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Sonntag, 26. Juni 2016

Vincent Price vs The Horla

Guy de Maupassants Erzählung Der Horla gehört zu den unsterblichen Meisterwerken der phantastischen Literatur. Man kann sie ganz unterschiedlich interpretieren. Ich selbst tendiere dazu, mich in dieser Frage dem guten Mr. Jim Moon anzuschließen, der sie in einer alten Ausgabe seines Podcasts Hypnobobs als das ins Phantastische übertragene Porträt eines unter Depressionen leidenden Menschen beschrieben hat. Doch ganz gleich, unter welchem Blickwinkel man Maupassants Geschichte liest, man wird sich schwerlich ihrer bezwingenden Macht entziehen können.

Nun lässt sich nicht leugnen, dass Reginald Le Borgs Filmadaption Diary of a Madman aus dem Jahre 1963 ihrer literarischen Vorlage in keiner Weise gerecht wird. Von einigen eher oberflächlichen Details abgesehen, hat die Story des Films nur sehr wenig mit Le Horla zu tun. Dennoch halte ich den Streifen für äußerst sehenswert, und der Grund dafür ist vor allem der unvergleichliche Vincent Price.

    
Der amerikanische Horrorfilm der 60er Jahre nahm seinen furiosen Auftakt mit Roger Cormans House of Usher (1960), dessen großer Erfolg an den Kinokassen AIPs legendären Corman - Poe - Zyklus mit Vincent Price einleitete. 1961 folgte Pit and Pendulum, ein Jahr später Tales of Terror. Es ist kein Wunder, dass schon sehr bald andere Produktionsfirmen versuchten, das Format nachzuahmen. Eine von ihnen war Robert E. Kents Admiral Pictures
Kent hatte seine Karriere in der Filmindustrie in den 40ern als Drehbuchschreiber für Sam Katzman, Columbia Picture's Spezialisten für Serials und Genrefilme, begonnen, um Mitte der 50er eine eigene Produktionsfirma zu gründen, die über die Jahre unter sehr unterschiedlichen Namen auftrat. {Zu den für Freundinnen & Freunde des phantastischen Films interessantesten Hervorbringungen des Unternehmens gehört It! The Terror From Beyond Space (1958), handelt es sich bei dem Flick doch um eine der wichtigsten <ähem> "Inspirationsquellen" für Alien.} Als Kent den Erfolg von Roger Cormans Poe-Adaptionen sah, zögerte er nicht lange, und machte sich daran, seinerseits die klassische phantastische Literatur nach geeignetem Quellenmaterial zu durchforsten. Seine Wahl fiel schließlich auf Guy de Maupassants Le Horla und einige Werke von Nathaniel Hawthorne, die ihm als Vorlage für den gleichfalls 1963 gedrehten Film Twice-Told Tales dienten. Und da Vincent Price zu diesem Zeitpunkt noch nicht durch einen Exklusivvertrag an American International Pictures gebunden war, der es ihm später verbieten würde, in Horrorproduktionen anderer Firmen mitzuwirken, konnte sich Kent für seine beiden Filme sogar die Mitarbeit von AIPs Star sichern. Dass die von dem Produzenten selbst verfassten Drehbücher ziemlich nonchalant mit ihren literarischen Quellen umspringen, ist nicht weiter verwunderlich. Roger Corman hielt es da ja auch nicht viel anders.

