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Mittwoch, 20. Februar 2013

Und er schnackelte mit den Fingern ...

Als ich im Verlauf des heutigen Tages erfahren musste, dass Otfried Preußler gestern im Alter von 89 Jahren gestorben ist, fühlte ich mich sofort dazu getrieben, ein paar Säze über den von mir hochgeschätzten Autor zu schreiben, dessen phantastische Kreationen eine große Präsenz in ganz unterschiedlichen Phasen meines Lebens besessen haben.
Kein anderer Kinderbuchautor hat eine ähnlich bleibende Faszination auf mich ausgeübt. Was nicht bedeuten soll, dass ich in seinem Gesamtwerk sonderlich gut bewandert wäre. Wie wohl die meisten von uns, habe auch ich nur seine berühmtesten Bücher gelesen, und wenn mir gestern jemand erzählt hätte, dass noch 2002 ein neues Buch von ihm erschienen ist, wäre ich mehr als nur ein bisschen überrascht gewesen.
Mit Der kleine Wassermann, Die kleine Hexe und Das kleine Gespenst ist Preußler für mich zuerst einmal ein Stück Kindheit. Zwar müsste ich lügen, wollte ich behaupten, dass ich noch irgendwelche konkreten Erinnerungen an diese Bücher hätte, aber dennoch rufen ihre Titel immer noch ein zwar nur schwer fassbares, aber irgendwie warmes und wohliges Gefühl in mir wach.
Das für mich einzig Positive an der leidigen "Negerlein" - Debatte des letzten Monats war, dass sie mich dazu animierte, einmal wieder Die kleine Hexe zu lesen. Meine Kindheitserinnerungen sind dadurch zwar nicht konkreter geworden, aber dafür hat meine Eitelkeit einen netten kleinen Anschub erhalten: Scheinbar hatte ich schon als Kind einen guten literarischen Geschmack! Das für mich aus heutiger Sicht außergewöhnliche an dem Buch ist die einmalige Mischung aus poetischer Einfachheit der Sprache, Menschlichkeit, Humor und einem Hauch des Geistes alter Märchen und Sagen. Und dann ist da natürlich auch noch der sprechende Rabe Abraxas, und wer würde den nicht auf Anhieb lieben? Dass die Verfechter des "progressiven", sozialkritischen Kinderbuches in den 70er Jahren mit Preußler wenig anzufangen wussten, konnte ich mir nach der Lektüre der Kleinen Hexe nur zu gut vorstellen. Schließlich spielt die Geschichte in einer märchenhaft unkonkreten, wenn auch leicht bayerisch angehauchten, Welt, fernab der Realität der 50er Jahre, in denen das Buch geschrieben wurde. Wenn diese selbsternannten Vorkämpfer von Fortschritt und Emanzipation allerdings etwas genauer hingeschaut hätten, wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass alle Autoritätspersonen, wie der Förster und die Oberhexen, in dem  Buch gar nicht gut wegkommen.
Meine zweite intensive Begegnung mit Otfried Preußler spielte sich im Alter von sechzehn-siebzehn Jahren ab, und diesmal ging es dabei um den Räuber Hotzenplotz. Ich nehme nicht an, dass dieser mir vorher unbekannt gewesen wäre, aber aus irgendwelchen Gründen wurde er zu dieser Zeit für mich und meinen damals besten Freund zu einer Art Kultfigur. Und das ist er in meinen Augen bis heute geblieben. Der dreiste Raub von Großmutters Kaffeemühle. Wachtmeister Dimpfelmoser auf seinem Fahrrad. Der Zauberer Petrosilius Zwackelmann und seine problematische Beziehung zum Kartoffelschälen. All diese Motive finde ich nach wie vor nicht nur ausgesprochen amüsant, sie besitzen für mich auch einen ganz eigenen, nicht recht in Worte zu fassenden Charme. Und ich glaube nicht, dass der einzige Grund dafür der ist, dass unsere damalige Darmstädter Stammkneipe den Namen Hotzenplotz trug und ihre Wände mit entsprechenden Bildern geschmückt waren.
Daneben spielte Preußler in dieser Zeit für mich noch auf ganz andere Weise eine wichtige Rolle, auch wenn ich mir dessen erst sehr viel später klar geworden bin. Bis vor kurzem war mir nämlich gar nicht bewusst, dass er die ersten drei Bände von Lloyd Alexanders Prydain-Zyklus (Taran und das Zauberschwein * Taran und der Zauberkessel * Taran und die Zauberkatze) ins Deutsche übersetzt hat, und auch wenn ich selbst diese Bücher erst später gelesen habe, hatten sie doch für meinen schon erwähnten Freund den ersten echten Zugang zur Fantasy dargestellt und waren insofern für uns beide sehr wichtig.
Schließlich wäre da meine noch gar nicht so lange zurückliegende dritte Begegnung mit Preußler. Der Name Krabat war mir schon aus den Hotzenplotz-Zeiten bekannt, aber eigentümlicherweise hatte ich mir das Buch nie von meinem Freund ausgeliehen, obwohl dieser es mir doch mehr als einmal schmackhaft gemacht hatte. Vielleicht glaubte ich damals, das Werk eines Kinderbuchautors wäre unter meiner Würde, wenn ich es nicht auf halb ironische Weise wie den Hotzenplotz genießen könnte. Wie dem auch sei, jedenfalls lernte ich Preußlers Meisterwerk so richtig erst in späteren Jahren und auf dem Umweg über Karel Zemans großarttige Zeichentrickverfilmung aus dem Jahre 1977 kennen. Doch als ich es dann schließlich zum ersten Mal gelesen hatte, war ich restlos begeistert. Ich habe hier an anderer Stelle bereits einmal versucht, meine Gedanken über dieses Buch darzulegen und werde das jetzt nicht noch einmal wiederholen. Ich möchte bloß erklären: Mit Krabat  hat sich der stets "nur" als Kinderbuchautor gepriesene Otfried Preußler als einer der wirklich großen Vertreter der phantastischen Literatur im deutschsprachigen Raum erwiesen.  Auch wer keine nostalgischen Kindheitserinnerungen mit ihm verbindet, sollte es sich darum auf gar keinen Fall entgehen lassen, die Geschichte vom Lehrling in der Mühle im Koselbruch zu lesen. 

