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Mittwoch, 10. Mai 2017

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (XVII): "Thor Il Conquistatore"

Es ist über anderthalb Jahre her, seit unsere abenteuerliche Queste durch die wüste und wunderliche Welt des Sword & Sorcery - Films der 80er Jahre mit Franco Prosperis Gunan Il Guerriero (1983) ihr ungeplantes und vorzeitiges Ende fand. 
Nun stecke ich schon seit einiger Zeit in einer besonders bedrückenden und quälenden depressiven Phase, und da dachte ich mir, ein erneuter Abstecher in das verrückte Reich des Barbarenkinos könnte mir wenigstens anderthalb Stunden amüsanter Ablenkung verschaffen. Es sollte anders kommen, denn unglücklicherweise fiel meine Wahl dabei auf Tonino Riccis Thor Il Conquistatore (1983).

Die deutschsprachige Wikipedia behauptet, bei dem Flick handele es sich "nach Ansicht vieler Kritiker um den schlechtesten Beitrag zum Genre des Barbarenfilms". Diesem Urteil kann ich mich zwar nicht voll anschließen, doch ist er ganz ohne Frage der abstoßenbdste Vertreter seiner Gattung, den ich bislang unter die Augen bekommen habe. Und das will nach solchen Monstrositäten wie Deathstalker (1983), Deathstalker and the Warriors from Hell (1988) und Sorceress (1982) einiges heißen. Doch wie unappetitlich diese Streifen in mancherlei Hinsicht auch sein mögen, keiner von ihnen verherrlicht ganz offen Vergewaltigung. So weit wäre Roger Corman selbst in seinen schmierigsten Fantasyproduktionen nicht gegangen. Tonino Ricci hingegen waren derlei Skrupel offenbar fremd.

Nachdem ich anderthalb Stunden meines Lebens durch sein übles Machwerk verschwendet hatte, fühlte ich mich nicht dazu getrieben, die Karriere des 1927 in Rom geborenen Filmemachers, der seine Flicks für gewöhnlich unter dem Pseudonym Anthony Richmond veröffentlichte, genauer zu erforschen. Es sei nur soviel gesagt, dass Ricci als Regieassistent zwar unter solchen Titanen des italienischen Genrefilms wie Mario Bava und Lucio Fulci gearbeitet hat, selbst jedoch nie über den Status eines Low Budget - Hacks hinausgelangte.

Ich will nicht leugnen, dass die Eröffnungssequenz von Thor Il Conquistatore durchaus vielversprechend auf mich gewirkt hat: Zu extrem dramatischer Musik marschieren auf wenig dramatische Weise drei Gestalten durch ein grünes Hügelland. Eine ominöse Stimme aus dem Off verkündet uns in wundervoll pathetischen Worten, dass wir alsbald der Geburt von Thor the Conqueror, Sprössling von Gant the Annihilator, beiwohnen werden, der dazu ausersehen ist, der größte Häuptling der Welt zu werden. Die kleine Gruppe, bei der es sich um Gant, seine Frau und den Zauberer Etna (Luigi Mezzanotte) -- der zugleich der Erzähler der Geschichte ist -- handelt, erreicht eine Waldlichtung, auf der einige "heilige Steine" herumstehen, die von "mystischen Symbolen" geziert werden, die an die Kritzeleien eines besonders fantasielosen Kindes erinnern. Erstmals dürfen wir die grandios riesigen Shoulder Pads des Zauberers und die ebenso grandios riesige Parierstange von Gants Schwert bewundern. Thors Mutter zieht sich in die Büsche zurück, um ihr auserwähltes Kind zu gebären. Kaum hat Klein-Thor das Licht der Welt erblickt, zerstören der böse Bogenschütze Gnut (Raf Baldassarre) und seine Mannen auch schon das Idyll. Wie zu erwarten, werden die Eltern unseres Helden abgemetzelt, derweil sich Etna mit dem Baby auf magische Weise aus dem Staub macht. Gants Schwert verwandelt sich in eine Schlange und sucht gleichfalls das Weite.

Soweit war das alles ganz wunderbarer Fantasy - Schlock. Doch es sollte nicht mehr  lange dauern, und der Streifen würde erstmals sein wahres Gesicht zeigen. 

Zwanzig Jahre später: Unter Etnas Obhut ist Thor zu einem muskulösen Krieger im Lendenschurz (Bruno Minniti) herangewachsen, der mit einem Stich seines Speers gleich drei Fische aufzuspießen versteht. Selbige werden roh verzehrt. Unser Held und sein Ziehvater {der nebenbei bemerkt die meiste Zeit des Tages in Gestalt einer Eule zu verbringen scheint} haben ihr barbarisches Mahl noch nicht ganz beendet, da taucht auch schon ein Trupp Kannibalen in der Nachbarschaft auf. Die üblen Gesellen führen zwei Gefangene mit sich -- einen Mann und eine Frau. Ersterer wird rasch getötet. Doch während die hungrigen Kerle herzhafte Bisse aus dem Arm des Unglücklichen nehmen, erwacht in Thor urplötzlich der Heroengeist. Oder vielleicht will er sich auch bloß dafür revanchieren, dass die Burschen seine eigene Mahlzeit gestört haben. Wie dem auch sei, jedenfalls hat er die armen Menschenfresser schon bald über den Jordan geschickt und kann sich stattdessen dem "Weibchen" ("Female") widmen. 
Während Etna einen Monolog über die Tugenden sexueller Gewalt -- "Play with her. What else is she good for? ... Have your way with her. Take her. She is yours ... Don't treat the woman so gently." -- und die göttergegebene Geschlechterordnung -- "The female is stupid ... The female has to obey her master ... She must fulfill you and bear the fruit that is called children" -- hält, beginnt unser Muskelmann die von ihm "Befreite" mit all der Grazie eines unerfahrenen Teenagers zu betatschen. Aber schließlich ist er Thor der Eroberer, und so geht diese nur gar zu willig auf seine ungeschickten Annäherungsversuche ein. 
Am nächsten Morgen wird sie von einem zufällig in die Höhle gestolperten Kannibalenkrieger getötet, was jedoch kein großer Verlust ist, hat sie doch ihre Aufgabe erfüllt. Denn nun nachdem Thor zum ersten Mal einen Mann erschlagen und eine Frau gevögelt hat, ist es an der Zeit, dass er hinauszieht und seine Bestimmung erfüllt. So sieht das jedenfalls Etna.

