"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 10. November 2014

Von der Unmenschlichkeit allegorischer Dichtung

But he the knight, whose semblaunt he did beare,
  The true Saint George was wandred far away,  
  Still flying from his thoughts and gealous feare;
  Will was his guide, and griefe led him astray.
  At last him chaunst to meete vpon the way
  A faithlesse Sarazin all arm'd to point,
  In whose great shield was writ with letters gay
  Sans foy: full large of limbe and euery ioint
He was, and cared not for God or man a point.


Einige der ganz großen Werke der europäischen Literaturtradition sind allegorische Dichtungen. Ich denke da u.a. an den Roman de la Rose von Guillaume de Lorris und Jean de Meun, an John Bunyans Pilgrim's Progress oder an Edmund Spensers Faerie Queene, aus der obige Verse stammen. Und auch wenn viele heutige Leserinnen & Leser vermutlich große Probleme mit dieser uns fremd gewordenen Art von Literatur haben, finde ich sie doch ziemlich faszinierend. Nicht zuletzt, weil sie uns einen Einblick in das Denken und Empfinden einer vergangenen Epoche verschafft. Einer Epoche, in der die menschliche Individualität weniger wichtig erschien als die Einordnung in ein gesellschaftlich sanktioniertes Wertesystem. In der man nicht so sehr man selbst als vielmehr die möglichst perfekte Verkörperung eines als universal verstandenen Idealtyps sein sollte. In der allegorischen Dichtung, die Menschen als bloße Symbole für unterschiedliche Tugenden und Sünden auftreten lässt, scheint sich mir etwas davon widerzuspiegeln.

Und da zu jenen Zeiten das ganz Europa unangefochten beherrschende Wertesystem ein christliches war, versteht es sich ganz von selbst, dass dabei der Nichtchrist, der "Ungläubige" zum Symbol für all das werden musste, was als  böse und bekämpfenswert galt. Wie ihre Namen ja schon ganz deutlich zum Ausdruck bringen, haben die Brüder "Sans foy" (= "Ohne Glauben"), "Sans loy" (= "Ohne Gesetz") und "Sans joy" (= "Ohne Freude") aus The Faerie Queene nicht wirklich etwas mit dem Islam zu tun. Dennoch werden sie als "Sarazenen", also als Muslime, bezeichnet.

Zum besseren Verständnis dessen ist es vielleicht hilfreich, darauf hinzuweisen, dass es in der volkssprachlichen Literatur des europäischen Mittelalters üblich war, alle Nichtchristen und Nichtjuden als Anhänger eines universalen, übergeschichtlichen Heidentums zu begreifen, in dessen Darstellung antike und islamische Züge miteinander verschmolzen wurden. So erscheinen selbst im großartigen Willehalm des Wolfram von Eschenbach -- diesem wohl berühmtesten Beispiel der "Höfischen Toleranz" -- die Muslime als Polytheisten und Götzendiener. Auf der anderen Seite werden die eigentlich eher an Wikinger gemahnenden Heiden ("paynim") im mittelenglischen King Horn dennoch als "Sarazenen" bezeichnet. Der Begriff konnte somit als Synonym für "Heide" schlechthin verwendet werden. So etwa, wenn es im Vorauer Alexander vom Pferd des Makedonenkönigs heißt: "So Sarrazin noch christenman / nichain bezzer ros gewan".

Ich denke, Spensers Verwendung des Begriffs muss in dieser Tradition gesehen werden. Das ändert natürlich nichts daran, dass der "Nichtchrist" {und vor allem der Muslim} hier zum gesichtslosen "Anderen" gemacht wird. Und da wir es mit einer allegorischen Dichtung zu tun haben, verliert er sogar jeden Rest seiner Menschlichkeit und wird zum bloßen Symbol für all das, was dem elisabethanisch-aristokratischen Publikum, für das der Dichter schrieb, hassenswert erschien.

Der amerikanisch-arabische Fantasyautor Saladin Ahmed hat vor kurzem eine Short Story veröffentlicht, in der er sich mit dieser Problematik auf sehr berührende Weise auseinandersetzt: Without Faith, Without Law, Without Joy. Unbedingt lesenswert!    

Samstag, 8. November 2014

"They stab it with their steely knives, / But they just can't kill the beast"

Seit einer halben Ewigkeit schon hege ich den Wunsch, einmal einen Artikel über Hotel Calilfornia von den Eagles, A Scanner Darkly von Philip K. Dick und Terry Gilliams Fear and Loathing in Las Vegas zu schreiben. Ein Song, ein Roman und ein Film, die auf ihre je eigene Art etwas Profundes über das Scheitern der Hippie- und Counter Culture - Bewegung der 60er Jahre aussagen. Ob ich je dazu kommen werde? Wer weiß. Für den Moment habe ich nicht mehr anzubieten als einige interessante Versionen von Hotel California. Aus sehr persönlichen Gründen einer der verstörendsten Songs, die ich kenne.









Endlich

Vor über zwei Jahren habe ich auf diesem Blog schon einmal einen längeren Beitrag über Requires Hate (RH) alias Winterfox alias Pyrofennec alias Valse de la Lune alias alias alias ... gepostet. Wer nicht weiß, von wem die Rede ist, sollte vielleicht erst einmal dort kurz reinlesen. Doch er oder sie sei gewarnt: Es handelt sich um eine wirklich unappetitliche Geschichte.
Nachdem ich den Artikel geschrieben hatte, gab es für mich keinen weiteren Anlass mehr, mich noch einmal mit dieser äußerst unangenehmen Person auseinanderzusetzen. Zwar stieß ich ab und an in den Weiten des Internets auf Berichte über ihre neuesten Hasstiraden, doch ich hatte kein Interesse, mich noch einmal genauer mit ihr und ihrem Treiben zu beschäftigen. Sicher, als ich erfahren musste, dass Djibril al-Ayad -- Herausgeber des Magazins The Future Fire -- und einige andere den Versuch gestartet hatten, eine Hugo - Nominierung für RH zu erreichen, weckte das in mir erneut die alte Mischung aus Ekel und Melancholie, aber das war's dann auch.

