"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 29. Januar 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E01: "The Way Back"

Es ist soweit, stürzen wir uns also ohne viel Vorgeplänkel in die phantastische Welt von Blake's 7. Was umso angemessener erscheint, da es die erste Episode im Grunde genauso hält.

Ohne irgendeinen einführenden Monolog oder ähnliches, welcher uns mit Setting und Hintergrund der Geschichte vertraut machen würde, startet die Handlung in medias res mit unserem Helden Roj Blake (Gareth Thomas), der ähnlich verwirrt zu sein scheint wie wir selbst, während er sich eher widerwillig von einer Freundin durch die von allgegenwärtigen Videokameras überwächten Korridore einer futuristischen Stadt führen lässt. Schließlich erreichen die beiden eines der elektronisch versiegelten Tore, die aus der Stadt hinausführen, wo sie von einem jungen Mann erwartet werden. Blake ist entsetzt, als ihm klar wird, dass er die Siedlung verlassen soll. Schließlich ist dies strengstens verboten. Doch die Aussicht, wichtige Neuigkeiten über seine Verwandten zu erhalten, die auf einer der "outer planets" leben, überzeugt ihn davon, das Risiko einzugehen. Seine Begleiter betonen zugleich, dass alles so arrangiert wurde, dass er selbst als Mitschuldiger erscheinen werde, falls er später dennoch eine Meldung bei den Autoritäten machen sollte.
Auch wenn wir den größeren Kontext noch nicht überschauen können, vermitteln uns bereits diese ersten paar Minuten einen recht guten Eindruck von der Welt, in der Blake's 7 spielt. Auf der einen Seite haben wir eine diktatorische Gesellschaft mit Anklängen an 1984 (allgemeine  Überwachung) und Brave New World (Blakes Freundin erwähnt, dass allen Bürgern & Bürgerinnen permanent irgendwelche Drogen verabreicht würden). Auf der anderen Seite eine Untergrundsbewegung, die realistisch genug ist, um in der Wahl ihrer Mittel nicht gar zu zimperlich zu sein. Wenn die drei schließlich die Stadt verlassen und wir den gewaltigen Kuppelbau hinter ihnen in der Nacht aufragen sehen, stellen sich außerdem gewisse Assoziationen zu Logan's Run ein. Offenbar leben die Menschen in riesigen Mega-Städten, gänzlich abgeschottet von der natürlichen Umwelt. Wenn Blake aufgefordert wird, frisches Wasser aus einem nahegelegenen Bach zu trinken, wirkt dies auf ihn extrem irritierend.
Schließlich erreichen die drei eine Art verlassenen Bunkerkomplex, in dessen Hallen sich eine Gruppe von Dissidenten zu einer ihrer regelmäßigen illegalen Zusammenkünfte unter der Leitung von Bran Foster (Robert Beathy) versammelt hat. Foster klärt Blake {und uns} über einen Teil der Hintergrundsgeschichte auf: Blake war einmal selbst ein führender Oppositioneller. Als sein Einfluss gefährliche Ausmaße zu erreichen begann, wurde er von der Regierung verhaftet, gefoltert und einer Gehirnwäsche unterzogen. Nachdem er seinen einstigen Idealen öffentlich abgeschworen und seine Loyalität zum Regime bekundet hatte, wurde auch diese Erinnerung aus seinem Gehirn gelöscht. Alle seine Verwandten seien nach ihrer Ankunft auf den "outer planets" umgehend hingerichtet worden.
Zwar gelangen einige von Blakes künstlich unterdrückten Erinnerungen – visualisiert in einer Reihe ziemlich eindringlicher Flashbacks – während des Gesprächs mit Foster wieder an die Oberfläche, dennoch weiß er nicht so recht, ob er der Story glauben und sich der Untergrundsbewegung erneut anschließen soll. Die Entscheidung wird ihm in gewisser Weise abgenommen, als ein Trupp militarisierter Polizisten, die von dem Verräter Dev Tarrant (Jeremy Vilkin) hierher gelotst wurden, in dem Bunker auftaucht und ein Massaker unter den Dissidenten veranstaltet. Blake überlebt als einziger und wird verhaftet.
Als nächstes bekommen wir eine Gruppe von Politikern & Politikerinnen zu sehen, die offenbar dem Innen- und Justizministerium angehören und über Blakes weiteres Schicksal beraten. Ihn hinrichten zu lassen wäre unklug, da man damit bloß einen Märtyrer schaffen würde. Eine Wiederholung der Farce vom "bekehrten Dissidenten" erscheint gleichfalls unklug, weil unglaubwürdig. Also beschließt man stattdessen, einen öffentlichen Gerichtsprozess zu inszenieren, dessen Ziel darin besteht, Blakes Reputation für immer zu zerstören. Man wird ihn nicht irgendwelcher politischer Vergehen anklagen, sondern ihn des sexuellen Missbrauchs von Kindern bezichtigen.
Trotz aller Bemühungen der staatlichen Psychologen gelingt es nicht, Blake selbst von seiner "Schuld" zu "überzeugen", doch das ist ein vernachlässigbares Ärgernis, hat man die "Beweise" doch so glaubwürdig gefälscht, dass selbst Blakes naiver und grundehrlicher Verteidiger Tel Varon (Michael Halsey) nicht an ihnen zweifelt. Entsprechend reibungslos läuft Blakes Prozess über die Bühne, und unser Held wird zu lebenslanger Verbannung in der Sträfligskolonie von Cygnus Alpha verurteilt.
Während der verzweifelte Blake zusammen mit anderen Sträflingen auf seinen Abtransport wartet, und dabei den fingerfertigen Dieb Vila Restal (Michael Keating) und die Weltraumschmugglerin Jenna Stannis (Sally Knyvette) kennenlernt, kommen Tel Varon nachträgliche Zweifel an der Korrektheit des Verfahrens. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Maja (Pippa Steel) beginnt er Nachforschungen anzustellen. Die beiden stoßen schon bald auf Belege dafür, dass die Beweise und Zeugenaussagen manipuliert wurden. Tel beantragt ein Aussetzen des Strafvollzugs, worüber er Blake informiert. Dennoch wird dieser zusammen mit den anderen Sträflingen auf das wartende Transportschiff gebracht.
Tel und Maja setzen ihre Suche fort, wobei sie nach und nach den ganzen Umfang des Komplotts aufdecken. Sollte es ihnen doch noch gelingen, Blake in letzter Minute zu befreien?
Natürlich nicht! In der Schlussequenz sehen wir erneut den riesigen Kuppelbau der Mega-Stadt. In der Ferne startet das Raumschiff. Im Vordergrund steht die Gestalt Dev Tarrants. Die Kamera schwenkt nach unten. Zu seinen Füßen liegen die Leichen von Tel und Maja im Gras. Blake derweil schaut durch das Fenster des Schiffs zurück auf die allmählich hinter dem Transporter zurückbleibende Erde.

