Seiten

Samstag, 23. März 2013

Oz in Trümmern

In ihrer vorige Woche präsentierten Besprechung von Oz the Great and Powerful ziehen die Jungs von RedLetterMedia zum Vergleich den 1985 in die Kinos gelangten Streifen Return to Oz heran, wobei dieser in ihren Augen sehr viel besser abschneidet, als Sam Raimis neuer Blockbuster. Und in der Tat, muss ein Kinderfantasyfilm, der von den Kritikern seinerzeit mit Argumenten wie "Children are sure to be startled by the film's bleakness", "Dorothy's friends are as weird as her enemies" und "It's bleak, creepy, and occasionally terrifying" verrissen wurde, nicht in Wirklichkeit klasse sein? Auf jedenfall war mein Interesse geweckt. Und da mir kürzlich der gute alte Bekannte Schlaflosigkeit wieder einmal einen Besuch abstattete, entschied ich mich Montag Morgen um Halbzwei dazu, mir den Film selbst einmal anzuschauen.

Vorausschicken sollte ich wohl, dass ich in Sachen Oz nicht sonderlich bewandert bin. Mit Ausnahme von The Wonderful Wizard of Oz – den ich sehr mag – habe ich keins von L. Frank Baums Büchern gelesen, und die berühmte Filmadaption von 1939  ist mir wenn überhaupt, so höchstens in meinen Kinderjahren einmal unter die Augen gekommen. Inwieweit der Streifen dem Geist der literarischen Vorlage nahekommt und wie seine Beziehung zu Victor Flemings Musicalklassiker, zu dem er eine Art Sequel darstellt, zu beurteilen ist, kann von mir deshalb nicht beantwortet werden. Ich habe ihn eher im Kontext der filmischen Fantasy der 80er Jahre gesehen. Vor allem an Jim Hensons Labyrinth (1986) musste ich mehr als einmal denken. 

Die Geschichte beginnt sechs Monate nach Dorothys Rückkehr aus Oz. Während Onkel Henry und Tante Em alle Hände voll zu tun haben, die immer noch vorhandenen Schäden des Wirbelsturms zu beheben, der das Mädchen in das Wunderreich entführt hatte, leidet diese offenbar unter schweren Depressionen. Sie sehnt sich verzweifelt danach, zu ihren Freunden nach Oz zurückkehren zu können, an dessen Existenz die Erwachsenen selbstverständlich nicht glauben. Henry und Em fürchten vielmehr, dass ihre Nichte geisteskrank zu werden droht, und bringen sie deshalb in das "Krankenhaus" von Dr. Worley, wo das Mädchen mittels einer Art Elektroschocktherapie "geheilt" werden soll. Während die verängstigte Dorothy auf ihre nächtliche "Behandlung" wartet und aus der Ferne die Schreie der anderen "Patienten" an ihr Ohr dringen, taucht plötzlich auf geisterhafte Weise ein mysteriöses blondes Mädchen auf, übergibt ihr einen Halloween-Kürbis und verschwindet wieder. Auf eine rollbare Bahre festgeschnallt wird Dorothy  in den Behandlungsraum gebracht. Doch gerade als ihr die Eletroden am Kopf befestigt werden, mit denen Hilfe "all diese unangenehmen Träume" aus ihrem Gehirn "gesaugt" werden sollen, schlägt der Blitz in das Krankenhaus ein, der Strom fällt aus, das blonde Mädchen taucht wieder auf und verhilft ihr zur Flucht hinaus in die Gewitternacht. Von Krankenschwester Wilson verfolgt, stürzen die beiden in einen reißenden Fluss und werden fortgeschwemmt. Dorothy wird ohnmächtig. Als sie wieder erwacht findet sie sich gemeinsam mit ihrem Lieblingshuhn Billina, das auf einmal sprechen kann, in Oz wieder. Doch das Zauberreich hat sich auf dramatische Weise verändert. Dort, wo sich während ihres ersten Besuches das Land der Munchkins befand, wächst nun ein unwegsamer Wald, die Yellow Brick Road ist verfallen und halb überwuchert, Emerald City liegt in Trümmern, und alle ihre Bewohner – einschließlich des Feigen Löwen (Cowardly Lion) und des Tin Woodman – sind zu Stein erstarrt. Die einzigen Lebewesen scheinen die unheimlichen und bösartigen Wheelers zu sein, die statt Händen und Füßen Räder besitzen. Schließlich jedoch findet Dorothy in dem mechanischen Soldaten Tik-Tok und Jack Pumpkinhead neue Freunde und Verbündete, mit deren Hilfe sie gegen die Hexe Mombi und den Nome King antritt, die für die Zerstörung von Oz verantwortlich sind.

