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Mittwoch, 21. September 2016

Ein paar Gedanken zu H.G. Wells

Heute vor einhundertfünfzig Jahren erblickte Herbert George Wells in Bromley, Kent, das Licht der Welt. Leider ist es mir nicht möglich, den großen Pionier der Science Fiction zu seinem Geburtstag auf angemessene Weise zu würdigen, da es mir nicht möglich war, meine Bekanntschaft mit seinen wichtigsten Werken noch einmal aufzufrischen. Dennoch dachte ich mir, ich sollte wenigstens irgendetwas zu diesem Anlass schreiben. Was dabei herausgekommen ist, mag für einen Jubiläumspost etwas merkwürdig wirken, lässt es den Schriftsteller doch vielleicht nicht im allerbesten Licht erscheinen. Nun denn, ich kann's nicht ändern.   

Ich denke, dass H.G. Wells als Künstler wie als Denker in erstaunlich reiner Form der Vertreter einer ganz bestimmten sozialen Schicht aus einer ganz bestimmten historischen Ära war. In seinem Werk und seiner Person fanden das Empfinden und Denken jener "neuen Mittelklasse", die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Großbritannien herausbildete, auf äußerst pointierte Weise ihren Ausdruck. Einer Mittelklasse, die nicht länger aus Handwerkern, kleinen Kaufleuten und Kontoristen bestand, sondern aus Technikern, Ingenieuren, Lehrern, berufsmäßigen Intellektuellen.
Viele ihrer Mitglieder stammten aus unterprivilegerten Schichten der britischen Bevölkerung – wenn schon nicht aus der Arbeiterklasse, so doch häufig aus den unteren Rängen der alten Mittelschicht. Bildung war für sie der Weg zum sozialen Aufstieg. Einer ihrer Vorkämpfer  und Wegbereiter war dabei der berühmte Biologe Thomas Huxley. Selbst ein aus bescheidenen Verhältnissen stammender Autodidakt, hatte er sich in den 1860ern in den Londoner Arbeiterbildungsvereinen engagiert, konzentrierte seine Bemühungen später jedoch in erster Linie auf eine Modernisierung der Universitäten. Er hatte erkannt, dass der englische Kapitalismus und das britische Empire in Industrie wie Administration Leute mit einer soliden wissenschaftlichen und technischen Ausbildung benötigte. Das alte Universitätssystem, das ganz auf den Typus des Gentleman-Wissenschaftlers zugeschnitten war, konnte diese nicht in genügender Anzahl hervorbringen. Es musste deshalb grundlegend verändert und Talenten gegenüber geöffnet werden, die nicht aus der traditionellen Elite stammten.
In diesem Kontext mutet es geradezu symbolhaft an, dass H.G. Wells ab 1894 an der Londoner Normal School for Science bei Thomas Huxley Biologie studierte, war sein eigener Werdegang doch exemplarisch für viele Vertreter dieser neuen Mittelklasse. In ärmliche Verhältnisse hineingeboren, hatte der künftige Schriftsteller schon in jungen Jahren seine Liebe zu Büchern entdeckt und einen wahren Heißhunger auf Wissen jeder Art entwickelt. Das bewahrte ihn freilich nicht davor, mehrere Jahre als Lehrling erst im Textilhandel, dann bei einem Apotheker schuften zu müssen. Erst als es ihm gelang, einen Platz an der Midhurst Grammar School zu ergattern, und er bald darauf ein Stipendium für ein Studium an der Normal School for Science erhielt, begann sich sein Schicksal allmählich zum Besseren zu wenden, auch wenn sein Leben noch für viele Jahre – als Student wie als Lehrer  – von Mangel und ökonomischer Unsicherheit geprägt bleiben würde.
Bildung und Wissenschaft waren für H.G. Wells der Weg gewesen, auf dem er einer von Armut, Hunger und geisttötender Plackerei beherrschten Existenz entkommen war. Es verwundert deshalb nicht allzusehr, dass er in ihnen schließlich so etwas wie die ultimative Lösung für alle gesellschaftlichen Probleme erblickte. Und dass eine der prägenden Figuren auf diesem Weg Thomas Huxley gewesen war, trug sicher viel dazu bei, dass die darwinsche Evolutionslehre einen tiefen und bleibenden Einfluss auf sein Denken ausübte – schließlich hatte sich der gute Mann durch sein leidenschaftliches Engagement während der Kontroverse um The Origin of Species den vielsagenden Spitznamen "Darwins Bulldogge" verdient.
Wenn Wells' persönlicher Pfad des sozialen Aufstiegs den historischen Aufstieg einer ganzen sozialen Schicht widerspiegelte, gilt dasselbe für das ambivalente Verhältnis, in das er dabei zur Viktorianisch- Edwardianischen Gesellschaft geriet. Einerseits war die gesellschaftliche Entwicklung, die sich in seinem Leben und seiner Persönlichkeit ausdrückte, Teil des gewaltigen Modernisierungsschubs, der diese Epoche der britischen Geschichte auszeichnete. Wir tendieren sehr oft dazu, den Viktorianismus als eine fürchterlich konservative, steife und verstaubte Ära zu betrachten. Doch in Wirklichkeit handelte es sich bei ihm in vielerlei Hinsicht um eine äußerst dynamische Aufbruchszeit. Wells' Begeisterung für Fortschritt, Technik und Wissenschaft stand keineswegs im Widerspruch zum allgemeinen Zeitgeist, sondern war Teil desselben. Das galt insbesondere für das Mittelklasse-Milieu, zu dem er gehörte.  Zugleich jedoch stieß dieser fortschrittliche Geist beständig auf den Widerstand der überkommenen Elite. Das war vor allem in der Welt von Schule und Universität der Fall, wo sich "die Alten" mit Händen und Füßen gegen die Modernisierung ihrer angestammten Domäne wehrten. Wie John Hart in seiner Besprechung von Wells' Autobiographie schreibt:
There was no room for the middle class intellectual in the scheme of contemporary English society. Wells was acutely aware of that. He saw that teaching was hampered on all sides by old pedagogical and moral forms. It was in no way possible to teach science, as Latin and history had hitherto been taught, without destroying its social implications. The reform of the educational system became therefore a leading issue for him.  
Da für Wells Bildung der Schlüssel zur Lösung aller gesellschaftlichen Probleme war, musste dieses Ringen um eine Reform in seinen Augen zu einer Art epischem Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen werden. Um George Orwells Essay Wells, Hitler, and the World State zu zitieren:
If one looks through nearly any book that he has written in the last forty years one finds the same idea constantly recurring: the supposed antithesis between the man of science who is working towards a planned World State and the reactionary who is trying to restore a disorderly past. [...] On the one side science, order, progress, internationalism, aeroplanes, steel, concrete, hygiene: on the other side war, nationalism, religion, monarchy, peasants, Greek professors, poets, horses. History as he sees it is a series of victories won by the scientific man over the romantic man.
Wells rebellierte nicht gegen die Viktorianisch-Edwardianische Gesellschaft als Ganzes, sondern nur gegen einige ihrer Aspekte. Gegen all das, was in seinen Augen eine überlebte Vergangenheit verkörperte: Die Geistlichkeit als Vertreterin von Aberglaube und Unwissenheit; Tory-Gutsbesitzer mit ihrer Vulgarität, ihrer Leidenschaft für die Fuchsjagd und ihrem martialisch-jingoistischen Gehabe; verstaubte Oxbridge-Dons und in einem mumifizierten Klassizismus erstarrte Schullehrer.
Sein Aufbegehren wurde nicht getragen vom Hass des Revolutionärs gegen eine unmenschliche Ordnung, sondern vom Ärger und der Frustration des Mittelklasseintellektuellen über Borniertheit und Konservatismus, die ihn und seinesgleichen in ihrer freien Entfaltung behindern, wobei dieselbige mit dem Fortschrit der Menschheit gleichgesetzt wird. Denn würde die Welt bloß auf ihn und solche wie ihn – aufgeklärte, von der Wissenschaft erleuchtete Intellektuelle – hören und all den alten Plunder von Religion, Militarismus, Nationalismus, Puritanismus, Ständedünkel über Bord werfen, alles würde sich zum Guten wenden. Und warum sollten sie nicht auf ihn hören, entsprachen seine Argumente doch scheinbar ganz dem "gesunden Menschenverstand"?
Es versteht sich beinah von selbst, dass Wells' Vorstellung von Sozialismus nichts mit Revolution und Selbstbefreiung der Arbeiterklasse zu tun hatte. Eine politische Bewegung der Massen spielte in seinen Konzepten keine Rolle. Den Marxismus behandelte er nie anders als mit verächtlicher Herablassung. Sein Sozialismus war vielmehr das erträumte Endziel einer schrittweisen Entwicklung unter der Leitung einer Elite aufgeklärter Geister.
Es ist kein Zufall, dass H.G. Wells' bedeutendste literarische Werke – Bücher wie The Time Machine (1895), The Island of Doctor Moreau (1896), The Invisible Man (1897), The War of the Worlds (1898) und The First Men in the Moon (1901) – sämtlichst zu einer Zeit entstanden sind, als sein Aufbegehren gegen die Viktorianisch-Edwardianische Gesellschaft noch frisch und scharf war. In späteren Jahren ossifizierte sein Denken mehr und mehr zu einer hochmütigen und zunehmend weltfremden Doktrin.
Schon der 1. Weltkrieg, den er zu Beginn unterstützt und als "The War That Will End Wars" propagandistisch verklärt hatte, musste seinem letztlich naiven Glauben an den allmählichen Sieg von Vernunft und Fortschritt einen empfindlichen Dämpfer versetzen. Was folgte war eher noch schlimmer. Wells war organisch unfähig, die von extrem heftigen Klassenkämpfen, Revolutionen und Konterrevolutionen geprägte Zwischenkriegszeit zu verstehen. Kein Wunder, dass es ihm nicht länger möglich war, sich auf fruchtbare Weise künstlerisch mit der Welt auseinanderzusetzen. Stattdessen versteifte er sich immer mehr in der Rolle des überlgegenen Denkers, der im Grunde die Antwort auf alle Fragen besitzt, doch von den dummen, unaufgeklärten Menschen zu ihrem eigenen Schaden ignoriert wird.

1 Kommentar:

  1. Parallel zur viktorianischen Zeit war ja auch unsere Kaiserzeit deutlich vielfältiger als das Bild, das wir heute dazu im Kopf haben. Ich finde diese Epochen mit jedem Buch, das ich darüber lese, faszinierender.

    Wells einmal so in seine Zeit einzuordnen, auch im biografischen Verlauf, ist eine gute Ergänzung zur Erinnerung an seine großen Romane anderswo.

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