The Way Back ist in mancherlei Hinsicht eine erstaunliche Episode. Immerhin ist dies der Auftakt für eine Space Adventure - Show, und so überrascht es, dass die Handlung vollständig auf der Erde spielt. Auch lernen wir von den späteren Hauptcharakteren – den eponymischen Sieben – außer Blake selbst nur Vila & Jenna kennen – und selbst diese bloß am Rande.
Stattdessen stehen für einen Gutteil der Folge Tel & Maja im Zentrum der Aufmerksamkeit, und was Terry Nation mit ihnen anstellt ist wirklich provokant. Er zeichnet sie als sympathisch, mutig und kompetent, zeigt uns jeden Schritt ihrer Nachforschungen, lässt uns mehrfach miterleben, wie sie die Vertreter des Regimes austricksen, nur um sie am Ende vollständig scheitern und auf denkbar unzeremonielle Weise sterben zu lassen. Dass sie "off screen" ermordet werden, macht die Provokation noch größer. Nation gönnt den beiden nicht einmal einen ordentlichen Heldentod. Ihr Schicksal wirkt wie eine Kombination aus Herausforderung und Warnung in Bezug auf das, was uns in Blake's 7 erwartet. Nur weil jemand unsere Sympathien genießt, heißt das noch lange nicht, dass er oder sie das Ende einer Episode lebend erreichen wird.
Terry Nations berühmtester Beitrag zur Science Fiction dürfte die Erfindung der Daleks in den frühen 60er Jahren gewesen sein, doch unmittelbar vor Blake's 7 hatte er für die postapokalyptische TV-Serie Survivors (1975/76) verantwortlich gezeichnet. Ich kenne sie nicht aus eigener Anschauung, doch scheint sie von einem harschen Realismus gekennzeichnet gewesen zu sein. Etwas von diesem Geist findet sich auch in The Way Back. Nach heutigen Maßstäben sind die Szenen von Folter und Massenmord natürlich ziemlich harmlos und unblutig, aber wenn man zum Vergleich eine zeitnahe SciFi-Serie wie ITVs Space 1999 (1975-77) heranzieht, wirkt das Ganze doch immer noch recht schockierend. Immerhin finden außer Blake, Jenna und Vila alle sympathischen Charaktere, die in der Episode eingeführt werden, sehr schnell einen gewaltsamen Tod.
Natürlich dient dies vor allem dazu, von vornherein klarzustellen, dass die Terranische Föderation eine blutige Diktatur ist. Doch auch dieses Element der Story besitzt seinen quasi-realistischen Zug. Eine Woche vor der Erstausstrahlung von The Way Back war Star Wars in den britischen Kinos angelaufen, und es macht durchaus Sinn die beiden miteinander zu vergleichen. Schließlich geht es auch in George Lucas' Sterenenkriegerepos um die Rebellion gegen eine unmenschliche Tyrannei. Doch sein Werk ist ist ganz vom leicht märchenhaften Geist der alten Pulps und Serials durchtränkt. Sein Galaktisches Imperium ist deshalb im wahrsten Sinne des Wortes eine Ausgeburt des Bösen. Nicht so die Terranische Föderation in Blake's 7. Wie in späteren Folgen noch deutlicher werden wird, trägt sie äußerlich die Züge einer bürgerlichen Demokratie, auch wenn sie in Wahrheit längst zu einem faschistischen Regime geworden ist. Vorerst allerdings noch zu einem Faschismus ohne Führerfigur. An ihrer Spitze steht nicht ein dunkler Herrscher im Kapuzenmantel, sondern ein Klüngel intriganter Politiker und Bürokraten.
Trotz aller SciFi - Elemente wie "Gehirnwäsche" und "implantierte Erinnerungen" wirkt das Schicksal Blakes deshalb auch sehr viel realitätsnäher als alles, was sich im Star Wars - Universum abspielen würde. Die "öffentliche Selbstkritik", das "Abschwören falscher Ideen" durch Oppositionelle und Dissidenten gehörte z.B. zum Alltag in den stalinistischen Regimen. Und die Idee, den Ruf einer politisch unliebsamen Person zu zerstören, indem man ihr sexuelle Vergehen unterstellt, ist gleichfalls eine altbekannte Taktik. Emotional extrem aufgeladene Themen wie Kindesmissbrauch eignen sich vorzüglich dazu, die öffentliche Meinung zu manipulieren.
Diese quasi-realistische Herangehensweise zeigt sich auch darin, dass keineswegs alle Vertreter des herrschenden Regimes ausgemachte Bösewichter sein müssen. Viele von ihnen sind vermutlich bloß naiv und gutgläubig wie Tel Varon. Sie sehen sich selbst nicht als Helfershelfer einer Diktatur, sondern erblicken in der Terranischen Föderation ganz einfach die "legitime Ordnung". Wir dürfen davon ausgehen, dass die Welt von Blake's 7 sehr viel mehr Grautöne aufweisen wird als ein Pulp-Universum des Star Wars - Typs.

Soviel für heute. Nächste Woche werden wir dann endgültig zu den Sternen aufbrechen, eine der faszinierendsten Charaktere der Serie kennenlernen und erstmals tatsächlich die Brücke der Liberator betreten.

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Samstag, 28. Januar 2017

Strandgut der Woche

Freitag, 27. Januar 2017

Die charmante Arroganz des Randolph Carter (II)

Als Jean-Paul Ouellette vier Jahre nachdem er The Unnamable (vgl. hier) in die Wildnis des VHS-Marktes entlassen hatte, daranging, ein Sequel zu seinem Flick zu drehen, scheint er ein ziemlich klares Bild davon gehabt zu haben, worin die Stärken seines Regiedebüts bestanden hatten. Dieser Eindruck stellt sich zumindest ein, wenn man sich The Return of the Unnamable aka The Unnamable II: The Statement of Randolph Carter anschaut. Mark Kinsey Stephenson war wenn schon nicht der Protagonist, so doch auf jedenfall der eigentliche Star des ersten Films gewesen. Dementsprechend rückt sein Randolph Carter nun ganz ins Zentrum der Handlung. Dieselbige erhält zugleich einen noch deutlicher selbstironischen Ton, ohne dass der Streifen deshalb gänzlich ins Genre der Horrorkomödie überwechseln würde. Gewürzt wird das Ganze mit einer Reihe neckisch geekiger Anspielungen auf Lovecrafts Cthulhu-Mythos. Ein schmackhaftes Gericht? Kosten wir mal.



Ungefähr das erste Drittel des Films mundet in der Tat ausgezeichnet.

Die Handlung beginnt vor dem Winthrop-Haus, am Morgen nach den Ereignissen von The Unnamable. Die Polizei schafft die grausig verstümmelten Leichen der Studenten & Studentinnen fort. Tanya befindet sich in einem Schockzustand und wird rasch ins nächste Krankenhaus {und aus der Handlung hinaus} befördert. Randolph Carter derweil benutzt seinen verletzten Freund Howard, der gleichfalls abtransportiert werden soll, als unwilligen Kurier, um das Necronomicon unter den Nasen der Cops fortzuschmuggeln. Zugleich deutet ein kurzer Wortwechsel zwischen Sheriff und Gerichtsmediziner darauf hin, dass Arkhams Autoriäten sehr viel mehr über die übernatürlichen Mächte wissen, die in Stadt und Umland ihr Unwesen treiben, als sie öffentlich zugeben wollen. Dabei fällt ganz nebenbei auch der Name Dunwich.
Als Carter in seiner unnachahmlich selbstherrlichen Art in das Büro des Direktors der Miskatonic University marschiert und diesen auffordert, die Allgemeinheit über die Existenz der sie umgebenden übernatürlichen Bedrohungen aufzuklären, erhält er eine harsche Abfuhr. Erstens habe Carter keine handfesten Beweise für seine Behauptungen und zweitens sei Arkham schon immer ein verfluchter Flecken Erde gewesen, woran niemand etwas ändern könne. Aber so schnell lässt sich unser Held natürlich nicht entmutigen. Nachdem er ein wenig im Necronomicon herumgestöbert hat, macht er sich daran, die Hilfe des Folkloristik-Professors Warren (John Rhys-Davies) zu rekrutieren. Was sich als gar nicht so schwierig erweist, denn kaum legt er ihm sein Fundstück vor, bei dem es sich um Cotton Mathers verloren geglaubtes Exemplar des Verbotenen Buches handelt, ist der leidenschaftliche Gelehrte auch schon Feuer und Flamme. Nicht ganz so begeistert ist der arme Howard (Charles Klausmeyer), der als zusätzliche Hilfskraft mitgeschleppt wird. Wenigstens nötigt man ihn nicht dazu, zusammen mit Carter und dem Professor in die Tunnel unter dem Winthrop-Anwesen hinabzuklettern. Seine Aufgabe ist es vielmehr, die Stellung am Eingang der Katakombe zu halten und in regelmäßigen Abständen via Funk einen Lagebericht seines Freundes entgegegnzunehmen. {Das ist übrigens der einzige Punkt in der Story, der irgendwie an Lovecrafts The Statement of Randolph Carter erinnert}.
Nach einigem Rumgekrieche erreichen unsere wackeren Forscher eine Kaverne, in der sie auf eine vorzeitliche Stele mit einer Runeninschrift "in der Sprache von R'lyeh" und das immer noch von dem "Baumzauber" aus dem ersten Teil gefangen gehaltene Monstrum stoßen. Ad hoc entwickeln sie eine auf Okkultismus und Quantenmechanik basierende Theorie, derzufolge die Kreatur aus einer Art Verschmelzungsprozess zwischen Winthrops Tochter und einem andersweltlichen Dämon hervorgegangen ist. Sich darauf stützend machen sie sich daran, die beiden Hälften mit Hilfe von einer Spritze Insulin und einigen Zuckerwürfeln voneinander zu trennen. Und tatsächlich -- wenig später sehen sie sich der sehr hübschen und sehr nackten {und nicht zu vergessen perfekt geschminkten} Alyda (Maria Ford) gegenüber. Dumm bloß, dass sie damit auch den Dämon wieder freigesetzt haben ...

