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Montag, 26. August 2019

Böses Hirn – Gutes Hirn

The Brain from Planet Arous (1957) gehört zu den Kultklassikern des amerikanischen SciFi-Films der 50er Jahre. Nicht zufällig bildet der Abschnitt, in dem ausführlich dargelegt wird, wann, wo und wie in der Popkultur auf diesen Flick angespielt wurde, den Löwenanteil des entsprechenden Wikipedia-Artikels. Grund für seine Popularität dürfte in erster Linie das grandiose Fliegende Gehirn Gor sein. Auch wenn es vermutlich niemand überraschen wird, zu erfahren, dass die Auftritte des wundervollen Creature-Modells eher spärlich ausfallen. So richtig in Aktion erleben wir den Kameraden eigentlich nur im Finale. Aber er ist schon ein verdammt cooles Kerlchen. 

Verantwortlich für das Modell, bei dem es sich wohl einfach um "a balloon on a string" (1) handelte, war übrigens niemand anderer als Jack Pierce, der große Makeup-Künstler der klassischen Universal - Monsterfilme der 30er und 40er Jahre. 1946 auf extrem unwürdige Weise von dem Studio, für das er so vieles geleistet hatte, in die Wüste geschickt, musste er sich seine Brötchen in den 50ern im B-Movie-Geschäft verdienen. Anders als viele andere auf der "Poverty Row", denen es einzig auf Schnelligkeit und möglichst geringe Kosten ankam, schätzte Produzent Jacques Marquette glücklicherweise die Kunstfertigkeit von Leuten wie Pierce und engagierte ihn deshalb für The Brain from Planet Arous (1957), Teenage Monster (1958) und Attack of the 50 Foot Woman (1958).

Das erste, was wir auf der Leinwand zu sehen bekommen, ist allerdings das Logo von Howco International. Und das ist nicht unbedingt ein ermutigendes Anzeichen, trägt die Firma, die ihr Geld anfangs hauptsächlich mit Ron Ormond - Western machte, u.a. doch die Verantwortung dafür, dass der legendär miese Horror-SciFi-Flick Mesa of the Lost Women (1953; hier besprochen) das Licht der Kinowelt erblickte. Doch keine Angst, auch wenn The Brain from Planet Arous natürlich ausgemachter Schlock ist, einen Vergleich mit Mesa hat er ganz sicher nicht verdient. Dafür bürgen neben Jack Pierce noch zwei weitere Namen.

Zum einen saß auf dem Regiestuhl Nathan Juran, auch wenn er sich in den Credits lieber als "Nathan Hertz" auflisten ließ. 
Der 1907 in Gura Humorului {damals Österreich-Ungarn, heute Rumänien} zur Welt gekommene Sohn jüdischer Eltern, war im Alter von fünf Jahren zusammen mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert. Kindheit und Jugend waren von Armut und harter Arbeit geprägt gewesen. Wie er 1989 in einem Interview mit dem Starlog Magazine erzählt hat:
Times were different then. My father [eigentlich Schuhmacher] built our one-room house all by himself. In those days, people worked 12 hours a day, seven days a week. [...] When I was growing up, we didn't even have electricity or running water. (2)
Dennoch gelang es ihm unter zahlreichen Entbehrungen eine Ausbildung zum Architekten zu machen. Aber unter den Verhältnissen der Großen Depression wurde es zunehmend schwieriger, Arbeit in diesem Metier zu finden. Da stolperte Juran 1936 während eines Besuchs in Los Angeles eher zufällig über die Gelegenheit, eine Karriere in Hollywood zu beginnen. Erst als Zeichner, dann als Bühnenbildner {er kreierte z.B. Julias Schlafzimmer in George Cukors Adaption von Romeo and Juliet [1936]} und schließlich als Art Director. 1942 gewann er zusammen mit Richard Day einen Oscar für seinen Beitrag zu John Fords How Green Was My Valley. Wie er später kommentierte:
John Ford was quite a remarkable guy. He was friendly and  charming to some people, and nasty and vindictive to others. I experienced both sides of his personality. But he  could also be a very loyal fellow. Once he got to like you, he wouldn't give up on you. I learned a lot about filmmaking from watching him work, especially in lighting and composition. (3)
Nach dem Kriegseintritt der USA  meldete sich Juran freiwillig zum Dienst in der Navy. Bis 1946 arbeitete er für den OSS (Office for Strategic Services), einen der Vorläufer der CIA, in Europa, Nordafrika und auf Hawai.     
Zurück im zivilen Leben und in Hollywood arbeitete er in den folgenden Jahren u.a. an Edmund Gouldings The Razor's Edge (1947), Robert Siodmaks Deported (1950), Henry Kosters Harvey (1950), Douglas Sirks Thunder on the Hill (1951) sowie Anthony Manns Winchester '73 (1950) und Bend of the River (1952) mit. Seine erste Gelegenheit, selbst Regie zu führen, erhielt er bei dem Gruselthriller The Black Castle (1952), nachdem Joseph Pevney von dem Projekt abgesprungen war. Juran fühlte sich ziemlich unsicher in seiner neuen Rolle {"I had to learn everything all over again."} und wäre sich ohne den Beistand seines Regieassistenten Bill Holland und die Umgänglichkeit und Professionalität von Hauptdarsteller Boris Karloff vermutlich völlig verloren vorgekommen.
Boris was a joy, and did his work beautifully. He put so much into the picture that wasn't in the script. He had a funny little expression, that looked as though the most tremendous thinking was goingon behind his eyes. One time I asked him: "How do you know how to do that? It's so good for the film." Karloff gave me a sly smile, and said, "It's just an old trick of the trade. I'm not thinking a thing." (4)
Die Chefetage von Universal war zufrieden und ließ Juran im nächsten Jahr fünf ihrer B-Movies drehen. Nach einem kurzen Abstecher nach Italien, wo er den Musketierfilm I Cavalieri Della Regina (1954) drehte, konnte er sich 1956 mit The Deadly Mantis dann erstmals im SciFi-Genre ausprobieren. (5)
Der Ronald Reagan - Kriegsfilm Hellcats of the Navy (1957) brachte ihn wenig später in Kontakt mit Produzent Charles H. Schneer, der ihn gleich darauf auch für 20 Million Miles to Earth (1957) engagierte, das erste gemeinsame Projekt von Juran, Schneer und Ray  Harryhausen. Technisch war das sicher die bisher größte Herausforderung für den Regisseur, musste er doch lernen, Szenen zu drehen, in die später Harryhausens Stop-Motion-Kreaturen eingefügt wurden. Eine Arbeit, die sehr große Exaktheit erforderte. Doch er lernte schnell unter der Anleitung des großen SFX-Magiers:
I didn't have to worry about that, because Ray knew what he was doing. [...] The longer we worked together, the less we had to talk about the technical matters. I knew how Ray operated, and he knew howI operated. We got along famously.     
Schon bald herrschte ein enges freundschaftliches Verhältnis zwischen Juran, Harryhausen und Schneer.
Our personalities clicked. We were all on the same wavelength. I never enjoyed myself more than when I worked with those two guys. I am extremely fond of both of them. (6)
Ein Jahr später fand sich das Trio erneut zusammen. Ihr zweites gemeinsames Werk sollte Nathan Jurans wohl bedeutendster Beitrag zum phantastischen Kino werden: The 7th Voyage of Sinbad (1958). 1964 folgte dann noch die H.G. Wells - Adaption First Men in the Moon, für die der große Nigel Kneale das Drehbuch geschrieben hatte.
Aber mit diesen Filmen wollen wir uns jetzt nicht näher beschäftigen. (7) Ebensowenig mit dem Rest von Nathan Jurans Karriere. Das Gesagte sollte ausreichen, zu zeigen, dass es sich bei ihm um einen fähigen Regisseur handelte, dem man eigentlich mehr zutrauen würde als billigen Trash. The Deadly Mantis ist zwar ein Beleg dafür ist, dass ihm auch dieser Winkel der Filmwelt nicht ganz fremd war. Dennoch wird man sich fragen, warum sich ein Filmemacher seines Kalibers für Streifen wie The Brain from Planet Arous und The 50 Foot Woman engagieren ließ. Vor allem unmittelbar nachdem er einen so großartigen phantastischen Film wie The 7th Voyage of Sinbad gedreht hatte. Die Antwort liegt in Nathan Jurans äußerst unsentimentaler Einstellung zum Beruf des Filmemachers.
I approached the picture business as a business. I always did pictures for the money, and for the creative challenges. (8) ... A job is a job. The picture business is like any other. If I owned a car repair shop, and a guy wanted his car fixed, I would fix it for him. I wouldn't care how good the car was. That's how I look at the picture business. I don't believe in being "arty". (9) 
Das konntre feilich nicht verhindern, dass ihm sein Mitwirken an The Brain from Planet Arous und The 50 Foot Woman letztlich so peinlich war, dass er das  Pseudonym "Nathan Hertz" {eigentlich sein zweiter Name} verwendete, obwohl er deshalb Ärger mit der Directors Guild of America (DGA) bekam. Dennoch dürfen wir davon ausgehen, dass Juran selbst bei diesen beiden Flicks das Bestmögliche zu leisten versuchte, was unter den gegebenen Umständen möglich war. Und so bekommen wir in The Brain from Planet Arous tatsächlich die eine oder andere interessante Kameraeinstellung oder Bildkomposition zusehen.

