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Montag, 12. September 2016

Quatermass Lite

Bei dem Namen Hammer wird man unausweichlich an Dracula und Frankenstein, Christopher Lee und Peter Cushing denken müssen – mit anderen Worten, an jene grandiose Ära des Brit-Horrors, die 1957/58 mit Terence Fishers The Curse of Frankenstein und Dracula begann und in den frühen 70er Jahren mit solch bizarren Kuriositäten wie der mit Hongkongs Shaw-Brüdern coproduzierten Legend of the 7 Golden Vampires endete. {Nebenbei bemerkt der einzige Hammer-Dracula-Film, bei dem Lee sich weigerte, den Grafen zu mimen. Vielleicht nicht ganz unverständlich, aber auch wenn der Flick – wie nicht anders zu erwarten – völlig absurd und durchgeknallt ist, ist er doch ein Heidenspaß!}
Schon diese Sicht der Dinge stellt eine ungerechtfertigte Verkürzung dar, produzierte das Unternehmen doch auch in seiner Glanzzeit nicht allein "gothic" Horror. Auch war das House of Hammer natürlich schon sehr viel älter. Sein Grundstein war bereits 1934 gelegt worden, und sein erster richtig erfolgreicher Vorstoß in phantastische Gefilde hatte weder in Stil noch Thematik dem geähnelt, was man später mit der Produktionsfirma assoziieren würde.

Vereinzelte Ausflüge in das Horror-. und SciFi-Genre hatte Hammer zwar schon früher unternommen, doch 1955 landete die Firma ihren ersten richtig großen Hit mit der Kinoadadption von Nigel Kneales TV-Miniserie The Quatermass Experiment.* 
Seit 1951 stand der Buchstabe "X" im Einstufungssystem der britischen Zensurbehörde BBFC (British Board of Film Censors)** für "Suitable for those aged 16 and older", und wurde damit ein Synonym für all das, was die staatlich ernannten Wächter der Moral für anrüchig hielten. Ein Umstand, den Hammer schon bald zu Werbezwecken ausschlachtete. So trug ihre Version der ersten Quatermass-Geschichte den Titel The Quatermass Xperiment, dicht gefolgt von einem Streifen mit dem hübsch doppeldeutigen Namen X The Unknown (1956).



Der Film war ursprünglich als ein direktes Sequel konzipiert gewesen, doch hatte Hammer - Boss Anthony Hinds die Rechnung ohne Nigel Kneale gemacht. Als festangestellter Mitarbeiter der BBC besaß der Autor keinerlei Urheberrechte an The Quatermass Experiment und war nicht konsultiert worden, als der Deal mit Hammer abgeschlossen worden war. Er hasste, was Hinds & Co aus seiner Geschichte gemacht hatten. Insbesondere die Besetzung der Hauptrolle mit dem amerikanischen Schauspieler Brian Donlevy – und damit verbunden die Verwandlung des humanistischen Wissenschaftlers Bernard Quatermass in einen autoritären Bully – hatte seinen Zorn geweckt. Und auch wenn er nicht verhindern konnte, dass die BBC auch weiterhin die Adaptionsrechte für seine Quatermass - Serien an Hammer verhökerte, war es ihm doch möglich, sein Veto einzulegen, wenn es darum ging, die Figur des genialen Raketenforschers abseits dessen zu verwenden. Was er denn auch flugs tat.

Dennoch ähnelte das, was Jimmy Sangster – der zu einem der wichtigsten Drehbuchschreiber in Hammers klassischer Ära werden sollte – schließlich zu Papier brachte, in mancherlei Hinsicht immer noch einer Quatermass-Geschichte, bloß ohne den Professor. Was nur logisch ist, schließlich ging es nachwievor darum, den Erfolg von The Quatermass Xperiment zu wiederholen.

