"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 4. Mai 2015

À cause du sommeil et à cause des chats


No decided action or sharp personal effort would be 
looked for from him. It was the very reverse of the 
train. He walked quietly out into the street feeling 
soothed and peaceful. He realised that he was in 
a milieu that suited him and stroked him the 
right way. It was so much easier to be obedient. 
He began to purr again, and to feel that all the 
town purred with him.

Algernon Blackwood: Ancient Sorceries


H.P. Lovecraft, der selbst ein überzeugter Materialist und leidenschaftlicher Verächter aller Formen des Mystizismus war, schreibt in seinem berühmten Essay Supernatural Horror in Literature,
dass Okkultisten das Gespenstische und Phantastische wohl weniger wirkungsvoll beschreiben können als Materialisten, da ihnen die Geisterwelt so real vorkommt, dass sie sich mit geringerer Ehrfurcht und Distanziertheit sowie weniger eindrucksvoll darauf beziehen als jene, die darin eine absolute und ungeheuerliche Verletzung der natürlichen Ordnung erblicken.*
Erstaunlicherweise zählt der alte Gentleman in demselben Essay eben einen solchen Okkultisten zu den vier modernen Großmeistern des Genres: Algernon Blackwood.

Am 14. März 1869 in Shooter's Hill / Kent als Sohn des späteren "Secretary of the Post Office" Sir Stevenson Arthur Blackwood geboren, wuchs der spätere Schriftsteller in einem geistig sehr engen, von extremem Calvinismus geprägten Umfeld auf. Mit sechzehn Jahren schickten ihn seine Eltern nach Königsfeld im Schwarzwald, wo er eine Zeit lang die Schule der Herrenhuter Brüdergemeine besuchte.
Auf Dauer musste diese stickige Atmosphäre dem sensiblen jungen Mann immer unerträglicher werden. Das Bemühen, ihr zu entkommen, führte ihn schließlich dazu, sich dem religiösen Schrifttum des alten Indien, der Philosophie des Vedanta, der Bhagavad Gita, der buddhistischen Sutren zuzuwenden. Doch wie so viele Europäer und Amerikaner dieser Ära, die ihr Heil im "Licht aus dem Osten" zu finden versuchten, erreichten auch ihn diese mystischen Lehren nicht in ihrer originären Form, sondern vermittelt über die synkretistische Heilslehre der Theosophie, die Helena Blavatsky im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts geschaffen hatte.
Der zweite Fluchtweg führte Blackwood hinaus in die Natur – zuerst in den Schwarzwald, später u.a. in die Alpen, das Tal der Donau und die wilden Wälder Kanadas.
In Blackwoods Weltsicht und Empfinden kam es zu einer gegenseitigen Befruchtung und partiellen Verschmelzung dieser beiden Pfade der Befreiung oder Rebellion. An ihrem Ende stand eine eigentümliche Form des Pantheismus, in der das Numinose und die Natur zu einer Art Einheit geworden waren, die im Menschen sowohl Ehrfurcht und Sehnsucht als auch Beunruhigung und Schrecken hervorrufen kann.
Nach einigem Hin und Her machte sich Algernon Blackwood 1890 nach Kanada auf. Versuche eine Kariere als Farmer oder Hotelier zu beginnen, scheiterten schon sehr bald. Noch frustrierender müssen seine Erfahrungen in New York gewesen sein, wo er sich als Journalist zu etablieren versuchte, nur um von einem Bekannten betrogen und ausgeplündert zu werden. Erst 1895, als er von der New York Times engagiert wurde, gelang es ihm endlich, eine finanziell einigermaßen abgesicherte Existenz zu gründen. Zwar Jahre später begann er als Privatsekretär für den Bankier James Speyer zu arbeiten.
Parallel zu diesen wenig erfreulichen Abenteuern verfolgte er weiterhin seine beiden Fluchtwege. Noch in Europa war er der Theosophischen Gesellschaft beigetreten und wurde 1891 zu einem der Mitbegründer der ersten kanadischen Loge in Toronto. Daneben zog es ihn immer wieder für längere Zeit hinaus in die Wildnis von Kanada oder Upstate New York zum Jagen, Fischen, Kanufahren. James Machin schreibt in seinem bei Weird Fiction Review veröffentlichten Essay:
By his late thirties he had acquired the deeply tanned and lived-in skin of the trapper, a sun-lightened and piercing gaze, and a skill at expertly holding the listeners’ attention with a hunting anecdote or an allegedly authentic ghost story, or the combination thereof upon which his reputation as an acknowledged master was eventually built.
Irgendwann allerdings konnte Blackwood das korrupte Milieu von New York mit den prinzipienlosen politischen Machinationen der Bosse von Tammany Hall und der nicht weniger prinzipienlosen Profitgier der Wall Street - Magnaten einfach nicht mehr länger ertragen. "I seemed covered with sore and tender places into which New York rubbed salt and acid every hour of the day".** 1890 kehrte er nach England zurück.
Im darauffolgenden Jahr trat er dem "Hermetic Order of the Golden Dawn" bei – jener berühmten okkulistischen Vereinigung, die zu ihren Mitgliedern u.a. auch William Butler Yeats, Arthur Machen und Aleister Crowley zählte. Ungefähr zur selben Zeit begann er mit dem Verfassen unheimlicher und phantastischer Geschichten. Eher durch Zufall gelangten einige von ihnen schließlich in die Hände der Verlegerin Eveleigh Nash, die einige Jahre später übrigens auch William Hope Hodgsons magnum opus The Night Land und seinen Carnacki, the Ghost-Finder veröffentlichen sollte. 1906 erschien der erste Band mit unheimlichen Erzählungen von Algernon Blackwood unter dem Titel The Empty House and Other Ghost Stories. Ihm folgte 1907 The Listener and Other Stories, die u.a. auch die wohl berühmteste Erzählung des Autors – The Willows – enthielt. Die dritte Anthologie John Silence – Physician Extraordinaire "was promoted by an innovative advertising campaign which saw the beatific gaze of that most pleasant of occult detectives emanating from vast advertising hoardings across London"***, und wurde zu einem so großen Erfolg, dass Blackwood die Schriftstellerei endgültig zu seinem Hauptberuf machen und sich 1908 in der Schweiz niederlassen konnte.
Sein Interesse am Okkulten blieb auch in späteren Jahren ungebrochen. So besuchte er z.B. in den 20er Jahren die Prieuré des Basses Loges in Fontainebleau, wo die russischen Gurus Gurdjieff und Uspenski eine Schar von Jüngern um sich geschart hatten, und trat in den 30er Jahren dem Londoner "Ghost Club" bei, der sich der Erforschung des "Paranormalen" verschrieben hatte.