Doch angesichts der Ereignisse der letzten Wochen und vor allem aufgrund des von Laura J. Mixon verfassten Report on Damage Done by One Individual Under Several Names fühle ich mich irgendwie verpflichtet, noch einmal einen kurzen Post zu dem Thema zu schreiben. 

Ich habe nicht die Zeit und nicht die Kraft, das Geschehen im Detail nachzuzeichnen. Eine Zusammenfassung findet sich hier. Jedenfalls outete Nick Mamatas RH als Benjanun Sriduangkaew. Seine Gründe hierfür bleiben schleierhaft, ist er doch einer von RH's begeisterten und besonders aggressiven Anhängern. Aber nach dem, was ich in den letzten Wochen so gesehen habe, scheint Mamatas es zu genießen, Kontroversen jeder Art auszulösen, einfach nur, weil er damit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermag. Wie dem auch sei, das Thema RH erhielt damit eine ganze neue Dimension.  
Benjanun Sriduangkaew ist eine junge (?) Autorin (?), deren seit 2012 u.a. in Clarkesworld und dem Apex Magazine erschienene Kurzgeschichten in Teilen der englischsprachigen SFF-Gemeinde offenbar für einiges Furore gesorgt und zu ihrer Nominierung für den diesjährigen John W. Campbell Award geführt haben. Die Nachricht, dass es sich bei ihr zugleich um die "Rage Bloggerin" Requires Hate und die berüchtigte Trollin Winterfox handelte, musste für viele wie ein Schock kommen. Denn zur Förderung ihrer beginnenden Schriftstellerkarriere hatte sich RH nicht nur eine neue "Maske" {allem Anschein nach ist auch Sriduangkaew bloß ein weiteres Pseudonym}, sondern auch eine neue "Persönlichkeit" zugelegt. In der Gestalt von "Bee" präsentierte sie sich als überaus netter, charmant-naiver Neuling in der Welt von Fantasy und SF.
Damit das klar ist: Ganz gleich was RH in ihren öffentlichen "Entschuldigungen" {hier und hier} behauptet hat, an ihrem Verhalten hat sich in den letzten zwei Jahren nichts grundsätzliches verändert. Nach wie vor vergnügte sie sich damit, andere Menschen zu terrorisieren. Eines ihrer Opfer war Chelsea Gaither, deren qualvollen Bericht über das von ihr Durchgestandene man hier lesen kann. 
In anderer Hinsicht allerdings war es tatsächlich zu einer Art von Wandlung gekommen. RH wurde zu mehr als einer besonders bösartigen Trollin und Cyber-Stalkerin. Zielstrebig baute sie sich eine blind ergebene Anhängerschaft auf, deren wohl bekanntestes Mitglied Alex Dally MacFarlane sein dürfte, Verfasserin der Tor-Kolumne Post-Binary Gender in SF. Die Methoden, derer sie sich dabei bediente, gleichen auf geradezu unheimliche Weise denen einer Sektenführerin. Laura Mixon schreibt in ihrem Bericht über RHs "inneren Zirkel"
These people actively work in coordination with her to identify and launch attacks against targets. They appear to be mostly progressive women, and many are women of color. I know this because a number of them have reached out privately to me. They feel trapped and want out. They have provided me with details.
BS/RH draws them into her circle with flattery and friendliness, cultivating a mentor-like relationship with them. She provides a supposed safe, private space online for them to vent their frustrations and fears. Gradually BS/RH pulls them in a tight orbit, a world filled with negativity and paranoia where no one is to be trusted but her. She eggs them on in email exchanges or live chats to say intemperate things about their SFF colleagues. In other words, she incites them to help pick targets.
Members of the inner circle receive (initially gentle) correctives if they push back against BS/RH’s directives. If they continue to resist, they become targets, themselves—with the added unspoken threat that she can publish their ill-considered emails at any time. They have been her loyal soldiers, and have spoken ill of and acted badly toward other people at her behest.
However, though they are culpable, it is important to remember that someone they thought they could trust is in essence holding them hostage. In a very real sense, they are BS/RH’s victims, too.
Einen genaueren Einblick in diese Mechanik eröffnen die bei Fail.Fandom.Anon zu lesenden Aussagen eines ehemaligen Mitglieds dieses Zirkels.
Ihren gesteigerten Einfluss nutzte RH auf perfide Weise aus, um ihr missliebige Personen mundtot zu machen, zu isolieren und zu verleumden. Dies gilt insbesondere für Rochita Loenen-Ruiz und Athena Andreadis.

