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Sonntag, 10. Februar 2013

Rache ist sauer

Revenge is sour ist der Titel eines kurzen Essays von George Orwell aus dem Jahre 1945, in dem dieser sich – ausgehend von seinen Erlebnissen im besiegten und besetzten Deutschland – Gedanken über die Unsinnigkeit und Unmenschlichkeit der Rache macht. Er erzählt darin, wie er zusammen mit einem Wiener Juden und Soldaten der US-Armee ein Gefangenenlager besucht. Dabei erlebt er, wie sein Begleiter – "an alert, fair-haired, rather good-looking youth of about twenty-five, and politically so much more knowledgeable than the average American officer that it was a pleasure to be with him" – einen der gefangenen SS-Offiziere mit Fußtritten malträtiert. Er bezweifelt weder, dass der Mann gute Gründe für seinen Hass hat – "very likely his whole family had been murdered" –, noch dass der betreffende Offizier für zahllose barbarische Verbrechen verantwortlich ist. Doch seiner Macht entkleidet ist der Nazi im Grunde bloß noch eine erbärmliche Kreatur  – abstoßend und beinahe mitleiderregend. Kann es wirklich Genugtuung bereiten, an diesem Menschen das eigene Verlangen nach Rache auszuleben?
I wondered whether the Jew was getting any real kick out of this new-found power that he was exercising. I concluded that he wasn't really enjoying it, and that he was merely – like a man in a brothel, or a boy smoking his first cigar, or a tourist traipsing round a picture gallery – TELLING himself that he was enjoying it, and behaving as he had planned to behave in the days he was helpless. [...]
[W]hat this scene, and much else that I saw in Germany, brought home to me was that the whole idea of revenge and punishment is a childish daydream. Properly speaking, there is no such thing as revenge. Revenge is an act which you want to commit when you are powerless and because you are powerless: as soon as the sense of impotence is removed, the desire evaporates also.
Einmal mehr beweist Orwell in diesem Essay Intelligenz, psychologische Einsicht und Menschlichkeit.

Und damit komme ich zum eigentlichen Thema: Der weitverbreiteten Begeisterung für Quentin Tarantino, die anlässlich von Django Unchained gerade mal wieder an allen Ecken und Enden hochkocht. Seit Kill Bill Vol. 1 (2003) kennen dessen Filme nämlich im Grunde nur noch ein einziges Thema: Das brutalst mögliche Ausleben von Rachefantasien. Ich finde es schwer verständlich, ziemlich traurig und auch ein bisschen beunruhigend, dass dieses Motiv offenbar so viele Menschen anzusprechen vermag.
Nun ist Tarantino zwar meine persönliche Bête Noire, mein filmerisches Feindbild par excellence, doch würde ich deshalb nicht leugnen wollen, dass er ein (in engen Grenzen) kompetenter Filmemacher ist. Mit Jackie Brown hat er sogar einen wirklich sehenswerten Streifen geschaffen.* Würde mir deshalb jemand erzählen, er oder sie liebe Tarantinos Filme aufgrund ihres zynischen Humors und des geschickten Spiels mit Genrekonventionen und -versatzstücken, hätte ich damit nicht wirklich ein Problem. Schließlich bin ich selber Liebhaber einer ganzen Reihe eher dubioser filmischer Machwerke. Ich würde mit meiner eigenen Ansicht über Tarantino zwar nicht hinter dem Berg halten, aber letztlich würde ich in einem solchen Fall nach der Maxime "Geschmäcker sind halt verschieden" handeln. Völlig anders sähe es allerdings aus, wenn mein Gesprächspartner behaupen wollte, die betreffenden Filme besäßen einen "progressiven" Inhalt. Meine Toleranz ist dann am Ende, wenn man mir einzureden versucht, Kill Bill sei ein "female empowerment"-, Inglorious Basterds ein antifaschistischer, Django Unchained ein antirassistischer Film.

