"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 24. Juni 2017

Strandgut der Woche

Mittwoch, 21. Juni 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E12: "Deliverance"

Es hat zwar sehr viel länger gedauert, als ursprünglich beabsichtigt, aber wir nähern uns dem Ende der ersten Staffel von Blake's 7. Wie eigentlich abzusehen war, habe ich es natürlich nicht geschafft, wöchentlich einen Beitrag für den Rewatch zu schreiben, aber ich bin schon ziemlich stolz darauf, dass es mir überhaupt gelungen ist, das Projekt bis hierhin durchzuziehen.Und ich hoffe doch sehr, dass auch ein paar meiner Leserinnen und Leser ein bisschen Spaß mit unser bisherigen Reise hatten.

Die letzten beiden Episoden Deliverance und Orac sind insofern recht interessant, als sie eine Art Zweiteiler bilden, und doch kein "echter" Zweiteiler sind, und auf einer Art Cliffhanger enden, der doch kein "echter" Cliffhanger ist.

Was ich damit meine?
Ziehen wir zum Vergleich den wohl berühmtesten Zweiteiler in der Geschichte der TV - Science Fiction heran: TNG's The Best of Both Worlds (1990). Die Geschichte vom Angriff der Borg auf die Föderation und Picards Assimilation in das Kollektiv wurde zwar nicht in einem Stück geschrieben, und der erste Teil – der das furiose Finale der dritten Staffel von Star Trek - The Next Generation bildete – endet auf einem wahrlich grandiosen Cliffhanger – Will Rikers "Mr. Worf ... Fire!" –, dennoch stellt The Best of Both Worlds eine organische Einheit dar. Alles, was im ersten Teil geschieht, besitzt Bedeutung auch für den zweiten Teil. Die episodische Struktur ist beinah vollständig überwunden.
Völlig anders im Falle von Deliverance und Orac. Die erste Episode legt zwar die Grundlage für ihre Nachfolgerin, bildet jedoch eine distinkte Einheit. Ein Gutteil ihrer Sendezeit wird von einer Geschichte in Anspruch genommen, die nichts mit dem die beiden Folgen verbindenen Thema zu tun hat, und die mit dem Ende von Deliverance zum Abschluss gebracht wird.