Während einer militärischen Übung, bei der die Rekruten das Aufspüren radioaktiver Objekte mit Hife eines Geigerzählers trainieren, kommt es plötzlich zu einer Art Minierdbeben, durch das sich ein scheinbar bodenloser Schacht auf dem Gelände öffnet. Zugleich erleiden zwei der Soldaten aus unerklärlichen Gründen schwere Strahlenschäden. Auch der hinzugerufene Atomphysiker Dr. Royston (Dean Jagger) – unser Ersatz-Quatermass – weiß vorerst keine Antwort auf das Rätsel.
Die Lage spitzt sich zu, als in der folgenden Nacht ein kleiner Junge in einer benachbarten Waldung während einer Mutprobe einem {vorerst unsichtbar bleibenden} Monster begegnet und dabei gleichfalls einer {letztlich tödlichen} Dosis atomarer Strahlung ausgesetzt wird. Außerdem bricht irgendjemand oder irgendetwas in Roystons Privatlabor ein, woraufhin die dort gelagerten Materialproben auf unerklärliche Weise ihre radioaktiven Eigenschaften verlieren.
Roystons bürokratischer Vorgesetzter John Elliott (Edward Chapman), Leiter eines staatlichen Institus für Atomforschung, tut das Ganze als eine Reihe zwar bizarrer, doch belangloser Zufälle ab. Aber unser Held ist sich sicher,  dass mehr dahintersteckt. Unterstützung findet er bei dem Sicherheitsbeamten "Mac" McGill (Leo McKern) und Elliots Sohn Peter (William Lucas), der gleichfalls in der Forschungsanstalt arbeitet. Es dauert nicht lange, da entwickelt Royston auch schon eine verwegene Theorie: Was wenn sich Leben nicht nur auf der Erdoberfläche, sondern auch im Erdkern entwickelt hätte? Eine aus reiner Energie bestehende Kreatur, die durch den Schacht auf dem Übungsplatz heraufgestiegen sei und sich nun auf der Suche nach Nahrung – radioaktivem Material – befände?
Klingt ziemlich absurd, ist aber selbstverständlich hundertprozentig korrekt. Und so sehen sich Royston & Co bald schon mit einem beständig wachsenden Monstrum konfrontiert, das rein äußerlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem guten alten "Blob" aufweist, durch konventionelle Waffen nicht verletzt werden kann und Menschen bei Berührung auf recht unappetitliche Weise bei lebendigem Leib zerschmelzen lässt.

X The Unkown besitzt zweifelsohne seine starken Seiten.
Dean Jaggers Dr. Royston gibt einen sehr viel besseren Quatermass ab als der "echte" Quatermass Brian Donlevy  – human, eigenwillig und prinzipientreu. Ihm zur Seite steht der in seiner bodenständigen und pragmatischen Art gleichfalls sehr sympathische McGill, der eingestandermaßen nichts von Atomphysik und dergleichen versteht, in Royston jedoch sofort eine vertrauenswürdige Person zu erkennen vermag, die seine Loyalität verdient hat. Die Rezension des Films auf Satanic Pandemonium kritisiert zwar, dass "the two characters simply get along too well. There is not enough tension or anxiety", doch für mich war gerade das unkompliziert-freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden ein Pluspunkt. Weniger überzeugend fand ich hingegen William Lucas' Peter Elliott. Der ganze Subplot um einen Vater-Sohn-Konflikt mit Royston als Ersatzvaterfigur trägt nicht wirklich etwas substanzielles zur Story bei, und Peter selbst bleibt bis zum Ende der generische jugendlich-männliche Held {wenn man davon absieht, dass ihm die eigentlich obligatorische Freundin/Verlobte fehlt}.
Vor allem die erste Hälfte des Films enthält einige sehr atmosphärische Szenen – so z.B. die Begegnung des kleinen Jungen mit dem Monster im Wald oder die wacheschiebenden Soldaten auf dem nächtlichen Übungsgelände. Örtlichkeiten wie der offenbar übel beleumundete Turm, in dem ein Landstreicher seine private Schnapsbrennerei eingerichtet hat, oder die kleine Kirche, die im letzten Drittel des Films zu einer Art  Refugium für die Dorfbewohner wird, vermitteln zudem auf recht gelungene Weise das für diese Variante des Brit-Horrors ziemlich typische Motiv der von unbekannten Mächten bedrohten "ländlichen Gemeinde".
Nicht unerwähnt bleiben soll auch die recht effektvolle – und für die Zeit sicher ziemlich drastische – Szene, in der der Körper eines Doktors unter dem Einfluss des Monsters zerschmilzt.

Und doch fehlt X The Unkown jenes gewisse Etwas, das die Quatermass - Serien zu echten Klassikern der Filmphantastik macht.
David Pirie schrieb im Time Out Film Guide über den Streifen:
1956 - the year of the Suez crisis, a sharp increase in the crime rate, and uneasy preparation for WWIII - spawned a series of gloomy thrillers (both in Britain and in America) in which the weight of the military is mobilised against various alien organisms from the bowels of the earth or outer space...in a lot of ways it [X the Unknown] communicates the atmosphere of Britain in the late '50s more effectively than the most earnest social document.***
Dem kann ich mich nicht so ganz anschließen. Als ein Quasi-Sequel zu The Quatermass Xperiment enthält der Film zwar noch Spuren der DNA von Nigel Kneales ursprünglicher Schöpfung – vermittelt durch die bereits von Richard Landau & Val Guest verunreinigte Kinofassung –, doch das Gefühl allgemeiner Verunsicherung, unterschwelliger Angst und Paranoia ist hier zum einen sehr viel weniger eindringlich als bei Kneale, und wird zum anderen ganz mit dem Motiv einer "Bedrohung von außen" verknüpft und damit eines Gutteils seines subversiven Potentials beraubt.
Nigel Kneales Quatermass II, der ein Jahr zuvor im Fernsehen der BBC gezeigt worden war, ist oberflächlich betrachtet zwar gleichfalls eine klassische Alien Invasion - Story {der Bodysnatcher-Variante}, bringt jedoch zugleich ein tiefes Unbehagen gegenüber Industrie, staatlicher Bürokratie und Militär zum Ausdruck. Eine Tendenz, die sich in Quatermass and the Pit (1958/59), verbunden mit Kneales wachsendem Pessimismus, noch einmal deutlich verschärfen würde.,
Nichts vergleichbares findet sich in X The Unknown. Zwar ist der arrogant-autoritäre John Elliott so etwas wie der Antagonist der Geschichte, doch ist ihm nichts Finsteres oder Bedrohliches eigen – letztenendes handelt es sich bei ihm bloß um einen bornierten Bürokraten. Und zum Schluss ist es einmal mehr das Militär, unterstützt von Roystons wissenschaftlicher Genialität, das die Lage rettet. Was Reminiszenzen an das abgewandelte Finale des Quatermass Xperiment weckt. Während in Nigel Kneales Original der Appell des Professors an die immer noch vorhandene Humanität in dem zum Monster mutierten Astronauten zu dessen Selbstzerstörung führt, wird dem Ungeheuer in Hammer's Version mit militärischer Gewalt der Garaus gemacht.     

