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Sonntag, 3. Juli 2016

Wonderfully weird

Wie hätten die X-Files ausgesehen, wenn sie nicht eine amerikanische Fernsehserie der 90er, sondern eine britische der 70er Jahre gewesen wären? Wer diese Vorstellung verlockend findet, sei eingeladen, zuammen mit mir der 1979 von BBC Scotland produzierten, zehnteiligen TV-Serie The Omega Factor einen Besuch abzustatten. Es lohnt sich wirklich.



1978/79 erhielt Produzent George Gallacio den Auftrag, eine neue Serie für die BBC zu kreieren, nachdem The Standard, für deren gecancelte zweite Staffel er eigentlich verantwortlich sein sollte, nicht den gewünschten Erfolg gehabt hatte. Gallacio war als Produktionsassistent an Moonbase 3 (1973) und als PUM ("Production Unit Manager") an Doctor Who (1974-76) beteiligt gewesen, besaß also bereits einige Erfahrung im filmphantastischen Fach. Er kam auf die Idee, SciFi-, Horror- und Thrillerelemente in einer TV-Serie zu vereinigen, die dem in den 70er Jahren weitverbreiteten Interesse an paranormalen Phänomenen entgegenkommen sollte. Als Mitarbeiter guckte er sich den schottischen Autor Jack Gerson aus, der das Konzept weiterentwickelte und das Drehbuch für die Pilotfolge The Undiscovered Country {sowie das Finale Illusions} verfasste.

Während seiner Recherchen für eine Reportage über Okkultismus und paranormale Phänomene kommt dem Londoner Journalisten Tom Crane (James Hazeldine) zu Ohren, dass der berüchtigte Okkultist Edward Drexel (Cyril Luckham), mit dem selbst Aleister Crowley nichts zu tun haben wollte, unter einem anderen Namen in Edinburgh leben soll. Er begibt sich in die schottische Metropole, wo er sich bei seinem jüngeren Bruder Michael (Nicholas Coppin) einquartiert, einen netten Abend mit der Physikerin Anne Reynolds (Louise Jameson)* – einer guten Freundin seiner Frau Julia – verbringt und schließlich Drexel in seinem Bücherantiquariat aufsucht. Der alte "Magier" zeigt sich wenig begeistert von der Neugier des Journalisten und legt ihm nahe, Edinburgh schnellst möglich wieder zu verlassen, wenn er keine unangenehmen Konsequenzen wünsche. Doch so leicht lässt sich Tom nicht einschüchtern, was fatale Folgen hat. Unter dem telepathischen Einfluss von Drexel baut er einen Autounfall, bei dem Julia ums Leben kommt. Als wenig später der mysteriöse Andrew Scott-Erskine (Brown Derby) bei ihm aufkreuzt und ihm eröffnet, dass die Regierung Ihrer Majestät eine geheime, "Department 7" genannte Sektion unterhalte, die sich der Erforschung paranormaler Phänomene gewidmet hat, und selbige seine Mitarbeit wünsche, da er über beträchtliche PSI-Talente verfüge, die ihm selbst noch nicht richtig bewusst seien, ist Tom sehr rasch bereit, auf dieses Angebot einzugehen, da er hofft, auf diese Weise Drexel aufspüren und Rache an ihm nehmen zu können. Er wird der Abteilung in Edinburgh zugeteilt, die unter der Leitung des Psychologen Roy Martindale (John Carlisle) steht und zu deren Stab auch Anne Reynolds gehört. Im weiteren Verlauf der Serie bekommen es Tom und Anne mit einer Reihe okkulter Geschehnisse zu tun, entdecken jedoch zugleich immer deutlichere Anzeichen für eine Verschwörung, in die führende Vertreter von Regierung und Militär verwickelt zu sein scheinen und in deren Zentrum die geheimnisvolle Organisation "Omega" steht. Auch verschlechtert sich zusehends das Verhältnis zwischen Tom und dem fanatischen, scheinbar gefühl- und skrupellosen Martindale.

Die Ähnlichkeiten zu den X-Files sind recht offensichtlich. Zwar fehlt der zentrale Konflikt zwischen Glauben und Skeptizismus, aber auch hier haben wir ein paranormales Ermittlerpaar, das für eine staatliche Insitution arbeitet und bei dem die Frau nicht nur die Wissenschaftlerin ist, sondern auch sehr viel stärker "by the book" agiert als ihr impulsiver Partner. Und ihre gemeinsamen Abenteuer stellen ähnlich wie die von Mulder und Scully eine Mixtur aus populären okkulten Phänomenen und Verschwörungstheorien dar.
Nun nehme ich nicht an, dass ´zu Chris Carters Inspirationsquellen tatsächlich eine reichlich obskure britische TV-Serie der späten 70er Jahre gehört hat. Sucht man nach den direkten Vorläufern der X-Files, hat man sich eher bei US-Shows wie Kolchak (1974/75) umzuschauen. Ganz spannend finde ich die Parallelen dennoch. Was einen nicht davon abhalten sollte, The Omega Factor als ein völlig eigenständiges Werk zu betrachten – mit seinen ganz eigenen Schwächen und Stärken.

Schaffen wir zuerst einmal die Mängel aus dem Weg.
Für eine TV-Serie der Zeit verfügt The Omega Factor über eine erstaunlich hohe Kontinuität zwischen den einzelnen Episoden. Zumindest, wenn man sich an dem weit verbreiteten, US-zentrischen Schema orientiert, das Twin Peaks (1990/91) an den Anfang der Entwicklung stellt, die vom episodischen Fernsehen der Vergangenheit über Serien wie Babylon 5 (1994-98), Buffy the Vampire Slayer (1997-2003) und The Sopranos (1999-2007) zu den extrem serialisierten Shows der Gegenwart führt. Freilich hatte es außerhalb der USA in dieser Hinsicht schon immer etwas anders ausgesehen. Wie dem auch sei, auf jedenfall existieren in Bezug auf die Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander sowie der allmählichen Enthüllung der "Omega"-Verschwörung Handlungsbögen, die sich über alle zehn Episoden spannen. Zugleich jedoch sind die meisten Folgen thematisch in sich abgeschlossen, insofern sie sich mit je einem bekannten paranormalen Phänomen beschäftigen, als da wären z.B. Geistererscheinungen (Visitations), "Sensory Deprivation" & Gehirnwäsche (After-Image), Spiritismus & Besessenheit (Powers of Darkness), Poltergeist-Phänomene (Child's Play) sowie Außerkörperliche Erfahrungen & Astralprojektionen (Out Of Body, Out Of Mind). Keines dieser Themen findet seine Fortsetzung in späteren Episoden, so dass einzelne Folgen trotz der größeren Handlungsbögen manchmal recht abgehackt wirken können.
Ein wenig enttäuscht hat mich auch, dass die Drexel-Story relativ bald zu einem eher unbefriedigenden Ende gebracht wird. Die Figur des alten Okkultisten mit seiner crowley'esquen Vergangenheit von orgiastischen Kulten und finsteren Ritualen, dessen Widersacher ohne Ausnahme Selbstmord begehen, hätte eine interessantere zentrale Achse für den allgemeinen Plot abgeben können als die "Omega"-Verschwörung. Auch besitzt seine junge Adeptin Morag (Natasha Gerson) – stumm, bleich, mit langem dunklem Haar und großen Augen, die ihr ein zugleich kindliches, melancholisches und andersweltliches Aussehen verleihen – eine extrem unheimliche Präsenz. Bizarrerweise taucht sie auch nach dem Tod ihres Meisters noch einmal kurz auf, um dann jedoch bedauerlicherweise kommentarlos aus der Serie zu verschwinden.
Auch muss gesagt werden, dass die große Konspiration im Hintergrund sehr verschwommene Konturen besitzt. Die Ziele, die "Omega" verfolgt, bleiben bis zum Ende merkwürdig unbestimmt. Offensichtlich geht es der Organisation um Macht, doch zu welchem Zweck? In den meisten Episoden scheint ihr Interesse bloß darin zu bestehen, paranormale Phänomene in potentielle Waffen oder Herrschaftsinstrumente umzuwandeln. Doch in einer Folge plant sie die Ermordung eines {fiktiven} afrikanischen Staatsoberhauptes, mit dem Großbritannien gerade ein Bündnis einzugehen versucht. Besitzt "Omega" demnach konkrete politische Ziele? Wir erfahren nie genaueres darüber.**
Der Fairness halber sei jedoch darauf hingewiesen, dass  die Scripts für die Serie unter großem Zeitdruck von einem halben Dutzend Autoren geschrieben wurden. Dass manche Seiten des Hauptplots einen etwas skizzenhaften Charakter besitzen, erscheint unter diesen Umständen nicht so verwunderlich. Auch gingen Gallacio und Gerson vermutlich davon aus, dass ihnen eine zweite Staffel zur Verfügung stehen würde, die es ihnen erlaubt hätte, offene Fragen zu beantworten.

Doch dazu sollte es nicht kommen, denn The Omega Factor wurde schon bald zum  Objekt heftiger öffentlicher Kontroversen. Verantwortlich dafür war wieder einmal die christlich-konservative Aktivistin Mary Whitehouse – Führerin der National Viewers and Listener's Association (NVLA) und so etwas wie der böse Geist der britischen TV- und Filmphantastik. Die Episode Powers of Darkness weckte ganz besonders ihren Zorn: "It contained scenes of hypnosis, the supernatural, and a man apparently burning to death. It is one of the most disturbing things I have seen on television." Angeblich bezeichnete sie die Folge als "thoroughly evil". Als sie zwei Wochen später in St. Anthony's Fire dann auch noch miterleben musste, wie ein Mann von seiner Frau mit einem Küchenmesser ermordet wird, setzte sie alles daran, diesem erneuten Verbrechen der "degenerierten" BBC an der öffentlichen Moral ein Ende zu setzen. Die Einschaltquoten der Serie waren ohnehin eher mäßig, und so bleibt es unsicher, wie groß der Beitrag tatsächlich gewesen ist, den Whitehouse zum Tod von The Omega Factor geleistet hat. Doch wenn bei den Verantwortlichen noch irgendwelche Zweifel über das Schicksal der Show bestanden haben sollten, wurden diese durch die Hetzkampagne der selbsternannten Sittenwächterin wohl endgültig beseitigt. Trotz des ambivalenten Endes der ersten Staffel wurde The Omega Factor alsbald zu Grabe getragen.
 
Was wirklich äußerst bedauernswert ist. Denn bei allen Schwachpunkten ist die Serie doch ein äußerst faszinierendes Stück TV-Phantastik. Zum einen verfügt The Omega Factor mit ihren drei überzeugend gezeichneten Hauptfiguren Tom, Anne und Martindale sowie der zwischen ihnen herrschende Dynamik einen festen dramatischen Kern, um den herum die phantastischen Ereignisse angesiedelt sind. Zum anderen besitzt die Show jene wundervolle "Weirdness", die so viele phantastische Fernsehfilme und -serien aus dem Großbritannien jener Ära auszeichnet. Zwar mag The Omega Factor in dieser Hinsicht nicht an die Intensität von ITVs Sapphire and Steel heranerreichen, deren erste Staffel gleichfalls 1979 ausgestrahlt wurde, doch enthält die Serie immer noch mehr als genug leicht surreale, verstörende und schlicht bizarre Momente. Die visuellen Tricks sind allesamt technisch sehr einfach, aber nichtsdestoweniger – kombiniert mit Sound & Musik – äußerst effektvoll. Passenderweise bekommen wir in mehreren Folgen kurze Ausschnitte aus dem Pink Floyd - Album The Dark Side of the Moon zu hören.*** In der Tat besitzt The Omega Factor streckenweise eine leicht psychedelische Qualität.

Im Ganzen betrachtet kann ich die Serie allen Freundinnen und Freunden des Phantastischen nur wärmstens ans Herz legen. Wessen Aufmerksamkeit sich nur durch spektakuläre Spezialeffekte oder rasante Action fesseln lässt, wird The Omega Factor zwar kaum zu genießen vermögen, doch alle, die meine Liebe für echte "Weirdness" teilen, sollten sich dieses kleine Juwel der britischen TV-Phantastik auf keinenfall entgehen lassen.


* Die Schauspielerin kam frisch von Doctor Who, wo sie als Leela für zwei Staffeln an der Seite von Time Lord Tom Baker gestanden hatte.
** Das Motiv einer geheimen Verschwörung spiegelte natürlich etwas vom politischen Geist der Zeit wider. Freilich hätte es einige Jahre zuvor mehr reales Gewicht besessen. Schließlich hatten in der ersten Hälfte der 70er Jahre Teile der britischen Elite tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, auf die zunehmende Radikalisierung der Arbeiterklasse mit einem Militärputsch zu reagieren. Doch gerade die Ereignisse von 1979 zeigten sehr deutlich, dass die Realität sehr viel komplizierter war als die simplistischen Fantasien irgendwelcher Verschwörungstheoretiker. Fünf Jahre zuvor war es der Arbeiterklasse gelungen, die Tory-Regierung von Edward Heath zu Fall zu bringen. Doch die Labour-Partei enttäuschte schon bald alle in sie gesetzten Hoffnungen. Die Epoche des Sozialreformismus ging unwiderruflich ihrem Ende entgegen. Die arbeiterfeindliche Politik von Premierminister James Callaghan führte 1978/79 zu den Massenstreiks des "Winter of Discontent" und ebnete letztenendes der Machtübernahme durch Margaret Thatcher im Mai 1979 den Weg. Irgendwelcher Konspirationen im Hinterzimmer bedurfte es dazu nicht.
*** Lustigerweise spielte Hazeldine drei Jahre später in The Wall mit. Er hatte übrigens auch einen kleinen Part in Jack Golds Phantastikklassiker The Medusa Touch (1978).

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