Der geniale Computertechniker Ensor hat sich vor Jahrzehnten dem Zugriff der Föderation entzogen. Gerüchten zufolge ist es ihm in der Zwischenzeit gelungen, ein Elektronengehirn von nie gekannter Kapazität zu erschaffen, dem er den Namen "Orac" verliehen hat. Doch unglücklicherweise hat der Wissenschaftler, kurz bevor er sich aus dem Staub machte, einen schweren Herzinfarkt erlitten, und besitzt seitdem ein künstliches Herz. Nun, da die Energiezellen, die den Apparat betreiben, schlappzumachen beginnen, sieht er sich gezwungen, doch wieder Kontakt mit der Föderation aufzunehmen. Als Unterhändler schickt er seinen Sohn (Tony Caunter) zu deren militärischem Hauptquartier. Hinter dem Rücken der politischen Führung schließt Servalan einen Handel mit ihm ab: Ensor Jr. kehrt mit den Energiezellen und einem Militärarzt zu seinem Vater zurück, und im Gegenzug wird dieser Orac für eine astronomisch hohe Summe an die Oberste Befehlshaberin verkaufen. Freilich hat Servalan nicht vor, tatsächlich zu zahlen. Sie sorgt dafür, dass Ensors Sohn und sein Begleiter auf ihrem Rückflug einen kleinen Unfall haben, und plant, danach ganz einfach zusammen mit Commander Travis den Supercomputer einzusammeln, nun da sie das Versteck des todkranken Erfinders kennt.
Doch der Zufall will es, dass die Liberator -Crew den "Unfall" beobachtet und sich auf die Suche nach den beiden Rettungskapseln begibt, die auf der Oberfläche des radioaktiv versuchten Planeten Cephlon eingeschlagen sind. Wieder einmal handelt es sich um die einstige Heimatwelt einer hochentwickelten Zivilisation, die sich durch einen Atomkrieg selbst den Garaus gemacht hat.  Doch anders als in Duel erwarten Avon, Jenna, Vila und Gan hier keine surrealen Szenarien, sondern degenerierte Pseudo-Neandertaler und eine geheimnisvolle Tür in einer Felswand. Es gelingt ihnen, die Kapseln zu bergen. Der Militärarzt ist tot, der schwerverletzte Ensor Jr. wird auf die Liberator gebracht. Doch unglücklicherweise ist Jenna in die Hände der wilden "Scavengers" gefallen, so dass das Landeteam noch einmal auf den kontaminierten Planeten zurückkehren muss, wo es schon bald selbst von den mutierten Höhlenmenschen überwältigt zu werden droht. Rettung naht, als sich plötzlich die mysteriöse Tür öffnet und den Zugang zu einer uralten Raketenkontrollstation freigibt. Hier werden unsere Helden von Meegat (Suzan Farmer) willkommen geheißen, die in Avon den prophezeiten Messias ihres untergegangenen Volkes zu erkennen glaubt, der von den Sternen gekommen ist, um "Erlösung/Errettung" ("Deliverance") zu bringen. Das kuriose Missverständnis gibt Anlass für ein paar ironische Kommentare Vilas ("Counting yourself, that makes two people who think you're wonderful"), doch obwohl Bescheidenheit ja nicht eben zu Avons Charaktereigenschaften gehört, scheint dieser weniger daran interessiert, seine neugefundene messianische Würde zu genießen, als vielmehr, das Geheimnis um die Prophezeiung zu lüften. Wie sich schnell herausstellt, handelt es sich bei "Deliverance" um eine Trägerrakete, mit der die einstigen Bewohner Cephlons ihr genetisches Erbgut auf eine andere Welt befördern und vor dem nuklearen Holocaust retten wollten. Unglücklicherweise gelang es ihnen nicht mehr, sie zu starten, und so blieb ihre einzige Hoffnung, dass irgendwann Besucher von den Sternen kommen und ihr Werk vollenden würden.
Am Ende der Episode ist Jenna befreit, Avon hat seine messianische Erlösungstat vollbracht, Ensor Jr. ist gestorben, nachdem er in Angst um seinen Vater versucht hat, die Liberator zu entführen, und Blake & Co befinden sich auf dem Flug zur Heimat des genialen Computerwisenschaftlers, um zu verhindern, dass Orac in die Hände von Servalan und Travis fällt, die sich gleichfalls dorthin aufgemacht haben.

