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Montag, 2. März 2015

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (XII): "Sangraal"

Ich war gezwungen, eine kleine Veränderung in unserer Reiseroute vorzunehmen. Leider habe ich nur einer ungarisch (?) synchronisierten Fassung von Franco Prosperis Gunan habhaft werden können, so dass wir zumindest vorerst auf einen Besuch beim "König der Barbaren" – so der deutsche Untertitel des Films – verzichten müssen. Höchstwahrscheinlich nicht wirklich ein Verlust, auch wenn ich den Streifen schon ganz gerne gesehen hätte, handelt es sich doch scheinbar um den allerersten legitimen italienischen Barbarenflick, der selbst Joe D'Amatos Ator um einen knappen Monat schlug und einen Tag vor Conan am 9. September 1982 in Italiens Lichtspielhäusern seine Premiere erlebte. So behauptet es zumindestens IMDB, was nicht immer bedeutet, dass dem auch wirklich so gewesen sein muss. Stattdessen habe ich mir La guerra del ferro: Ironmaster (1983) als nächstes Reiseziel ausgeguckt  Grindhouse-Maestro Umberto Lenzis Beitrag zum Barbarenkino.

Doch das hat noch etwas Zeit. Für heute wollen wir uns erst einmal Michele Massimo Tarantinis Sangraal, la spada di fuoco (1983) vornehmen. Und die freudige Botschaft gleich vorweg: Auch wenn viele Kritiker da anderer Ansicht sein mögen, ich halte Sangraal für einen unterhaltsamen und recht kompetent gemachten kleinen Fantasyflick. Das beste, was wir seit langem auf unserer Queste zu sehen bekommen haben. Ich gebe allerdings zu, dass man das nach diesem Trailer nur schwer wird glauben können:





Seine größten Erfolge als Regisseur und Drehbuchschreiber hatte Tarantini in der sog. Commedia sexy all'italiana feiern können, einem Genre, das nur unter den spezifischen Verhältnissen der 70er Jahre entstehen und für ein gutes Jahrzehnt florieren konnte. Voraussetzung für seine Geburt war die seit den 60er Jahren allmählich einsetzende allgemeine Liberalisierung, die sich in Italien dank des nach wie vor sehr großen Einflusses der Katholischen Kirche* gegen besonders heftige Widerstände durchsetzen musste. In der Welt des Kinos waren die Mondo- Filme der Sixties die Vorreiter dieses kulturellen Umbruchs gewesen. Uns mögen diese "Shockumentaries", die das Publikum mit bizarren, brutalen, makabren und exotischen Szenen aus aller Welt in die Kinos zu locken versuchten, heute bloß noch vulgär, geschmacklos, nicht selten rassistisch und alles in allem ziemlich langweilig erscheinen. Doch in der Geschichte des italienischen Kinos spielten sie eine wichtige Rolle, trugen sie doch entscheidend dazu bei, dass es möglich wurde, sehr viel offener als bisher mit Tabuthemen wie Sex und Gewalt umzugehen. Es ließe sich durchaus argumentieren, dass Filme wie Pasolinis Trilogia della vita (Decameron - Canterbury Tales - 1001 Nacht) und erst recht seine 120 Tage von Sodom (Salò) ohne die von den Mondos geleistete Vorarbeit nie hätten gedreht werden können. Mit Filmen dieses Ranges hatte die Commedia sexy all'italiana freilich nur wenig zu tun. Eher schon mit Machwerken wie den deutschen Schulmädchenreport - Streifen. Sie verband seichte Unterhaltung mit dem Kitzel des Pornographischen, was ihr für einige Zeit zu sehr großem Erfolg verhalf. An der Wende von den 70er zu den 80er Jahren allerdings zeichnete sich dann bereits recht deutlich das baldige Ende des Genres ab. Darstellungen von Nacktheit und Sex fanden allmählich Aufnahme auch in den italienischen Mainstreamfilm, während es dem interessierten Publikum zugleich immer leichter fiel, sich Zugang zu "echten" Pornos zu verschaffen. Damit verlor die Commedia sexy all'italiana den Reiz des Anzüglichen und "Verbotenen" und damit auch ihre Existenzberechtigung. Tarantini reagierte auf diese Trendwende mit dem Versuch, vermehrt auf andere Genres umzusatteln. Nach Sangraal machte er z.B. auch zwei Abstecher in die Gefilde des "Women in Prison" - Films. Scheinbar jedoch gelang es ihm nicht, sich außerhalb seiner alten Domäne auf Dauer etablieren zu können, auch wenn er mit zum Teil jahrelangen Unterbrechungen bis in die jüngere Vergangenheit (2009) aktiv geblieben ist.

