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Donnerstag, 25. Februar 2016

"Expedient because / Utopia spawns few warriors"


"And you are ...?"
"Cheradenine Zakalwe; I fight wars." 

Use of Weapons ist nicht nur das wohl düsterste Buch aus Iain M. Banks' grandiosem Culture - Zyklus, sondern auch eines der besten. 
Obwohl der Roman erst 1990 nach Consider Phlebas (1987) und The Player of Games (1988) veröffentlicht wurde,  war es interessanterweise die Arbeit am ersten Entwurf zu ihm, die den Schriftsteller Mitte der 70er Jahre zur Idee der Culture geführt hatte. Wie er es 2010 in einem Interview mit Jude Roberts beschrieben hat:
The way the Culture came about initially was as I thought at the time a single-use solution to a particular problem. I was getting ready to write Use of Weapons and I knew that Zakalwe was this sort of ultimate warrior guy, just very martially able, but I wanted him to be on the side of the good guys somehow. Squaring that circle was the problem, so I came up with the idea of the Culture as his ultimate employers: a society basically on the side of the angels but willing to use people like Zakalwe [...] to do its dirty but justified work. [...] That was it, initially, but then the Culture proved to be the nucleus around which all my other until then rather nebulous ideas started to cluster and take shape, and it just developed naturally, it feltby itself, from there.
Die Culture ist eine technologisch extrem fortgeschrittene interstellare Zivilisation, in der Menschen* und Künstliche Intelligenzen gleichberechtigt zusammenleben und die meisten organisatorischen Aufgaben von den Minds übernommen werden gewaltigen, manchmal etwas exzentrischen, doch stets wohlmeinenden AIs. Eine klassenlose Post-Scarcity-Gesellschaft ohne Privateigentum und Geld, in der ein egalitäres Ethos mit der ungebremsten Entfaltung des Individuums Hand in Hand geht. Eine ebenso hedonistische wie humane Kultur, für die die Minimierung jedweden Leids den obersten Wert darstellt.
"The only desire the Culture could not satisfy from within itself was [...] the urge not to feel useless."** Um ihrer Existenz als Gesellschaft einen höheren "Sinn" zu verleihen, macht sie es sich deshalb zur Aufgabe, in die geschichtliche Entwicklung anderer, weniger weit entwickelter Zivilisationen einzugreifen, um diese in progressiver Richtung – hin zu einem besseren Leben für die große Mehrheit – zu beeinflussen. Contact – die für diese Interventionen verantwortliche Sektion der Culture lässt sich dabei von den vermeintlich unfehlbaren statistischen Berechnungen der Minds leiten.*** Und immer dann, wenn zum Erreichen ihrer Ziele Methoden angewandt werden müssen, die im Widerspruch zur Moral der Culture stehen, kommt Special Circumstances zum Einsatz – so etwas wie der Geheimdienst der Culture

Bei ihren Operationen nimmt Special Circumstances mitunter die Dienste von "Spezialisten" in Anspruch, die nicht der Culture angehören. Von diesen Söldnern ist Cheradenine Zakalwe, der Protagonist von Use of Weapons, einer der fähigsten. Zugleich ist er eine zutiefst gestörte, ruhelose  Persönlichkeit, ständig verfolgt von den Dämonen seiner Vergangenheit, denen er sich irgendwann nicht mehr wird entziehen können.

Der etwas ungewöhnliche Aufbau des Romans macht es anfangs vielleicht nicht ganz leicht, einen Zugang zu Use of Weapons zu finden, aber wenn man sich erst einmal ein bisschen eingelesen hat, bereitet das keine großen Probleme mehr. 
Der Hauptstrang der Erzählung handelt von Zakalwes letzter Mission. Im Auftrag von Special Circumstances macht sich die Agentin Diziet Sma**** zusammen mit der Drone Skaffen-Amtiskaw auf, den Söldner, der sich dem Zugriff der Culture zu entziehen versucht, aufzuspüren und zu "reaktivieren". Zakalwe soll den alten Ex-Politiker Beychae, mit dem er früher schon einmal zusammengearbeitet hat, dazu überreden, seinen selbstgewählten Ruhestand aufzugeben und auf die politische Bühne zurückzukehren, da die Culture davon überzeugt ist, dass nur er den Ausbruch eines Krieges verhindern kann, der einen ganzen Sternen-Cluster zu verwüsten droht. Natürlich erweist sich die Mission als nicht ganz so einfach und unblutig, wie sie auf den ersten Blick klingen mag.
Diese Haupthandlung wird immer wieder von Kapiteln unterbrochen, in denen unterschiedliche Episoden aus dem Leben von Zakalwe erzählt werden. Viele von ihnen ähneln Schnappschüssen, die uns ohne jeden weiteren Kontext präsentiert werden, was zuerst einmal etwas irritierend wirkt. Wir wissen nicht, was für Kriege das sind, in die die Culture ihn offenbar geschickt hat, warum er einen "Auserwählten" durch die von feindlichen Nomaden bevölkerte Wüste eskotieren oder das letzte Bollwerk eines aristokratischen Regimes gegen irgendwelche Rebellenheere verteidigen muss. Erst wenn sich der Fokus der Episoden immer weiter in die Vergangenheit zurückverlagert, wir erste Einblicke in die Kindheit des Söldners erhalten oder erfahren, wie Sma ihm das Leben gerettet, ihn in die Culture eingeführt und schließlich für Special Circumstances rekrutiert hat, wird es einfacher, diese Mosaiksteine zu einer Art Biographie zusammenzufügen.
Aber auch wenn diese Konstruktion auf den ersten Blick etwas verwirrend erscheinen mag, erfüllt sie doch einen Zweck. Es geht in diesem Buch nicht wirklich um die Handlung. Die Abenteuer von Sma, Zakalwe und Beychae sind zwar unterhaltsam genug, aber sie gewinnen erst gegen Ende ihre eigentliche Bedeutung. Das wirkliche Thema von Use of Weapons ist, was Krieg, Gewalt und letztlich jede Gesellschaft, die auf Kampf aufgebaut ist, aus einem Menschen machen kann.

