nur bedingt verantwortlich machen, da der Streifen nachsynchronisiert wurde {viele der Darsteller & Darstellerinnen stammten aus Italien} und diese Arbeit Alberto Piferi oblag, doch auch der Plot selbst ist nicht bloß denkbar unoriginell, sondern in vielen Punkten wirr und hirnverbarnnt.

Dennoch will ich nicht leugnen, dass mir The Barbarians streckenweise sehr viel Spaß bereitet hat. Wieviel davon Absicht war, muss offen bleiben, doch auf mich hat der Flick wie eine Parodie auf die Gepflogenheiten des Genres gewirkt. 
Peter und David Paul wurden seinerzeit für eine Goldene Himbeere in der Kategorie "Worst New Stars" nominiert. Ich jedoch halte die Besetzung der Hauptrollen mit den beiden Bodybuildern nachgerade für einen {wohl eher unbewussten} Geniestreich. Niemand mit echten schauspielerischen Fähigkeiten hätte auf ähnlich grandiose Weise das grenzdebil wirkende Brüderpaar verkörpern können, das sich gern mal darüber streitet, wer das Schwert und wer die Streitaxt bekommt, und seinen Emotionen regelmäßig mit einem an röhrende Hirsche gemahnenden Gebrüll Ausdruck verleiht. Es fällt schwer, ihre Charaktere anders denn als bewusste Karrikaturen auf den durch Arnold Schwarzenegger geprägten Conan-Typ zu sehen.
Was den Rest der Darsteller & Darstellerinnen angeht, sei lediglich kurz erwähnt, dass Richard Lynch bereits fünf Jahre zuvor erste Fantasyfilm - Erfahrungen mit The Sword and the Sorcerer hatte sammeln können, und Sheeba Alahani in der Kategorie "böse Zauberkundige" eine Leistung abliefert, die beinah schon an die von Jeremy Irons in Dungeons & Dragons heranreicht. Ein Jammer, dass ihrer Schwarzmagierin China kein entsprechend pathetischer Tod gegönnt wird. Andererseits hätten wir dann auf die wundervoll absurde Szene verzichten müssen, in der einer der Barbarenbrüder ihre Leiche im Magen eines toten Drachen entdeckt.
Apropos Drache: Von allen Filmen, die Ruggero Deodato im Laufe seiner Karriere gedreht hat, besaß The Barbarians mit $4.000.000 offenbar das größte Budget. Das konnte freilich nicht verhindern, dass besagter Lindwurm zu einer der plumpesten Monsterpuppen wurde, die ich in letzter Zeit so gesehen habe. Was natürlich auch irgendwie seinen Charme hat. Und dass unsere Helden den Drachen mit der bewährten Sigurd-Methode {versteck dich in einer Grube und schlitze dem armen Ungeheuer von unten den Bauch auf} erledigen, fand ich denn doch sehr amüsant.

Viel mehr weiß ich zu diesem Flick eigentlich nicht zu sagen. Außer vielleicht noch, dass ich es etwas traurig finde, dass er sich scheinbar als mächtiger finanzieller Flop entpuppte. Haben die Leute denn überhaupt keinen Sinn für absurden Humor? Aber The Sorceress war ein echter Erfolg! Die Welt ist ja so unfair ...       

Sonntag, 7. Dezember 2014

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (II): "Hundra"

Die gute Nachricht gleich vorweg:  Meine Bedenken haben sich erfreulicherweie als völlig grundlos herausgestellt. Die italienisch-spanische Co-Produktion Hundra aus dem Jahre 1983 ist in mancherlei Hinsicht sicher ein problematischer Film, dürfte jedoch trotzdem einer der besseren Barbaren - Flicks der 80er sein. Ich werde mir den Streifen bei Gelegenheit ganz sicher noch einmal anschauen.



Wie bei einem Filmemacher seiner Generation noch relativ üblich, hatte auch Matt Cimber seine Karriere am Theater begonnen, wo er u.a. Werke von Jean Cocteau, F. Scott Fitzgerald, John Steinbeck und Tennessee Williams auf die Bühne brachte. Auch wenn er später zu einem echten Grindhouse-Regisseur wurde, sollte man ihn deshalb nicht gar zu schnell als bloßen Hack abtun. Er mag nicht der talentierteste Filmemacher aller Zeiten gewesen sein – 1982 wurde ihm für Butterfly gleich dreimal die Goldene Himbeere in den Kategorien "Schlechtester Regisseur", "Schlechtester Drehbuchschreiber" und "Schlechtester Film" verliehen –, aber auch in seinem filmischen Oeuvre blitzen hie und da Momente echter künstlerischer Sensibilität und Intelligenz auf. Das gilt vor allem für seinen leicht surrealen Psycho-Horror-Streifen The Witch Who Came From The Sea aus dem Jahre 1976. 
Interessanterweise spielen sexueller Missbrauch und ganz allgemein männliche Gewalt gegen Frauen eine wichtige Rolle in diesem Streifen, was ihn in gewisser Hinsicht mit Hundra verbindet. Könnte es sein, dass Cimber diese Thematik aus irgendeinem Grund besonders wichtig war, und sich deshalb diejenigen seiner Filme, welche sich auf die eine oder andere Art mit ihr auseinandersetzen, letztenendes als seine besseren Werke entpuppen?

Wie dem auch sei, das erste, was an Hundra ins Auge sticht ist, dass es sich sehr deutlich um einen Post-Conan-Film handelt. Cimber versucht offensichtlich, den Stil von John Milius' Werk nachzuahmen. Das gilt für das übertriebene Pathos, verstärkt durch die großartige Musik von Ennio Morricone, ebenso wie für die "epische" Cinematographie, die zwar nicht ganz so atemberaubend wirkt wie in einigen Conan-Sequenzen, aber dem Film dennoch ein vergleichbares Flair verleiht. Interessanterweise hatte Kameramann John Cabrera tatsächlich bei Conan mitgewirkt, wenn auch bloß als Second Unit - Director of Photography. Und auch was den Inhalt des Streifens angeht, macht es durchaus Sinn, ihn vor dem Hintergrund von Milius' Film zu betrachten.

Unsere Heldin (Laurene Landon) gehört zu einem Stamm von Amazonen, die sich von der Herrschaft der Männer befreit und eine ausschließlich aus Frauen bestehende Gesellschaft gegründet haben. Eines Tages, während Hundra sich gerade auf der Jagd befindet, wird ihr Dorf von Barbaren aus dem Süden, die einem eigenartigen Stierkult anhängen, überfallen. Sämtliche Angehörige des Stammes werden von den Männern niedergemetzelt. 
Als letzter Überlebenden ihres Volkes wird Hundra von der mysteriösen Matriarchin {die eigenartigerweise nicht unter den Amazonen lebt} der Auftrag erteilt, dafür zu sorgen, eine Tochter zur Welt zu bringen, damit der Geist der Freiheit an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Unserer Kriegerin behagt diese Mission ganz und gar nicht, hat sie doch noch nie etwas mit Männern anfangen können. Dennoch begibt sie sich in die südlichen Länder, um einen geeigneten "Samenspender" zu finden. Was sich als ziemlich schwierig erweist, denn so gut wie alle Männer, denen sie begegnet, sind ebenso brutale wie primitive Schweine, die in Frauen nichts anderes als Sexobjekte und Sklavinnen sehen.
Schließlich gelangt Hundra in eine Stadt, in der sich der Haupttempel erwähnten Stierkultes befindet  – weniger ein Heiligtum als vielmehr ein großes Bordell, in dem ein dekadenter Oberpriester Frauen für den "Dienst" an den mächtigsten Stammeshäuptlingen "ausbilden" lässt. In derselben Metropole begegnet unsere Kriegerin allerdings auch einem erstaunlich zivilisierten Heiler, der so gut wie der einzige Mann in dieser Welt zu sein scheint, der Frauen mit Respekt behandelt. Augenblicklich beschließt sie, dies sei der richtige Vater für ihre Tochter. Doch dummerweise lässt sich der nette Kerl auch durch eine beeindruckende Demonstration von Hundras Talenten als Messerwerferin nicht zum Sex zwingen. Und so verfällt sie auf die Idee, sich freiwillig in die Hände des Hohepriesters zu begeben, um auf diese Weise im Tempel des Stieres all jene ihr unbekannten "femininen" Verhaltensweisen zu erlernen, mit deren Hilfe sie den Heiler schließlich doch noch rumzukriegen hofft. Die Horde der ultrachauvinistischen Stammeshäuptlinge ist selbstredend begeistert von der Aussicht, die "Zähmung" einer Amazone miterleben zu dürfen, doch Hundras Stolz und Wille bleiben auch im Tempel ungebrochen. Stattdessen beginnt sie der obersten "Tempelprostituierten", die eigentlich für ihre "Erziehung" verantwortlich ist, ihrerseits beizubringen, wie sie sich gegen die Männer behaupten könne.
Auf eine Zusammenfassung des Schlussteils möchte ich verzichten. Nur soviel sei gesagt: Ja, Hundra bringt eine Tochter zur Welt. Ja, der Heiler ist der Vater. Und nein, keiner der widerlichen Häuptlinge überlebt das große Finale.  

Man verzeihe, dass ich mir von den Namen der handelnden Personen einzig den unserer Heldin merken konnte, so dass es mir unmöglich ist, die Schauspielerinnen & Schauspieler auf der IMDB-Besetzungsliste den entsprechenden Charakteren zuzuordnen. Ihre Leistungen sind im Großen und Ganzen passabel, doch keiner von ihnen sticht besonders hervor. Freilich wäre dies auch sehr schwierig, denn keiner der Charaktere besitzt Tiefe oder Komplexität. Laurene Landon selbst hatte ihre vermutlich bedeutendste Filmrolle zwei Jahre zuvor in Robert Aldrichs ... All the Marbles an der Seite von Peter Falk und Vicki Frederick.* Genrefans mag sie hauptsächlich aufgrund ihrer häufigen Zusammenarbeit mit Drehbuchautor, Produzent und Regisseur Larry Cohen bekannt sein (Full Moon High [1981], I, the Judge [1982], Island of the Alive [1987], Maniac Cop [1988], Wicked Stepmother [1989], The Ambulance [1990], Maniac Cop 2 [1990], Masters of Horror: Birdy [2006]).  

Der Plot von Hundra besitzt ohne Zweifel einige gravierende Schwächen. So wirkt es mehr als nur ein bisschen absurd, wenn sich die Kriegerin im Bruchteil einer Sekunde in den Heiler "verliebt", unmittelbar nachdem sie auf der Flucht vor den Tempelwachen durch das Dach seiner Behausung gestürzt ist. Auch mutet es zumindest etwas eigentümlich an, dass der Hohepriester und seine Handlanger in keiner Weise auf die Schwangerschaft ihrer "Sklavin" und die Geburt ihrer Tochter reagieren. 
Doch das sind meines Erachtens lässliche Sünden. Was mir sehr viel größere Probleme bereitet hat sind die eigenartigen Schwankungen im Ton des Filmes.

Der Streifen beginnt mit dem Überfall der Barbaren auf das Amazonendorf. Fast jeder Sword & Sorcery - Flick der 80er Jahre kennt eine ähnliche Szene, in der die Familie des Helden oder der Heldin niedergemetzelt wird, was sie aus ihren gewohnten Lebensumständen reißt und ihnen die Motivation zur Rache und damit den Startimpuls für alle weiteren Abenteuer liefert. Das gilt für Conan the Barbarian ebenso wie für Beastmaster, Ator oder Sorceress. In Hundra wird der Sequenz eine ähnlich "epische" Qualität verliehen wie in Conan, doch wird mit ihr zugleich das Motiv eines blutigen Geschlechterkampfes eingeführt, was ihr denn doch einen deutlich anderen Charakter verleiht als Thulsa Dooms Massaker an den Cimmeriern. Die Sequenz endet bezeichnenderweise mit der Vergewaltigung von Hundras kleiner Schwester.
Vergewaltigungsszenen sind im Exploitationfilm der Zeit leider keine Seltenheit, und in den meisten Fällen dienen sie wohl ausschließlich dem "aufpeppen" der Geschichte. {Ich weiß, das ist widerwärtig, aber es ist nun mal so. Sorceress etwa enthält genau eine solche Szene.} Die Darstellung in Hundra ist nicht besonders drastisch, aber da es sich bei dem Opfer um ein Kind handelt, dennoch ungemein verstörend. 
Damit erhält der Film von Anfang an einen ernsten und sehr gewalttätigen Ton, was durch eine spätere Sequenz, in der Hundras erster Versuch, einen Erzeuger für ihre Tochter zu finden, in einer Reihe brutaler und sadistischer Misshandlungen {die unsere Heldin freilich mit gleicher Münze zurückzuzahlen versteht}endet, noch einmal sehr deutlich bestärkt wird. 
Doch der Streifen hält diesen Ton nicht konsequent durch. Immer wieder schieben sich offenbar als locker-humorvoll gedachte Sequenzen in den Ablauf der Geschichte ein, was ihr einen höchst eigenartigen und problematischen Charakter verleiht.
Aus vermarktungstechnischer Perspektive lassen sich diese merkwürdigen Schwankungen im Ton vielleicht verstehen. Der Film sollte ein Publikum ansprechen, das sich ebensolche prallen und farbenfrohen Abenteuer wünschte, wie es sie in Conan the Barbarian geliefert bekomen hatte. Ein durchgegehend düsterer Tonfall, der es unmöglich gemacht hätte, die in einem Flick dieser Art naturgemäß allgegenwärtige Gewalt als unterhaltsam zu empfinden, hätte dieses Publikum notwendigerweise abgeschreckt. Doch das ändert nichts daran, dass die Brüche auf mich ungemein irritierend gewirkt haben. 
Ich bin überzeugt davon, dass Matt Cimber mit Hundra mehr produzieren wollte, als ein simples Conan - Cash-in. Es stecken einige ernsthafte Gedanken in dem Film. {Man braucht ihn bloß mit Cimbers beinah zeitgleich produziertem kuriosen Western-Schlock Yellow Hair and the Fortress of Gold zu vergleichen, in dem Laurene Landon gleichfalls die Hauptrolle spielte.} Doch leider untergräbt der schwankende Ton den ernsthaften Ansatz, während die erwähnten, recht drastischen Szenen es gleichzeitig unmöglich machen, ihn einfach als unterhaltsames Fantasyspektakel zu genießen.

Doch gar zu harsch sollte unser Urteil dennoch nicht ausfallen. Ähnliche Unstimmigkeiten finden sich in vielen B-Movies und Exploitation-Flicks. Man muss mit ihnen zu leben lernen, wenn man in dieser Provinz des Kinouniversums heimisch werden will. Auch sei nicht verschwiegen, dass einige der Szenen von Hundras "Ausbildung" im Tempel, die sehr deutlich als "humorvoll" intendiert waren und deshalb mitunter etwas peinlich wirken, mit der sich entfaltenden Freundschaft zwischen der Kriegerin und der "Tempelprostituierten" zugleich das vielleicht humanste Motiv des ganzen Films enthalten. Es ist einfach schön, Hundra auch einmal lachen und sich am Leben erfreuen zu sehen.
Die Freundschaft zwischen den beiden anfangs so unterschiedlichen Frauen ist die einzige einigermaßen "echt" wirkende zwischenmenschliche Beziehung des Films. Im Vergleich dazu bleibt die Liebesaffäre zwischen Hundra und dem Heiler interessanterweise gänzlich unterentwickelt. Die erzählerische Funktion des Kerls beschränkt sich ganz darauf, der Vater von Hundras Tochter zu sein. Was in gewisser Weise natürlich die Umkehrung eines uralten sexistischen Klischees darstellt.  
Alles in allem enthält Cimbers Film einfach zuviele interessante Elemente, um ihm seine unzweifelhaft vorhandenen Schwächen gar zu hoch anzurechnen. Persönlich am faszinierendsten fand ich den Tempel des  Stiers, und das gleich aus zwei Gründen.

Betrachtet man Hundra vor dem Hintergrund von Conan the Barbarian, so wird man fast automatisch dazu gelangen, den Stierkult mit Thulsa Dooms Schlangenkult zu vergleichen. Letzterer sollte recht deutlich den "dekadent-liberalen" Zeitgeist der 60er und 70er Jahre verkörpern, den Regisseur Milius aus tiefstem Herzen verabscheute, und dem er mit Conan einen "rugged individualist" und Vertreter einer "gesunden" und "unverfälschten" Männlichkeit entgegenstellen wollte. Der Stierkult in Hundra zeigt uns in gewisser Weise die wenig erbauliche Realität, die sich hinter diesem Macho-Barbaren-Ideal verbirgt. Die in Pelze gehüllten Stammeshäuplinge, die es gar nicht erwarten können, die stolze Kriegerin auf den Knien zu sehen, sind im Grunde nichts anderes als Brüder Conans, nicht länger betrachtet durch die idealisierende Linse eines Robert E. Howard oder John Milius. {Selten hat mir ein finales Gemetzel so viel Genugtuung bereitet wie in diesem Flick, auch wenn ich zugeben muss, dass der Kampf leider nicht eben exzellent in Szene gesetzt wurde.}
Dass der Stier als uraltes Symbol für männliche "Kraft" und "Virilität" das adäquate Totemtier für einen Haufen primtiver Chauvis abgibt, sollte klar sein, doch erstaunlicherweise entpuppt sich der Hohepriester des Tempels nicht als der "Oberbarbar", den man auf diesem Posten vielleicht erwartet hätte. Auf den ersten Blick ähnelt er vielmehr jenen "dekadenten" Despoten, mit denen sich auch der gute alte Conan immer mal wieder herumzuschlagen hatte. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass sein "Majordomus" {man sollte ihn wohl eher "Chefzuhälter" nennen} ausgesprochen effeminiert wirkt. {In jedem anderen Kontext hätte ich seine Figur als ziemlich unangenehme Schwulenkarrikatur interpretiert.} Ein weiterer unglücklicher Widerspruch des Films? Ich denke nicht. Der Priester wird von einem tiefen Ekel, ja einer beinah panischen Angst vor weiblicher Körperlichkeit beherrscht. Schon die bloße Berührung durch eine Frau versetzt ihn in einen quasi psychotischen Angstzustand. In meinen Augen werden Tempel und Kult damit zur Verkörperung von gleich zwei Erscheinungsformen der Misogynie. Auf der einen Seite haben wir die Stammeshäuptlinge als Vertreter eines brutalen Chauvinsimus, für den Frauen nur als unterwürfige Lustobjekte existieren dürfen. Auf der anderen den Priester als Verkörperung einer vielleicht noch extremeren Frauenfeindlichkeit, für die weibliche Körperlichkeit und Sexualität etwas bedrohliches, unreines und abstoßendes sind.
Diese zwei Gesichter der Misogynie zeigen sich übrigens auch in der Form der "Bestrafung", die ihren Vertretern am Ende des Films zuteil wird. Ohne zuviel zu verraten – anders als die Häuptlinge wird der Priester nicht von Hundras Schwert niedergestreckt ...

Was bleibt am Ende zu sagen? Matt Cimbers Streifen ist kein vergessenes Juwel des Fantasyfilms, aber doch ein Flick, der genug enthält was einen Besuch rechtfertigt. Im Ganzen betrachtet funktioniert er sicher nicht als ernstzunehmender Kommentar zu Sexismus und weiblicher Emanzipation. Aber – mal ganz ehrlich – wer würde etwas derartiges von einem Fantasy - B-Movie auch erwarten? Was Hundra uns an interessanten Elementen zu bieten hat, ist bereits erstaunlich genug.





P.S.: Ganz gleich wie weit ich diesen Barbarenirrsinn auch treiben werde {und ich habe mir gerade Ruggero Deodatos Barbarians angeschaut ...}, Red Sonja werde ich mir unter Garantie nicht noch einmal reinziehen. Schlimm genug, dass ich diesem monströsen Machwerk bereits einmal 90 Minuten meines Lebens geopfert habe. Da hilft auch Morricones Musik nix ...


* Ein interessantes Interview mit der Schauspielerin findet sich hier.

Samstag, 6. Dezember 2014

Strandgut der Woche

Montag, 1. Dezember 2014

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (I): "Sorceress"

Eigentlich hatte ich ja vor, mein kleines Adventsprogramm zu starten. Doch da ich mich momentan in alles andere als vorweihnachtlicher Stimmung befinde, entschied ich mich dazu, stattdessen erst einmal ein anderes Projekt in Angriff zu nehmen, das schon seit längerem auf seine Umsetzung wartet: Eine Expedition in die wüsten und wunderlichen Gefilde des Sword & Sorcery - Films der 80er Jahre.

