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Sonntag, 17. März 2024

Klassiker-Reread: "Die Chroniken von Tornor" von Elizabeth A. Lynn (1/2)

Momentan ist es ja etwas still geworden hier auf dem Blog. Aber dank einer erfreulich lebendigen Tradition ändert sich das heute endlich einmal wieder. Denn wie seit 2019/20 in jedem Jahr haben Alessandra von FragmentAnsichten und ich erneut einen gemeinsamen Klassiker-Reread unternommen. In der Vergangenheit hatten wir uns dabei Joy Chants Wenn Voiha erwacht, Patricia McKillips Erdzauber, Esther Rochons Der Träumer in der Zitadelle und den Dragonlance Legends von Tracy Hickman und Margaret Weis gewidmet. Anders als in den letzten beiden Jahren, in denen Sören Heim bzw. Christina F. Srebalus als Gäste mit von der Partie waren, sind wir diesmal wieder unter uns geblieben. Vorgenommen haben wir uns Elizabeth A. Lynns Fantasyzyklus Die Chroniken von Tornor.  
     
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Elizabeth A. Lynn wurde 1946 in New York geboren und lebte später erst in Chicago, dann in San Francisco. Ihre eigentliche Karriere als Schriftstellerin war relativ kurz, reichte nur von Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre, doch war der Eindruck, den ihre Arbeiten dabei auf viele ihrer Zeitgenoss*innen machte, beträchtlich. 
Lynn gehörte zu einer Gruppe von jungen Schriftsteller*innen, die im Verlauf der 70er in die amerikanische SFF-Szene Eingang fanden und oft eine frische und unkonventionelle Sicht vertraten, in der sich selbstredend auch etwas vom politisch unruhigen Charakter der Zeit widerspiegelte. Das aufblühende Biotop der Fanzines, Semi-Prozines und Kleinverlage bot dafür ein gutes Umfeld. Dennoch war es nicht immer leicht, Fuß zu fassen. So vollendete Lynn ihre erste "druckreife" Story Wizard's Domain / Zauberers Reich 1971, veröffentlicht wurde sie aber erst 1980 in Ellen Kushners Anthologie Basilisk. Nicht immer bestanden die Probleme dabei bloß aus frühzeitig verstorbenen Magazin-Projekten oder unprofessionellen Verlegern. So erzählt die Autorin z.B. über ihre Kurzgeschichte The Gods of Reorth / Die Götter von Reorth:  
Ein paar andere Lektoren, die sämtlich (mit einer Ausnahme) Männer waren, schickten sie mir zurück mit brummigen Kommentaren, dass ich wohl beabsichtige, alle Männer umzubringen. Mir scheint, sie haben das Wesentliche nicht begriffen.*
Zwischen 1976 und 1984 erschienen achtzehn Kurzgeschichten aus Lynns Feder in unterschiedlichen Magazinen und Anthologien. Dabei bewegte sie sich mit großer Selbstverständlichkeit zwischen den phantastischen Genres, wechselte von Fantasy zu SF zu Weird Fiction oder Horror, Ihre erste veröffentlichte Story We All Have To Go / Wir müssen alle einmal fort ist eine Near Future - Erzählung über eine besonders zynische Form von Reality - TV. Und auch ihr erster Roman A Different Light / Das Wort heißt Vollkommenheit gehört der Science Fiction an. Zur Fantasy kehrte sie wohl erst wieder zurück, als Jessica Amanda Salmonson sie um einen Beitrag für ihre Amazons! - Anthologie anging. The Woman Who Loved The Moon / Die Frau, die den Mond liebte spielt in derselben Welt Ryoka wie schon Wizard's Domain. Lynn hat einmal erklärt, dass sie "ein ganzes Buch"** schreiben wollte, dessen Handlung dort angesiedelt sein sollte. Doch dazu kam es nie. Immerhin kehrte sie noch einmal nach Ryoka zurück, als sie 1982/83 The Red Hawk / Der rote Falke als Beitrag für den von Peter Wilfert herausgegebenen Goldmann Fantasy Foliant 1 schrieb. Mit The Sardonyx Net / Sardonyxnetz (1981) entstand außerdem noch ein weiterer SF-Roman und mit The Silver Horse (1984) ein Fantasy-Kinderbuch, doch dann versiegte offenbar die Inspiration. Was Lynn im Rückblick aber keineswegs als Katastrophe sieht. Wie sie 1997 in einem Interview mit dem Locus Magazine erzählt hat:
I tried to figure out what to fill the hole in my life with. And what I filled it with was the rest of my life. I went back to martial arts very strongly. I had friends – I didn't lose them. I didn't stop reading books. And discovered that I could live and be a happy person, and never write again.
I went and worked for five dollars an hour, selling Thai and Balinese objets d'art to rich people in Berkeley, in a shop run by a friend of mine. And I enjoyed it! ... I took the H&R Block course, and then went off on my own and started doing taxes for people.
Ende der 1990er / Anfang der 2000er erlebte sie zwar noch ein kleines Comeback mit Dragon's Winter (1998) und Dragon's Treasure (2003), doch fanden diese Romane nie die Anerkennung, die ihr Werk am Ende der 70er Jahre genossen hatte.
 
Die ersten beiden Bände der Chroniken von Tornor – Watchtower / Die Zwingfeste und The Dancers of Arun / Die Tänzer von Arun erschienen 1979. Der erste der beiden wurde 1980 mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Im selben Jahr erreichte auch der Abschlussband The Northern Girl / Die Frau aus dem Norden das lesende Publikum.
 
Zwei Elemente, die eng mit Lynns persönlichem Leben verknüpft sind, finden sich in fast all ihren Geschichten: So sind zum einen immer wieder Kampfkunst-Schilderungen in die Handlungen eingewoben und Lynn war bzw. ist selbst Aikido-Lehrerin mit eigenen Dojo. Zum anderen sind LGBTQ-Figuren bei ihr keine Ausnahme, sondern die Regel. Die ehemalige LGBT-Buchkette „A Different Light“ war nicht zufällig nach ihrem Roman benannt. Lynn ist selbst offen lesbisch.
 
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Die Ryoka-Geschichten besitzen allesamt das Flair von alten Mythen oder Volkssagen. Entsprechend beginnen sie mit Formulierungen wie: "Sie erzählen diese Geschichte in den östlichen Provinzen ..." (Zauberers Reich) oder "Sie erzählen diese Geschichte in den Mittleren Grafschaften ..." (Die Frau, die den Mond liebte). Die Chroniken von Tornor sind in einem deutlich anderen Stil gehalten.
 
Die Zwingfeste beginnt ähnlich wie eine typische Heroic Fantasy - Erzähling in medias res. Allerdings nicht mit einer Actionsequenz, sondern mit dem Nachspiel der Action. Die Grenzfeste Tornor ist von den Männern des Söldnerführers Col Istor erstürmt worden, die meisten Verteidiger sind erschlagen und auch der ehemalige Burgherr Athor liegt tot im Staub. Nur Wachhauptmann Ryke ist verschont worden, denn der Eroberer will ihm einen Handel vorschlagen: Das Leben von Prinz Errel gegen Rykes Dienste. Der schlaue Col weiß, dass ihm die Unterstützung eines Ortskundigen bei der Etablierung seiner Herrschaft eine große Hilfe sein wird. Ryke geht auf das Angebot ein, allerdings nur, weil er hofft, dass es ihm auf diesem Wege gelingen wird, die Flucht des Prinzen zu bewerkstelligen. Eine entsprechende Gelegenheit eröffnet sich, als einige Zeit später die Bot*innen Norres und Sorren auf Tornor eintreffen. Der Prinz kennt die beiden (wie sich später herausstellt, ist Sorren sogar seine Halbschwester). Gemeinsam fliehen die vier in die Westlichen Berge, wo der mysteriöse Van im verborgenen Tal von Vanima eine Gemeinschaft von Schüler*innen und Gleichgesinnten um sich geschart hat. Er lehrt sie eine neue Kampfkunst und eine besondere Form des Tanzes. Und obwohl die in diesen ausgedrückte Philosophie eigentliche eine Ablehnung von Agressivität und unnötiger Gewalt beinhaltet, finden Errel und Ryke in der Gemeinschaft von Vanima schließlich Verbündete gegen Col Istor.