Man könnte meinen, Deliverance habe ein ähnliches Problem wie Bounty – die Episode bestehe aus zwei Geschichten, die sich nicht wirklich zu einem befriedigenden Ganzen zusammenfügen. Doch ich denke, in diesem Fall sieht die Situation etwas anders aus.
Thematisch hat die Story um die alte Prophezeiung zwar nichts mit der übergeordneten Handlung zu tun, doch ist sie zumindest einigermaßen organisch in sie eingefügt: Der Versuch, Ensor Jr. zu retten, führt Avon und seine Gefährten auf den Planeten, und die Verzweiflungstat desselben Mannes lässt sie dort für eine gewisse Zeit gestrandet zurück.
Ich will nicht behaupten, die Geschichte selbst sei sonderlich originell,. aber für mich besitzt sie doch ihren Charme. Es ist amüsant, mitzuerleben, wie ausgerechnet der arrogante Avon zu einer gottgleichen Erlösergestalt verklärt wird, und der Start der "Deliverance" ist einer jener grandiosen Low Budget - Momente, die mir jedesmal das Herz aufgehen lassen. Selbstverständlich verfügte Blake's 7 nicht über das Budget, einen Raketenstart darzustellen, also griff man auf Stock Footage - Material zurück, da man dem Publikum zumindest irgendetwas zeigen wollte. Doch während die Rakete zuvor in einem unterirdischen Hangar untergebracht war, sehen wir sie eindeutig von der Oberfläche aus abheben!
Neben diesen neckischen Momenten, führt uns der B-Plot, wenn wir ihn so nennen wollen, außerdem zu diesem wunderschönen finalen Wortwechsel zwischen Blake und Avon:  
Cally: Did she [Meegat] really think you were a god?
Avon: For a while.
Blake: How did it feel?
Avon: Don't you know?
Was den größeren Handlungsbogen um Ensor und seine Erfindung angeht, so legt Deliverance wirklich nicht mehr als die Basis für die nachfolgende Episode. Genaugenommen lässt uns die Folge sogar im Unklaren darüber, was genau "Orac" eigentlich  ist.
Dafür kommen wir erneut in den Genuss einer großartigen Konfrontation zwischen Servalan und Travis.
Dem Space Commander wurde am Ende von Project Avalon sein Kommando entzogen. Um dieses zurückzugewinnen und seine fanatische Jagd nach Blake fortsetzen zu können, zwingt er sich dazu, der Obersten Befehlshaberin etwas diplomatischer und unterwürfiger zu begegnen als zuvor. Servalan durchschaut selbstverständlich seine Motive, was sie ihm auch in gewohnt charmant lächelnder Weise unter die Nase reibt. Keine Frage, sie genießt es, Macht über andere Menschen auszuüben.
Ähnliches haben wir bereits zuvor gesehen, doch was die Szene vor allem auszeichnet, ist Travis' Reaktion auf Servalans offenherziges Eingeständnis, den Tod des Militärarztes Maryatt billigend in Kauf genommen zu haben, wenn sie dabei zugleich Ensor Jr. los wird. Zum leider letzten Mal erhalten wir die Gelegenheit, zu bewundern, wie subtil Stephen Greifs Porträt des Space Commanders ist. Ganz offensichtlich beunruhigt ihn die absolute Skrupellosigkeit seiner Vorgesetzten in diesem speziellen Fall. Dass Maryatt der Arzt war, der Travis'nach seiner  fatalen ersten Begegnung mit Blake das Leben rettete, spielt dabei sicher keine geringe Rolle, doch wenn er von ihm als "a good man" spricht, kommt dabei auch die Anerkennung zum Ausdruck, die der einäugige Offizier bisher stets allen kompetenten und disziplinierten Angehörigen des Militärs entgegengebracht hat. Servalan zeigt sich in dieser Szene als pure Egoistin, die nur an ihren persönlichen Vorteil denkt, Travis hingegen als jemand, der sich bei aller Brutalität doch ein gewisses Maß an Menschlichkeit bewahrt hat, wenn auch in einer reichlich pervertierten Form. Sein Verlangen nach Rache an Blake ist zwar stärker als alle seine Prinzipien, doch scheint er wenigstens noch irgendwelche zu besitzen.


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Samstag, 17. Juni 2017

Strandgut der Woche

Samstag, 10. Juni 2017

Strandgut der Woche

Donnerstag, 8. Juni 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E11: "Bounty"

