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Montag, 5. Mai 2014

"Didn't I mention it? We are Vampire Hunters - professional Vampire Hunters."





Es gibt nur sehr wenige Fernsehserien, denen ich eine ähnlich große Liebe entgegenbringe wie den Avengers {was selbstredend nur bis zum Ausstieg von Diana Rigg 1968 gilt}. Schon allein deshalb gebührt Brian Clemens ein ganz besonderer Platz in meinem Herzen, war er doch das kreative Hirn hinter den Abenteuern von John Steed und Cathy Gale bzw. Emma Peel. Das lässt in meinen Augen selbst seine spätere Mitarbeit an Highlander II (1991) verzeihlich erscheinen ...

Seit Mitte der 50er Jahre war Clemens einer der fest angestellten Drehbuchschreiber der Danzinger Brüder, die unzählige billige B-Movies und Fernsehserien für ITV produzierten. Aus seiner Feder stammten u.a. Folgen von Mark Saber, Man from Interpol, Richard the Lionheart, White Hunter, H.G. Wells' Invisible Man und Sir Francis Drake. Sein größter Beitrag zum britischen Fernsehen vor den Avengers dürfte in seiner Mitarbeit an Danger Man bestanden haben, der Agentenserie mit Patrick McGoohan, dem späteren Hauptdarsteller von The Prisoner {in welchem manche eine Art inoffizielle Forsetzung von Danger Man sehen wollen} ...
1961 verfasste Clemens das Drehbuch für die Avengers-Pilotfolge Hot Snow und zeichnete im Laufe der nächsten acht Jahre für insgesamt siebenundzwanzig Episoden der Serie verantwortlich. Er war es, der 1965 Diana Rigg als Nachfolgerin von Honor Blackman castete. Er selbst kommentierte dies später allerdings einmal wie folgt: "I didn't do Diana a very good service. It made her an international star but I think I could have done more for her as far as the script was concerned. She was rather a stooge to Patrick Macnee's Steed." Eine Einschätzung, der ich mich nicht recht anzuschließen vermag, war Emma Peel für mich doch stets Steeds gleichberechtigte Partnerin, die sich ihm in mancherlei Belangen sogar oft als überlegen erwies. Die Entscheidung, 1968 Linda Thorson als Tara King die Nachfolge von Mrs. Peel antreten zu lassen, ging übrigens nicht auf das Konto von Clemens. Was mich irgendwie beruhigt ...

Zu Beginn der 70er Jahre stellte Brian Clemens sein Talent für kurze Zeit in die Dienste des "House of Hammer". Die große alte Brit-Horror-Schmiede versuchte dem sich allmählich abzeichnenden Niedergang des Genres nicht allein durch etwas mehr explizite Gewalt und nackte Brüste, sondern auch durch etwas originellere Auseinandersetzungen mit überkommenen Stoffen und Motiven entgegenzuwirken. Die Drehbücher dazu stammten oft aus der Feder von Autoren, die nicht zu Hammers altem Stab gehörten, wie Tudor Gates, der die sog. Karlstein-Trilogie (The Vampire Lovers [1970], Lust for a Vampire [1971], Twins of Evil [1971]) kreierte, AIPs Christopher Wicking, der für Blood from the Mummy's Tomb (1971), Demons of the Mind (1972) und To the Devil a Daughter (1976) verantwortlich zeichnete, oder Don Houghton, der mit Dracula A.D. 1972 (1972), The Satanic Rites of Dracula (1973) und The Legend of the 7 Golden Vampires (1974) das letzte Kapitel in der langen Hammer-Karriere des Grafen verfasste. Clemens kurze Zusammenarbeit mit dem Studio muss vor diesem Hintergrund gesehen werden. 
Zuerst verfasste er das Drehbuch zu Dr. Jekyll and Sister Hyde (1971), einer von ihm selbst koproduzierten und unter der Regie von Roy Ward Baker gedrehten Variante der klassischen Robert Louis Stevenson - Story, die es meiner Meinung nach durchaus verdient, dass man ihr anderthalb Stunden widmet. Bei seinem zweiten Projekt – dem 1972 gedrehten, aber erst 1974 in die Kinos gelangten Captain Kronos - Vampire Hunter  – nahm Clemens dann zum ersten und einzigen Mal selbst auf dem Regiestuhl Platz.

