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Montag, 9. April 2012

Bloß eine bescheidene Frage

Der arabisch-amerikanische Fantasyautor Saladin Ahmed hat für Salon einen ruhigen und ausgewogenen Artikel geschrieben, in dem er sich mit dem alten, aber nach wie vor aktuellen Problem der Vorherrschaft der ‘weißen’ Fantasy und damit verbunden des Rassismus im Genre beschäftigt. Zum Ausgangspunkt dienen ihm dabei George R.R. Martins A Song of Ice and Fire und die auf dem Zyklus basierende TV-Serie von HBO. Auf den Inhalt möchte ich nicht genauer eingehen, da ich mit Martins Werk nur sehr oberflächlich, mit der Fernsehproduktion überhaupt nicht vertraut bin. Die Kommentare sind zahlreich und die negativen zeichnen sich (wie leider zu erwarten war) durch einen meist sehr aggressiven Ton aus. Rassistische Angriffe gegen den Autor unterbleiben glücklicherweise, aber man weiß ja, welch bissige Bestie der erboste Fanboy sein kann. Die folgenden drei Argumente sind die absoluten Favoriten:

(1) "Wenn’s dir nicht gefällt, dann lies es doch nicht! Oder schreib’ deine eigenen Bücher!" Das ist gar kein Argument. Hier befinden wir uns bereits tief in Trollterritorium, und mit Trollen diskutiert man nicht. Dass Saladin Ahmed A Song of Ice and Fire offenbar liebt und sein eigenes Buch (Throne of the Crescent Moon) geschrieben hat, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

(2) "Martins Bücher spielen in einem phantastisch verfremdeten spätmittelalterlichen England (Rosenkriege), und da gab’s halt keine Schwarzen. Personen ‘nichteuropäischer’ Herkunft aus ‘politisch korrekten’ Gründen in die Handlung einzubauen, würde dem ‘Realismus’ des Werkes zuwiderlaufen." Das ist ein zumindest diskutabler Einwand, dem ich mich sogar anschließen würde, wenn Ahmed tatsächlich gefordert hätte, dass Westeros als eine multikulturelle Gesellschaft dargestellt werden müsste – was nicht der Fall ist. Zwar wünscht er sich, dass nichtweiße Personen eine etwas größere Repräsentation in der Fantasy erhalten würden – "If we can add dragons and magic swords we can add a few brown people" –, sehr viel größeren Nachdruck legt er jedoch auf den Umstand, dass ‘nichteuropäische’ Völker, wenn sie denn überhaupt in der ‘weißen’ Fantasy auftauchen, nach wie vor häufig stereotypisiert dargestellt werden.

(3) Die beliebte Karrikatur des PC-Zensors heraufbeschwören, der Quotenregelungen für die Literatur festlegen wolle, im Stile von: In jedem Roman müssen soundsoviel Prozent weiße und soundsoviel Prozent schwarze Personen, soundsoviel Prozent Männer und soundsoviel Prozent Frauen, soundsoviel Heterosexuelle und soundsoviel Prozent Homosexuelle auftauchen. Es versteht sich von selbst, dass man derart absurde Forderungen beim besten Willen nicht aus Saladin Ahmeds Artikel ableiten kann.

All das ist nicht neu und vergleichbare Diskussionen werden in der englischsprachigen Phantastik-Netzgemeinde immer mal wieder geführt. Was mich fragen lässt: Wie steht es in dieser Hinsicht um den deutschsprachigen Raum? Gibt es diese Debatten bei uns überhaupt?

Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich will niemandem irgendetwas unterstellen. Aber obwohl ich in einigen Fantasyforen hier und da schon mal über Ansätze zu einer solchen Diskussion gestolpert bin, ist es mein Eindruck, als würden derartige Fragen hierzulande nicht mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Leidenschaft angegangen. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, doch falls mein Eindruck mich nicht trügt, frage ich mich, warum das so ist. Ist unsere Phantastikgemeinde noch nicht so ‘reif’, was ich eigentlich nicht glauben will? Oder liegt es an ihrer hohen ethnischen Homogenität? Was sofort die Frage aufwirft, ob diese überhaupt wirklich so hoch ist, wie es den Anschein hat. Wo sind die deutschsprachigen Fantasyfans türkischer, arabischer, asiatischer, afrikanischer, osteuropäischer Abstammung? Existieren sie tatsächlich nicht oder artikulieren sie sich nur nicht so deutlich? Oder liegt der Fehler bei mir, und ich weiß bloß nicht, wo ich zu suchen habe? Aber unabhängig davon ist es ja nun einmal so, dass Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist. Sollte uns dies nicht allmählich für dieses Thema sensibilisiert haben? Und wie sieht es in diesem Zusammenhang eigentlich mit der bei uns produzierten Fantasy aus. Ich habe hier schon einmal eingestanden, dass ich mich in ihr absolut nicht auskenne. Es würde mich deshalb wirklich interessieren, ob sie in ihrer Mehrheit so ‘weiß’ ist, wie ich instinktiv befürchte, oder ob sie unsere gesellschaftliche Realität doch auf eine etwas angemessenere Weise widerspiegelt. Den möglichen Einwand, Fantasy müsse doch nichts mit der Welt zu tun haben, in der wir leben, lasse ich übrigens nicht gelten. Da stimme ich völlig mit Daniel Abraham überein, der in seinem Kommentar zu Saladin Ahmeds Artikel schreibt: "Fantasy is more about the time it's written in than the time it pretends to portray. I think that's what makes it powerful."

Irgendwelche Antworten? Ich bin neugierig.

2 Kommentare:

  1. Zu ASoIaF: Es gibt darin Schwarze als Nebenfiguren. Ihre Darstellung erinnert nicht gerade an reale afrikanische Gesellschaften (d.h. mich zumindest nicht), aber ich finde sie trotzdem stereotyp, weil das Klischee von den promiskuitiven Schwarzen bemüht wird.

    Zu der geforderten Diskussion: Ich vermisse sie auch bzw. schätze es sehr, wie kämpferisch Teile der englischsprachigen Szene Repräsentation und sensible Darstellung einfordern und zu verwirklichen versuchen. In der deutschsprachigen Fantasy kenne ich mich auch nur in Ansätzen aus. Das überzeugendste Beispiel von hiesiger epischer Fantasy, in der mit dem Paradigma der europäisch-weißen Homogenität gebrochen wird, ist für mich Tobias O. Meißners Im Zeichen des Mammuts. Zumindest gilt dies für die ersten beiden Bände in Ansätzen, mehr habe ich nämlich noch nicht gelesen. Ich hoffe aber, dass die bisherigen Ansätze weiter ausgeführt werden.

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    1. Hallo Anubis!

      Ja, ich denke schon seit einiger Zeit, dass ich mich einmal mit Tobias O. Meißner beschäftigen sollte.

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