Ich denke, man wird verstehen können, warum mir an dieser Stelle erste ernsthafte Zweifel daran kamen, dass es eine kluge Wahl gewesen sei, den Abend mit diesem Flick einzuläuten. Nur die vage Hoffnung, im weiteren Verlauf der Handlung werde Thor schließlich zu der Erkenntnis gelangen, dass sein Ziehvater ein perverser alter Chauvi ist, ließ mich mein fehlgeleitetes Abenteuer fortsetzen. 
Und tatsächlich kehrte der Film erst einmal in unterhaltsam trashige B-Movie - Gefilde zurück. Nach einem denkbar inkompetent choreographierten Kampf gegen einen axtschwingenden Pseudo-Ork wird der gute Thor des nachts von beunruhigenden Visionen gequält, die die Gestalt bizarrer Masken und einer drittklassigen Geisterbahn entflohener Skelette annehmen. Sollte dies das Werk der bösen Hexe sein, die Etna in einem seiner Kommentare erwähnt hatte? {Die Antwort ist nein.} 
Doch dann betritt unser "Held" das Reich der "Kriegerjungfrauen". Kaum war dieses Wort gefallen, da schwante mir auch schon übles. Doch es sollte so viel übler kommen, als ich mir selbst in meinen traurigsten Fantasien hätte vorstellen können ..
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Dass die Helme der drei Amazonen, mit denen es Thor alsbald zu tun bekommt, aussehen wie zweckentfremdete Körbe, entlockten mir zuerst ein kurzes Kichern. Doch das Lachen sollte mir schon bald gründlichst vergehen. Zwei der Kriegerinnen finden rasch den Tod. Die dritte wird von unserem "Helden" erst entwaffnet, dann vergewaltigt.
Anders als im Fall der namenlosen Gefangenen versucht der Film hier nicht, den Akt sexueller Gewalt irgendwie zu beschönigen. Ina (Mari Romano) wird nicht von Thors "rauer Männlichkeit" überwältigt und gibt sich ihm hilflos hin {was übel genug wäre}, sie wird ohne Frage vergewaltigt. Die Szene schließt mit ihren angsterfüllten Schreien.

An diesem Punkt überkam mich physische Übelkeit. Ich hatte mir ein bisschen eskapistischen Schlock-Spaß erhofft, und stattdessen das. Ich stoppte den Film. Warum sollte ich mich weiter mit solch widerlichem Mist herumquälen? Doch schließlich entschied ich mich dazu, die zweite Hälfte von Riccis erbärmlichem Sword & Sorcery - Machwerk zumindest oberflächlich und unter intensiver Nutzung der "Fast Forward" - Taste in Augenschein zu nehmen. Und soviel sei gesagt: Es wird nicht wirklich besser. Ina verwandelt sich schon bald in Thors unterwürfiges "Weibchen", das jedem Befehl ihres "Herrn" gehorcht, wenn sie nicht gerade in stummer Verehrung neben ihrem Vergewaltiger auf dem Boden kniet. Der Krieger selbst schwingt sich zum Herrscher über ein Volk "verweichlichter" Männer auf und bekommt als Anzahlung für seine königlichen Dienste von diesem eine blonde Jungfrau ins Bett gelegt. {Was Ina übrigens völlig okay findet.} Der böse Gnut kreuzt wieder auf und wird nach einigem sinnlosen Hin und Her von unserem "Helden" abgemurkst. Ina gebärt Thor einen Sohn. Das Ende -- unterlegt mit erneutem pathetischem Gelaber von Etna, dessen größter Beitrag zum "glücklichen" Ausgang der Geschichte im Herbeizaubern eines Pferdes besteht.

Was bleibt mir zu sagen? Thor Il Conquistatore ist trotz einiger wundervoll trashiger Momente ein zutiefst abstoßendes Machwerk. Ich gehe davon aus, dass Drehbuchautor Tito Carpi seine Kenntnis der Sword & Sorcery in erster Linie aus John Normans Gor - Büchern bezogen hat. Oder vielleicht war er bloß ein ebenso sexistischer und untalentierter Schreiberling wie der olle Norman. Was mich unglücklicherweise daran erinnert, dass ich im Laufe dieser Serie irgendwann auch Fritz Kierschs Gor-Adaption aus dem Jahre 1987 werde besprechen müssen. May God have mercy on our souls!

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