4 Kommentare:

  1. Ich habe so gut wie keine Kinderbücher gelesen, weil es bei uns zuhause eh kaum Bücher - und schon gar keine Kinderbücher - gegeben hat und das Geld immer knapp war. Deshalb war und ist Preußler für mich vor allem der Autor von "Krabat", den ich auch erst als Twen (so nannte man das mal ;)) gelesen habe; den Anstoß gab die erwähnte großartige Verfilmung von Karel Zeman. Und ich stimme dir voll und ganz zu, dass er sich mit diesem überaus atmosphärischen Roman als einer der wirklich großen Vertreter der deutschsprachigen phantastischen Literatur erwiesen hat. Vielleicht sollte ich "Krabat" gelegentlich mal wieder zur Hand nehmen und als Reminiszenz ein bisschen darin schmökern ...

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  2. Sie an, ähnlich wie für deinen Freund stellten die von Preußler übersetzten Bücher Alexanders auch für mich einen wichtigen Zugang zur Fantasy dar: Zwar nicht zur Fantasy allgemein, aber immerhin zur Fantasy jenseits von Tolkien. Lloyd Alexander, Richard Adams und T.H. White waren die ersten High-Fantasy-Autoren, die mir wirklich etwas bedeuteten, nachdem ich in diesem Bereich jahrelang ausschließlich Tolkien hatte gelten lassen.

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    1. Salve! Richard Adams? T.H. White? Ich fürchte, während meiner ersten Fantasyphase hatte mein Bücherschrank solch edle Namen nicht aufzuweisen. Zumindest was High Fantasy angeht, fanden sich da eher {schamvoll errötend} Terry Brooks und die ersten Dragonlance-Bücher von Weis & Hickman. Bei der Sword & Sorcery sah es allerdings deutlich besser aus, hatte mich eine Nachbarin {mein Dank ist ihr für ewig sicher} doch schon sehr früh mit Fritz Leiber bekannt gemacht.

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    2. Bei mir kam das davon, dass ich ohne Buchhandlung oder öffentliche Bibliothek (in für mich als Kind erreichbarer Nähe) aufgewachsen bin. Mit der englischsprachigen Fantasy bin ich deshalb von einer im Dorf lebenden Englischlehrerin vertraut gemacht worden, die so etwas wie The Sword of Shannara vermutlich nicht angefasst hätte, mir dafür aber Bücher von Alexander und White ausleihen konnte. Das führte dazu, dass ich eine ziemlich naserümpfende Haltung gegenüber generischer Fantasy entwickelte und es mich einige Überwindung kostete, überhaupt mal ein Buch mit Barbarenmuskeln und Kettenbikini auf dem Cover aufzuschlagen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich überzeugt habe, dass auch in diesem Bereich einige Kostbarkeiten darauf warteten, gelesen zu werden. :D

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