Der zweite Name, der unbedingt genannt werden muss ist der des Hauptdarstellers -- John Agar. Freundinnen und Freunden des phantastischen B-Movies der 50er Jahre sicher kein Unbekannter, war er doch u.a. in Jack Arnolds Revenge of the Creature (1955) und Tarantula (1955), Virgil W. Vogels The Mole People (1956), Edgar G.Ulmers Daughter of Dr. Jekyll (1957) und Bert I. Gordons Attack of the Puppet People (1958) mit von der Partie. Doch Agar war nicht immer ein B-Movie-Darsteller gewesen. In den 40er Jahren hatte er neben John Wayne in Filmen wie John Fords Fort Apache (1948) und She Wore A Yellow Ribbon (1949) mitgespielt. Allerdings auch in Howard Hughes' antikommunistischem Propagandastreifen The Woman on Pier 13 aka I Married a Communist (1949). Doch als seine Ehe mit Shirley Temple 1949/50 endgültig in die Brüche ging, wofür u.a. der ständige Medienrummel um das "Traumpaar" und Agars Alkoholproblem verantwortlich waren, erhielt seine Hollywood-Karriere einen deutlichen Knick. Von da an waren Low Budget - Western und SciFi - Flicks seine neue Heimat. Agar scheint dies nicht verbittert zu haben. In den 70ern war er ein gern gesehener Gast auf diversen SciFi-Conventions und pflegte einen sehr herzlichen Umgang mit der Fangemeinde.   
I don't resent being identified with B science fiction movies at all -- why should I? Even though they were not considered top of the line, for those people that like sci-fi, I guess they were fun. My whole feeling about working as an actor is, if I give anybody any enjoyment, I'm doing my job, and that's what counts. 
John Guillermin ließ ihn einen kleinen Gastauftritt in Dino de Laurentiis Remake von King Kong (1976) machen, in gewisser Weise, um seinen Beitrag zum phantastischen Film zu ehren.

Doch was gibt es denn nun über The Brain from Planet Arous selbst zu sagen? 



Wie der Trailer sehr schön zeigt, ist dieser Flick weniger ein  Creature Feature über ein Fliegendes Gehirn, als vielmehr eine Alien Invasion - Story im Stil von Invaders from Mars (1953) oder Don Siegels Invasion of the Body Snatchers (1956).