Doch leider geschieht genau dies gar nicht so selten. Nehmen wir als Beispiel folgende Schlusspassage aus Simis Kritik von Django Unchained:
Amerika wird ungern an seine Sklavenhalterzeit erinnert, im Western war dieses Thema bisher inexistent. Tarantino dagegen spart nicht mit Szenen, die die Grausamkeit dieser Praxis illustrieren. Selbst sein Protagonist zögert nur kurz, als er zwischen dem Leben eines geflüchteten Sklaven und dem Ziel seiner Mission – der Befreiung Broomhildas – abwägen muss, und verhindert nicht, dass der Unglückliche von Hunden zerfleischt wird. Es ist gut möglich, dass Django Unchained in Tarantinos Heimat für einen ähnlich erfrischenden Schock sorgen wird wie Inglourious Basterds in Europa. Die Konstellation wäre durchaus vergleichbar, schliesslich inszeniert Tarantino in beiden Fällen einen düsteren historischen Stoff als brutale Farce, lässt die scheinbar Schwachen blutige Rache an ihren Peinigern nehmen.
Die einleitende Behauptung, "Amerika" (sprich die amerikanische Bevölkerung) sei im allgemeinen unwillig, sich mit der Sklavenhaltervergangenheit der USA auseinanderzusetzen, erscheint mir angesichts der Tatsache, dass beinahe zur selben Zeit Steven Spielbergs Lincoln Millionen in die Kinos gelockt hat, zumindest fragwürdig. Und dass das Thema im Western bisher "inexistent" gewesen sei, ist schlicht falsch. Unterrepräsentiert ja, aber es gibt da immerhin Filme wie Sydney Pollacks The Scalphunters (mit Burt Lancaster, Ossie Davis & Telly Savalas) oder Richard Wilsons Invitation to a Gunfighter (mit Yul Brynner).
Es ist offensichtlich, dass Simi ein Bild zu zeichnen versucht, vor dessen Hintergrund Tarantinos Streifen besonders "mutig" und "provokant" erscheinen muss. Völlig schleierhaft bleibt dabei jedoch, worin die positive Wirkung dieser "Provokation" eigentlich bestehen soll. Zum Vergleich zieht er den "erfrischenden Schock" heran, den Inglorious Basterds seinerzeit in Europa ausgelöst habe. Ich kann mich an einen solchen leider beim besten Willen nicht erinnern. Die Mehrheit der Filmkritiker und -kritikerinnen war wie immer begeistert, und dass das sadistische Spektakel irgendwie zum Verständnis des Faschismus oder des Kampfes gegen ihn beigetragen hätte, könnte doch wirklich nur jemand behaupten, der in sehr eigenartigen geistigen Sphären beheimatet ist.
Nicht viel anders verhält es sich bei Django Unchained. Simi schreibt, der Film spare "nicht mit Szenen, die die Grausamkeit der Praxis der Sklaverei illustrieren". Tatsächlich jedoch hat Tarantinos groteskes Schreckensszenario von "Candieland" ebenso viel oder wenig mit der historischen Realität der alten Südstaaten zu tun wie das peinliche Idyll von "Tara" in Margaret Mitchells & Victor Flemings Gone with the Wind. Wie soll das Bild einer von karrikaturenhaften Monstern bevölkerten Plantage, auf der bizarre "Gladiatorenkämpfe" veranstaltet und Schwarze regelmäßig zu Tode gepeitscht oder von Hunden zerfleischt werden, zu unserem Verständnis der Sklavenhalterordnung beitragen?** Das Sklaverei "böse" ist, haben wir auch vorher schon gewusst, und viel mehr wird uns hiermit nicht vermittelt. Genauer gesagt sind alle weiteren Schlussfolgerungen, die das Publikum aus dieser Darstellung ziehen könnte, irreführend und politisch reaktionär.
Springen wir für einen Moment von Simis Artikel zu einem Eintrag von "sad" auf dem Golem-Blog. Dort bekommen wir folgendes zu lesen: 
[D]er Plantagenkomplex Candyland [erscheint] als systematischer Zusammenhang menschenverachtender Verhältnisse, die keineswegs nur an Candie als Einzelperson gebunden sind, sondern auch die sich gegenseitig kontrollierenden Vasallen, Aufseher, Angestellten und natürlich den alten Haussklaven Stephen mit einschließen, der als Vertrauer Candies die gegebenen Herrschaftsstrukturen derart internalisiert hat, dass ihm ein nicht nur geringer Teil an deren Perpetuierung zukommt.
