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Montag, 4. Februar 2013

Kindheitshelden auf der Leinwand

Ah ja, Saurier die großen Lieblinge meiner Kindheit!
Ich weiß nicht, waren die späten 70er & frühen 80er eigentlich die Tage der ersten großen Dinowelle? Auf jedenfall gab es damals eine ausreichende Menge an mit beeindruckenden Illustrationen versehenen Kinderbüchern über die Urzeitechsen, um zugleich meine Faszination zu wecken und meine Wissbegierde zu befriedigen. {Ein Jammer, dass keines davon sich heute noch in meinem Besitz befindet.} Nicht zu vergessen natürlich die zahllosen Gummi-Dinos, die zeitweilig mein Zimmer bevölkerten und über deren vielgestaltiger Horde {wie es sich gehört} ein Tyrannosaurus Rex sein mächtiges Haupt in die Höhe reckte. 
Wo die Wurzeln für meine frühe Dinoliebe zu suchen sind, ist für mich heute nur noch schwer auszumachen. Der berühmte Paläontologe Stephen Jay Gould hat in einem seiner Essays einmal die Erklärung zitiert, die ihm ein befreundeter Psychologe für die Faszination gegeben hat, welche die Urzeitungeheuer auf Kinder ausüben:  "Sie sind groß, wild und ausgestorben – oder mit anderen Worten aufregend gefährlich, aber in sicherer Entfernung."* Das klingt zwar einleuchtend, aber ich glaube nicht, dass ich als Kind wirklich so empfunden habe. Vielmehr denke ich, einer der Gründe für meine ganz persönliche Dinomanie bestand darin, dass Drachen bereits zuvor meine absoluten Favoriten unter der phantastischen Fauna gewesen waren. Und was sind Dinosaurier für ein Kind anderes als echte Drachen? Okay, sie speien kein Feuer, aber davon einmal abgesehen? Hinzu kam der wenn man so will "wissenschaftliche" Reiz des Ganzen. Nicht nur, dass es diese gewaltigen Tiere wirklich einmal gegeben hatte, und man im Frankfurter Senckenbergmuseum ihre ehrfurchtgebietenden Skelette bestaunen konnte. Sich mit ihnen zu beschäftigen, beinhaltete außerdem das Vergnügen, unzählige exotische Namen auswendig zu lernen und Daten über geologische Weltzeitalter und ähnliches zu büffeln.
Als Helden von Kinoleinwand und Fernsehschirm machten sich die Riesenechsen zu jener Zeit allerdings noch eher rar. So zumindest mein Eindruck im Rückblick. Von den Abenteuern der Familie Feuerstein einmal abgesehen, kann ich mich eigentlich nur an die Dimetrodons aus Henry Levins Verfilmung von Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde erinnern – und bei denen handelte es sich ganz offensichtlich um irgendwelche Leguane, denen man einen Gummikamm auf den Rücken geklebt hatte. Selbst als kleiner Junge fand ich das glaube ich nicht wirklich beeindruckend. Die phantastischen Filme meiner Kindheit, das waren neben tschechoslowakischen und ostdeutschen Märchenfilmen vor allem Der Dieb von Bagdad mit Sabu, Ray Harryhausen - Streifen wie Jason und die Argonauten oder Kampf der Titanen, Disneys 20.000 Meilen unter dem Meer, Joe Dantes Gremlins und die Star Wars - Trilogie. {Dass es da auch Wolfgang Petersens Unendliche Geschichte gegeben hat, versuche ich lieber zu verdrängen}. In keinem von ihnen hatten Dinos im engeren Sinne einen Auftritt.

Tatsächlich aber verfügen die Saurier im Kino über eine lange und ehrwürdige Geschichte. Der große Stop-Motion-Meister Willis O' Brien begann seine Kinokarriere 1917 mit dem putzigen Kurzfilm The Dinosaur and the Missing Link:


Acht Jahre später folgte der erste echte Klassiker des Dino-Kinos: Harry Hoyts Adaption von Arthur Conan Doyles The Lost World. O' Briens Kreationen wirken auch heute noch äußerst beeindruckend:


Noch berühmter freilich ist er für seine Arbeit an Merian C. Coopers & Ernest B. Schoedsacks King Kong (1933) geworden.


Verkörpern Willis O' Brien und sein Protegé Ray Harryhausen die edle Tradition der Stop-Motion-Animation, so zeigten in den 70er Jahren Filme wie The Land That Time Forgot und The People That Time Forgot, dass man unsere Freunde aus der Urzeit auch mit Hilfe von Puppen auf recht eindrucksvolle Weise wieder zum Leben erwecken konnte:



Eigentümlich, dass ich in meiner Kindheit scheinbar nie Gelegenheit hatte, mit diesen Edgar Rice Burroughs - Flicks Bekanntschaft zu schließen. Ich glaube, meine Begeisterung hätte keine Grenzen gekannt.

Mir ist natürlich bewusst, dass Vertreter einer etwas jüngeren Generation beim Anblick dieser Gummi-Dinos vielleicht eher in Gelächter ausbrechen werden. Und auch wenn ich das zwar etwas unfair fände, könnte ich es doch bis zu einem gewissen Grad verstehen.  Schließlich werden wir dieses Jahr bereits zum zwanzigsten Mal der Premiere jenes Filmes gedenken können, mit dem die CGI-Technik ihren Triumphzug durch die cineastischen Welten begann. Und wieder waren es Dinosaurier, an denen diese damals brandneue Form der Kinozauberei zum ersten Mal in großem Maßstab vorgeführt wurde:


Als Lee und Darren vom BlackDog Podcast verkündeten, sie würden diese Woche Jurassic Park aufs Tapet bringen, dachte ich mir, dies wäre der geeignete Anlass, um meinen alten Videorecorder wieder einmal abzustauben und die VHS-Kassette mit Steven Spielbergs Dino-Flick hervorzukramen.
Als der Film 1993 in die Kinos kam, befand sich meine persönliche Beziehung zur Phantastik gerade auf einem historischen Tiefstand. Anderes beherrschte mein Denken, und so gab es keinen Grund für mich, die Morgendämmerung des modernen Dinosaurierfilms in einem Kinosaal live mitzuerleben. Erst einige Jahre später und via Fernsehen schloss ich Bekanntschaft  mit dem Streifen. Meine erneute Begegnung mit ihm hat nichts Grundsätzliches an meiner damaligen Reaktion verändern können. Für mich zerfällt Jurassic Park in zwei völlig verschiedene Teile: Die Saurier und den Rest.
CGI-Kreaturen sind für uns heute täglich Brot, und die Technik hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewaltige Fortschritte gemacht. Dennoch finde ich T-Rex, die Raptoren und die meisten der übrigen Dinos immer noch ziemlich beeindruckend. Regelmäßigere Leser & Leserinnen meines Blogs werden inzwischen daran gewöhnt sein, dass ich bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit ein Loblied auf die alten Tricktechniken à la Stop Motion oder Animatronics anstimme, weil diese weniger der Erschaffung einer pseudonaturalistischen Illusion dienten als vielmehr einen Ansatzpunkt für die Imagination der Zuschauer liefern sollten.  Im Falle der Saurier von Jurassic Park sehe ich das allerdings etwas anders, ohne dass deshalb meine Liebe und Bewunderung für die Werke von Willis O' Brien, Ray Harryhausen oder Roger Dicken auch nur um einen Deut nachlassen würde. Der Grund dafür ist recht einfach. Würde morgen ein Zoo mit echten Dinosauriern seine Tore öffnen, ich stände heute schon Schlange, um eine der ersten Eintrittskarten zu ergattern. Leider jedoch wird es einen solchen Urzeit-Tierpark wohl nie geben. Und so betrachte ich Filme wie Jurassic Park als eine Art Ersatz. Eine möglichst realistische Illusion ist dabei logischerweise genau das, was ich mir wünsche. Geht es doch um reale Tiere, die ich zu gerne einmal wirklich sehen würde, die jedoch dummerweise bereits vor etlichen Millionen Jahren ausgestorben sind.
Doch bedauerlicherweise besteht Spielbergs Film nicht nur aus Dinosauriern. Und damit beginnt das Dilemma. Es fällt mir einfach äußerst schwer, darüber hinwegzusehen, wie banal und konformistisch die Story von Jurassic Park ist. Alles läuft auf die alte antihumanistische und antiwissenschaftliche Botschaft hinaus: Mensch, versuche nicht, Gott zu spielen! Akzeptiere die Grenzen, die der HErr dir gesetzt hat! Denn wisse: Hochmut kommt vor dem Fall! – Dasselbe hat uns Hollywood schon über ein halbes Jahrhunert früher, verpackt in eine sehr viel interessantere Geschichte, zu vermitteln versucht: Man braucht sich bloß die alten Universal-Frankensteins mit Boris Karloff anzuschauen. Und das waren echte Klassiker! In Jurassic Park hingegen bekommen wir denselben Sermon in Form einer Story vorgesetzt, bei der sich Spielberg von seiner übelsten Seite zeigt – sentimental und spießig bis zum geht nicht mehr. Während die Saurier über die Leinwand flitzen, versucht er uns einmal mehr einzubläuen, dass die Wiederherstellung der traditionellen Familie die Rückkehr in eine heile Welt bedeute, und am Ende entfliehen Grant und Sattler der Dino-Insel mit direktem Kurs auf den glücklichen Hafen der Ehe, während Lex und Tim bereits die netten Kinderchen spielen. Dass Jeff Golblum als Ian Malcolm einen besonders nervigen und unsympathischen Eindruck hinterlässt, ist allerdings völlig okay: David Koepps Drehbuch hat den "Chaostheoretiker" (wenn auch wohl kaum mit Absicht) ohnehin bereits zu einem eingebildeten Arschloch gemacht. So gesehen ist Goldblum genau der richtige Darsteller.

In meiner ganz persönlichen Parallelwelt hätte sich Spielberg Anfang der 90er ja nicht an die Verfilmung eines Bestsellers von Michael Crichton gemacht,  sondern an eine Neuadaption von Conan Doyles Lost World. Statt als Statisten in einer reichlich dümmlichen Parabel auf die Gefahren der Gentechnik, hätten wir die Dinosaurier dann in dem ihnen gemäßen Umfeld erleben dürfen. Als Teil einer exotischen Welt, in die unerschrockene Forscher {und Forscherinnen; in dieser Hinsicht wäre eine Modernisierung sehr erwünscht gewesen} vorstoßen. Irgendeine tiefere Bedeutung hätte dieser Film gar nicht haben müssen. Eine Verschmelzung der neuen Tricktechnik mit dem Geist der alten Abenteuerstreifen hätte mir vollkommen gelangt. Stattdessen wurde Jurassic Park zum ersten Teil in einer Reihe fürchterlich langweiliger Dino-Streifen und zur Inspiration für solche Grauslichkeiten wie Roland Emmerichs Godzilla-Vergewaltigung. Die Welt ist böse!


* Stephen Jay Gould: Dinomanie. In: Ders.: Ein Dinosaurier im Heuhaufen. Streifzüge durch die Naturgeschichte. S. 289.

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