Während der Sword & Sorcery - Film für Regisseur Tarantini also eher eine Stufe auf seinem geschäftlichen Abstieg darstellte, bildete er für seinen Hauptdarsteller Pietro Torrisi so etwas wie den Höhepunkt seiner Filmkarriere. Der Bodybuilder und ehemalige Gewichtheber war beileibe kein Neuling im Geschäft, doch hatte er sich in den 60er und 70er Jahren stets mit irgendwelchen Nebenrollen in diversen Peplums (Sandalenfilmen), Spaghetti-Western sowie einigen Bud Spencer & Terrence Hill - Flicks begnügen müssen. Erst der kurzlebige Barbarenboom der frühen 80er katapultierte ihn auf einmal in die Position des Protagonisten. Neben Sangraal spielte er auch den Titelhelden in Gunan sowie Recke Siegfried in Il trono di fuoco. Nur in Umberto Lenzis Ironmaster war er gezwungen, einem anderen Muskelmann Platz zu machen und sich erneut mit der Rolle eines namenlosen Totschlägers zu bescheiden. Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, der gute Torrisi sei ein talentierter Schauspieler gewesen oder habe über das Charisma solcher Peplum-Heroen wie Steve Reeves oder Reg Park verfügt, doch verglichen mit Il trono di fuoco ist seine Leistung in Sangraal zumindest nicht übermäßig irritierend.

Rasch noch ein paar Worte über den Verfasser des Drehbuchs. Der 2001 verstorbene Piero Regnoli war ein echter Veteran des italienischen Genrefilms und Grindhouse-Kinos. Wie der Mann es schaffen konnte, eine Zeit lang außerdem Filmrezensionen für den L'Osservatore Romano – das offizielle Hausblatt des Vatikan – zu schreiben, entzieht sich meiner Kenntnis und ehrlich gesagt auch meiner Vorstellungskraft. Als einer der sage und schreibe fünf Drehbuchautoren für Riccardo Fredas & Mario Bavas I Vampiri (1957) hatte er schon bei der Geburt des italienischen Horrorfilms mitgemischt. Vor allem Freunden & Freundinnen des Zombiegenres mag Regnoli allerdings eher aufgrund von Umberto Lenzis Incubo sulla città contaminata / Nightmare City (1980) oder noch wahrscheinlicher Andrea Bianchis durchgedrehtem Kultklassiker Le notti del terrore / Burial Ground (1981) ein Begriff sein. Allein schon wegen Letzterem gebührt ihm ein {wenn auch bescheidener} Platz im B-Movie - Pantheon. Denn wie der unvergleichliche Mr. Jim Moon in Zombi Zombi 2 so treffend bemerkt: "Burial Ground is an appalling film, but it's an appalling film in the best possible way". Mit dem Script für Gunan war Regnoli auch direkt an der Entstehung des italienischen S&S - Films beteiligt.


Ich hör' schon das ungeduldige Gewisper: "Das ist ja alles schön und gut, Raskolnik, aber um was genau geht's jetzt eigentlich in Sangraal und warum sollen wir dem Lexikon des Fantasy-Films nicht glauben, in dem zu lesen ist, der Flick sei 'dumm & dämlich & langweilig dazu'?" 
Also was das Lexikon angeht: Es würde mich wundern, wenn da irgendwas positives über irgendeinen Sword & Sorcery - Flick der 80er Jahre drin stehn würde. Mit der möglichen Ausnahme von Conan the Barbarian, denn der gute John Milius ist zwar eine umstrittene Figur, aber er gehört schließlich doch zur anerkannten Riege von Hollywood-Regisseuren. Über derlei "Kritiken" würd' ich mir also nicht gar zu viele Gedanken machen ... Dennoch – abgesehen davon davon habt ihr ja recht: Mit dem gar zu weitschweifigen Vorgeplänkel soll nun endgültig Schluss sein: Auf ins Reich von bösen und barbusigen Feuergöttinnen, blind umherschlurfenden Trogloyten, asiatischen Sidekicks, pathetischen Soundtracks und barbarischen Helden mit bedeutungsschwangeren Namen.

Nachdem der Großteil von König Ators {!} Volk von den Gefolgsleuten der finsteren Götter abgeschlachtet wurde,  machen sich die Überlebenden unter der Führung seines Sohnes Sangraal auf die Suche nach einer neuen Heimat. Schließlich begegnen sie einem freundlichen Stamm, der bereit ist, sie aufzunehmen. Doch unglücklicherweise missfällt dies der bösen Feuergöttin Rani (Xiomara Rodriguez), die alsbald ihren Diener Nanuk (Mario Novelli) und seine wilde Horde losschickt, um das sich anbahnende Idyll in Blut zu ertränken. Hilflos muss unser Held mit ansehen, wie nicht nur die Reste seines Volkes, sondern auch seine geliebte Gattin (Margareta Rance) abgemetzelt werden. Dank des zufällig aufkreuzenden asiatischen Abenteurers Li Wo Twan (Hal Yamanouchi) und der hübschen Aki (Yvonne Fraschetti), die sich vom ersten Moment an in den schmucken Krieger verliebt hatte, gelingt Sangraal die Flucht. Gemeinsan machen sich die drei in die Schwarzen Berge auf, wo der sagenumwobene Magier Rudak (Massimo Pittarello) hausen soll, der so hofft unser Held Tote ins Leben zurückrufen kann. Stets verfolgt und bedroht von den Dienern der erzürnten Rani gelingt es dem Trio schließlich, die Heimstatt des Zauberers zu erreichen. Dort angekommen muss Sangraal jedoch erfahren, dass seine Hoffnung, die ermordete Gattin wiedergewinnen zu können, vergebens war. Stattdessen gibt ihm der weise Rudak den Auftrag, zum Schrein der "heiligen Ritter" zu ziehen, wo er eine magische Waffe erhalten soll, mit der er Nanuk und seine göttlich-dämonische Herrin vernichten könne.

Wenn ich Sangraal für einen ordentlich gemachten und unterhaltsamen Sword & Sorcery - Film halte, so hat man diese Einschätzung im Kontext des Genres zu betrachten. Ich würde sehr viel dafür geben, einmal einen wirklich guten S&S - Flick zu sehen. Sei es mit einer originellen Geschichte oder basierend auf einem der Klassiker wie Robert E. Howard (Conan), Fritz Leiber (Fafhrd & The Grey Mouser), C.L. Moore (Jirel of Joiry), Charles R. Saunders (Imaro; Dossouye), Steven Brust (Vlad Taltos) oder Darrel Schweitzer (Sir Julian). Doch ein solcher ist mir bisher noch nicht untergekommen. Manch einer würde in diesem Zusammenhang vielleicht auf John Milius' Conan verweisen, doch so sehr ich den Streifen auch schätze, eine wirklich gelungene Umsetzung eines Sword & Sorcery - Abenteuers ist er in meinen Augen nicht. Warum ich so denke, werde ich vielleicht ein andermal genauer darlegen.

Ein richtig guter S&S - Film ist also auch Sangraal ganz sicher nicht. Ebensowenig versteht er es in motivischer Hinsicht ähnlich zu faszinieren wie z.B. Hundra. Wenn er dennoch ein "Daumen hoch" von mir bekommt, dann, weil es sich bei ihm um ein nettes Low Budget - Fantasyabenteuer handelt, von dem ich mich gut unterhalten und zu keinem Zeitpunkt genervt oder gelangweilt gefühlt habe.

Wie uns Milius' Conan und Hundra gezeigt haben: Ein bisschen absurdes Pathos kann einem Eighties - Barbarenflick nie schaden. Und davon besitzt auch Sangraal eine ordentliche Portion. Fragt mich nicht, wie unser Held zu seinem Namen gelangt ist. Mit dem Heiligen Gral – sei der nun ein Gefäß oder ein Stein – hat der Film nichts zu tun, aber der Geschichte wird damit doch von vornherein ein bedeutungsschwangeres, pseudo-religiöses Flair verliehen. Und in der Tat tritt Sangraal zu Beginn als eine Art Moses auf, der sein Volk ins Gelobte Land zu führen versucht. Dass wir ihn dabei fast immer aus der Untersicht (Low-Angle-Shot) zu sehen bekommen, verstärkt noch den "monumentalen" Eindruck. Statt in ein Land, "wo Milch und Honig fließen", führt unser Held die seinen zwar in den Untergang, aber auch in der Folge bleibt er der "Ausrewählte". Und falls seine Queste zum Schrein der "Heiligen Ritter" (oder Templer?) nicht ausreichen sollte, um uns davon zu überzeugen, ist da ja immer noch der Soundtrack, welchen mein famoser Twitter-Kumpel NUTS4R2, der sehr viel mehr Ahnung von Filmmusik hat als ich, so charakterisiert hat: "It's a Carmina Burana rip off, but at least it flaunts it."

Man könnte solch ein Pathos natürlich auch nervig oder peinlich finden, doch für mich trägt es zum Charme des Filmes bei, gerade weil sich dahinter keine ernst gemeinten Ideen verbergen, wie etwa bei Milius. Alles in allem präsentiert sich uns Sangraal als eine simple Abenteurgeschichte, in deren Verlauf der Titelheld durch hübsch anzuschauende Hügel-, Gebirgs- und Waldlandschaften wandern und sich mit Nanuks Kriegern, wunderbar billig kostümierten {aber dennoch leicht gruseligen} Troglodyten und wilden Affenmenschen herumschlagen muss, um schließlich die böse Rani mit einer überdimensionierten Armbrust (der "Heiligen Waffe") ins Jenseits zu befördern. {Falls es ein solches für dämonische Feuer- und Todesgöttinnen überhaupt geben sollte} Dabei stehen ihm mit Aki und vor allem mit Li Wo Twan zwei grundsympathische Gefährten zur Seite.
Ein bisschen schade fand ich es allerdings schon, dass wir keinem einzigen richtigen Monster begegnen durften. Ins Höhlenreich der Troglodyten z.B. hätte ganz wunderbar eine Riesenechse oder ein giftiger Riesenlurch gepasst. Und als die Affenmenschen Sangraal auf ein symbolisches Spinnennetz binden, um ihn der "Großen Spinne" Rani zu opfern, habe ich mir schon gewünscht, dass die Göttin kurz mal die Gestalt einer monströsen Arachnide annehmen würde. Aber für derlei Späße war das Budget vermutlich einfach viel zu gering.
Dafür besitzt der Film ein wirklich gutes Pacing. Der Plot mag ähnlich abstrus sein wie bei den meisten Sword & Sorcery - Streifen, die wir bislang besucht haben, doch an keiner Stelle kommt es zu irgdenwelchen zähen Längen oder echten Absackern. Einzig irritierend wirkte in dieser Hinsicht ein etwas plötzlicher Sprung, der die von Nanuks Kriegern gefangene Aki von einem Moment auf den anderen vom Schrein der "Heiligen Ritter" in Ranis Feuerhöhle versetzt. Überhaupt scheint dem Film am Ende ein wenig die Geographie durcheinander gekommen zu sein.
Übrigens hatte ich erwartet, sehr viel mehr Sexploitaion-Anteile in Sangraal anzutreffen. Doch von ein paar nackten Brüsten und einer kurzen Szene, in der die halbentblößte Aki ausgepeitscht wird, abgesehen, ist der Film was das angeht  erstaunlich zurückhaltend. Vor allem, wenn man ihn mit einigen von Roger Cormans Fantasyflicks {oder auch Fulcis Conquest} vergleicht. Ob das eher positiv oder negativ einzuschätzen ist, mag jeder selbst entscheiden ...

Am Ende bleibt mir nicht mehr zu sagen als dass mir Sangraal anderthalb unterhaltsame Stunden voller fantastischer Abenteuer beschert hat. Und das ist nicht das schlechteste, was man über einen Sword & Sorcery - Flick der 80er sagen kann ... 



* Ein Einfluss, der weit über den Bereich des Religiösen und Moralischen hinausreichte. Mit der Democrazia Cristiana (DC) wurde Italiens Politik bis zum Anfang der 80er Jahre von einer Partei dominiert, die zu keinem Zeitpunkt über eine Massenbasis verfügte, sondern ihre Stellung einzig der Unterstützung durch ihre reichen Hintermänner und die katholische Hierarchie verdankte. {Sowie der opportunistischen Politik der stalinistischen KP.} Den Schlusspunkt unter diese Ära setzten Anfang der 90er Jahre eine Reihe spektakulärer Korruptionsskandale, in deren Verlauf Italiens etabliertes Parteiensystem auf denkbar unrühmliche Weise in sich zusammenstürzte. 

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