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Sonntag, 24. Februar 2013

Tall Tale oder poetisches Märchen ?

Es sind vor allem zwei Dinge, die ich an Catherynne M. Valente nach wie vor schätze. Zum einen der überbordende Lyrismus ihrer Sprache, auch wenn sie dabei stets in der Gefahr schwebt, ins Pompöse abzugleiten. Zum anderen ihr zugleich liebevoller wie kritischer Umgang mit Motiven aus Märchen und Mythos.
Nach einer kurzen Fanboy-Phase habe ich inzwischen allerdings ein etwas distanzierteres Verhältnis zu der Autorin entwickelt. Über einige der Gründe dafür habe ich hier vor längerer Zeit schon einmal berichtet. Hinzu kommt, dass die stereotyp feministische Ausrichtung ihrer Erzählungen irgendwann etwas langweilig wird, vor allem wenn man mehrere davon kurz hintereinander liest. Es wäre wirklich sehr erfreulich, wenn sie ihren Themenkreis einmal ein wenig ausweiten würde. Und von Deathless werde ich wohlweislich auch in Zukunft die Finger lassen, da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass Valente über das nötige historische Verständnis verfügt, um sich auf angemessene Weise künstlerisch mit der frühen Sowjetgeschichte auseinanderzusetzen. Auch scheint mir bei diesem Thema der "Mythpunk" - Ansatz besonders ungeeignet zu sein.

Nichtsdestoweniger lässt mich die Nachricht, dass ein neues Buch von ihr erschienen ist, immer noch aufhorchen. Ich werde es zwar kaum in absehbarer Zukunft in Händen halten können, doch dankenswerterweise präsentiert Tor.com seiner Leserschaft einen Auszug aus Six-Gun Snow White, so dass es möglich ist, einen ersten Eindruck von der Geschichte zu bekommen. Ganz glücklich bin ich nach der Lektüre jedoch leider nicht.

Die vorangestellte Zusammenfassung des Inhalts liest sich folgendermaßen: 
Valente’s adaptation of the fairy tale to the Old West provides a witty read with complex reverberations from the real world. Snow White is the daughter of a Crow woman abducted and forced into marriage by an unloving white magnate called only Mr. H. She gets her name in mockery, as white is "the one thing I was not and could never be." When her father remarries, Snow White’s glimpse into the second Mrs. H’s mirror suggests they share the yoke of female subservience, but the two are inevitably at odds – so the young woman dons a man’s clothes and, like Huck Finn, chooses the "Indian Territory" that so frightens Mr. H’s world. Enter a pursuing Pinkerton’s detective, a pony named Charming, seven kick-ass outlaw ladies, and a variety of showdowns as Snow White searches for meaning, love, and a semblance of belonging.
Eine solche Vermischung von Märchen- und Wildwestmotiven ist sicher nicht grundsätzlich unmöglich, aber sie erfordert großes sprachliches und erzählerisches Geschick, wenn sie nicht gekünstelt wirken soll. Der auf Tor.com wiedergegebene erste Teil von Six-Gun Snow White hat bei mir unglücklicherweise den Eindruck hinterlassen, dass Cat Valente dabei ihr eigener lyrischer Sprachstil im Wege gestanden hat, auch wenn dieser im Vergleich zu früheren Erzählungen deutlich zurückgenommen wirkt.  
Ihre Vorliebe für "auserlesene" Wörter, poetische Bilder und ungewöhnliche Metaphern passt sehr gut zu einer exotisch-phantastisch-märchenhaften Welt wie der der Orphan's Tales, in einer revisionistischen Wildwest-Story wirken solche Stilmittel eher fehl am Platze. Eine Orientierung am Vorbild der Tall Tales des alten Westens wäre da meiner Ansicht nach sehr viel stimmiger gewesen. Tatsächlich scheint mir Valente versucht zu haben, einige Elemente dieser genuin amerikanischen Form der "oral poetry" nachzuahmen.* Doch stehen daneben völlig unverbunden auch wieder Passagen wie die folgende:
He returned to his rooms to collect the bride gifts that would ensure her. Mr. H chose a gown like the sun to represent him. It sported a high bustle as was the fashion in the city, with sharp pleating at the skirt-hem and a neckline I would not wear if it were stitched in paper money. But the color did not recall the wholesome sun of spring. Its model was instead the terrible inferno of the sun itself, hanging in black space like a Utah ruby, erupting into eternity, pocked with lava.
Sätze wie der letzte wirken in diesem Kontext irgendwie unpassend und fast schon ein bisschen lächerlich. Durch das Einfügen "amerikanischer" Begriffe wie "Utah ruby" wird dieser Eindruck nicht abgeschwächt, sondern eher noch verstärkt. Auch hilft es wenig, dass Snow White die Erzählerin ihrer eigenen Geschichte ist. Aus ihrem Mund klingen Valentes stilistische Eigenheiten wie etwas, was sich das Wildwestmädchen aus irgendwelchen Büchern angelesen hat. So etwa in der Beschreibung des verhängnisvollen Spiegels ihrer Stiefmutter:
It was not like any of the mirrors Mr. H had brought over from Italy and France, with gold all over them and fat babies holding up the corners. It did not have any roses or lilies or ribbons cut out of silver. It was like a door into nothing. The glass did not show the buttery light of the house behind me. It did not show the forest or the meadows. It did not even show me. The glass was so full up of dark it looked like someone had tripped over the night and spilled it all into that mirror. The frame was wood, but wood so old and hard and cold it felt like stone. I reckoned if it came from a tree that tree was the oldest, meanest tree in a forest so secret not even birds knew about it. That tree saw dinosaurs and did not think much of them. I touched the mirror and my fingers went hot and cold, like candles melting.
The moon came on inside the mirror. I could see the craters and the mountains on it clear and true. But the night above my head was moonless as a sack of wool. I dropped the muslin but I did not scream. I do not scream generally or cry very much. But I can run powerful fast.
Ein nur wenige Seiten umfassender Auszug aus einem Buch kann selbstverständlich keine Grundlage für eine fundierte Einschätzung sein.  Auch findet sich neben solchen etwas irritierend wirkenden Passagen genug sprachlich wie inhaltlich Gelungenes und Charmantes, so dass sich jedes vorschnelle Urteil von selbst verbietet. Ein wenig ins Grübeln hat mich der erste Teil von Six-Gun Snow White dennoch gebracht. Dieser Text ist leider nicht der erste, der den Verdacht in mir schürt, dass Cat Valente ein wenig zu sehr in ihre eigene sprachliche Virtuosität verliebt ist. Auch denke ich, dass sich nicht jede Geschichte dazu eignet, im Stil eines poetischen Märchens erzählt zu werden. Unabhängig davon, ob man die traditionellen Märchenkonventionen dabei unterläuft oder nicht. Gespannt bin ich trotzdem darauf, ihr neuestes Buch einmal ganz lesen zu können.



* Zu den Autoren, die das Erbe der Tall Tales auf gelungene Weise für ihr Werk fruchtbar gemacht haben, darf neben den üblichen Verdächtigen wie Bret Harte und Mark Twain übrigens auch Robert E. Howard gezählt werden, wie dessen Biograph Mark Finn überzeugend dargelegt hat.

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