Return to Oz ist der einzige Film, bei dem der vor allem als Cutter (u.a. für Apocalypse Now, The Godfather III und die restaurierte Fassung von Orson Welles' Touch of Evil) berühmte Walter Murch Regie führte. Es war seine Idee gewesen, eine neue Oz-Adaption zu schaffen, die sich durch einen ernsthafteren und dunkleren Ton von Victor Flemings farbenfrohem Klassiker unterscheiden sollte. Gemeinsam mit Gill Dennis schrieb er das Drehbuch, wobei die beiden Elemente aus L. Frank Baums The Marvelous Land of Oz und Ozma of Oz verwendeten.
Die Arbeit litt von Anfang an unter dem Druck der Studiobosse. Bei Walt Disney Pictures hätte man sich wohl lieber eine etwas "familienfreundlichere" Fassung gewünscht, und als die veranschlagten Kosten für die sehr aufwendige Produktion immer weiter stiegen, stoppte man das Projekt im November 1983. Die Arbeit konnte zwar fortgesetzt werden, nachdem das Budget auf 25 Millonen Dollar festgesetzt worden war, doch war der Ärger damit noch nicht ausgestanden. Es kam soweit, dass man Murch fünf Wochen nach Drehbeginn im März 1984 feuerte. Es ist vor allem der Intervention von George Lucas und anderen Filmgrößen wie Francis Ford Coppola, Philip Kaufman und Steven Spielberg zu verdanken, dass er auf den Regiestuhl zurückkehren konnte.
Musste sich Murch einerseits mit solch studiobedingten Widrigkeiten herumschlagen, so stand ihm andererseits ein beeindruckendes künstlerisches und technisches Potential zur Umsetzung seiner Vision von Oz zur Verfügung.
Mit der damals neunjährigen Fairuza Balk, die hier zum ersten Mal an einer Kinoproduktion mitwirkte, besitzt der Film eine ausgesprochen charismatische und talentierte Hauptdarstellerin, die Dorothy Gale als ein selbstbewusstes Mädchen spielt, ohne dabei altklug zu wirken. In der Rolle von Dr. Worley und dem Nome King brilliert der große britische Mime Nicol Williamson  – Fantasyfans vermutlich am ehesten als Merlin aus John Boormans Excalibur (1981) bekannt. Jean Marsh – die als Sara Kingdom in The Daleks Master Plan (1965) an der Seite des Ersten Doctors gekämpft hatte – gibt als Mombi eine wunderbar bösartige Hexe ab. Piper Laurie (The Hustler, Carrie, Twin Peaks) spielt Tante Em als eine leicht abgehärmte Farmersfrau, die angesichts der sehr handgreiflichen Probleme, mit denen die Familie zu kämpfen hat, wenig Geduld für Dorothys "Träumereien" aufbringt; was jedoch nicht bedeutet, dass sie das Kind nicht aus aus ganzem, Herzen lieben würde. Und Brian Henson schließlich, der Jack Pumpkinhead seine Stimme verleiht, beweist hier wie später in Labyrinth (als Hoggle) und The Storyteller (als Hund) sein großes Talent als Puppensprecher. Ohne ihn würde diese Figur, die über keinerlei Mimik verfügt, kaum eine so berührende und menschliche Tiefe besitzen.
Neben Schauspielerinnen & Schauspielern trägt vor allem die Tricktechnik zum besonderen Charme von Return to Oz bei. Wie ich immer wieder gern betone, bin ich ein großer Liebhaber der alten Kunst, mithilfe von Animatronics und Stop Motion eine phantastische Welt und ihre Bewohner auf der Leinwand zum Leben zu erwecken. Und in dieser Hinsicht ist Murchs Film ein wahres Fest, auch wenn sich die Budgetbeschränkungen an einigen Stellen deutlich bemerkbar machen. (So ist z.B. das Gesicht der Vogelscheuche entgegen ursprünglicher Planung zu beinah vollständiger Regungslosigkeit verdammt.)  Ungefähr zur selben Zeit wie Jim Hensons große Fantasywerke The Dark Crystal und Labyrinth entstanden, verfügt auch Return to Oz über den Zauber einer Ära, als Special Effects noch nicht jener pseudonaturalistischen und zugleich irgendwie unwirklichen Ästhetik gehorchten, die mit dem Triumph der CGIs Einzug in die Welt des Films gehalten hat. Neben den phantastischen Claymation-Sequenzen im Palast des Nome King, die auf das Konto von Meister Will Venton und seinem Team gehen, sticht vor allem Tik-Tok als eine besonders liebevolle Kreation der Trickkünstler hervor:


Hatte man ursprünglich beabsichtigt, einzelne Sequenzen in Sardinien und Algerien (die Tödliche Wüste/Deadly Desert), in der Nähe von Neapel (der Thronsaal des Nome King) und in der Hadriansvilla bei Rom (Mombis Palast) zu drehen, war man am Ende gezwungen, sich bei der Erschaffung von Oz ganz auf die Elstree Studios in London zu beschränken. Das Resultat ist um so beeindruckender.
Der Film lebt in hohem Maße von seiner eigenwilligen Darstellung des Zauberreiches. Statt dem kunterbunten Wunderland, das das breitere Publikum seit Victor Flemings Musical gewohnt war, mit ihm zu assoziieren, erweist sich Oz zu Beginn als ein düsterer und furchteinflößender Ort. Die lebensfeindliche Ödnis der Deadly Desert, die zerstörte und halb überwucherte Yellow Brick Road, die zu Ruinen zerfallene Emerald City – über ihnen alle liegt eine nachgerade postapokalyptische Atmosphäre. Wenn Dorothy die verlassene und in Trümmern liegende Hauptstadt zum ersten Mal aus der Ferne erblickt, erinnert das Panorama, das sich ihr darbietet, an entsprechende Szenen aus Beneath the Planet of the Apes (1970) oder Logan's Run (1976). Die grotesken Wheeler, die in den Ruinen ihr Unwesen treiben, verstärken diesen Eindruck noch mit ihrer zerlumpten, punkartigen Aufmachung:


Mombis Palast mit seinem dekadenten Prunk steht in deutlichem Gegensatz zu dieser Szenerie, wirkt darum aber nicht weniger unheimlich. Die Hexe selbst, die Köpfe wie Perücken austauscht, ist die wohl furchteinflößendste Gestalt des ganzen Films, und die Szene, in der Dorothy das "Pulver des Lebens" aus dem Kabinett stiehlt, in dem sich Mombis Originalkopf befindet, und daraufhin sämtliche Köpfe kreischend zum Leben erwachen, hat sicher so manchem Kind einen Schock fürs Leben verpasst:


In der düsteren Atmosphäre, die anfangs über Oz liegt, spiegelt sich sehr deutlich die alptraumhafte Realität von Dr. Worleys "Krankenhaus" wider. Dies ist keine bunte und fröhliche Phantasiewelt, in die sich Dorothy vor einer unangenehmen Wirklichkeit flüchten könnte, sondern ein Ort, an dem sie sich mit ihren eigenen Ängsten konfrontiert sieht. Die Kreaturen, gegen die sie kämpfen muss, sind ins Phantastische übertragene Erscheinungsformen derselben Menschen und Mächte, von denen sie sich auch in der realen Welt bedroht fühlt. Die quietschenden Räder der Wheeler beschwören das Bild der Bahre herauf, mit der Dorothy in den "Behandlungsraum" geschoben wurde; Mombis "echter" Kopf trägt die Züge von Krankenschwester Wilson; und der Nome King selbst gleicht dem Arzt bis aufs Haar.
Einige Leute stellen deshalb die Frage, ob Oz überhaupt wirklich existiert oder bloß eine Schöpfung von Dorothys Fantasie ist. Manche gehen sogar soweit anzunehmen, dass das Mädchen aufgrund von Dr. Worleys "Elektrotherapie" wahnsinnig geworden ist, und alles, was wir nach ihrem Anschluss an den Apparat des Arztes zu sehen bekommen, bloß noch ihre deliriumhaften Träume sind. Als Argument dafür könnte man ins Feld führen, dass der Stromausfall, welcher ihre Flucht ermöglicht, genau in dem Augenblick geschieht, in dem der Hebel umgelegt wird und der elektrische Strom durch ihr Hirn gejagt werden soll. {Ergeht es Dorothy also ähnlich wie Sam Lawry in Brazil?} Doch ich denke, dass man diese Frage gar nicht erst stellen sollte. Ebenso wie bei Jim Hensons Labyrinth oder Guillermo del Toros El Laberinto del Fauno ist es auch bei Return to Oz letztlich unwichtig, ob die phantastische Welt, in die die Protagonistin eintritt, wirklich existiert oder nicht. An den Ideen und Eindrücken, die der Film vermitteln will, würde sich nichts ändern, ganz gleich welche Antwort man gibt. Entscheidend ist allein, dass das Phantastische hier der Beleuchtung des Realen dient.
Was genau also ist es, wogegen Dorothy ankämpfen muss? Dr. Worley ist nicht einfach bloß ein sich besonders modern gerierender Quacksalber. Sein begeisterter Monolog über das anbrechende Zeitalter von Elektrizität und Wissenschaft, in dem Träume und Fantasie als bloße "Fehlfunktionen" des Gehirns erkannt und deshalb mit Leichtigkeit ausgemerzt werden könnten, macht deutlich, dass er der Repräsentant eines falsch verstandenen Materialismus und einer Kultur und Gesellschaft ist, in der Menschen ausschließlich "funktionieren" sollen. So wie der Nome King die Schönheit von Oz zerstört, will auch er all das Schöne vernichten, was nicht in sein funktionales Menschenbild passt.
Wenn Dr. Morley und der Nome King also die ultimativen Feinde von Fantasie und Schönheit sind, muss Dorothy ihrerseits lernen, ein Gleichgewicht zwischen Fantasie und Wirklichkeit herzustellen. Zu Beginn des Films kennt sie nur einen Wunsch: Nach Oz zurückzukehren. Auf die reale Welt von Kansas reagiert sie mit depressivem Desinteresse. Am Ende jedoch besitzt sie die Möglichkeit, dem Zauberreich von Zeit zu Zeit einen Besuch abzustatten, und wendet sich vielleicht gerade deshalb mit neugewonnener Lebensfreude der Realität zu. Freilich entwickelt sich diese "Lektion" nicht logisch aus den Ereignissen des Films, was eine seiner größten Schwächen darstellt.

Return to Oz war bei seinem Erscheinen 1985 ein großer kommerzieller Misserfolg, was u.a. dazu führte, dass Walter Murch kein zweites Mal die Chance erhielt, bei einem Kinofilm Regie zu führen. Ein echter Jammer! Nicht dass der Streifen perfekt wäre. Im Ganzen gesehen erreicht er auf keinenfall dasselbe Niveau wie The Dark Crystal oder Labyrinth. Doch auch wenn er den von einigen Leuten um ihn betriebenen Kult nicht rechtfertigt, ist er auf jedenfall ein sehr sehenswertes Beispiel für den Kinderfantasyfilm der 80er Jahre.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen