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Donnerstag, 29. Mai 2014

Alkohol, überalterte Teens und Lurchi der Lahme

Mein letzter Ausflug in die phantastischen Gefilde des B-Movies der 50er Jahre begann wie so oft als Versuch, einer heraufziehenden depressiven Phase entgegenzuwirken. Das dabei einsetzende Gefühl einer inneren Lähmung macht jede wirkliche Aktivität mehr oder weniger unmöglich, aber solange sich die Intensität dieses Gefühls noch in gewissen Grenzen hält, ist es zumindest möglich, sich auf passive Weise etwas Ablenkung zu verschaffen. So zumindest verhält es sich bei mir. Und es ist schon beinah zu einer kleinen Tradition geworden, dass ich mich in solchen Fällen dem SciFi- und Monsterschlock der Fifties zuwende. Diesmal entschied ich mich außerdem dazu, dies mit einem ersten Besuch in Lord Blood-Rah's Nerve Wrackin' Theatre zu verbinden.



Ich bin schon seit längerem ein eifriger Hörer seines bei Drunken Zombie beheimateten Podcasts, in dem der gute Lord regelmäßig klassische Radiohörspiele der gruseligen Art präsentiert. Sein Nerve Wrackin' Theatre funktioniert im Grunde genauso, nur geht es hier um alte SciFi- und Horror-B-Movies.
Das Konzept, den Streifen alle zehn Minuten zu unterbrechen, um einige alte Trailer oder die Kommentare Seiner Lordschaft einzuschieben, würde auf mich im Normalfall ziemlich irritierend wirken. Wenn ich mir einen Film anschaue, so will ich ihn für gewöhnlich am Stück und als Ganzes genießen {oder durchleiden}. Wirklich empfehlen kann ich das Nerve Wrackin' Theatre also nicht, aber wenn man weiß, was einen erwartet, kann dieser Mix auch recht amüsant sein, und vor allem einige der Trailer fand ich äußerst appetitanregend ...

Doch genug des Vorgeplänkels! Welchen Film genau habe ich mir denn nun angeschaut? – Diesen hier:



Die 50er Jahre waren die goldene Zeit der Riesenmonster-Flicks. Genaugenommen hatten am Anfang dieses Subgenres zwar Filme wie Harry Hoyts The Lost World (1925) und vor allem Merian C. Coopers King Kong (1933) gestanden, und mit Streifen wie Son of Kong (1933) und Mighty Joe Young (1949) existierte sogar bereits eine kleine Tradition des "Riesenaffen"-Kinos, doch erst der von einer Atombombe und dem Genie Ray Harryhausens zum Leben erweckte Dinosaurier in The Beast from 20.000 Fathoms (1953) öffnete die Tore für jene Invasion monströsen Getiers, das für einige Zeit die Herrschaft über einen Gutteil des B-Movie-Universums an sich reißen sollte.* Ein Jahr später bereits krabbelten die Riesenameisen von Them! über die Leinwand, und in den nächsten Jahren wurde das Publikum in den Autokinos u.a. mit der Riesenspinne aus Jack Arnolds Tarantula (1955), den gigantischen Grashüpfern aus Bert I. Gordons Beginning of the End (1957), der gewaltigen Gottesanbeterin aus Nathan H. Jurans The Deadly Mantis (1957) und den monströsen Krabben aus Roger Cormans Attack of the Crab Monsters (1957) beglückt. Anders als der alte Kong war keines dieser Ungeheuer ein echter Charakter. So gut wie alle von ihnen lassen sich als blinde, zerstörerische Naturkräfte beschreiben. Auch schwang in den meisten dieser Monsterflicks etwas von der Furcht vor den möglichen Folgen moderner Technik und Wissenschaft mit. Zwar verdanken nicht alle Ungeheuer der Fifties ihre Geburt {oder ihr Erwachen} der Detonation einer Atombombe, aber trotzdem sind sie alle unverkennbar Kinder des beginnenden Nuklearzeitalters.