Es gehört zu den oft belächelten Eigenheiten von Star Trek – The Original Series, dass die Enterprise in schöner Regelmäßigkeit auf Planeten stößt, deren Kultur bis ins Detail einer vergangenen Epoche der Erdgeschichte gleicht. Sei es das Chicago der 20er Jahre in A Piece of the Action, Nazideutschland in Patterns of Force, die nordamerikanischen Indianer in The Paradise Syndrome oder der Wilde Westen in Spectre of the Gun. Der Grund für diese bizarren Szenarien war selbstverständlich Kostenersparnis. Die entsprechenden Sets, Kostüme und Requisiten waren bereits vorhanden, und die Drehbuchschreiber mussten sich bloß noch eine mehr oder minder hanebüchene Erklärung dafür ausdenken, warum sich Kirk & Co plötzlich unter Chicagoer Gangstern oder Weltraum-Nazis wiederfinden.
Angesichts des winzigen Budgets von Blake's 7 verwundert es nicht, dass auch Terry Nation und Chris Boucher wenigstens einmal den alten Trek-Trick bemühten. Natürlich hatte man schon zuvor mehrfach irgendwelche ordinären britischen Fabrikanlagen als Kulisse verwendet, doch hatten diese Militärbasen der Föderation vorstellen sollen. In Bounty bekommen wir mit dem Waterloo Tower aus dem Quex Park in Kent erstmals ein Gebäude präsentiert, das auch in der Realität der Serie einem irdischen Bauwerk aus einer vergangenen Ära nachempfunden sein soll.

Nach einer vernichtenden Wahlniederlage hat Sarkoff (T.P. McKenna), Ex-Präsident des Planeten Lindor, der Politik den Rücken gekehrt und sich in ein selbstgewähltes Exil unter der "freundlichen Obhut" der Föderation zurückgezogen, wo er sich nun in Selbstmitleid und Misanthropie ergeht. Außerdem kann er dort ungestört seinem Hobby, der alten Erdkultur, frönen – was erklärt, warum seine Residenz wie der Waterloo Tower aussieht und er selbst von seiner die Rolle der Chauffeurin/Butlerin spielenden Tochter Tyce (Carinthia West) in einem alten Rolls Royce (?) durch die Gegend kutschiert wird.
Dieses trügerische und etwas traurige Idyll wird zerstört, als Blake und Cally aufkreuzen und Sarkoff davon zu überzeugen versuchen, dass er auf seine Heimatwelt zurückkehren müsse. Die Wahlen seien ein abgekartetes Spiel der Föderation gewesen, um den prinzipientreuen Präsidenten loszuwerden. Nun drohe Lindor in poltitischen Fraktionskämpfen zu versinken, die sich bis zum Bürgerkrieg steigern könnten, woraufhin die Föderation "friedenssichernde" Truppen auf den Planeten entsenden und ein Marionettenregime errichten werde.
Derweil unsere beiden Helden den halsstarrigen Sarkoff bearbeiten {wobei Blake wieder einmal ein mitunter etwas fragwürdiges Verhalten an den Tag legt}, folgt die im Orbit befindliche  Liberator dem Notruf eines mysteriösen Schiffes, was den Auftakt zur zweiten Geschichte bildet, die Bounty zu erzählen versucht.

Und damit wären wir auch schon bei einem der fundamentalen Probleme dieser Episode. Sie besteht aus zwei Stories, die in keiner erzählerisch sinnvollen Beziehung zueinander stehen und nur deshalb in einer Folge zusammengefügt wurden, weil Terry Nation einfach nicht wusste, wie anders er die fünfzig Minuten Sendezeit hätte füllen sollen. Und selbst dann noch war sein Script zu knapp, und Regisseur Pennant Roberts sah sich gezwungen, einige Szenen künstlich in die Länge zu ziehen.