Inzwischen bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher, ob das eine so kluge Entscheidung gewesen ist ...
 
Der große Erfolg von John Milius' Conan the Barbarian (1982) zog, wie nicht anders zu erwarten, eine kleine Flut von El Cheapo - Knock-offs nach sich, sowohl in den USA als auch in Europa. Doch der erste Anlaufpunkt auf unserer epischen Queste ist interessanterweise ein Flick, der zwei Monate vor Conan in die amerikanischen Kinos gelangte. Die Rede ist von Jack Hills Sorceress, hierzulande als Mächte des Lichts bekannt und in Australien offenbar unter dem noch bizarreren Titel The Devil's Advocate vermarktet:

  

Wem bei diesem Trailer der Gedanke gekommen ist, "Hey, die Musik kenn' ich doch irgendwoher", und sich jetzt fragt, ob er den Flick wohl vor Zeiten schon einmal gesehen hat und sich bloß nicht mehr daran erinnern kann, den kann ich beruhigen. Es wäre zwar nur zu verständlich, wenn sein Gehirn sich bemühen würde, jede Spur eines solchen Erlebnisses aus dem Gedächtnis zu tilgen, doch sehr viel wahrscheinlicher dürfte es sein, dass er oder sie James Horners Komposition aus einem völlig anderen Kontext kennt. Vermutlich aus der prachtvollen Space Opera - The Magnificient Seven - Mixtur Battle Beyond The Stars von 1980. Und damit dürfte gleichfalls klar sein, wem wir letztenendes diesen überraschend frühen, aber nichtsdestoweniger unterirdisch miesen Eintrag in den Barbaren - Zyklus der 80er Jahre zu verdanken haben. Niemand anderem als dem großen Schlockmeister und König der Cash-ins Roger Corman.
Ich weiß nicht, ob Corman bei der Produktion dieses Flicks bereits das Kommen von Conan im Auge hatte. Als er seinen ehemaligen Protegé Jack Hill 1981 nach Mexiko schickte, um diese Monstrosität auf Celluloid zu bannen, war schon seit längerem bekannt, dass Dino und Raffaella De Laurentiis gemeinsam mit John Milius und Universal Pictures an einer filmischen Inkarnation von Robert E. Howards Barbaren arbeiteten. Auf jedenfall hatte Corman schon immer bewiesen, dass er ein feines Gespür für die aktuellen Modewellen im B-Movie-Bereich besaß. Und so belegt der Umstand, dass Sorceress gedreht wurde, zumindest eins: Der Trend ging in Richtung Fantasy. Ob das ausreicht, die Existenz dieses Streifens zu rechtfertigen, ist freilich eine andere Frage.

Um was es in dem Film geht? Schwer zu sagen, auf jedenfall nicht um eine Zauberin. Versuchen wir dennoch, eine knappe Zusammenfassung dessen zu liefern, was man mit sehr viel gutem Willen als den Plot dieses abstrusen Gebildes bezeichnen könnte. Eine leichte Aufgabe ist das allerdings nicht.

Also, da hätten wir zuerst einmal den bösen Zauberer Traigon (Roberto Ballesteros), der mit Hilfe der Gottheit Caligara ein neues Goldenes Zeitalter einleiten will. Behauptet er zumindest. Zum Erreichen dieses Ziels, muss er sein erstgeborenes Kind als Opfer darbringen. Was sich als gar nicht so einfach herausstellt, denn seine Geliebte hat Zwillinge zur Welt gebracht und ist außerdem gar nicht begeistert von der Idee, dass eine ihrer Töchter unter dem Ritualmesser enden soll. Wie Mütter halt so sind. Und als wäre das nicht bereits ärgerlich genug, mischt sich auch noch der Zauberer & Meisterkrieger Krona (Martin LaSalle) in die Angelegenheit ein. {Traigon könnte sein Schüler gewesen sein, jedenfalls gibt's da einen leichten Ben Kenobi - Darth Vader - Vibe}. Wie dem auch sei, jedenfalls wird der Schurke getötet, bevor er das Opferritual durchführen kann. Doch wie wir zugleich erfahren, besitzt er offenbar drei Leben {*nicht fragen*}, und wird in zwanzig Jahren zurückkehren, um sein teuflisches Werk zu vollenden.
Krona sorgt dafür, dass die Zwillingsschwestern in irgendeinem Bauerndorf großgezogen werden, wobei er ihrem Ziehvater einschärft, ihr Geschlecht geheimzuhalten. Außerdem überträgt er den beiden Mädchen, "who are one", auf magische Weise einen Teil seiner kämpferischen Fähigkeiten. {*nicht fragen*}
Dieser geniale Plan kann freilich nicht verhindern, dass Traigon direkt nach seiner Wiederauferstehung seinen Handlanger Khrakannon (Tony Stevens) losschickt, der offenbar keine Schwierigkeiten hat, das "Versteck" der Zwillinge aufzuspüren, und erst einmal sämtliche Dorfbewohner abmetzeln  lässt. Aber wenigstens haben Kronas exzentrische Instruktionen dazu geführt, dass die inzwischen erwachsenen Schwestern Mira (Leigh Harris) und Mara (Lynette Harris) keine Ahnung vom Unterschied zwischen Männern und Frauen haben, was in der Folge Anlass zu manch {*ähem*} "amüsanten" Verwicklungen geben wird.
Muss ich wirklich weitermachen? Na gut, machen wir's schnell und schmerzlos: Gemeinsam mit dem Wikinger Baldar (Bruno Rey), dem unablässig vor sich hin meckernden Satyr Pando (David Milbern) und dem barbarischen Glücksritter Erlick {*ja, der Typ heißt wirklich so!*} (Roberto Nelson) machen sich Mira und Mara auf, um Rache zu nehmen und die infernalischen Welteroberungspläne von Traigon und Prinzessin Delissia {*die Zauberin aus dem Titel?*} (Ana De Sade) zu durchkreuzen.

Zu behaupten, der Plot besäße mehr Löcher als ein Schweizer Käse, wäre eine maßlose Untertreibung. Wurde das Script von dem späteren Hack-Meister Jim Wynorski während einer durchzechten Nacht auf ein paar herumliegende Servietten gekritzelt? Das würde zumindest erklären, warum nichts, aber auch wirklich gar nichts, in dieser Story auch nur einen Hauch von Sinn macht. Natürlich hilft es auch nicht grade, dass Wynorskis unterirdische Dialoge Leuten in den Mund gelegt wurden, die man in ihrer überwältigenden Mehrheit nur mit schweren Vorbehalten als Schauspieler bezeichnen kann. Wikipedia zufolge hatten sich die beiden Hauptdarstellerinnen Leigh & Lynette Harris zuvor bereits einmal für den Playboy ablichten lassen. Was selbstverständlich keine Schande ist, aber doch darauf hindeutet, dass sie ihr Filmdebüt vermutlicher weniger ihrem darstellerischen Talent als anderen "Qualitäten" verdankten. Und der Rest der Truppe war wahrscheinlich ganz einfach billig zu haben. Es dürfte kein Zufall sein, dass die einzigen Darsteller mit Berufserfahrung die Mexikaner Rey, Ballesteros und LaSalle waren. Ebensowenig verwundert es, dass Tony Stevens und Roberto Nelson nie wieder in einem Film auftreten würden. Auch ist mir selten eine derart inkompetente Kampfchoreographie untergekommen wie hier.    
Aber hey, niemand erwartet von einem Flick wie Sorceress cineastische oder thespische Großleistungen. Jack Hills Streifen könnte dennoch äußerst unterhaltsamer Schlock sein. Und in der Tat sucht die Szene, in der unsere Helden von Delissias Affendienern mit Lachgasgranaten bombardiert werden {*nirgendwo anders als im "Forbidden Forest" natürlich*}, vermutlich ihresgleichen im Fantasyfilm. Doch diese drei erfreulich absurden Minuten können einen schwerlich für die restlichen achtzig entschädigen. {*Seine Kürze dürfte noch die positivste Eigenschaft dieses Filmes sein.*}
Was Sorceress zu einem wirklich qualvollen Erlebnis macht ist vor allem sein schmieriger "Humor". Ich meine, dass der erste Auftritt unserer "Heldinnen" die beiden beim Baden in einem Waldsee zeigt, ist noch simpler Exploitation-Standard. Aber muss dann wirklich Satyr Pando am Ufer auftauchen, woraufhin sich folgender feinsinniger Dialog zwischen den Schwestern entspannt: "What's that? Which he carries there. Hanging between his legs. Is it a horn?" "A weapon perhaps?" "But how would he use such a weapon?" Oder aber wir dürfen miterleben, wie Mira (oder Mara?) die Empfindungen ihrer Schwester Mara (oder Mira?) teilt, die einige Meilen entfernt gerade Sex mit Erlick hat, und dabei stöhnend ein paar eigene Orgasmen durchlebt. Oh Gott, warum hat noch niemand eine Droge erfunden, mit der man ganz gezielt bestimmte Erinnerungsengramme löschen kann?!? Nach dem großen Finale {*das zugegebenermaßen einige hübsch lachhafte Trickeffekte zu bieten hat*} entlässt uns Wynorski mit einem letzten Beweis seines unnachahmlichen Wortwitzes, wenn Erlick stupide grinsend aus dem verwüsteten Tempel tritt, die Arme um beide Schwestern gelegt und auf Baldars Frage "Both?" zur Antwort gibt: "Hey, these two ARE one." Meisterhaft, oder?

Der Umstand, dass dieser Flick $4 Millionen einspielte und damit ein ordentlicher kommerzieller Erfolg für Roger Cormans Produktionsfirma New World Pictures war, lässt einen wieder einmal an der Menschheit zweifeln. Wenigstens weiß ich nach Durchleiden dieses grauslichen Machwerks, das sich nur ungenügend als Film zu tarnen versteht, Don Coscarellis Beastmaster besser zu schätzen.

Nun denn, sammeln wir unsere Kräfte, schicken wir ein rasches Stoßgebet zu Crom und versuchen wir, schnellstmöglich die erste Etappe unserer heroischen Queste hinter uns zu lassen. Der nächste Anlaufpunkt ist Matt Cimbers Hundra von 1983. Mir schwant nichts wirklich gutes, aber so schlimm wie Sorceress kann's schon nicht werden. Oder ...?

