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Dienstag, 29. November 2016

Dixon Hill meets H.P. Lovecraft

Unter Liebhabern & Liebhaberinnen lovecraftianischer Phantastik gilt es als eine Art Binsenwahrheit, dass die Werke des alten Gentleman von Providence selten oder nie eine adäquate filmische Anverwandlung gefunden hätten.
So ganz stimmt das zwar vielleicht nicht, aber man wird doch lange suchen müssen, um unter den gar nicht so wenigen angeblichen Adaptionen lovecraftscher Erzählungen etwas zu finden, was seiner literarischen Vorlage mehr oder weniger gerecht würde.
Die Streifen, die ich mir in den letzten Tagen reingezogen habe, gehören zwar ganz sicher nicht zu diesen seltenen Ausnahmen. Doch bedeutet das noch lange nicht, dass sie nicht auf ihre je eigene Weise unterhaltsam gewesen wären. Unterhaltsam genug jedenfalls, um ihnen eine kleine Reihe von Blogposts zu widmen.

Der erste der Schar gilt ironischerweise bei manchen offenbar sehr wohl als die langersehnte Ausnahme von der unseligen Regel. So bekommt man z.B. in Andrew Migliore & John Strysiks Lurker in the Lobby: A Guide to the Cinema of H. P. Lovecraft zu lesen: "It is the best serious Lovecraftian screen adaptation to date with a solid cast, decent script, inventive direction, and excellent special effects that do justice to one of Howard's darker tales." Objekt dieser erstaunlich positiven Einschätzung ist Dan O'Bannons unter den Titeln The Resurrected und Shatterbrain bekannte* Adaption von The Case of Charles Dexter Ward aus dem Jahr 1991.



O'Bannon ist eine faszinierende und für die Geschichte des amerikanischen phantastischen Films nicht unwichtige Gestalt. Ich habe vor über zwei Jahren hier eine ausführlichere Übersicht über sein Leben und Werk veröffentlicht. In erster Linie als Drehbuchschreiber (Dark Star [1974]; Alien [1979]; Lifeforce [1985]; Total Recall [1990]; Screamers [1995]) bekannt, nahm O'Bannon im Laufe seiner Karriere auch zweimal auf dem Regiestuhl Platz. Sein Debüt war der Horror-Comedy-Kultklassiker The Return of the Living Dead (1985), der auch schon zum Zeitpunkt seines Erscheinens einen zumindest moderaten Erfolg an den Kinokassen und bei den Kritikern feiern konnte. Weniger gut sah es bei dem sechs Jahre später produzierten The Resurrected aus, der nach einer kurzen Stippvisite in den Kinos sein Glück alsbald in der Halbwelt der VHS-Filme suchen musste. Was für sich genommen natürlich noch nichts über die Qualität des Streifens aussagt.
Offenbar wurde O'Bannon die Kontrolle über die finale Form des Films entzogen, was ihn dazu veranlasste, sich in aller Form von dem armen Flick zu distanzieren. Ob es sich dabei um einen extremeren Eingriff handelte, als bei kommerziell produzierten Streifen ohnehin üblich, sei dahingestellt. Der gute Dan hatte Zeit seines Lebens die Angewohnheit, sich als ewiges Opfer der bösen Produzenten / Kritiker / etc. zu sehen.

Ohne Frage besitzt The Resurrected seine starken Seiten.
Chris Sarandon verleiht seinem Charles Dexter Ward / Joseph Curwen eine genuin unheimliche Ausstrahlung. Das gilt vor allem für die erste längeren Szene, in der er auftritt, wenn der von den Toten zurückgekehrte Nekromant in angestrengt wirkender Flüsterstimme und mit archaischer Wortwahl Wards Ehefrau Claire (Jane Sibbett) und den von ihr engagierten Privatdetektiv John March (John Terry) davon zu überzeugen versucht, dass seine Experimente unbedingte Ruhe und Einsamkeit erforderten und sie ihn deshalb nicht länger belästigen dürften.
Auch die Cinematographie ist stellenweise recht sehenswert. Besonders gut gefallen hat ,mir, wenn die Kamera über einen alten Friedhof in der Nähe von Curwens Haus im Pawtuxet Valley streift, was wiederholt geschieht, wenn sich unsere Helden dem Anwesen nähern oder zurück nach Providence fahren. In der Story spielt der Friedhof eigentlich keine Rolle, doch verleihen die entsprechenden Szenen der Örtlichkeit sofort eine Aura von Tod und Verfall.
Das echte Highlight des Streifens stellen jedoch zweifelsohne die Spezialeffekte und das Monsterdesign dar. Die unglücklichen Produkte von Curwens misslungenen Experimenten wirken zur gleichen Zeit gruselig, abstoßend, verstörend und ein klein wenig mitleidserregend. Das gilt insbesondere für die erste dieser Kreaturen, die wir im Rahmen der Flashback-Sequenz ins 18. Jahrhundert zu sehen bekommen. Great stuff!

Trotz dieser Pluspunkte kann ich mich der Einschätzung der werten Verfasser von Lurker in the Lobby nicht in vollem Umfang anschließen. Auch wenn The Resurrected in meinen Augen ein sehenswerter kleiner Horrorflick ist, sehe ich in ihm nicht die Erfüllung der einst von Allan Koszowski formulierten Hoffnung: "I'm [...] anticipating the day when some gifted filmmaker will adapt one of Lovecraft's stories in a manner that does both credit."
Und das vor allem aus zwei Gründen.

