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Freitag, 30. November 2012

Etwas vom Besten der 70er Jahre - und doch nicht genug

'Placet' war vor einigen Wochen so lieb, mich im Anschluss an meinen kurzen Post über The Moon Stallion auf die australische Kinderserie The Lost Islands hinzuweisen, die als eine Art Kontrastprogramm zur Technikfeindlichkeit der Geschichte von Diana und dem Weißen Pferd dienen könne. Und da diese offenbar vor allem in Israel Kultstatus genießt, finden sich bei Youtube tatsächlich alle 26 Folgen  mit hebräischen Untertiteln.


1976 unter der Leitung von Michael Laurence und Roger Mirams produziert, verkörpert die Serie einige der besten Züge dessen, was man den Geist der 70er nennen kann. Leider allerdings tut sie dies auf eine im Ganzen gesehen ziemlich uneinheitliche Weise.

Ein reicher Philanthrop hat zur Förderung der Völkerverständigung vierzig Kinder aus aller Herren Länder zu einer Weltumsegelung auf der "United World" eingeladen. Doch schon kurz nach ihrer Abfahrt gerät das Schiff in einen Hurrikan. Bei der Evakuierung werden versehentlich fünf Kinder zurückgelassen, die sich am nächsten Morgen an den Strand einer unbekannten Insel (im Indischen Ozean?) gespült finden. Das Korallenriff, welches die Insel umgibt, macht eine Flucht unmöglich, und so sind die drei Jungen und zwei Mädchen gezwungen, es sich hier vorerst einmal häuslich einzurichten. Wie sich schnell herausstellt, ist das Eiland keineswegs unbewohnt. In einer nur "das Tal" ("The Valley") genannten Siedlung leben vielmehr die Nachkommen englischer Kolonisten, die während ihrer Überfahrt  nach "New Holland" (Australien) im 18. Jahrhundert gleichfalls hier strandeten. Die Gemeinde der "Q-People" (sie nennen sich so, da alle Familiennamen mit Q beginnen) wird von einem mysteriösen Despoten beherrscht, der nur der "Q" genannt wird und angeblich das Geheimnis der Unsterblichkeit entdeckt hat. Der "Q" hat sämtlichen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt verboten, da er glaubt, dass Wissen in der Hand des Volkes zum Chaos führen müsse. In den Neuankömmlingen sieht er (nicht ohne Grund) eine Bedrohung für seine Herrschaft und befiehlt darum deren baldigste Gefangennahme und Hinrichtung. In der Familie Quinn (vor allem Tochter Helen, Sohn Jason und dem kleinen Aaron) sowie dem alten Jeremiah Quizzle  dem Leibdiener des "Q" finden die Kinder aber auch Freunde und Verbündete, mit deren Hilfe sie den Handlangern des Diktators  allen voran Premierminister Rufus Quad und seinen Gehilfen Mr. Quell und Mr. Quig  immer wieder ein Schnippchen schlagen.

Was die Serie sympathisch macht, sind  – wie bereits gesagt – vor allem die ihr zugrundeliegenden Ideale, auch wenn diese mitunter etwas gar zu belehrend in den Vordergrund gerückt werden.
Durch die Vorgeschichte ja bereits angelegt wäre da zuerst einmal die Überwindung nationaler Vorurteile und Animositäten. Zur Zeit der ersten Ausstrahlung von The Lost Islands war die internationale Zusammensetzung der Heldengruppe – bestehend aus dem Australier Tony, dem Amerikaner David, dem Engländer Mark, der Deutschen Anna und der Chinesin Su Ying – sicher etwas ziemlich ungewohntes.
Dazu gesellt sich ein deutlich antiautoritäres Element, schließlich befinden sich die Kinder im ständigen Kampf mit den anerkannten Herrschern der Insel. Quad, Quell und Quig erscheinen mit ihren prächtigen Rauschebärten schon rein äußerlich als Repräsentanten eines patriarchalen Autoritarismus. Zugleich werden sie eins ums andere Mal der Lächerlicherlkeit preisgegeben und damit jeder wirklichen Autorität beraubt. Für den "Q" gilt beinahe dasselbe. Als mysteriöser Kapuzenträger entspricht er zwar dem Klischeebild des "Dark Lord", wirkt jedoch oft genug eher wie ein bloßer Popanz. So etwa wenn ihm die Kinder eine aus Schrott fantasievoll zusammengebastelte "Laserkanone" als ultimative Waffe andrehen.
Ihre Überlegenheit über den "Q" basiert auf ihrem technischen Wissen, diversen modernen Gerätschaften und ihrer aufgeklärten Weltsicht. Wie 'Placet' ja bereits angedeutet hatte, zeichnet sich The Lost Islands durch eine uneingeschränkt positive Einstellung zu Technik, Wissenschaft und Fortschritt aus. Aberglaube und Fortschrittsfeindlichkeit errscheinen als Mächte, die es zu überwinden gilt und die die natürlichen Verbündeten des Despotismus sind. Ich fürchte, in einer heute produzierten Kinderserie würde dieser Gegensatz kaum mehr in dieser Unbedingtheit aufgestellt werden.
Das bedeutet wiederum nicht, dass die moderne Welt der im 18. Jahrhundert steckengebliebenen Gemeinschaft der Q-People einfach als strahlendes Vorbild entgegengestellt würde. Mehr als einmal bekommen wir zu hören, dass auch jenseits der Insel vieles im Argen liegt.  Doch eine in Stagnation gefangene Gesellschaft kann nicht die Alternative sein. In einem Punkt allerdings erscheinen zumindest einige der Kinder tatsächlich in schlechterem Licht als die Q-People. An verschiedenen Stellen auf der Insel liegen Goldmünzen vergraben. Den Bewohnern des Tals dienen sie lediglich als hübsche Schmuckstücke, unter den Kindern hingegen wecken sie augenblicklich Schatzsucher-Fantasien. Als Tony in der Behausung des "Q" eine Karte entdeckt, auf der die Orte verzeichnet sind, an denen das Gold verborgen liegt, riskiert er nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Begleiterin Anna, um eine Kopie anzufertigen. Jeremiah Quizzle, der gerade noch verhindern kann, dass Rufus Quad die beiden entdeckt, kann diese Obsession beim besten Willen nicht verstehen und fragt verwundert, ob diese Gier nach "Schätzen" bei den Bewohnern der "Außenwelt" allgemein verbreitet sei. Anna muss das bejahen, setzt aber hinzu, dass es hoffentlich nicht immer so bleiben werde. Jeremiah entgegnet: "Amazing! You want treasure? Look to the sky! The sun be treasure, the air you breathe be treasure, the birds ... the fish in the sea ... The world be cramped with treasure. And it be there for all to enjoy." Das ist sicher etwas simpel und klingt ein wenig nach "Hippie-Indianer-Weisheiten", aber schließlich haben wir es hier mit einer Kinderserie zu tun, und in diesem Rahmen reicht mir das als Hinweis auf die Wurzel der meisten Übel in der "Außenwelt".

Soviel zum positiven Erbe der 70er Jahre, das seinen Niederschlag in The Lost Islands gefunden hat. Einige Einschränkungen müssen allerdings gemacht werden. So ist es schon ziemlich auffällig, dass gerade der Amerikaner David sich als veritabler Alleskönner auszeichnet. Und dabei wird recht häufig seine nationale Herkunft ausdrücklich hervorgehoben. Manchmal wirkt das zwar eher ironisch (so z.B. wenn die anderen anfangen, "Stars and Stripes Forever" zu singen und dabei kaum je den richtigen Ton treffen), doch dann wieder kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige unter den Machern der Serie tatsächlich der Meinung waren, die USA seien "das tollste Land auf Erden". 
Ebenso muss man sich fragen, warum wir nicht einmal im Vorspann auch nur ein einziges schwarzes Gesicht unter den Kindern an Bord der "United World" entdecken können. Doch bevor man der Serie impliziten Rassismus unterstellt, sollte man sich vergegenwärtigen, dass der traditionelle australische Rassismus, der in der Geschichte dieses Staates nebenbei bemerkt seit der Gründung eine zentrale Rolle gespielt hat, immer sehr stark antiasiatische Züge getragen hat. Was der Figur der Su Ying eine besondere Bedeutung verleiht, die hier als eine Art "Vertreterin der Farbigen" auftritt.
Und da wir gerade bei Su Ying sind. Die Frauenemanzipation steckte bei australischen Fernsehmachern Mitte der 70er Jahre offenbar noch in den Kinderschuhen {was natürlich nicht wirklich erstaunlich ist}. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (Su Ying weiß mit Pfeil & Bogen umzugehen; Helen bestreitet erfolgreich ein Pferderennen) herrscht in den meisten Episoden deutlich erkennbar die traditionelle Rollenverteilung vor. Die Jungs ziehen auf Abenteuer aus, die Mädchen bleiben im Versteck oder kümmern sich um Kranke und Verletzte.

Das größte Problem, das ich mit der Serie hatte, war jedoch nicht "ideologischer" Natur. Vorausschicken sollte ich dabei wohl, dass ich mich nicht für die bestgeeignete Person halte, um eine Kinderserie zu beurteilen. Es fällt mir eher schwer, mich in die Perspektive eines Zehnjährigen zurückzuversetzen. Gut möglich, dass mich in diesem Alter nichts von dem gestört hätte, was mich heute irritiert. Für sich genommen sind die meisten Episoden sicherlich abenteuerlich oder witzig genug, und der nicht unbeträchtliche internationale {interessanterweise weniger australische} Erfolg der Serie in den 70ern muss ja seine Gründe gehabt haben.
Woran ich mich vor allem gestoßen habe, ist die mangelnde Kontinuität. Figuren werden eingeführt und von Ereignissen wird berichtet, die nicht selten eine Woche später wieder vergessen zu sein scheinen, ganz gleich wie wichtig sie für den Moment auch waren. So etwa wenn Tony sich in das Mündel des "Q" verliebt oder die Kinder dem alten Dorfzauberer zu seiner Wiedereinsetzung verhelfen. Es gibt einige Minihandlungsbögen, die sich über mehrere Episoden erstrecken, doch auch sie verlaufen häufig im Nichts, so die Befreiung von Vater Quinn, der auf der Sträflingsinsel  Malo festgehalten wird, oder die sich entwickelnde Freundschaft zwischen Su Ying und einem der Wachen von Rufus Quad. Und was auf die Handlung zutrifft, gilt ebenso für die ihr zugrundeliegenden Ideen. Scheint eine Episode thematisieren zu wollen, dass Mädchen ebensogut wie Jungs auf Abenteuer ausziehen können, finden wir Anna und Su Ying in der nächsten bereits wieder wie selbstverständlich beim Nähen oder Essenkochen. Aus all dem ergibt sich vor allem, dass die Kinder keine wirklichen Entwicklungsprozesse durchmachen, was schade ist, da die Ansätze dazu in vielen Episoden vorhanden sind. Man hat das deutliche Gefühl, als habe es den Machern an einer Gesamtkonzeption für die Serie gemangelt. Selbst das anfänglich zentrale Mysterium um die angebliche Unsterblichkeit des "Q" verliert irgendwann jede Bedeutung, obwohl es nie wirklich aufgeklärt wird.
All dies kulminiert in einem völlig überhasteten und unbefriedigenden Finale. In der vorletzten Episode entdecken die Kinder im Sumpf ein altes Panzerfahrzeug aus dem 2. Weltkrieg und bringen es wieder zum Laufen. Mit Hilfe des furchteinflößenden Vehikels, das die Q-People zuerst für ein Monster halten, gelingt es ihnen dann in der Schlussfolge eine Revolution der Inselbewohner gegen den "Q" und den Premierminister auszulösen, deren Durchführung wie ein Kinderspiel anmutet. Und dann ist ganz einfach Schluss!
Dieses wie hingeschludert wirkende Finale hat in mir die Vermutung aufkommen lassen, dass die Serie ursprünglich sehr viel länger geplant war, dann aber plötzlich eingestellt wurde. Leider habe ich nichts finden können, was diesen Verdacht bestätigen würde. Die Indizien jedoch sind augenfällig. Der Entschluss, es zur Abwechselung einmal mit Revolution zu versuchen, kommt wie aus heiterem Himmel. Bisher hatten die Kinder eigentlich stets versucht, irgendwelchen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Obwohl sich im Laufe der Serie immer wieder recht deutlich gezeigt hatte, dass unter den Q-People ein weitverbreiteter Unmut über die Herrschaft des "Q" existiert {die Mehrheit der Männer scheint bereits nach Malo deportiert worden zu sein}, hatten die Kinder vor dem Ende nie versucht, die Entwicklung einer Rebellion zu fördern. Möglichkeiten dazu hätte es einige gegeben.
So schön es darum auch ist, wenn man die Revolution einmal wieder als Motor des Fortschritts dargestellt sieht, so unbefriedigend bleibt es, dass die ganze vorangehende Handlung in keiner Weise auf dieses Finale hinarbeitet. Der letzte Akt verliert seinen dramatischen Wert, wenn er sich nicht folgerichtig aus den anderen Akten entwickelt. Ebenso enttäuschend ist es, dass kein einziges der Geheimnisse, die den "Q" umgeben, gelüftet wird. Weder erfahren wir etwas genaueres über seine wirkliche Identität noch über seine scheinbare Unsterblichkeit. Obwohl vieles für einen vorzeitigen Abbruch der Serie spricht, gibt es verwirrenderweise auch Anzeichen, aus denen man schließen könnte, die Macher hätten sich die Möglichkeit einer Fortsetzung offenhalten wollen. Der "Q" wird zwar geschlagen, aber nicht endgültig besiegt und demaskiert. Quad und seinen Spießgesellen gelingt es, den Aufständischen zu entkommen. Sollte der Versuch der Bösewichte, ihre verlorengegangene Macht wieder zurückzugewinnen, im Zentrum einer zweiten Staffel stehen? Ich hab keine Ahnung.