Samstag, 29. November 2014

Strandgut der Woche

Montag, 24. November 2014

"Blood and Souls for my Lord Arioch !"




Schriftsteller, die sich zugleich als Kritiker betätigen wollen, sollten stets gut darauf achtgeben, dabei nicht eines Tages eine Formulierung zu verwenden, die sich ganz ausgezeichnet auch auf Teile ihres eigenen Werkes anwenden ließe.
Dem guten Michael Moorcock ist mindestens einmal genau solch ein peinlicher Faux-pas unterlaufen. In seinem nicht ganz unbekannten Essay Starship Stormtroopers von 1977 schreibt er über H.P. Lovecraft, dieser sei unfähig "to describe his horrors (leaving us to do the work - the secret of his success - we're all better writers than he is!)". 
Moorcocks meiner Meinung nach sehr undifferenzierte Sicht auf den alten Gentleman von Providence soll jetzt nicht das Thema sein. Ich finde es nur äußerst amüsant, dass mir ein ganz ähnlicher Gedanke einmal in Bezug auf Moorcocks eigenen Elric von Melniboné gekommen ist. 

Der Albino mit der seelentrinkenden Höllenklinge "Stormbringer" ist ohne Frage eine der großen Ikonen der Fantasyliteratur. Und ich würde sagen, dass er diesen Status verdientermaßen innehat. Doch ironischerweise scheint mir dafür weniger Moorcocks erzählerisches Talent verantwortlich zu sein. Eine nun bereits gut anderthalb Jahre zurückliegende erneute Lektüre der sechs klassischen Elric - Romane in Form des in den 80er Jahren von Heyne herausgegebenen Sammelbandes Elric von Melniboné – Die Sage vom Ende der Zeit ließ mich jedenfalls nicht unbedingt begeistert zurück. Und die vielleicht nicht eben perfekte Übersetzung von Thomas Schlück war ganz sicher nicht der einzige Grund dafür.
Die Details habe ich natürlich nicht mehr so richtig im Kopf. Darum werde ich hier bloß mehr oder weniger das wiederholen, was ich seinerzeit im Forum der Bibliotheka Phantastika geschrieben habe: Kurz gesagt, Elric scheint mir als Konzept sehr viel interessanter, denn als Charakter. Obwohl Moorcock dies inzwischen zu leugnen scheint, ist der Albino doch zweifelsohne als Gegenentwurf zu Robert E. Howards Conan entwickelt worden. Und auch wenn das heute sicher nicht mehr so revolutionär wirkt, wie in den 60er Jahren, als die ersten Elric-Stories erschienen,  ist es doch immer noch reizvoll mit anzusehen, wie die Ideen von "Two Gun" Bob auf den Kopf gestellt werden. Auf der einen Seite haben wir Conan als den "gesunden" Barbaren, der am Ende den Thron eines "zivilisierten" Königreichs besteigt und dieses vor dem Untergang bewahrt, auf der anderen Elric als letzten Spross einer dekadenten Herrscherdynastie, der eigenhändig die Vernichtung seines Reiches herbeiführt. Und der Umstand, dass er dank "Stormbringer" seine Stärke und Lebenskraft im wahrsten Sinne des Wortes dem Töten von Menschen verdankt, macht ihn auch nach dem Fall von Melniboné zu einem faszinierenden "Kommentar" auf den klassischen Sword & Sorcery - Helden. Leider jedoch wird er dabei nur selten zu einer wirklich lebendigen Figur. Am beeindruckendsten fand ich diesem Zusammenhang die Szenen, in denen Elric dank seiner Klinge zum blutgierigen Schlächter mutiert. Eher weniger überzeugend hingegen wirkten auf mich die Szenen, in denen er ihm nahestehende Menschen tötet. Und hätten nicht gerade sie den stärksten Eindruck hinterlassen müssen? Oh ja, Moorcock erzählt uns immer wieder, dass Elric von Schuldgefühlen gequält wird und „Stormbringer" hasst, aber er lässt seine Leser & Leserinnen nicht wirklich an diesen Emotionen teilhaben.

Michael Moorcock galt in den 60er und 70er Jahren zurecht als ein geradezu legendärer Schnellschreiber, der schon mal einen mehrere hundert Seiten umfassenden Roman in ein-zwei Wochen runtertippen konnte. Das bekannteste Beispiel dafür war -- wenn ich mich recht entsinne -- der Hawkmoon / Runestaff - Zyklus.
Ich erwähne diese Anekdote nicht, weil ich Moorcock zum "Pulp-hack" abstempeln will. In gewisser Hinsicht war diese Arbeitsweise notwendig, wenn er als SFF-Schriftsteller in jenen Tagen überleben wollte.

Mehr als einmal bin ich in letzter Zeit über die Behauptung gestolpert, die "alte" SFF sei die Domäne weißer Männer aus der Mittelklasse gewesen. Was Geschlecht und Hautfarbe angeht, dürfte das mehr oder weniger stimmen. Auch wenn man nicht vergessen sollte, dass es bereits in in den Anfangstagen des Genres durchaus einige bedeutende Autorinnen gegeben hat -- und das sowohl in der Welt der "Pulps" (C.L. Moore; Leigh Brackett) als auch in der der "literarischen" SFF (Hope Mirrlees, Naomi Mitchison, Evangeline Walton). In Bezug auf die Klassenzugehörigkeit jedoch erscheint mir diese Behauptung sehr fragwürdig. Auch wenn ich dafür keine "harten" Beweise habe, ist mein Eindruck eher der, dass es gerade in letzter Zeit zu einer zunehmenden "Gentrifikation" des Genres gekommen ist. Moorcock und seine "New Wave" - Kumpels jedenfalls gehörten in ihrer Mehrheit nicht der "Mittelklasse" an. Vorausgesetzt man assoziiert diesen Begriff mit einem noch so bescheidenen Wohlstand. Sie waren echte Bohèmiens, die von der Hand in den Mund lebten. Ein vor einigen Jahren in Fantastic Metropolis veröffentlichtes Gespräch zwischen Moorcock und Barrington Bayley, das zur Zeit leider nicht mehr im Netz abrufbar ist, vermittelt einen ganz guten Eindruck davon: 
Michael Moorcock: We came up with “Duel” around 1961 didn’t we, while I was staying with you at the House of Usher. The whole place would shake when even a motorbike went by outside and the landlord’s name actually was Usher. I was in a sleeping bag on your floor. I used to open my eyes slowly in the morning so as not to disturb the mice who had gathered around to stare at me. I felt a bit like Gulliver. I think it was you who discovered we could get maximum protein for the least money by buying bacon scraps from the local butcher.[...]
Barrington Bayley: Those mice, of which the house had droves, were very canny. One hint of human movement and they were off through their holes with unbelievable speed. They could also leap from the floor on to the table top (either that or they could walk up vertical surfaces and along the undersides of horizontal ones). Yes, I recall that getting something to eat was occasionally a problem in those days. Later I became adept at living on 10 shillings (50p) a week, and that included paraffin for the heater (as well as a big heap of bacon scraps). One day, in the same house, we had invited Pete Taylor to “dinner”. I was quite perturbed when you impressed on me, in some anxiety, that Pete would actually expect to be fed. Somehow we found enough money to buy some potatoes and something to go with them. On another occasion we gathered together all edible resources for something to eat that day. I can’t remember what I ate, but you ate a bowl of cocoa powder mixed with sugar. This was a familiar repast for me; I’d once lived on it for three days. [...]
Es ist denke ich nicht ganz unverständlich, warum Moorcock seinen frühen Stories und Romanen nicht die Sorgfalt angedeihen ließ, die man sich wünschen würde. Und dies mag auch auf Elric zutreffen. 

An den Schwächen der Romane ändert das natürlich nichts. 

Dennoch ist -- wie ich bereits gesagt habe -- der Albino mit dem schwarzen Schwert eine echte Ikone der Fantasy. Doch ist er zu einer solchen vielleicht weniger aufgrund der literarischen Leistungen seines Schöpfers als vielmehr durch die Imaginationskraft der Leser & Leserinnen geworden. -- "We're all better writers than he is". --  Sie haben das {zugegeben interessante} Konzept mit Leben erfüllt.
Und nicht nur das: Nicht wenige von ihnen bemächtigten sich der Figur und machten sie zum Objekt ihrer eigenen Kunst, vor allem in Form von Zeichnungen, Gemälden, Comics und Musik. 

Das vielleicht berühmteste Beispiel dafür dürften die Songs der großartigen britischen Space Rock - Band Hawkwind sein, die bereits in den 70er Jahren begonnen hatte, mit Moorcock zusammenzuarbeiten, und 1985 das Elric-Album The Chronicle of the Black Sword herausbrachte. {In den Genuss einer Live-Version gelangt man  hier & hier.}


Samstag, 22. November 2014

Strandgut der Woche

Freitag, 21. November 2014

So mag ich meinen Steampunk





In the court of Augustine The Twelfth
The king reprimanded his men
And demanded they
Put to good use all his wealth to cure his deep ennui

For you see, he found that he was sad and lonely
Ever since his wife, the queen, got mad and
Rode off on his steed

In a glen beyond the castle wall
There was a tinker
And he was a thinker
The smartest man in all the world
He made a mechanical girl

For you see, his daughter passed away that summer
And though he knew he could not replace her
He missed his family

Suddenly a knock at the door went ra-ta-ta-ta-ta
And the kingsmen came in blowing horns ba-ba-ba-ba-ba-ba
"By order of His Highness
We're to take you and that...thing
To present your marvel to the king."

And so, over glen and through the castle walls
Over the moat, and into the great castle hall
When her master urged,
The robot girl emerged

When the king laid eyes upon the girl
He was delighted
His men all were knighted
He yelled aloud for all the world
"I'll take her for my queen!"

And the man screamed
"Please don't take my child!
I beg you, mighty king!"
And they grabbed him by his tailcoat
And threw him in the moat

Later in their wedding bed
The king was shocked to see
A tender kiss upon the cheek
Unleashed an armory
Rocket launchers and flamethrowing guns
Grew from her sides
And she grew to seven times her size

Run!

On the morn of August twenty-fourth
He was dejected when lest he expected
A knock was heard upon the door
It was his robot girl

For you see, he'd made her indestructible
It seems and she destroyed that awful kingdom
And they lived happily

So you see, the moral of the story is:
Never take a child away from a loving parent
Especially not ones who make children who shoot rockets from their eyes



Ich liebe ja beinahe alles, was ich von Aurelio Voltaire kenne, aber dieses Lied gehört zu meinen besonderen Favoriten, und ein Grund dafür ist die Vermischung von Steampunk- und Märchenelementen: Die Coolness des Robotermädchens ohne den problematischen Hintergrund eines pseudoviktorianischen Englands.