Ray Kellogs gigantische Krustenechse ist ein relativ später (1959) und seeehr billiger Sprössling dieser Monstermode, und ganz so wie die Riesentarantel in Bert I. Gordons Earth vs. The Spider (1958) kommt auch sie ohne irgendeine "vernünftige" Erklärung für ihre Existenz einher. Atombombentests oder irre Forscher suchen wir hier vergeblich. Uns wird zu Beginn des Streifens ganz einfach erklärt, in der "Wildnis des Westens" gäbe es nach wie vor solche unvorstellbaren Kreaturen. Und anders als in den meisten phantastischen B-Movies der Ära ist es interessanterweise auch kein Wissenschaftler/Universitätsprofessor/Schullehrer, der den Kampf gegen das Ungetüm anführt. Unsere Helden sind vielmehr ein jugendlicher Automechaniker (Don Sullivan) und ein bodenständiger Kleinstadt-Sheriff (Fred Graham), was irgendwie ganz sympathisch wirkt. Aber leider besitzt der Streifen trotz der Eröffnungsszene, die uns hoffen lässt, dass hier keine Zeit verschwendet wird und wir ohne Umschweife zur Sache kommen, nicht das perfekte Pacing von Mr. BIGs Arachniden-Flick. Noch nach gut der Hälfte des Filmes wissen die Protagonisten nicht einmal, dass sie es mit einer giftigen Riesenechse zu tun haben! Stattdessen bekommen wir das eher langweilige Treiben einiger ziemlich überaltert aussehender "Teenager", die französische Kandidatin für den Titel "Miss Universum 1957" und ein paar "humorvolle" Alkoholikerszenen zu sehen. Nicht nur sorgt Western- und TV-Veteran Shug Fisher als ortsansässige Saufnase Old Man Harris für ein paar Lacher {oder auch nicht}, unser Mechaniker-Held Chase Winstead darf außerdem den sturzbesoffenen DJ Horatio Alger 'Steamroller' Smith (Ken Knox) aus dem Straßengraben ziehen, was zum Ausgangspunkt für eine bizarre Nebenhandlung um Chase' beginnende Musikerkarriere wird {inklusive einiger eingestreuter Songs von eher zweifelhafter Qualität}.
So weit klingt das alles nicht sonderlich berauschend, doch ein Monsterflick steht oder fällt letztlich mit seinem monströsen Protagonisten. Wie also ist es um unsere riesige Gila-Echse selbst bestellt? Leider auch nicht besonders gut. Dass bei einem Budget von schätzungsweise $138.000 kein Geld für irgendwelche aufwendigen Modelle, wie wir sie etwa aus Them! oder The Deadly Mantis kennen, vorhanden war, versteht sich von selbst. Also bekommen wir einfach eine ganz normale Krustenechse zu sehen, die durch die Gegend marschiert. Bestenfalls darf sie dabei im Finale über ein paar Modellautos krabbeln, wobei sie ulkigerweise sehr viel größer wirkt, als bisher der Anschein war. Wie Jack Arnold mit Tarantula gezeigt.hatte, kann man auch mit realen Tieren großartige Effekte erzielen, doch in The Giant Gila Monster scheint man nicht einmal simple Rückprojektionen (rear projections) verwendet zu haben. Nie hat man das Gefühl, dass es zu einer echten "Berührung" zwischen dem Ungeheuer und den Menschen, Autos, Zügen etc. kommen würde. Außerdem schaut eine Krustenechse zwar faszinierend aus, wirklich gruselig ist sie aber nicht. Erst recht nicht, wenn sie die meiste Zeit über bloß träge und vor sich hin zischelnd und züngelnd durchs Unterholz kriecht, statt in guter Monstermanier die Menschheit zu terrorisieren. "Lurchi der Lahme" schien mir deshalb schon bald der passende Name für unseren Reptilienfreund zu sein. {Und ja, ich weiß, Salamander sind keine Reptilien ...}

Alles in allem war The Giant Gila Monster also eher eine Enttäuschung. Interessanter wurde es erst, als ich begann, nach ein paar Informationen über den Hintergrund des Streifens zu suchen.
Ray Kellogs eigentliches Metier waren Special Effects. In den 50er Jahren wirkte er in diesem Bereich an der Produktion von über hundert Filmen mit, hauptsächlich für 20th Century Fox, deren SFX-Abteilung er schließlich leitete. Die Chance, sich auch als Regisseur zu versuchen, bot sich ihm erst, als ihn Radiomogul Gordon McLendon für die Mitarbeit an einigen billigen Flicks zu gewinnen versuchte, die dieser für seine Autokinos in und um Dallas produzieren wollte. Kellog nahm den Job unter der Bedingung an, dass er selbst auf dem Regiestuhl platznehmen dürfe. Neben The Giant Gila Monster entstanden unter seiner Leitung außerdem noch The Killer Shrews und My Dog, Buddy. Als Produzent fungierte dabei jedesmal Ken Curtis, der seinerseits eigentlich Schauspieler war {bekannt vor allem aus einer Reihe klassischer John Ford - Western sowie als Festus Haggen aus Gunsmoke / Rauchende Colts}.
Eine recht interessante Kombination, wie ich finde. Und falls sich jemand fragt, ob Kellog in der Folge eine zweite Karriere als Regisseur hingelegt hat: Die Antwort lautet 'nein'. Von einer einzigen Episode der TV-Serie The Monroes abgesehen, durfte er bloß noch einmal als Co-Regisseur bei John Waynes militaristischem Machwerk The Green Berets (1968) mitwirken – nichts, worauf man sonderlich stolz sein könnte.
Gordon McLendon war übrigens eine ziemlich faszinierende, wenn auch kaum besonders sympathische Persönlichkeit. 1947 gründete er gemeinsam mit seinem Vater den Radiosender KLIF in Dallas sowie das Liberty Broadcasting System (LBS), das drei Jahre später bereits zum zweitgrößten Radionetzwerk der USA herangewachsen war. Mit der Zeit erwarb die Familie zahlreiche Sender wie KNUS-FM (Dallas), KOST (Los Angeles), WYSL-AM (Chicago), KABL-FM (San Francisco), KILT (Houston), KTSA (San Antonio) und KELP (EL Paso). McLendon gilt als einer der großen Innovatoren des amerikanischen Radios, so führte er u.a. Verkehrsberichte, Jingles, Nachrichtenkanäle und sog. "easy listening" - Programme ein. Politisch ein konservativer Südstaaten-Demokrat und Mitglied der einflussreichen Suite 8F - Gruppe texanischer Geschäftsmänner nutzte McLendon sein Radioimperium auch dazu, entsprechende Propaganda zu betreiben: "This included his attacks on federal aid to education, racial desegregation of public schools and equal voting rights for all races." Lyndon B. Johnsons Sozialreformen ("Great Society"), veranlassten ihn Mitte der 60er Jahre schließlich dazu, aus der Demokratischen Partei auszutreten. McLendon zählte u.a. FBI-Chef J. Edgar Hoover zu seinen Freunden und unterhielt enge Beziehungen zu Geheimdienstkreisen. 1975 gehörte er zu den Mitbegründern der Association of Former Intelligence Officers. Gerüchte bringen ihn u.a. mit Gerry Hemmings Anti-Castro-Organisation Interpen in Verbindung.