Alles beginnt mit einem vermeintlichen Meteoriteneinschlag in der Wüste von Nevada. Die beiden Atomwissenschaftler Steve March (John Agar) und Dan Murphy (Robert Fuller), die wohl irgendwie für die Regierung arbeiten, registrieren wenig später ein unerklärliches Aufflackern von Radioaktivität in der Region des treffend benannten Mystery Mountain. Nach einem kleinen Barbecue mit Steves Verlobter Sally Fallon (Joyce Meadows) und ihrem Vater John (Thomas B. Henry) machen sich die beiden auf, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Sie entdecken eine unnatürliche Höhle {bei der übrigens vier Jahre zuvor das legendäre Robot Monster seinen Auftritt hatte}, erhalten ein paar verwirrende Anzeigen auf ihrem Geigerzähler und begegnen schließlich dem größenwahnsinnigen Fliegenden Gehirn Gor, das sich ohne viel Federlesens Dan entledigt und Steves Körper übernimmt. Denn Gor hat äußerst ehrgeizige Pläne. Zurück bei Sally weckt Steves ungewöhnliches Verhalten schon bald deren Misstrauen, und auch die Geschichte, dass Dan einen Kurzurlaub in Las Vegas eingelegt haben soll, erscheint ihr reichlich dubios. Sie überzeugt ihren Vater, sich zusammen mit ihr bei Mystery Mountain umzuschauen. Und siehe da  -- die beiden treffen auf ein weiteres Fliegendes Gehirn aus dem Weltall, den netten Vol, der losgeschickt wurde, um den verbrecherischen Gor wieder einzufangen. Derweil beginnt dieser, seine Welteroberungsspläne in die Tat umzusetzen. Er lässt mit reiner Gedankenkraft ein Paassagierflugzeug explodieren und nimmt Kontakt zu den Militärs  auf, die gerade einen neuen Atombombentest vorbereiten. Gor will diese Gelegenheit für eine Demonstration seiner Macht nutzen, um der Menschheit anschließend sein Ultimatum zu stellen.

Elizabeth A. Kingsley schreibt in ihrer ausführlichen Besprechung von The Brain from Planet Arous auf And You Call Yourself A Scientist, der Ideengehalt des Filmes sei -- anders als im Fall von Invasion of the Body Snatchers -- eindeutig:

In fact, what we have here is a glaring piece of anti-intellectualism, in which Gor the Evil Space Brain figures as a literal interpretation of the phrase “dangerous mind”. The Arousians are, of course, crude kissing-cousins to the Krell from Forbidden Planet, which was also released the previous year: a race that has evolved to be wholly of the mind – in this case, physically as well as metaphysically. As one of the greatest intellects on a planet where “intelligence is all”, Gor is, inevitably, undiluted evil; his pure intellect is purely destructive. Meanwhile, Vol, the “good intellectual”, who comes to Earth to arrest the fugitive Gor turns out to be completely helpless and ineffectual. Though he brags that he has “powers that equal and even surpass those of Gor”, Vol is reduced to hiding out in the body of a dog while the resourceful humans do his job for him.
Ein populistischer Antiintellektualismus ist im amerikanischen SciFi-Film der 50er Jahre in der Tat häufiger zu beobachten. So drohen in Streifen wie Howard Hawks' & Christian Nybys The Thing From Another World (1951) oder Jack Arnolds Tarantula (1955) eiskalt-arrogante bzw. überehrgeizige Wissenschaftler, Tod und Vernichtung über  die Menschheit zu bringen, während in Fiend Without A Face (1958; hier besprochen) im wortwörtlichen Sinne Gehirne Amok laufen. Dieses Motiv spiegelte die zwar fehlerhafte und oberflächliche, dafür aber weit verbreitete Ansicht wieder, dass Wissenschaft und Technik -- nicht die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen unter denen diese sich entwickeln -- für die bedrohlichen Entwicklungen der Zeit verantwortlich seien.
Dass sich deutliche Spuren dieser Perspektive auch in The Brain from Planet Arous finden, ist sicher nicht zu leugnen. Allerdings glaube ich, dass man z.B. in Vols Ineffektivität nicht gar zu viel hineindeuten sollte. Mir scheint das eher einer der vielen Belege für die miese Qualität von Ray Buffums Drehbuch zu sein. Vor allem in der zweiten Hälfte humpelt und stolpert die Handlung auf ein Finale zu, das ebensogut eine halbe Stunde früher hätte kommen können. 
Vor allem jedoch ist Gor zwar  ein riesiges, nur halb materielles Gehirn, aber sein Verhalten ist keineswegs von kalter Rationalität geprägt. Ganz im Gegenteil! Er ist keine Verkörperung reinen Intellekts, sondern ungezügelter Triebhaftigkeit. Einer der interessanteren Aspekte des Filmes ist, dass die Handlung auf zwei Ebenen spielt, wobei dieser Charakterzug Gors auf unterschiedliche, aber doch verwandte Weise zum Ausdruck kommt.

