Seiten

Donnerstag, 15. Mai 2014

Die Tugenden des klassischen japanischen Films

Vor ein paar Tagen hat mein Twitterkumpel NUTS4R2 auf seinem Blog {den zu besuchen ich allen Filmfreundinnen & -freunden nur wärmstens empfehlen kann} eine Besprechung von Kenji Misumis Zatôichi monogatari / The Tale of Zatoichi aus dem Jahre 1962 veröffentlicht. Im Unterschied zu ihm hatte ich leider nie die Gelegenheit, mir sämtliche Zatoichi - Filme {und von denen gibt es reichlich} anzuschauen. Meine Kenntnis des Franchises beschränkt sich auf einige der frühen Streifen aus der ersten Hälfte der 60er Jahre. Doch wie dem auch sei, jedenfalls hat mich sein Post dazu animiert, mich ebenfalls wieder einmal den Abenteuern des blinden Masseurs und Schwertkämpfers zuzuwenden. Inzwischen bin ich bei Zatōichi kyōjō-tabi / Zatoichi the Fugitive, dem vierten Teil der Reihe angelangt ...

Wollte ich mich an einer eigenen Besprechung von The Tale of Zatoichi versuchen, so liefe das bloß darauf hinaus, dass ich ganze Passagen aus NUTS4R2s Post klauen und mit ein paar eigenen Ideen garnieren würde. Darum lasse ich das lieber sein. Doch hat mir der Film wieder einmal vor Augen geführt hat, warum ich das klassische japanische Kino so sehr liebe. Und damit meine ich vor allem jenes Goldene Zeitalter der 50er und frühen 60er Jahre, als die großen Meister Masaki Kobayashi, Akira Kurosawa, Kenji Mizoguchi und Yasujirō Ozu Japans Film zu Weltruhm führten
Zum einen waren die großen japanischen Filmemacher jener Zeit im wahrsten Sinne des Wortes Poeten des Kinos. Besonders deutlich wird dies, wenn man ihre Werke mit denen der Neorealisten Italiens – jener anderen damals gerade in voller Blüte stehenden Provinz der internationalen Filmkunst – vergleicht. Ich liebe Pier Paolo Pasolini, Roberto Rossellini, Vittorio de Sicca und Luchino Visconti, und ich würde auch ihren frühen, besonders "realitäsverhafteten" Filmen nicht die poetische Qualität absprechen wollen. Aber in ihrer "Rauheit" und "Unmittelbarkeit" unterscheiden sie sich doch sehr deutlich von den Werken ihrer japanischen Kollegen. Diesen ist selbst dann, wenn sie brutale und unmenschliche gesellschaftliche Realitäten darstellen, oft eine Art ästhetischer "Zartheit" eigen, die einen mitunter an den Stil der alten japanischen Malerei erinnert. Auch können wir in vielen dieser Filme – sowohl was die Cinematographie als auch was das Spiel der Darsteller und Darstellerinnen angeht – nicht selten einen leicht "stilisierten" Zug entdecken, in dem möglicherweise die Traditionen des japanischen Theaters nachklingen. Auf viele heutige westliche Betrachter und Betrachterinnen mag dies vielleicht etwas irritierend – weil "unnatürlich" – wirken. Für mich jedoch trägt es sehr viel zum ästhetischen Genuss bei.
Der zweite Grund für meine innige Zuneigung ist die tiefe Menschlichkeit, die in diesen Filmen Ausdruck findet. Sie sind nicht sentimental, noch zeichnen sie ein geschöntes Bild vom Menschen und der Welt. Aber auch dann, wenn sie uns eine brutale, dreckige und grausame Realität vor Augen führen {und das ist sehr häufig der Fall}, sind sie doch frei von Zynismus oder Misanthropie. In diesem Punkt gleichen sie den großen Werken der Italiener. Wie diese betrachten auch die japanischen Filmemacher ihre Charaktere voller Mitgefühl und Sympathie, ohne deshalb ihre Schwächen auszublenden. Beide Filmstile sind Ausdruck eines tiefempfunden Hasses auf die Ungerechtigkeit der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse und einer ebenso großen Liebe zu den Menschen. Und wer solche Gefühle "sentimental" findet, tut mir einfach bloß leid ...

Nun ist Kenji Misumi sicher keiner der ganz großen Regisseure des klassischen japanischen Films gewesen, und seine Story of Zatoichi reicht auch innerhalb des Genres der "Jidaigeki" (~ "Historienfilme") nicht an solche Meisterwerke wie Mizoguchis Sanshō dayū / Sansho the Bailiff (1954), Kurosawas Shichinin no samurai / Seven Samurai (1954) oder Kobayashis Seppuku / Harakiri (1962) heran. Aber dennoch handelt es sich bei ihr um einen brilliant geschriebenen, inszenierten und gespielten Film, neben dem 90% der heutzutage produzierten Flicks {vom Hollywood-Blockbuster bis zum Arthouse-Indie-Streifen} schamrot im Boden versinken sollten.
Zudem besitzt der  Streifen einige, im Vergleich zu seinen "großen Brüdern" auffällige Eigenheiten. Anders als in vielen "Jidaigeki" der Zeit ist der von Shintaro Katsu genial verkörperte Protagonist Zatoichi kein Samurai oder Ronin. Er entstammt vielmehr der Unterschicht des feudalen Japan. Als umherziehender Masseur (anma) geht er ursprünglich dem Beruf nach, der einem blinden Mann im Land der Aufgehenden Sonne zu Beginn des 19. Jahrhunderts am ehesten angemessen war. Doch schließlich widmet er sich auf verbissene Weise dem Studium der Fechtkunst, da er auf diese Weise hofft, sich den Respekt verschaffen zu können, der ihm bisher vorenthalten wurde. Aber aufgrund seines niederen Standes kann er selbst als unvergleichlicher Meister des Schwertes kein anerkannter "Krieger" werden. Dieses Privileg ist dem Adel vorbehalten. Symbolischen Ausdruck findet das darin, dass Zatoichi nie ein "Katana" (Samuraischwert), sondern stets sein bald schon legendäres "Shikomi-zue" ("Stockschwert") führt. Die einzige Möglichkeit, die sich ihm anbietet, ist es der "Yakuza" (der halboffiziellen, gildenartig organisierten Verbrecherwelt) beizutreten. Schon im allerersten Zatoichi-Film bereut der blinde Schwertkämpfer diesen Entschluss, doch gelingt es ihm nicht, sich aus der Welt der "Oyabun/Kumichō" ("Bosse"/"Paten") und ihrer Gefolgsleute und gedungenen Killer zu befreien. Wie auch? Steht ihm im Grunde doch überhaupt kein anderer Weg offen in der von Unterdrückung, allgemeinem gesellschaftlichen Zerfall und Korruption gezeichneten Welt der späten Edo-Zeit (1830/40).

Allen Freundinnen und Freunden der Filmkunst kann ich nur leidenschaftlich ans Herz legen, sich einmal dem guten Zatoichi zuzuwenden. Sie werden es nicht bereuen. Und zum Abschluss nun rasch noch zwei Stücke aus dem Soundtrack des großen Akira Ifukube – Fans des Phantastischen vielleicht am ehesten als Komponist der Musik zu Ishirō Hondas Gojira / Godzilla (1954) und Schöpfer des berühmten Brüllens von Big G. bekannt:

   


PS: Da ich gerade zum ersten Mal Kenji Mizoguchis Shin heike monogatari / Tales of the Taira Clan (1955) gesehen habe, hierzu noch kurz ein paar Worte: Der Film gehört sicher nicht zu den ganz großen Werken des Meisters, aber er verdient nicht nur als einer der zwei Farbfilme des Regisseurs Interesse, sondern auch aufgrund seines historischen Settings. Die in ihm erzählte Jugendgeschichte von Taira no Kiyomori (1118-1181) mag in vielem von der geschichtlichen Realität abweichen, doch sie entwirft ein lebendiges Bild der Klassenkämpfe am Ende der Heian-Zeit, insbesondere des sich immer weiter verschärfenden Konfliktes zwischen dem alten Hofadel von Kyōto, den mächtigen buddhistischen Mönchsorden (vor allem dem Klosterimperium von Hiei) und der aufsteigenden Kriegeraristokratie der Samurai.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen