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Samstag, 29. August 2020

Strandgut

Freitag, 28. August 2020

All Hail the Queen

Ich bin kein großer Fan der Kull - Conan'schen Königskarriere. Ich mag meine Sword & Sorcery - Helden und - Heldinnen lieber als plebejische Underdogs. Und wenn sich die abenteuernd Herumvagabundierenden schließlich doch zur Ruhe setzen sollten, dann vorzugweise wie Fafhrd und der Gray Mouser mit ihren Partnerinnen Afreyt und Cif in der kleinen Kommune von Salthaven.

Entsprechend wenig euphorisch war meine erste Reaktion, als ich erfuhr, dass in Mark Russells im Februar 2019 gestarteten Red Sonja - Serie unser She-Devil zur Königin von Hyrkania wird. Irgendwann blätterte ich dann aber doch einmal in die ersten Hefte hinein, und mein Interesse war schnell geweckt.
Sonjas Thronbesteigung ist keineswegs triumphal. Genau genommen findet sich der She-Devil eher unfreiwillig an der Spitze des hyrkanischen Volkes wieder. Und ihre "Herrschaft", wenn man sie denn überhaupt so nennen kann, ist alles andere als glorios.
Die Geschichte ist ganz von einer bitter-zynischen Sicht auf Herrschertum, staatliche Macht, Klassengesellschaft, Imperialismus, Patriotismus und Krieg geprägt. Mitunter droht das in simplen Nihilismus abzugleiten, doch im Großen und Ganzen findet sich genug menschliche Wärme in der Story, um dem entgegenzuwirken.

Dragan the Magnificient ist der größenwahnsinnige Imperator von Zamora. Seit ihm von einem Orakel geweissagt wurde, dass er sterben werde, sobald sein Reich aufhört zu wachsen, führt er einen nicht endenden Eroberungskrieg gegen die Welt. In dem Extraband Lord of Fools erfahren wir später zwar, dass diese Prophezeiung eine Lüge ist, die Dragans Untergang herbeiführen soll, doch das tut im Grunde wenig zur Sache. Nach der Eroberung Stygias wendet er seine Aufmerksamkeit Hyrkania zu. In dem ärmlichen und gesetzlosen Land gibt es zwar nicht wirklich was zu holen, aber dafür verspricht es, leichte Beute zu werden. Wenn alles klappt, wird man nicht einmal die Armee in Marsch setzen müssen.
Der hyrkanische Ältestenrat lässt umgehend Red Sonja, die gerade an den Grenzen ihrer alten Heimat umherstreift, zu sich rufen. Die Ältesten schwatzen ein bisschen über ein von den Sternen bestimmtes Schicksal, wählen Sonja einstimmig zur neuen Königin und machen sich alsdann schnellstmöglich aus dem Staub. Soll sie sich doch mit Dragans Abgesandtem herumschlagen und im Zweifelsfall ihren Kopf aufs Spiel setzen, falls sie nicht bereit sein sollte, die Kapitulation zu unterzeichnen.
Sonja hat eigentlich wenig Grund, auf dieses abgekartete Spiel einzugehen. Emotional verbindet sie ihr Heimatland hauptsächlich mit der Ermordung ihrer Familie. (1) Doch als sie erfährt, dass sie mit Kryon noch einen lebenden Cousin in Hyrkania besitzt, wird das zum Anstoß dafür, die ihr aufgezwungene Rolle anzunehmen und Dragan eine herausfordernde Antwort zu schicken. Wie zu erwarten, mobilisiert der Imperator ohne zu zögern ein riesiges Invasionsheer, das sich alsbald unter seiner persönlichen Führung auf den Weg zum Binnenmeer von Vilayet macht, das die natürliche Grenze zwischeen den beiden Ländern bildet.

Trotz Sonjas Thronbesteigung bleibt das Sword & Sorcery - gemäße Underdogflair erhalten, denn Hyrkania erscheint hier nicht bloß als der Underdog unter den Nationen des Hyborian Age – "There is a saying ... Calamity is the hammer of the gods. And Hyrkania is their anvil."–, sondern auch als eine Nation von Underdogs. Die Bevölkerung scheint zu einem Gutteil aus Spitzbuben, notorischen Lügnern, Gaunern und Straßenräubern zu bestehen. Kryon z.B. ist Mitglied der "Brothers of Misfortune", einer Bande von Wegelagerern, die in dem nun beginnenden Krieg zu Hyrkanias "offizieller" leichter Kavallerie werden.

Sonjas Charakterisierung folgt zu Beginn dem altbekannten Format der Einzelgängerin, die gelernt hat, auch unter den widrigsten Umständen zu überleben, dabei aber den gewaltsamen Tod vieler ihr nahestehender Menschen miterleben musste. Ein Motiv, dass sich von frühester Zeit an in den Red Sonja - Comics findet. Dies wird auch durch die regelmäßigen Rückblenden hervorgehoben, in denen wir unsere Heldin zusammen mit ihrem Lehrmeister Domo in Khitai sehen, der schließlich während eines Staatsstreichs ermordet wird. Diese neue Hintergrundsgeschichte wird im zweiten Teil von Mark Russells Serie eine größere Rolle spielen. Doch mit dem wollen wir uns vorerst noch nicht beschäftigen.
Die wachsende Verbundenheit Sonjas zu dem Volk, für dessen Freiheit und Überleben sie nun plötzlich verantwortlich ist, bildet jedenfalls einen der großen Handlungsbögen der Geschichte. Steht dabei anfangs noch Kryon als ihr letzter überlebender Blutsverwandter im Zentrum, weitet sich der Kreis von Menschen schon bald immer weiter aus, bis sie für sich denkt: "I never imagined I would ever return to Hyrkania. Or that I would find more to life than survival. It took many years, but I have. I've found a home. And maybe that's the purpose of life ... to find the home you never knew you had.