Als der für seine Integrität bekannte Richter Simon Cordier (Vincent Price) von der Bitte eines zum Tode verurteilten Serienmörders um ein letztes Gespräch erfährt, glaubt er zuerst, dieser wolle vielleicht sein Gewissen erleichtern. Stattdessen muss er sich erneut dessen wirre Beteuerungen anhören, er habe die Bluttaten unter der Kontrolle eines übernatürlichen Wesens begangen. Urplötzlich attackiert der Verurteilte den Richter und kommt bei dem anschließenden Handgemenge auf überraschende Weise ums Leben. Cordier, der seit dem Tod seines Kindes und dem Selbstmord seiner Frau ohnehin ein einsiedlerisches Dasein führt, verfällt in eine tiefe Depression.
Wenig später muss er erfahren, dass der Mörder offenbar nicht geisteskrank war, denn der unsichtbare Horla stattet ihm einen Besuch ab und zwingt ihn in einer Demonstration seiner Macht dazu, seinen geliebten Kanarienvogel zu töten – scheinbar das einzige Lebewesen, für das der Richter noch irgendwelche echten Gefühle hegt.
Dennoch weigert sich Cordier weiterhin, an die Existenz des Horla zu glauben, und sucht Hilfe bei einem Nervenarzt. Dieser rät ihm dazu, Kontakt mit Menschen zu suchen, um auf diese Weise seine verlorene Lebensfreude wiederzufinden. Der beste Weg dazu sei, sich erneut seiner Jugendliebe, der Bildhauerei, zuzuwenden. Also macht sich Cordier auf ins Künstlerviertel Montmartre, wo er schon bald der hübschen Odette (Nancy Kovack) begegnet. Er engagiert sie, ihm Modell zu stehen, und für den Moment scheinen die Dinge sich wirklich zum Besseren zu entwickeln. Doch nicht lange, und da kehrt der Horla zurück, um Cordier einerseits zu eröffnen, dass die so sympathische Odette in Wahrheit eine skrupellose Kreatur sei, die hinter seinem Geld her ist, und ihn andererseits erneut seinem Willen zu unterwerfen. Unter der Kontrolle des Horla geht der Richter erst ein Verhältnis mit der verheirateten jungen Frau ein, um schließlich selbst zum Mörder zu werden.

Einmal davon abgesehen, dass der Plot kaum Ähnlichkeiten mit Le Horla besitzt, fällt bei einem Vergleich mit Maupassants Erzählung vor allem auf, dass Diary of a Madman anders als seine literarische Vorlage auf der Idee eines moralischen Dualismus, eines Kampfes zwischen metaphysischen Prinzipien von Gut und Böse, zu beruhen scheint. Mitunter bekommt man sogar das Gefühl, der Film entwickle dieses Motiv in eine extrem ungemütliche Richtung.
In den Gesprächen zwischen Cordier und dem Polizeioffizier Rennedon (Stephen Roberts) prallen mehrfach zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen aufeinander. Der Richter ist bestrebt, den "kriminellen Geist", die Beweggründe, die Menschen dazu bringen, Verbrechen zu begehen, zu verstehen. Rennedon hingegen begnügt sich damit, Kriminelle ganz einfach als "böse" zu betrachten. Seine Lösung ist ebenso simpel: "Zerquetscht sie wie Ungeziefer!" Später erfahren wir, dass der Horla seine Macht über Menschen dem Umstand verdankt, dass diese "böse" Taten begangen haben. In einer der finalen Szenen wird seine Kontrolle über Cordier kurzzeitig durch ein Kruzifix gebrochen. Und der Film schließt mit den Worten von Pater Raymonde (Lewis Martin): "Whenever Evil exists in the heart of man, the Horla lives."
Wollte Robert E. Kent hier tatsächlich irgendetwas "profundes" über Verbrechen und die Natur des "Bösen" sagen? Und wenn ja, was? Es steht beinah zu befürchten, dass er wohl eher Rennedons Ansicht zuneigt, die er zudem mit einer christlich-religiösen "Gut gegen Böse" - Moral unterfüttert.  Doch auch wenn dies der Fall sein sollte, funktioniert die Geschichte nicht wirklich als Parabel. Denn was genau sollte der Horla dann verkörpern? Dass eine "böse" Tat eine Entwicklung in Gang setzt, die den "Sünder" zu immer neuen "bösen" Taten treibt, selbst wenn er das nicht will? Aber das Schicksal Cordiers lässt sich kaum auf diese Weise interpretieren. Seine "böse" Tat bestand darin, seine Ehefrau für den Tod ihres Kindes verantwortlich gemacht zu haben, was diese schließlich in den Selbstmord trieb. Von dort führt kein psychologisch nachvollziehbarer Weg zu dem mörderischen Treiben, dem der Richter unter der Kontrolle des Horla Jahre später nachgeht. Und die vom Horla Beherrschten können sich nicht einmal an ihre Untaten erinnern. Das unsichtbare Wesen ist kein Verführer, sondern eine Art sadistischer Hypnotiseur, der Spaß daran hat, Menschen in Marionetten zu verwandeln.
Falls der Film tatsächlich einen Subtext besitzen sollte, ist dieser so inkohärent, dass man ihn getrost ignorieren kann. Was vermutlich bloß von Vorteil ist, können wir uns so doch auf all das konzentrieren, was Diary of a Madman zu einem wirklich empfehlenswerten Streifen macht.

