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Montag, 26. August 2019

Böses Hirn – Gutes Hirn

The Brain from Planet Arous (1957) gehört zu den Kultklassikern des amerikanischen SciFi-Films der 50er Jahre. Nicht zufällig bildet der Abschnitt, in dem ausführlich dargelegt wird, wann, wo und wie in der Popkultur auf diesen Flick angespielt wurde, den Löwenanteil des entsprechenden Wikipedia-Artikels. Grund für seine Popularität dürfte in erster Linie das grandiose Fliegende Gehirn Gor sein. Auch wenn es vermutlich niemand überraschen wird, zu erfahren, dass die Auftritte des wundervollen Creature-Modells eher spärlich ausfallen. So richtig in Aktion erleben wir den Kameraden eigentlich nur im Finale. Aber er ist schon ein verdammt cooles Kerlchen. 

Verantwortlich für das Modell, bei dem es sich wohl einfach um "a balloon on a string" (1) handelte, war übrigens niemand anderer als Jack Pierce, der große Makeup-Künstler der klassischen Universal - Monsterfilme der 30er und 40er Jahre. 1946 auf extrem unwürdige Weise von dem Studio, für das er so vieles geleistet hatte, in die Wüste geschickt, musste er sich seine Brötchen in den 50ern im B-Movie-Geschäft verdienen. Anders als viele andere auf der "Poverty Row", denen es einzig auf Schnelligkeit und möglichst geringe Kosten ankam, schätzte Produzent Jacques Marquette glücklicherweise die Kunstfertigkeit von Leuten wie Pierce und engagierte ihn deshalb für The Brain from Planet Arous (1957), Teenage Monster (1958) und Attack of the 50 Foot Woman (1958).

Das erste, was wir auf der Leinwand zu sehen bekommen, ist allerdings das Logo von Howco International. Und das ist nicht unbedingt ein ermutigendes Anzeichen, trägt die Firma, die ihr Geld anfangs hauptsächlich mit Ron Ormond - Western machte, u.a. doch die Verantwortung dafür, dass der legendär miese Horror-SciFi-Flick Mesa of the Lost Women (1953; hier besprochen) das Licht der Kinowelt erblickte. Doch keine Angst, auch wenn The Brain from Planet Arous natürlich ausgemachter Schlock ist, einen Vergleich mit Mesa hat er ganz sicher nicht verdient. Dafür bürgen neben Jack Pierce noch zwei weitere Namen.

Zum einen saß auf dem Regiestuhl Nathan Juran, auch wenn er sich in den Credits lieber als "Nathan Hertz" auflisten ließ. 
Der 1907 in Gura Humorului {damals Österreich-Ungarn, heute Rumänien} zur Welt gekommene Sohn jüdischer Eltern, war im Alter von fünf Jahren zusammen mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert. Kindheit und Jugend waren von Armut und harter Arbeit geprägt gewesen. Wie er 1989 in einem Interview mit dem Starlog Magazine erzählt hat:
Times were different then. My father [eigentlich Schuhmacher] built our one-room house all by himself. In those days, people worked 12 hours a day, seven days a week. [...] When I was growing up, we didn't even have electricity or running water. (2)
Dennoch gelang es ihm unter zahlreichen Entbehrungen eine Ausbildung zum Architekten zu machen. Aber unter den Verhältnissen der Großen Depression wurde es zunehmend schwieriger, Arbeit in diesem Metier zu finden. Da stolperte Juran 1936 während eines Besuchs in Los Angeles eher zufällig über die Gelegenheit, eine Karriere in Hollywood zu beginnen. Erst als Zeichner, dann als Bühnenbildner {er kreierte z.B. Julias Schlafzimmer in George Cukors Adaption von Romeo and Juliet [1936]} und schließlich als Art Director. 1942 gewann er zusammen mit Richard Day einen Oscar für seinen Beitrag zu John Fords How Green Was My Valley. Wie er später kommentierte:
John Ford was quite a remarkable guy. He was friendly and  charming to some people, and nasty and vindictive to others. I experienced both sides of his personality. But he  could also be a very loyal fellow. Once he got to like you, he wouldn't give up on you. I learned a lot about filmmaking from watching him work, especially in lighting and composition. (3)
Nach dem Kriegseintritt der USA  meldete sich Juran freiwillig zum Dienst in der Navy. Bis 1946 arbeitete er für den OSS (Office for Strategic Services), einen der Vorläufer der CIA, in Europa, Nordafrika und auf Hawai.     
Zurück im zivilen Leben und in Hollywood arbeitete er in den folgenden Jahren u.a. an Edmund Gouldings The Razor's Edge (1947), Robert Siodmaks Deported (1950), Henry Kosters Harvey (1950), Douglas Sirks Thunder on the Hill (1951) sowie Anthony Manns Winchester '73 (1950) und Bend of the River (1952) mit. Seine erste Gelegenheit, selbst Regie zu führen, erhielt er bei dem Gruselthriller The Black Castle (1952), nachdem Joseph Pevney von dem Projekt abgesprungen war. Juran fühlte sich ziemlich unsicher in seiner neuen Rolle {"I had to learn everything all over again."} und wäre sich ohne den Beistand seines Regieassistenten Bill Holland und die Umgänglichkeit und Professionalität von Hauptdarsteller Boris Karloff vermutlich völlig verloren vorgekommen.
Boris was a joy, and did his work beautifully. He put so much into the picture that wasn't in the script. He had a funny little expression, that looked as though the most tremendous thinking was goingon behind his eyes. One time I asked him: "How do you know how to do that? It's so good for the film." Karloff gave me a sly smile, and said, "It's just an old trick of the trade. I'm not thinking a thing." (4)
Die Chefetage von Universal war zufrieden und ließ Juran im nächsten Jahr fünf ihrer B-Movies drehen. Nach einem kurzen Abstecher nach Italien, wo er den Musketierfilm I Cavalieri Della Regina (1954) drehte, konnte er sich 1956 mit The Deadly Mantis dann erstmals im SciFi-Genre ausprobieren. (5)
Der Ronald Reagan - Kriegsfilm Hellcats of the Navy (1957) brachte ihn wenig später in Kontakt mit Produzent Charles H. Schneer, der ihn gleich darauf auch für 20 Million Miles to Earth (1957) engagierte, das erste gemeinsame Projekt von Juran, Schneer und Ray  Harryhausen. Technisch war das sicher die bisher größte Herausforderung für den Regisseur, musste er doch lernen, Szenen zu drehen, in die später Harryhausens Stop-Motion-Kreaturen eingefügt wurden. Eine Arbeit, die sehr große Exaktheit erforderte. Doch er lernte schnell unter der Anleitung des großen SFX-Magiers:
I didn't have to worry about that, because Ray knew what he was doing. [...] The longer we worked together, the less we had to talk about the technical matters. I knew how Ray operated, and he knew howI operated. We got along famously.     
Schon bald herrschte ein enges freundschaftliches Verhältnis zwischen Juran, Harryhausen und Schneer.
Our personalities clicked. We were all on the same wavelength. I never enjoyed myself more than when I worked with those two guys. I am extremely fond of both of them. (6)
Ein Jahr später fand sich das Trio erneut zusammen. Ihr zweites gemeinsames Werk sollte Nathan Jurans wohl bedeutendster Beitrag zum phantastischen Kino werden: The 7th Voyage of Sinbad (1958). 1964 folgte dann noch die H.G. Wells - Adaption First Men in the Moon, für die der große Nigel Kneale das Drehbuch geschrieben hatte.
Aber mit diesen Filmen wollen wir uns jetzt nicht näher beschäftigen. (7) Ebensowenig mit dem Rest von Nathan Jurans Karriere. Das Gesagte sollte ausreichen, zu zeigen, dass es sich bei ihm um einen fähigen Regisseur handelte, dem man eigentlich mehr zutrauen würde als billigen Trash. The Deadly Mantis ist zwar ein Beleg dafür ist, dass ihm auch dieser Winkel der Filmwelt nicht ganz fremd war. Dennoch wird man sich fragen, warum sich ein Filmemacher seines Kalibers für Streifen wie The Brain from Planet Arous und The 50 Foot Woman engagieren ließ. Vor allem unmittelbar nachdem er einen so großartigen phantastischen Film wie The 7th Voyage of Sinbad gedreht hatte. Die Antwort liegt in Nathan Jurans äußerst unsentimentaler Einstellung zum Beruf des Filmemachers.
I approached the picture business as a business. I always did pictures for the money, and for the creative challenges. (8) ... A job is a job. The picture business is like any other. If I owned a car repair shop, and a guy wanted his car fixed, I would fix it for him. I wouldn't care how good the car was. That's how I look at the picture business. I don't believe in being "arty". (9) 
Das konntre feilich nicht verhindern, dass ihm sein Mitwirken an The Brain from Planet Arous und The 50 Foot Woman letztlich so peinlich war, dass er das  Pseudonym "Nathan Hertz" {eigentlich sein zweiter Name} verwendete, obwohl er deshalb Ärger mit der Directors Guild of America (DGA) bekam. Dennoch dürfen wir davon ausgehen, dass Juran selbst bei diesen beiden Flicks das Bestmögliche zu leisten versuchte, was unter den gegebenen Umständen möglich war. Und so bekommen wir in The Brain from Planet Arous tatsächlich die eine oder andere interessante Kameraeinstellung oder Bildkomposition zusehen.