Bis hierhin hat mir The Unnamable II wirklich einen Heidenspaß gemacht.
Randolph Carter ist ganz sein unwiderstehliches, charmant-arrogantes Selbst aus Teil 1, und mit Professor Warren bekommt er einen prima Partner an die Seite gestellt. Zwischen Stephenson und Rhys-Davies herrscht eine gute Chemie und zusammen geben die beiden ein äußerst charmantes Okkult-Forscher-Duo ab – zwei enthusiastische Cthulhu-Nerds auf Abenteuer. Dazu passt auch der Ton, in dem die Anspielungen auf Lovecrafts Werk gehalten sind. Und von diesen enthält der Flick erstaunlich viele, obwohl er noch weniger mit seiner literarischen Quelle zu tun hat als sein Vorgänger. Ein paar Beispiele: Wie erwähnt wird angedeutet, dass sich im Universum dieses Films die Ereignisse von The Dunwich Horror abgespielt haben. Die Idee, dass die von Carter gefundene Abschrift des Necronomicon einst Cotton Mather gehört habe, verweist auf Lovecrafts Kurzgeschichte The Unnamable zurück, in der der puritanische Chronist nicht nur namentlich erwähnt wird, sondern die auch von einer Passage aus dessen Magnalia Christi Americana inspiriert wurde. Wie selbstverständlich palavern Carter und Prof. Warren über Cthulhu, R'lyeh und andere vorzeitliche Schrecken. Und die von ihnen postulierte Beziehung zwischen Okkutlismus und Quantenmechanik greift ein Motiv auf, das sich wohl am deutlichsten in Dreams in the Witch-House findet.
Keine dieser Anspielungen macht The Unnamable II zu einem "lovecraftianischen" Film, weder in motivischer noch atmosphärischer Hinsicht. Vielmehr wirken sie wie die augenzwinkernd vorgetragenen Inider-Witze einiger Cthulhu-Fans, die bei Lovecraft weniger an kosmisches Grauen als vielmehr an vergnügliche Call of Cthulhu - Rollenspielabende denken. Doch um ehrlich zu sein, gerade diese humorvoll-lockere Herangehensweise hat auf mich ziemlich sympathisch gewirkt. Der Streifen besitzt eine Art geekigen Charme. Später findet sich gar eine Szene, in der Alyda Carter die korrekte Auspruche des Namens "Cthulhu" beibringt! Einfach großartig! – ist das doch seit Jahrzehnten eine der heftigst diskutierten Fragen im Lovecraft-Fandom!

Leider jedoch verliert The Unnamable II nach der "Befreiung" Alydas und der gleichzeitigen Entfesselung des Dämons viel von seinem anfänglichen Charme.
Der erste Schlag ist das tragische Ausscheiden von Professor Warren. Gut denkbar, dass man sich John Rhys-Davies nur für ein paar Drehtage leisten konnte, und sein Charakter deshalb als erster in den Orkus wandern musste, doch was auch immer die Gründe gewesen sein mögen, der Film verliert damit einen seiner charismatischsten Akteure.
Zugleich nimmt der Plot für den Rest des Streifens die gänzlich unoriginelle Form einer extrem in die Länge gezogenen Verfolgungsjagd zwischen Carter + Kumpels und dem Ungeheuer an, die in regelmäßigen Abständen von dem einen oder anderen Todesfall unterbrochen wird. Dabei hilft es auch nicht gerade, dass der nunmehr von Julie Strain gespielten Kreatur jene gruselige Grazie fehlt, die einen wichtigen Teil ihrer Ausstrahlung im ersten Teil ausmachte.
Mit Abstand am irritierendsten ist jedoch die Figur der Alyda.
Schaffen wir erst einmal das Positive aus dem Weg. Wenn ein VHS-Horrorfilm dieser Ära die Gestalt einer unbekleideten Frau in die Handlung einführt, erwartet man eigentlich, dass diese auf jede nur erdenkliche Weise sexualisiert würde. Erstaunlicherweise geschieht dies jedoch nicht – von einer etwas peinlichen Szene, in der sie sich "erotisch" auf Carters Bett herumwälzt, einmal abgesehen. Selbst die Sequenz, in der unsere Helden Alyda unbemerkt in das Wohnheim zu schmuggeln versuchen {was selbstredend misslingt}, läuft nicht darauf hinaus, dass sie von einer Bande hormonell überlasteter Studenten angeglotzt wird. Was diese sehr viel mehr in Aufregung versetzt, ist der Umstand, dass ausgerechnet Carter mit einem nackten Mädchen im Schlepptau hier aufkreuzt. Wer hätte gedacht, dass der ein Sexleben haben könnte!
Was Alyda im weiteren Verlauf der Handlung dann trotzdem zu einer äußerst problematischen Figur macht, ist ihre Beziehung zu Carter. Einerseits entspricht sie ganz dem Typus des "feral girl" – sie kann zu Anfang kaum sprechen, versteht nicht, warum sie Kleidung tragen sollte, und befindet sich ganz allgemein auf dem intellektuellen und emotionalen Niveau eines Kleinkindes. Zugleich jedoch will der Film uns unbedingt mit einer Art aufblühenden Liebesgeschichte zwischen ihr und Carter beglücken. Das Ergebnis ist, wie nicht anders zu erwarten, extrem creepy.
Ich verstehe ja, dass Carter – nun, da er der echte Protagonist geworden ist – nach den Regeln des Genres ein "love interest" braucht. {Nicht dass dich diese Regeln unbedingt gut fände ...} Doch muss es sich dabei ausgerechnet um eine Art Kindfrau handeln, die ihn anfangs als eine Vaterfigur anhimmelt und deren Dialog zu gefühlten 50% aus verliebt-ekstatischen "Carter" - Seufzern besteht? Wie cool wäre es z.B. gewesen, hätte man ihm eine Art weiblicher Version seiner selbst an die Seite gestellt – genauso intelligent, selbstbewusst, eingebildet und okkultismusbesessen wie er. Ich könnte mir Mark Kinsey Stephenson sehr gut in einer Mixtur aus Screwball Comedy und Horror vorstellen. Aber nein ...
Recht neckisch fand ich allerdings, dass Carter Alydas Gefühle erst dann erwiedert, als er realisiert, dass sie über ein enzyklopädisches okkultes Wissen verfügt. Mit anderen Worten – er verliebt sich nicht in sie als Person, sondern in sie als wandelnde Okkultismus-Bibliothek. Das passt wenigstens zu seinem Charakter ...
Doch da wir gerade dabei sind: Leider verliert auch Carter im weiteren Verlauf der Geschichte viel von seinem alten Charme. Was nicht verwunderlich ist, schließlich sind die blutigen Ereignisse nach der Befreiung des Dämons eine direkte Folge seiner Hybris. Und wir können eigentlich nicht wollen, dass ihm diese Lektion erteilt wird. Ein bescheiden gewordener Carter ist ein langweilig gewordener Carter!

Viel mehr fällt mir zu The Unnamable II  nicht ein. Bloß noch, dass der Film mit einer sehr hübschen Szene am Kaminfeuer ausklingt, die die immer schon vorhandene Ähnlichkeit zwischen Carter / Howard und Holmes / Watson noch einmal auf charmante Weise betont. Ein gelungenes Ende für einen leider nicht ganz so gelungenen Film.    

Sonntag, 22. Januar 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – Prolog

Am 2. Januar 2018 wird die britische SciFi - TV - Serie Blake's 7 ihren vierzigsten Geburtstag feiern können.