Donnerstag, 20. November 2014

Statt eines Nachrufs

Gestern verstarb im Alter von dreiundachtzig Jahren Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Mike Nichols. Ein Künster von seinem Format hätte einen ausführlichen Nachruf verdient, der sich auf faire, aber kritische Weise mit seinem fünf Jahrzehnte umspannenden Oeuvre auseinandersetzen würde. Ich bin nicht die Person, die einen solchen Nachruf verfassen könnte. Dennoch fühle ich mich dazu getrieben, ein zwei Gedanken niederzuschreiben, die mir bei der Nachricht von Nichols' Tod gekommen sind. 

In Anbetracht des tragischen Anlasses mag das schlechter Stil sein, aber was mir als erstes durch den Kopf schoss, als ich mir den Werdegang des Regisseurs noch einmal vergegenwärtigte, war folgendes: Schaut man auf den Anfang und das Ende seiner Filmkarriere, dann bekommt man auf krasse Weise vor Augen geführt, was über die Jahrzehnte aus Amerikas liberaler Intelligenzija geworden ist. Und es ist kein schöner Anblick.

Der große Filmkritiker Andrew Sarris schrieb 1969 über Nichols, der drei Jahre zuvor mit Who's Afraid of Virginia Woolf? sein triumphales Kinodebüt gefeiert hatte:
The suspicion persisted in shamefully skeptical circles that Nichols was more a tactician than a strategist and that he won every battle and lost every war because he was incapable of the divine folly of a personal statement. No American director since Orson Welles had started off with such a bang, but Welles had followed his own road, and that made all the difference. Nichols seems too shrewd ever to get off the man highway. His is the cinema and theatre of complicity. And the customer is always right except in the long view of eternity.*
Ich weiß nicht, wie Sarris die spätere Entwickung des Regisseurs beurteilt hat, aber diese frühe Einschätzung scheint mir eine tiefe Wahrheit zu enthalten. Mike Nichols war ohne Zweifel ein talentierter und in bestimmten Grenzen sehr sensibler Filmemacher, doch von Anfang an schreckte er davor zurück, Positionen zu beziehen, die ihn in Gegensatz zu dem liberalen Milieu gebracht hätten, dem er selbst entstammte und das sein Publikum bildete. Wohl gemerkt, ich will Nichols nicht der Feigheit oder des bewussten Opportunismus bezichtigen. Am ehesten ließe sich das, was ich meine, vielleicht als intelektuelle Passivität beschreiben. 
In vielen seiner Filme erweist er sich deshalb als eine Art Sprachrohr der intelektuellen Mittelklasse, deren Gedanken und Befindlichkeiten er künstlerisch umsetzt, ohne sie je kritisch zu analysieren oder zu hinterfragen, weshalb diese Werke oft einen etwas oberflächlichen Eindruck hinterlassen. Blickt man auf sein Oeuvre, so blickt man zugleich auf die Entwicklungsgeschichte eines ganzen sozialen Milieus. Aus diesem Grund erscheint es mir ungemein symptomatisch, auf welcher Note dieses Oeuvre ausklingt.

Mike Nichols' dritter Kinofilm nach Virginia Woolf (1966) und The Graduate (1967) war die Adaption von Catch-22 -- Joseph Hellers genialer, ungemein witziger, böser und intelligenter Satire auf Militarismus und Kapitalismus. 
Sein letzter Kinofilm war Charlie Wilson's War -- ein ignorantes Stück Geschlichtsklitterung, das auf die Verherrlichung der CIA-Operationen zur Unterstützung, Bewaffnung, Ausbildung und Finanzierung der afghanischen Mudschaheddin in den 80er Jahren hinausläuft. Filmkritikerin Joanne Laurier schrieb seinerzeit völlig zurecht über diesen Streifen:
[Nichols'] latest film, saturated with ferocious anti-communism, is a defense of neo-colonialism and the right of American “democracy” to intervene wherever it likes around the globe. Its relatively minor amusements are like chocolate icing on a poisoned cake.
Die Tatsache, dass Charlie Wilson's War bei den allermeisten Kritikern eine begeisterte Aufnahme fand, deutet darauf hin, dass Nichols auch in seinem letzten Werk sehr genau die vorherrschende Stimmung in Amerikas intelektueller Mittelklasse zum Ausdruck brachte. Und damit sprach er ohne es zu wollen ein vernichtendes Urteil über selbige aus.
  

* Andrew Sarris: The American Cinema. Directors and Directions 1929-1968. S. 218.

Mittwoch, 19. November 2014

Der Décadent der Fantasy (1)

Es liegt nun schon ein paar Jahre zurück. da packte mich der verrückte Ehrgeiz, ein Buch über Leben und Werk von Clark Ashton Smith zu schreiben. Hauptantrieb dabei war natürlich meine große Liebe für das vielgestaltige Schaffen dieses exzentrischen Dichters, Autors, Bildhauers und Malers. Daneben schien es mir aber auch etwas unfair, dass Klarkash-Ton nie die Bekanntheit erlangt hat, die ihm meiner Meinung nach zustehen würde. Insbesondere, wenn man zum Vergleich H.P. Lovecraft und Robert E. Howard heranzieht, die anderen beiden Mitglieder des legendären Triumvirats der Weird Tales.
Ereignisse in meinem Leben, deren Natur jetzt nichts zur Sache tut, führten schließlich dazu, dass ich mein Projekt abbrach. Ob ich die Arbeit jemals fortsetzen werde, steht in den Sternen geschrieben, zumal mir inzwischen sehr deutlich bewusst geworden ist, dass eine echte "Biographie" sehr viel intensivere und professionellere Recherche erfordern würde. Aber im Grunde war das Buch auch nie wirklich als "Biographie" konzipiert gewesen, sondern vielmehr als eine überlange Studie, die Smith und sein Oeuvre in ihren gesellschaftlichen und literaturhistorischen Kontext einbetten sollte.
Würde ich mich noch einmal ernsthaft an diese Arbeit setzen, dann würden ganz sicher auch deren erste Kapitel, die ich in den folgenden Monaten hier zu veröffentlichen gedenke, einer erneuten Bearbeitung unterzogen. Das möge die Leserin oder der Leser bitte stets im Hinterkopf behalten.  

Fritz Leiber, der ein großer Bewunderer von Clark Ashton Smiths Werk war, sich Zeit seines Lebens bemühte, dessen Andenken wach zu halten, und ihm schließlich mit Our Lady of Darkness ein phantastisches literarisches Denkmal setzte, nannte ihn einmal "sui generis, one of the most uninfluenced and original writers I know of". In gewisser Hinsicht trifft dies ganz ohne Zweifel zu. In anderer Hinsicht allerdings auch wieder nicht.
Neben all den Pulpautoren, mit denen er sich in den 30er Jahren die Seiten von Weird Tales oder Astounding Stories teilte, wirkt Smith schon aufgrund seiner komplizierten Sprache und seines eigenwilligen Stils in der Tat wie ein exotischer Sonderling. Dennoch war Klarkash-Ton kein Exilant aus dem versunkenen Atlantis, sondern das Produkt eines ganz bestimmten historischen und kulturellen Milieus. Seine spätere Außenseiterstellung kann man meiner Ansicht nach eigentlich nur dann richtig verstehen, wenn man sich mit seinen Wurzeln und der Tradition, in der er stand, auseinandersetzt. Aus dieser Perspektive wurde das Folgende geschrieben.




Und ich sah und hörte: Ein Adler flog hoch am
Himmel und rief mit lauter Stimme:
Wehe! Wehe! Wehe den Bewohnern der Erde!
Offenbarung des Johannes 8, 13 

Heaven is a prophecy uttered by the lips of despair,
but Hell is an inference from analogy.
Ambrose Bierce, Natura Benigna 

Zwei schöne Dinge gibt es auf der Welt:
Die Liebe und den Tod.
Giacomo Leopardi, Consalvo  

Oh, der nächtlichen Stunde vertraut nicht,
Die von arger Schönheit erfüllt!
Wo die Menschen dem Tode nah sind,
Nur aus Blüten noch Leben quillt.
Sinaida Hippius, Blüten der Nacht

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in dich hinein.
Friedrich Nietzsche

Tancred:
And though the Last Wind drive along the world
The foam of granite and the dust of seas,
The dust in Man hath lived and loved.

Lilith:
And cried
In agony! Ah, miserable Life,
Lured by a hundred lusts and dogged by sad
Satiety! Blind pilgrim of the years,
With Pain for shadow! Turn thee from the sun
And rest! How very quickly art thou gone,
Smoke of the moth's burnt wing!