Der zweite Name, der unbedingt genannt werden muss ist der des Hauptdarstellers -- John Agar. Freundinnen und Freunden des phantastischen B-Movies der 50er Jahre sicher kein Unbekannter, war er doch u.a. in Jack Arnolds Revenge of the Creature (1955) und Tarantula (1955), Virgil W. Vogels The Mole People (1956), Edgar G.Ulmers Daughter of Dr. Jekyll (1957) und Bert I. Gordons Attack of the Puppet People (1958) mit von der Partie. Doch Agar war nicht immer ein B-Movie-Darsteller gewesen. In den 40er Jahren hatte er neben John Wayne in Filmen wie John Fords Fort Apache (1948) und She Wore A Yellow Ribbon (1949) mitgespielt. Allerdings auch in Howard Hughes' antikommunistischem Propagandastreifen The Woman on Pier 13 aka I Married a Communist (1949). Doch als seine Ehe mit Shirley Temple 1949/50 endgültig in die Brüche ging, wofür u.a. der ständige Medienrummel um das "Traumpaar" und Agars Alkoholproblem verantwortlich waren, erhielt seine Hollywood-Karriere einen deutlichen Knick. Von da an waren Low Budget - Western und SciFi - Flicks seine neue Heimat. Agar scheint dies nicht verbittert zu haben. In den 70ern war er ein gern gesehener Gast auf diversen SciFi-Conventions und pflegte einen sehr herzlichen Umgang mit der Fangemeinde.   
I don't resent being identified with B science fiction movies at all -- why should I? Even though they were not considered top of the line, for those people that like sci-fi, I guess they were fun. My whole feeling about working as an actor is, if I give anybody any enjoyment, I'm doing my job, and that's what counts. 
John Guillermin ließ ihn einen kleinen Gastauftritt in Dino de Laurentiis Remake von King Kong (1976) machen, in gewisser Weise, um seinen Beitrag zum phantastischen Film zu ehren.

Doch was gibt es denn nun über The Brain from Planet Arous selbst zu sagen? 



Wie der Trailer sehr schön zeigt, ist dieser Flick weniger ein  Creature Feature über ein Fliegendes Gehirn, als vielmehr eine Alien Invasion - Story im Stil von Invaders from Mars (1953) oder Don Siegels Invasion of the Body Snatchers (1956).

Alles beginnt mit einem vermeintlichen Meteoriteneinschlag in der Wüste von Nevada. Die beiden Atomwissenschaftler Steve March (John Agar) und Dan Murphy (Robert Fuller), die wohl irgendwie für die Regierung arbeiten, registrieren wenig später ein unerklärliches Aufflackern von Radioaktivität in der Region des treffend benannten Mystery Mountain. Nach einem kleinen Barbecue mit Steves Verlobter Sally Fallon (Joyce Meadows) und ihrem Vater John (Thomas B. Henry) machen sich die beiden auf, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Sie entdecken eine unnatürliche Höhle {bei der übrigens vier Jahre zuvor das legendäre Robot Monster seinen Auftritt hatte}, erhalten ein paar verwirrende Anzeigen auf ihrem Geigerzähler und begegnen schließlich dem größenwahnsinnigen Fliegenden Gehirn Gor, das sich ohne viel Federlesens Dan entledigt und Steves Körper übernimmt. Denn Gor hat äußerst ehrgeizige Pläne. Zurück bei Sally weckt Steves ungewöhnliches Verhalten schon bald deren Misstrauen, und auch die Geschichte, dass Dan einen Kurzurlaub in Las Vegas eingelegt haben soll, erscheint ihr reichlich dubios. Sie überzeugt ihren Vater, sich zusammen mit ihr bei Mystery Mountain umzuschauen. Und siehe da  -- die beiden treffen auf ein weiteres Fliegendes Gehirn aus dem Weltall, den netten Vol, der losgeschickt wurde, um den verbrecherischen Gor wieder einzufangen. Derweil beginnt dieser, seine Welteroberungsspläne in die Tat umzusetzen. Er lässt mit reiner Gedankenkraft ein Paassagierflugzeug explodieren und nimmt Kontakt zu den Militärs  auf, die gerade einen neuen Atombombentest vorbereiten. Gor will diese Gelegenheit für eine Demonstration seiner Macht nutzen, um der Menschheit anschließend sein Ultimatum zu stellen.

Elizabeth A. Kingsley schreibt in ihrer ausführlichen Besprechung von The Brain from Planet Arous auf And You Call Yourself A Scientist, der Ideengehalt des Filmes sei -- anders als im Fall von Invasion of the Body Snatchers -- eindeutig:

In fact, what we have here is a glaring piece of anti-intellectualism, in which Gor the Evil Space Brain figures as a literal interpretation of the phrase “dangerous mind”. The Arousians are, of course, crude kissing-cousins to the Krell from Forbidden Planet, which was also released the previous year: a race that has evolved to be wholly of the mind – in this case, physically as well as metaphysically. As one of the greatest intellects on a planet where “intelligence is all”, Gor is, inevitably, undiluted evil; his pure intellect is purely destructive. Meanwhile, Vol, the “good intellectual”, who comes to Earth to arrest the fugitive Gor turns out to be completely helpless and ineffectual. Though he brags that he has “powers that equal and even surpass those of Gor”, Vol is reduced to hiding out in the body of a dog while the resourceful humans do his job for him.
Ein populistischer Antiintellektualismus ist im amerikanischen SciFi-Film der 50er Jahre in der Tat häufiger zu beobachten. So drohen in Streifen wie Howard Hawks' & Christian Nybys The Thing From Another World (1951) oder Jack Arnolds Tarantula (1955) eiskalt-arrogante bzw. überehrgeizige Wissenschaftler, Tod und Vernichtung über  die Menschheit zu bringen, während in Fiend Without A Face (1958; hier besprochen) im wortwörtlichen Sinne Gehirne Amok laufen. Dieses Motiv spiegelte die zwar fehlerhafte und oberflächliche, dafür aber weit verbreitete Ansicht wieder, dass Wissenschaft und Technik -- nicht die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen unter denen diese sich entwickeln -- für die bedrohlichen Entwicklungen der Zeit verantwortlich seien.
Dass sich deutliche Spuren dieser Perspektive auch in The Brain from Planet Arous finden, ist sicher nicht zu leugnen. Allerdings glaube ich, dass man z.B. in Vols Ineffektivität nicht gar zu viel hineindeuten sollte. Mir scheint das eher einer der vielen Belege für die miese Qualität von Ray Buffums Drehbuch zu sein. Vor allem in der zweiten Hälfte humpelt und stolpert die Handlung auf ein Finale zu, das ebensogut eine halbe Stunde früher hätte kommen können. 
Vor allem jedoch ist Gor zwar  ein riesiges, nur halb materielles Gehirn, aber sein Verhalten ist keineswegs von kalter Rationalität geprägt. Ganz im Gegenteil! Er ist keine Verkörperung reinen Intellekts, sondern ungezügelter Triebhaftigkeit. Einer der interessanteren Aspekte des Filmes ist, dass die Handlung auf zwei Ebenen spielt, wobei dieser Charakterzug Gors auf unterschiedliche, aber doch verwandte Weise zum Ausdruck kommt.

Da wäre zum einen die "globale", wenn man so will "politische" Ebene. Gor versucht die Regierungen der Erde mit der fürchterlichen Zerstörungskraft, die ihm zu Gebote steht, einzuschüchtern und die Menschheit zu versklaven, damit sie ihm eine Flotte von Raumschiffen baut, die es ihm erlauben soll, erst seinen Heimatplaneten und dann das ganze Universum zu erobern.
Dieser Plan klingt nicht nur größenwahnsinnig, Gor -- bzw. der von ihm besessene Steve -- gebärt sich auch entsprechend. Die Verve und das offensichtliche Vergnügen, mit denen John Agar den manisch lachenden und sich in irren Allmachtsfantasien ergehenden Kerl spielt, ist das mit Abstand unterhaltsamste Element des Filmes. Immer dann, wenn er seine zerstörerischen Geisteskräfte entfesselt, bekommt er außerdem noch hübsch gruselig-metallisch glänzende Augen. Wie Agars Sohn in einem Interview mit dem Scary Monsters Magazine berichtet, hatte der Schauspieler allerdings ziemliche Probleme mit den Kontaktlinsen: "[They] were flaking off silver paint in his eyes. To the day he died he blamed this movie and these flecks on his eye problems.What we will endure for art, huh?" Dennoch wurden dieselben Kontaktlinsen angeblich acht Jahre später noch einmal beim Dreh der zweiten Star Trek - Pilotfolge Where No Man Has Gone Before verwendet.    
Dieser Teil des Films ist aufs engste mit dem Motiv der Atombombe verknüpft. Die Geschichte spielt ja nicht zufällig in der Wüste von Nevada. Zu dieser Zeit wurden noch regelmäßig Atombomben an der Nevada Test Site gezündet. Sich die Detonationen vom Hoteldach anzuschauen, war im 65 Meilen entfernten Las Vegas eine beliebte {und krebsfördernde} Touristenattraktion. Erst nach der Unterzeichnung des Partial Test Ban Treaty (PTBT) von 1963 zwischen den USA, der Sowjetunion und Großbritannien wurden die Tests unter die Erde verlegt. The Brain from Planet Arous enthält Stock-Footage-Aufnahmen eines solchen Bombentests. Aus gutem Grund wählt Gor/Steve dies als den geeigneten Zeitpunkt für seine Machtdemonstration. Nicht nur, weil da hochrangige Militärs versammelt sind, die sein Ultimatum an Washington und den Rest der Welt weiterleiten können, sondern auch, weil er ganz ausdrücklich zeigen will, dass er über eine noch gewaltigere Zerstörungskraft verfügt als sie atomare Sprengköpfe darstellen. Erstaunlicherweise wirkt die Reaktion des anwesenden Generals im ersten Moment weniger geschockt als vielmehr beeindruckt oder fasziniert. Freilich bin ich mir nicht sicher, ob dieses nette Detail wirklich beabsichtigt oder ein Ausrutscher von Schauspieler E. Leslie Thomson war. Doch unabhängig davon scheint mir das Ganze sehr deutlich den Irrsinn und die Irrationalität des atomaren Wettrüstens zum Ausdruck bringen zu wollen.
Natürlich konnte ein in wenig mehr als sieben Tagen für $58.000 auf drei Sets gedrehter Film kaum ein besonders überzeugendes Bild einer "globalen Bedrohung" zeichnen. Das hier ist schließlich nicht War of the Worlds (1953) oder Earth vs. The Fying Saucers (1956). Besonders putzig wirkt es, wenn sich die Vertreter der sechs Weltmächte (USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich, China und Indien) in einem kleinen Konferenzzimmerchen versammeln, um Gor/Steve ihre Kapitulation zu überreichen. Und das nicht nur, weil der arme indische Botschafter allen Ernstes mit einem Turban auf dem Kopf antreten muss. Die Szene besitzt einen merklichen Plan 9 - Vibe.

Aber genaugenommen ist die andere, sozusagen "intime" und "familiäre" Ebene, auf der sich die Geschichte abspielt, ohnehin die interessantere. Gor hat es nämlich nicht nur auf die Weltherrschaft, sondern auch auf die gute Sally abgesehen. Wie "Lyz" Kingsley ganz richtig bemerkt, schwingt da sicher etwas von der Paranoia über die bösen "Others" mit, die Hand  an "unsere Frauen" legen wollen. Doch die Sache ist etwas komplexer.
Gor/Steves Verhalten gegenüber Sally ist von einer erstaunlich offen präsentierten sexuellen Gewalttätigkeit gekennzeichnet. Ihre erste Begegnung endet mit der kaum verhüllten Darstellung einer versuchten Vergewaltigung. Eine zerrissene Bluse dürfte für einen 50er Jahre - Flick schon ziemlich "risky"gewesen sein. Und als wäre das noch nicht genug, bekommen wir in der nächsten Szene eine Kameraeinstellung zu sehen, die unsere Blicke direkt auf Joyce Meadows' Ausschnitt lenkt. Etwas später im Film beginnt Gor/Steve während einer gemeinsamen abendlichen Spritztour durch die Wüste, erst wirre Reden über Macht und Reichtum zu schwingen, um dann die junge Frau erneut brutal zu bedrängen. Dabei wird ganz klar ein Zusammenhang zwischen Gors Gier nach politischer Macht und seiner sexuellen Aggressivität hergestellt. Die beiden sind zwei Seiten derselben Medaille. Wie er selbst sagt: Er nimmt sich, was er will. Und das gilt für die Weltherrschaft genauso wie für Sallys Körper.
Das alleine fände ich schon interessant genug. Eine Art Verknüpfung des "Politischen" mit dem "Privaten". "Militärische" und "männliche" Gewalt scheinen demselben Boden zu entspringen. Doch der Film ist in seiner Darstellung von Sexualität eigenartig widersprüchlich.
Wenn Gor/Steve Sally zum ersten Mal küsst, ist diese von der plötzlichen Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit, die sie von ihrem Verlobten bislang offenbar nicht gewohnt war, nämlich durchaus angetan. Das ändert sich erst, als sein Verhalten gewalttätige Züge annimmt.
Will der Film an diesem Punkt einen Kommentar zur sexuellen Repressivität der Zeit abgeben? Und wenn ja, welchen? Einerseits sollen wir Sallys spontane Reaktion wohl kaum verurteilen. Sie ist die eigentliche Heldin des Films. Ist die Szene also als eine Kritik am vorherrschenden Puritanismus zu verstehen? Doch andererseits erscheint der leidenschaftliche Kuss ja als Vorspiel zu einer versuchten Vergewaltigung. Geht es also vielmehr um eine Affirmation der konservativen Sexualmoral? Besteht Gor/Steves angeprangertes "Neandertaler-Verhalten" nicht bloß in seinem Hang zur Gewalttätigkeit, sondern auch in dem bloßen Verlangen, "Sex vor der Ehe" haben zu wollen? Das Ganze ist  äußerst verworren, aber gerade darum um so faszinierender.
  