Schon seit langem hatte ich mir vorgenommen, mich auf auf diesem Blog einmal etwas eingehender mit dieser originellen, charmanten und in mancherlei Hinsicht zukunftsweisenden Produktion der BBC zu beschäftigen. Und das aus hauptsächlich drei Gründen.
  • Zuerst einmal natürlich, weil ich eine ganze Menge für sie übrig habe. Neben Farscape, den ersten drei Star Trek - Serien und Babylon 5 gehört Blake's 7 zu meinen absoluten Favoriten unter den Space Opera - und Space Adventure - Serien. Sie besitzt den bizarren Charme einer britischen Low Budget - Produktion der 70er Jahre und kann zugleich mit einer ganzen Reihe interessanter Ideen, Charaktere und Storywendungen aufwarten.
  • Zum Zweiten, weil ich das Gefühl habe, dass Terry Nations Kreation hierzulande bedauerlicherweise so gut wie unbekannt ist, und ich wenigstens einen bescheidenen Beitrag dazu leisten will, dies zu ändern.
  • Und drittens, weil mir die Bedeutung, die Blake's 7 meiner Ansicht nach in der Geschichte der TV - Science Fiction zukommt, immer noch unzureichend gewürdigt zu werden scheint. Für den Moment sei dazu nur soviel gesagt, dass die Serie als direkter Vorläufer zu Formaten wie Farscape und Firefly gelten kann.
Angesichts des nunmehr allmählich herannahenden Jubiläums habe ich deshalb beschlossen, mich an einem für meine Verhältnisse ziemlich ehrgeizigen Projekt zu versuchen – einem Rewatch aller vier Staffeln der Serie, begleitet mit Blogposts zu jeder einzelnen der insgesamt 52 Episoden. Im Großen und Ganzen würde das auf ungefähr einen Beitrag pro Woche hinauslaufen. Diese werden ganz sicher unterschiedlich ausführlich ausfallen. Mitunter werden sie vielleicht nicht länger als ein ein paar Zeilen sein. Und auch wenn mir das eigentlich nicht recht behagt, werde ich eine eingehendere Beschäftigung mit dem produktionstechnischen Hintergrund, historischen Kontext und möglichen ideologischen Inhalt von Blake's 7 auf einen späteren Zeitpunkt in dieser epischen Reise verschieben müssen.

Nun denn, ich hoffe das dieses Projekt zumindest den einen Leser oder die andere Leserin dieses Blogs interessieren könnte. Wenn alles klappt, sollten wir uns noch diese Woche erneut an Bord der Liberator zusammenfinden, um Episode 1 The Way Back zu besprechen. Dabei werden wir zwar noch nicht in die Weiten des Weltraums vorstoßen, dafür jedoch u.a. kurze Abstecher in die Gefilde von Logan's Run und Brave New World unternehmen. Bis dann!


Samstag, 21. Januar 2017

Strandgut der Woche

Samstag, 14. Januar 2017

Strandgut der Woche

Freitag, 13. Januar 2017

Ein Besuch in Château d'Amberville

Es wäre sicher nicht ganz falsch zu sagen, dass ich den wundervollen Clark Ashton Smith, dessen einhundertvierundzwanzigsten Geburtstag wir heute feiern können, auf dem Umweg über seinen sehr viel bekannteren Freund und Kollegen H.P. Lovecraft kennengelernt habe. Und doch wäre es genaugenommen nicht ganz korrekt. In Wahrheit war ich seinem Werk schon sehr viel früher begegnet, in einer Zeit, lange bevor ich zum ersten Mal einen der Suhrkamp - Bände mit den Geschichten des alten Gentleman von Providence aufgeschlagen hatte..

Unsere Reise führt uns zurück in die erste Hälfte der 80er Jahre, als das Phänomen der Fantasyrollenspiele mit etwas Verspätung auch die deutschen Lande erreichte. 
Es muss wohl 1984 gewesen sein, als sich mir in Gestalt des gerade erschienen DSA - Basisspiels zum ersten Mal das Tor in diese phantastischen Gefilde öffnete. Irgendwann möchte ich einmal einen längeren Post über meine damit verbundenen Abenteuer, und welchen Einfluss sie auf mich und mein damaliges Leben hatten, schreiben. Doch das muss auf eine unbestimmte Zukunft verschoben werden. Heute soll es um anderes gehen.
Zwar war es ohne Frage das von Schmidt Spiele und Droemer Knaur herausgegebene Schwarze Auge, welches die Rollenspielerei auch hierzulande zu einer Art Massenphänomen machte. Immerhin wurde das Abenteuer - Basis - Spiel bereits im ersten Jahr 100.000 Mal verkauft! Doch war DSA keinesfalls das erste Spiel seiner Art, das in deutschen Landen auftauchte. Bereits Ende der 70er Jahre war in den Kreisen der Fangemeinde des Tabletop - Strategiespiels Armageddon das erste deutsche Pen & Paper - Rollenspiel entstanden, das 1981 schließlich unter dem Namen Midgard auf den Markt gelangte. 1983 erschien die von Ulrich Kiesow übersetzte Fassung von Tunnels & Trolls (Schwerter & Dämonen). Und im selben Jahr machte FSV (Fantasy Spiele Verlags - GmbH) einem deutschsprachigen Publikum zum ersten Mal auch den Urvater des Genres zugänglich Dungeons & Dragons.
Dank eines bizarren kleinen Buches, an dessen Titel ich mich leider nicht mehr erinnern kann und das als eine Art Einführung in die Welt der Fantasyrollenspiele daherkam, war ich mir von Anfang an bewusst, dass es neben DSA noch eine Fülle anderer {und meist älterer} Systeme gab. Doch auch wenn ich später z.B. die beiden Midgard - Regelbücher meiner stetig wachsenden Sammlung hinzufügte, schloss ich – abgesehen von meiner ersten Liebe – eigentlich nur mit D&D nähere Bekanntschaft. Und so gelangte alsbald auch Burg Bernstein, das zweite Abenteuermodul für die D&D - Expertenregeln, in meine Hände. Und es war auf den Seiten dieses Heftes, dass ich zum allerersten Mal dem Namen Clark Ashton Smith begegnen und einen kleinen Einblick in einen Teil seines Werkes erhalten sollte spielt der zweite Teil der Handlung doch in Averoigne – Smiths phantastischer Version des hochmittelalterlichen Frankreich – und zitiert eine ganze Reihe seiner dort angesiedelten Kurzgeschichten.