Das traurige dabei ist, dass ich den Sarkoff-Teil von Bounty wirklich mag.
Die Szenen, in denen Cally und Blake durch den Quex Park schleichen, den Ex-Präsidenten in seinem Oldtimer durch die Gegend fahren sehen und schließlich in den Waterloo Tower einsteigen, besitzen einen bizarren Low Budget - Charme. Sarkoffs "Privatmuseum" mit seinem Grammophon, seinen aufgespießten Schmetterlingen und seinen {vorsorglich stets feuerberiten} "vorsintflutlichen" Pistolen ist gleichfalls ein hübsch absurdes Set.
Auch gelingt es T.P. McKenna und Carinthia West*, Sarkoff und Tyce zu sehr lebendigen und sympathischen Figuren zu machen: Er der von der Menschheit enttäuschte Idealist, der seinen Zynismus und sein Selbstmitleid in einen Gestus der Abgeklärtheit zu kleiden versucht. Sie die unerschütterlich loyale Anhängerin und Tochter, die dennoch sehr schnell die sich ihr bietende Gelegenheit ergreift, um ihren Vater aus seiner Lethargie herauszureißen, damit er endlich wieder zu der Persönlichkeit wird, die sie liebt und bewundert.
Hinzu kommt, dass das Vorgehen der Föderation auf Lindor an zahllose "Regime Change" - Operationen erinnert, wie sie bis heute zum gern benutzten Inventarium westlicher Großmachtpolitik gehören. Wie oft haben wir miterleben müssen, wie die USA oder andere Großmächte bewusst die Destabilisierung einer existierenden Regierung vorangetrieben haben, um dann die {meist katastrophalen} Folgen als Vorwand für eine "humanitäre Intervention" der einen oder anderen Art zu nutzen.

Tja, doch leider haben wir da noch die zweite Story.
Dabei ist diese für sich genommen gar nicht einmal so übel: Eine Gruppe von Weltraumpiraten {mit einer unglücklichen Vorliebe für pseudo-arabisch/mesopotamische Gewänder} hat die Liberator gekapert. Ihr Anführer Tarvin (Marc Zuber) ist ein alter Bekannter aus Jennas Vergangenheit. Die Ex-Schmugglerin wechselt scheinbar die Seiten, und schon bald finden sich Blake, Cally, Avon, Vila und Gan als Gefangene auf ihrem eigenen Schiff wieder. Doch während Tarvin bereits von dem fetten Kopfgeld träumt, das die Föderation ihm zahlen wird, arbeitet die Gang schon eifrig daran, die Liberator zurückzuerobern.
Dieser zweite Teil von Bounty enthält genug nette Momente: Einmal mehr werden wir Zeugen der Kompetenz von Jenna, Vila und Avon, während Gan erneut seine Neigung zu gewalttätigem Verhalten zeigt. Als Zuschauer werden wir zwar kaum an den "Verrat" Jennas glauben, doch es ist nett, einen kurzen Einblick in ihre Vergangenheit zu erhalten. Und dass die meisten ihrer Gefährten sie für fähig halten, ihre Freunde zu verkaufen, ist gleichfalls nicht uninteressant.
Leider jedoch wirken Sarkoff und Tyce wie absolute Fremdkörper in diesem Szenarium. Was sie ja auch sind. Es wird nicht einmal so recht klar, war Tarvin mit ihnen anzustellen gedenkt. Alle halbherzigen Versuche, die beiden dennoch in die Handlung einzuflechten, hinterlassen einen extrem gekünstelten Eindruck.

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* Nebenbei bemerkt scheint die Schauspielerin,  Journalistin & Fotographin Carinthia West eine faszinierende Persönlichkeit zu sein, wie z.B. ein Blick in diesen Artikel aus Vanity Fair zeigt

Samstag, 3. Juni 2017

Strandgut der Woche

Freitag, 2. Juni 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E10: "Breakdown"

Wie ich in meinem letzten Eintrag in unseren Blake's 7 - Rewatch beschrieben habe, besteht eines der größten Probleme der neunten Episode Project Avalon im ziemlich ungelenken Aufbau der Geschichte, die nur äußerst schwerfällig in Gang kommt, um dann völlig überhastet in einem äußerst unbefriedigenden Finale zum Abschluss gebracht zu werden. Im Gegensatz dazu ist die Konstruktion von Breakdown sehr gut gelungen. Terry Nation lässt keine Längen aufkommen und scheint genau zu wissen, wieviel Zeit er jedem Teil der Story zuzumessen hat, um einerseits das Pacing aufrechtzuerhalten und andererseits keine Wendung unterentwickelt erscheinen zu lassen. Darüberhinaus gibt er uns erneut einige interessante Einblicke in die Persönlichkeiten der Protagonisten und ihr Verhältnis zueinander. Auch legt Bordcomputer Zen erstmals ein beunruhigend eigenwilliges Verhalten an den Tag. 

Seit Time Squad die Idee eingeführt hatte, dass Gan ein Hirnimplantat besitz, das ihn davon abhält, zu töten, war es eigentlich bloß eine Frage der Zeit, bis es zu einer Fehlfunktion des Chips kommen würde. Als es schließlich soweit ist, verfällt der sanfte Riese in eine Art Berserkerrausch und versucht Jenna und Blake zu töten. Nur mit vereinten Kräften gelingt es seinen Kameraden, ihn zu überwältigen und auf der Krankenstation der Liberator mit unsichtbaren "Energiefesseln" auf dem Krankenbett festzuschnallen.
Es stellt sich schnell heraus, dass Gan in akuter Lebensgefahr schwebt und die dringend nötige Reperatur des Implantats nur von einem erfahrenen Gehirnchirurgen durchgeführt werden kann. Die Auswahl an erreichbaren bewohnten Sternensystemen ist nicht eben berauschend, doch Avon bring eine vielversprechend klingende Alternative ins Spiel: Die neutrale Forschungsstation XK-72. Wie Vila ganz richtig vermutet, hat sich der Computerspezialist die Station ursprünglich als möglichen Unterschlupf ausgeguckt, falls ihm ein weiteres Verbleiben auf der Liberator zu riskant erscheinen sollte.
Unglücklicherweise führt die direkte Route zu XK-72 durch eine Region des Weltraums, die von Zen als "verboten" eingestuft wird. Der Computer besitzt zwar keine genaueren Informationen über die dort lauernden Gefahren, weigert sich jedoch kategorisch, einen entsprechenden Kurs einzuschlagen. Als Jenna manuelle Kontrolle über die Liberator übernimmt, schaltet das Elektronenhirn sich einfach ab. Zu spät realisiert die Crew, dass Zen nicht nur die eigene Künstliche Intelligenz runtergefahren, sondern auch alle Hilfssysteme lahmgelegt hat. Ohne diese kann der kleinste Fehler dazu führen, dass die Liberator vollständig vom Kurs abkommt und ziellos durchs All irrt. Während Avon versucht, die Hilfssysteme wieder online zu bringen, befreit Cally dummerweise Gan von seinen Fesseln, da man in ihrer Kultur solche Maßnahmen für barbarisch hält. Während der geistig verwirrte Riese Amok laufend durch das Schiff rennt, gerät die Liberator in den Sog eines kosmischen "Vortex" {wohl so eine Art Wurmloch} ...
Mit viel Glück gelingt es unseren Helden zwar, der Katastrophe zu entrinnen und ihr Ziel zu erreichen, doch Avon hat endgültig genug von diesem Unsinn und beschließt, das Schiff baldmöglichst zu verlassen: "I'm finished. Staying with you [Blake] requires a degree of stupidity of which I no longer feel capable." Und so versucht er auf XK-72 sofort einen Deal mit dem Leiter der Station zu schließen: Asyl im Austausch für die Transportertechnologie der Liberator. Zusätzliche Bedingung: Der Rest der Gang muss ungefährdet abreisen dürfen.
Unglücklicherweise erweist sich der brillante Hirnchirurg Kayn (mit viel Verve von dem großen Julian Glover gespielt) als ein ebenso eitler wie faschistoider Schurke, der nicht zögert, das nächste Jagdgeschwader der Föderation zu alarmieren, nachdem ihm klargeworden ist, dass er es mit Blake & Genossen zu tun hat. Gegen den Protest seines Assistenten Renor (Christian Roberts) zögert er Gans Operation immer weiter hinaus, um den Jägern Zeit zu geben, die Station zu erreichen.

Die interessantesten Charaktereinsichten gewinnen wir über Avon und Blake.

Dass Avon zuallererst einmal an sich selbst denkt, hat sich nicht geändert. Dabei ist er durchaus bereit, hinter dem Rücken seiner Gefährten zu agieren. Zugleich jedoch wird immer deutllicher, dass ihm deren Wohlergehen nicht gleichgültig ist. Er ist sehr schnell bereit, einen seiner ausgespähten Zufluchtsorte zu opfern, wenn es um Gans Überleben geht. Auch gehört er zu den lautstärksten Befürwortern eines Flugs durch die "verbotene Zone", auch wenn sich das sehr schnell ändert, als er Probleme damit bekommt, die Computersysteme der Liberator neu zu starten. Er hat keinerlei Skrupel, die Transportertechnologie zu "stehlen", um zu einer Übereinkunft mit dem Leiter von XK-72 zu kommen, will aber doch sicherstellen, dass den übrigen Crewmitgliedern nichts zustößt. Als er von Kayns Verrat erfährt, weist er das nachwievor bestehende Angebot von Asyl ohne zu zögern zurück und macht sich auf, die anderen zu warnen.

Blake wiederum zeigt in Breakdown unverhüllter als je zuvor, wie brutal und kaltblütig er sein kann. Schon immer war ihm eine gewisse Neigung zu autoritärem Verhalten eigen, was sich in dieser Episode erneut recht deutlich zeigt. Zuerst wenn er Callys Einwände gegen das Fesseln von Gan brüsk beiseiteschiebt. Dann in seiner Reaktion auf Avons Erklärung, die Liberator verlassen zu wollen. Cally versucht die Situation mit ihm zu besprechen:
Cally: Why are you angry with Avon?
Blake: I'm not.
Cally: You sound as if you are.
Blake: He has a decision to make. If he wants to stay with us, it's got to be for his reasons.
Cally: You'll do nothing to persuade him?
Blake: Nothing at all.      
Man könnte das zweifellos so interpretieren, als zeige Blake hier seinen Respekt für Avons persönliche Entscheidungen. In meinen Augen jedoch sieht es eher so aus, als weigere er sich, irgendwelche Kompromisse zu machen. Wenn Avon auf der Liberator bleiben will, muss er sich einfügen. Blake ist nicht bereit, ihm auch nur einen Zentimenter entgegenzukommen.
Der zweite große Moment kommt gegen Ende der Episode. Vila realisiert als erster, dass Kayn ein falsches Spiel spielt. Der sonst so unsichere und ängstliche Dieb versucht den Chirurg daraufhin mit der Waffe in der Hand dazu zu zwingen, mit der Operation zu beginnen. Als Kayn ihn fragt, warum Blake nicht persönlich gekommen sei, um ihn zu bedrohen, antwortet Vila: "Blake doesn't know anything about it. I thought it was better that way. He's got a conscience. He might not be prepared to kill you." Als Blake kurz darauf dann doch auftaucht, widerlegt er Vilas Einschätzung auf äußerst eindringliche Weise. Sein Ultimatum an Kayn ist in gewisser Hinsicht sehr viel perfider und grausamer als Vilas. Und er trägt es mit eisiger Gelassenheit vor: Wenn der Arzt die Operation nicht in zwanzig Minuten abgeschlossen hat, wird Blake ihn nicht etwa töten, sondern seine Hände verkrüppeln! Mit anderen Worten, er droht, ihm das zu nehmen, was ihn "außergewöhnlich" macht, was die Basis sowohl seiner Karriere als auch seines aufgeblasenen Egos ist. Und nichts spricht dafür, dass Blake diese Drohung nicht wahrgemacht hätte, wenn Kayn halsstarrig geblieben wäre.

Der schwächste Teil der Episode ist ohne Frage das Ende. Kayns finale Verwandlung in einen astreinen Psychopathen wirkt reichlich unmotiviert, und dass keiner unserer Helden und Heldinnen auch nur einen Gedanken an die zahllosen Opfer der Zerstörung von XK-72 durch die Föderations-Jäger zu verschwenden scheint, ist doch etwas eigenartig.

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