           


(1) Clive Davies: Spinegrinder: The Movies Most Critics Won't Write About.
(2) Starlog Magazine. Issue 141. S. 58.
(3) Ebd.
(4) Ebd. S. 59.
(5) Ich habe dieses groteske Cold War - Creature Feature vor Zeiten hier besprochen.
(6) Ebd. S. 60f.
(7) Mir schwebt vage vor, im nächsten Jahr zur Feier von Ray Harryhausens 100. Geburtstag einmal eine Tour durch sein gesamtes filmisches Oeuvre zu unternehmen.
(8) Ebd. S. 57.
(9) Starlog Magazine. Issue 142. S. 55.

Sonntag, 25. August 2019

Strandgut

Freitag, 16. August 2019

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

Demons from the Deep von Adrian Cole

Viele der alten Pulphelden sind verdammt zählebig. Noch lange nachdem ihre Schöpfer ins Grab gesunken sind, tummeln sie sich weiter auf den Seiten von Magazinen, Büchern oder Comics und erleben neue wilde Abenteuer. 

So bespricht z.B. mein guter Twitter-Kumpel NUTS4R2 auf seinem Blog in unregelmäßigen Abständen die neuen Doc Savage - Bücher, die nach wie vor unter dem Pseudonym Kenneth Robeson erscheinen, hinter dem sich aber natürlich nicht mehr Lester Dent, sondern Will Murray verbirgt. In einem von diesen kommt es auch zu einem Crossover mit The Shadow, der selbst seit den 60er Jahren mehrere Wiederauferstehungen erlebt hat.
Copyright-Gesetze erschweren dieses Fortleben der alten Heroen zwar {wenn wir FanFic einmal ignorieren}, aber zumindest in der Vergangenheit erwiesen sie sich vor allem im internationalen Maßstab kaum als ernstzunehmendes Hindernis.
Ein besonders faszinierendes Beispiel ist die phänomenale Karriere Tarzans im jungen Israel. Wie Eli Eshed in einem ausführlichen Artikel in der ERBzine schildert, erschienen zwischen 1953 und 1964 dort Aberhunderte von neuen Geschichten über Edgar Rice Burroughs' ikonischen Helden aus dem Dschungel. Offenbar sah man in ihm eine inspirierende Verkörperung der Ideale, die auch die zionistischen Kolonisten erfüllen und von den "verweichlichten" Diaspora-Juden abgrenzen sollten. Hart, "männlich", naturverbunden, nicht "über-intellektualisiert" und stets im Kampf gegen unzivilisierte "Eingeborene". Kein Wunder, dass seine Gegenspieler recht häufig böse Araber waren, von stereotyp-pulpmäßigen muslimischen Sklavenhändlern bis hin zu Vertretern von Nassers Ägypten. Interessanterweise erschienen ungefähr zur selben Zeit auch im Libanon und in Syrien unautorisierte Tarzanstories, in denen der Held dann natürlich auf arabisch-palästinensischer Seite gegen die bösen Zionisten kämpfte. Zumindest der israelische Tarzan durfte aber auch gegen eine ganze Reihe klassischer Monster wie Vampire, Lebende Mumien, Riesenaffen oder Invasoren vom Mars antreten. Mehrfach verbündete er sich dabei mit Flash Gordon oder Captain Marvel!*             
Diese recht bizarren Crossovers wirken ein Bisschen wie eine Vorwegnahme von Philip José Farmers Anfang der 70er Jahre entwickelten Idee der "Wold Newton Family"**, mit der das Fortleben der alten Pulp-Heroen ganz neue, phantastische Formen annahm. Der bekannte Science Fiction - Autor, der ein großer Fan der klassischen Pulps war, formulierte die Grundzüge seiner Crossover-Mythologie erstmals in den von ihm verfassten "Biographien" von Tarzan (Tarzan Alive; 1972) und Doc Savage (Doc Savage: His Apocalyptic Life; 1973). Ausgehend von einem historischen Meteoriteneinschlag in der Nähe von Wold Newton (Yorkshire) am 13. Dezember 1795, der bei einer zehnköpfigen Gruppe von Augenzeugen genetische Mutationen hervorgerufen habe, schuf Farmer einen gewaltigen fiktiven Stammbaum, der schließlich neben Tarzan und Doc Savage u.a. den Scarlet Pimpernel, Sherlock Holmes, Professor Moriarty, Phileas Fogg, H.G. Wells' "Time Traveller", Allan Quatermain, Professor Challenger, Fu Manchu, Sir Denis Nayland Smith, Arsène Lupin, G-8 und "The Shadow" umfasste. Die "Wold Newton Family" wird von anderen Autoren & Autorinnen bis heute weitergeführt und erweitert. Sie inspirierte ihrerseits Kim Newmans Anno Dracula - Romane {und seine Diogenes Club - Geschichten}, Jean-Marc & Randy Lofficiers Tales of the Shadowmen und Alan Moores League of Extraordinary Gentlemen.

Unter den klassischen Sword & Sorcery - Helden ist ohne Zweifel Conan der zählebigste.
Obwohl Robert E. Howard seinen Freund Lindsey Tyson zum Sachwalter seines literarischen Erbes machen wollte, gelangten die Rechte nach dem Selbstmord des Autors {und der Unterdrückung seines Letzten Willens} in die Hände seines Vaters Issac M. Howard, der sie später seinem Kollegen und Freund Dr. Kuykendall vermachte. Der weitere Weg der REH-Copyrights ist ziemlich verworren und verzweigt und entzieht sich meiner genauen Kenntnis. 1950 jedenfalls begann der von Martin Greenburg gegründete Kleinverlag Gnome Press mit Conan the Conqueror {eigentlich der Roman Hour of the Dragon} die Herausgabe einer ersten vollständigen Ausgabe der Conan-Geschichten. L. Sprague de Camp, der die Stories für die Veröffentlichung aufbereitete, kannte keine Skrupel, hier und da "korrigierend" einzugreifen oder unvollendet gebliebene Fragmente fertigzuschreiben.*** Am bizarrsten war dabei das Schicksal von The Black Stranger, einer unveröffentlichten Conan-Geschichte, die Howard in die Piraten-Story Swords of the Red Brotherhood umgeschrieben hatte, welche nun von de Camp erneut in ein Abenteuer des Cimmeriers mit dem Titel The Treasure of Tranicos verwandelt wurde. Als das Reservoir endgültig erschöpft war, schnappte sich der gute Mann einfach ein paar von Howards anderen Abenteuerstories (The Road of the Eagles, Three-Bladed Doom und Curse of the Crimson God) und schrieb sie in Conan-Geschichten um, was er später so kommentierte:
Robert E. Howard's heroes were mostly cut from the same cloth. It was mostly a matter of changing names, eliminating gunpowder, and dragging in a supernatural element.****
Nicht gerade die respektvollste Herangehensweise an das Werk eines verstorbenen Schriftstellers. Der letzte Gnome Press - Band The Return of Conan (1957) stammte dann ganz aus der Feder des schwedischen Fans Björn Nyberg, erhielt dafür aber immerhin ein Cover von Wally Wood.
So richtig los ging es aber erst mit den ab 1966 bei Lancer Books erscheinenden Taschenbuchausgaben. Von Anfang an enthielten die mit den ikonischen Frank Frazetta - Covers geschmückten Bändchen auch Geschichten, die nicht einmal ansatzweise auf Howards Originalen basierten, sondern vollständig von L.  Sprague de Camp und Lin Carter verfasst worden waren. Die Schleusen waren geöffnet. Später sollten neben vielen anderen dann auch Karl Edward Wagner und Robert Jordan Stories über die Abenteuer des Cimmeriers schreiben. 

Die meisten anderen klassischen Sword & Sorcery - Helden haben sich als literarisch weit weniger zählebig erwiesen. Kull of Velusia und Solomon Kane tummeln sich hauptsächlich in der Welt der Comics, auch wenn der grimmige Puritaner daneben einige Auftritte in den "Wold Newton" - und "Shadowmen" - Universen hatte. Jirel of Joiry hat meines Wissens nach nie eine Wiederauferstehung erfahren. Die einzige Geschichte um Fafhrd und den Gray Mouser, die nicht von Fritz Leiber selbst geschrieben wurde, ist soweit ich weiß Denny O'Neils Revenge, der dritte Band der D.C. - Comicreihe Sword of Sorcery (August 1973).*****

Etwas erstaunt war ich darum schon, als ich vor einiger Zeit im Webmagazin Heroic Fantasy Quarterly auf eine Elak of Atlantis - Story stieß. Ich hatte Henry Kuttners Helden, über dessen Abenteuer ich hier bereits einen längeren Artikel veröffentlicht habe, eigentlich immer für einen der weitgehend in Vergessenheit geratenen Heroen der frühen Sword & Sorcery gehalten. Doch wie mir ein kurzer Blick in die Internet Speculative Fiction Database zeigte, erschienen bereits 2007 und 2018 zwei neue Elak-Geschichten aus der Feder des britischen Autors Adrian Cole, der in Sword & Sorcery - Kreisen vor allem für seine Voidal-Saga (Oblivion Hand, The Long Reach of Night, The Sword of Shadows) bekannt sein dürfte. Und offenbar soll dieses Jahr ein ganzer Elak-Band (Elak, King of Atlantis) von ihm bei Mark Finns Skelos Press erscheinen.
Demons from the Deep spielt im direkten Anschluss an Henry Kuttners Novelle Dragon Moon, an deren Ende Elak den Drachenthron seiner Heimat Cyrena bestiegen hatte. Ich muss zugeben, das hat meine Begeisterung von vornherein etwas gedämpft. Ich liebe die Sword & Sorcery ja unter anderem deshalb so sehr, weil sie oft die Fantasy der plebejischen Underdogs ist. Mit gekrönten Helden habe ich es nicht so. Aus diesem Grund war für mich z.B. Conans Eroberung der Krone von Aquilonia immer der Teil seiner Saga, der mich am wenigsten angesprochen hat. Auch wenn mir natürlich stets bewusst war, dass dies von Anfang an Teil seiner Figur gewesen ist, und ich König Conan - Stories wie The Phoenix on the Sword und The Scarlet Citadel durchaus zu schätzen weiß. Ebenso hat es mich anfangs etwas abgeschreckt, zu erfahren, dass Red Sonja in der aktuellen Dynamite - Reihe von Mark Russell & Mirko Colak zur Königin von Hyrkania wird. Allerdings hat mich die Lektüre der bislang erschienen Hefte dann sehr positiv überrascht, vor allem weil es sich bei der Story nicht um eine simple Kopie des Conan-Modells handelt. Was wohl ein Beleg dafür ist, dass es nicht von vornherein etwas schlechtes sein muss, wenn Sword & Sorcery - Heldinnen oder - Helden zu königlichen Ehren gelangen. Geben wir Demons from the Deep also eine Chance. 

Im Süden von Atlantis bereiten die Könige Numenedzer und Thotmes, bislang verfeindete Herrscher zweier kleiner Reiche, ein Bündnis gegen Cyrena vor. Doch bevor die Allianz endgültig besiegelt werden kann, wird die Hafenstadt Zangarza, in der die beiden Monarchen zusammenkommen wollen, von monströsen Kreaturen aus dem Meer überrannt. Jeder Widerstand ist zwecklos, zumal die Erschlagenen schon bald als mutierte Zombies wiederauferstehen und sich nun gleichfalls mit riesigen Krebsscheren bewaffnet den Angreifern hinzugesellen. Verantwortlich für das fürchterliche Gemetzel ist Numenedzers Hofzauberer Querram Urgol, dem die Pläne seines Herrn offenbar nicht  ehrgeizig genug sind und der stattdessen den fürchterlichen "Leviathan Lord" Xeraph-Hizer erwecken will, auf dass dieser dem Ozean entsteige und die Herrschaft über Atlantis antrete.
Am nächsten Morgen nähert sich ein Heerhaufen aus Cyrena der Stadt, an seiner Spitze der junge König Elak, sein dicker, trinkfreudiger Kamerad Lycon und der mächtige Druide Dalan. Eigentlich hatten Numenedzer und Thotmes vor, Elak unter Vorspielung von Friedensverhandlungen in einen Hinterhalt zu locken. Doch als ein halbwahnsinniger Soldat aus Zangarza in das Lager getaumelt kommt und von den blutigen Ereignissen der letzten Nacht berichtet, wird der verhasste Rivale von Gestern zur letzten Hoffnung für das kleine Königreich. Elak, der sich ohnehin schon nach seinem ungebundenen Abenteurerdasein zurücksehnt, beschließt, die Sache persönlich in die Hand zu nehmen. Zumal simple Waffengewalt hier ohnehin keine Lösung zu bieten scheint. Gemeinsam mit Lycon, Dalan, Hauptmann Arborax und einem kleinen Trupp ausgewählter Krieger schleicht er sich in die ausgestorben wirkende Stadt.   
Auf der Suche nach Prinzessin Hamniri, die eine der letzten Überlebenden des großen Massakers sein soll, stoßen unsere Helden in ein künstliches Kavernensystem unter dem Palast vor, wo ganze Heerscharen grotesker Ungeheuer auf sie warten. Schließlich erreichen sie eine bizarre Stadt unter dem Ozean und treffen dort auf die kriegerische Königstochter, die von Querram Urgols Meereskreaturen bedrängt wird, welche sie offensichtlich lebendig gefangen nehmen sollen.
Gemeinsam gelingt es, die zombiehaften Monster zu erledigen, doch in der Ferne regt sich bereits eine schattenhafte Titanengestalt. Der "Leviathan Lord" ist dabei, zu erwachen. Nun kann nur noch Dalans druidische Magie Rettung bringen.