Zakalwe ist deshalb der perfekte Kämpfer, weil er in einer Welt aufgewachsen ist, in der der Wille zum Leben unauflöslich mit der Notwendigkeit des Kämpfens verknüpft ist.
He saw a chair, and a ship that was not a ship; he saw a man with two shadows, and he saw that which cannot be seen; a concept; the adaptive, self-seeking urge to survive, to bend everything that can be reached to that end, and to remove and to add and to smash and to create so that one particular collcetion of cells can go on, can move onwards and decide, and keeping moving, and keeping deciding, knowing thatif nothing elseat least it lives.
And it had two shadows, it was two things; it was the need and it was the method. The need was obvious; to defeat what opposed its life. The method was that taking and bending of materials and people to one purpose, the outlook that everything could be used in the fight; that nothing could be excluded, that everything was a weapon, and the ability to handle those weapons, to find them and choose one to aim and fire; that talent, that ability, that use of weapons.
Von frühester Kindheit an hat Zakalwe gelernt, alles als Waffe im Kampf ums Überleben zu betrachten, selbst Gefühle, Beziehungen, Menschen. 
Und jenes traumatische Erlebnis aus seiner Jugend, das er mit dem Bild eines gewaltigen Kriegsschiffs und den Begriffen "Stuhl" und "Stuhlmacher" verbindet; die grauenhafte Erinnerung, die er krampfhaft zu verdrängen versucht, doch die immer wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins gespült wird, entpuppt sich am Ende als ein besonders perverser Ausdruck dieser Fähigkeit: "[S]uch consummate skill, such ability, such adaptability, such numbing ruthlessness, such a use of weapons when anything could become weapon ..."

Wenn Zakalwe sich bereit erklärt, in die Dienste von Special Circumstances zu treten, dann, weil er glaubt, damit den Schuldgefühlen entkommen zu können, die ihn seit jenem Ereignis quälen. Er kann weiter kämpfen, doch er kann sich dabei stets denken, dass er diesmal für eine "gute Sache" kämpft. Vor allem jedoch muss er nicht länger selbst die volle Verantwortung für seine Handlungen übernehmen. Er folgt den Befehlen der Culture, und deren ach so schlaue Minds werden schon errechnet haben, dass das, was er tut – so brutal und amoralisch es auch sein mag – letztenendes "notwendig" ist.   
Power meant responsibility. [...] in the working out of whatever plan was followed, there was anyway always blood; better it was on their hands. The good soldier did as he was told, and if he had a any sense at all volunteered for nothing, especially promotion.
Doch diese Rechnung geht nicht auf, und mehrmals versucht er, seinem Kämpferdasein den Rücken zu kehren und ein neues Leben anzufangen. Aber was er auch tut, es gelingt ihm nicht, inneren Frieden zu finden. Nicht allein, weil er den Erinnerungen an den "Stuhl" und den "Stuhlmacher" nicht zu entkommen vermag, sondern vor allem, weil er bis in seine intimsten Gefühle hinein von jener scheinbar unauflöslichen Einheit von Leben und Kampf geprägt ist: 
Sex was an infringement, an attack, an invasion; there was no other way he could see it; every act, however magical and intensely enjoyed, and however willingly conducted, seemed to carry a harmonic of rapacity.
Und so findet er sich eins ums andere Mal in einer Lage wieder, in der er Diziet Smas Angebot, eine weitere Mission für Special Circumstances zu übernehmen, nicht ablehnen kann. Immer wieder kehrt er zurück in die Welt von Krieg und Kampf.

Als Bürgerin der Culture, die in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der niemand "kämpfen" muss, um zu "überleben", in der es nicht notwendig ist, alles als eine mögliche Waffe zu betrachten, kann Sma Zakalwe nicht wirklich verstehen:
You could have changed your life; you don't have to live the way you do; you could have joined the Culture, become one of us; at least lived the way we do
Es ist ihr nicht möglich, zu begreifen, dass er das nicht kann, weil seine ganze Psyche auf eine Art deformiert wurde, die es ihm nicht erlaubt, das unbeschwerte Leben eines Culture - Bürgers zu führen.
Zakalwe macht ihr recht deutlich klar, warum er eigentlich nicht länger für Special Circumstances arbeiten will:
Yes; you saved me. But you've also lied to me; sent [...] me on damn fool missions where I was on the oppositze side from the one I thought I was on, had me fight for incompetent aristos I'd gladly have strangled, in wars where I didn't know you were backing both sides, filled my balls full of alien seed I was supposed to inject into some poor damn female ...
Sma erwiedert darauf: "'Oh Cheradenine [...] Don't pretend it hasn't been fun, too.'
Das mag zynisch klingen, aber in der Tat bezieht Zakalwe Vergnügen daraus, das zu tun, was er am besten kann – ein Soldat zu sein. Doch zugleich leidet er darunter. Und diesen Widerspruch kann jemand wie Sma einfach nicht nachvollziehen. 

Die bittere Ironie besteht darin, dass genau diese pervertierte Psyche Zakalwe zu einem idealen Agenten für Special Circumstances macht. Um ihre ohne Zweifel edlen Ziele zu erreichen, braucht die Culture Personen wie ihn, die in der Lage sind, Dinge zu tun, "they could or would not bring themselves to do". Und so erhält der Titel des Romans am Ende eine doppelte Bedeutung. Nicht nur ist Zakalwe dazu verdammt, alles in der Welt als eine mögliche Waffe zu betrachten, die Culture benutzt ihn selbst als Waffe.

Kein anderer von Iain Banks' Culture - Romanen klingt auf einer derart düsteren Note aus wie Use of Weapons. Der letzte Abschnitt des Romans gibt sich den Anschein, der Prolog zu einem anderen Buch mit dem Titel States of War zu sein. In ihm sehen wir, wie Diziet Sma einen Nachfolger für Zakalwe zu rekrutieren versucht, einmal mehr einen von Krieg und Gewalt versehrten Menschen. Der letzte Satz des Buches lautet: "'Now, Mr Esocerea', Sma said, shivering, 'How would you like a proper job?'" Sie weiß, was sie tut. Das Zittern macht das deutlich. Sie weiß, dass sie erneut dabei ist, einen Menschen zu einer Waffe zu machen. Aber sie weiß auch, dass das notwendig ist, wenn das Bemühen der Culture, das Leben ganzer Völker zum Besseren zu wenden, erfolgreich sein soll.*****



* Die "Menschen" der Culture sind keine Nachfahren der Erdbewohner. Für mehr Informationen vgl. Iain M. Banks: A Few Notes on the Culture.
** Consider Phlebas. S. 451.
*** Dass diese nicht immer unfehlbar sind, zeigt sich vor allem in Look to Windward, wenn der Versuch der Culture, mittels politischer Manipulationen die Aufhebung des Kastensystem unter den Chelgrians herbeizuführen, deren Gesellschaft in einen blutigen Bürgerkrieg stürzt. 
**** Nebenbei:  Wen die Passage irritiert, in der die Agentin ganz offensichtlich auf die Praxis der Todesstrafe in den USA anspielt, der lese die Novelle The State of the Art. In ihr erzählt Banks, wie das Contact - Schiff Arbitrary, zu dessen Besatzung Sma gehört, die Erde der späten 70er Jahre besucht. 
***** Use of Weapons. S. 159/60; S. 380;  S. 54; S. 120; 144; 77.

2 Kommentare:

  1. Habe ich noch nicht gelesen, Schande. Mein erster Roman war "Player of Games". Zeit die Lücken im Culture Zyklus zu schließen...

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    1. Ha, das ist irgendwie lustig. "The Player of Games" war zusammen mit "Surface Detail" das Buch, mit dem ich vor kurzem meine Tour durch das Culture-Universum abgeschlossen habe, während "Use of Weapons" mein erster Roman war. ;-)
      Im Großen und Ganzen bin ich in der SF-Literatur ja nicht so belesen, aber Iain Banks' Culture-Welt hat mich derart stark angesprochen, dass ich da unbedingt alles von lesen wollte.
      Ich spiele mit dem Gedanken, nach und nach alle Culture-Bücher hier zu besprechen, auch wenn mir die Erfahrung sagt, dass ich so Projekte am Ende ja doch auf halber Strecke abbreche ...

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