In meinem alten Blogpost über RH ging es mir in erster Linie um die politische Dimension des Ganzen.
Nachwievor bin ich davon überzeugt, dass ihr Treiben in hohem Maße von der Art begünstigt wurde, in der Diskussionen in einem Umfeld geführt werden, das von den Ideen der Identitätspolitik und den mit ihr verbundenen Theorien ("Privilege Theory", "Critical Race Theory", "Intersectionality" etc.) geprägt ist. Auch jetzt noch bedienen sich ihre Verteidiger & Verteidigerinnen wie Djibril al-Ayad, K. Tempest Bradford, Alex Dally MacFarlane, Tori Truslow oder Bloggerin Tessa Argumenten, die sie dem Arsenal dieser äußerst ungesunden Ideologie entnommen haben. {Und natürlich versucht RH selbst, sich als bemitleidenswertes Opfer darzustellen; vgl. dazu James Worrads Post}. Doch erfreulicherweise haben in den letzten Tagen und Wochen eine ganze Reihe von Personen, deren Denken sicher gleichfalls nicht unbeeinflusst von den Ideen der Identitätspolitik ist, bewiesen, dass Mitgefühl und simple Menschlichkeit für sie wichtiger sind, als irgendwelche ideologischen Dogmen. Auch Rochita Loenen-Ruiz und Athena Andreadis standen RH ursprünglich keineswegs grundsätzlich ablehnend gegenüber. Erst nach einiger Zeit realisierten sie, dass sie es bei ihr nicht mit einer vielleicht etwas übereifrigen Kämpferin, sondern mit einer zutiefst bösartigen und manipulativen Sadistin zu tun hatten. Und anders als etwa Kameron Hurley entschieden sie sich dazu, ganz klar Stellung zu beziehen. Inzwischen haben sich auch Personen, die nicht unmittelbar betroffen waren, wie z.B. Elizabeth Bear, Farah Mendlesohn und Nalo Hopkinson sehr deutlich zu RH geäußert.

Es ist diese menschliche Dimension, die mir im Moment besonders wichtig ist. In der ersten großen Diskussion nach dem Outing von RH wurden ihre Opfer von Nick Mamatas und anderen RH-Fans noch einmal mit den inzwischen sattsam bekannten, widerlichen Methoden niedergeknüppelt. Doch spätestens mit Laura Mixons Bericht hat sich vieles geändert. Zum ersten Mal ist dort einer größeren Öffentlichkeit innerhalb der SFF-Gemeinde der ganze Umfang von RHs Treiben bekannt gemacht worden. Gleichzeitig hat Mixon einen Raum geschaffen, in dem die Opfer endlich über ihre Erlebnisse berichten können, ohne befürchten zu müssen, dass RHs Knüppelgarde über sie herfällt. 
Was man dort zu lesen bekommt, ist zum Teil wirklich erschütternd. Wieviel Leid eine einzelne Person anrichten kann, wenn sie nur geschickt, grausam und "fleißig" genug ist! {Und wie u.a. Rachel Manija Brown aus eigener Erfahrung berichtet, hat RH ihre Opfer zum Teil jahrelang verfolgt und gequält.} 
Es ist sehr erfreulich, dass all dies nun endlich ans Tageslicht gelangt. Hoffentlich können die Opfer aus der Aufmerksamkeit und dem Mitgefühl, die ihnen nun zuteil werden, neue Kraft schöpfen. Ungeschehen können die Wunden nicht gemacht werden. Aber vielleicht wird es zumindest bei einigen Leuten in der SFF-Gemeinde zu einem Umdenken kommen. Vielleicht werden sie in Zukunft weniger schnell bereit sein, unmenschliches Verhalten gut zu heißen, nur weil es unter dem Deckmantel einer "progressiven" Agenda einherkommt. Dieser Post eines ehemaligen RH-Anhängers gibt zumindest Anlass zur Hoffnung.    


PS: Hier findet sich eine recht umfassende Linkliste zu der Kontroverse.      

Strandgut der Woche

Montag, 3. November 2014

Auch eine Art Abenteuer

Geas*
Reichweite: 30e
Dauer: Bis zur Vollendung oder Aufhebung
Wirkung: Zwingt eine Kreatur

Dieser Spruch zwingt ein Opfer, eine bestimmte Handlung vorzunehmen oder zu unterlassen. Zum Beispiel kann ein Charakter unter einem Geas (gesprochen: Gehs) gestellt werden, dem Zaubernden ein bestimmtes Objekt zu holen, zu essen, wann immer es ihm möglich ist, oder eine bestimmte Information nie preiszugeben. Die verlangte Handlung muß durchführbar sein und darf nicht direkt zum Tode führen, sonst wendet sich der Geas gegen den Zaubernden! Dem Opfer steht gegen den Geas ein Rettungswurf gegen Zaubersprüche zu. Ignoriert ein Charakter einen ihm auferlegten Geas, unterliegt er (vom DM zu bestimmenden) Strafen, bis er entweder dem Geas gehorcht oder stirbt. Angebrachte Strafen sind Abzüge im Kampf, gesenkte Attributswerte, Verlust von Zaubersprüchen, Schmerzen und Schwächeanfälle usw. Zauber Bannen und Fluchbrecher haben keinerlei Effekt gegen einen Geas.
So steht es in meiner altehrwürdigen blauen Ausgabe der D&D-Experten-Regeln von 1983. 
Ich wüsste zwar nicht, welchen Zauberer ich in jüngster Zeit verärgert haben sollte, aber man könnte beinah glauben, ich hätte letzte Woche unter der Kontrolle eben dieses perfiden Spruchs gestanden, denn ich habe mir die D&D-Filme angeschaut! ... Alle drei! ... Ohne dass mir dabei jemand eine Pistole an die Schläfe gehalten hätte!
Lasst mich berichten von meiner epischen Queste!


