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Donnerstag, 17. April 2014

Vampire in Amerika (VI): "Scream, Blacula, Scream"

1971 leiteten Melvin Van Peebles Indie-Streifen Sweet Sweetback's Baadasssss Song und Gordon Parks' von MGM produzierter Actionflick Shaft die Blaxploitation-Welle ein, die bis zum Ende des Jahrzehnts anhalten sollte. American International Pictures witterten sogleich die gewinnträchtigen Möglichkeiten, die das neue Genre eröffnete, und produzierten in den nächsten fünf Jahren knapp zwanzig derartiger Streifen, wobei sie mit Filmen wie Coffy (1973), Foxy Brown (1974), 'Sheba, Baby' (1975) und Friday Foster (1975) entscheidend dazu beitrugen, Pam Grier neben Tamara Dobson (Cleopatra Jones) zu einer der Königinnen des Blaxploitation-Kinos zu machen. Zu AIPs allerersten Einträgen in das Genre hatte allerdings der 1972 in die Kinos gelangte Blacula gehört. Die Idee, einen Mix aus Blaxploitation und Post-Yorga-Vampirflick zu drehen, mag erst einmal reichlich absurd wirken {und bei Lichte betrachtet ist sie das natürlich auch}, aber der Streifen spielte über eine Millionen Dollar ein, und wer wollte angesichts einer solchen Summe das Konzept noch groß in Frage stellen? Kein Wunder also, dass das Publikum im Jahr darauf nicht nur in den Genuss einer solchen Kuriosität wie Blackenstein kam, sondern auch mit einem Sequel zu Blacula beglückt wurde: Scream, Blacula, Scream.



Das Blaxploitation-Kino hat mich ehrlich gesagt nie besonders stark angesprochen. Zugegebenrmaßen ist meine Kenntnis des Genres eher beschränkt. Außer der Shaft - Trilogie und ein paar der bekannteren B-Movies wie Cleopatra Jones und Foxy Brown habe ich keinen der Filme gesehen. Aber es hat mich auch zu keiner Zeit gereizt, mein Wissen in dieser Hinsicht groß weiter auszubauen. Ja, die paar Flicks, die ich gesehen habe, waren funky, recht bunt und lebendig, vielleicht sogar ein bisschen rebellisch, aber trotzdem haben sie mir nicht viel gegeben. Auch habe ich mich nie Leuten wie Mark Rahner anschließen können, die glauben, Blaxploitation sei "the most empowering film genre in black history" gewesen. Ich habe eher das Gefühl, dass das Genre zahlreiche alte Stereotypen und Klischees über Schwarze unverändert übernommen und bloß "positiv" umgedeutet hat.. Mein Eindruck des Ganzen ließe sich am besten vielleicht so zusammen fassen: Das Ghetto ist immer noch da, aber das Ghetto ist jetzt plötzlich cool.

Doch lassen wir diese allgemeinen Überlegungen {für die ich – wie gesagt – ohnehin nicht wirklich qualifiziert bin} einmal beiseite. Wie steht es konkret um das zweite Abenteuer des untoten afrikanischen Fürsten Mamuwalde im Los Angeles der 70er Jahre?
Nun ja ... es gibt zwei Gründe, warum Scream, Blacula, Scream ein Film ist, den man zwar nicht unbedingt gesehen haben muss, der aber doch für einen leidlich unterhaltsamen Abend sorgen kann. Und diese beiden heißen William Marshall und Pam Grier.