Tancred:
Yet was it wing,
And better that than nothing.
George Sterling, Lilith



Clark Ashton Smith erblickte an einem Freitag dem Dreizehnten im Januar des Jahres 1893 in Long Valley, Placer County (Kalifornien) das Licht der Welt. Und wie er selbst später einmal halb scherzhaft bemerkte, stand seine Geburt außerdem noch „under the influence of the planet Saturn“ – des kosmischen Herrn der Melancholie also: „A rather ominous combination, dont’ you think?“ (1)
Vater Timeus Ashton Smith stammte aus England und hatte ein Großteil seines einst recht üppigen Erbes mit Reisen in fremde Länder und beim Glücksspiel durchgebracht. Ob sein Sohn von ihm die Sehnsucht nach fernen und exotischen Gefilden erbte? Wer weiß, jedenfalls wird der junge Clark Ashton so manches Mal den Geschichten seines Vaters über dessen Abenteuer am Amazonas, in Australien oder Macao gelauscht haben.
Timeus’ unstetes Wanderleben hatte in den späten 1880er Jahre sein Ende gefunden, als er sich in Placer County niederließ. Ein Grund für die Ortswahl war möglicherweise die englische Kolonie im benachbarten Penryn, deren wohlhabende Oberschicht so ‘"britisch" war, dass sie sich sogar mit dem aristokratischen und in Amerika sicher höchst exotischen "Sport" der Fuchsjagd vergnügte. Nun besaß Timeus zwar die Manieren eines Gentleman, aber nicht länger den dazugehörigen Geldbeutel, und so arbeitete er als Nachtportier im Freeman Hotel von Long Valley, statt den bemitleidenswerten Meister Reinecke auf Pferderücken zu Tode zu hetzen. Dabei lernte er Mary Frances "Fanny" Gaylord kennen, deren Familie in der Nähe eine Farm besaß. 1891 heirateten die beiden und zwei Jahre später kam ihr erstes und einziges Kind zur Welt.
Clark Ashton wuchs auf der Farm seines Großvaters Hiram auf. Obwohl er nie die Obsession seines Freundes Lovecraft für Blutlinien und Genealogien teilte, erzählte er später doch gerne davon, dass die Familie seiner Mutter „claims descent from an armigerous [wappentragenden] Norman house dating back to the Crusades“. (2) Noch wichtiger allerdings scheint ihm die hugenottische Herkunft der Gaylords gewesen zu sein: 
[T]he family [...] has been in America since 1630. They were descendants of Huguenot refugees driven out of France at the time of the revocation of the Edict of Nantes – the name was Gaillard originally. Oddly enough, some of my father’s people, the Ashtons, were English Catholics! The mixture should make for non-conformity. (3)
Tatsächlich herrschte im elterlichen Haushalt ein toleranter Geist. Jedenfalls ist es später nie zu einem Konflikt über den unorthodoxen Lebenswandel des Sohnes gekommen, der ernsthaft genug gewesen wäre, um einen Bruch befürchten zu lassen.
1902 hatte Timeus endlich genug Geld zusammengespart, um ein knapp 18 ha großes Stück Waldland auf der Anhöhe des Boulder Ridge, eines erstarrten Lavaflusses über dem American River bei Auburn zu erwerben. Ein Brunnen wurde ausgehoben, ein Haus gebaut und 1907 konnte die dreiköpfige Familie endlich ihr eigenes Heim beziehen. Bis 1954 sollte dieser Flecken Erde und das eher primtive Häuschen Clark Ashtons Zuhause bleiben, das er nur selten verließ. Hier würden die meisten seiner Gedichte und Geschichten, seiner Zeichnungen und Skulpturen entstehen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts präsentierte sich Auburn als Kleinstadt mit ungefähr zweitausend Einwohnern. Gegründet worden war die Siedlung 1849, zur Zeit des großen Goldrauschs, nachdem der junge Franzose Claude Chana in der benachbarten Klamm die ersten Nuggets gefunden hatte. Schon bald war der Ort zu einem wichtigen Handelsplatz geworden, von dem aus Pfade zu den zahlreichen Camps in den Hügeln der Umgebung führten. Ein letzter Nachklang dieser Tage war auch in Clark Ashtons Jugendzeit noch zu spüren. Sein Großvater Hiram und sein Onkel Ed versuchten auf dem Gelände der Gaylord-Farm vergeblich nach Gold zu schürfen, wobei ihnen der junge Clark Ashton zur Hand ging. Und auch in der Nähe des Hauses auf dem Boulder Ridge existierte ein alter Minenschacht, der freilich von den Smiths geflutet und als eine Art natürlicher Kühlschrank für leicht verderbliche Lebensmittel genutzt wurde. Verlassene Stollen und Gruben fanden sich überall im Hügelland zu Füßen der Sierra Nevada – Relikte einer längst romantisch verklärten Gründerära. In einer autobiographischenSkizze bemerkt Clark Ashton dazu: „Much of my childhood was spent in the neighborhood of an alleged gold mine; which may be reason why the romance of California gold mining failed to get under my skin.“
Während z.B. Robert E. Howards Fantasygeschichten in hohem Maße dem texanischen Frontier-Mythos verpflichtet sind, spielt dessen kalifornisches Gegenstück für Smiths literarisches Werk tatsächlich kaum eine Rolle. Selbst die unheimlichen Geschichten aus der Goldgräberzeit scheinen ihn kaum je inspiriert zu haben. Dabei war der entsprechende Fundus sehr reichhaltig. Der Herausgeber einer seiner frühen Stories (The Haunted Gong) schreibt darüber: „The hills of Auburn, where Clark grew up, were filled with ghostly mining lore. As recently as my own childhood, I heard stories of ghost miners, and strange sounds around jumped claims, and so on.“ Schon Charles M. Skinners klassische Sammlung amerikanischer Folklore Myths and Legends of Our Land von 1896 enthält unter dem Titel The Spook of Misery Hill die Geschichte eines kalifornischen Goldgräbers, der seinen Claim noch über das Grab hinaus mit aller Gewalt verteidigt. Solche Stories waren Legion, und natürlich besaß die Bezeichnung "ghost town" schon zu Clark Ashtons Zeiten einen mehrdeutigen Klang. Auch galten viele Minen als Heimstatt der Tommyknockers, ursprünglich der walisischen Fantasie entsprungener Kreaturen, die hin und wieder durch ihr dumpfes Klopfen auf sich aufmerksam machen, mal, um die Bergleute auf hinterhältige Weise in eine Falle zu locken, mal, um sie vor drohenden Gefahren zu warnen oder auf besonders reiche Goldvorkommen hinzuweisen.
Smith vermied wahrscheinlich ganz bewusst jede Bezugnahme auf diese Traditionen, und im Verlaufe unserer Betrachtungen werden wir sehen, warum das so war. Die einzige Ausnahme bildet die nie vollendete Story The House of Haon-Dor. Diese ist tatsächlich in der Nachbarschaft einer alten Mine bei Cougar Hollow angesiedelt und spielt auch ein wenig mit den lokalen Überlieferungen. Doch die Inspiration dazu hatte Smith bezeichnenderweise nicht aus den alten Goldgräberlegenden bezogen, sondern von seinen Freunden Margaret und Ray St. Clair, die ihm von einer Hütte in der Küstenstadt Oceanside berichtet hatten, von der es hieß, sie sei der Unterschlupf von Schwarzmagiern und der Vorraum zu einem (unsichtbaren) höllischen Gebäude. (4)
Dennoch wollen wir unsere Erzählung mit dem großen Goldrausch beginnen lassen. Denn auch wenn die Tage der Glücksritter und Argonauten (5) längst vergangen waren, hatten sie doch bleibende Spuren nicht nur in der Landschaft, sondern auch in der Mentalität und Kultur Kaliforniens hinterlassen. Wer den Sonnenstaat verstehen will, muss sich mit ihnen beschäftigen.


Kapitel 1: Das Erbe der Argonauten
 
Als James W. Marshall am 24. Januar 1848 bei Sutter’s Mill in der Nähe von Sacramento die ersten Nuggets entdeckte, setzte er eine Entwicklung in Gang, die zur Geburt des modernen Kalifornien führte. Was davor lag war sozusagen Mittelalter: Die Herrschaft der Spanier und Mexikaner, die Ära der franziskanischen Missionen, der Halbfeudalismus der großen Rancheros mit ihren Peones. Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg von 1846-48 hatte zum Anschluss Kaliforniens an die Vereinigten Staaten geführt, und ein Zufall der Geschichte wollte es, dass dieses Ereignis mit dem Beginn des Goldrauschs zusammenfiel. Kaum hatte die Nachricht von Marshalls Fund die Ostküste erreicht, da machten sich Abertausende auf, um ihr Glück im Sonnenstaat zu suchen. Quasi über Nacht verwandelte sich San Francisco aus einem verschlafenen kleinen Städtchen in die anarchische, brodelnde Metropole, die Charles W. Stoddard in seinen Kindheitserinnerungen beschrieben hat: 
 
[T]here never was a more cosmical commonwealth than sprang out of chaos on that Pacific coast; and there never was a city less given to following in the footsteps of its elder and more experienced sisters. Nor was there ever a more spontaneous outburst of happy-go-luckiness than that which made of young San Francisco a very Babel and a bouncing baby Babylon. [...] The middle-aged renewed their youth, and youth was wild with an exuberance of health and hope and happiness that seemed to give promise of immortality. (6)

Draufgängertum und Zukunftsoptimismus der Argonauten sollten zu einem bleibenden Bestandteil der kalifornischen Mentalität werden, auch wenn das hier gezeichnete Bild natürlich bereits stark vom Mythos der Forty-niners gefärbt ist. Doch man unterschätze nie die Macht der Mythen!
 
Goldgräbercamps wie Auburn, die im Hinterland Pilzen gleich aus dem Boden schossen, waren typische Frontiersiedlungen, in denen die Siedler – dem Zugriff staatlicher Gewalt weitgehend entzogen – ihr Leben nach ihren eigenen Regeln gestalteten. Die übliche Härte und Entschlossenheit des Pioniers verband sich dabei mit dem Traum vom schnellen Geld. Ein extremer Individualismus, rücksichtsloses Streben nach Reichtum und Erfolg, gepaart mit einem auf persönlicher Arbeit beruhenden Demokratismus (ursprünglich durfte nur der einen Claim sein Eigen nennen, der ihn auch selbst bearbeitete) bildeten das zwiespältige Erbe der Goldgräberzeit. Das kosmopolitische Gewusel San Franciscos und der primitive Egalitarismus der allerersten Camps sollten einen allerdings nicht dazu verleiten, im Kalifornien dieser Ära eine weltoffene tolerante Gesellschaft zu sehen. Die Tage des Goldrauschs erlebten die Geburt des antichinesischen Rassismus, die Ausrottung ganzer Indianerstämme und die Vertreibung tausender Mexikaner. In Frisco machten 1849 die berüchtigten "Hounds" – eine Art Miliz von Revolverhelden – monatelang ungestört Jagd auf alle Hispanos, plündernd, mordend, vergewaltigend. In vielen Siedlungen war Richter Lynch die höchste Autorität. Weihnachten 1850 sah man zum erstenmal einen Mann von der Eiche im Stadtzentrum von Auburn baumeln.

Mit Bret Hartes The Luck of Roaring Camp stand das romantisch verklärte Bild dieser Epoche am Anfang der modernen kalifornischen Literatur. In ihr lagen auch die Wurzeln des verlogenen ‘Californian Dream’, demzufolge es in dem gesegneten Land an der Pazifikküste ein jeder mit Fleiß und etwas Glück zu etwas bringen könne. Für die allermeisten war das freilich schon in den Tagen des Goldrauschs nur eine Illusion gewesen. Ortsnamen wie Poverty Hill, Humbug Flat, Skunk Gulch oder Hell’s Delight sprechen eine deutliche Sprache, und in einem der beliebtesten Songs der 1850er hieß es:
It's four long years since I reached this land,
In search of gold among the rocks and sand;
And yet I'm poor when the truth is told,
I'm a lousy miner,
I'm a lousy miner in search of shining gold.