Schaut man mit diesem Wissen ausgestattet noch einmal auf The Giant Gila Monster zurück, dann kann man ein paar zusätzliche Überlegungen zu dem Film anstellen.
Ganz offensichtlich sollte er ein Teenager-Publikum ansprechen, was sich vor allem an der Figur des Helden zeigt. Zwar ist nicht ganz klar, wie alt Chase eigentlich sein soll, aber er wird mit allem ausgestattet, was männliche Teens der Zeit begeistert haben muss: Schnelle Autos {er ist nicht bloß Mechaniker, seine Spezialität besteht auch im Frisieren von Motoren}, eine hübsche Freundin und eine beginnende Karriere im Musikbusiness. Letzteres wird noch dadurch verstärkt, dass  Horatio 'Steamroller' Smith von dem populären KLIF-DJ Ken Knox gespielt wird. Und mit der autoriären Vaterfigur des reichen Mr. Wheeler besitzt der Film sogar so etwas wie eine Inkarnation des bösen Establishments {"The Man"}, und damit einen Fokus für die möglicherweise vorhandenen rebellischen Gefühle des Publikums.** Dennoch passt der Streifen erstaunlich gut zu McLendons konservativen Überzeugungen. Denn Chase fungiert nicht nur als Identifikations-, sondern auch als Vorbildfigur. Er ist fleißig und verantwortungsbewusst, kümmert sich aufopferungsvoll um seine Familie {vor allem um seine kleine, behinderte Schwester} und nutzt seinen Einfluss auf die örtliche Jugend, um diese von gar zu wilden Eskapaden abzuhalten. Kein Wunder, dass Sheriff Jeff ihn überaus schätzt und gegen die Attacken von Mr. Wheeler verteidigt.
Aus dieser Perspektive betrachtet wirkt The Giant Gila Monster beinah schon clever gemacht. Er bedient die vage "rebellischen" Wunschvorstellungen seines Publikums und predigt diesem zugleich konservative Werte von Fleiß, Verantwortungsbewusstsein und Familiensinn. Zu einem besseren Film macht ihn das nicht, aber vielleicht wenigstens zu einem etwas interessanteren.


* Gegen den letzte Woche in die Kinos gelangten neuen Godzilla ist, wie nicht anders zu erwarten war, hier und da der Vorwurf des "cultural appropriation" erhoben worden. Wenn Hollywood Big G. zusammen mit einem größtenteils weißen Ensemble auf die Leinwand bringt, dann sei das eine Form von Kulturimperialismus. Unabhängig davon, dass ich ohnehin wenig von dem ganzen Konzept des "cultural appropriation" und dem ihm zugrundelegenden Verständnis von Kultur halte, zeigt sich hier wieder einmal, wie oft solche Formen der Kritik auf historischer Unwissenheit beruhen. Über die Jahrzehnte sind Godzilla und seine Kaiju-Kumpels zwar ohne Zweifel zu Ikonen des japanischen B-Movies geworden, doch Ishiro Hondas Originalfilm Gojira von 1954 war in vielerlei Hinsicht eine Art Remake von The Beast from 20.000 Fathoms. War das dann auch "cultural appropriation"? 
** Interessanterweise enthält McLendon & Kellogs zweiter Horror - Flick The Killer Shrews nichts Vergleichbares, obwohl die beiden als Double-Feature gezeigt wurden, also für dasselbe Publikum konzipiert waren. Nebenbei bemerkt: Riesige Spitzmäuse ("shrews") mögen auf den ersten Blick als Monster zwar noch lächerlicher wirken als eine Krustenechse, aber die mörderischen Nager sind erstaunlich gut in Szene gesetzt. Um genau zu sein, sind sie das einzig positive an diesem Streifen, der im Ganzen gesehen ähnlich inkompetent, aber sehr viel unsympathischer wirkt als The Giant Gila Monster. {ERGÄNZUNG: Spitzmäuse sind keine Nagetiere, aber "mörderische Nager" klingt doch nett, oder?}

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