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Montag, 5. Januar 2015

Geistergeschichten am Kaminfeuer

In der Vergangenheit habe ich auf diesem Blog bereits mehrfach über die in den 70er Jahren von der BBC kreierte Serie A Ghost Story for Christmas geschrieben {hier, hier und hier}. Gleichfalls habe ich bereits einmal über Don Taylors The Exorcism und Nigel Kneales The Stone Tape berichtet, die man zumindest zur näheren Verwandtschaft der weihnachtlichen Geistergeschichte zählen darf. In den letzten zwei Wochen habe ich nun – ganz im Geiste der Festzeit – einen erneuten Ausflug in diese spukigen Gefilde unternommen.

Die allerletzte, 1978 ausgestrahlte Ghost Story for Christmas war die einzige, die nicht unter der Regie des großen Lawrence Gordon Clark gedreht wurde. An seine Stelle trat Derek Lister.
Wie schon Stigma aus dem Vorjahr fällt auch The Ice House deutlich aus dem Rahmen. Nicht auf einer klassischen Geistergeschichte basierend, sondern eigens für die Serie geschrieben, ähneln die beiden letzten Episoden weder in Inhalt noch Atmosphäre dem, was man bisher von A Ghost Story for Christmas gewohnt war. Doch während es sich bei Stigma meiner Meinung nach um ein recht faszinierendes phantastisches Fernsehstück handelt, hinterlässt The Ice House einen eher enttäuschenden Eindruck und wirkt deshalb beinah wie eine Rechtfertigung für das Einstellen der Serie.
Von Autor John Bowen hätte man sich etwas interessanteres erhofft, war er es doch gewesen, der acht Jahre zuvor das Script für James MacTaggarts Robin Redbreast geschrieben hatte – einen im Rahmen von Play For Today ausgestrahlten Fernsehfilm, der als eines der stilprägenden Werke des Folk Horror gelten darf. Und auch sein erster Beitrag zu den Ghost Stories for Christmas – das Drehbuch für The Treasure of Abbot Thomas (1974) – beweist das unbestreitbare Talent des Autors.
In einem Essay für die DVD-Ausgabe von 2012 bezeichnet Alex Davison The Ice House als "arguably the most daringly experimental film of the A Ghost Story for Christmas series", auch wenn er zugibt, dass dieses Experiment eher misslungen sei. Ich bin mir nicht sicher, ob eine derartige Einschätzung nicht etwas zu hoch gegriffen ist. Zwar spürt man den Ehrgeiz, der hinter diesem Projekt gesteckt haben muss, doch zugleich hatte ich das Gefühl, The Ice House versuche den Eindruck zu erwecken, mehr zu sein als es in Wirklichkeit ist. Ganz offensichtlich will der Film irgendetwas über das sinnentleerte Leben der gehobenen Mittelklasse zum Ausdruck bringen. Doch verglichen mit Filmen wie The Exorcism, den Episoden von Nigel Kneales Beasts (1976) oder auch Stigma, wirkt der sozialkritische Ansatz hier aufgesetzt, beinah etwas prätentiös, bleibt die Geschichte doch viel zu obskur, um mehr aus ihr ableiten zu können als vage Eindrücke von Einsamkeit und innerer Leere.

Nach dem Ende von A Ghost Story for Cristmas und der Ausstrahlung von Lawrence Gordon Clarks ITV-Adaption von Casting the Runes (1979) mit dem grandiosen Iain Cuthbertson als Julian Karswell machten sich "ghoulies and ghosties and long-legged beasties" im britischen Fernsehen für viele Jahre erst einmal ziemlich rar. Lediglich die 1986 auf BBC2 ausgestrahlte Reihe Classic Ghost Stories bot noch einmal etwas gespenstische Unterhaltung der traditionellen Art. Allerdings handelte es sich dabei nicht um ausgewachsene Adaptionen, sondern um nicht viel mehr als simple Lesungen von fünf M.R. James - Geschichten. Neben den Klassikern Oh, Whistle And I'll Come To You, My Lad, The Ash Tree und The Mezzotint präsentierte die Serie auch die eher etwas unbekannteren Stories The Wailing Well und The Rose Garden. Vorgetragen wurden sie allesamt von dem großartigen Robert Powell – am bekanntesten vielleicht aufgrund der Hauptrollen in Ken Russells Mahler (1974) und Franco Zeffirellis Jesus of Nazareth (1977); Horrorfans werden den Schauspieler möglicherweise als Dr. Martin aus Roy Ward Bakers von Amicus produziertem Portmanteau-Streifen The Asylum (1972) kennen.
Powell schlägt einen lockeren Konverationston an, was den Lesungen zusammen mit dem nostalgisch-viktorianischen Ambiente, in dem der Erzähler auftritt, auf den ersten Blick einen beinah heimeligen Charakter verleiht. Nichtsdestoweniger findet dank Montys Erzähl- und Powells Vortragskunst alsbald schon das Grauen seinen Eingang in diese gemütliche Welt. Ab und an illustrieren kurze Spielszenen den Ablauf der Geschichte, doch erweist sich der gleichfalls praktizierte Einsatz von Gemälden, Stichen und Fotographien in atmosphärischer Hinsicht oft als sehr viel wirkungsvoller.         