Vincent Price wird oft als Vertreter eines übermäßig theatralischen, bombastischen Schauspielstils angesehen. Eine sehr oberflächliche Einschätzung, die meiner Meinung nach nur durch eine mangelnde Vertrautheit mit dem tatsächlichen Werk des großen Mannes erklärt werden kann. Diary of a Madman bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, das weite Spektrum seines Könnens kennenzulernen. Dabei zeigt sich, dass er zu feinster Subtilität genauso fähig war wie zu prachtvollstem Pathos. Cordier durchläuft eine Reihe höchst unterschiedlicher emotionaler Zustände, von Einsamkeit und Depressivität über wiedererwachende Lebensfreude bis hin zu absoluter Verzweifelung. Price verleiht ihnen allen auf äußerst nuancierte Weise Ausdruck. Und wenn sein Charakter völlig unter der Kontrolle des Horla steht, strahlt er eine eisige Kälte aus, so als ob er überhaupt keine Empfindungen mehr besäße. Es ist eine wirklich meisterhafte Darbietung, die wir hier erleben dürfen.

Auch wenn keiner der übrigen Darsteller & Darstellerinnen dem großen Vincent das Wasser reichen kann, verdient zumindest Nancy Kovack besondere Erwähnung. Das Script zeichnet ein wenig sympathisches Bild von Odette. Ihr Ehemann, der junge Maler Paul DuClasse (Chris Warfield), ist bisher wenig erfolgreich, und entsprechend spärlich fließen die Einnahmen, was Odette ganz und gar nicht behagt. Als sie von Cordiers Reichtum erfährt, ist sie darum nur zu bereit, dem deutlich älteren Richter schöne Augen zu machen, auch wenn nicht ganz klar ist, ob sie tatsächlich von Anfang an darauf spekuliert, seine Geliebte zu werden. Offenbar sollen wir in ihr eine kaltherzige, habgierige Person, ein "verworfenes Geschöpf" sehen. Doch Nancy Kovack verleiht der Figur soviel Charme und Lebendigkeit, natürliche Spontaneität und beinah Naivität, dass es schwerfällt, sie wirklich unsympathisch zu finden. Natürlich hilft es auch nicht gerade, dass Odettes "guter" Widerpart, die Paul treu ergebene Galleristentochter Jeanne (Elaine Devry), alles in allem fürchterlich blass und langweilig wirkt.

Gleichfalls nicht unerwähnt bleiben darf das Mitwirken von Produktionsdesigner Daniel Haller, der für viele der großartigen Sets der Corman - Poe - Filme verantwortlich war und auch hier gute Arbeit leistete. Zwar findet sich in Diary of a Madman nichts, was den leicht surrealen, prachtvoll-dekadenten Szenerien von House of Usher (1960), Pit and Pendulum (1961) oder The Masque of the Red Death (1964) gleichkommen würde, aber ein solcher Stil wäre der Story auch gar nicht angemessen gewesen. Die unter Hallers Anleitung kreierten Sets besitzen dennoch viel Atmosphäre, die von Kameramann Ellis W.Carter – der in den 50ern u.a. bei Jack Arnolds Meisterwerk The Incredible Shrinking Man (1957) und den kriminell unterbewerteten Monolith Monsters (1957) mitgewirkt hatte – recht effektvoll eingefangen wird.

Als Adaption von Maupassants Le Horla ist Diary of a Madman sicher eine Entäuschung. Doch als Beitrag zum für Freundinnen & Freunde des Phantastischen ohnehin so reichen amerikanischen Horrorkinos der 60er Jahre hat er einiges zu bieten. Nicht zuletzt eine wirklich meisterhafte Darbietung des unsterblichen Vincent Price – eines der größten Darsteller, die der phantastische Film jemals besessen hat.

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