Welche literarischen Einflüsse eine Rolle bei der Entstehung und frühen Entwicklung von Dungeons & Dragons spielten, ist eine faszinierende Frage. 
Bei oberflächlicher Betrachtung wird man natürlich zuallererst an J.R.R. Tolkien denken. So schreibt z.B. Frank Weinreich in seiner kürzlich auf der Website von Fischer Tor veröffentlichen Hommage zu dessen 125. Geburtstag: "Rollenspielwelten wie AD & D oder Das Schwarze Auge bauen auf Tolkiens Schöpfung, ihren Völkern und Themen auf". Und so ganz falsch ist das natürlich auch nicht. Schließlich tummelten sich  in D&D anfangs ganz offen Hobbits, Ents und Balrogs, bis das "Tolkien Estate" diesem frivolen Treiben Einhalt gebot. Doch alles in allem ist der Einfluss, den des "Professors" Werk auf die Entstehung des Urvaters aller Rollenspiele hatte, eher zweitrangig.
Gary Gygax war kein großer Tolkienfan, und vieles spricht dafür, dass nur deshalb so viele tolkiensche Elemente ihren Weg in die frühe Fassung von D&D fanden, weil man die große Popularität des Lord of the Rings ausnutzen wollte.
Wie der Spieledesigner 1985 in einem Artikel für Dragon Magazine erklären sollte:
The popularity of Professor Tolkien’s fantasy works did encourage me to develop my own. But while there are bits and pieces of his works reflected in hazily in mine, I believe that his influence, as a whole, is quite minimal. [...] A careful examination of the games will quickly reveal that the major influences are Robert E. Howard, L. Sprague de Camp and Fletcher Pratt, Fritz Leiber, Poul Anderson, A. Merritt, and H. P. Lovecraft. Only slightly lesser influence came from Roger Zelazny, E. R. Burroughs, Michael Moorcock, Philip Jose Farmer, and many others. Though I thoroughly enjoyed The Hobbit, I found the “Ring Trilogy” ... well, tedious.
Gygax' Vorwort zur ersten, 1974 herausgegebenen Ausgabe von D&D erwähnt denn auch "Burroughs’ Martian adventures”, “Howard’s Conan saga”, “the de Camp & Pratt fantasies” sowie “Fritz Leiber’s Fafhrd and the Gray Mouser", nicht jedoch Tolkiens Mittelerde. In einem anderen Gygax-Interview bekommen wir zu lesen:
As a Swords & Sorcery novel fan from way back – I read my first Conan yarn about 1948, was a fan and collector of the pulp SF and fantasy magazines since 1950  – I was not as enamored of The Trilogy as were most of my contemporaries. While I loved Bombadil, the Nazgul too, the story was too slow-paced for me.
In der Tat orientierten sich die frühen D&D - Szenarien in erster Linie an der Sword & Sorcery. 
Selbst die Idee der "Abenteurergruppe", die auf den ersten Blick sehr deutlich an die neun Gefährten aus Fellowship of the Ring, erinnert, lässt sich problemlos auch auf andere Vorbilder zurückführen von den Argonauten der Antike über Pulp-Heroen wie Doc Savage & seine Freunde bis hin zur Soldateneinheit in jedem x-beliebigen Zweite Weltkriegs - Flick.
Und so verwunderlich ist das alles im Grunde auch gar nicht. Zwar trieb die Tolkienbegeisterung in den USA der späten 60er und der 70er Jahre die wildesten Blüten, seit 1968 die Taschenbuchausgaben von Lord of the Rings – erst bei Ace Books, dann bei Ballantine – erschienen waren. Dennoch darf diese Ära der amerikanischen Fantasy in erster Linie als das Goldene Zeitalter der Sword & Sorcery gelten. Lin Carter und L. Sprague de Camp hatten Robert E. Howards Stories einem breiten Publikum erneut zugänglich gemacht, und neben Conan & Konsorten erfreuten sich auch die Schöpfungen von Fritz Leiber, Karl Edward Wagner, Michael Moorcock u.a. breiter Beliebtheit. Die große Stunde der tolkienesken High Fantasy schlug erst in den 80er Jahren, nach dem phänomenalen Erfolg von Terry Brooks' Sword of Shannara. Worauf TSR 1984 mit dem Start der Dragonlance - Kampagne reagierte, mit der D&D seine alte Heimat zu verlassen und gleichfalls in High Fantasy - Gefilde überzusiedeln versuchte.
Etwas erstaunlicher finde ich es da schon, dass Gary Gygax immer mal wieder auf Lovecraft als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen zu sprechen kommt. Nicht dass der alte Gentleman eine obskure Figur in der Phantastikszene der 70er Jahre gewesen wäre, aber ich zumindest habe die Welt von D&D nie mit den tentakelbewehrten Schrecken der Großen Alten in Verbindung gebracht. Allerdings ist es seit den Tagen des "Lovecraft-Zirkels" der 20er/30er Jahre immer mal wieder zu einer Art Kreuzbestäubung zwischen Cthulhu-Mythos und Sword & Sorcery gekommen. Ich denke da nicht nur an einige Stories von Robert E. Howard – wo eine solche Beeinflussung ja leicht zu erklären ist  –, sondern z.B. auch an Fritz Leibers Adept's Gambit und andere Fafhrd & The Grey Mouser - Geschichten. So gesehen ist die Verbindung vielleicht dann doch nicht so unerklärlich.
Wie dem auch sei, jedenfalls fand der Cthulhu-Mythos zusammen mit Leibers Nehwon und Michael Moorcocks Melniboné seinen Weg 1980 in die legendäre Erstauflage von Deities & Demigods – ohne Frage einer der bizarrsten AD&D - Bände, die je das Licht der Welt erblickten. Wie das ausgesehen hat, kann man sich hier anschauen. Aufgrund rasch drohender Konflikte mit TSRs großem Konkurrenten Chaosium, die gerade dabei waren Stormbringer und Call of Cthulhu zu entwickeln, verschwanden die entsprechenden Passagen allerdings schon sehr bald wieder aus dem Buch. {Wer sich für die Details interessiert, sei auf diesen Artikel von Nick Ozment verwiesen.} Übrigens war zwei Jahre zuvor bereits auf den Seiten von Dragon Magazine ein Artikel von Rob Knutz erschienen, der das Pantheon des Cthulhu-Mythos (in seiner von August Derleth geprägten Ausformung) mit D&D - Spieldaten versehen hatte. {Vergleichbares hatte sich scheinbar auch bei Tunnels & Trolls abgespielt.}  

Als einer der bedeutendsten frühen Mitgestalter des Cthulhu-Mythos gelangte Clark Ashton Smith damit ganz automatisch ins Umfeld von D&D, auch wenn auffällt, dass weder der Dragon - Artikel noch das Kapitel aus Deities & Demigods seinen wohl bekanntesten Beitrag zum Mythos, den Gott  Tsathoggua, erwähnt. Ebenfalls recht interessant ist, dass sein Name nicht auf der von Gary Gygax zusammengestellten Autoren-Liste in Appendix N des ursprünglichen Dungeon Master's Guide (1979) auftaucht. Dafür findet er sich in dem von Barbara Davis erarbeiteten Anhang "Inspirational Source Material" in der 1981 unter der Leitung von Tom Moldvay herausgegebenen Version der D&D - Basisregeln  Und Moldvay war auch der Autor von Castle Amber / Burg Bernstein.

Gemeinsam mit seinem Freund Lawrence Schick hatte Moldvay in der zweiten Hälfte der 70er Jahre das entwickelt, was schließlich zu D&Ds "Known World" {später Mystara getauft} werden sollte. Ihre Welt hatte sowohl cthulhuide Kulte ("in every land there would be hidden cults that worshiped Lovecraftian Elder Gods").als auch lovecraftianischen Kreaturen wie die "Deep Ones" enthalten ("The Malpheggi are piscine/human hybrids with the “Innsmouth Look” – there are subsurface colonies of Deep Ones (later brought into D&D as Kuo-Toa) in the Sea of Dread offshore from the Malpheggi Fens.") Solche dierkten Bezüge wurden entfernt, als die Welt mit dem Erscheinen des Experten - Sets 1981 zum offiziellen Schauplatz der D&D - Module wurde. {Zuvor hatte Greyhawk diese Funktion erfüllt, doch handelte es sich dabei um Gary Gygax' persönliche Spielwiese, die er nunmehr für AD&D reservierte}. Für uns besonders interessant jedoch ist, dass Moldvay und Schick große Fans von Clark Ashton Smith waren. Wie letzterer in einem Artikel für Black Gate geschrieben hat:

We had both read widely in world history and mythology, and enjoyed a lot of the same fantasy fiction; we traded Lin Carter’s Ballantine Adult Fantasy books back and forth until we’d read them all, as well as everything we could find by Howard, Lovecraft, Tolkien, Merritt, Haggard, Harold Lamb, Dunsany, Hodgson, Machen, and Zelazny.
We were both nuts about Clark Ashton Smith, Tom was a Michael Moorcock and Philip José Farmer fanatic, while I could quote chapter and verse from the works of Jack Vance and Fritz Leiber. So we knew what we wanted to create: a single world setting that would enable us to simulate the fictional realities of these, our favorite authors.
Als Schick 1979 zum Leiter der Abteilung für Design und Entwicklung bei TSR wurde, holte er rasch seinen alten Freund und David "Zeb" Cook an Bord.
Viele von Moldvays Modulen enthalten cthulhuide Elemente. So erinnert The Lost City (1982) in seinem Setting nicht bloß an Conan - Stories wie Red Nails oder mehr noch The Slithering Shadow, der Monstergott Zargon trägt auch unverkennbar lovecraftianische Züge. {Und weist nebenbei eine erstaunliche Ähnlichkeit zu Dagoth aus Conan the Destroyer [1984] auf. Keine Ahnung, welche Verbindungen da bestanden haben.} Ähnliches gilt für die amphibischen Kopru aus Isle of Dread (1981), degenerierte Nachkommen einer längst untergegangenen, vormenschlichen Ziviliastion. Doch nirgendwo sonst wird das Spiel mit literarischen Vorbildern so offen wie in Castle Amber.