In großen Teilen von Algernon Blackwoods literarischem Werk finden sich sehr deutliche Spuren sowohl von seiner ebenso intensiven wie zwiespältigen Beziehung zur Natur, als auch von seinen okkultistischen Überzeugungen. Er selbst hat einmal erklärt:
My fundamental interest, I suppose, is signs and proofs of other powers that lie hidden in us all; the extension, in other words, of human faculty. So many of my stories, therefore, deal with extension of consciousness; speculative and imaginative treatment of possibilities outside our normal range of consciousness. ... Also, all that happens in our universe is natural; under Law; but an extension of our so limited normal consciousness can reveal new, extra-ordinary powers etc., and the word "supernatural" seems the best word for treating these in fiction. I believe it possible for our consciousness to change and grow, and that with this change we may become aware of a new universe. A "change" in consciousness, in its type, I mean, is something more than a mere extension of what we already possess and know.
Doch während u.a. so großartige Erzählungen wie The Willows und The Wendigo beredtes Zeugnis dafür ablegen, dass sich Blackwoods eigenwilliger Pantheismus als literarisch äußerst fruchtbar erweisen konnte, lässt sich dasselbe meiner Meinung nach nur mit Vorbehalten über seinen Okkultismus sagen. Meine Gründe für diese Einschätzung sehen allerdings etwas anders aus als die von H.P. Lovecraft.
Bei aller Sehnsucht nach dem Numinosen und Übersinnlichen haftet dem modernen Mystizismus doch sehr oft etwas pseudorationalistisches an. Seine Gründer & Gründerinnen entstammten sämtlichst einem von Aufklärung und Wissenschaft geprägten Milieu, und wie groß ihr Abscheu vor der "Seelenlosigkeit" der modernen Zivilisation auch immer war, nie gelang es ihnen, dieses Erbe völlig abzuschütteln. So kleideten sie ihre Überzeugungen sehr oft in pseudowissenschaftliche Formen und priesen sie als eine Verschmelzung "uralter Weisheiten" und "moderner Erkenntnisse" an. Madame Blavatskys The Secret Doctrine – die schmerbäuchige "Bibel" der Theosophie – ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Fließen Elemente dieses modernen Mystizismus in phantastische Erzählungen ein, so kommen dabei nicht selten Passagen heraus, die merkwürdig trocken und prosaisch wirken. Da wird dann das Übernatürliche auf geradezu pedantische Weise zergliedert, klassifiziert und erläutert, was für die Atmosphäre der Geschichte ähnlich fatale Folgen haben kann, wie irgendwelche rationalistischen Erklärungen à la Ann Radcliffe, mit denen der ganze Spuk am Ende auf irgendwelche mundanen Tricks zurückgeführt wird. Pseudowissenschaftlich zerpflückt und in ein eindeutig formulierbares Regelwerk gezwängt verliert das Phantastische sehr viel an Faszinationskraft.
Leider findet sich Vergleichbares auch bei Algernon Blackwood immer mal wieder, und seine John Silence - Stories bilden da keine Ausnahme.

John Silence gilt nach Sheridan Le Fanus Dr. Hesselius als eine der frühesten Verkörperungen des "okkulten Detektivs". Anders als sein unmittelbarer Nachfolger Carnacki, in dem der Typus seine erste "klassische" Ausformung fand, ist er freilich noch kein Detektiv oder Geisterjäger im eigentlichen Sinne, sondern ein Arzt mit einer besonderen Vorliebe für Krankheitsfälle
of that intangible, elusive, and difficult nature best described as psychical afflictions; and, though he would have been the last person himself to approve of the title, it was beyond question that he was known more or less generally as the “Psychic Doctor.”****
Mit einer besonderen Sensibilität für alles Okkulte begabt, die er in fünf Jahren voller geheimnisvoller Studien und Experimente aufs Äußerste geschärft und fokussiert hat, bemüht sich der zutiefst humane Doktor, all jenen zu helfen, deren geistige und körperliche Gesundheit von den mysteriösen Mächten jenseits der sichtbaren Welt bedroht wird. Anders als etwa Carnacki bedient er sich dabei keiner technischen oder magischen Hilfsmittel, sondern ausschließlich seines tiefen Verständnisses für die menschliche Psyche und seiner unerschütterlichen Geisteskraft. Es mag deshalb auch nicht verwundern, dass Ancient Sorceries – die Story, mit der wir uns jetzt kurz beschäftigten wollen – weniger wie die Schilderung eines Kriminalfalls, sondern eher wie das Protokoll eines Patientengesprächs oder einer psychotherapeutischen Sitzung wirkt.

In seinem kurzen Essay The Tale of Macrocosmic Horror schreibt Clark Ashton Smith,
In authors such as Algernon Blackwood and Walter de la Mare, it seems to me that the accent is primarily on human character. But in their work (at least, in any of it that I have read) one fails to find the highest imaginative horror, the overwhelming sweep of black, gulf-arisen wings, such as is conveyed in the best tales of Ambrose Bierce, Poe and H. P. Lovecraft, where human character is treated more briefly and subversively.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich dieser Einschätzung in ihrem zweiten Teil anschließen würde, aber dass die menschlichen Charaktere, ihre psychischen Eigenheiten und ihre Empfindungen, bei Blackwood eine sehr viel zentralere Rolle spielen als etwa bei Lovecraft, ist ohne Zweifel richtig. Doch macht für mich gerade das den besonderen Reiz von Geschichten wie Ancient Sorceries aus.

Arthur Vezin ist ein unauffälliger und äußerst schüchterner Mann in den mittleren Jahren –  "a timid, gentle, sensitive soul, rarely able to assert himself, tender to man and beast, and almost constitutionally unable to say No, or to claim many things that should rightly have been his." In der Gesellschaft energischer auftretender Menschen fühlt er sich ausgesprochen unwohl, weckt deren Verhalten doch jedesmal ein Gefühl von Scham und Minderwertigkeit in ihm. Sollte nicht auch er ein vergleichbares Durchsetzungsvermögen an den Tag legen können? Doch nein, stattdessen lässt er sich wie willenlos herumschubsen und verkriecht sich in irgendeinen Winkel! Kurz gesagt, der gute Mr. Vezin leidet an tiefen Minderwertigkeitskomplexen, verstärkt vielleicht noch durch das Gefühl, nicht "männlich" genug zu sein. {Er ist ein in die Jahre gekommener Junggeselle, der mit seiner gleichfalls unverheirateten Schwester zusammenlebt, und die Story deutet zumindest an, dass er in seinem ganzen Leben keine einzige sexuelle Beziehung gehabt hat.}
Als er sich auf der Rückfahrt von einem Frankreichurlaub von einer ganzen Schar lauter und ziemlich vulgärer englischer Touristen umgeben sieht, überkommt ihn auf einmal das übermächtige Verlangen, den Zug in einem kleinen französischen Städtchen zu verlassen. Und tatsächlich macht die mittelalterlich anmutende Ortschaft mit ihrer alten Kathedrale und ihren verwinkelten Gässchen zuerst einmal einen beinah paradiesischen Eindruck auf ihn. Hier muss er kein Durchsetzungsvermögen an den Tag legen. Niemand zwingt ihn, eigene Entscheidungen zu fällen. Er muss nichts weiter tun, als sich ganz der verschlafenen, beinah unwirklich und zeitlos anmutenden Atmosphäre des Ortes hinzugeben.
Ganz großartig gelingt es Algernon Blackwood, den verführerischen Zauber dieser kleinen Stadt fühlbar zu machen. Bald schon allerdings mischt sich in das idyllische Bild ein Element des Unheimlichen und Verstörenden. Ähneln der Ort und seine Bewohner nicht einer scheinbar ganz friedvoll vor sich hin schlummernden Katze, die in Wirklichkeit hellwach ist und nur auf den geeigneten Augenblick wartet, um sich auf ihr argloses Opfer zu stürzen?

Die besondere Qualität dieser Geschichte besteht aus dem Zusammenspiel zwischen der zwar nur in wenigen Strichen, aber dennoch äußerst sensibel gezeichneten Persönlichkeit des Protagonisten und der traumartigen Atmosphäre des geheimnisvollen Städtchens. Die finstere Verführung, der Mr. Vezin am Ende beinah anheimfällt, spiegelt seine eigenen Unsicherheiten und unterdrückten Sehnsüchte wider. In dieser Hinsicht bewies Lovecraft großes Feingefühl, wenn er über Algernon Blackwoods erzählerisches Talent schrieb:
Er begreift mehr als jeder andere, wie vollständig einige empfindsame Gemüter ewig im Grenzland der Träume verweilen und wie gering der Unterschied zwischen jenen Bildern ist, die auf realen Objekten basieren, und jenen, die durch das Spiel der Phantasie erzeugt werden.***** 
Oder wie Blackwood selbst in Ancient Sorceries über die wachsende Furcht seines Protagonisten schreibt: "Of course it was nonsense, but then it haunted him, and once an idea begins to do that it ceases to be nonsense. It has clothed itself in reality." Nicht zufällig besteht die Gefahr, in der viele von Blackwoods Protagonisten schweben, in dem drohenden Verlust des eigenen Ich.
Um so ärgerlicher muss es freilich wirken, wenn wir am Ende von Ancient Sorceries aus dem Munde von Dr. John Silence erfahren, dass Verzins verstörendes Abenteuer letztenendes auf Reinkarnation und irgendwelche überlappenden Zeitsphären zurückzuführen sei. Solche läppischen, "esoterischen" Erklärungen, vorgetragen in einem trockenen, "akademischen" Tonfall zerstören unglücklicherweise etwas von dem faszinierenden Zauber der bis dahin äußerst kunstvoll gewobenen Erzählung und hinterlassen einen etwas schalen Nachgeschmack.