Dungeons & Dragons (2000)



Beginnen wir unsere Saga mit einer vielleicht etwas provokant klingenden Behauptung: Meiner Meinung nach sollte jeder, der sich für die Geschichte des Fantasyfilms interessiert, Courtney Solomons im Jahr 2000 in die Kinos gelangten Streifen wenigstens einmal gesehen haben. Nicht, weil er legendärer Schlock ist. In dieser Hinsicht wären Hawk the Slayer (1980) und selbst Conan the Destroyer (1984) sehenswertere Kandidaten. Das Pikante an Dungeons & Dragons ist vielmehr, dass der Flick unter dem Logo von New Line Cinema über die Leinwände flimmerte. Zugegeben, New Line war lediglich der Filmverleih, nicht die Produktionsfirma, aber ich finde es dennoch ebenso amüsant wie erhellend, dass dieser Streifen mit dem Namen des Studios verknüpft ist, das der Welt ein Jahr später Peter Jacksons Fellowship of the Ring präsentierte. Dungeons & Dragons führt einem mit aller wünschenswerten Deutlichkeit vor Augen, auf welchem Niveau sich der Fantasyfilm befand, unmittelbar bevor Jackson die Bühne betrat. Wenn das der Standard war, an dem sich dieser messen lassen musste, dann ist es kein Wunder, dass seine Tolkienadaption auf viele offenbar wie der Citizen Kane des Fantasyfilms gewirkt hat.

Auf den ersten Blick mag es erstaunlich erscheinen, dass es erst so spät zur Produktion eines Dungeons & Dragons - Films gekommen ist. Seine größte Popularität genoss das Spiel doch wohl in den 80er Jahren. {Und dementsprechend wurde die gleichnamige Cartoon-Serie auch von 1983-85 ausgestrahlt.} Tatsächlich hatte Courtney Solomon die Rechte für eine Filmadaption {nennen wir's mal so} bereits ein gutes Jahrzehnt zuvor erworben. Dass es so lange dauerte, bis das Projekt schließlich realisiert wurde, hatte vor allem mit den Titelinhabern {erst TSR, dann Wizards of the Coast} zu tun, denen beim Erwerb der Lizenz außergewöhnlich große Mitspracherechte eingeräumt worden waren. Glaubt man Solomon, so war das jahrelange Hickhack erst mit Lorraine Williams, die seit dem Ausstieg von Gary Gygax 1987 die uneingeschränkte Kontrolle über TSR besaß, dann mit Peter Adkinson, dessen Wizards of the Coast ein Heidengeld mit Magic: The Gathering verdient hatten und 1995 TSR schluckten, in hohem Grade mitverantwortlich dafür, dass am Ende ein so vermurkstes Produkt herauskam. Eigenen Aussagen zufolge hatte er nie vorgehabt, selbst die Regie zu führen, und das Drehbuch, auf dem der Film basierte, war eigentlich längst zugunsten eines anderen Scripts verworfen worden. Ob dieses wirklich besser gewesen wäre, werden wir natürlich nie erfahren, doch angesichts der Tatsache, wie fürchterlich das von Carroll Cartwright & Topper Lilien verbrochene Machwerk ist, stehen die Chancen dafür ziemlich gut.

Dungeons & Dragons ist vermutlich nicht der mieseste Fantasystreifen, der je gedreht wurde. Ich würde wetten, dass man unter den zahllosen ultrabilligen Conan - Rip-offs der 80er Jahre noch manch gruseligeres Exemplar finden könnte. Joe D'Amatos Ator (1982) wäre z.B. ein durchaus ernstzunehmender Konkurrent. Das ändert freilich nichts daran, dass Courtney Solomons Flick ein echtes Verbrechen an allen Freundinnen & Freunden der Fantasy oder des Films darstellt. Ach was sage ich: An allen auch nur durchschnittlich intelligenten oder sensiblen Menschen.
Das Schlimme ist nicht, dass der Film inkompetent gemacht und die Story unsäglich dumm ist. Dungeons & Dragons ist vor allem eins: Beleidigend. Zwerg Elwood (Lee Arenberg) als dümmliche Karrikatur, neben der selbst Peter Jacksons Gimli wie ein ernstzunehmender Charakter wirkt, ist eine Beleidigung für alle D&D-Fans im Publikum. Snails (Marlon Wayans) als "wacky sidekick"  ist eine Beleidigung für alle Schwarzen im Publikum. "Love interest" Marina (Zoe McLellan) als Zauberin, die nie zaubert, sondern stattdessen eins ums andere Mal die um Hilfe kreischende Damsel in Distress spielt, ist eine Beleidigung für alle Frauen im Publikum. Es ist wirklich erstaunlich, in welch geballter Form diese unangenehmen Klischees hier auf uns einprasseln. Und da der "coole Held" des Ganzen (Justin Whalin als Ridley) zu allem Überfluss auch noch einen eher unsympathischen Eindruck hinterlässt, werden sich etwaige Zuschauerinnen & Zuschauer diesem Dauerbeschuss besonders hilflos ausgeliefert fühlen.
Gleichfalls wenig hilfreich ist, dass die Leute, die für dieses auf Celluloid gebannte Desaster verantwortlich waren, allem Anschein nach nicht wussten, was für eine Art von Film sie eigentlich drehen wollten: Eine eher locker-humorvolle Abenteuerstory oder ein dramatisches Fantasyepos?  In der ersten Hälfte des Streifens hat man nicht das Gefühl, dass man die Geschichte wirklich ernst nehmen soll. Dazu enthält sie einfach zu viele {müde} Witze. Doch dann schlägt sie urplötzlich eine andere Richtung ein. Ridley wird zum "Auserwählten" erklärt. Irgend ein alter Elfenfürst schwafelt etwas über das "kosmische Gleichgewicht" und den drohenden Untergang der Welt usw. Der Wendepunkt wird bizarrerweise durch den reichlich brutalen Tod von Snails gekennzeichnet. Auf abstrakte Weise macht das zwar irgendwie Sinn {der "Comic Relief" - Charakter wird getötet und zugleich erhält die Geschichte eine ernstere Note}, auf der Leinwand jedoch wirkt das einfach bloß irritierend.  