Und so erscheint The Lost Islands trotz aller sympathischen Züge letztendlich als eine Serie, die aufgrund eines eklatanten Mangels an vorausschauender Gestaltung einen Gutteil des Potentials verspielt, das in ihr gesteckt hätte. Wer keine nostalgischen Erinnerungen mit ihr verbindet oder sich speziell für das Kinderfernsehen vergangener Jahrzehnte interessiert, wird fürchte ich nicht viel lohnendes in ihr finden können.
      
      
à à And Now For Something Completely Different ß ß

Da diese ganze "70er Jahre - Kinder - TV" - Geschichte mit meinen Schreibereien über Children of the Stones begonnen hat, noch ein kleiner Nachschlag: Letzte Woche kaperten sich Odile Thomas von Sending a Wave und Hypnogorias Mr. Jim Moon den Highway to Mars - Podcast, um sich einmal in aller Ruhe knapp zwei Stunden lang über dieses Juwel des britischen phantastischen Fernsehens zu unterhalten. Reinhören!

4 Kommentare:

  1. Ich schätze nach dieser Renzension sehe ich davon ab mir die Serie wieder anzusehen. Manche Dinge sollte man allein der verklärten Erinnerung überlassen...(ich hätte mir z.B. nie wieder "Space 1999" anschauen solllen, das soll mir eine Lehre sein).
    Das Ende empfand ich allerdings auch damals schon als sehr abrupt...

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    1. Sei gegrüßt! Vermutlich eine weise Entscheidung, auch wenn die Serie jetzt nicht so schlecht war, wie dass nach dem letzten Abschnitt meiner Ergüsse vielleicht klingt. Apropos "Space 1999": Ich habe kürzlich versucht, mir das (zum ersten Mal) anzuschauen, bin aber schon in Episode 3 - 4 steckengeblieben. Ich entnehme deinen Worten, dass das nicht wirklich besser wird, ja?

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    2. Grüße. Es wird leider eher noch schlimmer.
      Wenn mal schon mal bei 70er TV SF sind, schon mal von der obskuren kanadische Fernsehserie "The Starlost" gehört? Die muß zwar ein spektulärer Reinfall sein, aber die Prämisse und Entstehungsgeschichte ist sehr interessant und mit einigen bekannten Namen (Harlan Ellison, Ben Bova, Keir Dullea, Douglas Trumbull) verbunden. Habs selber noch nicht gesehen.

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  2. Hmm, dann lass ich das mit "Space 1999" wohl lieber. Man muss ja wirklich nicht alles gesehen haben. "Starlost" war mir bisher nicht bekannt, aber was das Allwissende Orakel von Wikipedia darüber zu sagen hat, klingt tatsächlich recht spannend. Mein Favorit unter der Fernseh-SciFi der 70er ist momentan "Blake's 7". Okay, die Spezialeffekte sind unter aller Kanone und die Kostüme etwas {ähem} "exzentrisch", aber die Serie ist wirklich intelligent geschrieben und für ihre Zeit sehr innovativ. Leider bietet TV-Tastic nur die ersten beiden Staffeln an (http://tv-tastic.com/channel-2-television-shows-and-movies-videos/), und die DVDs sind für meinen schmalen Geldbeutel einfach viel zu teuer.

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