"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 29. Oktober 2017

Der schweigende Stern

Dass Deutschland für seine Science Fiction - Filme berühmt wäre, würde vermutlich niemand zu behaupten wagen. Natürlich existieren da solche Klassiker wie Fritz Langs Metropolis (1927) und seine Frau im Mond (1928/29) – die ich nebenbei bemerkt alle beide gar nicht so dolle finde –, aber spätestens im Nachkriegsfilm sieht es in Bezug auf das Genre dann doch recht duster aus. Zwar brachten die 70er Jahre hierzulande noch einmal solche Juwelen wie Tom Toelles Das Millionenspiel (1970) und Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht (1973) hervor {die beide wohl nicht zufällig fürs Fernsehen, nicht fürs Kino produziert wurden},  aber wenn man nach einem Gegenstück zum angloamerikanischen SciFi-Film der 50er/60er Jahre mit seiner starken Pulp-Prägung Ausschau halten wollte, sähe die Ausbeute in der Tat ziemlich mau aus. 

Oder vielleicht doch nicht? Immerhin gibt es da ja den DEFA-Streifen Der schweigende Stern aus dem Jahr 1960, eine polnisch-ostdeutsche Koproduktion. Zwar schreibt der deutsch-vietnamesische Filmemacher Huan Vu (Die Farbe [2010]) in seinem sehr lesenswerten Essay Die Gedanken sind frei wohl nicht zu unrecht über die parteidiktierte Linie in der SF der DDR: "Deutlich sichtbar ist der Wunsch, sich von den Genre-Entwicklungen in der westlichen Welt unbedingt distanzieren zu müssen. Es war ideologisch so gut wie verboten, ähnlich zu erzählen und zu inszenieren, wie es in den USA oder Westeuropa üblich war." Dennoch ist es ziemlich offensichtlich, dass Der schweigende Stern als bewusste Antwort auf amerikanische SciFi-Streifen wie Forbidden Planet (1956) konzipiert war, wobei Abgrenzung und Nachahmung Hand in Hand gingen.

Der Film kam drei Jahre nach dem Start von Sputnik 1 und ein Jahr vor Juri Gagarins erstem Raumflug in die Kinos – zu einer Zeit also, als die Sowjetunion im Wettlauf zu den Sternen noch ganz klar die Nase vorn hatte. Kein Wunder, dass selbst die von Berufs wegen fantasielosen stalinistischen Kulturbürokraten der Science Fiction plötzlich etwas abzugewinnen vermochten. 
Die Leitung des Projektes übernahm Kurt Maetzig, einer der Mitbegründer und leitenden Filmemacher der DEFA. 
Mit Filmen wie seiner zweiteiligen Ernst Thälmann - Hagiographie (1954/55), die den militanten Hamburger Arbeiterführer, der 1925 als persönlicher Handlanger Stalins an die Spitze der KPD aufgestiegen und 1944 im KZ Buchenwald ermordet worden war, zu einem unfehlbaren "sozialistischen" Heiligen und Märtyrer heraufstilisierte, hatte Maetzig seine Linientreue im Grunde ausreichend unter Beweis gestellt.  Zwar würde ihm fünf Jahre später Das Kaninchen bin ich (1965) den Zorn der Parteiführung einbringen und zu einer jener demütigenden öffentlichen Selbstanklagen führen, zu denen sich viele Künstler & Künstlerinnen in den stalinistischen Staaten immer wieder gezwungen sahen, aber das wäre zu diesem Zeitpunkt noch kaum abzusehen gewesen. Mäetzig war kein heimlicher Dissident.
Dennoch wurde Der schweigende Stern während seiner Entwicklung einer scharfen ideologischen Kontrolle unterworfen. Die zensorische Oberaufsicht übernahm dabei Herbert Volkmann, der schon seit Gründung der DEFA zu den berufenen Wächtern der ideologischen Reinheit im Filmwesen der DDR gehörte. Volkmanns Eingriffe verzögerten die Produktion immer wieder und führten zum Mitwirken von sage und schreibe zwölf Drehbuchschreibern, die das Script eins ums andere Mal überarbeiten mussten, bis es den offiziellen Segen erhielt.
Als Vorlage diente Stanislaw Lems 1951 erschienener Debütroman Astronauci, den der gute Bartholomäus Figatowski vor ein paar Monaten auf seinem Blog Metaphernpark besprochen hat. Der Autor fand den Film offenbar hundsmiserabel, wie man in dieser ausführlichen Rezension von Michael Haul nachlesen kann. Aber das braucht uns nicht weiter zu stören. Versuchen wir uns lieber selbst ein Bild zu machen.

   
Den DEFA - Trailer kann man sich hier anschauen, aber da ich mir die unter dem Titel First Spaceship on Venus bekannte amerikanische Fassung des Streifens angeschaut habe, dachte ich mir, dieser US-Trailer sei angemessener. Auch finde ich es irgendwie amüsant, wie ein DDR-Film hier auf exakt die gleiche Weise beworben wird, wie jeder x-beliebige amerikanische SciFi - Flick der Zeit.

Als bei Bewässerungsarbeiten in der Wüste Gobi eine geheimnisvolle Spule außerirdischer Herkunft entdeckt wird, stecken die größten Wissenschaftler der Welt ihre Köpfe zusammen, um das Rätsel zu lösen. Ihre Untersuchungen führen zu der spektakulären Erkenntnis, dass der vermeintliche Meteoriteneinschlag von Tunguska (1908) in Wahrheit die Explosion eines venusianischen Raumschiffs war, dessen Black Box die Forscher mit der mysteriösen Spule in Händen halten. Trotz aller Anstrengungen gelingt es jedoch nicht, deren Inhalt vollständig zu decodieren. Auch werden alle Versuche, Funkkontakt zur Venus aufzunehmen, mit Schweigen beantwortet. Also beschließt man, ein internationales Expertenteam mit dem hypermodernen Raumschiff Kosmokrator zu unserem Nachbarplaneten zu schicken. Während des Flugs dämmert es den Kosmonauten allerdings, dass es sich bei dem Tunguska-Schiff um den Vorboten einer Invasionsstreitmacht gehandelt haben muss. Warum der Angriff von der Venus nie erfolgte, bleibt rätselhaft, doch ist zu vermuten, dass die Kosmokrator-Mannschaft kein gastlicher Empfang erwarten wird. Die Wissenschaftler setzen ihre Reise dennoch fort und stoßen schließlich auf eine offenbar ausgestorbene Welt. Sie beginnen, die bizarre Landschaft des "schweigenden Sterns" zu erkunden, und gelangen nach und nach zu der Erkenntnis, dass sich die Venusbewohner mit ihren eigenen, monströs "fortschrittlichen" atomaren Waffen, die eigentlich der Eroberung der Erde dienen sollten, selbst zerstört haben. Als einige der Forscher unwissentlich die venusianische Superwaffe reaktivieren, eskaliert die Lage dramatisch.   .

Aus der US-Version des Films wurden selbstverständlich alle gar zu offenen propagandistischen Elemente entfernt. Insbesondere jede Erwähnung des Manhattan-Projekts und des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, sowie eine Szene mit ein paar fiesen amerikanischen Kapitalisten. Was dem Film meiner Ansicht nach jedoch nicht schadet. Vielmehr denke ich, dass die Szene, in der die japanische Ärztin Sumiko Omigura die von der Hitzwelle einer nuklearen Detonation in den Felsen eingebrannten Schattenrisse zweier Venusianer entdeckt, sehr viel eindringlicher wirkt, wenn uns zuvor nicht bereits immer wieder die offensichtliche Parallele zu Hiroshima eingehämmert wurde. Und auf simplistische Karrikaturen böser Yankee-Imperialisten kann ich im Grunde auch dankend verzichten.

Etwas ärgerlicher ist es da schon, dass die nationale Zusammensetzung der Kosmokrator-Mannschaft durcheinander gewirbelt wurde.
Dass die Mission nicht länger von dem Russen Arsenjew (Michail N. Postnikow), sondern von dem Amerikaner Heddingway angeführt wird, versteht sich beinah von selbst. Immerhin verwandelte man im Gegenzug den amerikanischen Atomphysiker Hawling (Oldrich Lukes) in einen {vermutlich} russischen Professor Orloff. {Ironischerweise ist Hawling ein leidenschaftlicher Schachspieler, was ja recht gut zum Klischeebild eines russischen Wissenschaftlers passt!}
Der deutsche Pilot Robert Brinkmann (Günther Simon) kann in der synchronisierten Fassung ohne große Veränderungen als amerikanisch durchgehen. Doch warum sah man sich dazu veranlasst, den polnischen Kybernetiker Soltyk (Ignacy Machowski) in den Franzosen Durand zu verwandeln?
Unverändert erhalten geblieben sind nur der chinesische Linguist und Biologe Tschen Yü (Tang-Hua Ta), die japanische Medizinerin Sumiko Omigura (Yoko Tani), der indische Wissenschaftler Sikarna (Kurt Rackelmann) sowie der "afrikanische" Funker Talua (Julius Ongewe). {Sich ein konkretes Herkunftsland für Talua auszusuchen, war den Drehbuchschreibern offenbar zu mühselig.}

Der internationale Charakter der Mission gehört zweifellos zu den sympathischen Zügen des Schweigenden Sterns. Und gegen die Antikriegsbotschaft lässt sich natürlich auch nichts einwenden.Dennoch macht es einem der Film nicht eben leicht, ihn zu mögen.

Jim Morton schreibt auf seinem East German Cinema Blog: "CIP bought the distribution rights to The Silent Star, dubbed it (badly), and chopped fifteen minutes out of it, rendering the already complicated story nearly incomprehensible." Dass die von Newton P. Jacobs' B-Movie-Schmiede Crown International Pictures in Auftrag gegebene Synchronisation mies ist, würde ich nicht in Frage stellen wollen. Doch der Grund für das eigenartig Verwirrende der Handlung ist denke ich weniger in den zensorischen Eingriffen des US-Verleihs zu suchen. Sei es, dass Kurt Maetzig für einen Film dieser Art einfach der falsche Mann war, sei es, dass die permanenten Änderungs"wünsche" der von Herbert Volkmann vertretenen stalinistischen Kulturbehörden eine organische Entwicklung des Projektes unmöglich machten, die Dramaturgie des Filmes wirkt auf jedenfall äußerst steril und dröge.
Zu keinem Zeitpunkt fühlt man sich von dem Geschehen auf der Leinwand richtig gepackt. Selbst wenn unsere Helden sich mit potentiell tödlichen Meteoritenschauern oder wüsten Venusstürmen herumschlagen müssen, kommt nie wirkliche Spannung auf. Ja selbst eine Notreperatur, die an der Außenhülle des Kosmokrator vorgenommen werden muss, wirkt extrem undramatisch. Der Film schleppt sich in einer schwer zu beschreibenden Gleichförmigkeit dahin, die dazu führt, dass die eigentlich ziemlich gradlinige Handlung einen seltsam verworrenen und schwer zu folgenden Eindruck hinterlässt, da nichts dramatisch akzentuiert wird. Alles bleibt sozusagen auf der gleichen Ebene. Wenn Hawling vergeblich versucht, Soltyks Superroboter Omega beim Schach zu schlagen, wirkt das ebenso ebenso dramatisch oder undramatisch, wie wenn Brinkmann mit dem Beiboot die Landung auf der Venus wagt. Szenen, die in thematischer Hinsicht entscheidende Fix- oder Höhepunkte der Handlung hätten sein müssen, werden in keiner Weise filmerisch-erzählerisch hervorgehoben und drohen deshalb, sang- und klanglos unterzugehen. Inhaltlich betrachtet hätte der Film in zwei Szenen kulminieren müssen: Sumikos Konfrontation mit den eingebrannten "Schatten" und Tschen Yüs und Sumikos Entdeckung, dass es doch noch Leben auf der Venus gibt: Die Warnung vor dem Horror eines Atomkriegs einerseits – das Zeichen der Hoffnung andererseits. Doch der Film tut nichts, um diese Wirkung beim Publikum hervorzurufen.
Natürlich hilft es auch nicht gerade, dass sämtliche Mitglieder der Crew als Charaktere äußerst blass bleiben.
Ironischerweise fühlt man sich gleichzeitig dazu gedrängt, es zu begrüßen, dass der einzige ernsthafte Versuch, die Beziehungen unter ihnen mernschlich zu vertiefen, schon im Ansatz stecken bleibt: Offenbar dachten die Drehbuchschreiber, dass das Hinzufügen einer Frau zum Kosmokrator - Team {in Lems Roman ist die Crew rein männlich} notwendigerweise mit einer Liebesgeschichte verknüpft werden müsste. Also gab man Brinkmann und Sumiko eine nur vage angedeutete gemeinsame romantische Vergangenheit. Immerhin beweist die Medizinerin in ihrer Reaktion auf die erneuten Annäherungsversuche des Piloten eine gewisse Professionalität. Dennoch darf man sich glücklich schätzen, dass diese klischeehafte Storyidee schon bald fast völlig fallengelassen wird und im weiteren Verlauf der Handlung so gut wie keine Rolle spielt.        

Wenn Der schweigende Stern dennoch einen Besuch lohnt, so beinah ausschließlich aufgrund der phantastischen Kulissen und Modelle, die das Produktionsteam mit großem Aufwand in den Babelsberger Studios kreierte.
Die Leitung oblag dabei dem alten SFX-Veteranen Ernst Kunstmann, der in den 20er Jahren an der Entwicklung des Schüfftan-Spiegeltrick-Verfahrens beteiligt gewesen war, und an der Produktion von Klassikern wie Fritz Langs Der müde Tod (1921), Metropolis (1927) und Das Testament des Dr. Mabuse (1933) sowie F.W. Murnaus Der letzte Mann (1924) mitgewirkt hatte. Über seine politischen Überzeugungen ist mir nichts bekannt, aber offenbar konnte er seine Arbeit im Dritten Reich problemlos fortsetzen, u.a. bei Leni Riefenstahls berüchtigtem Triumph des Willens (1935), der antibritischen Titanic (1943) und Münchhausen (1943). Zu DDR-Zeiten konnte er sein Talent vor allem bei den DEFA-Märchenfilmen Das kalte Herz (1950), Die Geschichte vom kleinen Muck (1953), Das singende, klingende Bäumchen (1957) und Das Feuerzeug (1958) unter Beweis stellen. Seiner Tochter und Mitarbeiterin Vera zufolge bereiteten ihm diese "am meisten Freude [...] Da konnte er sich so richtig ausleben."
Irgendwer hat auf Twitter mal die Frage in den Raum gestellt, ob Der schweigende Stern nicht eine der Inspirationen für Mario Bavas grandiosen SciFi - Horror - Mix Terrore nello spazio / Planet of the Vampires (1965; vgl. hier) gewesen sein könnte. Wie wahrscheinlich das ist, kann ich nicht abschätzen. IMDB zufolge gibt es zwar eine italienische Fassung des Films (Il pianeta morto aka Sojoux 111 terrore su Venere), doch wann diese dem Publikum erstmals zugänglich gemacht wurde, wird dort nicht genannt. Natürlich könnte Bava auch die 1962 herausgekommene US-Version gesehen haben. Aber wie dem auch sei, ich denke in stilistischer Hinsicht sind die Unterschiede doch ziemlich groß.
Wenn die These trotzdem nicht völlig aus der Luft gegriffen scheint, so weil die Venuslandschaft des Schweigenden Sterns bei aller Unterschiedlichkeit in der Tat gleichfalls wunderbar bizarr und beinah surrealistisch wirkt. Die wahren Stars des Filmes sind nicht die schablonenhaften Kosmonauten, sondern der groteske "gläserne Wald", der sich als Teil der venusianischen Superwaffe entpuppt, die "weiße Kugel" und die zerschmolzenen Überreste der Venusmetropole, die konische Miniversion des Turms von Babel, über deren gewendelte Außenrampe unsere Helden vor einem "Blob" - mäßigen Monstrum flüchten.
Sie sind es, die den DEFA-Streifen trotz aller Schwächen zu einem kleinen Klassiker des Science Fiction - Films machen.


Samstag, 28. Oktober 2017

Strandgut der Woche

Samstag, 21. Oktober 2017

Strandgut der Woche

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E04: "Horizon"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Zu den Drehbuchschreibern, die während der zweiten Staffel von Blake's 7 zum Team stießen, gehörte auch Allan Prior. 

Einen Namen hatte der Autor sich bis dahin vor allem durch seine prägende Mitarbeit an der Polizeiserie Z-Cars (1962-1978) gemacht. Die Serie darf als ein Produkt der von Hugh Carleton Greene als General Director der BBC zu Beginn der 60er Jahre eingeleiteten Wende gelten, in deren Verlauf der Sender sich von seiner traditionellen Orientierung an Geschmack und Moral der Mittelklasse distanziert, zahlreichen jüngeren {und oft politisch links stehenden} Talenten ein Betätigungsfeld eröffnet und ganz allgemein einen schärferen Blick auf die gesellschaftliche Realität und eine sehr viel größere Experimentierfreudigkeit kultiviert hatte.* Im Vergleich zu älteren Polizeiserien zeichnete sich Z-Cars durch einen härteren Realismus aus, der die soziale Wirklichkeit von nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Arbeitersiedlungen wie Kirby bei Liverpool beleuchtete. Prior selbst sagte einmal über seine Arbeit an ihr: "I prefer it to a prestige single play because it's topical and about the working class."

Das Szenario für Allan Priors erstes Blake's 7 - Script sollte sich angeblich an Uganda orientieren. Nun muss ich zugeben, dass ich mit der Geschichte dieser afrikanischen Nation in keiner Weise vertraut bin, aber auch eine kurze Lektüre der entsprechenden Wikipedia-Einträge hat mir keine direkten Berührungspunkte zeigen können. So weit ich das beurteilen kann, beschäftigt sich Horizon zwar ohne Frage mit Kolonialismus – vielleicht auch mit einigen spezifischeren Charakteristika des britischen Imperialismus –, doch irgendwelche Anspielungen auf das Schicksal eines bestimmten englischen "Protektorats" habe ich nicht entdecken können. Da das "einheimische" Herrscherpaar von Darien Angadi und Souad Faress gespielt wird – er von teilweise indischer, sie von teilweise syrischer Abstammung –, war ich – wenn schon – eher geneigt, an die britische Kolonialherrschaft in Indien oder dem Nahen Osten zu denken.** Auch wenn das eigentliche Setting dafür gleichfalls kaum weitere Anknüpfungspunkte bietet.

Auf der Liberator herrscht ziemlich miese Stimmung. Zwar befindet sich das Schiff weit außerhalb der Grenzen der Föderation, und Verfolger sind nicht in Sicht, doch der permanente Stress, unter dem sich unsere Helden & Heldinnen nun schon seit geraumer Zeit befinden, hat in körperlicher wie psychischer Hinsicht deutliche Spuren hinterlassen. Ohne die schier unerschöpflichen Reserven an Aufputschmitteln, mit denen die Liberator gesegnet zu sein scheint, wären sie vermutlich alle längst zusammengebrochen. Ist die Crew schon an guten Tagen selten ein Herz und eine Seele, herrscht nun erst recht eine äußerst angespannte Atmosphäre unter ihnen. Als auf einmal ein Transporter der Föderation in der als unbewohnt geltenden Region aufkreuzt, und Blake beschließt, dem Schiff zu dem weit abgelegenen Planeten "Horizon" zu folgen, hebt das die allgemeine Stimmung nicht gerade, zumal der selbstherrliche Freiheitskämpfer es einmal mehr nicht für nötig empfindet, die Meinung seiner Kameraden & Kameradinnen einzuholen.
Obwohl sie sehr viel lieber in ihrer Kabine im Bett liegen würde, als auf neue Abenteuer auszuziehen, erklärt sich Jenna bereit, Blake auf die Oberfläche zu begleiten. Der Grund, warum er ausgerechnet sie dabei haben will, ist einfach: "Avon might run. But he probably won't without a first-class pilot."
Die beiden habe gerade genug Zeit, um eine Mine zu entdecken, in der Sklaven unter der Aufsicht von Föderationssoldaten malochen, als sie auch schon überwältigt und gefangengenommen werden. Sie treffen Ro (Darien Angadi), den Herrscher des Planeten. Auf die Frage, ob es sich bei seiner Welt um eine Kolonie der Föderation handele, antwortet er: "I dislike the word 'colony.'", aber es wird ziemlich schnell klar, dass "Horizon" genau das ist, wenn auch nicht dem Namen nach. Der Transporter, dem die Liberator gefolgt ist, hat Ros alten Föderations-Mentor, den "Kommissar" (William Squire), hierher gebracht, der augenblicklich die Leitung des Verhörs an sich reißt und Blake & Jenna foltern lässt. Ro scheint nicht wirklich glücklich mit dieser Entwicklung zu sein, aber er wagt es nicht, seinem ehemaligen Lehrmeister zu widersprechen, hat er doch die Lügen geschluckt, die ihm im "Central Educational Complex" eingetrichtert wurden. Er glaubt ermsthaft, dass die Föderation seinem Volk der "Wilden" Zivilisation und Kultur bringen wolle. Und wenn seine Untertanen im Ausgleich dafür in den Bergwerken schuften müssen, um ein äußerst seltenes Erz für die Föderation zu fördern, dann ist das wohl nur rechtens. Oder vielleicht doch nicht? Immerhin fühlt er sich dazu getrieben, auf die Behauptung des "Kommissars": "Without us you'd all be living in caves, as you were when the Federation first colonized you" zu erwiedern: "We may have lived in caves, but we did have our own culture." Auch wenn Ro seinem imperialen "Lehrer" nachplappert, dass die alte Kultur seines Volkes nichts wert und der alte Name seiner Heimat Silmareno deshalb zu Recht verboten worden sei, spricht doch einiges dafür, dass er im Innersten anders darüber denkt. Blakes provozierende und aufrüherische Reden verfehlen nicht ihre Wirkung, auch wenn der Marionettenkönig erst einmal brav "Ja" sagt und seine Gefangenen in die Minen schicken lässt, wie der "Kommissar" dies wünscht.
Während die beiden dort Ros ehemalige Verlobte Selma (Souad Faress) kennelernen, die aufgrunnd ihrer rebellischen Einstellung in Ungnade gefallen ist, werden Gan, Vila und Cally, die ihren Freunden zur Hilfe zu eilen versuchen, gleichfalls gefangengenommen. Avon, der als einziger auf der Liberator zurückgeblieben ist ("I am not expendable, I'm not stupid, and I'm not going."), spielt ernsthaft mit dem Gedanken, das Weite zu suchen, und lässt Orac vorsorglich ausrechnen, wie hoch seine Überlebenschancen wären, wenn er seine Gefährten im Stich lassen würde.