Ich kann nicht behaupten, dass Demons from the Deep Begeisterungsstürme bei mir ausgelöst hätte. Die Story ist kompetent konstruiert und geschrieben. Sie liest sich flüssig und enthält einige recht stimmungsvolle Szenen. Doch nichts an ihr wirkt überraschend oder  originell.
Henry Kuttners Held und seine Gefährten waren nie besonders lebendige oder vielschichtige Figuren, und in dieser Hinsicht bleibt Adrian Cole seinem Vorbild treu. Um genau zu sein,wirken Elak, Lycon und Dalan bei ihm eher noch etwas blasser. Das einzige, was wir über den jungen König von Cyrena in dieser Geschichte erfahren, ist, dass er sich anfangs nach seinem freien Leben als Glücksritter zurücksehnt, am Ende aber einsehen muss, dass das Schicksal ihm offenbar bestimmt hat, die Rolle des Herrschers zu übernehmen. Ein Thema, das Cole in weiteren seiner Elak-Stories vermutlich auszubauen gedenkt, wenn man sich den Titel des in Aussicht gestellten Sammelbandes betrachtet.
Was mir an den ursprünglichen Geschichten von Henry Kuttner am Besten gefallen hat, ist das phantasmagorische Element. Mit der Ausnahme von Spawn of Dagon muss Elak in jeder von ihnen irgendwelche bizarren Anderswelten jenseits von Zeit und Raum betreten. Nichts dergleichen finden wir in Demons from the Deep. Am nächsten kommen wir dem noch in der Schilderung der unterseeischen Metropole: 
The place was a maze, but the sounds of distress, coupled now with the ring of clashing steel, led Elak’s party to another chamber that opened on to a stunning vista of green, crystallized buildings, spread far below under a vast dome, also made of crystal, pure as glass. [...]   
“What place is this?” Elak asked her [Hamniri].
“The evil outlying city of Xeraph-Hizer’s servants. They plan to exercise numerous human sacrifices to raise up their ocean god. See, outside the dome! Those shapes – they are the sea guardians of the Leviathan Lord.”
They all looked in horror at the horrific things, wrapped in shadow, swimming in the ocean murk like gigantic flying beasts, long, distorted heads studded with countless eyes, scarlet jewels that exuded a terrible menace.
Der lovecraftsche Einfluss ist deutlich spürbar. Im Grunde haben wir es hier mit R'lyeh und dem Erwachen Cthulhus zu tun. Aber verglichen mit den Geschichten des alten Gentleman fehlt der Szenerie das verstörend Fremdartige, die "falsche" Geometrie und die unmenschlichen Dimensionen  der Straßen und Gebäude. Ebensowenig besitzt diese Stadt die phantasmagorische Atmosphäre von Henry Kuttners Anderswelten.    
Wo Cole seinem Vorbild am nächsten kommt, ist die Figur von Hamniri. Die Prinzessin ist zwar eine kompetente Kämpferin und ihr erster Auftritt liest sich folgendermaßen:
Arborax was first to the rescued party and found himself standing before a tall warrior woman, her tunic splattered in gore, her sword dripping with the blood of her fallen assailants. Her eyes met his and for a brief moment both figures were very still. Then she laughed, the sound ringing back from the low ceiling.
“Well met,” she said. “I am Hamniri, daughter of Numenedzer."
Aber davon einmal abgesehen, bleibt sie ebenso eindimensional wie alle übrigen Figuren. Um die Rolle auszufüllen, die ihr in der Handlung zukommt, hätte sie ebensogut eine typische hilflose Damsel-in-Distress sein können. Und dass sich Arborax und Hamniri buchstäblich "auf den ersten Blick" ineinander verlieben, wirkt beinah wie eine bewusste Parodie auf billige Storyklischees.

Das alles klingt jetzt vielleicht etwas arg harsch. Demons from the Deep ist keine schlechte Geschichte. Ich habe mich bei der Lektüre durchaus gut unterhalten gefühlt. Aber einen bleibenden Eindruck hat sie ganz sicher nicht bei mir hinterlassen. Dafür ist sie einfach zu generisch. Auch glaube ich kaum, dass ich mir Elak, King of Atlantis besorgen werde. Es gibt  einfach zu viele andere Werke der  Sword & Sorcery, die einen originelleren und spannenderen Eindruck auf mich machen.    




* Nicht Marvels Cpt. Marvel natürlich, sondern der kostümierte Kamerad, der heute unter dem Namen Shazam bekannt ist, ursprünglich aber keine D.C. - Figur war, sondern Supermans größter Konkurrent im Superheldengeschäft. In Israel scheint er jedoch weniger als Comic- und mehr als Groschenroman-Held aktiv gewesen zu sein.
** Der Name "Wold Newton Family" wurde dem Konzept allerdings erst 1997 von Win Scott Eckert verliehen.
*** Der Fairness halber sei hinzugefügt, dass er damit nicht der erste war. Schon der von Mai bis August 1939 in Weird Tales erschienene Roman Almuric war unvollendet gewesen und wurde von jemand anderem {vermutlich Otto Binder} fertiggeschrieben.
**** Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 236.
***** BERICHTIGUNG: Der gute Gerd Rottenecker, dessen Wissen um die Materie sehr  viel umfassender als das meinige ist, hat mich darauf hingewiesen, dass es sehr wohl eine weitere nicht von Fritz Leiber geschriebene F&GM - Geschichte gibt: "Sogar einen ganzen (von Leiber bzw. dessen Erben autorisierten) Roman, und zwar Swords Against the Shadowlands (1998) von Robin Wayne Bailey, der handlungstechnisch direkt an "Ill Met in Lankhmar" anschließt. Anscheinend war noch ein zweiter Roman geplant, der aber bis heute nicht erschienen ist."

Samstag, 10. August 2019

Strandgut

Dienstag, 6. August 2019

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E04: "Dawn of the Gods"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Ich liebe Dawn of the Gods. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, doch der vielleicht wichtigste ist, dass Blake's 7 mit dieser Episode endlich einmal wieder einen Ausflug in wirklich groteske, beinah schon surreal anmutende Gefilde unternimmt. So etwas hatte es in der Vergangenheit schon ein paar Mal gegeben, aber in der dritten Staffel werden wir dererlei vermehrt begegnen, auch wenn solche Szenarien nie die Mehrheit bilden werden. Der Grund für diese Veränderung scheint mir im Ausscheiden Blakes zu liegen, nach dessen Verschwinden die politischen Motive der Serie fürs erste deutlich in den Hintergrund treten.

Auch wenn Blake nie mein Favorit war, ist das natürlich schon etwas bedauerlich. Anlass genug, noch einmal kurz meine Ansichten über die politische Dimension der ersten beiden Staffeln von Blake's 7 darzulegen.  

Nach wie vor sehe ich in der Figur des fanatischen und charismatischen Freiheitskämpfers auch einen kritischen Kommentar auf die Romantisierung des Guerillero in den linken Kreisen der 60er/70er Jahre. Zugegebenermaßen habe ich keine handfesten Belege dafür, dass dies das bewusste Anliegen Terry Nations gewesen wäre. Als er seine Idee für eine neue Show dem für TV-Serien verantwortlichen BBC-Oberen Ronnie Marsh schmackhaft zu machen versuchte, charakterisierte er sie vielmehr als "cracking Boy's Own/ kidult sci-fi. A space Western adventure. A modern swashbuckler." Später umschrieb er sie als "The Dirty Dozen in space", auch wenn die Ähnlichkeiten zu Robert Aldrichs Klassiker wirklich minimal sind. Aber Chris Boucher, dessen Einfluss auf die weitere Entwicklung von Blake's 7 ja nicht unterschätzt werden darf, hat offenbar einmal erklärt, er habe sich bei seiner Charakterisierung der Liberator - Crew vom Vorbild lateinamerikanischer Revolutionäre inspirieren lassen, vor allem von Emiliano Zapata, dem großen Bauernführer aus der Mexikanischen Revolution {und von Marlon Brando verkörpertem Helden eines Films von Elia Kazan}. Völlig abwegig ist meine Theorie also vielleicht doch nicht.

