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Samstag, 30. Juli 2016

Strandgut der Woche

Dienstag, 26. Juli 2016

A Night at the Movies #1 - "Zombies of the Stratosphere"

"A night at the movies" – um die Entstehung dieser Redewendung zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass ein Kinobesuch in der guten alten Zeit {d.h. bis in die frühen 60er Jahre hinein} in den Vereinigten Staaten sehr viel anders aussah als das, was einen heute beim Betreten eines Lichtspielhauses erwartet – ganz gleich, ob es sich dabei um ein monströses Cineplex oder ein kleines Programmkino handelt. Nicht nur bekam man sehr oft ein "Double Feature" – bestehend aus dem billigen B- und dem teueren A-Movie – präsentiert, der Kinoabend glich in gewisser Weise einem Varieté-Programm mit einer ganzen Reihe von Nummern. Dazu konnten sogar Live-Einlagen gehören, doch die wichtigsten Bestandteile waren ein "Newsreel" {das deutsche Pendant war die "Wochenschau"}, ein Cartoon, eine Kurzfilmkomödie {z.B. die neusten Eskapaden von Laurel & Hardy} und/oder die neueste Episode eines Serials. Ein Kinobesuch war mithin ein wirklich abendfüllendes Vergnügen.

Zum Untergang dieser Art von Kinokultur trugen viele Faktoren bei, doch der wichtigste war ohne Zweifel die Entstehung des Fernsehens und damit verbunden das dramatische Zusammenschrumpfen des zahlenden Publikums. Für all jene Formen der Filmkunst, die als Teil des "Rahmenprogramms" entstanden und zur Blüte gelangt waren, bedeutete dies mehr oder weniger das Aus  – selbst wenn sie in veränderter Form in das neue Medium übersiedeln durften.So löste Metro-Goldwyn-Mayer 1957 seine Cartoon-Abteilung auf, Warner Bros. die ihrige 1962/63. Die Produktion von Serials, die seit Mitte der 30er Jahre ganz in den Händen von Universal, Columbia und Republic Pictures gelegen hatte, war bereits zuvor eingestellt worden. Universal hatte sich  schon 1946 aus dem Geschäft zurückgezogen, die beiden anderen Studios folgten ein Jahrzehnt später.

Ich habe vor, unter dieser Rubrik in Zukunft in unregelmäßigen Abständen einige Beispiele aus diesem untergegangenen "Rahmenprogramm" vorzustellen. In erster Linie werden das wohl Serials sein, auch wenn ich einen Abstecher in die herrlich verrückten Cartoon-Welten von Tex Avery oder Chuck Jones nicht ausschließen will. Zumindest ein Besuch von Duck Dodgers in the 24½th Century (1952) scheint eigentlich obligatorisch. Mal sehen ...  

Dass die Serials eine wichtige Rolle in der Entwicklung des phantastischen Films gespielt haben, ist kein großes Geheimnis. In gewisser Hinsicht waren sie so etwas wie die Pulps des Kinos, und so wie sich die literarische Science Fiction in den USA für längere Zeit hauptsächlich in Magazinen wie Amazing Stories oder Astounding abspielte, fand der amerikanische SciFi-Film der 30er und 40er Jahre seine bevorzugte Heimstatt in den Cliffhanger-Serien. Einer der wenigen Ausflüge, die Hollywood in den 30ern abseits der Serials in futuristische Gefilde unternahm war kurioserweise eine Musical-Komödie: David Butlers Art Deco - Extravaganza Just Imagine (1930). Einzelne Szenen und Requisiten {vor allem das Raketenschiff} aus diesem Streifen fanden ihren Weg später in eine ganze Reihe phantastischer Serials, u.a. auch in den wohl bekanntesten Vertreter dieser Gattung: Flash Gordon.
Universal's großer Hit aus dem Jahre 1936 – mit dem blondierten Buster Crabbe als All American Hero und Charles B. Middleton als dem ultimativen Pulp-SciFi-Bösewicht Ming the Merciless – war zwar nicht das erste, aber sicher das einflussreichste SciFi-Serial der 30er. Es erhielt nicht nur zwei Sequels – Flash Gordon's Trip to Mars (1938) und Flash Gordon Conquers the Universe (1940) –, sondern führte auch zur Produktion von Buck Rogers in the 25th Century (1939), mit dem das Studio den Erfolg seiner ersten Space Adventure - Serie zu wiederholen versuchte, was jedoch nicht wirklich gelang. {Ironischerweise war der Flash Gordon - Comic als Antwort auf die extrem populären Buck Rogers - Strips kreiert worden, nachdem es King Features nicht geglückt war, die Rechte für eine Adaption von Edgar Rice Burroughs' John Carter of Mars - Stories zu erwerben ...}

Mit den frühen filmischen Abenteuern dieser beiden Erzheroen der Pulp-SciFi-Ära werden wir uns in irgendeiner künftigen Ausgabe von "A Night at the Movies" sicher noch ausführlicher beschäftigen, doch für heute steht ein Vertreter der Spätphase der Serials auf dem Programm: Fred C. Brannons grandios betitelte Zombies of the Stratosphere (1952).



Auch wenn von allen Serials Flash Gordon heutzutage vielleicht noch am bekanntesten sein dürfte – und das wohl hauptsächlich dank der ikonischen Figur von Ming the Merciless –, gilt im allgemeinen nicht Universal, sondern Republic Pictures als der bedeutendste Produzent von Cliffhanger-Serien. Viele ihrer Serials zeichneten sich durch bessere Drehbücher, eine kompetentere Regie und bessere schauspielerische Leistungen als die ihrer beiden Konkurrenten aus. Auch verfügten sie mit Howard & Theodore Lydecker über ein ausgesprochen einfallsreiches und talentiertes SFX-Gespann. So gelten z.B. die von den beiden Brüdern kreierten Flugszenen in The Adventures of Captain Marvel (1941) als geradezu revolutionär.
In der zweiten Hälfte der 40er Jahre machte sich freilich auch bei Republic Pictures der allmähliche Niedergang des Formats immer deutlicher bemerkbar. Dennoch sollte das Studio gerade in dieser Ära noch einmal zwei wenn schon nicht welterschütternde, so doch zumindest bemerkenswerte Beiträge zum Genre des SciFi-Films leisten.
Zuerst einmal führte Republic Pictures mit The Purple Monster Strikes (1945) das "Alien Invasion" - Motiv in das amerikanische Kino ein. In Flying Disc Man from Mars (1950) war dann sogar erstmals von "Fliegenden Untertassen" die Rede – nach Kenneth Arnolds angeblicher UFO - Sichtung an der Pazifikküste im Juni 1947 die populär gewordene Erscheinungsform außerirdischer Flugapparate.
Daneben kreierte man in King of the Rocket Men (1949) eine der letzten ikonischen Heldengestalten der Serials. Die Figur des mit Raketenrucksack, Lederjacke und stromlinienförmigem Helm ausgestatteten "Rocket Man" sollte in insgesamt vier Serials auftauchen und gut dreißig Jahre später zur Inspiration für Dave Stevens' Rocketeer werden. Dabei handelte es sich freilich nicht um einen einheitlichen Charakter. Vielmehr schwangen sich zwischen 1949 und 1953 drei unterschiedliche Heroen den Raketenrucksack über die Schultern, um die Welt zu retten.

In Radar Men from the Moon (1952) wurde die "Rocket Man" - Figur erstmals mit dem "Alien Invasion" - Motiv verbunden. Hatte sich Jeff King noch mit den diabolischen Machenschaften des irren Wissenschaftlers "Dr. Vulcan" herumplagen müssen, bekommt es sein Nachfolger Commando Cody mit dem Monddiktator Retik zu tun, dessen interplanetarische Eroberungspläne es zu durchkreuzen gilt. 
Zombies of the Stratosphere (1952) war ursprünglich als Sequel zu dem Serial geplant. Doch aus irgendwelchen Gründen, entschied man sich am Ende dazu, Commando Cody gegen einen dritten "Rocket Man" auszutauschen. Dazu holte man den Schauspieler Judd Holdren an Bord, der ein Jahr zuvor die Hauptrolle in Columbia Picture's extrem erfolgreichem Serial Captain Video: Master of the Stratosphere gespielt hatte. Man ist versucht anzunehmen, die Republic - Bosse hätten gedacht, es sei erfolgversprechender, an die Popularität des guten Captain anzuknüpfen, statt den hauseigenen Helden zu reaktivieren. Dem widerspricht allerdings, dass man zur selben Zeit sehr wohl an einem Commando Cody - Sequel arbeitete, das zuerst als TV-Serie geplant war, dann aber doch in ein Serial verwandelt wurde: Commando Cody: Sky Marshall of the Universe (1953). Die ganze Angelegenheit ist ziemlich verwirrend.
Wie dem auch sei. Zombies of the Stratosphere mag kein Sequel zu den Radar Men sein, recycelt aber zu einem Gutteil deren Plot. Larry Martin (Judd Holdren) ist der Leiter der US-eigenen "Inter-Planetary Patrol", die freilich nur drei weitere Mitarbeiter zu haben scheint: Bob Wilson (Wilson Wood), Sue Davis (Aline Towne) und Dick (Gayle Kellog), den Piloten von Larrys Raketenschiff. Gemeinsam müssen die vier das diabolische Vorhaben des Marsianers Marex (Lane Bradford) zunichte machen, der mit Hilfe des verräterischen Wissenschaftlers Dr. Harding (Stanley Waxman) und der Gangster Roth (John Crawford) und Shane (Ray Boyle) eine Wasserstoffbombe zusammenzubasteln versucht, deren Detonation die Erde aus ihrer Umlaufbahn schleudern soll, damit im Anschluss daran, Mars die Position unseres Heimatplaneten einnehmen und somit in den Genuss eines besseren Klimas gelangen kann. In der Mehrzahl der Episoden geht es darum, wie Larry & Co die wiederholten Versuche der Bösewichter durchkreuzen, die nötigen Komponenten für ihre Höllenmaschine zu organisieren und in ihr Versteck zu transportieren.
Mit den Lebenden Toten hat das Ganze, wie man sieht, nichts zu tun, auch wenn die Marsianer aus ungeklärten Gründen immer mal wieder als "Zombies" bezeichnet werden. Vielmehr folgt das Serial getreu dem Schema, das Republic Pictures inzwischen für ihre "Alien Invasion" - Geschichten entwickelt hatte. Da für allzu komplizierte Spezialeffekte, teure Modelle oder aufwendige Make-ups & Masken ganz einfach das Geld fehlte, handelt es sich bei den Möchtegern-Invasoren aus dem All stets um Einzelgänger oder ein kleines Grüppchen, die für die Drecksarbeit ein paar menschliche Gauner anheuern, so dass ein Gutteil der Episoden mit Actionszenen gefüllt werden konnten, wie man sie auch in jedem anderen Abenteuer-Serial zu sehen bekam: Verfolgungsjagden, Schießereien, Faustkämpfe. Oft sicherten sich die Aliens außerdem die Unterstützung eines irdischen Wissenschaftlers, der zugleich den Typus des "unamerikanischen" Verräters verkörperte. So war Dr. Bryant in Flying Disc Man from Mars (1950) ein ehemaliger Nazisympathisant und Dr. Harding in Zombies of the Stratosphere verkauft offenbar militärische Geheimnisse an die Sowjets, auch wenn das Serial den Namen der "feindlichen Macht", mit der der skrupellose Harding Kontakte unterhält, nie ausdrücklich nennt.   

