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Donnerstag, 28. Februar 2013

Der VFX-Oscar und die Krise des amerikanischen Films

Wenn die Oscar-Verleihung durch den Kotau der versammelten Hollywood-Elite vor der Obama-Administration und den US-Streitkräften & -Geheimdiensten eine Art politischen Offenbarungseid darstellte, und  die geschmacklosen Witzeleien von Gastgeber Seth MacFarland zugleich einen unappetitlichen Einblick in den moralischen und intellektuellen Zustand des "offiziellen" Amerika eröffneten, ließen sich die Ereignisse rund um den VFX-Oscar u.a. als ein unbeabsichtigtes Eingeständnis der tiefen künstlerischen Krise interpretieren, in der nicht nur der amerikanische Film schon seit längerem steckt.
Das mag etwas weit hergeholt klingen, denn offensichtlich geht es bei dem Ganzen doch in erster Linie um Profit. In ihrer Jagd nach dem Geld zwingen die großen Studios den Angestellten in der VFX-Branche immer unerträglichere Arbeitsbedingungen auf. Wie es Ryan P. Wilson von Authority FX kürzlich beschrieben hat:
I’ve had artists tell me horror stories about being required to work upwards of 35 hours straight, or having to work 100 hours per week.  Overtime is seldom paid, and weekends are often spent in the studio staring into a monitor.  Make no mistake, this is not a choice.  The only choice is whether or not to continue in visual effects.  The minute you stand up and say you’ve had enough, you’ll be let go and replaced with fresh meat.  The sad fact is that many artists are under short term contract and have no access to benefits or health care.  Most artists are just another contract employee on the ‘studio tour’.
Offenbar ist es in der Branche nicht unüblich, Studenten & Studentinnen umsonst arbeiten zu lassen. In einigen Fällen müssen diese sogar dafür bezahlen, dass sie an einem begehrten Projekt mitarbeiten "dürfen".
Die großen Studios sind kapitalistische Unternehmen und sie verhalten sich folgerichtig auch ganz genauso wie alle anderen kapitalistischen Unternehmen. Was keine Entschuldigung ist. Das wirklich erstaunliche an den Ereignissen des Oscar-Abends war jedoch die tiefe Verachtung, mit der Hollywoods künstlerisches Establishment den VFX-Angestellten begegnete. Während ungefähr vierhundert von diesen einen Protest vor dem Gebäude veranstalteten, verwandelten Seth MacFarland und die Avengers-Darsteller die Verleihung des VFX-Oscars an das Team von Life of Pi in eine herablassende Farce. Diesem traurigen Schauspiel folgte das brutale Abwürgen von Bill Westenhofer, als dieser die prekäre Lage in der Industrie anzusprechen versuchte. Ang Lees Dankesrede, in der dieser so ziemlich jeden erwähnte, der an der Produktion von Life of Pi beteiligt war, die VFX-Leute jedoch mit Schweigen überging, verstärkte noch den unangenehmen Eindruck.
Was an all dem besonders bizarr erscheint, ist, dass von allen, die künstlerisch an der Herstellung von Filmen beteiligt sind, die VFX-Leute diejenigen sind, die die geringste Verantwortung für die herrschende Krise in Hollywood tragen. Sie sind nicht schuld daran, dass immer mehr Regisseure Visual Effects dazu verwenden, über die inhaltliche Armut ihrer Projekte oder ihr eigenes künstlerisches Unvermögen hinwegzutäuschen. Sie besitzen so gut wie keine Kontrolle darüber, wozu ihre Arbeiten verwendet werden, doch die ihnen gestellten Aufgaben bewältigen sie oft auf geradezu spektakuläre Weise. Der Bereich, in dem sie tätig sind, ist der einzige, der sich nicht schon seit Jahrzehnten durch Stagnation oder Verfall auszeichnet. Wenn es etwas am amerikanischen Film der letzten zwanzig Jahre zu bewundern gibt, so sind es die Produkte ihrer Arbeit und ihres kollektiven Talents.
Wenn ich die Ereignisse von letztem Sonntag vor diesem Hintergrund betrachte, drängt sich mir der Verdacht auf, als schwinge in dem herablassenden Verhalten der "großen" Künstler & Künstlerinnen das unausgesprochene Eingeständnis ihrer eigenen Mittelmäßigkeit mit. Möglicherweise spüren auch sie, dass viele der großen Hollywood-Produktionen, denen sie ihren Status und ihren Ruhm verdanken, in erster Linie von den Visual Effects leben. Sich dies offen einzugestehen, würde jedoch unangenehme Fragen aufwerfen. Man könnte nicht mehr so weiter machen wie bisher, sondern müsste damit beginnen, nach einem Ausweg aus der Krise zu suchen. Und wie auch immer dieser aussehen mag, er würde den Ausbruch aus dem angenehmen Kokon von Selbstverliebtheit, Starkult, Konformismus und Luxus bedeuten, in den sich ein Großteil von Hollywood in den letzten Jahrzehnten eingesponnen hat.
Mit anderen Worten: Die großen Leistungen der VFX-Künstlerinnen und -Künstler wirken wie eine beständige Anklage gegen die intellektuelle und ästhetische Dürftigkeit des Rests der Filmindustrie. Auch wenn ich nicht glaube, dass es sich dabei um eine bewusste Reaktion handelt, erscheint mir der Hochmut von Ang Lee und Konsorten doch wie das Produkt eines Minderwertigkeitskomplexes. Jedenfalls gäbe es dafür mehr als genug Gründe. 

 
PS: Wer sich für die in Reaktion auf die allgemeine Lage in der Industrie und das Oscar-Geschehen im besonderen gestartete Kampagne VFX Solidarity International interessiert, schaue einmal auf deren Facebook-Seite vorbei.

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