Unter den in den 60er/70er Jahren Radikalisierten herrschte oft eine große Faszination für den Guerilla-Kampf, der ihnen als die reinste Verkörperung der Revolution erschien. Dazu trug zum einen der starke Einfluss bei, den der Maoismus auf viele von ihnen ausübte, zum anderen das Vorbild des heroischen Kampfes der NLF (Nationalen Befreiungsfront / "Viet Cong") gegen den US-Imperialismus. Aber auch die zahlreichen südamerikanischen Guerillabewegungen, die dem Beispiel der Kubanischen Revolution von 1959 nachzueifern versuchten, weckten die Begeisterung der radikalen Linken jener Ära. Das gilt sowohl für deren klassische bäuerliche Varianten als auch für die terroristischen "Stadt-Guerillas". Man denke z.B. an Costa-Gavras' Film État de Siège / Der unsichtbare Aufstand (1972), den ich trotz seiner ziemlich unkritischen Darstellung der Tupamaros durchaus schätze. Vor allem aber war dies die Blütezeit des Che Guevara - Kultes. Niemand anderer verkörperte das romantische Flair, das den Guerillero umgab, besser als der Spross einer argentinischen Mittelklassefamilie, der an der Seite von Fidel Castro in der Sierra Maestra gekämpft und den Umsturz gegen das Batista-Regime angeführt hatte, um sein tragisches Ende schließlich im Dschungel Boliviens zu finden.
Die Verherrlichung bäuerlicher Guerilla-Bewegungen war letztenendes Ausdruck der demoralisierten Weltsicht der "Neuen Linken". Ihre Vordenker wie Herbert Marcuse glaubten, dass die Arbeiterklasse in den westlichen Metropolen durch die Entwicklung der "Wohlstands- und Konsumgesellschaft" ruhiggestellt und in das von ihnen als totalitär wahrgenommene Herrschaftssystem des Spätkapitalismus integriert worden sei.  Die einzige Hoffnung auf den Sturz der herrschenden Ordnung bestehe deshalb in einer Rebellion der "Verdammten dieser Erde", d.h. der verelendeten Massen in der sog. "Dritten Welt". Deren elementare Ausdrucksform aber sei der Guerilla-Kampf. Wie Marcuse in seinem 1966 verfassten "Politischen Vorwort" zu Eros and Civilization geschrieben hatte:
The body against the machine: men, women, and children fighting, with the most primitive tools, the most brutal and destructive machine of all times and keeping it in check — does guerilla warfare define the revolution of our time?
Aber ich nehme mal an, keiner meiner Leserinnen & Leser hat Lust, einem langen Vortrag zu lauschen, in dem ich die "Neue Linke" und den Guerilla-Kampf einer marxistischen Kritik unterziehe oder die katastrophalen Folgen dieser Fehlorientierung darlege. Schon gar nicht in einem Blogpost über eine Episode von Blake's 7. Lassen wir's also dabei bewenden.
Doch es waren nicht allein ideologische Beweggründe, die die Faszination des Guerilla-Kampfes ausmachten. Hinzu kam die romantische Aura, die diese Bewegungen zu umgeben schien. Der Typus des Guerillero, von Marcuse zur Verkörperung der "still partly unconquered, primitive, elemental forces" verklärt, wurde mit Attributen wie Unabhänigkeit, Leidenschaftlichkeit, persönlichem Heroismus und Draufgängertum verknüpft. Das blutige Getümmel des "bewaffneten Kampfes" erschien so viel aufregender und "rrrevolutionärer" als die mühselige Arbeit zum Aufbau einer politisch bewussten Massenbewegung. Man werfe nur einmal einen Blick in den abschließenden Paragraphen von Che Guevaras Motorcycle Diaries:    
[I]n dem Moment, da der große Spiritus rector den gewaltigen Schnitt macht, der die gesamte Menschheit in nur zwei antagonistische Parteien teilt, werde ich mit dem Volk sein, und ich weiß, weil ich es in der Nacht eingeschrieben sehe, ich, der eklektische Sezierer von Doktrinen und Psychoanalytiker von Dogmen, werde mit dem Geheul eines Besessenen die Barrikaden oder Schützengräben stürmen, meine Waffe in Blut tauchen und, rasend vor Wut, jeden Besiegten, der mir in die Hände fällt, niedermetzeln. Und ich sehe, als hätte eine unendliche Müdigkeit meine eben noch tobende Erregung überwältigt, wie ich, hingeopfert der jeden Willen gleichmachenden, echten Revolution, mit den beispielgebenden Worten mea culpa auf den Lippen falle. Schon spüre ich, wie sich meine Nüstern blähen und den bitteren Geruch von Pulver und Blut, von feindlichem Tod einsaugen; schon spannt sich mein Leib, bereit zu dieser Schlacht, und ich mache mein Sein zu einem Tempel, damit in ihm mit neuen Erschütterungen und neuen Hoffnungen das Wolfsgeheul des siegreichen Proletariats widerhallt.*
Dieser pathetische Erguss, in dem sich das schlechte Gewissen des privilegierten Bürgersohns mit blutiger Revolutionsromantik und einer an Nietzsche erinnerenden Egomanie verbindet, scheint mir viel darüber auszusagen, worin für die radikalisierten Intellektuellen und Jugendlichen die Faszination des Guerilla-Kampfes bestand.

Er scheint mir aber auch geeignet, um den Bogen zurück zu Blake's 7 zu spannen.
Wie wir im Laufe unseres Rewatches immer wieder gesehen haben, lässt Blakes revolutionärer Idealismus mitunter deutlich egomanische Züge erkennen.  Er betrachtet den Kampf für die Freiheit als eine Art persönliches Ringen zwischen ihm selbst und dem Regime. Es erstaunt darum auch nicht, dass alle anderen Revolutionärinnen und Revolutionäre, denen die Liberator - Crew im Laufe ihrer Abenteuer begegnet (Avalon, Kasabi, Cauder, Ralli & Vetnor), sehr viel kompetenter wirken, wenn es um den Aufbau wirklicher Widerstandsbewegungen geht. Blake, der ja selbst aus privilegierten Kreisen stammt, scheint kein wirkliches Vertrauen in die Fähigkeit der einfachen Bevölkerung zu besitzen, sich selbst zu befreien. Seine Vorstellung von revolutionärem Kampf besteht hauptsächlich in spektakulären Kommandoaktionen wie dem Überfall auf Servalans Hauptquartier. Den schließlichen Umsturz kann er sich nur als eine apokalyptische Katastrophe vorstellen, die ihm als dem großen "Befreier" die Bühne bereiten werde. Dem entspricht auch sein Hang zu autoritärem Verhalten.
Ich sehe da eine Menge Parallelen zum Typus des Guerillero. Und einer der großen Pluspunkte von Blake's 7 ist, dass trotz dieser kritischen Darstellung die Notwendigkeit und Richtigkeit des revolutionären Kampfes selbst nie in Frage gestellt wird. Wir bekommen an keiner Stelle Predigten über die Tugenden des friedlichen Reformismus gehalten. Wenn wir scheinbar reformwillige Mitglieder des Establishments kennenlernen, entpuppen sich diese entweder als hoffnungslos naiv oder als politische Intriganten, die selbst nach der absoluten Herrschaft streben.

Auch wenn das Thema Revolution in der vierten Staffel erneut an Bedeutung gewinnen wird, hat die Serie mit Blake doch die Figur verloren, anhand derer die Guerilla-Romantik kritisch beleuchtet werden konnte. Dieses spezifische Motiv verschwindet deshalb weitgehend mit dem Ausscheiden von Gareth Thomas. Als Ersatz bekommen wir allerdings so wunderbar bizarre Episoden wie James Folletts Dawn of the Gods serviert.

Im kultivierten Star Trek - Universum ist Dreidimensionales Schach bekanntlich das bevorzugte Brettspiel. Cally, Dayna, Avon, Vila und Supercomputer Orac amüsieren sich lieber mit einer Art Space-Monopoly. Der Spaß wird allerdings rüde unterbrochen, als die Liberator immer stärker von ihrem vorprogrammierten Kurs abzuweichen beginnt. Bordcomputer Zen kann keine Erklärung dafür liefern und der ja ohnehin selten besonders kooperative Orac zeigt sich wenig hilfreich: "I have already made perfectly clear that the ship is behaving normally. It is obeying Newton's First Law of Motion and will continue to obey it. Further discussion of the subject is now closed." Tarrant, der sich inzwischen einen selbstbewussten Kommandoton angewöhnt zu haben scheint, nimmt sofort an, dass das Schiff mit einem Tractor-Beam angegriffen wird. Avon erklärt dies für unmöglich, worauf der Ex-Offizier zurückgibt: "Just because you don't know how to build a high-energy traction beam doesn't mean that no one else knows how to build one." Da sich die Liberator eigentlich in der Nähe von Auron befinden müsste, verdächtigen Tarrant und Dayna sofort Callys Volk und bedrängen ihre Mannschaftskameradin mit aggressiven Fragen:
Tarrant: How close were we going to Auron, Cally? 
Cally: Well, you know how close.
Tarrant: It's just that if the Aurons are responsible for this, I wonder what it is you did to upset them before you left. 
Cally: I'll tell you sometime. Anyway, Tarrant, this is not the doing of my people. For one thing they're not hostile and for another they haven't developed the traction beam. 
Dayna: Do they all have your telepathic powers, Cally?
Cally: Some, to a degree, but our powers are limited. I've never made any secret about --
Dayna: What about telekinetic powers, the ability to exert a force at a distance? Maybe that's a secret you've kept.
Trotz der so familiär wirkenden Eröffnungsszene herrscht unter der "neuen" Crew offensichtlich noch längst keine wirklich vertrauensvolle Atmosphäre.
Das bessert sich auch nicht, als klar wird, dass sich die Liberator im Sog eines Schwarzen Loches befindet. Zumal es sich zeigt, dass Orac für diese Katastrophe direkt verantwortlich ist. Der wissbegierige Supercomputer wollte das "faszinierende Phänomen" unbedingt einmal näher in Augenschein nehmen. Als die Liberator von den Gravitationskräften der Singularität zerrissen zu werden droht, versucht Avon, seine eigene Haut zu retten und aus dem Schiff zu flüchten, was Tarrant unbedingt zu verhindern sucht. Nachdem die Liberator den Sturz in das Schwarze Loch auf unerklärliche Weise überstanden und die Lage an Bord sich wieder etwas stabilisert hat, erklärt er wütend: "One day, Avon, I may have to kill you." Worauf dieser ironisch lächelnd antwortet: "It has been tried." Schwer vorstellbar, dass diese beiden einmal echte Freunde werden.
Während Orac in Begeisterung über die Forschungsmöglichkeiten schwelgt, die sich ihm nun eröffnt haben, versucht der Rest der Crew herauszubekommen, wo sie sich eigentlich befinden. Die Sterne scheinen verschwunden zu sein, der Teleschirm zeigt nichts außer undurchdringlicher Finsternis. Die stets zu impulsiver Gewalt neigende Dayna feuert ein paar Torpedos hinaus in das Nichts, doch die Wirkung ist wenig erhellend. Derweil scheint Cally telepathische Nachrichten von einer Entität zu erhalten, die sich "The Tharrn" nennt und sie zu sich ruft, was sie jedoch vorerst als Halluzinationen abtut, ist dies doch der Name einer mythischen Gestalt, die für sie ungefähr so real ist, wie Einhörner und Drachen für Erdbewohner. Schließlich entscheidet Avon, das einzig vernünftige sei es, wenn einer von ihnen aussteigen und in einem Raumanzug die Umgebung erkunden würde. Selbst übernehmen tut er diese Aufgabe natürlich nicht, das bleibt dem gar nicht begeisterten Vila vorbehalten.
Wie sich zeigt, befindet sich die Liberator weder im Weltall noch in einem Paralleluniversum aus Antimaterie, sondern in einer Art riesigem Gewölbe. Vila entdeckt Wrackteile eines anderen Raumschiffs. Doch als plötzlich eine Gruppe hypnotischer Lichter in der Finsternis aufflammen, endet die unwillige Expedition unseres sympathischen Langfingers beinah in seinem Tod. Nur der Umstand, dass der mysteriöse Ort eine atembare Atmosphäre besitzt, rettet ihn.
Bis zu diesem Punkt ist das Szenario durchaus spannend und unheimlich. Doch wenn wenig später ein ulkiges Gefährt mit einem aufgemalten Monstermaul aus der Dunkelheit herangerollt kommt und eine Gestalt im Kostüm eines Varieté-Magiers mit riesigem Zylinderhut die Bühne betritt, gewinnt die Episode augenblicklich einen wunderbar überdrehten Charakter.
Wie es sich zeigt, ist die Liberator - Crew tatsächlich in die Hände des "Tharrn" gefallen, eines exilierten Gottes, der unter extremer Einsamkeit leidet und von der Herrschaft über das Universum träumt. Während Avon und Tarrant auf Anordnung des "Caliph" (Sam Dastor) und unter Aufsicht des buchhalterischen Groff (Terry Scully) irgendwelche mathematischen Gleichungen bearbeiten müssen, erhält die gute Cally auf einem Eisbärfell liegend psychedelische Visionen, mit denen Aurons Luzifer die Telepathin zu verführen sucht, da er sich ganz fürchterlich nach einer Gefährtin sehnt.

Dawn of the Gods ist nicht ohne signifikante Schwächen. Wenn der "Caliph" seinen ersten Auftritt hat, sind bereits dreißig Minuten der Episode verflossen. Entsprechend überhastet wirken die folgenden Ereignisse, die immerhin das Schmieden von Fluchtplänen, Oracs Verteidigung der Liberator und Callys Konfrontation mit dem "Tharrn" sowie die finale Enthüllung des greisen Gottes und die Zerstörung seiner künstlichen Welt umfassen. Dass aufgrund der Zeitknappheit vor allem Dayna in eine gänzlich passive Rolle gedrängt wird, kommt erschwerend hinzu.
Dennoch kann ich nicht anders, als diese Episode zu lieben. Ihr grotesker Charakter ist einfach zu charmant und erfüllt mich mit Vorfreude auf all die Verrücktheiten, die uns noch erwarten.               

  

* Ernesto Che Guevara: The Motorcycle Diaries. Latinoamericana. Tagebuch einer Motorradreise 1951/52. S. 155.