Für meinen ersten Beitrag zu "A Night at the Movies" war Zombies of the Stratosphere vermutlich nicht die klügste Wahl. Schließlich hoffe ich, mit dieser Rubrik bei meinen Leserinnen & Lesern Interesse für die alten Serials, Cartoons und Kurzfilme zu wecken, die einst fester Bestandteil eines jeden Kinobesuchs waren. Und es lässt sich nicht leugnen, dass Larry Martins Abenteuer selbst im Kontext der späten SciFi-Serials ein eher schwaches Bild abgeben.
Wie zu dieser Zeit allgemein üblich geworden, recycelt die Cliffhanger-Serie ausgiebigst Szenen aus älteren Serials. Wenn Larry mit seinem Raktenrucksack durch die Gegend düst, so stammen die Bilder in den allermeisten Fällen aus King of the Rocket Men; das Raketenschiff ist den Radar Men entwendet worden; Szenen des Bankraubs per Roboter stammen aus Mysterious Doctor Satan (1940) usw. Wirklich frech wird dieser cineastische Kannibalismus, wenn sich Ep. 10 "Flying Gas Chamber" als Clip-Show entpuppt, die Serie also anfängt sich selbst zu plündern. Hinzu kommen einige besonders bizarre Plotwendungen. So wird das in einem verlassenen Bergwerk eingerichtete Hauptquartier der Bösewichter von Larry & Co eigentlich bereits in Ep. 6 "Murder Mine" entdeckt. Doch nachdem ein Versuch scheitert, in den gefluteten Teil des Stollens vorzudringen, hinter dem sich das eigentliche Versteck befindet, lassen unsere Helden die ganze Sache einfach auf sich beruhen, was es Marex & Kumpanen erlaubt, ihre diabolische Arbeit ungestört fortzusetzen.
Nichtsdestotrotz besitzt auch Zombies of the Stratosphere seinen Charme. Immer dann, wenn Larry Martin in seinen Fluganzug schlüpft und den Raketenrucksack schultert, tauchte ein breites Grinsen auf meinem Gesicht auf. Mögen die Flugszenen auch größtenteils aus älteren Serials geklaut sein, die Figur des "Rocket Man" besitzt einfach ein grandios pulpiges Flair. Dasselbe gilt natürlich für jeden Auftritt des guten alten Republic - Roboters, der sein Debüt sechzehn Jahre zuvor in Undersea Kingdom erlebt hatte. {Gemeint ist dieser Blechkamerad.} Auch einige der Actionszenen, die fast immer mit dem obligatorischen Cliffhanger-Scheintod unseres Helden enden, sind durchaus sehenswert. Besonders gut gefallen hat mir in dieser Hinsicht die Schlusssequenz von Ep. 1 "The Zombie Vanguard", wenn Larry mit einem kleinen Panzer einem davonrasenden Zug hinterherjagt – Yeah! Und als kleinen Geek-Bonus bekommt man außerdem noch einen jungen Leonard Nimoy in einer seiner ersten Filmrollen als Marsianer zu sehen. Ulkigerweise ist es sein Charakter, der am Ende die Zerstörung der Erde verhindert! Bravo, Mr. Spock! {Erneut eine jener bizarren Wendungen des Plots}

Samstag, 23. Juli 2016

Strandgut der Woche

Samstag, 16. Juli 2016

Strandgut der Woche

Mittwoch, 13. Juli 2016

Ein halb vergessener Klassiker

Der gewaltige Erfolg des Lord of the Rings und sein ohne Zweifel immenser Einfluss auf die Entwicklung der Fantasyliteratur machen es mitunter schwer, sich ein korrektes Bild von der Anfangsphase des Genres zu machen. Tolkien erscheint da oft als eine Art titatenhafter Gründervater, dessen mächtige Gestalt die meisten seiner Vorgänger und Zeitgenossen vor dem Blick des heutigen Betrachters verbirgt. Daher der weit verbreitete Eindruck, sein Werk sei repräsentativ für die frühe Fantasy, und erst späteren Generationen sei es durch eine allmähliche Emanzipation von seinem übermächtigen Vorbild gelungen, dem Genre eine vielfältigere Gestalt zu verleihen. 
Diese verzerrte Sicht findet eine teilweise Rechtfertigung in dem Umstand, dass kaum eines der „alternativen Fantasymodelle“ der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unmittelbare Nachahmer fand. Die große Ausnahme bildet natürlich Robert E. Howard als Begründer der Sword & Sorcery Doch die meisten anderen Fantasyautoren und -autorinnen jener Zeit gerieten schon bald in Vergessenheit, obwohl viele von ihnen in den 60er und 70er Jahren in den USA von Ballantine Books noch einmal aufgelegt wurden. 
Ein höchst bedauerlicher Umstand, bietet die frühe Fantasy bei genauerer Betrachtung doch ein sehr viel bunteres Bild, als man vielleicht erwarten würde, und wartet mit einer ganzen Reihe ausgesprochen interessanter Werke auf, die wiederzuentdecken sich wirklich lohnt. Eines dieser Bücher möchte ich heute hier kurz vorstellen: Hope Mirrlees' 1926 erschienenen Roman Lud-in-the-Mist.*


1887 als Tochter eines schwerreichen schottischen Fabrikantenclans geboren, verbrachte die Schriftstellerin  ihre Kindheit und frühe Jugend in Südafrika und Großbritannien, besuchte eine Zeit lang die Royal Academy of Dramatic Art, um 1910 schließlich ein Griechischstudium in Cambridge zu beginnen. Während ihrer vier Jahre in Newnham College  entwickelte sich eine äußerst enge Freundschaft zwischen ihr und der bedeutenden Altertumswissenschaftlerin Jane Ellen Harrison, die dort lehrte. Nach 1913 reiste Mirrlees immer wieder für längere Zeit nach Paris. 1919 erschien ihr erster, in den Kreisen der Précieuses des 17. Jahrhunderts angesiedelte Roman Madeleine: One of Love’s Jansenists.** Dem folgte ein Jahr später ihr modernistisches Poem Paris***, das von Leonard & Virginia Woolfs Hogarth Press herausgegeben wurde. Nachdem Jane Ellen Harrison 1922 in den Ruhestand getreten war, folgte sie ihrer Freundin nach Frankreich und die beiden lebten für drei Jahre in der Metropole an der Seine. 1924 erschien Hope Mirrlees' zweiter Roman The Counterplot, sowie ihre zusammen mit Harrison erarbeitete Übersetzung des russischen Leben des Protopopen Awwakum. 1925 kehrten die beiden nach London zurück. Essays von Mirrlees wurden in einer Reihe angesehener Zeitschriften abgedruckt und mit The Book of the Bear: Being Twenty-one Tales newly Translated from the Russian legte sie schon bald eine weitere ihrer Gemeinschaftsarbeiten mit Harrison vor. 1926 schließlich erschien mit Lud-in-the-Mist ihr dritter und letzter Roman. Zwei Jahre später starb die inzwischen siebenundsiebzigjährige Jane Ellen Harrison, und bald darauf zog sich Hope Mirrlees aus dem öffentlichen Leben und der Literaturwelt zurück.
Michael Swanwick, der eine kurze Biographie der Schriftstellerin mit dem Titel Hope-in-the-Mist verfasst hat, sieht in Mirrlees' extrem privilegiertem Hintergrund einen der Hauptgründe für das frühzeitige Ende ihrer künstlerischen Karriere:
In her salad days Mirrlees must have seemed like the heroine of her own fairy tale, one in which a flock of fairy godmothers gathered at her cradle to vie with each other to give her beauty, intelligence, wit, charm, and social contacts. [...] But in all stories in which fairy godmothers gather, there is always one evil fairy bearing a gift meant to undo all the others. In Hope's case, the poisoned gift was wealth. Her father and grandfather were both successful industrialists and the founders of companies like Tongaat-Hulett (sugar) and Mirrlees-Blackstone (diesel engines) which still exist today. Mirrlees' father set up a generous trust fund for her, and it destroyed her as a writer.
When Jane Ellen Harrison died, Hope Mirrlees had the means to retreat from the world, from her writing, and into silence. Poverty might have saved her by forcing her to continue in the word trade just to keep a roof over her head. But poverty was the single virtue she lacked.
Eine interessante Hypothese. Zwar veröffentlichte Hope Mirrlees in den 60er Jahren noch einmal zwei Gedichtbände und den ersten Teil ihrer Robert Cotton - Biographie A Fly in Amber, doch ihre schöpferischste Phase war ohne Zweifel die Zwischenkriegszeit. Sie war Teil jener brodelnden Literarturszene der 20er Jahre, in der sich auf vielfältige Weise etwas vom Geist einer von Krieg, Revolution und zahlreichen sozialen, kulturellen und intellektuellen Umbrüchen geprägten Ära widerspiegelte. Zu ihren Bekannten gehörten u.a. Virginia Woolf, Gertrude Stein, T.S. Eliot, Bertrand Russell, André Gide, William Butler Yeats, Katharine Mansfield und Walter de la Mare.
Freilich wahrte sie gegenüber den großen sozialen Kämpfen der Zeit allem Anschein nach eine distanzierte oder erklärt konservative Haltung. Virginia Woolf attestierte ihr "an aristocratic & conservative tendency in opinion, & a corresponding taste for the beautiful & elaborate in literature." Symptomatischerweise scheint z.B. das durch die Hauptstadt von Frankreich flanierende lyrische Ich in Paris von den heftigen Klassenkämpfen, die 1919/20 die französische Gesellschaft erschütterten****, wenig mehr wahrzunehmen, als dass aufgrund des Gerneralstreiks vom 1. Mai 1919 keine Lilien auif den Straßen verkauft werden. Ihre enge Freundschaft mit T.S. Eliot und ihr Übertritt zur katholischen Kirche – ungefähr zur selben Zeit als sich der Dichter der High Church anschloss – legen es nahe, zu vermuten, dass sie ähnlich wie Eliot in einer Rückbesinnung auf traditionelle religiöse und "aristokratische" Werte die adäquate Antwort auf die stürmischen Entwicklungen der 20er und 30er Jahre sah.
Spuren dieses Weltbildes finden sich natürlich auch in Lud-in-the-Mist, doch den Roman auf eine solche konservative Note zu reduzieren, käme angesichts seiner Tiefe, Vielschichtigkeit und Ambivalenz einer Vergewaltigung gleich.