Da wäre zum einen die "globale", wenn man so will "politische" Ebene. Gor versucht die Regierungen der Erde mit der fürchterlichen Zerstörungskraft, die ihm zu Gebote steht, einzuschüchtern und die Menschheit zu versklaven, damit sie ihm eine Flotte von Raumschiffen baut, die es ihm erlauben soll, erst seinen Heimatplaneten und dann das ganze Universum zu erobern.
Dieser Plan klingt nicht nur größenwahnsinnig, Gor -- bzw. der von ihm besessene Steve -- gebärt sich auch entsprechend. Die Verve und das offensichtliche Vergnügen, mit denen John Agar den manisch lachenden und sich in irren Allmachtsfantasien ergehenden Kerl spielt, ist das mit Abstand unterhaltsamste Element des Filmes. Immer dann, wenn er seine zerstörerischen Geisteskräfte entfesselt, bekommt er außerdem noch hübsch gruselig-metallisch glänzende Augen. Wie Agars Sohn in einem Interview mit dem Scary Monsters Magazine berichtet, hatte der Schauspieler allerdings ziemliche Probleme mit den Kontaktlinsen: "[They] were flaking off silver paint in his eyes. To the day he died he blamed this movie and these flecks on his eye problems.What we will endure for art, huh?" Dennoch wurden dieselben Kontaktlinsen angeblich acht Jahre später noch einmal beim Dreh der zweiten Star Trek - Pilotfolge Where No Man Has Gone Before verwendet.    
Dieser Teil des Films ist aufs engste mit dem Motiv der Atombombe verknüpft. Die Geschichte spielt ja nicht zufällig in der Wüste von Nevada. Zu dieser Zeit wurden noch regelmäßig Atombomben an der Nevada Test Site gezündet. Sich die Detonationen vom Hoteldach anzuschauen, war im 65 Meilen entfernten Las Vegas eine beliebte {und krebsfördernde} Touristenattraktion. Erst nach der Unterzeichnung des Partial Test Ban Treaty (PTBT) von 1963 zwischen den USA, der Sowjetunion und Großbritannien wurden die Tests unter die Erde verlegt. The Brain from Planet Arous enthält Stock-Footage-Aufnahmen eines solchen Bombentests. Aus gutem Grund wählt Gor/Steve dies als den geeigneten Zeitpunkt für seine Machtdemonstration. Nicht nur, weil da hochrangige Militärs versammelt sind, die sein Ultimatum an Washington und den Rest der Welt weiterleiten können, sondern auch, weil er ganz ausdrücklich zeigen will, dass er über eine noch gewaltigere Zerstörungskraft verfügt als sie atomare Sprengköpfe darstellen. Erstaunlicherweise wirkt die Reaktion des anwesenden Generals im ersten Moment weniger geschockt als vielmehr beeindruckt oder fasziniert. Freilich bin ich mir nicht sicher, ob dieses nette Detail wirklich beabsichtigt oder ein Ausrutscher von Schauspieler E. Leslie Thomson war. Doch unabhängig davon scheint mir das Ganze sehr deutlich den Irrsinn und die Irrationalität des atomaren Wettrüstens zum Ausdruck bringen zu wollen.
Natürlich konnte ein in wenig mehr als sieben Tagen für $58.000 auf drei Sets gedrehter Film kaum ein besonders überzeugendes Bild einer "globalen Bedrohung" zeichnen. Das hier ist schließlich nicht War of the Worlds (1953) oder Earth vs. The Fying Saucers (1956). Besonders putzig wirkt es, wenn sich die Vertreter der sechs Weltmächte (USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich, China und Indien) in einem kleinen Konferenzzimmerchen versammeln, um Gor/Steve ihre Kapitulation zu überreichen. Und das nicht nur, weil der arme indische Botschafter allen Ernstes mit einem Turban auf dem Kopf antreten muss. Die Szene besitzt einen merklichen Plan 9 - Vibe.

Aber genaugenommen ist die andere, sozusagen "intime" und "familiäre" Ebene, auf der sich die Geschichte abspielt, ohnehin die interessantere. Gor hat es nämlich nicht nur auf die Weltherrschaft, sondern auch auf die gute Sally abgesehen. Wie "Lyz" Kingsley ganz richtig bemerkt, schwingt da sicher etwas von der Paranoia über die bösen "Others" mit, die Hand  an "unsere Frauen" legen wollen. Doch die Sache ist etwas komplexer.
Gor/Steves Verhalten gegenüber Sally ist von einer erstaunlich offen präsentierten sexuellen Gewalttätigkeit gekennzeichnet. Ihre erste Begegnung endet mit der kaum verhüllten Darstellung einer versuchten Vergewaltigung. Eine zerrissene Bluse dürfte für einen 50er Jahre - Flick schon ziemlich "risky"gewesen sein. Und als wäre das noch nicht genug, bekommen wir in der nächsten Szene eine Kameraeinstellung zu sehen, die unsere Blicke direkt auf Joyce Meadows' Ausschnitt lenkt. Etwas später im Film beginnt Gor/Steve während einer gemeinsamen abendlichen Spritztour durch die Wüste, erst wirre Reden über Macht und Reichtum zu schwingen, um dann die junge Frau erneut brutal zu bedrängen. Dabei wird ganz klar ein Zusammenhang zwischen Gors Gier nach politischer Macht und seiner sexuellen Aggressivität hergestellt. Die beiden sind zwei Seiten derselben Medaille. Wie er selbst sagt: Er nimmt sich, was er will. Und das gilt für die Weltherrschaft genauso wie für Sallys Körper.
Das alleine fände ich schon interessant genug. Eine Art Verknüpfung des "Politischen" mit dem "Privaten". "Militärische" und "männliche" Gewalt scheinen demselben Boden zu entspringen. Doch der Film ist in seiner Darstellung von Sexualität eigenartig widersprüchlich.
Wenn Gor/Steve Sally zum ersten Mal küsst, ist diese von der plötzlichen Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit, die sie von ihrem Verlobten bislang offenbar nicht gewohnt war, nämlich durchaus angetan. Das ändert sich erst, als sein Verhalten gewalttätige Züge annimmt.
Will der Film an diesem Punkt einen Kommentar zur sexuellen Repressivität der Zeit abgeben? Und wenn ja, welchen? Einerseits sollen wir Sallys spontane Reaktion wohl kaum verurteilen. Sie ist die eigentliche Heldin des Films. Ist die Szene also als eine Kritik am vorherrschenden Puritanismus zu verstehen? Doch andererseits erscheint der leidenschaftliche Kuss ja als Vorspiel zu einer versuchten Vergewaltigung. Geht es also vielmehr um eine Affirmation der konservativen Sexualmoral? Besteht Gor/Steves angeprangertes "Neandertaler-Verhalten" nicht bloß in seinem Hang zur Gewalttätigkeit, sondern auch in dem bloßen Verlangen, "Sex vor der Ehe" haben zu wollen? Das Ganze ist  äußerst verworren, aber gerade darum um so faszinierender.
  
           


(1) Clive Davies: Spinegrinder: The Movies Most Critics Won't Write About.
(2) Starlog Magazine. Issue 141. S. 58.
(3) Ebd.
(4) Ebd. S. 59.
(5) Ich habe dieses groteske Cold War - Creature Feature vor Zeiten hier besprochen.
(6) Ebd. S. 60f.
(7) Mir schwebt vage vor, im nächsten Jahr zur Feier von Ray Harryhausens 100. Geburtstag einmal eine Tour durch sein gesamtes filmisches Oeuvre zu unternehmen.
(8) Ebd. S. 57.
(9) Starlog Magazine. Issue 142. S. 55.

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