Stellvertretend für diese Gemeinschaft steht Sonjas Kriegsrat, dessen recht bunte Zusammensetzung zugleich den Underdog-Charakter Hyrkanias widerspiegelt. Da hätten wir neben Kryon u.a.
  • Tiborius: Der alte, einäugige General ist einer der wenigen, die als Vertreter der traditionellen Elite gelten können. Entsprechend oft führt er das Wort "Ehre" im Munde. Da Sonja auf legitime Weise vom Ältestenrat gewählt wurde, verhält er sich dennoch erst einmal loyal.
  • Isolde: Vertreterin der "Barrens", einer Gruppe älterer Frauen, die Kriegerinnen geworden sind. "In Hyrkania, nothing goes to waste. Widows and women past child-rearing often volunteer for military service." Sie wird im zweiten Teil der Serie während Sonjas Abwesenheit zur Regentin.
  • Hannah: Eigentlich bloß eine Dienerin ("cup bearer" ~ Mundschenkin?), wird die Frau aus Koth (2), die selbst einmal Geisel in der Hauptstadt von Zamora war, eine von Sonjas wichtigsten Beraterinnen.
  • Scorpio: Ein weiteres Mitglied der "Brothers of Misfortune", dessen Rolle in der zweiten Hälfte der Story an Bedeutung gewinnt.
  • Cerkus: Als Sonjas "Tongue of Fire" eine der eigenwilligsten Figuren der Serie. Nach hyrkanischer Sitte muss jeder Herrscher einen Ratgeber zur Seite haben, der sich zweifelsfrei als ehrlichster Bewohner des Landes erwiesen hat: "Every year, there is a contest to find the most honest Hyrkanian ... By law, that person becomes the official Tongue of Fire. It's to keep our leaders from surrounding themselves with sycophants and flatterers." Obwohl scheinbar nur an seinem eigenen Wohlergehen interessiert und ein ewiger Schwarzseher mit einer Vorliebe für Drogenkonsum und sarkastische Kommentare, erweist sich Cerkus im Laufe der Handlung doch als ein treuer Verbündeter. In Lord of Fools erhält auch er eine eigene Hintergrundsgeschichte. Das Motiv eines magischen Fluchs (oder Segens?), der ihn zwingt, stets die Wahrheit zu sagen, ist zwar nicht ganz nach meinem Geschmack, aber es ist interessant zu erfahren, dass er einst ein Sklave in Corinthia war. Und es macht auf jedenfall Spaß, mitzuerleben, wie er heuchlerische Sklavenhalter, pompöse Philosophen und verlogene Priester entlarvt. 
Cerkus ist es auch, der an einer Stelle einen ziemlich scharfsinnigen Kommentar über Nationalstolz abgibt:
There was at some point, I imagine, a time when people created all these nations to serve people. But those people died while their creations lived on. And their children, having no memory of the past, imagined that they had been created to serve the nation to which they were born. Everyone is born missing a piece from their soul. Unable to find the missing piece, they trust the nation to fill it for them. But once embarked, there is no end to that path. No limit to what they will do to others, nor even to themselves [...] Nations and empires are not a cult of personality, but a symptom of humanity's common psychosis ... the need to find our worth in power.
Was den Ursprung von Staaten und Nationen angeht, habe ich zwar deutlich andere Vorstellungen. Doch die Idee, dass die Identifikation mit dem Vaterland eine Art psychologischer Ersatz für etwas ist, unter dessen Mangel die Menschen leiden, halte ich für sehr treffend. Ich denke dabei natürlich vor allem an das, was Marx als Entfremdung & Selbstentfremdung beschrieben hat.
Man darf wohl annehmen, dass diese Passage als ein Kommentar auf das immer bedrohlichere Anwachsen von Nationalismus, nicht nur in Trumps Amerika, verstanden werden soll.

Im Kontext der Geschichte sind Cerkus' Bemerkungen auf Zamora gemünzt, dessen Bevölkerung von Dragan als Kanonenfutter missbraucht wird, um auf einem Schlachtfeld nach dem anderen zu morden und zu sterben. Und natürlich liegt der Fokus ganz allgemein auf dem zamoranischen Imperialismus.
Das beginnt bei dem offiziellen Brief, den Dragan an den hyrkanischen Ältestenrat schickt und in dem all die "zivilisatorischen Wohltaten" aufgezählt werden, in deren Genuss die Unterworfenen kommen würden, wenn sie sich bloß bereit erklärten, massig Tribute in Form von Gütern und Menschen (als Soldaten und Menschenopfer) zu zahlen.
Auch wird sehr schnell deutlich, dass sich Dragan keine ernsthaften Rückschläge leisten kann, weil dies sehr schnell zu einer Rebellion unter seinen Vasallen führen würde, die nur auf ein Zeichen der Schwäche warten. Imperien sind von Natur aus instabile Gebilde. Vor allem junge Imperien, die allein von Furcht und militärischer Gewalt zusammengehalten werden. So gesehen ist der Möchtegern-Welteroberer in gewisser Weise ein Gefangener seines eigenen imperialen Unternehmens, selbst ohne das Damoklesschwert der Prophezeiung, das ihn immer weiter vorantreibt.     
Nicht dass Dragan dadurch eine tragische Figur würde. Er ist ein Bösewicht durch und durch, und er genießt es in vollen Zügen. Mark Russell hatte ganz offensichtlich großen Spaß mit dieser Figur, ihrem Narzissmus, den zynischen Reden und grandiosen Gesten. Würde man die Geschichte verfilmen, die Rolle gäbe Anlass für "Scenery-Chewing" allererster Güte.
Allerdings sind Russell dabei hier und da einige kleine sprachliche Ausrutscher passiert. Dass Autoren nicht länger dem Beispiel von Roy Thomas folgen und versuchen, den Stil Robert E. Howards nachzuahmen, finde ich völlig in Ordnung. Doch man kann die Modernisierung auch zu weit treiben. So hat etwa ein Begriff wie "pep talk" meiner Meinung nach nichts in einer Geschichte über das Hyborian Age verloren.

Der kritische Blick ist aber nicht allein auf den Gegner gerichtet. Ja, Sonja und das hyrkanische Volk sind die Underdogs, die sich nicht länger von den mächtigen Bullies herumstubsen lassen wollen: "We are done being the world's doormat". Aber Hyrkania ist selbst eine Feudalgesellschaft mit einer landbesitzenden Aristokratie. Schon der Ältestenrat, dessen Mitglieder nichts eiligeres zu tun haben, als sich aus der Schusslinie zu bringen, gibt ja ein ziemlich jämmerliches Bild ab. Doch vor allem sitzt mit dem intriganten Fyodor ein Vertreter des Adels in Sonjas Kriegsrat. Und der versucht von Anfang an, ihre Position zu untergraben, wobei er sich vor allem bemüht, General Tiborius auf seine Seite zu ziehen. Allein schon die Tatsache, dass er sein Haupt vor irgendeiner dahergelaufenen Abenteuerin beugen soll, geht ihm massivst gegen den Strich. Und spätestens als einige von Sonjas drastischeren Maßnahmenn ganz unmittelbar den Besitz des Adels bedrohen, ist für ihn der Zeitpunkt gekommen, selbst nach der Krone zu greifen. Nicht etwa, um dem Krieg eine andere Richtung zu geben, sondern um schnellstmöglich zu kapitulieren und dabei wenn's geht noch einen Posten als Satrap herauszuschachern.

Allerdings lässt sich auch nicht behaupten, dass der Krieg besonders erfolgreich verlaufen würde. Zwar gelingt es Sonja mit ihren Guerillataktiken, dem Gegner einige empfindliche Schläge beizubringen, doch auf Dauer ist die zamoranische Kriegsmaschine einfach zu mächtig. Rückzug ist der einzig offene Weg. Schließlich sieht sich unsere Heldin sogar dazu gezwungen, zur Taktik der verbrannten Erde zu greifen, in der Hoffnung, die Invasoren auf diese Weise auszuhungern. Auch ist sie nicht vor Fehleinschätzungen und fragwürdigen Entscheidungen gefeit. In ihrer Verzweifelung wendet sie sich schließlich sogar hilfesuchend an die monströsen Magier von Wigur-Nomadine, denen sie Jahre zuvor schon einmal gegenübergetreten war. Eine Geschichte, die im Halloween - Special 2019 von Savage Tales erzählt wird, die man zum Verständnis ihrer zweiten Begegnung mit den Magiern und ihrer surrealen Traumwelt aber nicht unbedingt gelesen haben muss.
Den alles entscheidenden Schlag gegen Dragan kann Sonja am Ende erst ausführen, nachdem bereits alles verloren scheint und sie nur noch über eine Handvoll Getreuer verfügt. Das befreite Hyrkania aber ist ein verwüstetes Land, dessen dezimierte Bevölkerung einer Hungersnot gegenübersteht. Dies ist der Ausgangspunkt für den zweiten Teil der Serie, der im Februar dieses Jahres mit #13 startete.