Auf ihrem Weg zur Hauptstadt des Zaubererreiches Glantri schlägt die Abenteuerergruppe ihr Nachtlager auf einem grünen Hügel unweit eines Flusses auf, nur um sich am nächsten Morgen im Foyer eines gewaltigen Schlosses wiederzufinden, das von einem tödlichen grauen Nebel umgeben ist. Unseren Helden bleibt keine Wahl, als das prächtige Gebäude zu erkunden, das sich als die Heimstatt der äußerst exzentrischen Familie D'Amberville {und natürlich einer Vielzahl von Monstern} entpuppt. Schließlich gelangen sie durch ein magisches Portal in die Parallelwelt von Averoigne, wo sie eine Reihe von magischen Gegenständen suchen müssen, die es ihnen zuguterletzt erlauben, das Mausoleum von Etienne d'Amberville heraufzubeschwören, den Fluch, der über dem Schloss lastet, zu brechen, und in ihr eigenes Universum zurückzukehren.
Der Averoigne - Teil des Moduls spielt nicht nur in Clark Ashton Smiths phantastischem Frankreich, viele der dort zu bestehenden Abenteuer basieren auch ganz direkt auf Kurzgeschichten wie The Colossus of Ylourgne, The Beast of Averoigne, The Enchantress of Sylaire und The Holiness of Azédarac. Als Zufallsbegegnung kann einem außerdem der Protagonist von A Rendezvous in Averoigne über den Weg laufen. Ich persönlich finde jedoch den ersten Teil, der in Burg Bernstein selbst spielt, sehr viel interessanter. Dem Ganzen Setting haftet etwas Unwirkliches, Bizarres und Morbid-Romantisches an. Die Atmosphäre ähnelt damit sehr viel stärker der von Smiths Geschichten, als in den eher plumpen Versuchen, direkt auf sein Oeuvre zurückzugreifen. Zugleich ist dieses Szenario mit einer ganzen Reihe literarischer Anspielungen gespickt, vor allem auf Werke von Edgar Allan Poe The Fall of the House of Usher, Hop-Frog und The Masque of the Red Death. Dabei versucht das Modul anders als im Averoigne - Teil nicht, die eigene Handlung an der der anzitierten Geschichten zu orientieren, vielmehr werden Szenen und Charaktere aus Poes Werken herausgegriffen und in die groteske Welt von Château d'Amberville überführt. Im Falle von The Masque of the Red Death handelt es sich z.B. bloß um eine Abfolge von Räumen, die in verschiedenen Farben gehalten sind. Neben Poe wird außerdem auf Sir Gawain and the Green Knight, Lovecrafts Through the Gates of the Silver Key und {möglicherweise} Hamlet angespielt. Der Metacharakter dieser Bezüge erreicht seinen Höhepunkt, wenn eine der Begegnungsstätten den Titel "Die Blumen des Bösen" trägt, davon abgesehen aber keinerlei Verbindungen zu Baudelaires Gedichten bestehen.

Ob Burg Bernstein in seiner ursprünglichen Form heute noch die Vorlage für ein paar unterhaltsame Rollenspielabende abgeben könnte? Ich bin mir nicht sicher, bezweifle das aber stark. {Freilich habe ich keine Ahnung, was in der Szene heute so en vogue ist.} 
Doch ganz ohne Frage besitzt das Heftchen seinen exzentrischen Charme, und der spielerische Umgang mit Motiven der klassischen Phantastik im ersten Teil wirkt auf mich ausgesprochen sympathisch. Gab es ähnliches auch in der Frühzeit deutschsprachiger Rollenspiele? Außer den Anspielungen auf Hauffs Geschichte von dem Gespensterschiff in DSAs Das Schiff der Verlorenen Seelen will mir da spontan nur wenig einfallen. 

Sonntag, 8. Januar 2017

Hark the rolling of the thunder!*

Der folgende Abriss der Klassenkämpfe in Großbritannien zwischen 1910 und 1926 ist als eine Art Anhang zu meinem jüngsten Beitrag über Tolkien und den Faschismus, sowie als historische Einleitung für mögliche kommende Essays über die Weltsicht des "Professors" gedacht.

Dass Tolkiens Weltanschauung und sein literarisches Werk stark von der fürchterlichen Erfahrung des 1. Weltkriegs geprägt wurden, ist heute wohl allgemein anerkannt. Sehr viel weniger Beachtung scheint mir jedoch dem Umstand geschenkt zu werden, dass das Großbritannien, in das Tolkien zurückkehrte, nachdem er die Hölle der Schützengräben überlebt hatte, eine von heftigen sozialen und politischen Konflikten zerrissene Nation war. Dabei scheint mir gerade dies von zentraler Bedeutung zu sein, wenn man verstehen will, warum der Schriftsteller und Gelehrte unter dem über die Jahre immer stärker werdenden Gefühl litt, in einer von den Mächten des Bösen beherrschten Welt zu leben. Warum er sich isoliert und verloren vorkam, nirgends mehr Halt fand als in jenem "kleinen Kreis von Vertrauten, wo der Ton zugleich bohemienhaft, literarisch und christlich war" (1) – wie C.S. Lewis die Gemeinschaft der Inklings in seinem vorsoglich verfassten Nachruf auf den Freund beschrieben hat. Warum er sich so sehr nach einer geordneten und stabilen Welt sehnte, die er sich als poetischen Zufluchtsort vor der Wirklichkeit schließlich in Gestalt Ardas in seiner Fantasie erschuf.

Die Geschichte der äußerst heftigen Klassenkämpfe, die in weiten Teilen Europas (und nicht nur dort) dem Ersten Weltkrieg folgten, scheint vielen heute nicht mehr vertraut zu sein. Es finden sich sogar schon wieder akademische Historiker & Historikerinnen, die die turbulenten Ereignisse jener Jahre allen Ernstes als Folge einer von Moskau gelenkten "bolschewistischen Verschwörung" abzutun versuchen. Ein Grund mehr, einen kurzen Blick in die revolutionären Annalen jener Zeit zu werfen.  
* * *
Das viktorianisch-edwardianische Zeitalter imperialer Größe, wirtschaftlicher Expansion und "sozialen Friedens" war bereits vor dem 1. Weltkrieg unwiderruflich zu Ende gegangen. Von 1910 bis 1914 erschütterte eine ununterbrochene Abfolge großer Streiks das Land. Die alten Gewerkschaften, die den Klassenkampf jahrzehntelang in friedliche Bahnen hatten lenken können und zum Nährboden für eine konservative, selbstzufriedene Bürokratie geworden waren, erwiesen sich als unfähig, die Militanz der Bergleute, Eisenbahner, Docker zu ersticken. Der Schriftsteller George Dangerfield schrieb über die "Labour Unrests": „Fires long smouldering in the English spirit suddenly flared, so that by the end of 1913, Liberal England was reduced to ashes.“ Der Schwefelgeruch der Revolution hing in der Luft und im Juli 1914 musste selbst Seine Königliche Majestät George V. beunruhigt konstatieren: „The cry of civil war is on the lips of the most responsible and sober-minded of my people.“ (1)

Der Ausbruch des Weltkriegs beendete fürs Erste die Unruhen. Wie in beinah allen kriegsführenden Ländern schloss die reformistische Führung der Gewerkschaften und der Labour-Party auch in Großbritannien einen Burgfrieden mit der Regierung und unterdrückte alle Streiks. Doch spätenstens ab 1916 flammte der Widerstand der Arbeiter gegen sinkende Löhne und rasant steigende Lebenshaltungskosten erneut auf und fand seinen organisatorischen Ausdruck in der basisdemokratischen Shop-Steward-Bewegung und den mit ihr verbundenen Arbeiterkomitees. Das Vorbild der Russischen Revolution wirkte inspirierend auf die militanten Vertreter der Arbeiterbewegung, und in der herrschenden Elite begann man, dem Ende des Krieges mit wachsender Besorgnis entgegenzublicken. Premierminister Lloyd George hatte den Soldaten ein „land fit for heroes to live in“ versprochen. Welche Folgen würde eine Demobilisierung der Armee unter diesen Umständen haben? 