Es sollten knapp anderthalb Jahrzehnte vergehen, bevor man erneut an die alten Traditionen anzuknüpfen versuchte. In der Weihnachtszeit des Jahres 2000 war es dann endlich soweit, und BBC2 beglückte alle Freundinnen & Freunde des alten Monty und der klassischen englischen Geistergeschichte mit der vierteiligen Serie Ghost Stories for Christmas with Christopher Lee.
Regisseurin Eleanor Yule ist vor allem im Doku-Bereich aktiv, wo sie sich u.a. durch eine Reihe von Kooperationen mit Michael Palin und Moominland Tales, einem biographischen Film über Tove Jansson, einen Namen gemacht hat. Doch hegt sie offenbar auch eine tiefe Zuneigung zum Horrorgenre, und da Nicolas Roegs Don't Look Now / Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973) erklärtermaßen ihr Lieblingsfilm in dieser Sparte ist, verfügt sie außerdem ganz offensichtlich über einen guten Geschmack.
In gewisser Hinsicht lässt sich Ghost Stories for Christmas with Christopher Lee als eine aufwendigere Wiederbelebung des Formats der Classic Ghost Stories mit Robert Powell beschreiben. Erneut haben wir es eher mit Lesungen denn mit Adaptionen zu tun, wobei der große Mr. Lee in die Rolle von Montague Rhodes James schlüpft und ganz wie der alte Monty dies Anfang des letzten Jahrhunderts in Cambridge tatsächlich getan hat, einige seiner Geschichten einem auserwählten Publikum von Freunden, Kollegen und Studenten vorträgt. Die Atmosphäre ist dabei wohl etwas "gotischer" als sie weiland im Chit-Chat-Club tatsächlich gewesen sein mag, dennoch finde ich dieses Anknüpfen an die realen Ursprünge von Montys gespenstischer Kunst sehr ansprechend. Es schadet nicht, sich immer mal wieder zu vergegenwärtigen, dass viele seiner Stories ursprünglich für den mündlichen Vortrag geschrieben wurden. Und Christopher Lee ist in der Tat ein phänomenaler Geschichtenerzähler. Wie in Fortsetzung und Perfektionierung der schon bei Classic Ghost Stories verwendeten Methode, wird die Erzählung auch hier immer wieder mit kurzen Einspielungen unterlegt, die weniger den Charakter von Dramatisierungen denn von äußerst evokativen Illustrationen tragen.
Nicht alle Episoden sind gleich gut gelungen. The Stalls of Barchester etwa besitzt deutliche strukturelle Schwächen, die zwar z.T. auf die literarische Vorlage zurückzuführen sind, durch die ungeschickte Form der Adaption aber besonders stark ins Auge stechen. Das unbestreitbare Glanzstück der Miniserie hingegen ist A Warning to the Curious:

Ein Jahrfünft später startete die BBC einen – aufgrund bald darauf einsetzender Budgetkürzungen leider nur äußerst kurzlebigen – Versuch, das alte Konzept der Ghost Stories for Christmas in seiner ursprünglichen Form wiederzubeleben. Am 24. Dezember 2005 wurde als erster Teil der geplanten Reihe eine von Autor Peter Harness und Regisseur Luke Watson geschaffene Adaption von Montys A View From A Hill ausgestrahlt.
Harness ist ein scheinbar relativ bekannter Stückeschreiber, Drehbuchautor und Schauspieler, der u.a. für die dritte Staffel der BBC-Adaptionen von Henning Mankells Wallander - Romanen mit Kenneth Branagh verantwortlich zeichnete. {Filme, die ich selbst nicht gesehen habe, da ich mich nachwievor schwer damit tue, irgendjemand anderen als Rolf Lassgård in der Rolle sehen zu können. Auch wenn ich mir durchaus bewusst bin, dass die Qualität der schwedischen Produktionen ziemlich durchwachsen ist.} Freundinnen & Freunde der Phantastik mögen seinem Namen im Zusammenhang mit der gerade in Produktion befindlichen Verfilmung von Susanna Clarkes Roman Jonathan Strange & Mr. Norrell begegnet sein, für die er das Drehbuch geschrieben hat. 
A View from a Hill gehört nicht zu den ganz großen Meisterwerken von M.R. James, auch wenn die Geschichte in motivischer Hinsicht manch Faszinierendes zu bieten hat, geht es in ihr doch um das Verlangen, einen direkten Zugang zur Vergangenheit zu erlangen. Ein Thema, das angesichts von Montys eigenen antiquarischen Obsessionen ein sehr persönliches Element zu enthalten scheint. Peter Harness' Adaption nimmt einige deutliche Veränderungen vor, die z.T. den durch das sehr knappe Budget auferlegten Beschränkungen geschuldet waren, unter denen das Team arbeiten musste. So konnte man es sich vermutlich einfach nicht leisten, die Szene von Baxters Verderben filmisch umzusetzen. Was zu bedauern ist, handelt es sich doch um eine der stärksten Passagen der Story. Andere Eingriffe wurden nicht durch finanzielle Umstände erzwungen, erweisen sich jedoch als durchaus fruchtbar. So finde ich z.B. die Verwandlung des ältlichen und umgänglichen Squire Richards in einen bankrotten Landadeligen, der der wenig erfreulichen Lage, in der er sich befindet, mit einer Mischung aus "stiff upper lip" und leichter Selbstironie begegnet, sehr ansprechend. Zumal es Pip Torrens – ganz ohne Zweifel der echte Star dieses Films – gelingt, dem Charakter Tiefe, Komplexität und einen ruppigen Charme zu verleihen.
Alles in allem ist A View from a Hill ein sehenswerter, wenn auch kaum phänomenaler Eintrag in die Annalen der televisionären Geistergeschichte. Ähnlich wie viele der Klassiker der 70er Jahre verwendet auch dieser Film auf recht geschickte Weise die Landschaft zum Heraufbeschwören einer unheimlichen Atmosphäre. Luke Watson ist kein Lawrence Gordon Clark, aber er versteht sein Handwerk. Der Wald ist das vielleicht gruseligste in A View from a Hill. Und auch wenn die Schrecken eher angedeutet, denn dargestellt werden, lässt einen die finstere, verstörende Note, auf der der Film ausklingt, nicht so leicht wieder los.

Number 13 – der zweite und letzte Teil der früh verstorbenen neuen Ghost Stories for Christmas – hat mich nicht recht überzeugen können, wie ich hier bereits einmal etwas ausführlicher dargelegt habe.