* H..P. Lovecraft: Das übernatürliche Grauen in der Literatur. S. 133.
** Zit. nach: Donald Clarke: Algernon Blackwood.
*** James Machin: Strange Wilderness in "The Willows". 
**** Algernon Blackwood:  A Psychical Invasion.
***** H..P. Lovecraft: Das übernatürliche Grauen in der Literatur. S. 151.

Sonntag, 3. Mai 2015

Strandgut der Woche

Dienstag, 28. April 2015

"You have opened the door to hell and invited the devil into England"

Wie ich vor über zwei Jahren hier schon einmal ausführlich beschrieben habe, hat mich Susanna Clarkes Roman Jonathan Strange & Mr. Norrell seinerzeit eher etwas entäuscht. Was mich besonders stark an dem Buch irritierte, war das in meinen Augen falsche oder zumindest sehr undifferenzierte Verständnis der geschichtlichen Entwicklung Englands im beginnenden 19. Jahrhundert, das sich in ihm ausdrückte. Während die Ära, in der die Geschichte von den beiden rivalisierenden Magiern angesiedelt ist, in Wirklichkeit von heftigen gesellschaftlichen Kämpfen geprägt war, zeichnet Susanna Clarke das Bild einer weitgehend statischen Gesellschaft, in die Unruhe und Chaos von außen (durch den " Gentleman with the thistle-down hair") hineingetragen werden. Doch auch wenn ich nicht in den Chor der Bewunderer, die das Buch zu einem der bedeutensten Werke der phantastischen Literatur unserer Zeit erklärt hatten, einzustimmen vermochte, war es doch ohne Frage auch für mich eine angenehme, unterhaltsame und interessante Lektüre gewesen.

Als mir zum ersten Mal zu Ohren kam, dass die BBC dabei sei, aus Jonathan Strange & Mr. Norrell eine TV-Serie zu machen, ließ mich diese Nachricht ziemlich kalt. Zum einen wegen der Probleme, die ich mit dem Buch gehabt hatte. Zum anderen, weil eines der reizvollsten Elemente des Romans in Susanna Clarkes sehr gelungenem, zugleich liebevollem und subversivem Spiel mit sprachlichen, stilistischen und motivischen Eigenheiten der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts besteht -- etwas, was in einer filmischen Adaption notwendigerweise ganz oder doch größtenteils verloren gehen muss, selbst wenn das Drehbuch von einem so talentierten Autor wie Peter Harness geschrieben wird.

Der neueste Trailer für die siebenteilige Serie, die meines Wissens nächsten Monat auf BBC1 anlaufen wird, hat zwar keine meiner Bedenken beseitigt, dennoch stehe ich dem Projekt auf einmal etwas anders gegenüber. Susanna Clarkes Roman mag seine Schwächen besitzen und eine filmische Umsetzung mag ihm nie gerecht werden können, aber wenn die Serie hält, was der Trailer verspricht, dann könnten wir es mit einem visuell sehr schönen, coolen und unterhaltsamen Stück Filmphantastik zu tun bekommen. Ich bin gespannt ...  
 


Samstag, 25. April 2015

Strandgut der Woche

Sonntag, 19. April 2015

Strandgut der Woche

Samstag, 18. April 2015

Here we go again

Ich stehe zwar immer noch zu dem, was ich vor über zwei Jahren in diesem Blog geschrieben habe: Star Wars hätte mit dem Abspann von Return of the Jedi enden sollen, aber dennoch habe ich mir vorgestern, kaum dass er online gegangen war, den neuen Teaser-Trailer für Episode VII: The Force Awakens angeschaut. Und ja, ich gebe zu, er sieht gar nicht so übel aus:


Ganz offensichtlich bemühen sich Disney und J.J. Abrams schon rein visuell, an die ursprüngliche Trilogie anzuknüpfen und die sterile CGI - und Green Screen - Bombastik der Prequels vergessen zu lassen. Unsere "weit weit entfernte Galaxis" wirkt wieder etwas erdiger, dreckiger und "verbrauchter" – ganz, wie es sich für einen guten Star Wars - Film gehört. Dennoch kann ich nicht so recht in die allenthalben im Internet ausbrechende Begeisterung einstimmen. Und dass nicht nur, weil man vergleichbare Jubelschreie auch im Vorfeld von The Phantom Menace vernehmen konnte – und wir alle wissen, was dann kam ...
Der Trailer enthält ohne Zweifel einige wirklich coole Bilder, wie z.B. den abgestürzten Sternzerstörer, aber über den Plot von The Force Awakens wissen wir nach wie vor so gut wie nichts. Um Brad Brevet von Rope of Silicon zu zitieren:
What we learned from the Force Awakens panel [bei dem der Trailer vorgestellt wurde] is it seems the three lead characters meet on the desert planet of Jaku (not Tatooine as was assumed when set pictures leaked online). Those three characters are Finn played by John Boyega who confirmed he is a stormtrooper, though whether he's good or bad is not revealed; another is Rey (Daisy Ridley) a scavenger and the third is Poe Dameron (Oscar Isaac) an X-Wing pilot sent on a mission by "a certain princess" who comes in contact with Finn.
Das ist ziemlich nichtssagend, und der Trailer selbst enthält keinerlei weitere Informationen. Dafür jedoch mindestens zwei Elemente, die mich etwas skeptisch gestimmt haben.
Da ist zum einen der kuriose Umstand, dass der gute Chewbacca um keinen Tag gealtert zu sein scheint. Zugegebenermaßen eine vielleicht etwas pedantisch anmutende Kritik, aber ich finde es ehrlich gesagt eigentümlich, dass scheinbar niemand in J.J. Abrams' Team aufgefallen ist, wie seltsam es wirken muss, wenn man dem greisen Harrison Ford einen haarigen Kumpel zur Seite stellt, der aussieht, als habe die Schlacht von Endor vorgestern stattgefunden. Sind die Wookiees eine "kanonisch" äußerst langlebige Rasse? Selbst wenn dem der Fall sein sollte, hätte es meiner Meinung nach besser zu dem oben erwähnten "erdigen" Touch gepasst, wenn wir einen Chewie mit ergrautem Fell zu sehen bekommen hätten. {Oder befürchtete man damit unangenehme Erinnerungen an Itchy aus dem Star Wars Holiday Special wachrufen zu können? Wenn ja, dann will ich nichts gesagt haben.}
Mein zweites und etwas ernsthafteres Problem mit dem Trailer ist der Bösewicht. Schon sein "Kreuz - Lichtschwert", das wir im ersten Teaser zu sehen bekommen haben, wirkt etwas lächerlich. Hier nun begegnen wir ihm erstmals "von Angesicht zu Angesicht", und ich kann mir nicht helfen, aber auf mich hinterlässt er mit seiner Maske und seiner schwarzen Rüstung {inklusive Mantel} den Eindruck, ein etwas agilerer Abklatsch des guten alten Darth Vader zu sein. Was mich ehrlich gesagt nicht wirklich überrascht, denn wie ich ich in dem oben verlinkten Blogpost bereits einmal erklärt habe: So wie ich es sehe, war das Potential von Star Wars – dieser neckischen Hommage an die alten SciFi-Serials  – bereits nach den ersten drei Filmen erschöpft. Was jetzt kommt kann darum bestenfalls ein kompetent gemachtes und leicht modernisiertes Wiederaufwärmen der alten Ideen sein. Was alles in allem immer noch sehr viel besser wäre als manch anderes, was uns von Hollywood heute so vorgesetzt wird.

Womit wir auch schon bei dem zweiten "spektakulären" Trailer dieser Woche wären: Batman V Superman: Dawn of Justice:      


 
Okay, wir alle haben kapiert, dass Warner Bros / DC auch weiterhin nicht bereit sein werden, von ihrer Grimdark - Version des Superheldenfilms abzuweichen. Christopher Nolans Dark Knight - Flicks waren einfach zu erfolgreich und zu einträglich. Und dennoch: Wird diese Masche allmählich nicht selbst dem ollen Zack Snyder etwas langweilig? Immer die gleiche düster-apokalyptische Ästhetik mit den gleichen finster vor sich hin brütenden "Helden".
Hier und da bin ich über Kommentare gestolpert, deren Verfasser aufgrund dieses Trailers die verwegene These aufstellen, Batman V Superman könne eine Art "Dekonstruktion" des Superman - Mythos werden. Sorry, aber das ist in meinen Augen absoluter Bullshit. Dieser Streifen soll der Startpunkt für Warner Bros "Justice League" - Universum werden, und schon allein deshalb wird er keine ernstzunehmende "Dekonstruktion" liefern können. Am Ende einer solchen bestände einfach keine Möglichkeit mehr für ein "heroisches" Sequel.
Und außerdem: Brauchen wir bald dreißig Jahre nach Alan Moores & Dave Gibbons' Watchmen wirklich noch eine weitere "Dekonstruktion" des Superhelden-Typus? {Dass Zack Znyder selbst für die filmische Adaption dieses epochalen Werkes verantwortlich gezeichnet hat, macht die ganze Angelegenheit nur noch lächerlicher.} Manche Leute sehen in Watchmen ja den Vorläufer der heute so beliebten düsteren und pseudorealistischen Superheldengeschichten. Im Rahmen der historischen Entwicklung des Comics mag das sogar stimmen. Aber zugleich zeigt das bloß, dass viele offenbar nicht verstanden haben, was Alan Moore mit seinem Werk eigentlich ausdrücken wollte. Überspitzt formuliert: Nach Watchmen hätte es keine Superheldenstories mehr geben dürfen. Und erst recht keine, die sich als "realistisch" zu geben versuchen.

Mittwoch, 15. April 2015

Guter Wille allein ist nicht genug

Vor einiger Zeit bin ich bei Den of Geek über einen kurzen Post gestolpert, in dem es um ein mögliches Remake von Alien Nation geht. 
Im Grunde handelt es sich bei dem Ganzen um eines jener vagen Gerüchte, die man am Besten ignoriert. Eine offizielle Bestätigung durch 20th Century Fox oder einen der angeblich beteiligten Drehbuchschreiber scheint nicht vorzuliegen. Klickt man sich ein Bisschen durchs Netz landet man früher oder später bei diesem Artikel aus dem Hollywood Reporter. Konkreter wird's nicht.
Dennoch hat mich die "Nachricht" kurz aufhorchen lassen, und dass aus einem sehr einfachen Grund: Wie zuwider mir die momentane Reboot- und Remake-Schwemme im Allgemeinen auch ist, in diesem speziellen Fall erschien mir die Aussicht im ersten Moment nicht ohne Reiz.

Um ehrlich zu sein, zu dem Zeitpunkt, als ich auf den Artikel stieß, wusste ich nicht mehr viel über Alien Nation. Auch jetzt noch bin ich mir nicht einmal sicher, welchen Teil des Franchises ich vor einer halben Ewigkeit mal im Fernsehen gesehen habe: Den Kinofilm von 1988, ein-zwei Episoden der TV-Serie von 1989/90 oder einen der Fernsehfilme aus den 90ern? Was ich noch wusste war bloß, dass Alien Nation im Rahmen einer SciFi - "Buddy Cops" - Story Themen wie Immigration, Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung zu behandeln versucht hatte. Und allein aus diesem Grund schien mir ein Reboot gar keine so schlechte Idee zu sein. Schließlich sind diese Themen nach wie vor sehr aktuell, haben in ihrer Bedeutung im Vergleich zu den späten 80ern und frühen 90ern vielleicht sogar eher noch zugenommen.

In den USA spielt die "Frage" der Immigration eine nicht unwichtige Rolle in der politischen Auseinandersetzung. Beide Big Business - Parteien betreiben eine brutale Antiimmigranten - Politik, zu der u.a. großangelegte Polizeirazzien, Massenabschiebungen und die Militarisierung der Grenze zu Mexiko gehören. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Republikaner weit offener rassistische Hetze gegen die "Illegalen" betreiben, während die Demokraten ihre rechte Politik mit partiellen Reformvorschlägen verbinden, die in erster Linie den Interessen der US-Industrie dienen, welche den Pool ultrabilliger Arbeitskräfte, den die Immigranten darstellen, selbstredend nicht missen will.
Vor diesem Hintergrund, denke ich, wirkt die Idee einer Wiederauferstehung von Alien Nation zumindest potentiell interessant. Eine der Voraussetzungen für eine gelungene Umsetzung dieser Idee wäre freilich, dass die neue Version {wie alle guten Remakes & Reboots} die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich seit dem Erscheinen der ersten Inkarnation vollzogen haben, widerspiegeln würde. Im gegebenen Fall wäre dies vor allem der sog. "Krieg gegen den Terror". Ein amerikanischer Film, der sich heute mit Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung auseinandersetzen will, darf nicht die Augen verschließen vor dem von offizieller Seite geförderten Klima des allgemeinen Misstrauens und der Islamophobie, die mit Washingtons Hinwendung zu einer immer aggressiveren militaristischen Außenpolitik einerseits und dem Aufbau autoritärer Herrschaftsstrukturen in der "Heimat" andererseits einhergegangen ist. So gesehen müsste die Story von Alien Nation ganz sicher gründlich überarbeitet und den neuen Zeitumständen angepasst werden. Ob ein großes Studio wie Fox ein solches Unternehmen finanzieren würde, ist sicher äußerst fraglich, aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. Selbst Hollywood sorgt ab und an immer noch für angenehme Überraschungen.

Nachdem mir all diese Gedanken durch den Kopf gegangen waren, dachte ich mir, es wäre vielleicht ganz nett, dem Original einmal einen Besuch abzustatten, waren meine diesbezüglichen Erinnerungen doch, wie gesagt, äußerst verschwommen und konnten sich ganz sicher nur auf ein sehr schmales Fundament stützen. Und so entschied ich mich dazu, mir einige Episoden der alten TV-Serie anzuschauen.

Ein Unternehmen, das sich leider schon sehr bald als ziemlich anstrengend herausstellen sollte. 



Die ursprüngliche Storyidee und das Drehbuch des Kinofilms stammten von Rockne S. O'Bannon, dem Schöpfer von Farscape. Die Fernsehserie hingegen war eine Kreation von Kenneth Johnson, der SciFi-Fans vermutlich in erster Linie aufgrund von V - The Visitors (1983) bekannt sein dürfte. Und leider weist sie ganz ähnliche Schwächen auf wie die ältere Miniserie {die ich ganz gerne Mal im Detail hier besprechen würde}, allerdings in deutlich geballterer Form

Johnson ist ganz offenbar ein äußerst wohlmeinender Linksliberaler. Seine SciFi-Produktionen sind als Statements gegen Intoleranz, Rassismus und Autoritarismus gedacht. Was selbstverständlich äußerst begrüßenswert ist. Leider jedoch entpuppen sie sich dabei als besonders extreme Beispiele für "message television". Vor allem im Pilotfilm wird einem die politisch-moralische Botschaft auf so penetrante und simplistische Weise eingehämmert, dass es bald schon unerträglich wird.
Johnson verzichtet wirklich auf kein Klischee, wenn es darum geht, Parallelen zwischen der Situation der außerirdischen "Newcomer" und der der Afroamerikaner zu ziehen. {Trotz des Immigrationsmotivs scheint Alien Nation auffällig selten das Vorbild der hispanischen Einwanderer heranzuziehen}.
Da haben wir z.B. die rassistische Bewegung der "Purists" (=White Supremacists), die Demonstrationen veranstalten, um zu verhindern, dass "Newcomer"-Kinder auf dieselben Schulen wie ihre eigenen Kinder gehen dürfen. In einer Szene plazieren ihre Anhänger sogar einen brennenden Kreis/Reifen im Vorgarten des "Newcomer"-Polizisten George Francisco, eine offensichtliche Anspielung auf das brennende Kreuz des Ku Klux Klan. Die Feindseligkeit, die George und seiner Ehefrau Susan entgegenschlägt, als sie in einen bisher rein "menschlichen" Vorort ziehen, soll offensichtlich widerspiegeln, was viele Schwarze erleben mussten {und vielleicht immer noch erleben müssen}, wenn sie in einen der "weißen" Suburbs umsiedelten. Eine der menschlichen Hausfrauen geht wie selbstverständlich davon aus, dass Susan ein Hausmädchen sein muss. Warum sonst sollte sich eine "Newcomer" - Frau in diesem Mittelklasseviertel herumtreiben? Und als wäre die Botschaft nicht jetzt schon offensichtlich genug, müssen wir dann auch noch miterleben, wie eine bereits etwas ältere schwarze Frau von den Zeiten der Bürgerrechtsbewegung erzählt, um Susan davon zu überzeugen, dass sie ihre Tochter Emily trotz des rassistischen Mobbings nicht von der Schule nehmen sollte.
Dass George und sein menschlicher Partner Matthew Sikes dem gewohnten Klischee vom überkorrekten, stets den Regeln gehorchenden Polizisten einerseits, dem tough "Underdog" - Bullen andererseits entsprechen, will ich nicht groß beklagen. Letztendlich handelt es sich halt um eine "Buddy Cops" - Story, und die würde ohne diese Klischees nicht funktionieren. Doch muss Georges Sohn Buck dann auch noch unbedingt der "rebellische Teenager" sein, der mit irgendeiner "Newcomer"-Gang abhängt, alle Menschen verachtet und seinen Vater für einen "Race Traitor" hält?!
Und es wird noch schlimmer: Kenneth Johnson hielt es offenbar für einen besonders schlauen und subversiven Dreh, gerade Vertreter von in der realen Welt unterdrückten oder marginalisierten Gruppen zu besonders intoleranten Arschlöchern zu machen. Als sich George endlich einmal deutlich gegen Matthews rassistische Sprüche zur Wehr setzt, kommentiert dies der afroamerikanische Cop Dobbs ungefähr wie folgt: "Das passiert, wenn man denen zuviele Rechte einräumt, sie werden 'uppity'." Für jeden US-Amerikaner dürfte der Begriff "uppity" eine sehr deutliche rassistische Konnotation besitzen: "Uppity nigger". Im Sprachgebrauch weißer Rassisten ist das ist ein Schwarzer, der "aufmüpfig" geworden ist, der nicht mehr weiß, "wo sein Platz ist" -- mit anderen Worten: der wie ein Gleichberechtigter behandelt werden will. Denselben gar zu offensichtlichen Trick zieht Johnson noch einmal durch, wenn er den Anführer der Kinder, die Emily in der Schule mobben, zu einem Jungen im Rollstuhl macht.
            .
Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen, den Pilotfilm zu Alien Nation bis zum Ende durchzuhalten. Allerdings möchte ich nicht verschweigen, dass die folgenden Episoden nicht mehr ganz so penetrant auf mich gewirkt haben. Auch gelingt es vor allem Eric Pierpont seinem George Francisco echtes Charisma zu verleihen, und einige der kulturellen und biologischen Eigenheiten der "Newcomer" {vergorene Milch als Äquivalent zu Alkohol; exzentrisch anmutende Sexpraktiken etc.} wirken ohne Frage recht neckisch. Dennoch denke ich nach Episode 6, dass ein gelungenes Reboot von Alien Nation nicht bloß aus den oben genannten Gründen eine umfassende Überarbeitung der Originalstory erfordern würde.

Sonntag, 12. April 2015

Strandgut der Woche

Sonntag, 5. April 2015

Strandgut der Woche

Montag, 30. März 2015

Camelot-Kino – Teil 1

 
Swer an rehte güete
Wendet sîn gemüete
Dem volget sælde und êre.
Des gît gewisse lêre
Künec Artûs der guote,
Der mit rîters muote
Nâch lobe kunde strîten.
Er hât bî sînen zîten
Gelebet alsô schône
Daz er der êren krône
Dô truoc und noch sîn name treit.
Des habent die wârheit
Sîne lantliute:
Si jehent er lebe noch hiute:
Er hât den lop erworben,
Ist im der lîp erstorben,
Sô lebt doch iemer sîn name.  

Hartmann von Aue: Iwein, 1-17


Seit dem 12. Jahrhundert gehört König Artus zu den großen und scheinbar unsterblichen Gestalten der westeuropäischen Literatur und Kunst. Kein Wunder, dass er im 20. Jahrhundert seinen Weg auch auf die Kinoleinwand gefunden hat.
Angeregt von Nachrichten über Guy Ritchies für 2016 in Aussicht gestellten Film King Arthur {über die ich aber erst im zweiten Teil ablästern werde}, dachte ich mir, ein kleiner Spaziergang durch die Geschichte des arthurischen Kinos sei eigentlich mal eine ganz nette Idee. 
Allerdings muss ich einschränkend vorausschicken, dass mir nicht alle Einträge in seine Annalen aus eigener Anschauung bekannt sind. Und auch bei einigen der Filme, die ich schon einmal gesehen habe, war es mir nicht möglich, meine Erinnerungen durch einen erneuten Besuch aufzufrischen. Die nun folgenden Schreibereien können deshalb nicht den Anspruch erheben, eine lückenlose Darstellung der Geschichte des Artusfilms zu liefern. Auch behalte ich mir natürlich das Recht vor, meine Meinung über die hier vorgestellten Filme jederzeit wieder zu ändern. Das gilt erst recht für Werke, die ich das letzte Mal vor gut zehn Jahren gesehen habe.

Die Frühphase des arthurischen Kinos umfasste die Jahre 1904-16. Das allererste Werk dieser Ära – Edwin S. Porters für Edison produzierter Parsifal – hatte freilich mehr mit Wagner als mit Malory zu tun. Ähnliches gilt für zwei Filmfassungen der Geschichte von Tristan und Isolde aus den Jahren 1909 und 1911 sowie Mario Caserinis Parsifal von 1912. 1909 schuf Charles Kent den Film Launcelot and Elaine, basierend auf dem gleichnamigen Gedicht von Alfred Lord Tennyson. Nur wenig ist über Giuseppe de Liguoros Il Re Artù e i cavalieri della tavola rotonda aus dem Jahre 1910 bekannt, doch soll es sich um einen prachtvoll ausgestatteten Streifen gehandelt haben.
The most interesting cinematic Arthurian project [dieser Ära] was never completed. In 1916, D. W. Griffith announced plans for a spectacle, The Quest of the Holy Grail, to be based on the famous series of fifteen murals by Edwin Austin Abbey that decorate the Book Delivery Room in the Boston Public Library. After obtaining the rights from Abbey's widow, Griffith, for reasons never explained, abandoned the project.*
Danach wurde es erst einmal ziemlich still um die Ritter der Tafelrunde. Lediglich A Connecticut Yankee at King Arthur's Court erhielt zwischen 1920 und '49 drei Adaptionen, die allerdings sämtlichst Mark Twains  bösartige Satire in eine romantische Komödie verwandelten. So richtig gelang König Arthur und seinen Edlen erst 1949 die Rückkehr auf die Leinwand, und zwar in Gestalt der einundvierzigteiligen, von Columbia Pictures produzierten Adventures of Sir Galahad mit George Reeves in der Titelrolle. Ein Serial, das ich wirklich gern mal in die Finger bekommen würde. Allein schon wegen des fies-fröhlichen Merlins (William Fawcett), den wir in diesem kurzen Ausschnitt zu sehen bekommen:



Vier Jahre später erlebte dann der erste echte Klassiker des arthurischen Kinos seine Premiere: Richard Thorpes Knights of the Round Table mit Robert Taylor als Lancelot, Ava Gardner als Guinevere, Maureen Swanson als Elaine und Mel Ferrer als Arthur.
Ich habe eine große Schwäche für Thorpes Mittelalterfilme, in denen stets Robert Taylor die Hauptrolle spielte. Na ja, zumindest für die Knights und Ivanhoe (1952)** – an seine Adaption von Walter Scotts Quentin Durward (1955) habe ich nur noch äußerst verschwommene Erinnerungen. Grandios altmodische Filmepen, die uns in eine farbenprächtige Wunderwelt voll naiver Romantik und edler Ritterlichkeit entführen. Was nicht heißen soll, es wäre korrekt, wenn man Knights of the Round Table einfach als hübschen, doch vielleicht etwas sentimental-spießigen Eskapismus abtun würde.
Ohne Zweifel spielt der Film in einer leicht entrückt wirkenden Märchenwelt, und interessanterweise wurden dabei all jene Elemente, die der offiziellen amerikanischen Gesellschaftsmoral der 50er Jahre anstößig erscheinen mussten, aus Malorys Geschichte {die ausdrücklich als Grundlage genannt wird} entfernt. So dürfen wir mit der Affäre zwischen Lancelot und Guinevere den vielleicht keuschesten "Ehebruch" der Filmgeschichte erleben. Außer ein-zwei Küssen passiert da nichts, und dem Film ist es wichtig, dies ausdrücklich hervorzuheben. Auch handelt es sich bei Mordred (Stanley Baker) nicht länger um Arthurs illegitimen Sohn {und schon gar nicht um einen mit der eigenen Schwester gezeugten}, sondern um den Gatten von Arthurs Halbschwester Morgan Le Fay (Anne Crawford)..
Und doch erweist sich der Film bei genauerem Hinsehen als keineswegs so eindimensional und romantisch-verklärend, wie man auf den ersten Blick vielleicht annehmen könnte. Ich denke da weniger an die Szenen der durch den Feudalkrieg aller gegen alle angerichteten Verheerungen zu Beginn der Geschichte oder an die zweifellos recht interessante Figur des Merlin (Felix Aylmer), der hier nicht als weiser Magier, sondern als weltkluger, mitunter leicht sarkastischer und ziemlich unsentimentaler Ratgeber des anfangs ziemlich überheblichen Arthur auftritt. Was für mich den Streifen vor der Gefahr bewahrt, zu einem in Schwarz und Weiß gemalten pseudoheroischen Epos zu erstarren, ist vor allem die Beziehung zwischen Lancelot und Elaine. Die junge und naive Elaine verliebt sich unsterblich in den edlen Ritter, dem sie zufällig in den Wäldern begegnet. Lancelot empfindet sehr viel für die junge Frau, doch ähneln seine Gefühle eher denen eines älteren Bruders. Als ihm aber bewusst wird, dass Guinevere und er früher oder später ihren wechselseitigen Empfindungen nachgeben werden, wenn er länger in Camelot bleibt, heiratet Lancelot Elaine und zieht gemeinsam mit ihr in die Nordmarken, um dort gegen die Pikten zu kämpfen. Mit anderen Worten, er nutzt Elaine und ihre Gefühle für ihn aus, um der gefährlichen Versuchung zu entgehen. Das macht Lancelot in meinen Augen zu etwas mehr als einem "guten" und "tragischen" Helden. Er wird damit zu einem ambivalenten Charakter. Und wenn es ihm anders als Elaines Bruder Percival (Gabriel Woolf) am Ende verwehrt bleibt, den Heiligen Gral zu schauen, so ist der Grund hierfür in meiner Vorstellung stets sein Verhalten gegenüber Elaine gewesen, nicht der {gar nicht einmal "vollzogene"} Ehebruch mit Guinevere.
Für all diejenigen, die sich mir in diesem Punkt nicht anschließen können, bleibt immer noch die prachtvolle Musik von Miklós Rózsa. Allein schon Grund genug, sich den Film einmal anzuschauen:



Ein Jahr später brachte Irving Allens & Albert R. Broccolis englische Produktionsfirma Warwick Films den arthurischen Abenteuerstreifen The Black Knight mit Alan Ladd als Titelhelden in die Kinos. Ein Film, den ich gern einmal sehen würde, allein schon, weil Peter Cushing in ihm einen der Bösewichter spielt. Etwas betrübt stimmt mich allerdings der Name, den er dabei trägt: Sir Palamides. Der edle Sarazene am Hof von Camelot gehörte eigentlich immer zu meinen Lieblingsfiguren aus Malorys Morte Darthur. Ihn in einen bösen Verschwörer verwandelt zu sehen, behagt mir deshalb ganz und gar nicht.

Bereits einige Monate zuvor hatte Prince Valiant / Eisenherz seinen Einstand auf der Kinoleinwand feiern können. Das letzte Mal habe ich diesen Film im Alter von zehn-zwölf Jahren gesehen. Höchste Zeit ihm mal wieder einen Besuch abzustatten! Zur Einstimung der wunderbare Soundtrack von Franz Waxman:



Man könnte darüber streiten, ob Henry Hathaways Adaption von Hal Fosters Comic überhaupt als ein legitimes Mitglied der filmischen Tafelrunde angesehen werden darf. Sicher, ein Gutteil der Handlung spielt im Reich Arthurs und am Hof von Camelot, und mit Sir Gawain als dem Mentor und Freund unseres jungen Helden ist eine der Hauptfiguren zweifelsohne ein waschechter Ritter der Tafelrunde. Doch davon abgesehen enthält der Streifen kaum Elemente aus dem traditionellen Sagenkreis, und mit der Story um Valiants Vater Aguar – den im Exil lebenden König von Scandia*** –, den Usurpator Sligon und den Kampf zwischen heidnischen und christlichen Wikingern erhält er doch ein eher unarthurisches Flair.
In gewisser Weise handelt es sich um zwei Geschichten, die zwar miteinander verknüpft sind, aber doch ihre je ganz eigene Atmosphäre besitzen. Und so gipfelt der Film auch in zwei sehr unterschiedlichen Finalen: Dem nächtlichen Massenkampf in Sligons Burg mit brennenden Menschen, axtschwingenden Nordmännern und einem an Turmmauern herumkletternden Valiant. Und dem Schwertkampf Mann gegen Mann zwischen Valiant und Sir Brack am Hof von Camelot.
Diese Doppelstruktur verleiht dem Film einen etwas ungewöhnlichen Charakter, und es ließe sich argumentieren, dass dabei keiner der beiden Geschichten genügend Zeit eingeräumt wird, um sich wirklich entfalten zu können. Dem mag so sein, dennoch hinterlässt Prince Valiant nicht den Eindruck des Zusammengestückelten. Vielmehr gelingt es Henry Hathaway auf mühelos anmutende Weise die beiden Handlungsstränge zu einem in sich stimmigen Ganzen zu vereinen. Wenn die einzelnen Charaktere dabei auch kaum die Möglichkeit erhalten, größere Tiefe zu entwickeln, präsentiert sich uns der Film am Ende doch als eine durchweg unterhaltsame, charmante kleine Abenteuergeschichte – und mehr will er nicht sein.
Was mir meine neuerliche Begegnung mit Prince Valiant wieder einmal zu Bewusstsein geführt hat, ist die selbstverständliche Kompetenz, über die die Filmemacher jener Zeit verfügten. Gar zu oft bekommen wir heute Filme vorgesetzt, die wie die mehr oder weniger willkürliche Aneinanderreihung irgendwelcher Szenen wirken, die sich nicht zu einem organischen und in sich schlüssigen Ganzen zusammenfügen. In Anbetracht seiner eigentümlichen Struktur hätte Prince Valiant besonders leicht zu einem derart amorphen Etwas werden können. Doch das ist nicht der Fall. Leute wie Hathaway verstanden ihr Handwerk, sie wussten wie man eine Geschichte filmisch erzählt, wie man eine Handlung aufbaut und Charaktere entwickelt. 
Henry Hathaway gehörte sicher nicht zu den ganz Großen des klassischen Hollywood. Andrew Sarris schreibt über ihn: "[His] charm consists chiefly of minor virtues, particularly a sense of humor, uncorrupted by major pretensions".**** Diese Charakterisierung beschreibt recht genau auch den Charme von Prince Valiant. Der Film versucht nicht die epische Grandezza der Knights of the Round Table zu kopieren, sondern ist zufrieden damit, eine farbenfrohe Abenteuergeschichte im Mittelaltergewand zu sein. Der humoristische Mittelteil mit seiner kleinen "Comedy of Errors", in die sich Valiant, Aleta (Janet Leigh), Sir Gawain und Ilene (Debra Paget) verstricken, hätte im Kontext eines anderen Filmes vielleicht wie ein Fremdkörper gewirkt. Hier trägt er dazu bei, der Geschichte als Ganzem einen lockereren und humaneren Ton zu verleihen, was dieser sehr zugute kommt. Zumal der große Sterling Hayden (Johnny Guitar, The Asphalt Jungle, Dr. Strangelove, The Godfather, The Long Goodbye) einen äußerst sympathischen Gawain abgibt.
Der einzige echte Schwachpunkt des Filmes ist sein Hauptdarsteller. Robert Wagner gelingt es leider nicht so recht, unserem jugendlichen Helden das nötige Charisma zu verleihen. Sein Valiant wirkt im Umgang mit anderen gar zu oft unmotiviert aggressiv und beinah etwas feindselig. Mir ist klar, dass der Wikingerprinz impulsiv und etwas naiv wirken soll, und sein Verhalten in der Artuswelt ließe sich als Ausdruck der Unsicherheit interpretieren, die er in einer ihm fremden Gesellschaft empfinden muss, in der er nicht länger der Sohn des Königs, sondern bloß Sir Gawains Knappe ist. Doch Wagners Spiel ist nicht nuanciert genug, um das rüberzubringen, was wirklich jammerschade ist. Es hätte dem Film eine weitere interessante Facette hinzufügen können.
Dafür haben wir mit James Masons Sir Brack einen ausgezeichneten Bösewicht, der – anders als der gänzlich unentwickelte Sligon – über einen echten Charakter verfügt. 

Der von dem englischen Schauspieler Brian Aherne verkörperte König Arthur bleibt in Prince Valiant im Grunde eine Randfigur. Als Haupt der Tafelrunde ist er die lebendige Verkörperung aller ritterlichen Werte und hält einige diesbezügliche "programmatische" Reden, doch er spielt keine aktive Rolle innerhalb der Story. In gewisser Weise gleicht seine Funktion hier derjenigen, die er in den klassischen Artusromanen des Mittelalters innegehabt hatte, welche sich ja auch nie wirklich um Arthur, sondern stets um einen seiner Ritter drehen. So gesehen ist Prince Valiant vielleicht doch sehr viel "arthurischer", als ich dem Film ursprünglich zuzubilligen bereit war.
Wie dem auch sei, auf jedenfall sollte Aherne ein knappes Jahrzehnt später ein weiteres Mal Gelegenheit erhalten, den König auf Camelot zu spielen. Und diesmal würde es sich dabei um eine sehr viel bedeutendere Rolle handeln, denn der Film stellte eine Art Alternativversion der Geschichte dar, die Knights of the Round Table erzählt hatte. Die Rede ist von Cornel Wildes Lancelot and Guinevere (UK) aka The Sword of Lancelot (US) aus dem Jahr 1963.



Um das von vornherein klarzustellen: Der Streifen besitzt auch nicht annähernd die Qualität von Knights of the Round Table, und Brian Aherne trägt dafür einen nicht unbedeutenden Teil an Mitschuld. Doch gerade wenn man ihn im Kontrast zu Thorpes Werk betrachtet, verfügt Lancelot and Guinevere durchaus über einige interessante Elemente.

Der Film scheint ein Herzensprojekt von Cornel Wilde gewesen zu sein, der nicht nur die Hauptrolle spielte, sondern auch gemeinsam mit Universal-Veteran Richard Schrayer das Drehbuch geschrieben hatte, die Regie führte und als einer der Co-Produzenten fungierte. Seine damalige Ehefrau Jean Wallace übernahm den Part der Guinevere.  
Es wäre interessant zu wissen, warum es Wilde offenbar soviel bedeutete, eine eigene Version der Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Die Produktionsfirma Rank Films ließ seinerzeit im Rahmen ihrer Werbekampagne verkünden, der Film sei "the realization of a dream. As a boy [Wilde] had read the 'Mort d'Arthur' of Sir Thomas Malory, and the story of Lancelot and Guinevere was one that stayed vividly in his mind."***** Leider sagt das nicht eben viel aus, auch wenn es stimmen sollte. Was genau faszinierte Wilde so sehr an dieser Geschichte? Unter welchem Blickwinkel ging er an sie heran, als er sie in einen Film verwandelte? Der Ton des Endproduktes wirkt merkwürdig uneinheitlich, so als wären sich Wilde und Schrayer nicht sicher gewesen, was für eine Art von Film sie eigentlich drehen wollten.

Die Handlung beginnt mit einer offen "humoristischen" Szene: Eines der Mitglieder der Tafelrunde bringt König Arthur und seinen Gefährten die furchtbare Nachricht, dass Sir Lancelot offenbar an irgendeiner geheimnisvollen Krankheit leidet. Er habe den Ritter dabei beobachtet, wie dieser versuchte, irgendeinen grauslichen Schaum von seinem nackten Körper zu kratzen. Wie sich schnell herausstellt, handelte es sich dabei natürlich um Seife – ein Kulturgut, dass den in Sachen Hygiene offenbar nicht sonderlich bewanderten Rittersleuten bisher unbekannt war. {Kicher - Kicher}
Ein Film, der auf dieser Note anhebt, vermittelt den Eindruck, dass er nicht hundertprozentig ernst genommen werden will. Was selbstredend völlig in Ordnung wäre, wenn wir nicht wenig später mit allerlei fürchterlich gestelzten und mit zahllosen "thees" und "thous" durchsetzten Dialogen konfrontiert würden, die zwar gleichfalls ziemlich lächerlich wirken, aber unter Garantie nicht so wirken sollten. 
Die erste Hälfte von Lancelot and Guinevere lässt sich am ehesten als eine bizarre Mischung aus Pathos und Farce beschreiben ... Der permanent mit einem etwas zu klein geratenen Jagdfalken auf der Schulter umherspazierende Mordred (Michael Meacham) hält Monologe, die wie schlecht gemachte Plagiate auf Shakespeares Richard III wirken. Der schon etwas in die Jahre gekommene Arthur schwingt pathetische Reden und wirkt zugleich wie ein etwas vertrottelter Naivling. Lancelot nervt alle mit seinem fürchterlich aufgesetzt wirkenden französischen Akzent, den er vermutlich in erster Linie pflegt, um seinem Image als großer Charmeur gerecht zu werden ... Und nichts davon ist als Parodie intendiert, andernfalls bräuchte es ja nicht die offen "humoristischen" Szenen, die immer mal wieder in die Handlung eingeschoben werden.

Wenn sich überhaupt ein durchgehendes Motiv ausmachen lässt, so am ehesten noch das Bemühen, der Geschichte etwas mehr Realismus zu verleihen. Lancelot and Guinevere spielt anders als Knights of the Round Table nicht in einer romantisch verklärten Märchenwelt. Das Plakat für den Film hatte verkündet: "This was the loving ... battling ... lusty age of King Arthur", und ungefähr in diesem Stil ist der Streifen auch gehalten. Darin wird man vor allem eine Widerspiegelung der sich verändernden Gesellschaftsmoral erkennen dürfen. Die in Thorpes Version "wegretuschierten" "anstößigen" Elemente der Geschichte gelangen wieder zu ihrem alten Recht. Mordred ist erneut König Arthurs Bastard. Lancelot und Guinevere schmachten sich nicht bloß an, sondern steigen gemeinsam ins Bett. In Camelots Festhalle unterhält man sich mit makabren Puppenspielen, säuft und rülpst. Lancelots Kumpel Sir Lamorak (Archie Duncan) stellt hübschen Schankmädchen nach ... Dass die gestelzten Reden und Dialoge in diesem Kontext besonders absurd wirken müssen, braucht wohl nicht eigens hervorgehoben werden.
Der neue "Realismus" zeigt sich am deutlichsten in den Darstellungen von Kampf und Gewalt. Wenn Lancelot einen Gerichtskampf beendet, indem er seinem Gegner den Schädel spaltet, wirkt dies wie ein kleiner Schock. Die Szene ist äußerst kurz und nicht besonders drastisch, aber in den Ritterspektakeln der 50er Jahre hätte man so etwas nicht zu sehen bekommen. In diesem Zusammenhang besonders interessant ist die Nebenfigur des Sir Tors (Iain Gregory). Er ist als Lancelots archetypischer jugendlicher Protegé angelegt. Gemeinsam mit seinem Mentor bestreitet er seinen ersten echten Kampf, gesteht ihm in der Nacht vor der großen Schlacht seine Ängste und wird von dem erfahrenen Veteranen mit aufmunternden Worten und einer neuen Rüstung versehen ... und plötzlich ist er tot! Die Schlacht ist eigentlich bereits gewonnen, da spannt einer der fliehenden Barbaren noch einmal seinen Bogen und im nächsten Moment bekommen wir zu sehen, wie Tors Kopf von einem Pfeil durchbohrt wird! Das schockierende an dieser Szene ist nicht so sehr die Brutalität des Dargestellten, sondern der krasse Bruch mit gewohnten Konventionen. Man lässt jugendliche Sidekicks nicht einfach sterben. Es sei denn, ihr Tod würde dem Protagonisten als Motivation für einen Rachefeldzug oder etwas ähnliches dienen. Doch das ist hier nicht der Fall.

Die Art, in der der Film die Beziehung zwischen Lancelot und Guinevere darstellt, ist gleichfalls nicht ohne Reiz. Die Tochter von König Leodogran wird als selbstbewusste und lebenslustige junge Frau eingeführt. Als einziges Kind von ihrem Vater "wie ein Junge" erzogen, versteht sie es "wie ein Mann" zu reiten, hat eine Vorliebe für die Jagd und schwingt an einer Stelle sogar das Schwert. Die Szene, in der sie und Lancelot in einem Waldsee baden, wirkt erstaunlicherweise nicht peinlich, sondern geradezu charmant. Wenn man die beiden gemeinsam im Wasser herumtollen sieht, bekommt man ein Gefühl dafür, warum sie sich ineinander verlieben. Leider jedoch gesellen sich zu diesem anfangs so sympathisch menschlich anmutenden Bild im weiteren Verlauf der Handlung zunehmend problematisch wirkende Elemente.
Als Lancelot beschließt, Camelot zu verlassen und in seine bretonische Heimat zurückzukehren, wirft ihm Guinevere vor, er sei ihrer ganz einfach überdrüssig geworden und wolle sich nun bei Nacht und Nebel davonmachen, um sich anderswo eine neue Geliebte zu suchen. Lancelots Argument, dass ihre Affäre früher oder später von Mordred dazu benutzt werden könnte, Arthur zu stürzen, stößt bei ihr auf taube Ohren. Guinevere geht es ausschließlich um ihre Gefühle, und so beschimpft sie ihren Geliebten als einen Verräter, um sich gleichzeitig verzweifelt an ihn zu klammern. Mit anderen Worten: Sie verwandelt sich vor unseren Augen in die sexistische Karrikatur des irrationalen, beinah hysterischen, egoistischen Weibchens.
Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass Guinevere in einer späteren Szene eine durchaus nachvollziehbare Erklärung für ihr Verhalten liefert. Als Mann könne Lancelot jederzeit fortziehen und sich anderswo ein neues Leben aufbauen. Sie hingegen ist für immer an die bedrückend enge Welt der königlichen Kemenate gebunden. Ihre gemeinsame Liebesbeziehung ist der einzige Bereich, in dem sie so etwas wie Freiheit und Glück erfahren kann, und besitzt deshalb für sie einen völlig anderen Stellenwert als für ihn.
Ein interessanter Gedanke. Doch leider gelingt es dem Film nicht, ihn innerhalb der Handlung auch glaubhaft und anschaulich umzusetzen, obwohl es ein-zwei Szenen gibt, die in diese Richtung gehen. Auch zerstört das Ende, wenn Guinevere sich als bußfertige Sünderin ins Kloster zurückzieht, alles, was hier an Potential vielleicht vorhanden gewesen wäre.

Zum Abschluss noch ein kleines Detail am Rande: Im letzten Drittel des Films, wenn Arthurs Heer Lancelots Burg Joyeuse Garde belagert, wird verhältnismäßig viel Zeit darauf verwendet, einen dramatischen Handlungsanstieg aufzubauen, der im Zweikampf zwischen Gawein und Lancelot gipfeln müsste. Und dann wird uns dieser Kampf einfach nicht gezeigt! Er findet offscreen statt! Für uns setzt die Handlung erst wieder ein, wenn Lancelot seinem bezwungenen Gegner die Klinge auf die Brust setzt.
Meine Vermutung ist, dass nicht mehr genug Geld und/oder Zeit vorhanden war, um einen weiteren Kampf zu drehen. Ob diese Annahme stimmt,weiß ich natürlich nicht. Auf jedenfall wirkt das Ganze äußerst bizarr.

  
 Fortsetzung folgt ...
  



* Kevin J. Harty: Cinema Arthuriana: An Overwiev. In: Ders. (Hg.): Cinema Arthuriana. Twenty Essays. S. 9f.
**  Interessanterweise war Marguerite Roberts, die zusammen mit Aeneas MacKenzie und Noel Langley das Drehbuch für den Film geschrieben hatte, eines der Opfer der Schwarzen Listen. Dass der ultrakonservative Robert Taylor einer der übelsten Denunzianten während der antikommunistische Hexenjagd der 50er Jahre war und eigenhändig eine ganze Reihe von Karrieren zerstörte, verleiht diesem Umstand noch eine ganz besondere Note. Ich sollte mich bei Gelegenheit vielleicht mal wieder etwas eingehender mit Ivanhoe beschäftigen – und damit meine ich sowohl Walter Scotts Roman als auch Richard Thorpes Film.
*** Ich kenne mich mit den Comics nicht so aus, aber stammte Valiant da nicht aus Thule? Ob der Name einen gar zu "völkischen" Beigeschmack hatte und deshalb in Scandia umgewandelt wurde?
**** Andrew Sarris: The American Cinema. Directors and Directions 1929-1968. S. 179.
***** Zit. nach: Kevin J. Harty: "Arthur? Arthur? Arthur?" – Where Exactly Is the Cinematic Arthur to Be Found? In: Alan Lupack (Hg.): New Directions in Arthurian Studies. S. 137