Trek-Fans wie ich werden Marshall vermutlich zum ersten Mal in seiner Rolle als Dr. Richard Daystrom aus der TOS-Episode The Ultimate Computer kennengelernt haben, doch der 1924 in Gary/Indiana geborene Schauspieler war ein wirklich bemerkenswerter Künstler und alles andere als ein typischer Exploitation-Darsteller oder bloßer TV-Mime. Nach seiner Ausbildung am Actors Studio, dem American Theatre Wing und Sanford Meisners Neighbourhood Playhouse, hatte er 1944 sein Broadway-Debüt in Carmen Jones, Oscar Hammersteins Verpflanzung der Bizet-Oper in das afroamerikanische Milieu der Weltkriegszeit. gegeben 1951 übernahm er als "De Lawd" in einer Inszenierung von Marc Connellys The Green Pastures erstmals eine Hauptrolle. Zwei Jahre später stand er zum ersten Mal als Othello auf der Bühne, eine Rolle, die er im Laufe seiner Karriere mindestens sechsmal spielen sollte, und die ihm die Bewunderung zahlreicher Theaterliebhaber einbrachte. Der bekannte britische Kritiker Harold Hobson erklärte ihn zu "the best Othello of our time" und schrieb in der Sunday Times über seine Verkörperung des Mohren von Venedig:
...nobler than [Godfrey] Tearle, more martial than [John] Gielgud, more poetic than [Frederick] Valk. From his first entry, slender and magnificently tall, framed in a high Byzantine arch, clad in white samite, mystic, wonderful, a figure of Arabian romance and grace, to his last plunging of the knife into his stomach, Mr Marshall rode without faltering the play's enormous rhetoric, and at the end the house rose to him
William Marshalls künstlerischer Werdegang war aufs engste verknüpft mit den sozialen Kämpfen der Bürgerrechtsbewegung und dem damit verbundenen Ringen um ein neues schwarzes Selbstbewusstsein. Wie seine langjährige Freundin Anita Rutzky erzählt hat, zeichnete er sich vor allem durch "his devotion and interest in the presentation of great black leaders of the past" aus: "He wanted the world to hear them because they weren't in the textbooks." Marshalls vielleicht bedeutendster Beitrag in dieser Hinsicht war seine Verkörperung des großen Abolitionisten Frederick Douglass in dem 1983 ausgestrahlten Fernsehfilm  Frederick Douglass: Slave and Statesman, den er selbst koproduziert hatte. Anschließend kreierte er eine Bühnenfassung, mit der er über ein Jahrzehnt lang in zahlreichen Theatern der USA auftrat. "That was the theme of his work", wie seine Lebensgefährtin Sylvia Jarrico, die Exfrau von Drehbuchschreiber Paul Jarrico (einem der Opfer der Schwarzen Listen), erklärt hat.
Hollywood gab William Marshall nie so recht die Möglichkeit, sein Talent auch auf der Leinwand voll zu entfalten. Rollen wie die eines Rebellen im revolutionären Haiti in Jean Negulescos Lydia Bailey (1952) oder eines "Mau-Mau" - Anführers* in Richard Brooks' Something of Value (1957) mögen seinen eigenen Anliegen zumindest ein wenig entgegengekommen sein, doch eine echte Kinokarriere blieb ihm stets verwehrt. Tatsächlich dürfte Blacula/Mamuwalde seine mit Abstand bekannteste Filmrolle gewesen sein.
Interessanterweise berichtet Simone M. Sebastian in ihrem Nachruf auf den Schauspieler, Marshall sei ein erklärter Gegner des Blaxploitation-Films gewesen. Unwahrscheinlich ist das nicht, vertraten viele schwarze Bürgerrechtsorganisationen wie die NAACP und die Southern Christian Leadership Conference doch ganz dieselbe Ansicht und gründeten sogar eine offizielle "Coalition Against Blaxploitation". Kein Wunder also, dass Marshall das Angebot von AIP, einen "schwarzen Dracula" zu spielen, Sylvia Jarrico zufolge erst einmal als Witz auffasste. Erst nachdem das Drehbuch seinen Vorstellungen gemäß umgearbeitet worden war, zeigte er sich bereit, die Rolle zu übernehmen. Es war Marshalls Idee, aus dem Vampir einen ehemaligen afrikanischen Fürsten zu machen, der in seinem Kampf gegen den Sklavenhandel die Hilfe Draculas erbittet, von dem transsylvanischen Rassisten stattdessen jedoch gedemütigt und in einen Untoten verwandelt wird.