    

Wie ich seinerzeit in meiner Besprechung des Films beschrieben habe, enthält Dr. Jekyll and Sister Hyde einige recht interessante Ideen und Motive, auch wenn diese nicht konsequent durchgearbeitet und umgesetzt worden sind. Vergleichbares lässt sich über Captain Kronos nicht sagen. Am ehesten noch könnte man behaupten, das zentrale Thema des Filmes sei die Gier nach Jugend und Schönheit, doch anders als etwa Peter Sasdys Countess Dracula (1971) weiß der Streifen nichts wirklich interessantes mit diesem Thema anzufangen. Eine richtige Schwäche ist das allerdings nicht, denn Clemens zielte offenbar in eine ganz andere Richtung. Der besondere Charme seines Filmes besteht darin, dass er Zutaten aus verschiedenen Genres zu einem unterhaltsamen und abenteuerlichen Ganzen verrührt.
BFI Screenonline beginnt seinen Eintrag zu Clemens mit folgender Einschätzung: "The remarkably prolific television career of Brian Clemens is almost the history of the action-adventure genre of British television." Und genau so ein "action-adventure" präsentiert er uns auch mit Captain Kronos. Die Grundlage bildet dabei der klassische Hammer - Horror mit seinem phantastischen "Mitteleuropa" einer vergangenen Epoche als Setting. Hinzu kommt ein winzig kleiner Schuss "Folk Horror" à la Blood on Satan's Claw (1971) oder Cry of the Banshee (1970) sowie eine sehr viel größere Portion Spaghettiwestern. Garniert wird das Ganze mit einer ordentlichen Ladung Mantel- und Degenfilm. Alles zusammen ergibt das ein ausgesprochen wohlschmeckendes Gericht, in dem man freilich nach keinem tiefgründigen "Subtext" suchen darf.

Kim Newman beschreibt in Nightmare Movies das Grundkonzept des klassischen Brit-Horrors wie folgt:
Hammer Horror treats the 'normal' charcters and the audience as innocent bystanders caught in a private battle between the forces of Good and Evil as represented by the Savant and the Monster. [...] Dr Van Helsing, Peter Cushing's fearless vampire killer in Dracula, is the original savant, [...] an elderly mystic, steeped in arcane knowledge, apparently rational, but with an Old Testament streak of 'vengeance is mine' fundamentalism.*
Captain Kronos bricht nicht grundsätzlich mit diesem Konzept, verändert es aber doch in einigen wichtigen Punkten. Die Van Helsing - Figur ist nicht länger der Hauptheld, sondern wird in Gestalt des buckligen Professors Hieronymus Grost (John Cater) in die Rolle des Sidekick abgedrängt. Im Zentrum steht mit dem ehemaligen habsburgischen Offizier Kronos (Horst Janson) kein Gelehrter oder Mystiker, sondern ein Haudegen und Soldat. Ohne das okkulte Wissen seines Freundes hätte er zwar keine Chance gegen die Untoten, doch ebensowenig würde dessen Wissen ohne seine überragenden Fechtkünste zum gewünschten Erfolg führen. Auch sind die beiden nicht bloß "vampire killers" wie der gute Van Helsing, sie sind "vampire hunters", und sie bezeichnen sich selbst als solche. Sie sehen es als ihre Berufung und Pflicht an, kreuz und quer durch die Lande zu ziehen, stets auf der Jagd nach den verhassten Blutsaugern. 
Diese Ruhelosigkeit halte ich für eines der erwähnten Westernelemente. Der von persönlichen Rachegefühlen getriebene Kronos, der nirgends länger zu bleiben vermag und keine dauerhaften Beziehungen {etwa zu der von der wunderbaren Caroline Munro gespielten Carla} einzugehen versteht, erinnert mich doch sehr stark an viele der Helden des Italowesterns à la Django & Co. Dazu passt auch sehr gut die Sequenz in der Dorfschenke, wenn Kronos drei von seinen Feinden angeheuerte Schurken ohne mit der Wimper zu zucken in Sekundenschnelle aufschlitzt. Das ist eindeutig eine Saloon-Szene, nur dass der Revolver hier durch die Klinge ersetzt worden ist.
Das Mantel- und Degen - Element ist sehr viel offensichtlicher. Welcher andere klassische Vampirfilm endet mit einem langwierigen Fechtduell zwischen dem Helden und seinem untoten Widersacher?

Wenn Captain Kronos überhaupt eine echte Schwäche besitzt, so ist es sein Hauptdarsteller. Horst Janson war dem deutschen Publikum damals in erster Linie als Trapez-Künstler Sascha Doria aus der ARD-Serie Salto Mortale bekannt. Seine Kinokarriere hatte 1959 als Morten Schwarzkopf in Die Buddenbrooks begonnen. Internationale Bekanntheit hatte er u.a. in der Rolle Leutnant Neuchls – des von seinen "Kameraden" als "schwulem Schwächling" verachteten Offiziers in Lamont Johnsons The McKenzie Break / Ausbruch der 28 (1970) – gewonnen. Als Kronos gibt Janson zwar eine durchaus passable Leistung ab, bleibt für einen echten Helden aber doch etwas blass. Vor allem John Carson als Dr. Marcus und Caroline Munro als Carla verfügen über ein sehr viel größeres Charisma.     

Viel mehr habe ich über Brian Clemens Vampirflick eigentlich nicht zu sagen. Erwähnt sei bloß noch die grandiose Szene, in der unsere Helden unterschiedliche Tötungsmethoden an Kronos' vampirifiziertem Freund Dr. Marcus ausprobieren, um herauszufinden, auf welche Art diese spezielle Sorte von Vampir zur Strecke gebracht werden kann. Wunderbar makaber ...


* Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of  the Horror Film, 1968-88. S. 13.

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