Dennoch kann ich Dungeons & Dragons nicht gänzlich verdammen. Und dafür gibt es einen, allerdings sehr guten Grund: Jeremy Irons als böser Zauberer Profion. Ganz offensichtlich war der Schauspieler sich vollauf bewusst, in welch monströser Karrikatur von Film er da mitwirkte. Und so machte er sich einen Spaß daraus, auszuprobieren, wie weit er in seinem absurd übertriebenen Spiel gehen könnte, bevor der Regisseur einschreiten würde. Courtney Solomon ist offenbar überhaupt nicht eingeschritten. Das Ergebnis sind solch grandiose Szenen wie diese:



Leider taucht der gute Profion viel zu selten in dem Film auf. Andernfalls bestände eine gute Chance dafür, dass ich Dungeons & Dragons in mein persönliches Pantheon des Schlocks aufnehmen würde. Jeremy Irons als fieser Schwarzmagier ist einfach phänomenal.


Dungeons & Dragons: Wrath of the Dragon God (2005)



So erstaunlich dies auch klingen mag, Dungeons & Dragons war kein absoluter Flop. Möglicherweise ein weiteres Indiz dafür, wie mies es damals um den Fantasyfilm bestellt war. Andererseits war niemand bereit, noch einmal $45 Mio in einen D&D-Flick zu investieren. Dass dennoch eine Art Sequel zustande kam, haben wir vermutlich einzig dem Umstand zu verdanken, dass in der Folge von Peter Jacksons Lord of the Rings auch amerikanische Fernsehkanäle plötzlich ein Interesse an Fantasy entwickelten. Und so durfte sich fünf Jahre nach dem katastrophalen Einstand Gerry Lively (Kameraman bei Hellraiser 3 & 4 sowie zwei Dritteln von Necronomicon} daran machen, eine Art Fortsetzung zu Solomons Machwerk zu drehen. Selbiger fungierte hier nur noch als Produzent. Und wenn ich von "verdanken" spreche, so meine ich das nur teilweise ironisch.

Um keine falschen Hoffnungen aufkommen zu lassen: Wrath of the Dragon God aka The Elemental Might ist gleichfalls ein reichlich mieser Film, aber anders als sein Vorgänger besitzt er etwas vom naiven Charme eines echten B-Movies. Details wie die schon auf den ersten Blick extrem künstlich wirkenden Matte Paintings der Stadtbefestigung und des Schlosses von Izmir wirken auf mich irgendwie anrührend.
Das deutlich kleinere Budget führte auch dazu, dass Solomon, Lively und Crew gar nicht erst versuchten, ihrem Streifen einen epischen Anstrich zu verleihen. Obwohl es natürlich auch diesmal um das drohende Ende der Welt geht {immerhin befinden wir uns in einem generischen Fantasyfilm}, hat man dennoch das Gefühl, die Geschichte bewege sich auf einem bescheideneren Niveau. Izmir ist nicht länger die riesige Metropole aus dem ersten Film. Der Palast hat nichts mehr von der barocken Pracht der kaiserlichen Residenz an sich. Der König selbst hinterlässt einen bodenständigen, wenig majestätischen Eindruck. Die ganze Welt wirkt irgendwie überschaubar.

Sicher, die Story ist alles andere als originell, aber zumindest besitzt sie ein wenig echtes D&D-Flair. Von dem kurzen {und für die Handlung völlig überflüssigen} Auftritt einiger Beholder abgesehen, besitzt der 2000er Film kaum echte Verbindungen zum Urvater aller Fantasyrollenspiele In Wrath of the Dragon God hingegen bekommen wir nicht nur eine ganze Reihe typischer D&D-Monster und -Artefakte vorgeführt, im Zentrum der Handlung steht auch eine waschechte Abenteurergruppe, bestehend aus einem Kämpfer, einer Barbarin, einem Dieb (Rogue), einem Kleriker und einer Elfenzauberin. Und so inkompetent der Streifen insgesamt auch gemacht ist, das verleiht ihm ein gewisses Charisma.
Und inkompetent gemacht ist er ganz ohne Frage. Das von Robert Kimmel & Brian Rudnick verfasste Drehbuch enthält zwar dankenswerterweise keine der offen beleidigenden Elemente, die Courtney Solomons Flick zu einer strreckenweise so unangenehmen Erfahrung machen, aber sehr viel mehr gutes lässt sich darüber auch nicht sagen. All die halbherzigen Versuche, den Charakteren etwas mehr Tiefe zu verleihen, enden ausnahmslos im erzählerischen Nirvana. So wird uns z.B. Held Berek (Mark Dymond) in der Eröffnungsszene als ein in die Jahre gekommener Krieger vorgestellt, dem sein einstiger Schüler eindringlich vor Augen führt, dass er nicht mehr der "unbesiegbare Recke" von einst ist. Ein Thema, das in der Folge kein einziges Mal wieder aufgegriffen wird. Ähnliches gilt u.a. für die gefährliche Unbeherrschtheit der Barbarin Lux (Ellie Chidzey), das "weise" Geschwätz des Klerikers Dorian (Steven Elder) oder die Feindseligkeiten zwischen Lux und Meisterdieb Nim (Tim Stern), die im Laufe des Abenteuers allmählich gegenseitigem Respekt und echter Zuneigung weichen. Keine dieser Entwicklungsstränge wird zu einem befriedigenden Abschluss geführt. Am Ende hängen sie alle lose in der Luft.  .