Diese Hintergrundsgeschichte spielt im Sequel Scream, Blacula, Scream zwar keine so große Rolle mehr, doch erneut verleiht William Marshall seinem Vampir eine Würde und Ernsthaftigtkeit, wie man sie in einem Flick dieser Art eigentlich nicht erwarten würde. Beinahe bekommt das Gefühl, die Verachtung, die Blacula-Mamuwalde all den mehr oder weniger lächerlichen Gestalten, mit denen er sich im Verlaufe der Handlung herumschlagen muss, entgegenbringt, sei eine Widerspiegelung der Verachtung, die Marshall für die klischeehaft gezeichneten Figuren empfunden haben muss, die diesen in vielem halt doch typischen Blaxploitation-Film bevölkern.
Dass ihm anders als im ersten Blacula-Streifen dabei Pam Grier zur Seite gestellt wurde, reicht allein schon aus, um Kim Newmans Urteil, dies sei der bessere der beiden, zu rechtfertigen. Zwar darf Grier hier keine ihrer kultigen Kickass-Heldinnen à la "Coffy" Coffin oder Foxy Brown spielen, doch ihr starkes Charisma und ihre lebendige Ausstrahlung bleiben ihr auch in der Rolle der Voodoo-Priesterin Lisa Fortier erhalten.
Aber selbst die besten Schauspieler und Schauspielerinnen können aus einem mittelmäßigen Drehbuch kein cineastisches Meisterwerk machen. Und das Material, mit dem Marshall und Grier hier arbeiten mussten, war wirklich alles andere als großartig. Dabei ist die Grundidee von Scream, Blacula, Scream gar nicht einmal so uniteressant. Der wiedererweckte Blacula sehnt sich danach, vom Fluch des Vampirismus befreit zu werden, und sucht deshalb die Hilfe von Lisa Fortier. Leider jedoch erlaubt das Drehbuch Marshall nicht, die innere Zerrissenheit des Untoten auf glaubhafte Weise darzustellen. Wenn Mamuwalde Lisa sein Herz ausschüttet,  bekommen wir zwar zu hören, dass es ihn quäle, regelmäßig zu einer blutgierigen Bestie zu werden, doch wir haben diesen seelischen Konflikt im Verlaufe des Filmes nicht zu sehen bekommen. Im Grunde präsentiert uns dieser zwei völlig unterschiedliche Charaktere. Den brutalen Blacula, der reihenweise Leute tötet und in Vampire verwandelt, und den leidenden Mamuwalde, der sich nach Erlösung sehnt und in seine afrikanische Heimat zurückkehren will. Zwischen den beiden besteht keine wirkliche Verbindung. Zu keinem Zeitpunkt wird uns anschaulich das Gefühl vermittelt, dass der Vampir seine Bluttaten tatsächlich bereuen würde. Und damit verliert auch das große Finale, in dem Mamuwalde offenbar endgültig zu einer tragischen Figur gemacht werden sollte, seine dramatische Wirkung. Der Zuschauer wird den untoten Fürsten nicht wirklich bemitleiden können, wenn ihm dieser nicht durch die vorangehende Handlung sympathisch gemacht worden ist.
Von dieser zentralen Problematik einmal abgesehen, gibt es nur wenig über Scream, Blacula, Scream zu berichten. Der Film enthält einige neckische Szenen, so etwa, wenn der eitle Willis, der Mamuwalde wiedererweckt hat, entsetzt darüber ist, dass er sich als Vampir nicht mehr im Spiegel sehen und kontrollieren kann, ob seine coolen Klamotten auch richtig sitzen. Der für Blaxploitation-Filme übliche "sozialkritische" Kommentar am Rande fällt hingegen eher peinlich aus. Auf L.A.s nächtlichen Straßen begegnet Blacula einer schwarzen Prostituierten, deren Annäherungsversuche er brüsk zurückweist. Kurz darauf tauchen die beiden gleichfalls schwarzen Zuhälter des Mädels auf, und unser Vampir killt sie, nachdem er ihnen erklärt hat, sie seien immer noch "Sklavennaturen", die sogar ihre eigenen "Schwestern" ausbeuten würden. Sorry, aber in meinen Augen wirkt das nicht wie eine ernstzunehmende Kritik an sozialen Missständen, sondern wie das schamlose Anbiedern an die rebellische Geisteshaltung der schwarzen Jugend jener Zeit, mit dem Ziel, dieser ein paar ihrer nicht gerade im Überfluss vorhandenen Dollars aus der Tasche zu locken.

Alles in allem ist Scream, Blacula, Scream in meinen Augen zwar ein leidlich unterhaltsamer Streifen. Dennoch frage ich mich, warum ein Mann wie William Marshall bereit war, in diesem Sequel mitzuwirken. Na ja, ich nehme mal an, auch er musste sich irgendwie seine Brötchen verdienen ..


*Als "Mau-Mau" bezeichnete die britische Regierung alle, die sich an dem antikolonialen Aufstand der Kikuyu im Kenia der 50er Jahre beteiligten, um auf diese Weise das Bild einer Horde primtiver Wilder in der westlichen Öffentlichkeit zu evozieren. Die Mitglieder von LFA (Land Freedom Army) und KCA (Kikuyu Central Association) nannten sich selbst nie so.

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