Schon zuvor hatte "sad" bewundernd von der "skurril-surrealen Inszenierung des amerikanischen Südens der Antebellum-Periode" gesprochen, in der "Grausamkeit und barbarische Brutalität [...]  als zivilisierte Gewalt jeden Winkel der gesellschaftlichen Realität" durchziehen. Für mich sieht das so aus, als übertrage er hier das von "linken" Modephilosophen wie Fredric Jameson entworfene Bild des "Spätkapitalismus" als einer Gesellschaft, in der die arbeitende Bevölkerung die Mechanismen des Systems so stark verinnerlicht hat, dass sie selbst zu dessen vielleicht wichtigster Stütze geworden ist, und alle Bereiche des menschlichen Lebens von der Macht des Warenfetischismus deformiert worden sind, auf die Sklavenhalterordnung des "Baumwollimperiums". Seine Absicht ist dabei vermutlich, Tarantinos Film eine Intelligenz und Tiefgründigkeit unterzuschieben, die dieser einfach nicht besitzt. Was er damit jedoch in Wirklichkeit erreicht, ist bloß, ungewollt offenzulegen, welch demoralisierte Sicht der Welt diesem "linken" Pseudoradikalismus zugrundeliegt.
Wer Django Unchained nicht durch die Brille "linker" Kulturtheorie betrachtet, wird nämlich kaum den Eindruck gewinnen können, die barbarischen Verhältnisse auf Candieland hätten irgendetwas mit "systematischen Zusammenhängen" und "internalisierten Herrschaftsstrukturen" zu tun. Er oder sie wird vielmehr einen Haufen abstoßender menschlicher Kreaturen vor sich sehen, deren summarisches Abschlachten im großen Finale ihm oder ihr höchste Genugtuung bereiten soll. Die Plantage steht damit weniger stellvertretend für eine bestimmte ökonomische und politische Ordnung als vielmehr für "die Welt", eine Welt, die fast ausnahmslos bevölkert wird von menschlichen Schweinen. Und die Helden des Ganzen sind bei Lichte betrachtet ebensolche Schweine. Wie Schultz ganz ausdrücklich erklärt: Die Welt ist ein schmutziger Ort und niemand kann in ihr saubere Hände behalten.

Dieses durch und durch zynische und pessimistische Menschen- und Weltbild bildet die Grundlage für die Glorifizierung der Rache, welche den eigentlichen Inhalt von Tarantinos Filmen ausmacht. Doch bevor ich auf diesen Themenkomplex etwas näher eingehe, halte ich es für angebracht, kurz innezuhalten, um klarzustellen, dass nichts von dem, was folgen wird, etwas mit Quentin Tarantinos bewussten künstlerischen Intentionen zu tun hat.
Simi führt in seinem Artikel u.a. Sam Peckinpah als eines der Vorbilder für Tarantinos Inszenierung von Gewalt an, und er ist beileibe nicht der einzige, der eine Verbindung zwischen diesen beiden Regisseuren zieht. Ich halte das für kurzsichtig und etwas unfair. Das Thema Gewalt übte auf Peckinpah zweifelsohne eine große Faszination aus. Aber in seinen besten Momenten ging es ihm nicht bloß darum, diese auf möglichst schockierende Weise in Szene zu setzen, er bemühte sich auch, eine Antwort auf die Frage zu finden, worin die gesellschaftlichen und psychologischen Wurzeln von Brutalität und Grausamkeit liegen. Ein Film wie Bring Me the Head of Alfredo Garcia lässt sich nur dann als ein direkter Vorläufer zu Tarantinos Gewaltgrotesken verstehen, wenn man dessen schwächste Seiten isoliert und bis zur letzten Konsequenz weiterentwickelt. Bei diesem Prozess muss alles, was Peckinpahs Werk tatsächlich sehenswert macht, unter den Tisch fallen. Denn machen wir uns nichts vor: Quentin Tarantino besitzt auch nicht das leiseste Interesse an realer Gewalt und den Umständen, die zu ihrer Entstehung führen. Seinen Filmen liegt keine Auseinandersetzung mit der echten Welt und den wirklichen Menschen zugrunde, Inspiration bezieht der Regisseur so gut wie ausschließlich aus anderen Filmen, in erster Linie aus Genrewerken, über die er bekanntermaßen ein enzyklopädisches Wissen besitzt.
Ob seine Streifen wirklich gelungene Pastiches oder Hommagen darstellen, ließe sich allerdings in Frage stellen. (Grindhouse - Death Proof war in dieser Hinsicht der offensichtlichste Misserfolg). Mir zumindest scheinen sie weniger von echter Liebe zum Genrekino als vielmehr von maßloser Selbstverliebtheit erfüllt zu sein. Tarantinos Rumgespiele mit Genreelementen dient in allererster Linie dazu, vorzuführen, wie cool und clever er ist. Auf mich wirkt diese ewige Egoshow ziemlich irritierend. Was mir hingegen mehr und mehr fehlt, das sind der kreative Übermut, die ungekünstelte Verrücktheit und der fröhliche Anarchismus, die den Charme der besten echten B-Movies ausmachen.
Doch ganz gleich ob einem Tarantinos Umgang mit dem Genrekino nun gefällt oder nicht, man würde falsch liegen, wollte man nach irgendetwas Substanziellem hinter dieser ewigen Spielerei suchen. Woher auch sollte es kommen? Von der einsamen Ausnahme Jackie Brown abgesehen, hat der Filmemacher in seiner ganzen Karriere nie auch nur das geringste Interesse für reale Menschen gezeigt. So lässt sich auch nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die zynische Misanthropie seiner Filme seinen tatsächlichen Ansichten entspricht. Möglicherweise hält er sie bloß für besonders "cool". Ebenso mag seine offensichtliche Vorliebe für Rachegeschichten keinen anderen Grund haben, als dass solche ein gängiges und leicht zu handhabendes Vehikel für seine fetischistischen Gewaltinszenierungen darstellen. Tarantino hat sich in den letzten zehn Jahren als erstaunlich denkfaul und wenig entwicklungsfähig erwiesen. Ein Konzept, das einmal funktioniert hat, so lange zu wiederholen, bis sich der gewünschte Erfolg nicht mehr einstellt, würde sehr gut zu ihm passen.
Das Interessante an dem Phänomen Tarantino sind darum auch nicht so sehr der Regisseur und seine Filme, als vielmehr die begeisterte Aufnahme, welche letztere finden, und der Kult, welcher um ersteren betrieben wird.

Was also könnten die Gründe dafür sein, dass Streifen wie Django Unchained solch positive Reaktionen bei Leuten hervorrufen, die sich selbst als "links", "progressiv" oder sogar "radikal" verstehen?
Molosovsky schreibt mit sympathischer Offenheit: "Sehr gut. Feiert meine Kindheitsträume: Unterdrücker abwatschen; als Kopfgeldjäger vom Murksen echter Bösewichter leben."
Tatsächlich verbirgt sich wohl in vielen Fällen ein gerüttelt Maß pubertärer Allmachtsfantasien hinter  der Begeisterung, mit welcher sich manche Leute mit der Figur des "coolen Killers" identifizieren. Man muss sich dann allerdings fragen, auf welch eigentümlichen Wegen solche unreifen Gefühlswallungen in einigen Köpfen zu vermeintlich ernsthaften "politischen" Statements mutieren können. Denn während Molo hier ganz ausdrücklich von seinen eigenen persönlichen Kindheitsträumen spricht, wollen viele andere in diesen Rachemärchen einen Ausdruck echter gesellschaftlicher Rebellion sehen. So besteht für Simi die Stärke von Django Unchained und Inglorious Basterds – wie bereits zitiert – vor allem darin, dass Tarantino "die scheinbar Schwachen blutige Rache an ihren Peinigern nehmen lässt", was der  Kritiker offenbar für etwas positives hält.  "Sad" geht noch weiter, wenn er das Blutbad am Ende von Django Unchained als einen Akt "subalterner Selbstermächtigung" beschreibt. Zwar scheinen auch ihm gewisse Zweifel am "progressiven" Gehalt dieses Gemetzels gekommen zu sein {vorausgesetzt ich habe den linksakademischen Jargon richtig dechiffriert***}, doch bringt er es andererseits fertig, die Gestalt des Kopfgeldjägers Schultz "als Anspielung auf weiße Abolitionists" zu verstehen! Sorry, "sad", aber einen skrupellosen Killer, der für Geld andere Menschen ins Jenseits befördert, mit den mutigen Vorkämpfern gegen die Sklaverei in Verbindung zu bringen, finde ich schlichtweg obszön – ganz gleich ob ich dabei an friedliche Propagandisten wie William Lloyd Garrison oder an gewaltbereite Revolutionäre wie John Brown denken soll! Wer eine radikale Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeisehnt, sollte sich nicht Madame Defarge aus Dickens' Tale of Two Cities zum Vorbild nehmen. Rache enthält nichts Befreiendes und ihre künstlerische Verherrlichung ist unter keinen Umständen begrüßenswert.****
Selbstverständlich ist das Verlangen nach Rache bei Menschen, die sich ihren Unterdrückern und Ausbeutern hilflos ausgeliefert fühlen, nur zu verständlich. Und der aus solchen Umständen geborene Traum von einem "großen Tag der Abrechnung" kann ein legitimes und interessantes Objekt künstlerischer Bearbeitung sein. Man braucht sich ja bloß einmal wieder die Seeräuber Jenny aus der Dreigroschenoper anzuhören. Aber Brecht und Weill hätten aus guten Gründen niemals eine triumphale Oper darüber geschrieben, wie das "kleine Abwaschmädchen" tatsächlich sämtliche Einwohner der Hafenstadt kaltblütig abschlachten lässt. Wirklich große und humane Künstler gehen anders mit dem Thema Rache um. Wenn z.B. in Akira Kurosawas Die sieben Samurai eine alte Bäuerin begeistert auf die Leiches eines der Räuber einhackt, die ihr Dorf seit Jahren ausgeplündert haben, dann wirkt das nicht befriedigend, sondern zutiefst verstörend. Nicht weil wir die Emotionen der Frau nicht nachvollziehen könnten. Wir verstehen sie nur zu gut. Aber so wie Kurosawa das Geschehen in Szene setzt, entstehen dabei keine Triumphgefühle in uns, wir erschrecken vielmehr darüber, was Armut, Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt aus einem Menschen machen können. In der Unmenschlichkeit ihrer Handlung erkennen wir all das Unmenschliche wieder, das man ihr und ihresgleichen angetan hat.
Tarantinos Filme hingegen wollen, dass wir uns voll und ganz mit den Rächern und ihren Taten identifizieren. Wir sollen genießerisch schwelgen in der Gewalt, die sie anderen antun, ganz gleich wie pervers und sadistisch diese auch ausfallen mag. Vor allem Inglorious Basterds hat gezeigt, dass in dieser Hinsicht keine Grenzen bestehen. Dass Tarantino all dies in Form einer zynischen Groteske inszeniert, die Gewaltdarstellungen ironisch überzeichnet und extrem stilisiert daherkommen, ändert im Kern wenig. Schon gar nicht kann es als "Entschuldigung" von jenen in Anspruch genommen werden, die in den Blutbädern zugleich eine Darstellung legitimer "Gegengewalt" sehen wollen. Sie können nicht beides zugleich haben. Wenn sie in Inglorious Basterds mehr sehen wollen als eine Art Naziploitation-Flick mit Hollywood-Budget, dann müssen sie akzeptieren, dass der Film Bestialität und Sadismus als die ultimativen antifaschistischen Waffen feiert.