Dennoch, ich kann mir nicht helfen, der Film besitzt seinen ganz eigenen Charme. Ist es der hohe Trash-Faktor? Das neckische D&D-Flair? Die immer wieder ins nachgerade Groteske übergehende Amateurhaftigkeit des ganzen Unternehmens? Genau festmachen kann ich es nicht, aber ich glaube, am besten lässt es vielleicht an der Figur von Melora (Clemency Burton-Hill) illustrieren. Bereks Ehefrau ist eine junge und ehrgeizige Zauberin, die anders als Marina aus dem ersten Teil kompetent, selbstständig und mutig ist, nie zu einer kreischenden Damsel in Distress verkommt und am Ende einen ebenso wichtigen Beitrag zur Bezwingung des Bösen leistet wie ihr Gatte. Das allein macht sie schon einmal ziemlich sympathisch. Doch der eigentliche Reiz der Figur liegt anderswo. Ms Burton-Hill besitzt einen unverkennbar amerikanischen Akzent, was bei einer Magierin aus einem pseudomittelalterlichen Fantasyreich einfach wunderbar grotesk wirkt. Auch handelt es sich bei ihr ganz offenbar nicht eben um die begnadedste Schauspielerin auf Erden. Für keinen Moment nimmt man ihr ihre Rolle wirklich ab. Aber die Wirkung, die dadurch entsteht, ist eine ganz eigenartige. Was in jedem anderen Kontext zu Frustration auf seiten des Zuschauers führen müsste, wirkt hier merkwürdig charmant. So als sehe man sich keinen Fernsehfilm, sondern die Aufzeichnung eines LARP an. Und für einen D&D-Film scheint das fast angemessener als eine wirklich glaubwürdige Darstellung. 

Ein Wermutstropfen zum Abschluss: Bruce Payne als Damodar, der zu einer untoten Existenz verdammte ehemalige Handlanger Profions, gibt leider keinen annähernd so unterhaltsamen Bösewicht ab wie sein einstiger Meister. 


Dungeons & Dragons: The Book of Vile Darkness (2011/12)
   



Stufe für Stufe steigt das D&D-Franchise hinab in die filmische Unterwelt. Von den Höhen des Kinos über die mittleren Gefilde des Fernsehens erreicht es mit The Book of Vile Darkness schließlich die Niederungen des direkt für den DVD-Markt produzierenden Filmgewerbes.

Inhaltlich hat der erneut unter der Regie von Gerry Lively gedrehte Streifen nichts mit seinen Vorgängern zu tun. Vielmehr versucht er ganz bewusst mit dem bisherigen Konzept zu brechen. Er will ganz offensichtlich "erwachsener" und "düsterer" wirken. Ob das die allgemeinere Entwicklung hin zur Grimdarkfantasy à la Game of Thrones widerspiegelt, oder bloß den Versuch darstellt, ein etwas anderes Publikum anzusprechen, ist schwer zu sagen. Auf jedenfall verleiht diese deutliche Veränderung im Ton dem Film einen ganz eigenen Charakter. Erneut haben wir es mit einer Abenteurergruppe zu tun, doch ist diese erklärtermaßen "böse", besteht aus Hexen, Assassinen und Schwarzmagiern, die nach Herzenslust plündern und morden, um ab und an irgendwelche pseudo-nietzscheanischen Sprüche vom "Recht des Stärkeren" von sich zu geben. Dieser neckischen Schar schließt sich ein ehemaliger Paladin an, der auf diese Weise hofft, seinen von irgendwelchen Schurken entführten Vater finden und retten zu können. Schritt für Schritt entfernt er sich dabei von seinen hehren Idealen, wird selbst zum Lügner und Mörder.

Zu Beginn wirkt diese Umkehrung der traditionellen Fantasyklischees ja noch ganz nett, zumal wir es mit einem Trupp wirklich cooler Schurken zu tun haben. Doch selbstverständlich läuft alles am Ende bloß darauf hinaus, einen Satz von Klischees durch einen anderen zu ersetzen. Und ein paar nackte Brüste und ein bisschen Gore machen das Ganze auch nicht wirklich interessanter. Wenn der Flick wenigstens die Cojones gehabt hätte, um das Böse tatsächlich triumphieren zu lassen. Doch nein, natürlich erweist sich unser scheinbar korrumpierte Paladin am Ende als der "Auserwählte", der gemeinsam mit seiner Hexen-Geliebten die Mächte der Finsternis bezwingt und das Universum rettet. Buuh!  
 
The Book of Vile Darkness ist nicht so irritierend wie der 2000er Film, aber auch nicht so charmant wie Wrath of the Dragon God. Handwerklich und visuell zum Teil äußerst inkompetent, zum Teil gar nicht einmal so übel, erweist sich der Streifen alles in allem als schlicht durchschnittlich. Von dem unangenehmen Vibe, der von der Beziehung zwischen Hexe und Paladin ausgeht, einmal abgesehen, gab es nichts, was mich an ihm wirklich gestört, aber eben auch nichts, was für längere Zeit mein Interesse wachgehalten hätte.

Samstag, 1. November 2014

Strandgut der Woche

Freitag, 31. Oktober 2014

Trick or Treat




Wieder ist es mir nicht gelungen, pünktlich zu Halloween einen entsprechenden Blogpost fertigzustellen. Und so habe ich meiner verehrten Leserschaft zur Feier der Hohen Nacht der Geister, Hexen und Dämonen leider nichts weiter anzubieten, als eine kleine Auswahl von Links/Treats: 

1) In Mr. Jim Moons Gallerie der Ars Arcana findet sich seit heute Rado Javors großartiges Gemälde The Punpkin King.
2) Ein kleiner Beitrag des alten Gentlemans von Providence darf natürlich nicht fehlen: Hier kann man sein Gedicht Hallowe'en In A Suburb lesen und sich zugleich an einer Illustration des großen Virgil Finlay erfreuen.
3) Passend zu Samhain beglücken uns die "Monster Hunters" Roy Steel und Lorrimer Chesterfield mit ihrem neuesten Abenteuer. 
4) Oder wie wäre es mit einer unheimlichen Geschichte von Helen Grant: Grauer Hans?
5) Wer sich für die Historie von Halloween interessiert, sollte einen Besuch in Mr. Jim Moons Bibliothek der Träume in Erwägung ziehen und sich in einer Hypnogoria - Folge von epischer Länge darüber aufklären lassen.