Oh, land of gold, you did me deceive,
And I intend in thee my bones to leave;
So farewell, home, now my friends grow cold,
I'm a lousy miner,
I'm a lousy miner in search of shining gold.
(7)
 
In Volksphantasie und Literatur lebten die Golgräber fort als grimmige Individualisten, die hinausgezogen waren in die Wildnis der Sierras, um dort ihr Glück zu suchen. In Wirklichkeit waren die meisten von ihnen schon nach wenigen Jahren schlecht bezahlte Lohnarbeiter im Dienst der großen Bergbaugesellschaften geworden, die zusammen mit Bankiers, Bodenspekulanten und Händlern den Löwenanteil der Profite aus den Claims einheimsten. Vom Goldrausch befeuert machte die kapitalistische Entwicklung Kaliforniens rasch Fortschritte. Schon bald schlug die Todesstunde für den Halbfeudalismus der mexikanischen Rancheros. Nutznießer dessen waren in erster Linie nicht die Farmer, sondern einige wenige Großgrundbesitzer, denen es mit allerhand Tricks gelang, in kürzester Zeit riesige Landgüter zu erwerben. Damit entstand zugleich ein großes Landarbeiterproletariat, das bis auf den heutigen Tag den wohl am stärksten ausgebeuteten Teil der kalifornischen Arbeiterklasse bildet. Neben Bergbau und Holzwirtschaft etablierte sich der Weizenanbau als wichtigster Erwerbszweig. Erst später kamen Zitrusfrüchte und anderes Obst hinzu. In den 1930er Jahren würde Clark Ashton wie so viele Gelegenheitsarbeiter in den Sommermonaten auf den Plantagen schuften. Eine scharfe soziale Polarisation gehörte also beinah von den ersten Tagen an zu den Grundzügen des Sonnenstaates.
 
Mittelpunkt der jungen kalifornischen Literaturszene war die legendäre "Golden Gate Trinity" Bret Harte, Ina Coolbrith und Charles W. Stoddard, unter deren Leitung im Juli 1868 die erste Ausgabe des Overland Monthly erschien, der für lange Zeit die wichtigste literarische Plattform des Goldenen Staates bleiben sollte und in der auch noch Clark Ashton sein Debut geben würde. Anfangs gehörte auch der junge Mark Twain zu der Gruppe, doch verließ er bereits 1869 die Stadt und machte sich auf eine Europareise. Zwei Jahre später ging Harte an die Ostküste. Dafür gesellten sich Ambrose Bierce und Joaquin Miller zu dem literarischen Kreis, der von Beginn an stark bohèmehafte Züge trug. Bret Harte benutzte sogar das Pseudonym "The Bohemian" und seine Kolumne in der Zeitschrift The Golden Era trug den Titel "The Bohemian Feuilleton".
Noch war das anarchische Lebensgefühl der Pionierzeit sehr lebendig. Niemand verkörperte dies besser als der exzentrische "Byron der Sierras" Joaquin Miller. Bevor er 1870 von Ina Coolbrith in den Kreis um den Overland Monthly eingeführt wurde, war er u.a. Goldsucher, Reiter beim Ponyexpress, Pferdedieb und Richter in Oregon gewesen. Außerdem hatte er ein Jahr lang unter den Modoc-Indianern gelebt und eine der ihren zur Frau genommen. Seinen Künstlernamen – eigentlich hieß er Cincinnatus Hiner Miller – borgte er sich von dem berühmt-berüchtigten Outlaw Joaquin Murrieta, dem Robin Hood von El Dorado, der nebenbei bemerkt eine der Inspirationen für Johnston McCulleys Figur des Zorro in The Curse of Capistrano gewesen sein soll. Aber nicht nur die Vergangenheit, das Erbe der wilden Tage des Goldrauschs, trug zur Herausbildung einer Bohème-Kultur bei. Mindestens ebenso wichtig und mit den Jahren immer wichtiger war der Charakter der Gegenwart – einer Gegenwart, von der die Künstler sich innerlich abzugrenzen versuchten, weil sie sie aus gutem Grund verabscheuten.

Der 1865 zuendegegangene Bürgerkrieg hatte die Macht der Südstaatenoligarchie gebrochen, das System der Sklaverei zerschmettert und die Weichen gestellt für Amerikas Aufstieg zur größten Industriemacht der Welt. Es begann "das vergoldete Zeitalter" – "The Gilded Age" –, eine Ära von nie dagewesenem ökonomischen Wachstum, von unbeschreiblichem Luxus und ebenso großem Elend. Es war die Epoche der "robber barons", schlauer, energischer und rücksichtsloser Industrie- und Finanzmagnaten vom Schlage eines John D. Rockefeller, J. Pierpont Morgan oder Andrew Carnegie, die in kürzester Zeit fabelhafte Reichtümer anzuhäufen vermochten und den amerikanischen Millionär zu einer sprichwörtlichen Figur machten. Die Republikanische Partei, eben noch die Führerin im Bürgerkrieg, "Retterin der Union" und "Befreierin der Sklaven", verwandelte sich in das willfährige Werkzeug des Geldadels. Abraham Lincoln und Thaddeus Stevens hätten ihre Partei schon nach wenigen Jahren nicht mehr wiedererkannt. Die Korruption erreichte bisher ungekannte Ausmaße. Der Dollar regierte mit geradezu unverschämter Offenheit. Der neuenglische Dichter und Abolitionist James Russell Lowell, der 1865 bei der Nachricht von General Lees Kapitulation ausgerufen hatte „There is something magnificent in having a country to love!“, musste sich elf Jahre später beim Anblick seines Vaterlandes die Frage stellen: „Is ours a ‘government of the people, by the people, for the people,’ or a Kakistocracy [Herrschaft der Schlechtesten], rather for the benefit of knaves at the cost of fools?“ (8) Die Konzentration des Kapitals schritt in Siebenmeilenstiefeln voran und gebar schließlich die riesigen Monopole und Trusts wie Standard Oil oder US Steel. Die USA wurden endgültig zum Gelobten Land des Kapitalismus.

Am 10. Mai 1869 war in Promontory/Utah feierlich der goldene Nagel eingeschlagen worden, der die Schienenstränge der Union Pacific und der Central Pacific Railway miteinander verband. Damit war die erste transkontinentale Eisenbahnverbindung fertiggestellt und die wirtschaftliche Entwicklung Kaliforniens erhielt einen neuen mächtigen Anstoß. In Rekordzeit verwandelte der Kapitalismus das Antlitz des Sonnenstaates. Karl Marx schrieb 1880 in einem Brief an seinen nach Amerika ausgewanderten Freund Friedrich Sorge: „Kalifornien ist mir sehr wichtig, weil nirgendwo sonst die Umwälzung durch kapitalistische Zentralisation in der schamlosesten Weise sich vollzogen hat – mit solcher Hast." Die Macht des monopolisierten Kapitals verkörperte sich am augenscheinlichsten in den riesigen Eisenbahnunternehmen, Frank Norris’ „leviathan, with tentacles of steel clutching into the soil, the soulless Force, the iron-hearted Power, the monster, the Colossus, the Octopus.“ (9) Die "Big Four" Stanford, Huntington, Crocker & Hopkins waren Kaliforniens berüchtigste "robber barons" – Eigner der Southern Pacific Railroad und mit ihren Fähren und Dampfschiffen Herren des Handels in San Francisco, residierten sie Renaissancefürsten gleich in ihren gewaltigen Villen auf Nob Hill. Ihre Dollars bestimmten über Jahrzehnte wer am Goldenen Tor Bürgermeister, Gouverneur oder Senator wurde.
Leidtragende dieser Entwicklung waren natürlich die Lohnarbeiter, die Farmer und die kleinen Gewerbetreibenden, zumal die USA in den 70er Jahren von einer tiefen Rezession erfasst wurden. Im März 1878 erklärte die Farmervereinigung ("Grange") im nordkalifornischen Ferndale: „The toiling masses of this country are today to the banks and corporations what the peons of Mexico are to the aristocracy of that so called Republic." (10) Und im Vorwort zu seinem 1879 erschienen Buch Progress and Poverty schrieb der in San Francisco ansässige Henry George, Amerikas berühmtester Sozialreformer des 19. Jahrhunderts:
 
Where do we find the deepest poverty, the hardest struggle for existence, the greatest enforced idleness? Why, wherever material progress is most advanced. [...] Unpleasant as it may be to admit, it is at last becoming evident that progress has no tendency to reduce poverty. The great fact is, poverty, with all its ills, appears whenever progress reaches a certain stage. Poverty is, in some way, produced by progress itself. [...] This relation of poverty to progress is the great question of our time. It is the riddle that the Sphinx of Fate puts to us. If we do not answer correctly, we will be destroyed.
 
Es war jedoch weniger dieses "Rätsel der Sphinx" – das Nebeneinander von stürmischem Wachstum und zunehmender Armut –, was es den Künstlern unmöglich machte, sich mit der Gesellschaft des Gilded Age zu identifizieren, als vielmehr deren unerträgliche Vulgarität. Denn auch wenn das heutzutage manch einer zu glauben scheint, ist wahre Kunst doch unvereinbar mit der nackten Verehrung von Gier und Reichtum. Der Tanz ums Goldene Kalb ist nie ein besonders ästhetischer Tanz gewesen. H. P. Lovecraft hatte nicht so unrecht, als er die bourgeoise Elite jener Tage als „crude, half-educated clods“ bezeichnete, „whose systematically perverted ideals (worship of low cunning, material acquisition, cheap comfort & smoothness, worldly success, ostentation, speed, intrinsic magnitude, surface glitter, &c.) prevented them from ever achieving the tastes and perspectives of the gentlefolk whose dress & speech & external manners they so assiduously mimicked.“ (11) In seinen Kurzgeschichten schildert uns Ambrose Bierce die neureiche Bourgeoisie Kaliforniens als einen Haufen eingebildeter und unkultivierter Emporkömmlinge, die quasi über Nacht zu ungeheurem Reichtum gekommen sind und sich nun nach Kräften bemühen, zu vergessen, dass ihr Besitz dem primitiven und gewalttätigen Milieu der schmutzigen Goldgräberstädtchen der Sierras entsprungen ist. Aus dieser Schicht gingen die Morses, Hapgoods und Blounts hervor, denen wir in Jack Londons Martin Eden begegnen: Kleingeistige Spießer, die sich an der viktorianischen Literatur erbauen und ihre vulgäre Existenz mit Tennysons Visionen von Ritterlichkeit und reiner Liebe zu veredelnsuchen, dabei geflissentlich alles ignorierend, was den Dichter der Idylls of the King über ihre Welt stumpfsinniger Bürgerlichkeit hinaushob. „The world has turn’d shopkeeper“, wie sich Joaquin Millers byronesker Held Don Carlos ausdrückt. (12)

Abgesehen von dem streitlustigen Bierce suchten die meisten Vertreter des San Franciscoer Kreises keine offene Konfrontation mit der Elite des Gilded Age. Einer direkten Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit gingen sie in ihrer Kunst eher aus dem Wege. Dafür ist in ihren Werken sehr deutlich das Verlangen nach einem Leben zu spüren – erfüllter, leidenschaftlicher, natürlicher und schöner als die bürgerliche Existenz. Das imaginierte Ziel konnte dabei sehr unterschiedliche Formen annehmen.
  
Bret Harte mag noch am bodenständigsten wirken, wenn er von den Goldgräbern, Glücksspielern und Huren der Pionierzeit erzählt. Doch in Wahrheit ging es ihm nicht darum, ein realistisches Bild des Lebens in den Camps der 50er Jahre zu zeichnen. Schon zu seinen Lebzeiten machte man ihm den Vorwurf, er habe in seinen Stories die Tage der Argonauten romantisch verklärt. Worauf Charles W. Stoddard erwiederte: „If he portrays only their pictorial or poetical or romantic features, all the better; the commonplace we have always with us, and it was no more tolerable then than it is now.“ (13) Damit charakterisierte Stoddard sehr treffend die eigentliche Bedeutung der farbenfrohen Schnurren seines Freundes. Hartes nostalgischer Blick auf die Zeit des Goldrauschs entsprach ganz einfach den Sehnsüchten seiner Leser nach einem freieren Leben. 
 
Doch waren die Verbindungslinien, die von dort zur Gegenwart führten, nicht zu direkt? War die Gier des Gilded Age nicht das legitime Kind des rauen Individualismus der Forty-niner, und musste man die ersehnte Alternative deshalb nicht in fremderen Gefilden suchen? Wie stand es z.B. um die untergehende Welt der Indianer? Die Jahre nach dem Bürgerkrieg waren die Zeit des letzten verzweifelten Widerstandes der Ureinwohner, jener heroischen Kämpfe, die Namen wie Sitting Bull und Crazy Horse, Geronimo und Cochise unsterblich gemacht haben. War es nicht naheliegend, sich mit dem traurigen Schicksal der Stämme zu identifizieren, auf deren Leichen das "vergoldete Zeitalter" errichtet wurde? Wenn Joaquin Miller in Shadows of Shasta eine wütende Anklage gegen die völkermörderische Politik der Regierung erhob, so lag dem sicher ehrliche Sympathie für ein Volk zugrunde, mit dem er ein Jahr lang zusammengelebt und das er zu respektieren gelernt hatte. Doch damals wie heute interessierten die Indianer nicht so sehr als reale, lebendige Menschen, sondern hauptsächlich als Projektionsfläche für die Sehnsüchte der weißen Künstler. Die stolzen Indianerkrieger in Millers Songs of the Sierras sind mythische Gestalten, tragische Vertreter eines edleren Zeitalters, vom Schicksal zum Untergang verurteilt, doch ungebrochen noch in ihrem Fall; die indianischen Mädchen schwarzäugige, leidenschaftliche "Töchter Montezumas", Kinder der Natur und der Sonne.
 
Dieselbe romantische Sehnsucht ließ Charles W. Stoddard einen melancholischen Blick zurück auf die Ära der franziskanischen Missionen werfen. Die Padres mit ihren riesigen, von indianischen "Konvertiten" bestellten Landgütern repräsentierten für ihn eine humanere, wahrhaft christliche Zeit: „That was, indeed, the golden age of the California missions; everybody was prosperous and proportionately happy.“ (14) Dem entbehrt nicht eine gewisse Ironie, verklärte Joaquin Millers Freund damit doch eine Institution, die ganz entscheidend zur Zerstörung der indianischen Kultur und Gesellschaft beigetragen hatte – wenn auch nicht mittels brutaler Ausrottung, sondern durch christliche "Umerziehung", Ansiedlung und "disziplinierte" Arbeit. Man fühlt sich ein wenig an die deutschen Romantiker erinnert, die das feudale Mittelalter als den Gipfelpunkt der europäischen Zivilisation verherrlichten. Allerdings vermitteln Stoddards Schriften den Eindruck, als sei es vor allem der melancholische Zauber der halbzerfallenen Kirchen und Missionsgebäude, der verblassenden Heiligenbilder und überwucherten Klostergärten gewesen, der die Liebe zur Welt der Padres in ihm geweckt hatte.

Ina Coolbrith schlug einen scheinbar völlig anderen Weg ein. Liest man ihre Songs from the Golden Gate, dann fällt einem vor allem auf, dass sie Schönheit ganz ausdrücklich im Unscheinbaren und Vergänglichen sucht: Ein Gänseblümchen, ein zwitscherndes Rotkehlchen, ein sonniger Frühlingstag in der Natur, ein flüchtiger Moment des Glücks. Man kann das natürlich furchtbar sentimental finden – "typisch Frau!" –, doch indem die Dichterin diesen Zug ihrer Lyrik so deutlich hervorhebt, scheint er mir eine besondere Bedeutung zu erlangen. Er wird zum Gegenentwurf angesichts der Gigantomanie des Gilded Age, einer Ära, in der man halbe Berge abträgt, um der Erde ihre Schätze zu entreißen, einen ganzen Kontinent in Rekordzeit mit einem Netz von Eisenbahnen überzieht und ‘Industriekapitäne’ als moderne Helden feiert, „who made a romance of money-making and who had dreams of empire unequaled by many kings of the past.“ (15) 

Neben all dem lockte schon damals die funkelnde See jenseits des Goldenen Tores zur Flucht in die tropischen Paradiese der Südsee, nach Hawaii oder Tahiti. Stoddard folgte mehr als einmal diesem verführerischen Ruf und verarbeitete seine Erlebnisse in Büchern wie South-sea Idylls. Wir werden später etwas genauer auf diesen Fluchtweg zurückkommen, denn er spielte auch für Clark Ashton Smith eine nicht unwichtige Rolle, obwohl dieser Kalifornien niemals verließ.

In einer der ersten Ausgaben des Overland Monthly erschien ein Artikel von George F. Parsons mit dem Titel What is Bohemianism?, der mit folgenden programmatischen Sätzen schloss: 
 
[T]he mission of Bohemianism in the nineteenth century is a mission of progress and enlightenment. By weary travel in foreign lands; by stubborn researches amid the graves of buried theories; by dauntless advancement of theses which an Old World, centuries ago, heard, and denounced, and crushed out with the iron heel of armed ignorance; by patient investigation and earnest thought, and ceaseless yearning after light and truth, they make their way. [...] truth-seekers and expounders, light-seekers and diffusers, liberty-seekers and bestowers. (16)

 
Ein hehres Ideal – aber wurden die Bohèmiens von San Francisco ihm wirklich gerecht? Bei allen Unterschieden hatten die Westküstenromantiker doch eines gemein: Sie sahen sich offenbar nicht in der Lage, dem triumphierenden Kapitalismus ihrer Tage eine wirkliche Alternative entgegenzustellen. So wie sie den Völkermord an den Indianern als ein tragisches, letztlich jedoch unaufhaltsames historisches Geschick betrachteten, standen sie auch den gesellschaftlichen Umwälzungen des Gilded Age weitgehend hilflos gegenüber. Sie konnten keine soziale Kraft ausmachen, die es mit den "robber barons" hätte aufnehmen und der amerikanischen Gesellschaft den Weg in eine bessere Zukunft hätte eröffnen können. Was blieb war der Blick zurück auf vergangene Zeiten, die Flucht in exotische Regionen oder der Rückzug in Ina Coolbriths kleinen Garten der bescheidenen Schönheit.

(Teil 2) * (Teil 3) * (Teil 4)



(1) Clark Ashton Smith (CAS) an George Sterling (GS) (27.1.1914). In: David E. Schultz & S.T. Joshi (Hg.): The Shadow of the Unattained. S. 102.
(2) CAS an Samuel J. Sackett (30.6.1949). In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 359.
(3) CAS an H.P. Lovecraft (HPL) (9.5.1926). In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 86.
(4) Vgl.: The Black Book of ClarkAshton Smith. § 18. / CAS an Margaret & Ray St. Clair (23.5.1933). In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 207f.
(5) Spitzname für die kalifornischen Goldgräber; nach dem antiken Heroen Jason und seinen Gefährten, die sich mit dem Schiff Argos – darum Argonauten – nach Kolchis aufmachten, um das Goldene Vlies zu erringen.
(6) Charles W. Stoddard: Old Days in El Dorado. In: Ders.: In the Footprints of the Padres. S. 66f.; 101.
(7) Zit. nach: James J. Rawls: A Golden State: An Introduction. In: James J. Rawls/ Richard J. Orsi (Hg.): A Golden State. Mining and Economic Development in Gold Rush California. S. 7f.
(8) Zit. nach: Charles A. & Mary R. Beard: History of the United States. Kap. 17.
(9) Frank Norris: The Octopus. A Story of California. S. 48.
(10) Zit. nach: Daniel Cornford: To Save the Republic. The California Workingmen’s Party in Humboldt County. In: Daniel Cornford (Hg.): Working People of California. S. 298.
(11) H. P. Lovecraft: Selected Letters. Bd. V. S. 397f.
(12) Joaquin Miller: Ina. In: Ders.: Songs of the Sierras. S. 167.
(13) Charles W. Stoddard: Early Recollections of Bret Harte. In: Ders.: Exits and Entrances. A Book of Essays and Sketches. S. 242.
(14) Charles W. Stoddard: Old Days in El Dorado. In: Ders.: In the Footprints of the Padres. S. 84. 
(15) Charles A. & Mary R. Beard: History of the United States. Kap. 18.
(16) Overland Monthly and Out West Magazine. Vol. 1; Issue 5; November 1868. S. 430.