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Dienstag, 26. Februar 2013

Das alljährliche Fremdschämen zur Oscar-Verleihung

Vor sieben Jahren schaute ich mir zum ersten Mal die Oscar-Verleihung live im Fernsehen an. Ich dachte wohl, für einen an Film interessierten Menschen sei das irgendwie eine Art Pflicht. Wohlweislich habe ich diesen irregeleiteten Versuch seitdem nicht noch einmal unternommen. Sich nachträglich eine Zusammenfassung reinzuziehen und ein paar Artikel darüber zu lesen, ist wirklich mehr als ausreichend. Hollywoods große Nacht der Selbstgratulationen ist ein im besten Falle langweiliges, oft genug peinliches, nicht selten unappetitliches Spektakel. Jahr für Jahr präsentieren sich die führenden Kreise der amerikanischen Filmindustrie dabei als eine vom Rest der Welt weitgehend abgeschottete, selbstzufriedene Clique, die es genießt, sich selbst zu feiern und sich dabei in Luxus, Eitelkeit und Narzissmus zu ergehen. Nur selten einmal dringt ein kleines bisschen Realität in dieses bizarre Paralleluniversum ein.
Die diesjährige Zeremonie bildete da keine Ausnahme. Zusätzlich diente sie als Plattform für ein besonders widerliches und würdeloses Anbiedern der Hollywood-Liberalen an das herrschende Establishment. Eine Liveübertragung aus dem Weißen Haus, damit Michelle Obama den Sieger in der Kategorie "bester Film" verkünden konnte?!? Ehrlich!?! Wie weit wollen sich diese Leute in ihrer kriecherischen Begeisterung für den "ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten" eigentlich noch erniedrigen? Werden wir nächstes Jahr zur Feier der Oscar-Verleihung ein Geschwader von Predator-Drohnen Formationsflüge über Los Angeles durchführen sehen?
Vielleicht sollte man ja froh sein, dass wenigstens Zero Dark Thirty so gut wie leer ausgegangen ist. Es war schon übel genug, im Vorfeld miterleben zu müssen, wie Kathryn Bigelows Glorifizierung von CIA-Folterknechten und Special Commands-Killern von "linken" Intellektuellen wie Michael Moore mit "künstlerischen" und "feministischen" Argumenten verteidigt wurde.
Aber das ist nur ein geringer Trost, wenn dafür ein Drehbuch-Oscar an Quentin Tarantino geht* und einer der großen Sieger des Abends Argo heißt.
Und da in letzterem ein trashiger SciFi-Film eine zentrale Rolle spielt, war für ein paar Vertreter der phantastischen Netzgemeinde damit auch gleich die Gelegenheit gegeben, sich ordentlich mit zu blamieren.
Das Fremdschämen nimmt schmerzhafte Formen an, wenn man einen Artikel wie Ryan Britts How Science Fiction (Kind Of) Saved the Oscars auf Tor.com liest. Der gute alte William Shatner hatte also einen Gastauftritt als Jim Kirk, "Harry Potter" Daniel Radcliffe durfte ein bisschen auf der Bühne rumtanzen und überlange Dankesreden wurden mit der Musik aus Jaws abgewürgt** ... Ist das nicht klasse!? Hi hi hi ... Oh Gott,  Geeks können manchmal echt fürchterlich peinlich sein! Man werfe ihnen ein paar Brocken Popkultur vor und sie benehmen sich wie Kinder bei der Weihnachtsbescherung, glauben jedoch zugleich, dass sie damit unglaublich "cool" und "hip" wären. Wirklich schlimm jedoch wird es, wenn Britt zu Argo kommt:
The Ben Affleck-directed film won Best Adapted Screenplay and then, in a live video appearance by First Lady Michelle Obama herself, it was awarded Best Picture! The fact that Argo cleaned up at the Oscars is heartening, not only because it’s a fantastic and entertaining film, but also because it’s also a story about how science fiction literally helped asve people's lives..
Briefly, if you haven't seen the film: in 1979, CIA agent Tony Mendez collaborated with Hollywood make-up artist John Chambers to create a fake science fiction movie to act as a cover story for the attempted extraction of U.S. hostages from Iran. In real life, the Argo script was based on Lord of Light (which was based on the Roger Zelazny novel of the same name). Mendez’s Hollywood collaborator John Chambers  also managed to enlist several science fiction heavyweights in the “making” of Argo, including Ray Bradbury and Jack Kirby. And while not all of these SF details made it into the film, the notion that this fantastical sci-fi tale served as vehicle that enabled people to escape capture and even death is truly inspiring. Argo itself might not be a science fiction movie, but it's certainly one that champions the importance of the genre.
Also, the acceptance speech from Ben Affleck was ridiculously heartfelt. We forgive you for Daredevil, Ben! Thanks for Argo!
From Kirk to Potter to Adele to Obama, this year's Oscars were a wild ride.
Das Ausmaß an Konformismus und Ignoranz ist wirklich erschreckend. Argo feiert die Zusammenarbeit von CIA und Hollywood vor dem Hintergrund der Iranischen Revolution!
Leute wie Britt haben offenbar nicht die leiseste Ahnung davon, welche Rolle der amerikanische Geheimdienst in der tragischen Geschichte des iranischen Volkes gespielt hat. Vom Sturz des Linksnationalisten Mossadegh 1953 über den Auf- und Ausbau des Folterregimes des Schahs bis hin zum aktuellen Terror- und Sabotagefeldzug, der schon morgen in eine militärische Invasion des Landes übergehen könnte.
Man wird kaum von Hollywood erwarten können, eine ernsthafte künstlerische Auseinandersetzung mit der Revolution von 1979 hervorzubringen. Dies ist selbst den großen iranischen Filmemachern wie Abbas Kiarostami oder Jafar Panahi, die die meisten ihrer amerikanischen Kollegen um ein vielfaches überragen, bisher nicht gelungen. Die Ereignisse, die zum Sturz des Schahs und zur Errichtung des Mullah-Regimes geführt haben, sind nach wie vor von einem so dichten Schleier aus westlicher und offiziell-iranischer Propaganda umgeben, dass es eine außergewöhnliche Künstlerin oder einen außergewöhnlichen Künstler bräuchte – frei von jedwedem Konformismus und ausgestattet mit einem tiefen und kritischen Verständnis für geschichtliche Entwicklungen –, um hier erfolgreich sein zu können.
Doch kann dies keine Entschuldigung dafür sein, Ben Afflecks Streifen, in dem die iranischen Massen wie üblich als ein Haufen  irrationaler Fanatiker dargestellt werden, während CIA-Agent Mendez und seine Hollywood-Kollaborateure die großen Helden sind, zu bejubeln.



* Tarantinos Drehbücher sind nicht mehr als eine clevere Aneinanderreihung cooler Dialogschnipsel. Er ist völlig unfähig, Figuren zu entwickeln oder einen glaubwürdigen und kohärenten Handlungsablauf zu gestalten.
** Ist inzwischen eigentlich völlig vergessen, wie man Michael Moore 2003 das Mikro abdrehte, als er es wagte, George Bush und den Irakkrieg zu kritisieren?

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