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Dienstag, 10. April 2012

Schadenfreude ist die schönste Freude


Als ich vor gut drei Monaten meine Gedanken über die grim & gritty - Mode in der Fantasy niederschrieb, zog ich dabei u.a. einen kurzen Essay von Daniel Polansky mit dem Titel Slums of the Shire als Belegmaterial heran. Dem Vorbild Richard Morgans folgend hatte der Autor ein Tolkien-Bashing im Namen des ‘dreckigen Realismus’ veranstaltet, um auf diese Weise Reklame für seinen kommenden Debütroman Low Town zu machen. Inzwischen ist das Buch herausgekommen und von Erin Horáková auf Strange Horizons besprochen worden. Beim Lesen dieser Rezension musste ich unentwegt grinsen. Polansky hatte laut getönt, er wolle mit seiner Geschichte ein ungeschöntes Bild des ‘Unterleibs’ einer Fantasygesellschaft zeichnen, nach dem Motto "What does the shady side of Gondor look like?" Außerdem sei es ihm darum gegangen, "the best aspects of noir" mit einem "low fantasy setting" zu verschmelzen. Erin Horáková hat in diesem Erstlingswerk jedoch nicht viel mehr entdecken können, als eine schlecht konstruierte Handlung, miese Charakterzeichnungen und ein Sammelsurium an Klischees, insbesondere "familiar, offensive, and boring racial stereotypes". Neben der aus unzähligen Pulps bekannten Karrikatur des ‘chinesischen’ Verbrecherkönigs (mitsamt künstlichen Fingernägeln und dem Hang zu blumigen, ‘asiatischen’ Höflichkeitsfloskeln) sind dies offenbar vor allem ‘Jamaikaner’, deren einzige Funktion darin bestehe, "to serve up fried fish, drug connections, and Ebonic wisdom". Aufgelockert wird die Handlung durch Witze über Schwule und menstruierende Prostituierte.
Das Erscheinen eines solchen Buches ist eigentlich kein Anlass zur Freude, falls es denn wirklich so schlimm ist, wie die Rezensentin es beschreibt. Der Grund, warum Horákovás Verriss mich dennoch fröhlich gestimmt hat, ist, dass ich durch ihn mein Urteil über die Bedeutung der grimdark-Fantasy bestätigt sehe. Hinter all dem Getue um angeblichen ‘Realismus’ verbergen sich bloß misanthroper Zynismus* und die bornierten Vorurteile von Mittelklasse-Intellektuellen über die städtische ‘Unterschicht’. Es ist entlarvend, wenn Horáková schreibt: "Low Town is populated by a simply improbable number and variety of whores, with little evidence of the industry necessary to support them." 'Realistisch' ist das hier gezeichnete Panorama also keineswegs. Dennoch erklärt Paul Stotts in einer positiven Rezension desselben Buches auf Blood of the Muse, der Website, auf der Polansky auch seine Slums of the Shires veröffentlicht hat: "Low Town, the eponymous city that serves as the novel's backdrop, is a dystopian nightmare, filled with crime, death, drugs, poverty, and the plague. Residents don't live as much as they try not to die. The environment is harsh and brutal; it is the worse inner-city ghettos as re-imagined by Thomas Hobbes. While the problems in Low Town are exaggerated, it's correlation to our urban reality is clear."
In unzähligen Büchern, Comics und Filmen werden uns die Bewohner der Slum und Ghettos als ein Haufen von Kleinkriminellen, Schlägern, Drogenabhängigen, Dealern, Vergewaltigern und Nutten vorgeführt. Das ist nichts anderes als die Sicht des gebildeten Spießers auf den ‘Pöbel’ – begleitet von einer Mischung aus Verachtung, Faszination und Angst.

* Polansky hat in Slums of the Shire ganz offen erklärt, er halte die allermeisten Menschen für "selfish, stupid creatures, focused almost exclusively on the immediate satisfaction of their basic desires".

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