Als im November 1918 der Waffenstillstand geschlossen wurde, befand sich Großbritannien zwar auf der Siegerseite, doch seine herrschende Klasse hatte wenig Grund, sich über diesen Triumph zu freuen. Nie zuvor war die britische Arbeiterbewegung so mächtig gewesen. Zwischen 1913 und 1920 stieg die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter um das Doppelte von 4.189.000 auf 8.493.000. Die Jahre 1919/20 wirkten wie eine verschärfte Neuauflage der "Labour Unrests". In einer Reihe von radikalen Streikaktionen rang die Arbeiterklasse den Unternehmern bedeutende Zugeständnisse ab. In vielen Branchen wurde die 48-Stunden-Woche eingeführt, das allgemeine Lohnniveau stieg über den Stand der Vorkriegszeit, die Regierung sah sich gezwungen, die Schaffung einer umfassenden Sozialgesetzgebung in Aussicht zu stellen, während die militanten Bergleute lautstark die Verstaatlichung der Kohlegruben forderten.
Derweil ging in ganz Europa das Gespenst des Kommunismus um. Drei der mächtigsten Dynastien des Kontinents – Hohenzollern, Habsburger und Romanows – waren gestürzt worden. In Russland hatten die Bolschewiki im November 1917 die Macht erobert. Im Frühjahr 1918 hisste die linkssozialistische Volksrepublik Finnland die rote Fahne über Helsinki, bevor sie von den Truppen General Mannerheims unter kaiserlicher Mithilfe in Blut ertränkt wurde. In Deutschland sollten die revolutionären Unruhen mit Unterbrechungen vom Kieler Matrosenaufstand im November 1918 bis zum tragisch gescheiterten "deutschen Oktober" des Jahres 1923 anhalten. Sogar in der angeblich so konservativen Schweiz sah sich die Regierung im Herbst 1918 gezwungen, den quasi-insurrektionären "Landesstreik" vom Militär unterdrücken zu lassen. In Ungarn und München entstanden 1919 kurzlebige Räterepubliken, und in Wien war es letztlich nur die Sozialdemokratie, die – ihre ganze Autorität zugunsten der bürgerlichen Ordnung in die Waagschale werfend – im selben Jahr die drohende Errichtung der Rätemacht verhinderte. Spanien erlebte seine drei "bolschewistischen Jahre" 1919-21, und selbst die Siegermacht Italien schien im biennio rosso – den "zwei roten Jahren" 1919/20 – an der Schwelle zu einer sozialistischen Umwälzung zu stehen. Während der Pariser Friedenskonferenz schrieb Lloyd George in einem Brief an den französischen Ministerpräsidenten Clemenceau: „The whole of Europe is filled with the spirit of revolution. There is a deep sense not only of discontent but of anger and revolution amongst the workmen against prewar conditions. The whole existing order in its political, social and economic aspects is questioned by the masses of the population from one end of Europe to the other.“ (2)
Als Ende Januar 1919 in Schottland 60-100.000 Arbeiter in den Ausstand traten, um die 40-Stunden-Woche zu erkämpfen (3), schickte die Regierung 10.000 mit Maschinengewehren und einer Haubitze ausgerüstete Truppen, unterstützt von Flugzeugen und Panzern, nach Glasgow. Englands Elite glaubte sich am Vorabend einer Revolution. Robert Munro, der Staatssekretär für Schottland, erklärte in einer Kabinettssitzung: „[I]t was a misnomer to call the situation in Glasgow a strike – it was a Bolshevist rising.“ (4) Selbst eine so unbestreitbare Autorität in Sachen Revolution wie Lenin glaubte Großbritannien in diesem Jahr einem sozialistischen Umsturz näher als etwa Frankreich. (5) Zumal es im Winter 1918/19 zu zahlreichen Meutereien in Armee und Marine gekommen war. Die einfachen Soldaten hatten genug von Kasernenmief, miserabler Versorgung und arroganten Offizieren. In erster Linie wollten sie nach Hause, und was sie auf gar keinen Fall wünschten war, gegen die Russische Revolution ins Feld geschickt zu werden. Kriegsminister Winston Churchills Traum von einer eine Millionen Mann starken Khaki-Truppe, die die Bolschewiken wie lästiges Ungeziefer ausmerzen sollte, ging nicht in Erfüllung. Angesichts dieser Revolten, an denen sich Zehntausende beteiligten, erschien es fraglich, ob sich die Regierung im Falle eines wirklichen Massenaufstands noch auf die Armee hätte verlassen können. Lloyd George bekannte gegenüber einer Gruppe führender Gewerkschaftsfunktionäre: „The Army is disaffected and cannot be relied upon. Trouble has already occurred in a number of camps. If you ... strike, then you will defeat us.“ (6)
Doch die radikale Linke war in England seit jeher in eine Unzahl kleiner sektenartiger Grüppchen zersplittert und daher unfähig, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Erst 1920/21 wurde die Kommunistische Partei gegründet. Die altgedienten Labour- und Gewerkschaftsbürokraten aber, die in diesen Jahren nicht mit radikaler Rhetorik sparten, fürchteten nichts so sehr wie eine echte Revolution und führten ihre Anhänger mehr oder weniger bewusst in die Niederlage. 
Als am "Schwarzen Freitag" 1921 die Gewerkschaften den streikenden Bergleuten ihre Unterstützung versagten und der Dreibund aus Bergleuten, Transportarbeitern (Fuhrleuten) und Eisenbahnern zerbrach, der bislang die Speerspitze der Bewegung gebildet hatte, schien auch der Kampfeswille der Arbeiterklasse gebrochen, und die Welle der Streiks begann allmählich abzuebben.

Doch damit war die Krise nicht überwunden, denn sie wurzelte letztenendes im unaufhaltsamen ökonomischen und weltpolitischen Niedergang Großbritanniens. Im 19. Jahrhundert war England als "workshop of the world" der unangefochtene Herrscher über den Weltmarkt gewesen, während seine Flotten die Meere kontrolliert und seine Armeen und Diplomaten das Empire geschaffen hatten. Doch diese Zeiten waren nun endgültig vorüber. Großbritannien ging geschwächt aus dem Weltkrieg hervor, während die USA sich anschickten, zum neuen Hegemon aufzusteigen. Der Konkurrenz der amerikanischen Industrie, die über die modernsten und effizientesten Produktionstechniken und Managementformen verfügte, waren die englischen Unternehmen mit ihren veralteten Fabriken nicht gewachsen. Die Exportzahlen sanken, die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an. Ohne die geschützten Märkte des Empires wären die Folgen noch viel dramatischer gewesen. Zugleich geriet die britische Wirtschaft in immer größere finanzielle Abhängigkeit von den Banken der Wall Street. 

Das britische Kolonialreich schien den Krieg zwar unbeschadet überstanden zu haben, und im Nahen Osten konnte London seine Macht im Zuge der Zerstückelung des Osmanischen Reiches sogar noch beträchtlich ausbauen, aber in Wahrheit zeigte das Empire in den Nachkriegsjahren immer deutlichere Zeichen des beginnenden Verfalls. Der Kampf des indischen Volkes gegen die Kolonialherren nahm seit 1919 mehr und mehr den Charakter einer revolutionären Massenbewegung an. Bauernaufstände und Arbeiterstreiks erschütterten das Raj. Auf dieser Grundlage startete die Congress-Partei Nehrus und Gandhis 1920/21 ihre berühmte "No-Cooperation" - Kampagne. Im Irak brauchte es monatelange Kämpfe, den Einsatz tausender Soldaten, Giftgas und die Bombardierung zahlloser Dörfer durch die RAF, bis man die rebellierende Bevölkerung 1920 endlich unterworfen und Marionettenkönig Faisal auf den Thron gehievt hatte. In Ägypten brach im März 1919 ein gewaltiger Volksaufstand gegen das britische Protektoratsregime aus. Ähnlich wie in Indien waren es die Arbeiter und Bauern, die der Bewegung ihre Schlagkraft verliehen, auch wenn die "offizielle" Führung – die Wafd-Partei – bürgerlich-nationalistisch war. Im Januar desselben Jahres wurde Londons Macht auch vor der eigenen Haustür herausgefordert, als das irische Parlament die Unabhängigkeit der Grünen Insel proklamierte, und die IRA ihren Guerillakrieg gegen die Besatzer aufnahm, der 1921/22 zum Verlust der ältesten Kolonie Englands führen sollte. Dabei zeigten Episoden wie die zwei Wochen des sogenannten "Sowjets von Limerick" im April 1919 (7), dass neben der nationalistischen Sinn Fein auch die Arbeiterklasse eine wichtige und potentiell revolutionäre Rolle in den irischen Kämpfen spielte.

Und auch an der "Heimatfront" erwies sich der "Schwarze Freitag" schon bald als eine Art Pyrrhussieg. Nach den Wahlen von 1923 zog Ramsay MacDonald als erster Labour-Premier in Downingstreet Nr. 10 ein, was freilich zu keinen weltbewegenden Veränderungen in der Regierungspolitik führte. Auch musste er sein Amt nach wenig mehr als einem Jahr bereits wieder an einen Tory abgeben. Dafür erlebte die gewerkschaftliche Militanz ab 1924 erneut einen mächtigen Aufschwung. Auf dem linken Flügel der Gewerkschaften bildete sich die sog. "Minority-Movement", die eng mit der Kommunistischen Partei und der Profintern (Rote Gewerkschaftsinternationale) zusammenarbeitete und ein rasches Wachstum zu verzeichnen hatte. (8) Auch einige Führer des Trades Union Congress (TUC) (9) rückten unter dem Eindruck der zunehmenden Radikalisierung der Basis deutlich nach links.

