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Dienstag, 13. November 2012

Der Anfang vor dem Anfang

Wirft man einen Blick zurück auf die Zeit des klassischen Brit-Horrors, so ist es ein Name, der alle anderen zu überstrahlen scheint: Hammer Film Productions mit seinen Stars Christopher Lee, Peter Cushing, Ingrid Pitt etc. Doch für wenigstens zehn Jahre – von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre – hatte Hammer in Gestalt von Amicus Productions einen ernstzunehmenden Konkurrenten im Feld des phantastischen Films. Die Produktionsfirma von Milton Subotsky und Max Rosenberg erlangte ihre Berühmtheit vor allem durch eine Reihe sog. Portmanteau (d.h. Episoden) - Horror - Flicks, von denen ich Dr. Terror's House of Horrors (1964), The House That Dripped Blood (1970), Vault of Horror (1973) und From Beyond the Grave (1974) hier bereits vor einiger Zeit besprochen habe. Daneben zeichnete sie u.a. verantwortlich für die beiden Doctor Who - Kinofilme Dr. Who and the Daleks (1965) und Daleks – Invasion Earth 2150 A.D. (1966) und versuchte sich gegen Ende ihrer Existenz mit At the Earth's Core (1976) und The People That Time Forgot (1977) auch an Edgar Rice Burroughs. Außerdem – man höre und staune! – produzierte sie 1968 eine Filmversion von Harold Pinters Theaterstück The Birthday Party, wobei William Friedkin die Regie führte – der Mann, der mit The Exorcist 1973 das Ende der Ära des klassischen Horrofilms einleiten würde. Kurios ...
Der erste Film, den Amicus 1962 in die Kinos brachte, war Richard Lesters Musical It's Trad, Dad! (in den USA als Ring-A-Ding Rhythm bekannt). Ein etwas ungewöhnlicher Anfang für ein Unternehmen, das vor allem durch seine Rolle im phantastischen Film bekannt geworden ist, könnte man meinen. Tatsächlich aber hatten Subotsky & Rosenberg ihre Zusammenarbeit bereits zwei Jahre zuvor unter dem Firmenschild von Vulcan Productions mit einem Film begonnen, der einen würdigen und angemessenen Startpunkt für Amicus darstellt: John Llewellyn Moxeys The City of the Dead (aka Horror Hotel). 


Anders als einem die Lovecraft eZine in Aussicht stellt, hat der Streifen nichts mit dem Werk und der Welt des Gentlemans von Providence zu tun. Der Schauplatz Neuengland allein macht ja noch keinen cthulhuoiden Horror. Was aber keineswegs bedeutet, dass es sich bei ihm nicht um ein sehenswertes kleines Filmchen (Laufzeit: 76 min.) handeln würde, das vor allem durch Atmosphäre und das diabolische Spiel von Christopher Lee und Valentine Dyall* zu bestechen vermag.