Das kleine Dorimare mit seiner Hauptstadt Lud-in-the-Mist ist eine frühbürgerliche Republik im Stile der Niederlande des 17. Jahrhunderts, regiert von einer Oligarchie reicher und selbstzufriedener Kaufleute, deren Vorväter einst in einer Revolution der Herrschaft der Herzöge und Adeligen ein Ende bereiteten. Nach dem Sturz des letzten Herzogs Aubrey erklärten sie "das Gesetz" zum obersten Prinzip, an dem sich das Leben in Dorimare zu orientieren hat, beendeten jeden Kontakt zum benachbarten Reich der Feen und erklärten den Verzehr des von dort stammenden "Feenobstes" ("fairy fruit") zu einem Verbrechen, sahen sie in ihm doch einen Teil des amoralischen, dekadenten Lebenswandels der Aristokraten. Über die Jahre hat sich daraus ein striktes Tabu entwickelt, mit dem alles, was mit den Feen zu tun hat, belegt ist. In der ausgefeilten juristischen Terminologie von Dorimare existiert das Feenobst offiziell nicht einmal und muss bei Bedarf als ein exotischer Seidenstoff umschrieben werden. Worte wie "Fee"oder "Feenobst" haben den Charakter von Obszönitäten angenommen, und sie in den Mund zu nehmen gilt unter den Vertretern der Oberschicht von Dorimare als extrem unschicklich. Als ein namenloser Gelehrter eine Studie veröffentlicht, die zu belegen versucht, dass sich in der Kultur von Dorimare – populären Redewendungen, Namen, Kunstwerken – zahlreiche Spuren des Feenerbes finden ließen und in den Adern der meisten Bewohner des Landes vermutlich sogar etwas Feenblut fließe, wird das Werk umgehend verboten und öffentlich verbrannt. Doch so sehr sich der Senat auch bemüht, es gelingt ihm nicht, zu unterbinden, dass immer wieder Feenobst ins Land geschmuggelt wird. Auch scheint sich unter den einfachen Leuten das Gerücht zu verbreiten, dass Herzog Aubrey bald schon aus dem Feenreich nach Dorimare zurückkehren werde.
Das allegorische Element in diesem Szenario ist unschwer auszumachen. Das herrschende Regime in Dorimare steht offensichtlich für eine bornierte, "bourgeoise" Weltsicht, die alles, was sich nicht mit dem "gesunden Menschenverstand" vereinbaren lässt, verdrängt und tabuisiert. Doch behandelt Hope Mirrlees dieses Thema keineswegs so eindimensional, wie man das aus anderen Fantasybüchern vielleicht gewohnt ist. So erscheint Herzog Aubrey zwar einerseits als eine dekadent-romantische Herrschergestalt im Stile Ludwigs II., besitzt zugleich aber auch düsterere und verstörende Züge, zeichnet sich durch triebhafte {und gewalttätige?} Sexualität und unmotivierte Grausamkeit aus. Es fällt deshalb schwer, die Revolution gegen sein Regiment rundheraus zu verurteilen. Ebenso ist das Feenreich nicht einfach ein fröhlich-buntes Phantásien. Vielmehr identifiziert der Roman es – an keltische Traditionen anknüpfend – mit dem Totenreich. Und diese Ambivalenz findet sich natürlich auch bei dem Feenobst. Ohne Frage spielt die Autorin hier mit Motiven aus Christina Rossettis berühmtem Gedicht Goblin Market. So haftet der "verbotenen Frucht" zweifellos etwas sinnlich-sexuelles an. Die Art ihrer Tabuisierung gleicht der "bürgerlichen" Tabuisierung des Sexuellen. {So gilt es z.B. als besonders unschicklich, in Anwesenheit von Frauen über "Feendinge" zu sprechen}. Doch erschöpft sich die Bedeutung des Feenobstes nicht hierin. Zwar geraten jene, die von ihm gekostet haben, mitunter in einen orgiastischen Rauschzustand, doch sehr viel häufiger verfallen sie in tiefe Melancholie oder werden von einer unerklärlichen, panischen Angst gepackt. Auch besitzt das Feenobst eindeutig die Charakteristika einer Droge. Wenn der Senat von Dorimare in ihm eine Bedrohung für die Gesellschaft sieht, wirkt das deshalb nicht ganz unverständlich.
Lud-in-the-Mist ist keine simple Parabel über die Fantasielosigkeit und Stumpfsinnigkeit der modernen Welt. Es ist ein sehr viel tieferes und provozierenderes Werk. Das zeigt sich auch in seinen Charakteren und der eigentlichen Handlung.
Held des Romans ist Nathaniel Chantacleer, reicher Kaufherr und Bürgermeister von Lud-in-the-Mist. In seiner trägen Selbstzufriedenheit und Oberflächlichkeit eigentlich ein tyischer Vertreter der herrschenden Klasse von Dorimare, ist ihm seit seiner Kindheit doch auch ein leicht melancholischer Zug eigen. Für die meiste Zeit erfreut er sich wie seine Standesgenossen an den simplen Freuden des Lebens und den Früchten seines Wohlstands, an würzigem Käse, teurem Wein und kleinen Feierlichkeiten unter Freunden und Bekannten, bei denen man gemeinsam über die immer gleichen Witze lacht. Ab und an jedoch verfällt er in eine halb qualvolle, halb träumerische Stimmung und beginnt über den Tod und den Sinn des Lebens nachzusinnieren. Wirklich aus dem Gleichgewicht gerät sein Leben allerdings erst, als er erfahren muss, dass sein Sohn scheinbar von dem verbotenen Feenobst gekostet hat und seitdem an heftigen und ziemlich wirren Gefühlsausbrüchen leidet. Master Nathaniel sieht sich gezwungen, die Hilfe des fremdländischen und sehr unkonventionellen Doktors Endymion Leer in Anspruch zu nehmen. Dieser rät dazu, den Jungen für einige Zeit aufs Land zu schicken, und so findet sich der junge Randulph schon bald auf dem Gehöft der Witwe Gibberty wieder, das unweit der Debatable Hills liegt, die die Grenze zwischen Dorimare und dem Feenreich bilden. Für seinen Vater haben die Probleme allerdings gerade erst begonnen. Nicht nur findet die "verbotene Frucht" ihren Weg in Miss Primrose Crabapples Schule für die höheren Töchter von Lud-in-the-Mist, irgendwer scheint es auch darauf abgesehen zu haben, Master Nathaniels Ruf zu zerstören und für seine Absetzung vom Posten des Bürgermeisters zu sorgen. Und auch bei Witwe Gibberty gehen offenbar beunruhigende Dinge vor sich. Schließlich sieht sich unser Held gezwungen, seine spießbürgerliche Trägheit abzuschütteln und endlich wirklich aktiv zu werden. In der Folge wird er nicht nur ein viele Jahre zurückliegendes Verbrechen aufklären müssen, sondern am Ende sogar etwas tun, was noch kein Bürger von Dorimare vor ihm getan hat: Offenen Auges das Feenreich betreten.
Wie man aus dieser kurzen Zusammenfassung denke ich ersehen kann, liegt der Handlung von Lud-in-the-Mist kein simplistischer Gut-Böse-Dualismus zugrunde. Unser Held ist selbst ein Vertreter der bourgeoisen Oberschicht von Dorimare. Und auch wenn er in seiner selbstzufriedenen Borniertheit zuerst etwas lächerlich wirkt, genießt er doch stets unsere Sympathie. Natürlich ist Master Nathaniel kein ganz gewöhnlicher Bürger von Lud, doch auch seine zu Beginn in keinem besonders positiven Licht dargestellte Gattin Marigold erweist sich im Laufe der Handlung als sehr viel aufgeweckter und intelligenter als man ihr zugetraut hätte, und sein von keinerlei träumerischen Anwandlungen geplagter Freund Ambrose Honeysuckle ist am Ende ganz wie Nathaniel selbst bereit, Konventionen zu brechen und mutig geistiges Neuland zu betreten. Die Feenobst-Schmuggler hingegen erscheinen nicht als subversive Freiheitskämpfer, sondern als reichlich skrupellose Gesellen. Vor allem die Szenen in Miss Crabapples Schule wirken in dieser Hinsicht ziemlich verstörend. Ob man ihren Anführer eher als einen hinterhältigen Bösewicht oder als einen missverstandenen Helden zu betrachten hat, bleibt auch am Ende des Romans fraglich. In Lud-in-the-Mist ist niemand hundertprozentig "gut" oder "böse". Das gilt selbst für die Witwe Gibberty, die doch in mancherlei Hinsicht an die "böse Schwiegermutter" aus den Volksmärchen erinnert.

Es fällt nicht schwer, in Lud-in-the-Mist Anklänge an die Ideen Nietzsches (Appolinisch vs Dionysisch) und Freuds (Verdrängung & Psychose) zu finden. Wie groß der Einfluss dieser Denker auf Hope Mirrlees tatsächlich gewesen ist, kann ich nicht sagen. Doch die eigentliche Aussage des Romans scheint mir zu sein, dass wenn wir die irrationale, triebhafte Seite unseres Seins krampfhaft zu verdrängen und zu unterdrücken versuchen, dieselbige sich in einer destruktiven und "krankhaften" Weise Ausdruck verschaffen wird. Unser Ziel sollte es deshalb sein, ein harmonisches Verhältnis zwischen Vernunft und Emotion herzustellen. Nicht dass wir auf diese Weise zu einem konfliktlos-glücklichen Dasein gelangen könnten. Der Roman lässt keinen Zweifel daran, dass ein solcher Zustand letztlich unerreichbar ist. Aber immerhin könnten wir auf diese Weise eine erfülltere und menschlichere Existenz führen.
Dass Hope Mirrlees das Streben nach einer solchen "Harmonie" mit religiösen Vorstellungen einer mystischen Initiation verbindet, scheint mir letzlich ebenso nebensächlich wie die ohne Zweifel etwas fragwürdige Art, in der sie psychologische und kulturelle mit sozialen und politischen Konflikten verknüpft.
Auf jedenfall überragt Lud-in-the-Mist in meinen Augen andere Fantasyromane der Ära wie z.B. Eric Rücker Eddisons Worm Ouroboros (1922) oder Lord Dunsanys The King of Elfland's Daughter (1924) um ein vielfaches, und verdient eine sehr viel größere Anerkennung, als ihm momentan entgegengebracht zu werden scheint. 



* Eine deutsche Übersetzung ist bei Piper unter dem wirklich blödsinnigen Titel Flucht ins Feenland erschienen.
** Der wohl nur vordergründig "historische" Roman ist offenbar sehr unterschiedlich interpretiert worden. Eine vollständige Fassung von Madeleine findet sich hier.
*** Ein PDF-Faksimile kann man sich hier runterladen. 
**** Die Welle von Massenstreiks, die mit dem Generalstreik vom 1. Mai 1919 begann und mit dem zweiten großen Eisenbahnerstreik vom Mai 1920 endete, wurde in Ausmaß und Militanz erst von den großen Klassenkämpfen Mitte der 30er Jahre, als Frankreich sich in einer quasi-vorrevolutionären Situation befand,übertroffen.

Samstag, 9. Juli 2016

Strandgut der Woche

Sonntag, 3. Juli 2016

Wonderfully weird

Wie hätten die X-Files ausgesehen, wenn sie nicht eine amerikanische Fernsehserie der 90er, sondern eine britische der 70er Jahre gewesen wären? Wer diese Vorstellung verlockend findet, sei eingeladen, zuammen mit mir der 1979 von BBC Scotland produzierten, zehnteiligen TV-Serie The Omega Factor einen Besuch abzustatten. Es lohnt sich wirklich.



1978/79 erhielt Produzent George Gallacio den Auftrag, eine neue Serie für die BBC zu kreieren, nachdem The Standard, für deren gecancelte zweite Staffel er eigentlich verantwortlich sein sollte, nicht den gewünschten Erfolg gehabt hatte. Gallacio war als Produktionsassistent an Moonbase 3 (1973) und als PUM ("Production Unit Manager") an Doctor Who (1974-76) beteiligt gewesen, besaß also bereits einige Erfahrung im filmphantastischen Fach. Er kam auf die Idee, SciFi-, Horror- und Thrillerelemente in einer TV-Serie zu vereinigen, die dem in den 70er Jahren weitverbreiteten Interesse an paranormalen Phänomenen entgegenkommen sollte. Als Mitarbeiter guckte er sich den schottischen Autor Jack Gerson aus, der das Konzept weiterentwickelte und das Drehbuch für die Pilotfolge The Undiscovered Country {sowie das Finale Illusions} verfasste.

Während seiner Recherchen für eine Reportage über Okkultismus und paranormale Phänomene kommt dem Londoner Journalisten Tom Crane (James Hazeldine) zu Ohren, dass der berüchtigte Okkultist Edward Drexel (Cyril Luckham), mit dem selbst Aleister Crowley nichts zu tun haben wollte, unter einem anderen Namen in Edinburgh leben soll. Er begibt sich in die schottische Metropole, wo er sich bei seinem jüngeren Bruder Michael (Nicholas Coppin) einquartiert, einen netten Abend mit der Physikerin Anne Reynolds (Louise Jameson)* – einer guten Freundin seiner Frau Julia – verbringt und schließlich Drexel in seinem Bücherantiquariat aufsucht. Der alte "Magier" zeigt sich wenig begeistert von der Neugier des Journalisten und legt ihm nahe, Edinburgh schnellst möglich wieder zu verlassen, wenn er keine unangenehmen Konsequenzen wünsche. Doch so leicht lässt sich Tom nicht einschüchtern, was fatale Folgen hat. Unter dem telepathischen Einfluss von Drexel baut er einen Autounfall, bei dem Julia ums Leben kommt. Als wenig später der mysteriöse Andrew Scott-Erskine (Brown Derby) bei ihm aufkreuzt und ihm eröffnet, dass die Regierung Ihrer Majestät eine geheime, "Department 7" genannte Sektion unterhalte, die sich der Erforschung paranormaler Phänomene gewidmet hat, und selbige seine Mitarbeit wünsche, da er über beträchtliche PSI-Talente verfüge, die ihm selbst noch nicht richtig bewusst seien, ist Tom sehr rasch bereit, auf dieses Angebot einzugehen, da er hofft, auf diese Weise Drexel aufspüren und Rache an ihm nehmen zu können. Er wird der Abteilung in Edinburgh zugeteilt, die unter der Leitung des Psychologen Roy Martindale (John Carlisle) steht und zu deren Stab auch Anne Reynolds gehört. Im weiteren Verlauf der Serie bekommen es Tom und Anne mit einer Reihe okkulter Geschehnisse zu tun, entdecken jedoch zugleich immer deutlichere Anzeichen für eine Verschwörung, in die führende Vertreter von Regierung und Militär verwickelt zu sein scheinen und in deren Zentrum die geheimnisvolle Organisation "Omega" steht. Auch verschlechtert sich zusehends das Verhältnis zwischen Tom und dem fanatischen, scheinbar gefühl- und skrupellosen Martindale.

Die Ähnlichkeiten zu den X-Files sind recht offensichtlich. Zwar fehlt der zentrale Konflikt zwischen Glauben und Skeptizismus, aber auch hier haben wir ein paranormales Ermittlerpaar, das für eine staatliche Insitution arbeitet und bei dem die Frau nicht nur die Wissenschaftlerin ist, sondern auch sehr viel stärker "by the book" agiert als ihr impulsiver Partner. Und ihre gemeinsamen Abenteuer stellen ähnlich wie die von Mulder und Scully eine Mixtur aus populären okkulten Phänomenen und Verschwörungstheorien dar.
Nun nehme ich nicht an, dass ´zu Chris Carters Inspirationsquellen tatsächlich eine reichlich obskure britische TV-Serie der späten 70er Jahre gehört hat. Sucht man nach den direkten Vorläufern der X-Files, hat man sich eher bei US-Shows wie Kolchak (1974/75) umzuschauen. Ganz spannend finde ich die Parallelen dennoch. Was einen nicht davon abhalten sollte, The Omega Factor als ein völlig eigenständiges Werk zu betrachten – mit seinen ganz eigenen Schwächen und Stärken.

Schaffen wir zuerst einmal die Mängel aus dem Weg.
Für eine TV-Serie der Zeit verfügt The Omega Factor über eine erstaunlich hohe Kontinuität zwischen den einzelnen Episoden. Zumindest, wenn man sich an dem weit verbreiteten, US-zentrischen Schema orientiert, das Twin Peaks (1990/91) an den Anfang der Entwicklung stellt, die vom episodischen Fernsehen der Vergangenheit über Serien wie Babylon 5 (1994-98), Buffy the Vampire Slayer (1997-2003) und The Sopranos (1999-2007) zu den extrem serialisierten Shows der Gegenwart führt. Freilich hatte es außerhalb der USA in dieser Hinsicht schon immer etwas anders ausgesehen. Wie dem auch sei, auf jedenfall existieren in Bezug auf die Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander sowie der allmählichen Enthüllung der "Omega"-Verschwörung Handlungsbögen, die sich über alle zehn Episoden spannen. Zugleich jedoch sind die meisten Folgen thematisch in sich abgeschlossen, insofern sie sich mit je einem bekannten paranormalen Phänomen beschäftigen, als da wären z.B. Geistererscheinungen (Visitations), "Sensory Deprivation" & Gehirnwäsche (After-Image), Spiritismus & Besessenheit (Powers of Darkness), Poltergeist-Phänomene (Child's Play) sowie Außerkörperliche Erfahrungen & Astralprojektionen (Out Of Body, Out Of Mind). Keines dieser Themen findet seine Fortsetzung in späteren Episoden, so dass einzelne Folgen trotz der größeren Handlungsbögen manchmal recht abgehackt wirken können.
Ein wenig enttäuscht hat mich auch, dass die Drexel-Story relativ bald zu einem eher unbefriedigenden Ende gebracht wird. Die Figur des alten Okkultisten mit seiner crowley'esquen Vergangenheit von orgiastischen Kulten und finsteren Ritualen, dessen Widersacher ohne Ausnahme Selbstmord begehen, hätte eine interessantere zentrale Achse für den allgemeinen Plot abgeben können als die "Omega"-Verschwörung. Auch besitzt seine junge Adeptin Morag (Natasha Gerson) – stumm, bleich, mit langem dunklem Haar und großen Augen, die ihr ein zugleich kindliches, melancholisches und andersweltliches Aussehen verleihen – eine extrem unheimliche Präsenz. Bizarrerweise taucht sie auch nach dem Tod ihres Meisters noch einmal kurz auf, um dann jedoch bedauerlicherweise kommentarlos aus der Serie zu verschwinden.
Auch muss gesagt werden, dass die große Konspiration im Hintergrund sehr verschwommene Konturen besitzt. Die Ziele, die "Omega" verfolgt, bleiben bis zum Ende merkwürdig unbestimmt. Offensichtlich geht es der Organisation um Macht, doch zu welchem Zweck? In den meisten Episoden scheint ihr Interesse bloß darin zu bestehen, paranormale Phänomene in potentielle Waffen oder Herrschaftsinstrumente umzuwandeln. Doch in einer Folge plant sie die Ermordung eines {fiktiven} afrikanischen Staatsoberhauptes, mit dem Großbritannien gerade ein Bündnis einzugehen versucht. Besitzt "Omega" demnach konkrete politische Ziele? Wir erfahren nie genaueres darüber.**
Der Fairness halber sei jedoch darauf hingewiesen, dass  die Scripts für die Serie unter großem Zeitdruck von einem halben Dutzend Autoren geschrieben wurden. Dass manche Seiten des Hauptplots einen etwas skizzenhaften Charakter besitzen, erscheint unter diesen Umständen nicht so verwunderlich. Auch gingen Gallacio und Gerson vermutlich davon aus, dass ihnen eine zweite Staffel zur Verfügung stehen würde, die es ihnen erlaubt hätte, offene Fragen zu beantworten.

Doch dazu sollte es nicht kommen, denn The Omega Factor wurde schon bald zum  Objekt heftiger öffentlicher Kontroversen. Verantwortlich dafür war wieder einmal die christlich-konservative Aktivistin Mary Whitehouse – Führerin der National Viewers and Listener's Association (NVLA) und so etwas wie der böse Geist der britischen TV- und Filmphantastik. Die Episode Powers of Darkness weckte ganz besonders ihren Zorn: "It contained scenes of hypnosis, the supernatural, and a man apparently burning to death. It is one of the most disturbing things I have seen on television." Angeblich bezeichnete sie die Folge als "thoroughly evil". Als sie zwei Wochen später in St. Anthony's Fire dann auch noch miterleben musste, wie ein Mann von seiner Frau mit einem Küchenmesser ermordet wird, setzte sie alles daran, diesem erneuten Verbrechen der "degenerierten" BBC an der öffentlichen Moral ein Ende zu setzen. Die Einschaltquoten der Serie waren ohnehin eher mäßig, und so bleibt es unsicher, wie groß der Beitrag tatsächlich gewesen ist, den Whitehouse zum Tod von The Omega Factor geleistet hat. Doch wenn bei den Verantwortlichen noch irgendwelche Zweifel über das Schicksal der Show bestanden haben sollten, wurden diese durch die Hetzkampagne der selbsternannten Sittenwächterin wohl endgültig beseitigt. Trotz des ambivalenten Endes der ersten Staffel wurde The Omega Factor alsbald zu Grabe getragen.
 
Was wirklich äußerst bedauernswert ist. Denn bei allen Schwachpunkten ist die Serie doch ein äußerst faszinierendes Stück TV-Phantastik. Zum einen verfügt The Omega Factor mit ihren drei überzeugend gezeichneten Hauptfiguren Tom, Anne und Martindale sowie der zwischen ihnen herrschende Dynamik einen festen dramatischen Kern, um den herum die phantastischen Ereignisse angesiedelt sind. Zum anderen besitzt die Show jene wundervolle "Weirdness", die so viele phantastische Fernsehfilme und -serien aus dem Großbritannien jener Ära auszeichnet. Zwar mag The Omega Factor in dieser Hinsicht nicht an die Intensität von ITVs Sapphire and Steel heranerreichen, deren erste Staffel gleichfalls 1979 ausgestrahlt wurde, doch enthält die Serie immer noch mehr als genug leicht surreale, verstörende und schlicht bizarre Momente. Die visuellen Tricks sind allesamt technisch sehr einfach, aber nichtsdestoweniger – kombiniert mit Sound & Musik – äußerst effektvoll. Passenderweise bekommen wir in mehreren Folgen kurze Ausschnitte aus dem Pink Floyd - Album The Dark Side of the Moon zu hören.*** In der Tat besitzt The Omega Factor streckenweise eine leicht psychedelische Qualität.

Im Ganzen betrachtet kann ich die Serie allen Freundinnen und Freunden des Phantastischen nur wärmstens ans Herz legen. Wessen Aufmerksamkeit sich nur durch spektakuläre Spezialeffekte oder rasante Action fesseln lässt, wird The Omega Factor zwar kaum zu genießen vermögen, doch alle, die meine Liebe für echte "Weirdness" teilen, sollten sich dieses kleine Juwel der britischen TV-Phantastik auf keinenfall entgehen lassen.


* Die Schauspielerin kam frisch von Doctor Who, wo sie als Leela für zwei Staffeln an der Seite von Time Lord Tom Baker gestanden hatte.
** Das Motiv einer geheimen Verschwörung spiegelte natürlich etwas vom politischen Geist der Zeit wider. Freilich hätte es einige Jahre zuvor mehr reales Gewicht besessen. Schließlich hatten in der ersten Hälfte der 70er Jahre Teile der britischen Elite tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, auf die zunehmende Radikalisierung der Arbeiterklasse mit einem Militärputsch zu reagieren. Doch gerade die Ereignisse von 1979 zeigten sehr deutlich, dass die Realität sehr viel komplizierter war als die simplistischen Fantasien irgendwelcher Verschwörungstheoretiker. Fünf Jahre zuvor war es der Arbeiterklasse gelungen, die Tory-Regierung von Edward Heath zu Fall zu bringen. Doch die Labour-Partei enttäuschte schon bald alle in sie gesetzten Hoffnungen. Die Epoche des Sozialreformismus ging unwiderruflich ihrem Ende entgegen. Die arbeiterfeindliche Politik von Premierminister James Callaghan führte 1978/79 zu den Massenstreiks des "Winter of Discontent" und ebnete letztenendes der Machtübernahme durch Margaret Thatcher im Mai 1979 den Weg. Irgendwelcher Konspirationen im Hinterzimmer bedurfte es dazu nicht.
*** Lustigerweise spielte Hazeldine drei Jahre später in The Wall mit. Er hatte übrigens auch einen kleinen Part in Jack Golds Phantastikklassiker The Medusa Touch (1978).

Samstag, 2. Juli 2016

Strandgut der Woche