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Montag, 25. März 2013

Die Neun Pforten der Langeweile

Hatte ich allen Ernstes erwartet, The Ninth Gate könne sich beim dritten Anlauf urplötzlich in ein verborgenes Juwel verwandelt haben, oder warum hab ich mir diesen Streifen noch einmal angetan? Sicher, manche Filme können bei einer neuerlichen Betrachtung Qualitäten offenbaren, die einem bisher entgangen sind. Vielleicht war man beim ersten Mal einfach unaufmerksam oder nicht in der richtigen Stimmung. Doch ehrlich gesagt hatte ich eigentlich nie das Gefühl, dass dies bei den Neun Pforten der Fall sein könnte.  Der Grund, sich ihnen erneut zuzuwenden, dürfte hauptsächlichlich darin bestanden haben, dass es mir nach wie vor schwer fällt zu verstehen, wie ausgerechnet Roman Polanski einen so enttäuschenden Film hat drehen können.
In seiner Karriere hat es schon früher ab und an mal heftige Absacker wie Pirates (1986) oder Bitter Moon (1992) gegeben, aber im Ganzen betrachtet ist Polanski einer der wenigen Filmemacher, die über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg immer wieder faszinierende, einsichtsvolle, komplexe und unterhaltsame Werke geschaffen haben. Während andere Vertreter seiner Generation wie Bernardo Bertolucci oder Jean-Luc Godard schon seit geraumer Zeit lebenden Leichnamen gleichen, deren Existenz nur noch der Illustration des moralischen und intellektuellen Verfalls der einstigen 60er Jahre - Radikalen zu dienen scheint, ist er bis heute eine ausgesprochen interessante Künstlerpersönlichkeit geblieben. Vielleicht gerade weil er nie zu besagten Radikalen gehört hat und dem Avantgardismus der Nouvelle Vague immer schon äußerst skeptisch gegenüber stand. Meine Kenntnis seines Oeuvres ist freilich nicht lückenlos  mir fehlt sowohl der Anfang (von seinen polnischen Filmen bis Cul-de-sac [1966]) als auch das Ende (The Ghost Writer [2010] und Carnage [2011]) –, aber von den oben genannten Ausnahmen abgesehen, hat er mich bisher nie richtig enttäuscht. Frantic (1988) und Oliver Twist (2005) sind zwar keine wirklich inspirierten Werke, aber immerhin kompetent gemacht und einigermaßen unterhaltsam. Und auch ohne sie präsentiert sich uns immer noch eine verdammt imposante Gruppe von Filmen: The Fearless Vampire Killers (Tanz der Vampire [1967]), Rosemary's Baby (1968), Macbeth (1971), Chinatown (1974), Le Locataire (Der Mieter [1976]), Tess (1979), Death and the Maiden (1994), The Pianist (2002). Angesichts dessen finde ich es nicht verwunderlich, dass mich das Debakel von The Ninth Gate besonders wurmt.


Zweifelsohne habe ich schon haufenweise Filme gesehen, die sehr viel schlechter waren. The Ninth Gate gehört nicht zu jenen Machwerken, bei denen man laut schreien oder den Regisseur mit faulen Eiern bewerfen will. Vielmehr schlummert irgendwann die eigene Aufmerksamkeit ein, die Gedanken beginnen zu wandern, Frustration und Langeweile machen sich breit, und wenn das Ende schließlich erreicht ist, bleibt nichts zurück als ein eigentümlich hohles Gefühl, so als habe man gerade eine hübsch zubereitete, aber völlig geschmacklose Speise zu sich genommen.
Besonders ärgerlich daran ist, dass einige der Zutaten eigentlich richtig lecker klingen: Bibliotheken voller schöner, alter Bücher und kauziger Bibliophiler; ein mysteriöses Grimoire, das Illustrationen von Luzifers eigener Hand enthält; ein halb bedrohlich, halb lächerlich wirkender satanischer Geheimbund; eine geheimnisvolle Schöne, die tougher und wissender ist als der eher orientierungslose Held; und schließlich Johnny Depp als zynischer, nur am Geld interessierter "Buch-Jäger" Dean Corso. Sollte man daraus nicht etwas bekömmliches und schmackhaftes herstellen können? Sicher, das Material wäre kaum ausreichend gewesen, um einen ähnlich intelligenten und vielschichtigen Film wie Rosemary's Baby zu kreieren, doch ein  stimmungsvoller und spannender kleiner Okkult-Thriller wäre schon drin gewesen.
Woran genau also liegt es, dass The Ninth Gate auf so schmachvolle Weise scheitert?
Visuell hinterlässt der Streifen einen ziemlich positiven Eindruck: Satte Farben, schöne Bilder, atmosphärische Sets und Örtlichkeiten. Die unheimlichsten Szenen des ganzen Films sind einige Naheinstellungen von Emmanuelle Seigners Gesicht, das dabei einen wahrhaft satanischen Ausdruck annimmt. Ohne Frage, Polanski beweist einmal mehr, dass er es meisterlich versteht, die Kamera zu dirigieren. Und mit Darius Khondji, der u.a. bei Delicatessen und La cité des enfants perdus (Die Stadt der verlorenen Kinder) mitgewirkt hatte, stand ihm dabei ein sehr talentierter Kameramann zur Seite.
Doch auf Dauer reicht dies nicht aus, um das Interesse wachzuhalten. Das größte Problem ist, dass es dem Film völlig an Dynamik mangelt. Die Geschichte dümpelt vor sich hin, ohne uns je gefangenzunehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Logik des Ganzen nicht einmal der oberflächlichsten Betrachtung standhält. Sollen wir wirklich glauben, dass im Verlauf mehrerer Jahrhunderte niemandem die nicht gerade subtilen Abweichungen zwischen den drei Büchern aufgefallen sind? Und wozu braucht Boris Balkan Corso überhaupt noch, nachdem dieser sie entdeckt hat? Warum zahlt er ihn nicht einfach aus, sondern schickt ihn trotzdem noch zur Baroness Kessler? Warum drängt er sogar darauf, dass er diese ein weiteres Mal aufsucht, nachdem sie ihn bei seinem ersten Besuch vor die Tür gesetzt hat? Bezieht er ein perverses Vergnügen daraus, dass sein Handlanger den Mord an der alten Frau quasi miterlebt? Warum scheint die Polizei keinerlei Interesse für die Morde aufzubringen? Ist sie zu sehr damit beschäftigt, kleine Drogendealer und "illegale" Einwanderer zu verfolgen? Warum haben Pablo und Pedro Ceniza offenbar eine der Seiten aus den Neun Pforten herausgelöst und gegen eine Fälschung ersetzt, bevor sie es verkauften? Warum entwickelt Corso, der zu Beginn der Geschichte nicht an das Übernatürliche glaubt, plötzlich ein solches Verlangen danach, die neun Bilder selbst in die Hände zu bekommen, obwohl ihm deren okkulte Macht nie auf überzeugende Weise demonstriert wird? Warum hat sich die Geheimnisvolle Schöne, die auf der letzten Illustration als Hure Babylon zu sehen ist und die wir deshalb wohl für eine höllische Abgesandte halten müssen, ausgerechnet Corso als denjenigen ausgesucht, der würdig ist, die Neunte Pforte zu durchschreiten?
Bei all dem hilft es auch nicht gerade, dass Johnny Depp nicht einmal ernsthaft versucht zu haben scheint, dem von ihm gespielten Charakter echtes Leben einzuhauchen. Entsprechend gering ist mein Interesse an Corsos Schicksal. Schuld daran mag Polanskis Umgang mit dem Schauspieler gewesen sein. Er erklärte dazu später selbst: "He decided to play it rather flat, which wasn't how I envisioned it; and I didn't tell him it wasn't how I saw it". Doch denke ich, dass das Problem hier tiefer geht. Polanski wollte The Ninth Gate offenbar einen film noir - Touch verleihen, und Corso sollte dabei den Philip Marlowe abgeben. Doch fehlt dem Film all das, was die besten "Hard Boiled Detective" - Stories wirklich interessant macht. Diese leben nicht nur vom Charme ihrer Protagonisten, sondern vor allem von dem unverhüllten Blick, den sie auf eine von krasser Ungleichheit geprägte Gesellschaft werfen, hinter deren hübscher Fassade sich eine zutiefst verrottete Realität verbirgt. Davon losgelöst ist die Figur des zynischen Privatdetektivs bloß ein langweiliges Klischee. Das wirklich erstaunliche dabei ist, dass Polanski all dies bei Chinatown – dem vielleicht gelungensten "Remake" des film noir – vollkommen verstanden zu haben scheint. Wie bloß konnte er fünfundzwanzig Jahre später diesen Fehler begehen?

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