Die Eröffnungsszene, in der wir die Hinrichtung der Hexe Elizabeth Selwyn (Patricia Jessel) im Massachusetts von 1692 miterleben, ist verschiedentlich mit der Startsequenz von Mario Bavas zwei Jahre zuvor in die Kinos gekommenem offiziellem Debütfilm La maschera del demonio (Black Sunday)** verglichen worden. Die Parallelen sind zweifellos vorhanden, aber da Ähnlichkeiten im weiteren Verlauf nur mit der Lupe zu entdecken sind, schiene es mir doch arg übertrieben, wollte man hier von einem Plagiat sprechen. In der US-amerikanischen Version dieser Szene fielen übrigens einige Anrufungen Luzifers dem Zensor zum Opfer. Fürchteten die Hüter der christlichen Moral tatsächlich, dass man durch einen Horrorflick zum Satanisten werden könnte? Zum Verständnis des Plots war dieser Eingriff jedenfalls nicht förderlich, wird hier doch das Thema des Filmes eingeführt: "I have made my pact with thee O Lucifer! Hear me, hear me! I will do thy bidding for all eternity. For all eternity shall I practice the ritual of Black Mass. For all eternity shall I sacrifice unto thee. I give thee my soul, take me into thy service."
Als nächstes erfahren wir, dass man als aufgeweckte Studentin Obacht walten lassen sollte, wenn man von einem Geschichtsprofessor, der aussieht wie Christopher Lee, in ein gottver-lassenes Nest in Neuengland geschickt wird, um dort Nachforschungen über die Historie des Hexenkultes zu betreiben. Die gute Nan Barlow (Venetia Stevenson) lernt diese Lektion leider etwas zu spät. Der Empfehlung ihres Dozenten Alan Driscoll (Lee) folgend, fährt sie nach Whitepool. Schon bevor sie den Ort erreicht hat, begegnet ihr Unheimliches in Gestalt eines mysteriösen Anhalters (Valentine Dyall), der sich in Luft aufzulösen scheint, als Nan schließlich vor dem Raven's Inn hält. Das Dorf selbst entpuppt sich als eine Art nebelverhangenes Brigadoon des Bösen, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, der blinde Pastor etwas wirr anmutende Warnungen vor den Mächten des Teufels von sich gibt und die Wirtin des Gasthauses eine frappierende Ähnlichkeit mit Elizabeth Selwyn aufweist. Einzig die freundliche und hilfsbereite Enkelin des Pastors Patricia (Betta St. John) will nicht so recht in diese Umgebung passen. Aber auch sie kann nicht verhindern, dass Nan an Candlemass Eve unter dem Opfermesser des Hexenzirkels endet.
Das war jetzt ein fetter Spoiler, doch ohne diesen wäre es nicht gut möglich, über City of the Dead zu schreiben. Denn gerade diese abrupte Wendung, die anfängliche Protagonistin mitten im Film sterben zu lassen und den Fokus auf andere Personen zu verlegen, war zur Zeit seines Entstehens vermutlich eine der außergewöhnlichsten Eigenschaften des Filmes. Den gleichen Kunstgriff wandte Alfred Hitchcock im selben Jahr bei Psycho an, weshalb ein Vergleich zwischen den beiden sich natürlich geradezu aufdrängt. Doch alle weitergehenden Parallelen, die manche dabei zu entdecken glauben, sind gänzlich oberflächlichen Charakters. Auch sollte man unumwunden erklären, dass City of the Dead durch einen Vergleich mit Psycho nur verlieren kann. Zwar würde ich letzteren nicht zu Hitchcocks echten Meisterwerken zählen, aber er enthält doch sehr viel mehr als bloß eine gruselige Mordgeschichte.
Worin sich die beiden Filme allerdings tatsächlich ähneln ist, dass sie beide nach dem überraschenden Tod ihrer ersten Protagonistin merklich abbauen. Verständlicherweise beunruhigt über Nans mysteriöses Verschwinden, machen sich ihr Bruder Richard (Dennis Lotis) und ihr Freund Bill (Tom Naylor) daran, dem Geheimnis von Whitepool auf den Grund zu gehen, um schließlich mit Patricias Unterstützung den Kampf gegen das Böse aufzunehmen. Auch wenn uns dieser zweite Teil von City of the Dead mit einigen längeren Christopher Lee - Szenen beglückt, leidet er doch stark unter einem etwas überhasteten Pacing. Die übliche Spielzeit von anderthalb Stunden hätte dem Film sicher gut getan. So fehlt die Zeit, um eine emotionale Beziehung zu Richard aufzubauen, wobei es auch nicht gerade hilfreich ist, dass die beiden männlichen Helden im Gegensatz zu der sympathisch selbstständigen Nan als ziemlich eingebildete, nicht eben liebenswerte Typen rüberkommen. Und dass zur Erfüllung der Konvention dann auch noch so etwas wie der Beginn einer Liebesbeziehung zwischen Patricia und Richard/Dick angedeutet werden muss, wirkt beinahe lächerlich, haben die beiden doch gerade mal ein paar Minuten miteinander verbracht. Aber Logik und Glaubwürdigkeit sind ohnehin nicht unbedingt die Stärken von City of the Dead. Schließlich sollen wir auch glauben, dass der Hexenzirkel seit bald zwei Jahrhunderten alljährlich zwei Mädchen geopfert hat, ohne dass dies bisher irgendjemandem aufgefallen wäre.
Das Finale auf dem Friedhof ist dann allerdings wieder wirklich fantastisch und zeigt noch einmal all das, womit dieser Film zu brillieren vermag: Wunderbar diabolische Bösewichter; Desmond Dickinsons tolle Cinematographie (man achte vor allem auf das Spiel mit Silhouetten); und die spukig-stimmungsvolle, nebeldurchwallte Atmosphäre.

Vergleicht man City of the Dead mit den Horrorflicks aus Amicus' "klassischer" Periode, so fällt vor allem auf, dass das Grauen hier noch sehr viel "gotischer" daherkommt. Anders als die meist in historischem Ambiente spielenden  Hammer- Produktionen, sind die meisten Filme aus der Werkstatt von Subotsky & Rosenberg nämlich im Hier und Heute angesiedelt, was nicht nur half, das Budget niedrigzuhalten, sondern auch ganz entscheidend zum individuellen Charakter des Brit-Horrors à la Amicus beitrug. Davon lässt sich in diesem inoffiziellen Erstwerk noch nicht viel entdecken. Die Geschichte mag zwar in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts spielen, aber Whitepool könnte ebensogut ein viktorianisches Dorf sein. Lediglich der Soundtrack erscheint im Rückblick wie eine subtile Andeutung der Richtung, in die Amicus den Horrorfilm einmal bewegen würde, besteht er doch aus einer eigenwilligen Mischung von zeitgenössischem Jazz und "gotischen" Schauerchören.


* Der drei Jahre später auch in Robert Wise' berühmtem Horrorfilm The Haunting mitwirken würde.
** In Deutschland unter dem absurden Titel Die Stunde, wenn Dracula kommt vermarktet. Ist eigentlich irgendwer schon mal auf die Idee gekommen, eine ausführlichere Studie über die unzähligen Verbrechen der deutschen Titelschöpfer und Synchronisations-Autoren zu verfassen? Da gäbe es wirklich reichhaltiges Material ...

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