Lovecrafts Geschichte in die Gegenwart zu verlegen, stellt für mich nicht notwendigerweise ein Problem dar. Auch wenn mir ein "Period Piece" sicher besser gefallen hätte. Aber war es wirklich nötig, sie mit den klischeehaftesten Zutaten einer Pseudo Noir - Private Detective - Story anzureichern? Ich bin ein großer Fan der Genre-Originale aus den 40er/50er Jahren, doch wer versucht, dessen Versatzstücke in späterer Zeit wiederzubeleben, und nicht etwa Robert Altman (The Long Good-bye) oder Roman Polanski (Chinatown) heißt, kann bei mir nicht auf allzu große Sympathie, aber dafür auf sehr viel gelangweiltes Gähnen rechnen. Und die Art, in der The Resurrected dieses Element seiner Story verwendet, wirkt wirklich so uninspiriert und abgeschmackt wie eines von Captain Picards "Dixon Hill" - Programmen auf dem Holodeck der Enterprise. Der leicht heruntergekommene Detektiv selbst, seine Sekretärin, die geheimnisvolle, hübsche {und natürlich blonde} Klientin, die sich anbahnende Lovestory {die -- den Göttern sei Dank! -- nicht über einen erotischen Traum und einen flüchtigen Kuss hinausgeht} etc. pp. Es ist einfach sterbensöde.
Der Fairness halber sollte man wohl hier anfügen, dass Dan O'Bannon das Drehbuch zwar umfassend überarbeitete, nicht jedoch dessen ursprünglicher Verfasser war. Und dem Eintrag in Lurker in the Lobby zufolge, war es Autor Brent V. Friedman, der um keinen Preis auf die Detektivgeschichte verzichten wollte. Friedman sollte sich übrigens zwei Jahre später mit Necronomicon noch einmal an einer Art Lovecraft- Adaption versuchen. Mit eher geringem Erfolg, wie ich hier vor Zeiten beschrieben habe.

Das zweite Manko des Films ist weniger leicht zu sehen.
Für eine Lovecraft - Adaption hält sich The Resurrected erstaunlich eng an seine Vorlage. Teilweise haben Friedman und O'Bannon sogar regelrechte Zitate aus The Case of Charles Dexter Ward in ihr Script eingearbeitet. Doch diese relative Quellentreue bleibt leider ganz an der Oberfläche. Anders ausgedrückt: The Rescurrected orientiert sich zwar am Text von Lovecrafts Erzählung, ignoriert jedoch völlig deren Subtext.
The Case of Charles Dexter Ward ist sehr viel mehr als die Geschichte eines Nekromanten aus dem 18. Jahrhundert, der von einem seiner Nachfahren im 20. Jahrhundert ins Leben zurückgerufen wird -- mit den zu erwartenden katastrophalen Folgen. Die Erzählung ist zugleich eine Liebeserklärung ihres Autors an seine Heimatstadt Providence und eine überraschend selbstkritische Auseinandersetzung mit Lovecrafts eigener Obsession für die Vergangenheit. Der alte Gentleman hatte bekanntlich das Gefühl, in der falschen Zeit geboren worden zu sein, und träumte davon, im kolonialen Amerika des vorrevolutionären 18. Jahrhunderts gelebt zu haben. Ich habe vor über zwei Jahren einmal einen längeren Blogpost über diesen morbiden Traditionalismus Lovecrafts veröffentlicht, in dem ich mich detailliert mit der im Grunde widersprüchlichen Liebe des alten Gentleman zu einer untergegangenen Ära Neuenglands auseinandersetze. Mit Charles Dexter Ward nun schuf Lovecraft einen Charakter, der von einer ganz ähnlichen Obsession für die Vergangenheit beherrscht wird. Und was widerfährt ihm? Es gelingt ihm im Wortsinn "die Vergangenheit wiederzubeleben", nur um schließlich erleben zu müssen, wie ihn diese "Vergangenheit" tötet und seinen Platz einnimmt! Es fällt mir schwer, darin nicht so etwas wie ein -- vielleicht nur halbbewusstes -- Eingeständnis des Autors zu sehen, dass sein eigenes obsessives Verhaftetsein an eine vergangenen Geschichtsepoche etwas zutiefst morbides und lebensfeindliches an sich hatte.
Nicht die kleinste Spur hiervon findet sich in The Resurrected. Im Gegenteil -- man erhält sogar beinah den Eindruck, die Schöpfer des Films hätten diesen Subtext ganz bewusst ausgelöscht. Wenn Claire davon erzählt, wie ihr Ehemann eine Truhe voller alter Familienpapiere erhält, die ihn schließlich auf den unseligen Pfad der "wissenschaftlichen" Nekromantie führen werden, betont sie ausdrücklich, dass Charles nie ein gesteigertes Interesse an Geschichte oder der Vergangenheit seiner Familie gehabt hätte! Was ihn zum direkten Gegenteil von Lovecrafts Charles Dexter Ward macht. Vielleicht dachten Friedman und O'Bannon, dass diese "Korrektur" an ihrer literarischen Vorlage, die spätere Storywendung in ein grelleres Licht rücken würde, wenn der wiederauferstandene Joseph Curwen in die Rolle seines Nachfahren schlüpft. Doch zugleich zerstörten sie damit ein zumindest für mich emiment wichtiges Element von Lovecrafts Erzählung und reduzierten dieselbige auf eine letztlich ziemlich banale Horrorstory über einen bösen Hexer und die verkrüppelten Lebenden Leichen in seinem Keller.

   
* Hierzulande bekam der Streifen scheinbar den dreist-absurden Cash-in - Titel Evil Dead - Die Saat des Bösen verpasst.

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