Zum Abschluss noch eine Beobachtung, die mich besonders fasziniert hat: Sonja trägt in diesem ersten Teil der Serie durchgehend ihren klassischen Chainmail Bikini. Dennoch wirkt ihre Erscheinung nie sexualisiert. Von den meisten Coverillustrationen einmal abgesehen. Und das finde ich wirklich erstaunlich. Ich meine: Wie kann eine Figur in dieser Art von Kostümierung nicht sexualisiert wirken? Dafür gibt es meines Erachtens zwei Gründe.
Zuerst einmal führt Mark Russell unsere Heldin nie in eine Situation, in der sie im Erzähluniversum selbst als Sexobjekt betrachtet würde. So gibt es z.B. keine Szene, die dem folgenden, aus so vielen Red Sonja - Comics sattsam bekannten Szenario ähneln würde: Sonja kommt in eine Taverne, wird von irgendwelchen Mackern doof angemacht und lässt anschließend deren Köpfe rollen (oder haut sie zumindest k.o.). In #6 Temple of Ghosts bedrängt Dragan sie zwar, einer Eheschließung mit ihm zuzustimmen, doch ist es völlig klar, dass dabei romantische oder auch nur sexuelle Empfindungen keinerlei Rolle spielen. Der Imperator sieht in einer solchen Heirat bloß den besten Weg, einen unangenehm verlustreichen Feldzug zu einem raschen Ende zu bringen. Und das baldige Ableben seiner neuen Gattin ist dabei bereits fest eingeplant.
Sicher noch wichtiger ist aber, dass die beiden Zeichner Mirko Colak und Bob Q. unsere Heldin nie auf entsprechende Weise darstellen. Ihre Sonja ist nicht die "sexy Amazone".Vielmehr wirkt sie nicht selten hart und abgehärmt. Was ihrem Charakter in dieser Geschichte ja auch sehr viel besser entspricht.
Nun habe ich nicht per se etwas gegen die erotische Facette der Figur. Sie ist z.B. Teil des Runs von Gail Simone & Walter Geovani (2013-2015), den ich sehr schätze. Aber es ist auf jedenfall eine interessante Abwechselung, Red Sonja einmal ganz ohne sie zu sehen. Und gerade in dieser doch recht düsteren Erzählung von Krieg und Massenleid wirkt dies auch angemessen. 

Der zweite Teil der Serie ist noch nicht abgeschlossen. Die bislang veröffentlichten Hefte (#13-#18) bieten in motivischer Hinsicht zwar wenig wirklich neues, sind aber nichtsdestotrotz sehr lesenswert. Besprechen werde ich den Teil aber erst, wenn er in Gänze vorliegt.

Mark Russell hat vor einem Monat seine Zusammenarbeit mit Dynamite aufgekündigt, nachdem bekannt geworden war, dass der Verlag und sein CEO Nick Barrucci mit Vertretern der extrem rechten Comicsgate - "Bewegung" kooperiert hatten. Eine ganze Reihe von Künstler*innen zogen dieselbe Konsequenz. Diese Entscheidung ist natürlich sehr gut nachvollziehbar. Dennoch ist es bedauerlich, dass wir nach #24 keine weiteren Red Sonja - Arbeiten von Russell mehr zu sehen bekommen werden.



(1) Auch Mark Russells Version dieser Ereignisse ist glücklicherweise frei von den alten Zutaten Vergewaltigung, Göttererscheinung und "Keuschheits"schwur.

(2) Anders als in Robert E. Howards ursprünglichen Stories sind die Bewohner von Koth hier in der Mehrzahl Schwarze. Ganz allgemein haben sich die neueren Red Sonja - Comics erfreulicherweise ziemlich weit von den ethnischen Stereotypen des alten Hyborian Age entfernt. Selbst das Volk von Khitai besteht nicht länger aus klischeehaften "Chinesen".

Montag, 10. August 2020

Strandgut

Sonntag, 9. August 2020

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

Amazons!, hg. von Jessica Amanda Salmonson

Wie ich in früheren Beiträgen zu dieser Reihe anhand von C.L. Moores Jirel of Joiry und Robert E. Howards Red Sonya & Dark Agnes gezeigt habe, besaß die Sword & Sorcery beinahe von Anfang an ihre Heldinnen. Dennoch ist es natürlich richtig, dass das Genre bei seinem mächtigen Wiederaufleben in den späten 60er und den 70er Jahren lange Zeit sehr "männlich" daherkam. Schließlich dominierte L. Sprague de Camps & Lin Carters "Conan-Industrie" mit "Clonans" wie Carters Thongor, John Jakes' Brak und Gardner Fox' Kothar im Schlepptau sehr lange das Feld. 

De Camp & Carter scheinen keinen sonderlich hohen Respekt vor Howard und dem Genre gehabt zu haben, mit deren Ausschlachtung sie ihr Geld verdienten. Wie Joe Bonadonna und David C. Smith vor längerer Zeit einmal in einem Beitrag auf Black Gate erzählt haben:
In 1970, Joe wrote a letter to Lin Carter, who was then the editor of Ballantine Books’ Adult Fantasy Series. Joe asked how to go about submitting a Conan novel he had written.
Lin Carter was nice enough to reply quickly, telling Joe that only he and L. Sprague deCamp were licensed to write Conan stories.
He suggested, however, that Joe change the name of Conan to one of Joe’s own choosing and change any other names borrowed from Howard, then submit the novel to a publisher as his own original creation.
In other words, Joe was advised to write a Clonan novel.
Aus dieser Ecke waren keine unkoventionellen Neuerungen zu erwarten. De Camp & Carter hatten Howards Schöpfung auf einen simplistischen Stereotyp reduziert, den man nun nach Belieben kopieren konnte. Und wie der schwarze Sword & Sorcery - Autor Charles R. Saunders, der selbst ein großer Fan des Cimmeriers war, in seinem 1975 veröffentlichten Essay Die, Black Dog! sehr richtig kritisierte, übernahmen sie dabei gedankenlos die bigotten Aspekte der alten Stories:
Carter and de Camp [...] continue to practice good old-fashioned bigotry in their non-Conan endeavors. Though they have done a good job at ameliorating some of Howard's more blatant racism, their own efforts at sword-and-sorcery are throwbacks. This is doubly shameful, because both of these men are scholars, and should know better.
Und was für den Rassismus galt, galt selbstverständlich auch für den Sexismus.
Wie nicht anders zu erwarten, folgten die übrigen Clonans im Allgemeinen diesem Vorbild. (1) Sie waren es, die die Sword & Sorcery später bei so manchem in einen üblen Ruf brachten, auch wenn einige von ihnen sicher eine spaßig-trashige Lektüre abgeben.

Natürlich wäre es verfehlt, das gesamte Subgenre auf Kothar und seine Kumpels zu reduzieren. Schon vor dem großen Boom hatte es ja mit Fritz Leibers Fafhrd und dem Gray Mouser sowie Michael Moorcocks Elric vom simplen Barbarentypus abweichende Ansätze gegeben. Und auch die 70er Jahre brachten sehr viel mehr als bloß eine Flut von Clonans. Viel von dem entzieht sich zwar meiner persönlichen Kenntnis, weil es sich auf den Seiten von Fanzines und Magazinen wie Space & Time abspielte, aber es reicht einige bekanntere Namen wie Karl Edward Wagners Kane, Charles R. Saunders' Imaro oder auch Darrell Schweitzers Sir Julian the Apostate (2) zu nennen, um zu demonstrieren, dass die Sword & Sorcery der 70er deutlich vielgestaltiger war. Von Samuel R. Delanys Tales of Nevèrÿon mal ganz zu schweigen.

Weibliche Hauptfiguren blieben allerdings auch weiterhin eine Seltenheit. Natürlich gab es seit 1967 Joanna Russ' Alyx, aber diese hatte trotz ihres kurzen Gastauftritts in Fritz Leibers The Two Best Thieves in Lankhmar (1968) kaum unmittelbaren Einfluss auf die Entwicklung des Genres.
Mit einigem Recht ließe sich argumentieren, dass Marvels Red Sonja, die ihren ersten Auftritt 1973 in Nr. 23 von Conan the Barbarian hatte, für längere Zeit die bekannteste und populärste Sword & Sorcery - Heldin dieser Ära war. Und trotz Chainmail Bikini und aller übrigen etwas fragwürdigen Zutaten war sie keineswegs nur bei männlichen Adoleszierenden beliebt. Nicht wenige weibliche Fantasyfans sahen in ihr eine inspirierende Figur. (3)
Mitte der 70er Jahre erschienen dann bei Don und Elsie Wolheims DAW Books Tanith Lees Birthgrave (1975) und C.J. Cherryhs Gate of Ivrel (1976), die mit Karrakaz und Morgaine zwei weitere S & S - Heldinnen einführten, auch wenn Cherryhs Roman aus der Sicht des männlichen Kriegers Nhi Vanye i Chya erzählt wird. Freilich enthalten beide Bücher SciFi-Elemente und würden deshalb möglicherweise von Genre-Puristen ausgeschlossen werden. Doch in den 70ern waren die Grenzen zwischen den Genres noch sehr viel weniger verhärtet. Die Swordmen and Sorcerers' Guild of America, so was wie der Dachverband der Sword & Sorcery, nahm die beiden Schriftstellerinnen jedenfalls umgehend in ihre Reihen auf. Beide Romane wuchsen sich in der Folge zu Trilogien aus.

Trotzdem stellte das Erscheinen der von Jessica Amanda Salmonson zusammengestellten Anthologie Amazons!, gleichfalls bei DAW, 1979 noch einmal einen extrem wichtigen Meilenstein in der Entwicklung des Genres dar.     

Jessica Amanda Salmonson wurde am 6. Januar 1950 als Jesse Amos Salmonson in Seattle geboren. Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in in einem Wanderzirkus ("Carnival"). Die Mutter war Schwertschluckerin, der Adoptivvater Feuerschlucker. Mit sieben landete sie zusammen mit ihrer älteren Schwester in einem Pflegeheim. Die nächsten Jahre müssen eine sehr düstere Erfahrung für Salmonson gewesen sein, auch wenn mir die Details nicht bekannt sind. Mit zwölf lief sie von dort weg und tauchte in der Hippie-Szene unter. Sie lebte in einer Reihe von "hippie group houses", bis sie schließlich ihren Vater wiederfand. Dessen zweite Ehefrau, die buddhistische Nonne Lek, beschrieb sie später als "the only decent adult in my childhood, otherwise I wouldn't have believed decent adults existed."      
Ab 1973 begann Salmonson – anfangs immer noch unter dem Namen Amos – das Literary Magazine of Fantasy and Terror herauszugeben, zu dem sie auch eine Reihe eigener Geschichten beisteuerte. Zur selben Zeit arbeitete sie im Sexual Minority Center von Seattle und startete ihre eigene Geschlechtsangleichung, über deren Verlauf sie sehr offen in ihrem Magazin berichtete. Ihr literarisches Leben spielte sich vorerst ganz in der Welt der Fanzines und Kleinverlage ab, die zu dieser Zeit eine große Blüte erlebten. Zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis gehörten u.a. Wilum H. Pugmire (4), Joanna Russ und Phyllis Ann Karr. 1979 erschien mit The Black Crusader and Other Poems of Horror and Fantasy eine erste Sammlung ihrer Gedichte in extrem limitierter Auflage.

Amazons! war Jessica Amanda Salmonsons erste Arbeit für einen großen Verlag. Dabei genoss sie die tatkräftige Unterstützung von Joanna Russ. Sie setzte sich ein doppeltes Ziel mit der Zusammenstellung dieser Anthologie. Zum einen sollte sie dem herrschenden Mangel an echten Heldinnen in der Sword & Sorcery abhelfen. Zum anderen sollten die in ihr veröffentlichten Geschichten einen Beitrag zur literarischen Reifung des Genres leisten, das in ihren Augen weitgehend in den Klischees und Konventionen der Vergangenheit feststeckte:
Ich stelle hohe Ansprüche an die "Heroic Fantasy". Ich glaube z.B. nicht, dass es sich immer um diese hastig heruntergeschriebenen Nachahmungen handeln muss, deren Themen, Charaktere, Plots und sogar Illustrationen einander gleichen wie ein Ei dem anderen, und die alle nichts anderes sind als zweitklassige Variationen ein und des selben Themas. "Heroic Fantasy" hat sich einfach zu lange von den Klischees des Genres in den 30er bis 50er Jahren bestimmen lassen.
Das war wohl in erster Linie auf die Clonans gemünzt und in dieser Hinsicht sicher auch keine ganz falsche Einschätzung. Nicht zufällig bezieht sich Salmonson an einer Stelle direkt auf L. Sprague de Camps Definition der "Heroic Fantasy" aus dessen Vorwort zu der Anthologie Swords & Sorcery (1963) (5):
Eine sehr gängige Definition dieser Art von Fantasy-Literatur beschreibt sie als Geschichten aus Welten, in denen "Magie" funktioniert, die Helden mächtig sind und die Frauen schön. Etwas weniger romantisch betrachtet, könnte man es eher für den letzten Zufluchtsort einer in pubertären Träumen steckengebliebenen Männerphantasie halten
Wie sich hier schon sehr klar andeutet, besaß die Anthologie für Salmonson nicht nur literarische, sondern auch gesellschaftspolitische Relevanz. 