Die Tänzer von Arun spielt mehrere Generationen später. Inzwischen hat sich die Kampfkunst der "Chearis" über die Länder von Arun verbreitet und mit ihr die Philosophie des "Chea" (einer Art metaphysischen Weltharmonie). Der junge Kerris ist ein Neffe des gegenwärtigen Herrn von Tornor. Doch da ihm im Alter von drei Jahren bei einem Überfall der nomadischen Asech der rechte Arm abgeschlagen wurde, wächst er als Außenseiter in der Kriegergesellschaft der Grenzfeste auf. Seit einiger Zeit wird er von Visionen heimgesucht, in denen er telepathischen Kontakt zu seinem Bruder Kel aufzunehmen scheint, dem er nie bewusst begegnet ist und der mit einer Gruppe von "Chearis" durch die Lande zieht. Als die "Tänzer" tatsächlich auf Tornor auftauchen, zögert Kerris nicht lange und schließt sich ihnen an. Gemeinsam reist man nach Süden zur "Hexenstadt" Elath, wo Kels Geliebter Sefer eine Schule ("Tanjo") für übersinnlich Begabte gegründet hat. Für Kerris wird die Reise zu einer Art Selbstfindungs- und Reifungsprozess, in dessen Verlauf er sich auch dem gewaltsamen Trauma aus seiner Kindheit stellen muss. Zumal es in Elath zu einer neuerlichen Konfrontation mit den Asech kommt.
 
Zwischen dem 2. und dem 3. Band vergeht erneut ein gutes Jahrhundert. Die Handlung ist nun ganz im Süden, in der Metropole Kendra-im-Delta, angekommen. Die Frau aus dem Norden ist nicht nur der deutlich längste, sondern auch der komplexeste Teil des Zyklus mit drei Perspektivträgerinnen und mehreren, miteinander verwobenen Handlungssträngen. Sorren, das titelgebende "northern girl", ist Leibeigene von Arré Med, die an der Spitze einer der ältesten und mächtigsten Adelsfamilien von Kendra steht. Seit einiger Zeit ist Sorren außerdem mit Paxe liiert, der Waffenmeisterin des Hauses Med. Während sich um sie herum eine große politische Intrige entspinnt, in die u.a. Arrés eifersüchtiger Bruder Isak und das aufsteigende Haus Ismenina verstrickt sind, erwacht in ihr das immer stärkere Verlangen, in die vermeintliche "Urheimat" ihrer Familie, nach Tornor, "zurückzukehren". Angespornt wird sie dabei von Visionen, alten Erzählungen und der Begegnung mit ghya Kadra. 
 
Cover-Illustrationen von Franz Berthold

 
Nun aber zu unserem eigentlichen Gespräch. Und Achtung: Wir spoilern hemmungslos.
  

1) Einstieg, Vergleiche zu anderen Büchern, Storytelling und Reflexion

[Alessandra]: Und wieder gilt: Neues Jahr, neuer Klassiker-Reread :) Dieses Mal nehmen wir uns also "Die Chroniken von Tornor" vor (auch veröffentlicht als "Die Türme von Tornor"). Normalerweise sprechen wir am Anfang ja immer darüber, wie wir die Bücher kennengelernt und wie wir das erneute Lesen wahrgenommen haben. In diesem Fall kann ich dazu allerdings gar nicht so viel sagen. Die Bücher und Reihen, die wir in den letzten Jahren besprochen haben, sind mir schon als Teenager oder während meiner Studienzeit begegnet. "Die Zwingfeste", den ersten "Tornor"-Band, habe ich allerdings erst 2022 gelesen, nachdem das Buch hier im öffentlichen Bücherschrank aufgetaucht war. Zuvor hatte ich darüber in der Sekundärliteratur gelesen, wo es als frühes Beispiel für LGBTQ-Fantasy, aber interessanterweise auch für Romantasy genannt wurde. Das hat mich neugierig gemacht, daher wollte ich die Trilogie schon länger mal lesen, jetzt bot sich die Chance. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, haben wir uns ja per Mail etwas darüber ausgetauscht, so entstand auch die Idee zu diesem "Reread". (Vielleicht hätten wir dabei bleiben sollen, von "Klassiker-Wiederentdeckung" zu sprechen ... :))
Ich habe "Die Zwingfeste" also Anfang diesen Jahres noch mal gelesen. Mir sind nun viel mehr Details und Zwischentöne aufgefallen, aber der Unterschied zum ersten Leseerlebnis war dennoch nicht so groß. Band 2 und 3 habe ich nun zum ersten Mal gelesen.
Ich schätze, du kannst stärker auf "frühere Begebenheiten" zurückschauen?

[Peter]: Na ja, ich habe die Trilogie zwar tatsächlich schon einmal in der zweiten Hälfte der 2000er gelesen, aber viele der Details hatte ich natürlich längst wieder vergessen. Wie ich damals zu den Büchern gekommen bin, weiß ich auch nicht mehr so genau. Ungefähr zu dieser Zeit hatte ich nach einer recht langen Pause wieder begonnen, mich mit "Genre-Literatur" zu beschäftigen. Und war dabei besonders an Werken interessiert, die auf den einschlägigen Websites (für mich damals vor allem "Strange Horizons") als für ihre Zeit "anders" oder "progressiv" bezeichnet wurden. Und dabei muss irgendwann wohl auch der Name Elizabeth A. Lynn gefallen sein. Was mich bei dieser ersten Lektüre dann besonders fasziniert hat, war der Umgang mit Geschichte und Wandel. Die Welt der Trilogie erschien mir als bewusster Gegenentwurf zu den  sonst meist irgendwie "statischen" Welten der "klassischen" Fantasy. Die erneute Lektüre hat diesen Eindruck für mich einerseits bestätigt, mir andererseits aber auch vor Augen geführt, dass noch sehr viel mehr in den Büchern drinsteckt. Interessant fand ich dabei auch die Entwicklung innerhalb der Trilogie. "Die Zwingfeste" scheint mir nämlich noch am ehesten an die Ende der 70er Jahre üblichen Formen von Fantasy anzuknüpfen, während die späteren Teile sich dann immer weiter davon entfernen. Wie war da dein Eindruck?

[Alessandra]: Bei unseren vorherigen Rereads hatten wir uns ja u. a. Joy Chants "Wenn Voiha erwacht" und Esther Rochons "Der Träumer in der Zitadelle" vorgenommen. An beide musste ich während des Lesens der Trilogie häufig denken, weil es sowohl inhaltlich als auch strukturell einige Ähnlichkeiten gibt, gerade wenn es um dieses Thema des Wandels geht. "Voiha" und der "Träumer" haben wir als Einzelbände besprochen, aber sie sind ebenfalls Teil von Trilogien bzw. Zyklen, die einen sehr ähnlichen Weg gehen. "Der Träumer in der Zitadelle" klammere ich hier mal aus, weil ich die nachfolgenden Bände nur aus Sören Heims Schilderungen und Rezensionen kenne. Aber gerade an "Wenn Voiha erwacht" bzw. die dahinter stehende "House of Kendreth"-Trilogie musste ich oft denken. Auch hier folgen wir der Entwicklung einer Gesellschaft über Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte hinweg. "Kendreth" und "Tornor" sind sogar relativ zeitgleich entstanden (Kendreth 1977 – 1983, Tornor 1979 – 1980), mich würde es sehr interessieren, inwiefern die einander bedingt haben. Aber "Die Chroniken von Tornor" geht das Thema noch deutlich konsequenter an. Eigentlich finde ich, es müsste "Der Zyklus von Tornor" heißen; es gibt so viele Pseudo-Zyklen in der Fantasy, aber hier ergäbe der Titel mal Sinn! "Kendreth" erzählt eher Einzelgeschichten und man kann sich ein Stück weit zusammenreimen, wie die sozialen Entwicklungen zustandegekommen sind. Bei "Tornor" werden einem die Hinweise hingegen sehr deutlich vor Augen geführt. Auch hier werden zwar drei Geschichten erzählt, die man unabhängig voneinander lesen kann, da es um unterschiedliche Figuren in drei unterschiedlichen Städten geht. Trotzdem würde einem hier sehr viel Subtext verloren gehen, wenn man, sagen wir mit Band 3 starten würde. Und das, obwohl alle drei strukturell sehr unterschiedlich sind (wobei das wiederum auch für "Kendreth" gilt). Ich stimme dir jedenfalls zu, dass "Die Zwingfeste" noch am klassischsten erzählt ist. Er ist auch am lesbarsten :) Band 2 und 3 wirken dafür "selbstsicherer", als sei Lynn mit mehr Vertrauen ans Experiment dran gegangen. Denn Experimente sind da wahrlich einige drin ...

[Peter] Jaaa, auf die können wir später noch zurückkommen ... Den Vergleich mit "Kendreth" finde ich jedenfalls sehr treffend. Vor allem in "The Gray Mane of Morning" / "Der Mond der Brennenden Bäume" geht es ja sehr  explizit um einen gesellschaftlichen  und kulturellen Umbruch. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Bei den "statischen" Fantasywelten hatte ich mehr an so Sachen wie Tolkiens Mittelerde gedacht, wo sich über Jahrtausende anscheinend so gut wie nichts an der sozialen Ordnung verändert, nur immer wieder mehr oder weniger apokalyptische Kriege mit irgendeinem Dunklen Herrscher ausgefochten werden. Und auch so Sachen wie Le Guins "Erdsee" oder Patricia McKillips "Erdzauber" sind da finde ich nicht viel anders. Während wir bei "Tornor" miterleben, wie sich eine Welt in kultureller, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht allmählich weiterentwickelt. Das deutet sich schon in "Die Zwingfeste" an, wenn wir z.B. ganz nebenbei erzählt bekommen, dass die Händler begonnen haben, Gilden zu bilden und sich als "Blauer Clan" bezeichnen. Was die Charaktere, die sich darüber unterhalten, reichlich absurd finden. Ab dem zweiten Band ist die Existenz des "Blauen Clans" dann eine Selbstverständlichkeit. Und natürlich erleben wir außerdem die Geburt des "Roten Clans" der "Tänzer", mit. Dessen weitere Entwicklung dann aber nicht ganz so abläuft, wie man sich das vielleicht vorgestellt hätte. 
 
[Alessandra] Denke, da spielt auch eine Rolle, dass "Tornor" ebenso wie "Kendreth / Mond der Brennenden Bäume" und "Vandarei/Der Träumer in der Zitadelle", sich auf Menschenvölker beschränken. Keine Elfen und andere Langlebigen, die sich dem Wandel entgegenstellen :) Wenn ein größerer Wandel in der Völkerfantasy thematisiert wird (wie in "Die Elfen" oder der Geralt-Saga), braucht es dafür gleich Jahrtausende.

[Peter] Das sicher auch. Gerade Tolkiens Elben verkörpern ja sehr deutlich den Wunsch, den Wandel der Geschichte aufzuhalten  und für immer in einem imaginierten "Goldenen Zeitalter" zu leben.

[Alessandra] Iinteressant finde ich bei "Tornor" auch, wie sich die Entwicklungen im Kreis vollziehen (daher oben die Zyklus-Anmerkung). In Band 1 haben wir z. B. eine sehr kriegerische und patriarchale Gesellschaft. Als die vier Hauptfiguren aus dem besetzten Tornor nach Vanima fliehen, das zunächst als pazifistische Kampfkunst-Kommune dargestellt wird, war ich im ersten Moment befremdet von so viel plakativer Utopie. Dass ein Teil der Bewohner Vanimas diese Ideale aufgibt, um gegen Col, den Antagonisten aus Band 1 und Besatzer von Tornor, in den Krieg zu ziehen, hat es nicht besser gemacht; die Begründung wirkte auf mich aufgesetzt nach dem Motto "ja, wir müssen halt eine klassische Story erzählen, in der der Antagonist doch noch besiegt und umgebracht wird". Und am Ende von Band 1 schien sich zunächst nicht viel an den sozialen Strukturen in Tornor geändert zu haben, im Gegenteil kehrte mit dem Sieg über Col alles zum Status Quo zurück – obwohl mehrfach angedeutet wurde, dass der nicht unbedingt erstrebenswerter war als das Leben unter Cols Herrschaft. 
Band 2 zeigt dann aber, dass im Verlaufe der Zeit u. a. durch den Einfluss der waffenlosen "Tänzer" (=Kampfkünstler) aus Vanima und durch die neu eingesetzte Herrscherin Sorren (offenbar die erste Frau auf dem Thron) ein Umdenken eingesetzt hat. Krieg und Kampf werden deutlich negativer bewertet, Frauen und Männer außerdem gleichgestellter dargestellt (wobei man hinzufügen muss, dass Band 2 in einer weiter südlich gelegeneren Stadt spielt, nicht in Tornor selbst). In Band 3 dann ist der Kampf mit Waffen ein Tabu und die Gesellschaft hat einige matriarchale Züge. Beides befindet sich aber in einer mehr oder weniger "sanften" Auflösung, es wird also angedeutet, dass sich auch diese Verhältnisse wieder ändern werden und der bewaffnete Konflikt lässt nicht lange auf sich warten. Das fand ich sehr clever und vor allem reflexiv, nachdem ich in Band 1 Sorge hatte, Lynn könne sich im Versuch verlieren, ihre Utopie-Vorstellungen und Epic-Fantasy-Storytelling zu verbinden.

[Peter] Zumal ich mir nicht einmal sicher bin, ob wir das in Band 3 herrschende Verbot des Waffentragens in den Städten überhaupt als durchgehend positiv wahrnehmen sollen. Der Bann wurde ja von den herrschenden Adelsfamilien verhängt und von den "Hexern" des Tanjo zusätzlich mit einer religiösen Komponente versehen. Es handelte sich also ganz klar um eine politische Entscheidung. Könnte es den Herrschenden vielleicht auf Dauer etwas gefährlich erschienen sein, wenn Leute aus dem einfachen Volk mit Schwertern herumhantieren und die Kampfkunst der Chearis erlernen? Die "Tänzer" wurden in Band 2 ja als eine quasi "demokratische" Gemeinschaft dargestellt. Jeder, der über das entsprechende Talent verfügte, konnte in den "Waffenhöfen" unterrichtet werden. Mit dem "Waffenbann" ist zugleich diese Gemeinschaft zerschlagen worden. Die alte Kampfkunst ist weitgehend gestorben, der "Tanz" lebt nur noch als eine Form aristokratischer Unterhaltung fort.
Ebenso unsicher bin ich mir, ob der gesellschaftliche Wandel, der sich zwischen Buch 1 und 2 vollzogen hat, ausschließlich auf die "Tänzer" und Sorren zurückzuführen ist. Schon zu Beginn von "Die Zwingfeste" erfahren wir, dass die ständigen Grenzkonflikte mit dem nördlich gelegnen Reich von Arhand, die der eigentliche Grund für die Existenz der Grenzfesten und der martialisch-patriarchalen Ordnung waren, einem Friedensschluss gewichen sind. Zu Beginn von "Die Tänzer von Arun" wird dann angedeutet, dass damit die Grenzfesten eigentlich ihre Existenzberechtigung eingebüßt haben. Das alte Kriegrethos lebt zwar noch fort, aber im Grunde nur noch als kulturelle Tradition. Am  Ende von Band 3 ist Tornor schließlich eine halbe Ruine, eine sterbende Welt.
Was das klassische Storytelling in "Die Zwingfeste" angeht, glaube ich, dass Lynn das sehr bewusst subversiv zu unterlaufen versucht hat. Ja,  wir bekommen (weitgehend) das klassische Ende serviert: Der geflohene Prinz hat sich Unterstützung in der Fremde organisiert und stürzt den "bösen" Usurpator. Aber die Art, wie dieser "Befreiungskampf" geschildert wird, ist alles andere als "heroisch". All das Gemetzel und die damit verbundenen Greuel (Vergewaltigungen etc.) erscheinen vielmehr extrem abstoßend. Und werden so auch von dem Protagonisten Ryke wahrgenommen, der eigentlich immer die traditionellen "Kriegerwerte" hochgehalten hatte.

[Alessandra] Oh, bewusst unterwandert hat Lynn diese Strukturen zweifellos. Meine Kritik ist letztlich auch Jammern auf hohem Niveau. Dennoch gab es ein paar Kniffe, die ich ~schade fand. Z. B. erhalten die Flüchtlinge aus Band 1 die Unterstützung gegen Col im Prinzip nur, weil der Herrscher von Vanima (ein Anachronismus, sagen wir der "Vorsteher") mit dem noch eine Rechnung offen hat. Das wirkt im ersten Moment wie ein Verrat an der Idee des Utopias Vanima. Aber rückblickend könnte ich mir vorstellen, dass selbst das Teil von Lynns Plan war. Im Prinzip erzählen "Die Chroniken von Tornor" die Geschichte eines freundlichen Scheiterns. Ich will nicht zu viel in Lynns soziopolitische Ansichten hineininterpretieren, aber ich denke schon, dass Vanima einen idealen Ort darstellen soll. Aber obwohl er in Band 1 als realer Ort auftaucht, ist er vor allem ein Mythos, eine Geschichte, die sich Menschen von einer idealen Gemeinschaft erzählen - die gleichwohl nur in diesem sehr kleinen dörflichen Rahmen funktioniert. Kennst du das Lied "Für immer Frühling" von Soffie? Das kam im Zuge der Demos zu einiger Berühmtheit. Darin heißt es "Ich hab neulich geträumt Von einem Land, in dem für immer Frühling ist [...] In das Land, in dem für immer Frühling ist. Darf jeder komm'n und jeder geh'n, denn es gibt immer ein'n Platz am Tisch. Rot karierter Stoff, keine weißen Flaggen mehr. Alle sind willkomm'n, kein Boot, das sinkt im Mittelmeer" usw." Und Vanima wird in Band 2 und 3 ganz ähnlich beschrieben: "das Land, in dem immer Frühling ist ..." "Sie gelangten in das Land des Ewigen Sommers ..." Vanima stellt bis heute ein Idealbild dar. Aber indem es selbst innerhalb der Geschichte zum Mythos "verkommt", unterwandert Lynn wiederum diesen Gegenentwurf, das hat mir gut gefallen. Stattdessen bekommen wir in Band 2 ja sogar eine Demokratie präsentiert (zumindest für die Wahlberechtigten), quasi ein zurück zu realistischem Optimismus.

[Peter] Das Lied kenne ich nicht, aber im Großen und Ganzen würde ich dir da voll zustimmen. Und ich glaube, dass das Utopia von Vanima einiges den realen Kommune-Experimenten der 60er und 70er verdankt. Das Scheitern solcher Projekte wird dann ja auch noch mal anhand des Tanjo vorgeführt. Ursprünglich sollte das einfach eine Art Schule für die übersinnlich Begabten ("Hexer") sein. Und Sefer, der Gründer des ersten Tanjo in Band 2, verbindet damit ziemlich grandiose Vorstellungen von einer besseren Zukunft für die Menschheit. Doch in Band 3 sehen wir dann, dass aus dem Tanjo eine Art Kirche geworden ist, mit strengen Hierarchien, ordentlich viel Besitz und politischen Ambitionen. Das Oberhaupt des Tanjo der Metropole Kendra-im-Delta träumt ja sogar schon davon, alle umliegenden Länder und Städte unter seiner Oberherrschaft zu vereinen. Verglichen damit erscheint das Schicksal der "Tänzer" eher als tragisch. Vanima ist zu einem Mythos geworden, die "Tänzer" selbst zu romantisch verklärten Gestalten einer untergegangenen Ära. Allerdings finde ich es in diesem Zusammenhang interessant, dass sich Van, der Begründer dieser Kampfkunst und ihrer Philosophie, in Band 1 dagegen gesträubt hatte, aus der Gemeinschaft von Vanima den "Roten Clan" zu machen. Mir scheint da ein gewisser Skeptizismus gegenüber festen Organisationen mitzuschwingen. Sobald man aus Utopia eine Institution macht, ist schon der erste Schritt auf dem Weg zum Scheitern getan. 
Nicht unerwähnt lassen möchte ich außerdem noch ein anderes Motiv, das auch irgendwie zum Themenkomplex Wandel  und Geschichte gehört. In Band 3 geht es meines Erachtens nämlich u.a. um die Sicht auf die Vergangenheit. Sorrens übernatürliche Fähigkeit besteht ja darin, in Visionen vergangene Orte und Personen zu sehen. Dabei schaut sie immer wieder die Festung Tornor. Und  nachdem sie erfahren hat, dass ihre Familie ursprünglich von dort stammte, entwickelt sie das unbedingte Verlangen, selbst dorthin zu reisen, wenn ihre Zeit als "Leibeigene" (eigentlich eher eine Art von "indentured servitude") beendet ist. Das wird zu ihrer Hauptmotivation. Sie folgt also in gewisser Weise dem Lockruf der Vergangenheit, den sie mitunter sogar mit romantischen Träumereien verbindet, in denen sie selbst die Rolle der "verlorenen Prinzessin" spielt. Doch was sie ganz am Ende des Romans in Tornor vorfindet ist ganz und gar nicht das, was sie erwartet hatte, sondern eher eine Art sterbende Gesellschaft. Sie muss sich selbst eingestehen: "Es gibt keine Gewissheit ... Nur das Vergangene ist sicher. Und das Vergangene ist tot." Ich bin mir da zwar nicht  hundertprozentig sicher, aber ich interpretiere das als einen subversiven Kommentar auf das in der Fantasy ja doch recht geläufige Motiv der Sehnsucht  nach einer "schöneren, edleren Vergangenheit". Überhaupt der großen Bedeutung, die Tradition und Herkunft dort oft zukommen. Es ist nicht unbedingt falsch, dass Sorren ihre "Wurzeln" sucht, aber "Erfüllung" findet sie dadurch nicht. So wie ich das Ende gelesen habe, wird sie nicht auf Tornor bleiben, sondern sich gemeinsam mit ihrer neuen Geliebten Kedéra in die Westlichen Berge aufmachen, um das verlorene Vanima zu suchen, also die Inkarnation von "Utopie". Wohl nicht zufällig ist Sorrens einzige Vision, die nicht Tornor zum Inhalt hat, ein Blick auf das mythische Tal und seinen Gründer Van.

[Alessandra] Ich glaube, wir könnten hier noch viele Beispiele anführen, wie sich die Veränderungen zeigen und wie Lynn solche These-/Antithese-Elemente in die Handlung einschreibt. Um das Ganze aber zu einem ersten Fazit zu bringen: Ich sehe soziale Veränderung und den Umgang damit als das zentrale Thema der Trilogie – dem wiederum viele weitere Themen angefügt sind. Die Trilogie als Ganzes behandelt das im Makrokosmos, Band 1 im Mikrokosmos.
 
 
Den zweiten Teil unseres Gesprächs werdet ihr am Dienstag auf FragmentAnsichten antreffen. Und zwar hier.
 
 
* Elizabeth A. Lynn: Die Frau, die den Mond liebte. Fantasy & Science Fiction Erzählungen. S. 57.
** Ebd. S. 258.

4 Kommentare:

  1. Das klingt ja deutlich interessanter, als die Covers, die ich auf bluesky gesehen habe denken lassen. 70er Jahre Cover waren schon eine besondere ... Kunst.

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    1. In diesem Fall 80er Jahre - Fantasykunst. Und sogar deutsche Originale. Finde es erstaunlich, wie viele Leute Kommentare zu den Covern abgeben. Ja, sie sind ... ähhh ... sehr eigen. Aber für die Zeit jetzt auch nicht sooo außergewöhnlich absurd, finde ich.

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    2. Warum mich jetzt mein eigener Blog nicht mehr erkennt und als "Anonym" einstuft, weiß ich auch nicht.

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    3. Ich hatte zuerst auch ein Problem, den Kommentar abzusenden...

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