Und so bleibt mir nichts weiter übrig, als allen meinen Leserinnen und Lesern
Happy Halloween
 zu wünschen.

Montag, 27. Oktober 2014

Von Maisfeldern und miesen Filmen

Natürlich kann nicht jede Stephen King - Verfilmung ein Klassiker wie Brian De Palmas Carrie (1974) oder Stanley Kubricks The Shining (1980) sein. Dazu gibt es einfach viel zu viele von ihnen Und obwohl ich die meisten nicht gesehen habe, gehe ich davon aus, dass selbst eher einfach gestrickte, doch kompetent gemachte Horrorunterhaltung, wie sie etwa Tobe Hoopers Salem's Lot (1979) oder Frank Darabonts The Mist (2007) bieten, in dieser Schar eher die Ausnahme denn die Regel bildet. Dennoch hatte ich nicht erwartet, dass sich Fritz Kierschs Children of the Corn als ein derart miserabler Film entpuppen würde 



Vielleicht war ich deshalb so extrem enttäuscht, weil ich den Flick schon seit urdenklichen Zeiten unbedingt einmal hatte sehen wollen. Das Thema – so weit mir bekannt – schien gruselig und vielversprechend zu sein. Und auch jetzt noch würde ich behaupten, dass Kiersch {der nebenbei bemerkt vier Jahre später auch für Gor verantwortlich zeichnen würde ...} und Drehbuchautor George Goldsmith ein vielleicht nicht unbedingt sehr originelles, aber dennoch recht vielversprechendes Material zur Verfügung stand, das sie aufs Sträflichste verhunzt haben.

1. Creepy Kids – Ich habe keine Ahnung, wann dieses Motiv erstmals seinen Eingang in die Welt des Horrors gefunden hat, aber über die Jahrzehnte hat es sich in ganz unterschiedlichen Formen immer wieder als äußerst fruchtbar erwiesen. Ich denke da u.a. an Wolf Rillas Village of the Damned (1960), Jack Claytons The Innocents (1961) oder {das wohl extremste Beispiel} Narciso Ibáñez Serradors ¿Quién puede matar a un niño? aka Who Can Kill A Child? (1976). 
Das Motiv wirkt wohl deshalb so verstörend, weil es gegen unsere Vorstellung von "kindlicher Unschuld" verstößt. Sei es, dass wir mit kaltblütig-"erwachsener" Grausamkeit in Kindsgestalt konfrontiert werden, sei es, dass sich "Unschuld" und Bösartigkeit auf beunruhigende Weise miteinander vermischen.
Das Problem mit Children of the Corn ist: Die "Kids" sind nicht wirklich "creepy". 
Courtney Gains als Malachai gibt einen recht überzeugenden jugendlichen "Bully" ab, dem es Vergnügen bereitet, Macht über andere zu haben, sie einzuschüchtern, zu verletzen oder gar zu töten. Aber ein "Bully" ist nicht per se unheimlich, und Malachai ist kein Kind. Sein Sadismus nimmt zweifellos extreme Formen an, doch im Kern unterscheidet er sich nicht wesentlich von Verhaltensweisen, die wir bei vielen Heranwachsenden tatsächlich beobachten können. Jeder Schulhof hat seine Malachais. 
Wirklich unheimlich – und damit der einzige echte Lichtblick des Films – ist nur John Franklins Isaac. Die Entscheidung, den Sektenführer nicht von einem Kind, sondern von einem kleinwüchsigen Erwachsenen spielen zu lassen, war in mehrfacher Hinsicht eine sehr glückliche. Zum einen sind wirkliche gute Kinderdarsteller eher selten, und vielleicht ebenso selten finden sich Regisseure, die es verstehen , mit ihnen zu arbeiten. Zum anderen wird der Figur des Issac damit auf subtile Weise eine irgendwie "unnatürliche" und darum verstörende Aura verliehen. Wenn man nicht weiß, dass Franklin zum Zeitpunkt des Drehs ein Mittzwanziger gewesen ist, rein optisch könnte man ihn beinah wirklich für ein Kind halten. Und doch umgibt ihn etwas sehr "unkindliches", nicht nur in seinen Worten und Handlungen, sondern auch in seinem Auftreten, seinen Bewegungen, seiner Mimik.
Der Rest der Kinder jedoch wirkt leider weder unheimlich, noch auch bloß wirklich bedrohlich. Während der erschreckend inkompetent in Szene gesetzten Verfolgungsjagd auf Burt (Peter Horton) hinterlassen sie einen beinah lächerlichen Eindruck, so leicht gelingt es unserem Helden, ihnen zu entkommen, obwohl sie ihn mehrfach umzingelt oder in die Enge getrieben haben. Und wenn Burt später eine ihrer "heiligen" Zeremonien brutal unterbricht und sie wie eine Horde dummer, ungezogener Gören behandelt, scheinen sie nicht zu wissen, wie sie auf den "blasphemischen" "Außenseiter" reagieren sollen, und versuchen nicht einmal ernsthaft, ihn davon abzuhalten, ihre Bibeln und "heiligen" Gefäße durch die Gegend zu schleudern. Nach dem Tod von Isaac und Malachai verwandeln sie sich denn auch von einem Moment auf den anderen in eine Schar verängstigter Kinder, die sich hilfesuchend an dieselben Erwachsenen wenden, welche sie vor kurzem noch ihrem Gott opfern wollten.  
Um diesen plötzlichen Wandel zu rechtfertigen, könnte man einwenden, es sei durchaus glaubhaft, dass Mitglieder einer autoritären Gemeinschaft den Kopf verlieren, sobald ihre "Führer" nicht mehr da sind, und sie sich so rasch wie möglich einer neuen Autorität unterwerfen werden {in diesem Fall halt der "natürlichen" Autorität der Erwachsenen}. Aber auch wenn dieses Argument durchaus logisch klingt, die Art, wie der Film die radikale Veränderung im Verhalten der Kinder in Szene setzt, wirkt schlicht unglaubwürdig. Vergessen wir nicht, diese Kinder haben vor wenigen Jahren ihre Eltern und alle erwachsenen Einwohner von Gatlin ermordet. Isaac mag das Blutbad angeordnet haben und Malachai war sicher schon damals der eifrigste Killer, aber die beiden haben nicht als einzige die Sichel geschwungen.