Der nächste Versuch, an die alten Traditionen anzuknüpfen, wurde von Autor, Schauspieler und Regisseur Mark Gatiss gestartet – hierzulande vermutlich in erster Linie aufgrund seiner Mitarbeit an Sherlock und dem neuen Doctor Who bekannt. Über die Weihnachtsfeiertage 2008 strahlte BBC4 seinen Episoden-Horrorfilm Crooked House aus, der sich sehr deutlich am Vorbild der alten Ghost Stories for Christmas {und natürlich auch an dem der Portmanteau-Klassiker von Amicus} orientierte. Ein meiner Meinung nach nicht durchgehend gelungenes Unternehmen, wie man hier nachlesen kann. Fünf Jahre später dann erhielt Gatiss die Gelegenheit, mit einer Adaption von M.R. James' The Tractate Middoth ganz offiziell eine neue Ghost Story for Christmas zu kreieren.     
Im Ganzen gesehen ein feiner kleiner Horrorstreifen, der aber nicht an die Qualität der Werke von Lawrene Gordon Clark heranreicht. Optisch sehr ansprechend und mit exquisiten Darstellern gesegnet, gelingt es ihm dennoch nicht, eine vergleichbar intensive, angenehm unheimliche Atmosphäre zu erschaffen. Der Film enthält zweifelsohne einige starke Szenen. So fand ich z.B. den wiederholten Einsatz von Spinnen als Verkörperungen des pervers-grausamen Geistes von Dr. Rant sehr gelungen – äußerst angemessen, wenn man sich Montys legendäre Arachnophobie ins Gedächtnis ruft. Auch macht David Ryall aus dem alten Rant einen wahrlich teuflischen Charakter. Und doch hat mich der Film nicht wirklich gepackt. Die immer wieder auftauchenden, gar zu offensichtlich computergenerierten Staubflocken wirkten auf mich in dieser Hinsicht geradezu symptomatisch – hübsch anzusehen, aber zugleich die Atmosphäre zerstörend.
In einem Punkt unterscheidet sich Mark Gatiss' The Tractate Middoth übrigens sehr deutlich von beinah allen anderen M.R. James - Adaptionen. Ob zum Guten, lässt sich allerdings nicht so eindeutig sagen.
Viele von Montys Geschichten enthalten eine ordentliche Dosis Humor, ein subtiles Element von ironischem Witz, sowohl in Auseinandersetzung mit den bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts klischeehaft gewordenen Konventionen der Geistergeschichte als auch mit dem akademischen Oxbridge-Milieu, dem nicht nur viele der Hauptfiguren entstammen, sondern das ja auch das ursprüngliche Publikum der Stories gewesen ist. In den allermeisten Verfilmungen findet sich hiervon nicht die leiseste Spur. So gesehen ist Gatiss' Streifen seiner literarischen Vorlage näher als alle seine Vorgänger, denn er wird von einer ganzen Schar humorvoll karrikierter Gestalten bevölkert. Doch so gelungen und witzig die Darstellungen im Einzelnen auch sind, muss man sich fragen, ob der Autor und Regisseur hier nicht etwas zu weit gegangen ist. Wenn beinah alle Nebenfiguren den Charakter von Karrikaturen annehmen, droht der Film als Ganzes jenen bei aller Phantastik notwendigen realistischen und ernsthaften Zug zu verlieren, ohne den sich eine unheimliche Atmosphäre nicht entfalten kann.

Im Anschluss an The Tractate Middoth strahlte die BBC Weihnachten 2013 den gleichfalls von Mark Gatiss gedrehten Dokumentarfilm MR James: Ghost Writer aus. Wie die Geistergeschichte selbst ist auch er sehr schön anzusehen. Besonders gut gefallen hat mir die Idee, als verbindenes Motiv Szenen zu verwenden, in denen wir Gatiss auf seinem Fahrrad durch die Gegend fahren sehen, denn bekanntlich war der alte Monty ein leidenschaftlicher Radfahrer. Auch ist es großartig, Robert Lloyd Parry in der Rolle von M.R. James erleben zu dürfen. Der Schauspieler hat sich in den letzten Jahren mit seinen Lesungen/Ein-Mann-Theater-Aufführungen einen Namen unter englischen Montyfans gemacht.*
Wer sich bereits ein wenig mit M.R. James auskennt, wird in diesem Film keine faszinierenden neuen Einsichten finden, doch als eine Einführung in Leben und Werk des Autors funktioniert er ziemlich gut. Vor allem da man sehr deutlich Gatiss' leidenschaftliche Liebe zu Monty spüren kann. Höhepunkte sind zum einen die kurzen Interviews mit Jonathan Miller – dem Regisseur der bis heute besten James-Adaption Whistle And I'll Come To You (1968) , Lawrence Gordon Clark und Canon Adrian Carey, dessen Vater ein guter Freund von Monty gewesen war und der den großen Mann selbst noch in Eton kennenlernen durfte. Zum anderen Gatiss sehr feinfühlige und berührende Schilderung von Montys inniger Freundschaft zu James McBride. Mit letzterem berührt der Film freilich ein Thema, das unter Jamesianern sehr umstritten ist. Die Frage, ob Monty homosexuell war und nicht zumindest einige seiner Geschichten auch als Ausdruck seiner unterdrückten Sexualität gelesen werden können. Gatiss geht nicht so weit wie Mike Pincombe in seinem in Ghosts & Scholars veröffentlichten Essay Homosexual Panic and the English Ghost Story, aber er lässt doch keinen Zweifel daran, auf welcher Seite er in dieser Kontroverse steht.            

Hinzugefügt: 
Die neueste Episode der Monster Hunters ist eine wunderschöne und wie alle Abenteuer von Roy Steel & Lorrimer Chesterfield äußerst amüsante Hommage an M.R. James und die klassische englische Geistergeschichte. 



* Ein Interview mit Parry findet sich in dieser Episode des exzellenten A Podcast to the Curious.

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