Erneut waren es die Bergleute, die im Zentrum der Kämpfe standen. Die Grubenbesitzer versuchten, die Kosten der Krise in der britischen Kohleindustrie auf den Rücken der Arbeiter abzuwälzen und forderten deutliche Lohnkürzungen und eine Verlängerung der Arbeitszeit. Da zeigte die Arbeiterbewegung am "Roten Freitag" – dem 31. Juli 1925 –, dass sie sich endgültig von der Niederlage von 1921 erholt hatte. Der Generalrat des TUC drohte damit, die Förderung und den Transport von Kohle in ganz England lahmzulegen, und die rasche Mobilisierung der Arbeiter zeigte, dass dies keine leeren Worte waren. Die Unternehmer zogen ihre Forderungen erst einmal zurück. 
Doch noch war der Kampf nicht entschieden. In den folgenden Monaten spitzte sich die Lage immer weiter zu, und in den Kohlerevieren begann man mit massenhaften Aussperrungen. Ihren dramatischen Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung mit dem Generalstreik vom 3.-12. Mai 1926. So etwas hatte es seit dem "Plug Plot" der Chartisten im Jahre 1842 nicht mehr gegeben. Der Generalrat hatte diese Kraftprobe weder gewünscht noch sich ernsthaft auf sie vorbereitet. Dafür übertraf der Enthusiasmus und Kampfeswille der Massen alle Erwartungen (oder Befürchtungen). Rund vier Millionen Männer und Frauen legten die Arbeit nieder, und in bürgerlichen Kreisen war das Gefühl weit verbreitet, man stehe am Rande eines Bürgerkriegs.
Die Regierung war bemüht, diesen Eindruck möglichst noch zu verstärken, denn Tories wie Winston Churchill sahen im Generalstreik die ideale Gelegenheit, um die Gewerkschaften ein für alle Mal zu zerschlagen. Nach dem "Roten Freitag" hatte die Regierung vorsorglich zwölf Führer der Kommunistischen Partei ins Gefängnis geworfen und alle nur erdenklichen Vorbereitungen für den großen Showdown mit der Arbeiterklasse getroffen. Diese Pläne wurden nun in die Tat umgesetzt. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, Heer und Marine in Alarmbereitschaft versetzt, Sondereinsatztruppen der Polizei und staatliche Streikbrechertrupps – die von faschistischen Elementen dominierte OMS ("Organisation for the Maintenance of Supplies") – mobilisiert. 
Die Furcht des Bürgertums, einer revolutionären Bedrohung gegenüberzustehen, war nicht unbegründet. Überall im Land kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern auf der einen, Polizisten, Soldaten und OMS-Streikbrechern auf der anderen Seite. Mancherorts übernahmen die Aktionskomitees der Streikenden die Funktion embryonaler Arbeiterräte (Sowjets) und in East Fife bildete sich eine siebenhundert Mann starke Arbeitermiliz, die sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferte – erste zaghafte Anzeichen einer "Doppelherrschaft" (10), wie wir sie aus jeder revolutionären Situation kennen. 
Der Generalrat des TUC indessen tat alles, was in seiner Macht stand, um eine weitere Radikalisierung des Massen zu unterbinden. Seine Mitglieder, zu denen auch Vertreter des sogenannten linken Flügels gehörten, beteuerten öffentlich ihre Treue zur Verfassung und sprachen dem Streik jeden politischen Inhalt ab. J. R. Cleynes von der "General and Municipal Workers Union" offenbarte die wahren Gefühle der Gewerkschaftsbürokraten, als er erklärte: „I am not in fear of the capitalist class. The only class I fear is our own." (11) Aber die Regierung blieb bei ihrem Konfrontationskurs, und schließlich beendeten die Gewerkschaftsführer hastig die Arbeitsniederlegung ohne irgendwelche ernstzunehmenden Zugeständnisse erhalten zu haben. Die von Trotzki scharf kritisierte Politik der britischen Kommunisten, die auf Order aus Moskau den linken Flügel des TUC kritiklos unterstützten, spielte für diesen Ausgang des Kampfes eine entscheidende Rolle. Staat und Unternehmertum triumphierten. 
Der britischen Arbeiterbewegung war eine der schwersten Niederlagen ihrer Geschichte beigebracht worden. Eine Reihe von Antigewerkschaftsgesetzen, die im darauffolgenden Jahr erlassen wurden, erklärten u.a. Solidaritätsstreiks wie den von 1926 für illegal.
* * *
Was all dies mit Tolkien zu tun hat? Oberflächlich betrachtet sicher nur sehr wenig. 

Von 1920 bis 1925 unterrichtete er erst als Lektor, dann als Professor für englische Sprache an der Universität Leeds. In dieser nordenglischen Industriestadt wird es ihm kaum möglich gewesen sein, die großen sozialen Konflikte dieser Jahre zu ignorieren, doch mehr lässt sich darüber nicht sagen. Wäre er zur Zeit des Generalstreiks noch dort gewesen, so hätte er Zeuge von gewaltsamen Tumulten im Stadtzentrum werden können, als aufgebrachte Arbeiter gegen Streikbrecher im öffentlichen Nahverkehr vorgingen. Doch er war bereits Anfang 1926 mit seiner Familie nach Oxford übergesiedelt, wo er die Rawlinson- und Bosworth-Professur für Angelsächsisch antrat. Damit war er zwar sicher noch stärker vom englischen Alltagsleben abgeschnitten als bisher, doch selbst Oxford bildete keine hermetisch abgeschlossene Insel der Gelehrten. Während des Generalstreiks existierte ein Streikkomitee an der Universität, über dessen Arbeit eines seiner Mitglieder – Margaret Cole – berichtet: „Some members of the Labour Club formed a University Strike Committee, which set itself three main jobs; to act as liaison between Oxford and Eccleston Square, then the headquarters of the TUC and the Labour Party, to get out strike bulletins and propaganda leaflets for the local committees, and to spread them and knowledge of the issues through the University and the nearby villages. Die Feministin und Sozialistin Cole war sicher nicht der Typ Mensch, mit dem Tolkien Umgang pflegte, aber wir dürfen davon ausgehen, dass der Generalstreik auch an ihm nicht unbemerkt vorübergegangen sein wird.

Doch wichtiger als etwaige direkte Konfrontationen mit den großen sozialen Kämpfen seiner Zeit, scheint mir der Einfluss, den die allgemeine gesellschaftliche Krise meiner Ansicht nach auf das Weltbild Tolkiens ausgeübt haben muss. Eine Frage, mit der ich mich hoffentlich in einigen künftigen Essays beschäftigen werde.



* Aus dem Refrain von William Morris' The March of the Workers.
(1) Zit. nach: Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 268.
(2) Zit. nach: Arno Mayer: Politics and Diplomacy of Peacemaking. S. 8. Vgl.: Nick Beams: The 1920s – The road to depression and fascism. In: Marxism, the October Revolution and the Historical Foundations of the Fourth International. S. 69.
(3) Zit. nach: E. H. Carr: The Bolshevik Revolution, 1917-1923. Bd. III. S. 136f. Vgl.: Nick Beams: a.a.O. S. 70.
(4) Wer Hal Duncans phantastischen Roman Vellum gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch an die Passagen über den schottischen Revolutionär John Maclean und den Blutigen Freitag (31. Januar 1919), als auf dem George Square in Glasgow die Polizei mit ungebremster Brutalität über die friedlich demonstrierenden Arbeiter herfiel.
(5) Zit. nach: 1915-1920: Red Clydeside and the shop stewards' movement
(6) Lenin äußerte sich dahingehend in einem Gespräch mit dem englischen Schriftsteller Arthur Ransome. Vgl. A. Ransome: Lenin in 1919. In: Albert Rhys Williams: Lenin – The Man and His Work. S. 168.
(7)  Zit. nach: Aneurin Bevan: In Place of Fear. S. 20. Vgl.: Dave Lamb: Mutinies.
(8) Vgl.:  D.R. O'Connor Lysaght: The story of the Limerick soviet, 1919.
(9) Vgl.: Brian Pearce (Joseph Redman): The Early Years of the CPGB & Some Past Rank-and-File Movements.
(10) Der marxistische Begriff der "Doppelherrschaft" meint die Entstehung neuer Machtorgane neben dem existierenden Staatsapparat, die sich direkt auf die aufständischen Volksmassen stützen und die Keimzelle des neuen revolutionären Regimes bilden. Das Phänomen lässt sich in allen großen Revolutionen beobachten. Die bedeutendste Ausnahme bildet in gewisser Hinsicht der Amerikanische Bürgerkrieg, was auf dessen besonderen Charakter als Fortsetzung und Vollendung der bürgerlichen Revolution von 1776 zurückzuführen ist.
(11) Der Dachverband der britischen Gewerkschaften.