Interessanterweise soll angeblich Joseph Losey, der sich zu dieser Zeit als eines der Opfer der Schwarzen Listen im europäischen Quasi-Exil befand, ursprünglich als Regisseur für X The Unknown engagiert worden sein, habe jedoch aus gesundheitlichen Gründen das Projekt nach einer Woche verlassen müssen. Stattdessen übernahm Leslie Norman die Regie, was offenbar keine besonders glückliche Wahl war. Man bekommt immer wieder zu hören, dass auf den Hammer-Sets für gewöhnlich eine äußerst angenehme Arbeitsatmosphäre geherrscht habe. Bei X The Unknown war dies ganz und gar nicht der Fall. Wie Kameramann Len Harris später einmal erzählt hat:
He [Norman] was one of the few people that wasn't liked at Hammer, and you'll notice that, despite the film's quality, he never did another for us. He was a good technical director, but he couldn't direct people very well. Dean Jagger simply wouldn't be directed by him! Leslie was always complaining and could be very harsh. He didn't think much of the film, either.....The thing we disliked the most was his using abusive language through a loud hailer for all to hear. That simply wasn't done at Hammer!
Ob Joseph Losey dem Film vielleicht einen etwas subversiveren Dreh verliehen hätte? Wie sein sieben Jahre später für Hammer gedrehter Film These Are The Damned – ein trotz struktureller Schwächen äußerst faszinierendes, bedrückendes und überraschend kompromissloses Werk – beweist, konnte der Regisseur auch im SciFi-Horror-Genre beeindruckendes leisten. Nun, wir werden es nie erfahren, und so bleibt X The Unknown zuguterletzt ein zwar sehenswertes, aber nicht übermäßig interessantes Beispiel aus der Frühzeit des Hammer - Horrors.     


* Ich habe die ersten drei Quatermass - Serien The Quatermass Experiment (1953), Quatermass II (1955) und Quatermass and the Pit (1958/59) im Rahmen meiner leider unvollendet gebliebenen Nigel Kneale - Tour besprochen. Hoffentlich gelingt es mir, dieses Projekt irgendwann einmal wiederzubeleben, halte ich den Autor doch für einen der ganz Großen der Filmphantastik. 
** 1984 in British Board of Film Classification umbenannt. Historische Randnotiz: Wir neigen dazu, bei britischer Filmzensur an Sachen wie Mary Whitehouse und ihre NVALA - Kampagnen, die Video Nasties - Hysterie der 80er Jahre oder die jüngsten Kontroversen um Streifen wie A Serbian Film (2010) und The Human Centipede 2 (2011) zu denken. Natürlich enthielten von diesen vor allem die ersten beiden auch ein mehr oder minder offen politisches Element, jedoch stets im Gewand der Sorge um die "öffentliche Moral". Die Aktionen des BBFC konnten aber auch einen ganz explizit politischen Charakter besitzen. So wurde Sergei Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin 1926 vor dem Hintergrund des semi-insurrektionären Generalstreiks aufgrund seiner "inflammatory subtitles and Bolshevist propaganda" mit dem Bannfluch belegt. Erst ab 1954 durfte der Klassiker öffentlich gezeigt werden, und auch dann nur unter der "X"-Kategorie. 
*** Die Suez-Krise stelte einen wichtigen Wendepunkt in der Entwicklung des britischen Nationalbewusstseins dar. Die gescheiterte Invasion Ägyptens durch Großbritannien, Frankreich und Israel machte auf äußerst demütigende Weise deutlich, dass der jahrzehntelange Niedergang des Empire einen Punkt erreicht hatte, an dem die Durchsetzung der geostrategischen Interessen des Vereinigten Königreiches ganz vom Wohlwollen der USA abhing, zu deren Juniorpartner das einstige Weltreich herabgesunken war.

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