Horizon ist sicher keine tiefgreifende Analyse der Mechanismen des britischen Imperialismus, aber die Episode besitzt doch ihre interessanten Facetten.
Es war eine übliche Methode der Kolonialmächte, Teile der traditionellen einheimischen Elite zu {ungleichen} Verbündeten zu machen, um ihrer Herrschaft eine größere Stabilität zu verleihen und die wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonialvölker damit zu erleichtern. Dazu gehörte auch das Bemühen, diese Eliten kulturell zu "europäisieren" {mitunter auch zu christianisieren}. Ihre Kinder holte man häufig in die imperialen Metropolen, um sie in den dortigen Eliteschulen und -universitäten {Eton, Oxford, Cambridge} ausbilden zu lassen. {Das ist auch der Grund, warum zum Personal jeder klassischen englischen "Schoolstory" ein indischer Mitschüler gehört, dessen Figur zwar hauptsächlich dazu dient, rassistische Witze zu reißen, der aber doch als Sohn eine Maharajah eingeführt wird}. Teil dieser Ausbildung war es natürlich, den Schülern das Gefühl zu vermitteln, ihre eigene Kultur sei minderwertig und die Herrschaft der Europäer über ihr Volk deshalb im Grunde ein Segen.
Die Ausbildung von Ro und Selma am "Central Educational Complex" der Föderation ist eine direkte Parallele hierzu. Entsprechend stark wirkt die Szene am Schluss, wenn Ro den traditionellen Herrscherschmuck seines Volkes anlegt und seinen ehemaligen Mentor mit der traditionellen Waffe seines Volkes – dem Blasrohr – umbringt. Er bemächtigt sich erneut seines kulturellen Erbes, auf das herabzuschauen ihm eingeimpft wurde, und befreit sich damit aus der Unterwürfigkeit, die man ihm anerzogen hat. Erfreulicherweise bedeutet das jedoch nicht, dass er nun einfach zur überkommenen Lebensweise von Silmareno zurückzukehren wünscht. Auch am Ende nennt er den Planeten immer noch "Horizon", denn "you can't return to the past."

Was die Episode dennoch etwas problematisch macht ist zweierlei.
Durchaus realistisch werden Ro und Selma als Aristokraten dargestellt, die sich für etwas besseres als den "Pöbel" ihrer Heimatwelt halten. Doch man bekommt nicht das Gefühl, als halte Horizon diese Einstellung für irgendwie kritikwürdig. Sie erscheint vielmehr als geradezu selbstverständlich, zumal uns das "einfache Volk" von Silmareno tatsächlich als felletragende "Wilde" präsentiert wird. Die Befreiung vom Kolonialismus wird damit auf einen Akt der Loslösung vom Empire durch eine kulturell und politisch selbstbewusst gewordene einheimische Elite reduziert. In der historischen Realität jedoch war die Ära der Dekolonialisierung fast immer zugleich eine Ära heftiger Klassenkämpfe innerhalb der kolonialen Gesellschaften. 
Man könnte Blake in dieser Episode als eine "White Saviour" - Gestalt interpretieren. Schließlich hätte ohne sein Eingreifen Ro vermutlich niemals gegen die Föderation aufbegehrt. Freilich zeigt uns Selma, dass der Wunsch nach Freiheit auf "Horizon" auch schon vor dem Eintreffen der Liberator nicht unbekannt war. Und ganz allgemein kann diese Form der Kritik in sehr ungesunde Gefilde führen, wie uns letztes Jahr im Zusammenhang mit Gary Ross' Film Free State of Jones auf eindringliche Weise vorgeführt wurde. Dennoch hat vor allem eine Szene einen wirklich  unguten Nachgeschmack bei mir hinterlassen: Bei der Essensausgabe im Bergwerk stürzen sich die Sklaven wie wild auf die Schüssel, bis Blake brüllend dafür sorgt, dass die "Wilden" sich schön der Reihe nach ihre Portion Brei holen. Es bleibt unsicher, wie das zu interpretieren ist: Ein weiteres Beispiel für Blakes latenten Autoritarismus? Ein Zeichen dafür, dass die "Wilden" trotz allem die Leitung durch einen wohlmeinenden "weißen Mann" brauchen? Oder ein Ausdruck von Klassenarroganz? Schließlich muss die Aristokratin Selma nicht auf dieselbe Weise diszipliniert werden?        

      






    
* Im letzten Beitrag zu meiner mittendrin abgebrochenen Nigel Kneale - Tour habe ich mich etwas eingehender mit dieser Wende beschäftigt.
** Darien Angadi, der wenige Jahre später tragischerweise Selbstmord begehen sollte, war der Sohn von Ayana Angadi und Patricia Clare Fell-Clarke / Angadi, den Gründern des legendären Asian Music Circle (AMC). Der Zirkel spielte eine herausragende Rolle bei der Vermittlung von indischer Musik und Kultur in Großbritannien. Ayana Angadi war ein erklärter Gegner des britischen Kolonialismus und hatte in den 30er/40er Jahren dem Trotzkismus nahegestanden. Nach dem Weltkrieg wurde das Paar von den Behörden eine Zeit lang als "kommunistische Spione" beäugt. Der von den beiden 1946 gegründete AMC, dem sich in den 50ern u.a. der berühmte Violinist Yehudi Menuhin und der Komponist Benjamin Britten anschlossen, machte das britische Publikum mit so großen indischen Musikern wie Ravi Shankar, Ali Akbar Khan und Vilayat Khan bekannt. Als die Beatles Mitte der 60er die indische Musik für sich entdeckten, spielte der AMC dabei gleichfalls eine wichtige Rolle.

Freitag, 13. Oktober 2017

Strandgut der Woche

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E03: "Weapon"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Schon während der Dreharbeiten an Orac hatte Stephen Greif in einigen Szenen durch ein Double ersetzt werden müssen, nachdem er sich beim Squashspielen eine schwere Verletzung der Achillessehne zugezogen hatte. Es war bald klar, dass die Rolle von Commander Travis in der zweiten Staffel nicht länger von ihm gespielt werden könnte. Doch man wollte nicht auf Blakes einäugigen Erzwidersacher verzichten, und so war man gezwungen, sich nach einem Ersatz für Greif umzuschauen. Die Wahl fiel auf Brian Croucher, aber wie sich sehr rasch zeigen solte, war dieser nicht in der Lage, Travis dieselbe Tiefe zu verleihen, die ihn bislang zu einer so interessanten Figur gemacht hatte. Greif war es stets gelungen, einem das Gefühl zu vermitteln, der Commander sei eine sehr viel komplexere und widersprüchlichere Persönlichkeit, als man bei oberflächlicher Betrachtung annehmen würde. Im Vergleich dazu wirkt Crouchers Travis leider sehr viel eindimensionaler. Das führt auch dazu, dass die Dynamik, die zwischen ihm und Jacqueline Pearce' Supreme Commander Servalan besteht, weit weniger intensiv rüberkommt, als dies bisher der Fall gewesen war. Dabei hat sich das Verhältnis zwischen den beiden noch einmal deutlich verschärft, ist sich Travis inzwischen doch bewusst geworden, dass er in den Augen seiner Vorgesetzten nichts mehr als ein nützliches Werkzeug darstellt, das sie ohne Bedenken entsorgen wird, sobald es seinen Zweck erfüllt hat: Was hätte Stephen Greif nicht aus einem kurzen Wortwechsel wie diesem gemacht:
Servalan: I'm capable of taking the one thing you have left if you persist with your impertinence, Travis.
Travis: My visits to the retraining therapist have left me ... I don't know. Is there anything of value that remains to me?
Servalan: Blake's death.
Jacqueline Pearce ist weiterhin großartig in ihrer Rolle, aber mit dem Ausscheiden Greifs fehlt ihr ein ebenbürtiger Sparring-Partner. In Weapon erhält sie mit dem selbstverliebten Psychostrategen (aka "Puppeteer") Carnell (Scott Fredericks) zwar noch einmal einen interessanten Partner, den sie – anders als Travis – wegen seiner egoistischen Schläue selbst dann noch respektiert, als er ihre Erwartungen enttäuscht, doch der gute Mann wird – soweit ich mich erinnern kann – nicht noch einmal in der Serie auftauchen.

Das Hervorstechende an Weapon ist denn auch nicht die Rückkehr von Servalan und Travis. Ebensowenig ist es der Plot, insoweit es dabei um geheime Superwaffen und Blake-Klone geht. {Auch wenn die Szenen mit Clonemaster Fen [Kathleen Byron] mir mit ihrem absurden Pathos und ihrer Stilisiertheit manch Lächeln entlockt haben}. Es ist vielmehr die Beziehung zwischen zwei Charakteren – Coser (John Bennett) und Rashel (Candace Glendenning).

Coser ist ein "Beta class" - Waffeningenieur der Föderation. Als er mit "Imipac" eine neues geniales Mordinstrument entwickelt hat, muss er erleben, wie seine Vorgesetzten sich die Früchte seiner Arbeit anzueignen versuchen, ohne dass ihm selbst auch nur die geringste Anerkennung entgegengebracht werden würde. Zutiefst verletzt in seinem Stolz, beschließt er, zu desertieren. Natürlich nicht, ohne den Prototyp von "Imipac" bei seiner Flucht aus der zentralem Waffenentwicklungs-Basis mitzunehmen. Obwohl er sich hauptsächlich in wüsten Visionen seiner kommenden Rache ergeht – "Just wait till senior echelon hears about this. They'll remember my name then." –, versteht er seine Handlung doch zugleich als einen Akt echter Rebellion. Seine Wut über die ungerechte Behandlung, die ihm widerfahren ist, hat ihm scheinbar die Augen geöffnet für die Ungerechtigkeit des gesamten Systems. Deshalb auch wohl hat er seine ehemalige Sklavin Rashel mitgenommen, der gegenüber er immer wieder betont, sie sei nun frei.
Was die Beziehung zwischen den beiden so faszinierend macht – und einmal mehr zeigt, welch brillante Dialoge Chris Boucher zu schreiben verstand –, ist, dass Cosers Verhalten gegenüber Rashel trotzdem immer noch ganz von einem Gefühl der Überlegenheit durchtränkt ist. Dass sich darin sicher auch Spuren eines männlichen Chauvinismus entdecken lassen, sei unbestritten, doch scheint mir Klassenarroganz die deutlich größere Rolle zu spielen. Wenn sie ihn gewohnheitsmäßig "Sir" nennt, reagiert er wütend – "Don't call me, sir. You're not a slave anymore." –, doch ist er zugleich unfähig, sie als wirklich Gleichgestellte zu behandeln. Mitunter entschlüpfen ihm sogar Bemerkungen wie: "I should have known better. A labor-grade slave. You're pathetic." Er ereifert sich darüber, wie "bevormundend" ("patronizing") seine Vorgesetzten ihn und Leute seines Ranges behandeln würden, doch ganz genauso verhält er sich gegenüber Rashel, behandelt sie wie ein unvernünftiges kleines Kind. Zugleich gefällt er sich offenbar in seiner Rolle als "Befreier": "You're with me now. I set you free."

Wenn Coser sich trotz seiner Revolte nicht von den Verhaltensweisen und Vorurteilen seiner sozialen Klasse zu befreien vermag, gilt selbiges zumindest anfangs auch für Rashel. Sie kann einfach nicht anders, als sich gegenüber ihrem ehemaligen "Herrn" unterwürfig zu gebärden und nach seinem Wohlwollen zu streben. Doch anders als im Falle des selbsterklärten "Rebellen" erleben wir bei ihr im Verlaufe der Episode eine echte Emanzipation. Ein erstes Anzeichen dafür zeigt sich bereits, wenn die beiden ganz zu Beginn ein verlassenes Fabrikgelände betreten und sich folgender Wortwechsel zwischen ihnen entspinnt:
Coser: What do you suppose happened?
Rashel: People must have left.
Coser: I can see that, but why did they leave? This isn't a Federation colony planet, so who were they anyway?
Rashel: Perhaps they were free.
Coser: They probably were. So?
Rashel: That's why they left.
Die Worte der Ex-Sklavin wirken auf den ersten Blick fürchterlich naiv, doch bei näherer Betrachtung scheint sich mir in ihnen ein erwachendes Verständnis dafür auszudrücken, was Freiheit wirklich bedeutet. Coser hat sie für "frei" erklärt, erwartet aber ganz selbstverständlich, dass sie bei ihm bleibt und weiterhin auf ihn hört. Doch wenn sie wirklich frei ist, bedeutet das, dass sie tun und lassen kann, was sie will. Sie könnte ihn ebenso gut verlassen und ihrer eigenen Wege gehen.
Nicht, dass sie das tut. Trotz allem besteht zwischen den beiden offenbar ein Band gegenseitiger Zuneigung. Doch im Laufe der Handlung zeigt sie Schritt für Schritt ein immer selbstbewussteres Verhalten, bis sie nicht nur fähig ist, sich gegen Coser zu behaupten – "Stop treating me like a bond slave!" –, sondern sich am Ende sogar als diejenige erweist, die Servalans Pläne durchkreuzt und unseren Helden das Leben rettet. Verglichen mit ihr hinterlassen Blake & Co in dieser Episode keinen besonders kompetenten Eindruck!

Zum Abschluss kurz erwähnt sei außerem, dass uns Weapon einmal mehr eine ziemlich uneinige Liberator - Crew zeigt. Sehr schön ist dabei Avons Kommentar, als bekannt wird, dass Cally Blake dazu inspiriert hat, hinter dem Rücken seiner Kameradinnen & Kameraden einen Angriff auf die extrem gut beschützte Waffenentwicklungs-Basis der Föderation zu planen: "Auron may be different, Cally, but on Earth it is considered ill-mannered to kill your friends while committing suicide."

Samstag, 7. Oktober 2017

Strandgut der Woche