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Freitag, 20. September 2013

Ein düsteres Filmgedicht

Prosagedichte, wie sie z.B. Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire oder Clark Ashton Smith geschrieben haben, sind keine kurzen Short Stories. Auch dann, wenn sie eine Handlung besitzen, besteht ihr eigentliches Ziel nicht darin, eine Geschichte zu erzählen. Vielmehr wollen sie vor allem eine Stimmung heraufbeschwören. Dazu bedienen sie sich poetischer Stilmittel wie Melodie, Rhythmus und Klang.

Eine ähnliche Differenzierung sollte es auch in der Filmkunst geben. Formal betrachtet ist Jovanka Vuckovics The Captured Bird ein Kurzfilm, aber diese Bezeichnung will mir dennoch nicht ganz zutreffend erscheinen. Das 2012 auf die Leinwand gelangte Erstlingswerk der kanadischen Regisseurin ist ein Filmgedicht, ein düsteres, unheimliches Stück cineastischer Poesie:


{Unbedingt im Vollbildmodus anschauen!}

Wer The Captured Bird vorwirft, die Story sei im Grunde banal und wenig originell, hat einfach nicht verstanden, dass der Film als Kunstform aus mehr besteht als aus dem Erzählen von Geschichten. Ja, eine simple Inhaltszusammenfassung würde wenig aufregend klingen, denn Jovanka Vuckovic konzentriert sich ganz auf die visuellen Ausdrucksformen, um mit ihrer Hilfe eine bestimmte Stimmung zu erschaffen. Und das ist ihr auf wirklich beeindruckende Weise gelungen. Die Totalansicht des Schlosses z.B. wird mich sicher noch wochenlang verfolgen.
In einem Interview mit Biff Bamp Pop hat Jovanka über die Entstehung des Filmes erzählt:
It was my first film so I wanted to make an art piece, something that relied on visual storytelling. That part was new to me. Writing was not. So I intentionally wrote it with no dialogue in an attempt to force me to tell the story without words. It was inspired loosely by a dream, or, paranormal experience my twin brother had [as] a child. These black, formless entities would come to him at night. One would hold him down and paralyze him while the other looked on. It’s an experience that happens cross-culturally and is linked with sleep paralysis; knowing that now didn’t make it any less terrifying for my brother back then. His description of those creatures stayed with me forever and eventually emerged in The Captured Bird. From literature, I was hugely inspired by Lovecraft’s “dream cycle” including The Statement of Randolph Carter, as it was based on one of Lovecraft’s dreams, and especially The Silver Key in which Carter uses the key to transport himself to his childhood and enter the Dreamland. A place where there is no fundamental distinction between dreams and reality. The little girl in my film encounters five unnamable, unknowable creatures in what is pretty much the Underworld of the Dreamlands, inside a house that is inspired by Kadath, the domain of the Great Ones. So it’s definitely “Lovecraftian!”   
Jovanka Vuckovic begann ihre Karriere in der Special Effects - Branche und machte sich anschließend als Chefredakteurin des Rue Morgue Magazine einen Namen in der Horror-Community. Dabei lernte sie neben vielen anderen Ikonen des Genrefilms auch Guillermo del Toro kennen, der einer der Koproduzenten ihres filmerischen Debuts werden sollte. Inzwischen hat sie zwei weitere Kurzfilme gedreht: Self Portrait (2012) und The Guest (2013). Keinen von beiden habe ich bisher sehen können, doch wenn ihre weitere Entwicklung hält, was ihr Debut verspricht, so hoffe ich inständig, dass wir in Zukunft noch sehr viel mehr von dieser Künstlerin zu sehen bekommen werden.

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