Die freundlichste Erklärung, die ich für den "linken" Tarantino-Kult finden kann, ist, dass es sich bei ihm um einen Ausdruck von Frustration und Pessimismus handelt. Viele "Linke" kommen sich vermutlich ziemlich verlassen und hilflos vor angesichts einer Welt, in der ihre Wünsche und Ideen keinerlei Einfluss zu haben scheinen und die Mächtigen schalten und walten können, wie es ihnen beliebt. In den meisten Fällen machen sie für diese Situation die Masse der Bevölkerung ("die Spießer", "die Wohlstandsbürger" usw.) verantwortlich, wenn nicht ausdrücklich, so doch zumindest unterbewusst. Eine echte Veränderung erscheint ihnen so gut wie unvorstellbar, und wenn sie Jameson, Žižek oder irgendwelche anderen postmodernen "linken" Gurus gelesen haben, so verfügen sie sogar über ein "philosophisches" Instrumentarium, das ihre Hoffnungslosigkeit als die einzig "realistische" Sicht auf die Gesellschaft erscheinen lässt. Im Grunde ist es nur zu verständlich, wenn sie schließlich in eine pubertäre Mentalität zurückfallen und sich an blutigen Rachefantasien zu ergötzen beginnen. Erst recht, wenn sie ihnen in so "hipper" und "cooler" Form serviert werden wie von Tarantino, in dessen zynischer Misanthropie sie zudem etwas ihnen verwandtes entdecken werden. Hinzu kommt, dass sie sich soziale Rebellion nur noch in Gestalt eines individuellen Verstoßes gegen die Regeln der bürgerlichen Gesellschaft vorstellen können. Die Idee der Revolution spielt für sie bestenfalls noch die Rolle eines utopischen Traums. In einer früheren Ära wären sie vielleicht zu heimlichen Bewunderern der RAF oder zu begeisterten Che Guevara - Jüngern geworden. Doch die Zeit linker Terroristen und romantischer Guerilleros ist längst vorbei. Also machen sie die Kinofigur des "coolen" Killers zum Fokus ihrer Träume. Und wenn Tarantino ihnen dabei entgegenkommt, indem er seine Killer Nazis oder weiße Sklavenhalter abschlachten lässt, um so besser.

Die traurige Ironie besteht darin, dass sie damit ungewollt die reaktionärsten Strömungen der Gegenwart unterstützen. Quentin Tarantino ist beileibe kein bewusst politischer Künstler, aber es wäre schon äußerst naiv, wollte man glauben, dass sein Aufstieg in den Olymp von Hollywood nur zufällig zur gleichen Zeit stattgefunden hat, wie die Hinwendung der US-Politik zu immer offener verbrecherischen Methoden, zu Mord, Folter und Eroberungskriegen. Während der Regisseur im Kino die Figur des Vigilante verherrlicht, spielt sich Washington als globaler Vigilante auf und maßt sich das Recht an, seine Killerkommandos und raketenbestückten Drohnen in jedes Land der Welt schicken zu dürfen, um dort seine Feinde auszumerzen. Ich wenigstens finde es naheliegend, hierin eine verwandte Mentalität zu sehen, Ausdruck einer verrottenden Gesellschaftsordnung und Kultur.



* Mike &  Jay von RedLetterMedia sind zwar selbst große Tarentino-Fans, beweisen ihr künstlerisches Feingefühl jedoch dadurch, dass sie Jackie Brown nicht nur für Tarantinos besten Film halten, sondern dafür auch genau die richtigen Gründe angeben.
** Der Film soll 1858 spielen und beginnt dennoch mit der Erklärung "Two Years Before the Civil War" – welcher bekanntlich 1861 ausgebrochen ist! Eine "kleine Ungenauigkeit", in welcher Tarantinos ganze Art des Umgangs mit Geschichte sehr schön zum Ausdruck kommt.
*** "Die im Film aufscheinende Kritik an den rassistischen Verhältnissen tritt bei alledem allerdings stets nur als sublimierte in Erscheinung, weil sich die Bewältigung des Problemkomplexes rassistischer Ausbeutung und Brutalität direkt auf die Projektionsfläche der Leinwand verschiebt und dort in Form der charakteristischen Gegengewalt des Protagonisten an seinen weißen und schwarzen Peiniger_innen vollzogen wird. So findet eine kritische Reflexion auf den entsprechenden Sachverhalt zwar noch statt, läuft aber Gefahr in ihr Gegenteil umzuschlagen, nämlich zur schlechten Befriedung der Verhältnisse durch die eigene Ventilfunktion beizutragen."
**** Mit Peter Greenaways The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover gehört zu meinem eigenen cineastischen Pantheon ein Film, der mit einem extremen Racheakt endet. Von allem anderen einmal abgesehen, was diesen Streifer meiner Meinung nach zu einem echten Meisterwerk macht, glaube ich jedoch nicht, dass das kannibalistische Finale bei irgendjemandem Vergnügen hervorrufen kann. Besser gesagt: Ich hoffe inständig, dass dem nicht der Fall ist ...

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