In ihrem Vorwort Unser Amazonisches Erbe (Our Amazon Heritage) zählt sie unzählige Beispiele für Kriegerinnen aus allen möglichen Epochen und Kulturen auf. Dabei spannt sie den Bogen von den Amazonen der griechischen Sage bis zu historischen Figuren wie Calamity Jane.
Interessanterweise erwähnt sie in diesem Zusammenhang auch "General Li Chen" (Li Zhen): Sie "war ein Kommandeur in Mao Tse Tungs Armee, nahm am sechstausend Meilen-Marsch teil und dirigierte sogar während ihrer Schwangerschaft Schlachten".
Nun haben Frauen in einer Vielzahl von Revolutions- und Widerstandsbewegungen mit der Waffe in der Hand gekämpft. Wenn Salmonson ausgerechnet die chinesische Generälin erwähnt, so wohl zum einen wegen ihres hohen Ranges, den sie allerdings erst sechs Jahre nach der maoistischen Machteroberung von 1949 erhielt. Zum anderen scheint sich mir darin aber auch der bedauernswert starke Einfluss widerzuspiegeln, den der Maoismus auf viele Radikalisierte der 60er und 70er Jahre ausübte, von rebellierenden Studenten und Intellektuellen bis zu Bewegungen wie den Black Panthers, den Young Lords oder den "Hillbilly"-Linken der Young Patriots. Und Amazons! muss ganz ohne Frage im Kontext der radikalen Strömungen jener Zeit gesehen werden. Es ist ja sicher kein Zufall, dass Salmonson ihren Essay mit der vietnamesischen Volksheldin Triệu Thị Trinh eröffnet.
Die Anthologie verdankt ihre Entstehung sehr deutlich dem sog. "Second Wave" Feminismus, der seinerseits Teil der Massenrebellionen der 60er/70er Jahre war. Dem Buch vorangestellt sind einige Verse der lesbischen, feministischen Dichterin und Aktivistin Melanie Kaye (Kantrowitz). Und Salmonson selbst schreibt in ihrem Vorwort:
Die Erzählungen in diesem Buch wollen selbstverständlich in erster Linie unterhalten. Aber die Tatsache, dass Frauen zum "Schwert" greifen, bedeutet in einer Gesellschaftsform wie der unseren, die von Männern geformt und regiert wird,einen Akt der Revolution, gleichgültig ob er in der Realität stattfindet oder nur in der Literatur zum Ausdruck kommt. In diesem Kontext ist Amazonen! keine eskapistische Fantasy, sondern hat einen unleugbar subversiven Charakter.
Aus heutiger Sicht wirkt eine Anthologie wie Amazons! vielleicht nicht mehr sonderlich revolutionär. Und ich habe wenigstens eine Bekannte, die die Meinung vertritt, dass der Typus der Amazone in Wahrheit vielleicht gar nicht so emanzipatorisch sei. Doch wenn man den Band im Kontext seiner Zeit betrachtet, ist schon nachvollziehbar, warum Salmonson ihn als politisches Statement verstand und glaubte, er könne "einen positiven Beitrag zur Kulturgeschichte in unserem Zeitalter der Veränderung und des Übergangs leisten". Und es verwundert nicht, dass sie in ihrem Vorwort das Motiv der Kriegerin mit der Idee urzeitlicher matriarchalischer Gesellschaften in Verbindung bringt, einer Vorstellung, die sich in den feministischen Kreisen der Zeit großer Beliebtheit erfreute.

Bevor wir uns nun mit den einzelnen Stories beschäftigen, muss ich allerdings noch darauf hinweisen, dass mir nur die deutschsprachige, 1981 bei Bastei Lübbe erschienene Fassung von Amazons! vorlag. Und Andrea Dorfmüllers Übersetzung ist leider streckenweise hundsmiserabel. Auch wird man sich bei der Lektüre des Bandes mehr als einmal fragen, ob er je durch irgendein Lektorat gegangen ist. Bei der Beurteilung der sprachlichen Qualität der Texte werde ich mich deshalb sehr zurückhalten. Nur wo deren Charakter auch in dieser verstümmelten Form noch gut zu erkennen war, werde ich darauf zu sprechen kommen. 

* The Dreamstone (Der Traumstein) von C. J. Cherryh: Die Autorin dürfte hauptsächlich für ihre Science Fiction - Werke bekannt sein. Eine vollständige Lektüre ihres Space Opera - Zyklus Chanur gehört immer noch zu meinen Lesezielen. Wie bereits erwähnt, war auch ihr erster großer Beitrag zur Sword & Sorcery, Gate of Ivrel, in ihrem Alliance-Union-Universum angesiedelt. The Dream Stone hingegen ist völlig frei von irgendwelchen SF-Elementen und scheint eher von keltischen Sagen und Mythen inspiriert zu sein.
Arafel, offenbar eine Art Sidhe, kehrt nach langer Zeit in die Welt der Menschen zurück, die von Angehörigen ihres Volkes nur noch selten besucht wird. Grund dafür ist der junge Harfner Fionn, der gerade dabei ist in die übel beleumundeten Tiefen des Eldwaldes zu fliehen – einst ein Reich der Feen, nun die Wohnstatt sehr viel finsterer Gestalten. Wie sich herausstellt wird Fionn von dem brutalen Feudalherren Ewald und seinen Knechten verfolgt, da er ein Spott- und Anklagelied auf diesen verfasst hat, das ihn bis in seine Träume verfolgt. Arafel, die Gefallen an dem jungen Mann und vor allem an seiner Musik findet, stellt sich Ewald entgegen. Und so kommt es zur Konfrontation zwischen Eisen und Gewalt und der schwindenden Welt der Magie.
Als Auftakt für die Anthologie scheint die Story eine ungewöhnliche Wahl, ist Arafel doch alles andere als eine archetypische Amazone. Aber mir hat vor allem der melancholische Hauch gefallen, von dem The Dreamstone durchzogen ist.

* Wolves of Nakesht (Die Wölfe von Nakesht) von Janrae Frank: Sehr viel klassischere Sword & Sorcery wird uns in der zweiten Story geboten. Die Kriegerin Chimquar ist eine exilierte Amazone, die lange Zeit als Mann verkleidet unter dem Nomadenvolk der Euzadi gelebt hat. Allerdings erhalten wir im Verlauf einer rasch fortschreitenden und actionreichen Handlung mit viel Blutvergießen und geifernden Werwölfen bloß hier und da ein paar Anspielungen auf diesen Hintergrund der Protagonistin. Was mitunter etwas irritierend wirken kann. Zumal Wolves of Nakesht mit Chimquars schließlicher Rückkehr in die alte Heimat in gewisser Weise den Abschluss ihrer Saga darstellt. Einer Saga, die wir als Lesende nicht kennen. 
Tatsächlich hat Janrae Frank eine ganze Reihe von Stories über Chimquar the Lionhawk geschrieben, und die Welt, in der sie lebt, später außerdem zum Schauplatz ganzer Zyklen selbstveröffentlichter High Fantasy - Romane gemacht. Glücklicherweise liegen diese Kurzgeschichten (+ eine Novelle) inzwischen in Form des Sammelbandes In the Darkness, Hunting vor, den ich baldmöglichst hier vorstellen will. Denn Chimquar ist sicher eine jener interessanteren Sword & Sorcery - Figuren, die während der Boomzeit der 70er geboren wurden, sich aufgrund der Wende zur tolkienesken High Fantasy in den 80ern aber nie voll entfalten konnten. Nicht zuletzt wegen dem, was Salmonson später als "her culturally intergendered nature" (7) bezeichnet hat.  

* Woman of the White Waste (Die Frau aus der Weißen Wüste) von T. J. Morgan: Die wilde Horde, die über das friedliche Dorf des Helden herfällt, dessen Volk abschlachtet und ihn damit gewaltsam aus seinem sozialen Umfeld reißt und mit der Startmotivation der Rache ausstattet, gehört zu den altbewährten Klischees der Sword & Sorcery. Und wenn der Held eine Heldin ist kommt leider oftmals auch noch eine Vergewaltigung hinzu. Man denke nur etwa an die "klassische" Hintergrundsgeschichte von Red Sonja, wie sie Roy Thomas in Day of the Sword erzählt hat.
T. J. Morgans Geschichte ist auf den ersten Blick bloß eine weitere Variation auf dieses Thema. Wenn ich es recht bedenke, sind die Parallelen zu Day of the Sword sogar verdächtig stark: Ellides Dorf wird von den kriegerischen Yarl überfallen. Wie die übrigen Frauen wird auch sie Teil der trunkenen Siegesfeier der Eroberer. Nach ihrer Vergewaltigung gelingt ihr die Flucht in die schneeverwehte Einöde. Dort begegnet sie der beinah vergessenen Göttin ihres Volkes, die sie mit ihrem Segen ausstattet und in eine tödliche Rächerin verwandelt.
Jessica Amanda Salmonson schreibt in ihren einführenden Bemerkungen: "Ich persönlich finde den Gedanken, dass man Frauen erst einmal vergewaltigen muss, damit sie die Wandlung vom 'Opfer' zur 'Kämpferin' vollziehen können, nicht gerade einnehmend." Dem kann ich mich nur voll und ganz anschließen. Wenn Woman of the White Waste dennoch einen gewissen Reiz für mich besitzt, dann aus zwei Gründen: Zum einen ist die Schilderung der blendend weißen Schneelandschaft, der Begegnung mit der eisbärengestaltigen Göttin und der Verwandlung in eine im wahrsten Sinne des Wortes "eiskalte" Kriegerin atmosphärisch ziemlich gelungen. Zum anderen fand ich es ganz interessant, dass die "hässliche" Ellide eine verachtete Außenseiterin in ihrem Volk ist und im Grunde keinerlei Verlangen verspürt, dessen Überlebende vom Joch der Yarls zu befreien. Selbst nachdem sie ihr Blutbad unter den Kriegern angerichtet hat, empfindet sie gegenüber dem kümmerlichen Überrest ihres Volkes bloß Verachtung und verschwindet am Ende kommentarlos in den menschenleeren Weiten der Schneewüste.
        
* The Death of Augusta (Der Tod der Augusta) von Emily Brontë: Die Existenz von Angria & Gondal, jener phantastischen Reiche, in denen die Brontë - Geschwister ihre Imagination wilde Abenteuer erleben ließen, wurde mir vor vielen Jahren durch einen (Radio)Essay von Arno Schmidt bekannt. Doch ich muss gestehen, dass ich bislang keinen der "Primärtexte" dieses Längeren Gedankenspiels gelesen hatte. Hier nun haben wir eine Handvoll Verse, bearbeitet und eingeleitet von Joanna Russ, aus Emily Brontës Gondal's Queen, in denen sich die junge Angelika an ihrer grausamen und mächtigen Mutter, der Königin Augusta, rächt. Leider nicht viel mehr als ein Appettihäppchen. Interessanterweise fehlt in der holländischen Ausgabe Amazones von 1982 dieser Text. Stattdessen wurde mit Een Spelletje Vlet (A Game of Vlet) eine der Alyx-Geschichten von Jonna Russ hinzugefügt. 

* Morien's Bitch (Moriens Hexe) von Janet Fox: Die kecke Diebin Riska ist eine meiner Favoritinnen unter den Heldinnen dieser Anthologie. Ihr Übermut bei nächtlichen Raubzügen in ein Feldlager führt zu ihrer Gefangennahme durch die Soldaten des Heerführers Morien, dessen Armee die auf einer schroffen Anhöhe gelegene Festung Ultebre belagert. Doch es braucht mehr als die Androhung von Folter, um Riskas Selbstbewusstsein zu brechen. Geschickt spielt sie einige der Offiziere gegeneinander aus und nutzt ihr Wissen um ein Labyrinth von Gängen, die nach Utebre führen, als Verhandlungsgut, um erst ihre Freiheit, dann sogar einen Posten an Moriens Seite zu ergattern. Nach der erfolgreichen Einnahme der Festung muss sie allerdings schon bald feststellen, dass "die Verbündeten, die im Krieg nützlich sind", einem im Frieden sehr schnell lästig werden können. Doch auf Dauer wäre ein Leben in Palästen ohnehin nicht nach ihrem Geschmack gewesen. 
Zu schade, dass Janet Fox' Stories um die Kriegerin Jacquerel, die in den 80ern in Space & Time, Weirdbook und Orion's Child erschienen, nie gesammelt wurden. Ich würde gerne mehr Sword & Sorcery von dieser Autorin lesen.

* Agbewe's Sword (Agbewes Schwert) von Charles R. Saunders: Seit 1974 erschienen erst in Gene Days' Fanzine Dark Fantasy, dann auch in anderen Publikationen Saunders' Geschichten über den "schwarzen Conan" Imaro und seine Abenteuer in dem phantastischen Afrika Nyumbani. Sie bildeten den Beginn der sog. Sword & Soul. Mit Agbewe's Sword betrat Saunders' zweite große Schöpfung die Bühne – die Kriegerin Dossouye. Als historisches Vorbild dienten ihm dabei die Mino, die sog. Amazonen des westafrikanischen Königreiches Dahomey.
In gewisser Hinsicht erscheint Dossouye hier als eine typische "Auserwählte". Nachdem sie einen prophetischen Traum erhalten hat, macht sie sich im Auftrag des Leopardenkönigs auf, um das magische Schwert der legendären Heroin Agbewe zu finden. Denn nur diese Waffe kann den gbo eines feindlichen Zauberers bezwingen und so die Invasion Abomeys durch die Ashanti stoppen.
Tatsächlich jedoch führt ihre Queste Dossouye am Ende ins Exil. Verantwortlich dafür ist nicht allein die Rachsucht der Akpadume (~ Generälin) Nyima, sondern auch das Misstrauen des Königs, der in dieser "Auserwählten" eine potenzielle Gefahr für seinen Thron sieht, die man nach getaner Arbeit besser rasch beseitigen sollte. Zutiefst erschüttert in ihren religiösen Überzeugungen, aber zugleich erfüllt mit einem neuen Selbstbewusstsein, verlässt Dossouye am Ende ihre Heimat. 
Es ist diese interessante Wendung, die den Startpunkt für die späteren Abenteuer der Kriegerin bildet, kombiniert mit dem "afrikanischen" Setting, die Agbewe's Sword zu einer faszinierenden Lektüre macht. 

* Jaine Saint's Travails (Die Fahrten der Jane Saint) von Josephine Saxton: In ihren einleitenden Notizen vergleicht Salmonson diese Geschichte mit dem Werk der surrealistischen Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington. Und surreal ist die Story der britischen Autorin ganz ohne Frage. Auch habe ich an dieser Stelle am stärksten bedauert, nicht das englischsprachige Original vor Augen zu haben. Der Eintrag über Josephine Saxton in der SF Encyclopedia beschreibt ihre frühen Romane so:
Each of these books presents narratives whose outcomes are more readable as allegories of their protagonists' moral fates than of any physical journey, though the image of what might be called the bollixed quest is central to her work. These journeys are described [...] in a register of perilous ambivalence, half Inner Space, half mutable and frustrating external world.
Ähnlich ließe sich wohl auch Jaine Saint's Travails beschreiben. Zu Beginn der Erzählung wird die Protagonistin zum Tod durch Ertränken verurteilt. Stattdessen findet sie sich in einer eigenartigen Anderswelt wieder. Sie glaubt, den Auftrag zu haben, das mysteriöse "Buch der Ehre" finden zu müssen. Gleichzeitig scheint sie auf der Suche nach ihren Töchtern zu sein, die von ihr getrennt wurden. In einem alten Turm trifft sie ein exzentrisches, ältliches Alchimistenpaar, das mit Hilfe ihres Blutes den freundlich-dämonischen Homunkulus Zilp kreiert. Dann tauchen inmitten der Ödnis, die den Turm umgibt, eine Reihe verführerischer männlicher Gestalten auf, die sich jedoch als bloße Trugbilder erweisen. Schließlich kehrt sie gewandelt in die "Realität" zurück:
Sie verstand zwar jetzt von den meisten Dingen weniger als je zuvor, aber in ihr war ein großes Vertrauen auf die Zukunft, und diese Hoffnung wollte sie nähren.
Es ist klar, dass sich die Story um Themen weiblicher Emanzipation und der Befreiung von "romantischen" und einengenden Ideen oder Illusionen dreht. Manches ist dabei sehr klar, anderes bleibt ziemlich verschwommen. Aber das gehört nun einmal zum Charakter derartiger Erzählungen. Auf jedenfall ist Jaine Saint's Travail ganz sicher das beste Beispiel für Jessica Amanda Salmonsons Versuch, die Grenzen der Heroic Fantasy auch literarisch-stilistisch zu erweitern.      

* The Sorrow of Witches (Die Tränen einer Hexe) von Margaret St. Clair: Die Karriere dieser Genreveteranin hatte in der zweiten Hälfte der 40er Jahre in Pulps wie Startling Stories, Thrilling Wonder Stories und Weird Tales begonnen. Sie war eine der erfolgreichsten SF-Autorinnen der 50er Jahre, von der nicht nur zahlreiche Kurzgeschichten in den Magazinen, sondern auch mehrere Romane im Rahmen der Ace Doubles erschienen. The Sorrow of Witches war eine ihrer letzten veröffentlichten Stories.
Die stolze Hexenkönign Morganor ist es gewohnt, dass sich alle ihrem Willen beugen. Als der Gesandte Llwdres ihre Gunstbezeugungen verschmäht, lässt sie sich zu Handlungen hinreißen, die ungewollt seinen Tod herbeiführen. Sie gibt einen Großteil ihrer magischen Kräfte auf, um ihn ins Leben zurückzurufen. Und tatsächlich können die beiden eine gewisse Zeit gemeinsamen Glücks genießen, bis Politik, Krieg und männliche Eifersucht das Idyll zerstören.
Ich mochte den tragischen Tonfall der Geschichte, die wie eine Erzählung aus längst vergangenen Zeiten vorgetragen wird. 

* Falcon Blood (Falkenblut) von Andre Norton: Nortons Beitrag spielt im Witch World - Universum, das seit 1963 den Hintergrund für viele ihrer Romane abgegeben hatte. 
Nachdem sie gemeinsam Schiffbruch erlitten haben, müssen sich die Seefahrerin Tanree und der Söldner Rivery zusammentun, wenn sie überleben wollen. Dabei prallen äußerst untrerschiedliche Kulturen aufeinander. Tanree entstammt der egalitären Gesellschaft der Sulcar, Rivery ist ein Vertreter des extrem chauvinistisch-patriarchalen Falkenvolkes.    

* The Rape-Patrol (Rape-Patrol) von Michele Belling: Wenn Jaine Saint's Travails in meinen Augen ein gelungenes Beispiel dafür darstellt, wie man die Grenzen des Genres erweitern kann, wirkt The Rape-Patrol leider eher wie ein merkwürdiger Fremdkörper im Gesamtgefüge der Anthologie. 
Die Geschichte handelt von einer Gruppe von Frauen, die Vergewaltiger jagen und "exekutieren". Das übernatürliche Element, das nur ganz am Ende auftaucht und keine wirklich wichtige Rolle für die Handlung spielt, wirkt beliebig und ziemlich überflüssig. Ob der fast beiläufige Tonfall, in dem die Geschichte erzählt wird, auf Lesende verstörend wirken und damit Zweifel an den Aktionen der Heldinnen wecken soll, die für sich in Anspruch nehmen, die Rollen von Judge, Jury & Executioner spielen zu dürfen, bleibt zweifelhaft. Ich fürchte, dass das eher nicht in der Absicht der Autorin lag. The Rape-Patrol ist im Grunde eine "feministische" Vigilante-Geschichte. Und ich halte alle Arten von Vigilante-Stories für äußerst fragwürdig. Selbst dann, wenn sie, wie man in diesem Fall wohl annehmen darf, Ausdruck von nur zu berechtigter Wut und Frustration über schreiende soziale Ungerechtigkeiten sind.

 * Bones for Dulath (In der Grube) von Megan Lindholm: Mit dieser Geschichte präsentierte die Autorin, vielleicht besser bekannt unter ihrem Pseudonym Robin Hobb, erstmals ein Abenteuer von Ki und Vandien, die in den 80er Jahren zu den Protagonisten einer ganzen Roman-Tetralogie werden sollten. Da ich diese Bücher nicht gelesen habe, betrachte ich Bones for Dulath völlig losgelöst von allem, was später gekommen ist. Und ich muss sagen, auch als Standalone hat sie mir ziemlich gut gefallen. Ich mag Geschichten, in denen eine Frau und ein Mann gute Freunde und Kameraden sein können, ohne deshalb irgendwann miteinander ins Bett steigen zu müssen. Außerdem hat mir der leicht pikareske Anstrich gefallen. Man bekommt sehr deutlich das Gefühl vermittelt, dass dies nur eines der vielen Abenteuer ist, die Ki und Vandien auf ihren Wanderungen erlebt haben, ohne dass die Geschichte deshalb irgendwie unvollständig wirken würde. 

* Northern Chess (Schach dem Bösen) von Tanith Lee: Mag Andrea Dorfmüllers Übersetzung über weite Strecken auch eher suboptimal sein, hier ist es ihr zumindest teilweise gelungen, den für Tanith Lee so typischen poetischen Zauber der Sprache einzufangen. Man nehme bloß einen Satz wie diesen: "In diesem Land waren traurige Lieder und trübe Erinnerungen zu Hause, und des nachts geisterten Albträume und Halluzinationen darüber hin."
In einem öden und beinah menschenleeren Landstrich stößt die umherwandernde Kriegerin Jaisel auf einen Trupp von Rittern, die die verzauberte Festung eines verstorbenen Schwarzmagiers belagern. Über der Burg liegt ein schützender Fluch, der alle Attacken schnell in blutige Katastrophen verwandelt. Selbstbewusst und spottlustig wie sie ist, legt sich Jaisel schon bald mit den chauvinstischen Gesellen an, für die eine Frau in Rüstung boß eine "Hure" oder eine Widernatürlichkeit sein kann. Doch als einer der Ritter aus verletztem Ehrgefühl zum Angriff auf die Festung reitet und auf Nimmerwiedersehn in ihr verschwindet, zwingt Jaisels Gewissen sie dazu, gleichfalls in das Gemäuer einzudringen. Die Geschichte endet mit einer netten, wenn auch vielleicht nicht unbedingt originellen Wendung. Ich sag bloß: Eowyn ...   

* The Woman Who Loved The Moon (Die Frau, die den Mond liebte) von Elizabeth A. Lynn: Diese Geschichte, mit der die Anthologie abschließt, bildet für mich zugleich ihren Höhepunkt. 
Im folkloristisch anmutenden Stil einer alten Volkssage erzählt Elizabeth A. Lynn die Geschichte der drei kriegerischen Talvela-Schwestern, deren Schönheit die Eifersucht des Mondes weckt. In Gestalt der geheimnisvollen Sedi fordert dieser die jüngeren Schwestern Alin und Tei zum Duell auf und tötet sie in zwei aufeinanderfolgenden Jahren. Die älteste Schwester Kai macht sich daraufhin auf eine lange und beschwerliche Reise, die sie schließlich zum östlichen Ozean führt, unter dessen Wogen der Palast des Mondes liegt. Hier trifft sie erneut auf Sedi. Die beiden kämpfen miteinander, doch als Kai schließlich die Oberhand gewinnt, tötet sie ihre Kontrahentin nicht etwa. Vielmehr wird den beiden in diesem Moment klar, dass sie einander lieben. Kai und Sedi verbringen eine lange und glückliche Zeit miteinander in der Anderswelt des Mondpalastes, während in der Welt der Menschen die Jahre und Jahrzehnte dahinfließen. Als Kai schließlich doch in ihre Heimat zurückkehren will, findet sie dort nur noch zwei Menschen aus ihrer Vergangenheit vor: Ihre dem Tode nahe Mutter und einen greisen Flötenspieler, der einst der jugendliche Page der drei Schwestern war. Zwar trifft sie sich auch später noch in Vollmondnächten mit ihrer unsterblichen Geliebten, doch die Geisterwesen sind wankelmütige Kreaturen und so bleibt der ersehnte Besuch eines Nachts plötzlich aus, woraufhin Kai rasch altert und stirbt. Doch erzählt man sich, dass ihr Geist in späterer Zeit oftmals auf dem Schlachtfeld erschienen sei, um den Klan der Talvela gegen seine Feinde zu unterstützen. 
The Woman Who Loved The Moon besitzt den Zauber eines echten Volksmärchens und beweist zugleich die sichere Hand einer großen Schriftstellerin. Für mich ein kleiner Klassiker der Fantasyliteratur, der mich außerdem daran erinnert hat, dass ich mich auf diesem Blog unbedingt noch einmal mit Elizabeth A. Lynns Chroniken von Tornor beschäftigen muss. Trotz all der aktuellen Diversitäts-Debatten scheint mir Lynn eine ziemlich in Vergessenheit geratene Autorin zu sein. Ein Schicksal, das sie auf gar keinen Fall verdient hat.
  
Amazons! hatte ohne Zweifel einen bleibenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der Sword & Sorcery. Jessica Amanda Salmonson selbst veröffentlichte drei Jahre später den Folgeband Amazons II, doch auch unabhängig davon tauchten im Genre schon bald sehr viel häufiger Heldinnen aller möglichen Couleur auf – kriegerische Amazonen, mächtige Zauberinnen, umhervagabundierende Glücksritterinnen, trickreiche Diebinnen. Als Marion Zimmer Bradley 1984 den ersten Band ihrer Sword & Sorceress - Anthologien herausgab, erwähnte sie in ihrem Vorwort eigenartigerweise nicht die Pionierarbeit von Salmonson, sondern erweckte den Eindruck, die Sword & Sorcery werde auch weiterhin fast ausschließlich von männlichen Schlagetots des Clonan-Typs bevölkert. Doch in Wirklichkeit hatte die Wende schon sehr viel früher begonnen und Amazons! hatte dabei eine zentrale Rolle gespielt.
 




(1) Ganz zu schweigen von John Normans Gor - Büchern. Aber deren Existenz versuchen wir auf diesem Blog so weit es geht zu ignorieren.

(2) Mit dem habe ich mich vor Zeiten hier einmal etwas eingehender beschäftigt.

(3) Um ein Beispiel zu nennen: Comics-Künstlerin Wendy Pini (Elfquest), war in den 70ern in der Szene als eine begeisterte Red Sonja - Cosplayerin bekannt. In Nr. 23 von Savage Sword of Conan (Oktober 1977) wurde nicht nur eine Sonja - Zeichnung von ihr abgedruckt, sondern auch ein neckisches kleines Gedicht, dessen letzte Strophen recht deutlich zum Ausdruck bringen, worin für sie und viele andere weibliche Fans die Anziehungskraft von Red Sonja bestand:
I can out-fight, out-drink
And out-swear any man --
Including that arrogant ass
CONAN!


So step up, bold warriors,
When Red Sonja calls --
And match steel against steel,
If you've got the -------! 
(4) Über Pugmires Leben und Werk habe ich vor einem halben Jahr mal einen längeren Artikel veröffentlicht.

(6) "'Heroic fantasy' is the name of a class of stories laid, not in the world as it is or was or will be, but as it ought to have been to make a good story. The tales collected under this name are adventure-fantasies, laid in imaginary prehistoric or medieval worlds, when (it's fun to imagine) all men were mighty, all women were beautiful, all problems were simple, and all life was adventurous." Für weitere Infos siehe hier.

(7) Zit. nach: Janrae Frank: In the Darkness, Hunting: Tales of Chimquar the Lionhawk. S. 10.