2. Religiöser Fanatismus + Pseudoheidnische Riten – Zufällig habe ich gerade Ramsey Campbells Roman Hungriger Mond (The Hungry Moon) gelesen. Und auch wenn der mich nicht restlos überzeugt hat, gibt er doch ein hübsches Beispiel dafür ab, wie man die Grausamkeit des christlichen Fundamentalismus mit dem Motiv vorzeitlich-dämonischer Schrecken verknüpfen kann. 
Zumindest ansatzweise wäre etwas ähnliches auch in Children of the Corn möglich gewesen. Immerhin spielt die Handlung in einer ländlichen Region des Bible Belt, und einige Züge der von Isaac geschaffenen Sekte sollen wohl sehr bewusst Assoziationen mit extremen Formen des amerikanischen Protestantismus wecken. So vor allem die alttestamentarischen Namen, welche die Kinder sich zugelegt haben. Doch leider macht der Film nicht viel aus diesen Ansätzen. Außer ein zwei oberflächlichen Seitenhieben auf fanatische Radioprediger enthält er keinerlei Versuche, das mörderische Treiben der kindlichen Anhänger von "He Who Walks Behind The Rows" mit dem nicht sehr viel sympathischeren realen Treiben christlicher Fundamentalisten in Verbidnung zu bringen.

3. Die Maisfelder – Scheinbar grenzenlos und völlig menschenleer ... Für den, der sich mitten in ihnen befindet, einem Labyrinth nicht unähnlich ... Der Wind, der knisternd durch die Halme streift ... Mit dem sensiblen Auge eines echten Filmemachers betrachtet, hätten die Maisfelder auf sehr effektvolle Weise dem Heraufbeschwören einer unheimlichen Atmosphäre dienstbar gemacht werden können. Ansatzweise versucht dies Kiersch auch ein-zwei Mal, doch leider mit nur geringem Erfolg. Zumal die entsprechenden {sehr kurzen} Szenen recht unverbunden neben denen stehen, die im Dorf selbst spielen. Und die ausgestorbene Geisterstadt Gatlin könnte in atmosphärischer Hinsicht genausogut in einem abgelegenen Winkel der Appalachen liegen.

Ich habe Stephen Kings Kurzgeschichte nicht gelesen, ebensowenig kenne ich das Remake von 2009. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass es ein fataler Fehler der Produzenten war, Kings eigenes Drehbuch {auf dem der 2009er Film basiert} zugunsten von Goldsmiths Script zurückzuweisen. 
Allem Anschein nach sollte nach den Vorstellungen des Schriftstellers die Beziehung zwischen Burt und Vicky ("Sarah Connor" Linda Hamilton) eine sehr viel zentralere Rolle spielen. In der Short Story befindet sich ihre Beziehung in einer tiefen Krise, und die Urlaubsreise, die sie ins ländliche Nebraska und nach Gatlin führt, ist als ein letzter Versuch gedacht, diese zu kitten. Vor diesem Hintergrund würde das Verhalten der beiden, das wir in Children of the Corn zu sehen bekommen, sehr viel mehr Sinn machen. Burt will unbedingt herausfinden, was in Gatlin vor sich geht, und ignoriert dabei alle Einwände seiner Frau, der der Ort unheimlich ist und die möglichst schnell von dort verschwinden will. Wenn wir glaubhaft vermittelt bekommen hätten, dass die beiden kurz vor einer Trennung stehen, würden wir dieses unsensible und beinah etwas aggressive Verhalten in einen Kontext einordnen können, der es realistischer erscheinen ließe. Auf einem Vorhaben oder einer Ansicht zu beharren, gerade weil der Partner oder die Partnerin das Gegenteil vertritt, kommt in sterbenden Beziehungen ja nicht unbedingt selten vor. Ohne diesen Hintergrund jedoch wirkt das Ganze bloß wie ein weiteres Beispiel für die in gar zu vielen Horrorfilmen zu beobachtende Regel, dass sich die Helden dumm verhalten müssen, weil es sonst keine Story gäbe. Wenn Burt auf Vicky gehört hätte {was bloß vernünftig gewesen wäre}, die beiden wären in die nächste Kleinstadt gefahren, hätten dort die Polizei informiert und selbige hätte vermutlich ohne viel Blutvergießen und tricktechnisch miese Auftritte dämonischer Maisgötter die Lage in Gatlin bereinigt.

Nein, Children of the Corn ist wirklich kein guter Film, und warum er zur Produktion von sage und schreibe sieben Sequels geführt hat, mag "He Who Walks Behind The Rows" wissen. Für mich stellt das ein unlösbares Rätsel dar. 

Samstag, 25. Oktober 2014

Strandgut der Woche